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Der Erbstreit

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Textdaten
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Autor: Levin Schücking
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Titel: Der Erbstreit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17–22, S. 257–260, 286–288, 305–308, 321–324, 351–352
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[257]
Der Erbstreit.
Von Levin Schücking.

„Und wirst Du nicht für den Winter in die Stadt ziehen, lieber Onkel … es ist ja ganz unmöglich, es den Winter über in dieser Einsamkeit auszuhalten!“

Der junge Mann, der diese Worte sprach, stand mit dem Arm an einen Kaminsims gelehnt und blickte dabei auf einen schlanken Herrn mittlerer[WS 1] Größe im Alter von etwa fünfundvierzig Jahren nieder, der sich bequem in einen Lehnsessel gestreckt hatte und in die Flamme blickte, welche im Kamine flackerte und sich sehr wohlthätig in dem kleinen alterthümlich eingerichteten Salon fühlbar machte … draußen herrschte eine feuchte, kühle Nebelluft und verkündete das Nahen des Herbstes.

„Mein lieber Max,“ versetzte der Angeredete, „ich will Dir eine Antwort auf Deine Frage geben und sie mit einer moralischen Nutzanwendung für Dich begleiten, wenn Du mir noch eine von den Cigarren giebst, welche Du rauchst und welche so viel besser sind, als die Deines Onkels …“

„In der That,“ versetzte lächelnd der Neffe, „Du hast eben nicht das Glück, einen Onkel zu besitzen, der so freigebig für Deine Bedürfnisse sorgt, wie ich, und mußt deshalb schlechtere Cigarren rauchen – recht schlechte, nebenbei gesagt – hier ist mein Etui!“

Der Onkel wählte sich eine der Cigarren aus, worauf sein Neffe ihm Feuer darreichte, und dann sagte er mit einem leichten Seufzer: „Sieh, Max, das Leben ist eine lange und schmerzliche Uebung im Verzichten. Ein großes fortgesetztes Entbehren von guten Cigarren und von höheren Glücksgütern, das ist es, was uns die große Welt täglich, stündlich empfinden läßt. Sie zeigt uns unaufhörlich die ganze Fülle der Dinge, denen wir entsagen müssen. Also, was kann man Klügeres thun, als aus der großen Welt fortbleiben? Sich abwenden von dem, was uns einen Stachel in die Seele drückt, weil wir uns dabei sagen: Das Alles, Alles ist nicht für dich! Und deshalb habe ich mich entschlossen, der Welt den Rücken zuzuwenden und sie zu vergessen. Ich werde den Winter hindurch in dieser Einsamkeit bleiben.“

„Ich finde Deine moralische Nutzanwendung nicht ganz moralisch, lieber Onkel, und noch weniger philosophisch. Die große Welt kann nichts haben, was stachelnde Wünsche in einem Manne wie Du hervorriefe, und irdische Güter können unmöglich das Gefühl eines schmerzlichen Entbehrens in Dir erregen!“

„Es ist sehr hübsch, wie Du mir den Text liesest, Max,“ erwiderte lächelnd der Onkel. „Ich habe es immer gesagt, wenn wir Aelteren nichts taugen, so kommt es nur daher, weil unsere jungen Leute uns nicht gut erzogen haben! Und Du, Max, wenn Du Dich um die Erziehung Deines Onkels ein wenig mehr gekümmert hättest, würdest schon längst wahrgenommen haben, daß bei ihm von Philosophie gar nicht zu reden, daß bei ihm ein höchst bedauerlicher Mangel daran zu beklagen ist.“

„In der That, Onkelchen … ist das Dein Ernst?“ versetzte Max lachend. „Nun, Du siehst mich bereit, alles Mögliche zu thun, um Dich in philosophischem Entsagen auf alle Arten von Lebensgenüssen zu stärken … ich werde Dein Theil davon auf mich nehmen und gewissenhaft mit dem meinigen ausschöpfen!“

„Und unterdeß, glaubst Du, werde das Entbehren hier in der Einsamkeit mich zum Philosophen machen? Ach, Ihr junges Volk, wie wenig wißt Ihr davon, wie es uns Aelteren eigentlich um’s Herz ist! Philosophie! Ihr, Ihr habt gut Philosophen sein! So lange man jung ist, so lange man in dem Traume befangen, was wir entbehren, ersehnen, wonach unser ganzes Sein strebt, das Alles werde uns das Leben in der nächsten Zukunft schon ganz pflichtschuldig bringen, da ist es leicht zu harren, sich zu gedulden. Wenn wir aber, wie ich, so ein Jahrzehnt nach dem andern in die Zukunft hinein geharrt und uns in’s Alter hineingeträumt haben – da kommt plötzlich eine Stunde, wo die Geduld ein Ende erreicht. Geht denn dieser Vorhang nie auf, sagen wir uns, vor dem wir so lange saßen und auf dessen Aufrollen wir sehnsuchtsvoll warteten, als ob dahinter eine Fülle glänzenden Glücks verborgen sei? Wann beginnt endlich das Stück Leben, in dem wir eine glänzende Rolle spielen sollen, wie uns das ja schon an der Wiege gesungen ist, wie es unsere Träume ausmalten, unsere Aspirationen uns gewährleisteten? In der That, der Vorhang geht nicht auf, nie; das Stück spielt nicht; die Censur des Schicksals hat es gestrichen! – Sieh, Max, das ist ein sehr unangenehmer Augenblick im Leben, wo wir uns das sagen, wo wir uns nicht mehr verhehlen können, daß wir die Stunden, in denen wir dem Leben hätten abgewinnen können, was es allenfalls noch bietet, in einsam pinselhaftem Hoffen und Sehnen und Warten auf viel höheres, unendlich idealeres Glück verloren haben … und bei dieser unangenehmen Entdeckung mögen viele wohlgeschulte und achtungswerthe Seelen sich den Trost der Philosophie gefallen lassen; sie mögen mit einem alten Autor, etwa mit Boëthius de consolatione philosophiae zu Bett gehen und sich in den Schlaf lesen. Aber es giebt auch Seelen, die anders fühlen und für die ein alter Autor mit allem seinem Troste – ein alter Tröster ist, den sie ingrimmig in die Ecke schleudern, verzweifelnd mit Faust ausrufend:

Und Fluch vor allem der Geduld!“

[258] „Und zu diesen Seelen gehörst Du, Onkel?“ fragte Max ein wenig erstaunt.

„Stellenweise!“ versetzte der Onkel trocken, die Asche seiner Cigarre in den Kamin schleudernd.

„Aber dann,“ fuhr Max nach einer Pause, in welcher er vergebens erwartet hatte, daß sein Onkel das Gespräch fortsetzen werde, fort – „dann begreife ich nicht, weshalb Du Dich hier in die Einsamkeit einsperrst und nicht lieber in die Welt zurückkehrst, wo Dir doch so mancher Genuß noch zu Gebote steht …“

„Noch!“ fiel der Onkel bitter lächelnd ein … „Du bist sehr gütig, mich noch nicht völlig zu den der Welt abgestorbenen Greisen zu rechnen! Aber was soll ich in der Welt? Ich gehöre nicht zu ihr. Ich bin ein Bücherwurm. Bei meinen Büchern muß ich bleiben. Ich möchte reisen; – ich bin nicht reich genug dazu. Also was kann ich Besseres thun als zu Hause bleiben und arbeiten? Hätt’ ich Haus Markholm bekommen, so wäre Alles anders!“

„Ja, Markholm!“ sagte der Neffe mit einem Seufzer. „Wäre dies unglückliche Verhältniß nicht, so hättest Du hier, wenn auch die Güter uns verloren sind, doch wenigstens den Verkehr mit Morgenfelds, doch wenigstens ein befreundetes Haus!“

„Wovon jetzt freilich nicht die Rede sein kann,“ sagte der Onkel – „ich werde nie ihre Schwelle betreten, nie dulden, daß sie über die meine kommen!“

„Morgenfeld soll ein sehr unterrichteter Mann, eine gewinnende Persönlichkeit sein … die Tochter sehr gebildet –“

„Ich weiß nur, daß er durch Unrecht besitzt, was mein gehört, und ich hasse ihn,“ versetzte der Onkel hart. „Ich hasse ihn nicht, weil sein Unrecht ihn reich und mich arm machte, sondern weil er den alten angestammten, von den Vätern uns bestimmten und gewährleisteten Besitz uns vorenthält und weil er in fremde Hände bringen wird, was unserm Geschlechte gehört, so lange es auf Erden besteht!“

Max stieß einen leichten Seufzer aus; ihm war das, was am Herzen seines Onkels nagte, nicht just der Hauptkummer, und ererbte oder neue Güter, vorausgesetzt, daß sie sein gewesen, waren ihm ziemlich gleich viel werth; aber sie waren eben nicht sein, oder vielmehr nicht die seines Onkels, dessen Erbe er war, und das war eben die Seite der Sache, welche ihm einen Seufzer erpreßte.

Er warf dann einen Blick durch’s Fenster in den Garten hinaus und sagte: „Die Sonne dringt durch die Nebel … ich will meinen Morgenspaziergang zu den Dohnen machen und auch meine Flinte mitnehmen … vielleicht liefere ich Dir etwas in die Küche.“

„Vorausgesetzt, daß sich ein Hase in den Garten des Pfarrers verirrt,“ antwortete der Onkel lächelnd.

„O nein,“ fiel Max ein wenig erröthend ein, „die Frau Pfarrerin hat mir erklärt, es sei große Wäsche bei ihr heut und da könne man mich nicht gebrauchen …“

„Das bedauere ich,“ versetzte der Onkel, „denn ich wollte Dich bitten, mir das Buch zurückzuholen, welches Du Fräulein Elisabeth geliehen hast und das sie schwerlich gelesen hat.“

„O, da irrst Du, Onkel,“ erwiderte Max sehr lebhaft; „wenn Du sie kenntest, würdest Du Dich überzeugen, wie gründlich gebildet sie ist und wie dies Werk ganz und gar nicht über ihren Horizont hinausliegt, sondern im Gegentheil ihr tiefes Interesse einflößt.“

Der Onkel zuckte die Achseln.

„Wirklich?“ sagte er. „Nun, Du mußt es wissen … Fräulein Elisabeth ist dann ein Phönix und stößt mit ihrem Interesse die ganze Erfahrung Deines Onkels um, daß die Weiber wissenschaftliche Interessen immer nur affectiren … ein wahres Interesse nehmen sie nur an möglichst gedankenlosen und breitgetretenen Romanen, und auch das nur, um sich mit ihren eigenen Liebeleien darin wieder zu finden …“

„O ketzerischer Onkel!“ rief hier Max lachend aus.

„Nun, vielleicht wirst Du auch hierin meine Erziehung vollenden und meine Vorstellungen berichtigen,“ sagte der Onkel gutmüthig. „Unterdeß will ich an meine Arbeit gehen und wünsche Dir Waidmanns Heil, wenn Du jagen willst, ohne große Hoffnungen für die Küche darauf zu setzen; ein hübscher junger Mann mit blonden Locken und blühenden Wangen und Deiner griechischen Nase hat nicht immer Glück – bei den Hasen!“

Er stand auf und ging in sein anstoßendes Arbeitszimmer, während der Neffe den Salon verließ, um sich für seine Jagdstreiferei zu rüsten.

Eugen von Markholm setzte sich an seinen Arbeitstisch und nahm die Feder auf, um an dem Manuscripte weiter zu arbeiten, das vor ihm lag. Aber die Arbeit schien ihm schwer zu werden. Er warf mehrmals die Feder fort und blickte nachdenklich in den grünen Wipfel der Linde, welche vor seinem Fenster stand.

„Es ist merkwürdig,“ sagte er nach einer Weile leis für sich hin, „wie schwer es ist, zu denken! Ich will denken, um schreiben zu können, und ehe wenig Augenblicke vergehen, sitz’ ich in Träumereien verloren. Wie viel Menschen mögen immer nur träumen, wenn sie zu denken glauben!“

Was war der Gegenstand seiner Träumereien? Brütete er über dem Verhältniß, von welchem er zuletzt mit seinem Neffen gesprochen, über den Verlust der Güter, an denen seine Seele hing, nicht weil er irdischen Besitz höher schätzte, als er verdient, sondern weil in ihm ein stark ausgebildeter Familiensinn lag, weil er einsam in der Welt stand und sich einsam fühlte und weil ein Gefühl in ihm lag, als werde sein Entbehren von Weib und Kind einen Ersatz finden, wenn er Herr in den Räumen sei, wo seine Väter von Weib und Kind umringt an ihrem häuslichen Heerd gesessen und wo er von den Erinnerungen an ihr Familienleben umgeben sei? Vielleicht ist damit sein Gefühl zu klar und bestimmt ausgesprochen; es war vielleicht nicht gerade das, was er fühlte; es war eben nur das Gefühl eines großen Mangels in seiner Existenz und der Wahn, mit dem rückgegebenen Erbe werde ihm ergänzt sein, was ihm fehlte.

Er hatte den Kopf auf den Arm gestützt und die Arbeit von sich geschoben.

„Ich kann heute nicht schreiben,“ sagte er sich nach einer Weile – „der Verleger muß warten. Ich kümmere mich nicht das Mindeste darum, was meine Helden machen, denken und sagen … wenn das so fort geht, werde ich endlich gar nicht mehr schreiben können: je mehr wir das Leben kennen lernen, je reifer unser Urtheil wird, je ausgebildeter unsere Kraft der Darstellung – desto mehr verlieren wir die liebenswürdige Jugendfreude an den Menschen und den Dingen, die uns dazu treibt, sie darzustellen. Liegt im künstlerischen Gestalten eine Freude? Andere mögen es so empfinden. Sie sind dann glücklich. Es gehört das Gefühl von Glück dazu, um schaffen zu können! Ach, schöne Jugendzeit! Wie alt ich werde!“

Er stand auf, nahm den kleinen grauen Hut und seine Handschuhe und schritt in den Salon zurück, aus dem eine Glasthüre über einige Stufen in den großen Garten führte. Es war ein kleines in Ziegelbau aufgeführtes Haus, fast nur ein Pavillon zu nennen, das er bewohnte; es hatte ehemals zum Gute Markholm gehört, war von Beamten des Gutsherrn bewohnt worden, hatte auch wohl als Wittwensitz der Familie gedient. Mit einem kleinen Areal dazu gehörender Ländereien, einem Gehölz und ein paar Wiesen war es vor langer Zeit schon veräußert worden und durch mehrere Hände gegangen, bis es im vorigen Jahre abermals zum Verkaufe ausgesetzt worden. Als einen ehemaligen Besitz seiner Familie hatte Markholm es mit seinen Ersparnissen an sich gekauft und sich seit einem Vierteljahre darin eingerichtet. Der kleine Besitz, der in hübscher, waldreicher, hügeliger Gegend lag, machte ihm Freude. Er wollte für immer da wohnen bleiben und nur zuweilen auf Reisen die Welt wiedersehen und in ihr verkehren. Seine einzige Gesellschaft bildete jetzt sein Neffe, seines verstorbenen Bruders Sohn, der auf einer deutschen Universität Medicin studirte, auf des Onkels Kosten; er brachte jetzt die Ferien bei diesem zu.

Markholm wanderte zwischen den mit Buxbaum eingefaßten Beeten seines Gartens hinab, mit dem ihm eigenthümlichen lässigen fast schwankenden Schritt, einem Schritt, den man, wenn Markholm tief in Gedanken versunken war, für den Schritt eines eben von einer Krankheit Genesenden halten konnte, bis man ihn, von einer neuen Gedankenreihe erfaßt, plötzlich kräftig auftreten und in energischer Raschheit weiter schreiten sah. Seine Gestalt war ein wenig vorgebeugt, was ihn kleiner erscheinen ließ, als er war; seine Züge von merkwürdiger Feinheit, von fortwährendem innern Gedankenleben ausgeprägt; als sie noch voll und jugendlich frisch waren, als das Leben und die Arbeit ihnen diese Schärfe noch nicht gegeben, mußten diese regelmäßig gezeichneten Züge auffallend schön [259] gewesen sein. Die ganze Gestalt, wenn sie sich aufrichtete, hatte bei allem Zarten und Feinen des Baues etwas von nachhaltiger und elastischer Kraft.

Er war an’s Ende seines Gartens gekommen; die warme heitre Luft, welche die vollen Sonnenstrahlen gebracht, die jetzt längst allen Nebel verflüchtigt hatten, lockte ihn weiter, durch das verwilderte Bosquetgehölz, dann den Gang unter Erlen und Eschen hinunter, der zwischen zwei Wiesenflächen lag und in ein größeres Gehölz führte. Er ging bis an’s Ende der Allee, die durch dies Gehölz geschlagen war, und hier blieb er stehen und lehnte sich auf den niedrigen Schlagbaum, der die Grenze seines Besitzes bildete. Er blickte auf eine von Gebüsch umgebene Ackerfläche hinaus, hinter welcher sich ein größerer, von mächtigen Eichen und Unterholz gebildeter Wald erhob, der schon zu dem Gute Markholm gehörte.

Er erwartete hier irgendwo Max auftauchen zu sehen, dessen Dohnen in diesem Gehölze aufgestellt waren und der sich hier auf seiner Jagdstreiferei umtreiben mußte. In der That vernahm er nach einer Weile einen Schuß aus dem größeren Walde herüber … der junge Waidmann mußte da seine nicht immer von Glück gekrönten Schießübungen anstellen, ein Förster aus der Nachbarschaft hatte ihm die Jagdbefugniß gegeben – aber Max erschien nicht, von keiner Seite tauchte seine hohe schlanke Gestalt mit dem grünen Hut und dem Gemsbart daran auf; Markholm wollte bereits sich wenden, um hinein zu schlendern, als ihn eine Erscheinung fesselte, welche etwas sehr Auffallendes in dieser Umgebung hatte.

Von rechts her, aus einem Holzwege, der auf das Ackerfeld führte, kam langsam eine Dame geschritten; sie ging, die Augen vor sich auf den Boden gerichtet, an dem Gehölze entlang, an dessen Ende Markholm stand, so daß sie sich ihm näherte; sie war ziemlich groß und eine volle Gestalt, in einfacher, sehr bescheidener Kleidung, in einem dunklen Kleid mit einem Jäckchen von schwarzem Stoff … ohne Hut und ohne Handschuhe und ohne Sonnenschirm … statt dessen trug sie einen Stock mit einem Berghammer am Ende desselben in der Hand. Als sie näher kam und Markholm ihr Gesicht genauer unterscheiden konnte, blickte er in höchst anziehende Züge – große blaue schwimmende Augen, eine lange, feine, ein wenig gebogene Nase und ein kleiner reizender Mund mit kirschrothen Lippen, die Stirn hoch, auffallend und stark entwickelt, der Teint zart und weiß; das Ganze vielleicht etwas zu scharf, zu durchgearbeitet, um völlig schön zu sein, aber eigenthümlich gewinnend, durch und durch geistig bedeutend und fesselnd durch seinen Ausdruck.

Sie kam Markholm sehr nahe, ohne ihn zu gewahren. Dieser hatte volle Muße ihre Erscheinung in sich aufzunehmen und dabei zu sich zu sagen: „Ohne Zweifel meines Neffen Flamme aus dem Pfarrhaus … es scheint, die jungen Leute sind schon sehr im Einverständniß; sie schweift auf den Feldern umher, wo er durch unnütze Schüsse das Wild beunruhigt, was er jagen nennt! Sie treibt da mineralogische Studien? … Wirklich … sie nimmt einen Stein auf und zerschlägt ihn mit ihrem Berghammer! … Also das ist seine ‚gebildete‘ Elisabeth! Wahrhaftig hübsch und anziehend genug!“

Das junge Mädchen hatte die Stücke des Steins, den sie zerklopft und genauer beschaut, wieder fortgeworfen; als sie dann sich aufrichtete und weiter schritt, nahm sie plötzlich Markholm wahr.

Als sie ihn erblickte, blieb sie, ihm schon dicht gegenüber an der andern Seite des Schlagbaums, stehen und maß ihn mit einem etwas verwunderten Blick, ohne irgend ein Zeichen von Erschrecken zu verrathen; sie sah ihm ruhig ins Gesicht, wie erwartend, daß er sie anreden würde.

„Suchen Sie Gold im Quarz, oder Amethystdrusen auf diesen Feldern, Fräulein?“ fragte er mit einem etwas spöttisch lautenden Tone.

„Nein“, sagte sie ruhig; „aber ich suche!“

„Suchen … was ?

Sie fixirte ihn mit ihren großen Augen in einer ganz eigenthümlichen Weise.

„Suchen Sie nicht auch?“ sagte sie dann … „oder sind Sie nicht Eugen Markholm ?“ setzte sie dann mit ein wenig unsicherer Stimme hinzu.

„Der bin ich,“ sagte er lachend: „und Sie haben Recht, ich suche auch … aber keine Steine auf unsern Ackerfeldern.“

Sie zog ein paar ziemlich schwere Steine aus der Tasche ihres Kleides hervor und legte sie, wie um sich zeitweise von der Last zu befreien, seitwärts auf den Schlagbaum, dann stützte sie sich auf diesen und sagte:

„Dann haben Sie die Worte nicht verstanden: ‚Auch die Steine werden reden.‘“

Markholm schüttelte mit dem Kopfe.

„Die Steine werden reden, wie die Felsen, die Alpen, die Meere, wie die große Harmonie, die durch alle Schöpfung tönt – der Stein dort aber, der eckige Kiesel, den Sie trotz seines Pfundgewichtes mit sich einhergetragen haben, wird schwerlich jemals reden – wenigstens nichts, was mich interessirt!“

„Es ist kein Kiesel, sondern ein hier selten vorkommendes Mineral. Ich sehe freilich, daß Sie nichts davon verstehen.“

„Diese ‚gebildete‘ Elisabeth ist der richtige Blaustrumpf!“ sagte sich Markholm, während er sich selbst gestehen mußte, daß die ganze Erscheinung ihn eigenthümlich berührte, Laut antwortete er:

„Es ist so viel zu suchen und zu finden in der lebendigen Schöpfung, daß die todte diejenigen nicht anziehen kann, welche einmal in jener zu suchen begonnen haben.“

„Das ist wahr,“ versetzte das junge Mädchen nachdenklich; „dafür ist aber in jener lebenden so viel geforscht, daß sie uns wenig Enthüllungen mehr geben kann, während man die todte erst jetzt recht zu durchforschen beginnt und nun täglich die wunderbarsten Entdeckungen macht.“

„Es mag sein, daß man große Aufschlüsse, ungeahnte Erfolge erreicht auf dem neuen Wege des Forschens,“ erwiderte Markholm. „Die schärfsten Geister haben sich in diese Bahnen geworfen und dadurch der Zeit ihre Signatur gegeben. Alle Kräfte wenden sich der Durchforschung der Natur zu; das öffentliche Interesse, möchte man fast sagen, blickt nur noch nach dieser Richtung. Aber es ist das eine Strömung, die in ihrer Ausschließlichkeit keine Dauer hat. Wie in wunderbarer Prophetie hat Goethe schon diese Richtung der Gegenwart und – auch ihr Ende vorhergesehen und charakterisirt … im Faust, ganz im Anfang des Werks:

‚Wie Alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem Andern wirkt und lebt,
Wie Himmelskräfte auf und niedersteigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Mit segendustenden Schwingen
Harmonisch all’ das All durchklingen!‘

Ist das nicht ganz dasselbe, was unsere heutige Naturforschung triumphirend ausruft?“

„So ungefähr! Und dann?“

„Dann folgt sehr bald eine trübe Enttäuschung! Unmittelbar darauf! Faust ruft aus:

‚Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!
Wo faß ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste wo, ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt –
Ihr quillt, ihr tränkt, und schmacht’ ich so vergebens?‘

Ja, vergebens! Der Naturgeist, den er sich heraufbeschworen, stößt ihn grausam zurück ‚in’s ungewisse Menschenloos‘; das Dämonische der Natur überwältigt ihn, es läßt ihn kraftlos, fassungslos zusammen sinken, bis er die verhängnißvolle Phiole ergreift, bei der ihm die einzige Rettung zu bleiben scheint, und als er den Rand der tödtlichen Schale schon an den Lippen hat – was giebt ihm das Leben wieder? Etwas aus einer ganz anderen Welt, Klänge aus einer Sphäre, die weit hinaus liegt über allem dem, worin er die Quelle der Erkenntniß und das Heil gesucht!“

„Sie haben den Faust gut auswendig gelernt,“ sagte die Dame nachdenklich und fast nur, wie um etwas auf dies Alles zu sagen.

„Sind Sie nicht meiner Meinung,“ fuhr Markholm sehr rasch und mit einem Zucken der Mundwinkel, in dem etwas Satirisches lag, fort – „daß Faust hier typisch ist für die Richtung, welche heute die Forschung angenommen hat, indem sie ungläubig, sich emancipirend von den Dogmen einer Zeit, die lang in ein enges dumpfes Mauerloch gebannt saß, jetzt plötzlich rastlos [260] mit Hebeln und mit Schrauben der Natur abzuzwacken strebt, was sie ‚deinem Geist nicht offenbaren mag‘? Und glauben Sie, daß das Ende ein anderes sein wird als eine große verhängnißvolle Enttäuschung? Alles Durchforschen der Natur langt immer wieder an Puncten an, wo nicht allein die Schranke des Forschens ist, nein, wo der Forscher sich gehöhnt sieht, wo die Natur ihm wie eine Sphinx boshaft zuzurufen scheint: stürz’ dich in den Abgrund, meine Räthsel lösest du doch nicht!“

Als Markholm damit geendet hatte, schwebte wieder, und stärker als vorher, jenes satirische Lächeln um seinen Mund.

Die junge Dame beobachtete es; sie sah ihn scharf an – dann sagte sie:

„Das ist sehr geistreich und gescheidt, Alles, was Sie da sagen – aber haben Sie es nicht gesagt, um –“

„Nun?“

„Um ein armes Frauenzimmer, das Ihnen zu gelehrt vorkommt, ein wenig mit Gedanken zu überströmen und zu sehen, wie sie in dem Sturzbad zappelt und dann gedemüthigt es aufgiebt, sich darin zurecht zu finden!“

„Ich hätte beabsichtigt Sie zu demüthigen?!“ rief Markholm ein wenig betroffen und vielleicht nicht ganz ohne Schuldbewußtsein aus.

„Nun, vertheidigen Sie sich nicht so laut dagegen!“

„Wenn mir aber daran gelegen ist, von Ihnen nicht falsch beschuldigt zu werden, soll ich mich dann nicht vertheidigen?“ sagte Markholm.

Die Dame schien wieder nach Spuren der Ironie in seinen Zügen zu forschen; dann sagte sie:

„Die Männer moquiren sich so gern über ein Mädchen oder eine Frau, die, wenn auch nur aus Thätigkeitstrieb, den Kreis ihrer Bildung in eine Sphäre ausdehnen möchte, welche die Männer als ihre ausschließliche Domäne betrachten. Mineralogie, glaub ich, gehört zu diesen Domänen?“

„Mineralogie wird dazu gehören – allerdings! Das Sammeln dieser garstigen Steine macht die Hände schmutzig.“

„Sehen Sie, Sie spotten wieder!“

„Ich spotte wahrhaftig nicht. Und was ich eben sagte, war mein voller Ernst; ich wollte Sie – um es ehrlich zu gestehen – ein wenig bekehren von einem kleinen Gelehrtenstolze auf Ihre naturwissenschaftliche Richtung.“

„Wenn Sie die Natur nicht interessirt, wie können Sie dann die Einsamkeit, in der Sie doch so ganz an die Natur gewiesen sind, aushalten?“ fragte das junge Mädchen, ihn fortwährend forschend ansehend.

„Wer sagt Ihnen, daß ich die Natur nicht liebe? Ich forsche nur nicht in ihr: ich überlasse es der Welt, mir von selbst entgegenzutragen, was man wichtiges Neues entdeckt und erforscht – ich suche nicht selbst!“

„Und befriedigt das Sie?“

„Vollständig! Man muß nicht Alles wissen, Alles umfassen wollen – man muß auch geistig kein Völler und Schwelger sein, indem man Alles wissen, Alles in sich aufnehmen will. Man muß, wenn der Geist mit voller Kraft und blühender Gesundheit sich auf seine Arbeit concentriren und Tüchtiges darin leisten soll, ihn bei weiser Diät halten.“

„Es ist wahr,“ sagte die Dame, den Redenden sehr nachdenklich anschauend – „man darf aber auch kein geistiger Gourmand sein.“

„Wie verstehen Sie das?“ fragte Markholm, ein wenig betroffen.

„Man darf nicht blos mit dem, was uns frappirt, was pikant ist, was man als den Rahm oben abschöpft, seinen Geist nähren, weil man ihn dann verweichlicht.“

Markholm sah sie groß an. Es lag Etwas in diesen Worten, was ihn wie ein Vorwurf traf.

„Aber nun muß ich gehen,“ sagte die Dame. „Leben Sie wohl!“

„Und die Steine?“ erinnerte Markholm.

„Ich vergesse sie nicht; ich werde sie morgen holen – sie sind mir zu schwer heute, denn ich habe noch mehr in der Tasche.“

„So will ich sie mit mir nehmen und Ihnen senden, Fräulein!“

„Ich will Ihnen die Mühe nicht machen; lassen Sie sie nur hier, ich hole sie mir morgen selber!“

Sie sagte das mit einer Bestimmtheit, daß Markholm nicht weiter seine Dienste anbieten konnte; sie nickte ihm ernst einen Gruß und ging.

Markholm verbeugte sich; die Dame setzte ganz wie vorher ihr suchende Wanderung fort und verschwand am Ende des Ackerfeldes auf einem Fußwege, der in den Wald führte.

Markholm sah ihr lange gedankenvoll nach.

„Merkwürdig,“ sagte er sich dann – „ein merkwürdiges Geschöpf! Diese Ruhe, womit sie dich ansieht, als ob sie in deiner Seele lesen wolle, und dir Dinge sagt, als ob sie noch viel mehr sagen könne! Und dabei des leichtsinnigen, flotten Max Flamme – Seltsam … die mit ihrem Ernst und ihren strengen Gedanken, und der Windbeutel mit seiner sorgenlosen Heiterkeit … wie hat sich das gefunden!“

Er wandte sich und kehrte heim. Er wollte jetzt die abgebrochene Arbeit wieder aufnehmen, aber die Arbeit gelang ihm weniger noch als vorher. Als Max endlich in sein Studirzimmer trat und ihm meldete, daß das Mittagsmahl aufgetragen sei, sagte er: „Treibt Deine Elisabeth Mineralogie?“

„Ach ja – Unsinn!“ versetzte Max … „der Alte ist auf alle möglichen unnützen Kiesel und Steine versessen, und sie sucht ihm deren zuweilen.“

„So? … sie scheint ein Blaustrumpf!“

„Hast Du sie denn gesehen, gesprochen?“

„Nun ja – hat sie Dir denn das nicht schon erzählt – sie war doch auf dem Wege zu Dir, in den Wald hinein, den Du mit Deinen Schüssen unsicher machtest!“

„In der That?“ rief Max lebhaft und mit dem Tone des Verdrusses aus – „auf dem Wege in den Wald begegnete sie Dir? Und ich Esel mußte gerade heute den Einfall bekommen, Hasen draußen auf der Haide zu suchen!“

„Deren Du doch nicht einen einzigen fandest!“

„Da irrst Du sehr, mein theurer Onkel – ich fand ihrer drei – aber sie liefen mir quer über den Weg, und weil das Unglück bedeutet, zog ich vor nicht darauf zu schießen, um nicht unnütz mein Pulver zu verlieren.“

„Das war sehr weise gehandelt!“ lachte der Onkel. „Und nun komm’ zu Tisch!“

[286] Am Abende, als Max von einem abermaligen Ausfluge heimkam, sagte er:

„Elisabeth will nicht eingestehen, daß sie im Walde gewesen sei, am allerwenigsten Deine Auslegung gelten lassen, daß sie mich dort habe finden wollen.“

„Wie könnte sie Dir das auch gestehen, jetzt, wo Du das Verbrechen begangen hast – nicht dagewesen zu sein,“ versetzte Markholm lächelnd. „Weshalb bist Du so ungeschickt, es nicht voraus zu wissen, wenn solch eine Dame den Einfall bekommt, in den Wald zu gehen?“

„Ach, so ist Elisabeth sonst nicht! Hat sie Dir den Eindruck eines capriciösen Wesens gemacht?“

„Nein, nicht gerade … im Gegentheil, sie sieht sehr offen und aufrichtig aus ihren großen blauen Augen.“

„Und diese großen gedankenvollen blauen Augen sind prächtig, nicht wahr, Onkel?“

„Sie sind eigenthümlich sprechend, in der That!“

„Hast Du nicht ihr merkwürdig reiches blondes Haar bewundert?“

„Ihr blondes Haar – ja, sie hat blondes Haar!“

„Und so schön und reich!“ fuhr der Neffe fort. „Und hast Du je Züge gesehen, Onkel, aus denen mehr Sinnigkeit und weiches Gemüth spricht?“

„Nun,“ versetzte der Onkel skeptisch, „es ist immer ein wenig gefährlich, in den Zügen eines Menschen und namentlich denen eines jungen Mädchens lesen zu wollen. Das ABC dieser Schrift ist nicht recht festgestellt.“

„Es giebt aber doch Züge, die so unverkennbar und deutlich den Charakter aussprechen …“

„Mag sein, daß sie ihn aussprechen; aber es ist ein verzweifelt gewagter Schluß, daß nun auch der Charakter wirklich da sei. Wer weiß, woher der Ausdruck stammt! Vielleicht hat Deine Elisabeth ihre Züge von einer sehr sinnigen Großmutter geerbt, die ihrer Enkelin wohl ihr Gesicht, aber durchaus nicht ihren Charakter hinterließ. Man hat solche Fälle!“

„Es thut mir leid, daß Elisabeth so wenig Deine Eroberung gemacht hat. Aber ich vergaß, daß Du ein Junggesell und also auch ein Verächter der Frauen bist!“

„Ein Verächter der Frauen? Das ist ein verkehrter Ausdruck. Man soll keine Kategorie von Wesen, die der liebe Gott nun einmal geschaffen hat, wie sie sind, verachten! Lange Haare und kurze Sinne hat der liebe Gott ihnen nun einmal gegeben – was können sie daran ändern?“

„Es ist wahrhaftig schade, daß Du in dem Punkte solch ein Philister bist, lieber Onkel; nimm mir‘s nicht übel. Wenn Du eine recht tüchtige gescheidte Frau gewählt hättest, würdest Du anders über sie denken.“

„Nun, um Dir‘s zu gestehen, lieber Max, ich war nicht immer solch ein Philister. Es gab eine Zeit, wo ich alle möglichen idealen Dinge in den Frauen erblickte – in jeder weißen Hand den Strauß ‚himmlischer Rosen‘ sah, bereit, sie einem ehrlichen Manne in sein ‚irdisches Leben’ zu flechten. Ich warb auch um einen solchen Strauß und eine solche Hand. Ich wollte keine Haushälterin, keine Frau für die Küche und Wäschekammer, ich suchte ein feingebildetes, mit Verständniß für meine geistigen Beschäftigungen begabtes Wesen. Ich fand es … sie war reizend, schelmisch, vielumworben, verwöhnt, und was ihre Bildung angeht, so schrieb sie schöne Stellen aus englischen und französischen Romanen aus und machte die geschmackvollste Toilette. Ich hing mein ganzes tiefes, leidenschaftliches Herz an sie, ich betete sie an ..“

„Und sie?“

„Sie betete mich wieder an – sie ließ es mich durch die bezauberndsten Koketterien erkennen, sie schrieb mir die entzückendsten irisduftenden Billets. Aber auf meine ehrlichen Bewerbungen – als diese dringender wurden, erwiderte sie, daß ihr Charakter zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt sei, als daß sie ihre Freiheit dahin geben könne, und daß sie zu viele Bedürfnisse habe, um einen armen Mann, der nur von seiner Feder lebe, zu heirathen.“

„Abscheulich!“

„Weshalb? Sie war ein Frauenzimmer und handelte in ihrer Weise ganz folgerichtig. Und meine grammatikalische Bildung wäre ja auch nicht vollendet worden, wenn ich nicht gelernt hätte, was eine Kokette bedeutet. Das Lehrgeld war freilich etwas schwer: eine gefährliche langwöchentliche Krankheit! Aber ich machte nie wieder den Versuch, für den Nipptisch meines Lebens mir solch eine zierliche Porzellanfigur zu gewinnen – Anderes würde sie nie geworden sein!“

„Und in Deinen Romanen schilderst Du doch die Frauen so ganz anders, daß man glauben sollte, Du stelltest sie himmelhoch …“

„Das ist natürlich … der Mensch muß Etwas lieben. Ich flechte meinen erdichteten Frauen die Perlen ins Haar, welche ich an die wirklichen fortzuwerfen gewarnt bin!“

„Ich möchte fast behaupten, Du kennst die Frauen gar nicht!“

„Desto besser für mich, mein Sohn!“ brach Markholm das Gespräch ab, indem er sich in seinen Sessel vor dem Kaminfeuer warf, um mit untergeschlagenen Armen in die Flamme zu blicken und lange Zeit in Träumereien zu verfallen. –

Als Markholm am andern Morgen an seiner Arbeit saß und die Zeit heranrückte, in welcher er gestern seinen Spaziergang gemacht hatte, blickte er lange wie sinnend den Zeiger der kleinen Standuhr an, die ihm gegenüber neben einem großen Blumenstrauße auf dem Tische stand. Er sah, wie der Zeiger allmählich derselben Stunde zurückte; dann nahm er die Feder wieder auf und schrieb ein paar Worte, und darauf warf er sie nieder und stieß etwas wie einen leisen Ruf des Unwillens aus.

„Ich weiß in der That nicht,“ sagte er sich, „was mich nun schon den ganzen Morgen über der Frage brüten läßt: wird sie kommen und ihre Steine holen oder nicht? Es ist wahrhaftig nicht wichtig genug, daß es mir alte meine Gedanken abzuschneiden braucht!“

„Hinausgehen werd’ ich aber doch müssen,“ sagte er dann plötzlich aufstehend; „ich will sehen, ob sie kommt, und noch einmal ein Gespräch mit ihr suchen. Es ist mir doch nicht einerlei, weß Geistes Kind sie ist, wenn mein Neffe ein ernstliches Verhältniß mit ihr begonnen hat und er daran denkt, sie zu heirathen, eine Idee, die ziemlich fest von seinem blonden Kindskopf Besitz genommen zu haben scheint, vorausgesetzt, daß sie ihn nimmt, was mir nicht ganz als wahrscheinlich vorkommt – sie scheint doch geistig zu bedeutend für ihn und ist auch zu alt für ihn … sie schien mir wenigstens fünfundzwanzig Jahre zu haben, wenn nicht mehr!“

Es war seltsam, während Markholm diesem letzteren Gedanken nachhing, kam nicht etwa ein Gefühl der Theilnahme über die mögliche Demüthigung und Enttäuschung und den Herzenskummer, der daraus für Max entstehen würde, über ihn; es lag im Gegentheil etwas Beruhigendes, Befriedigendes für ihn in diesem Gedanken. Und da Markholm seinen Neffen liebte, so mußte wohl etwas wie ein Vorgefühl, daß die beiden jungen Leute doch nicht für einander passen würden, in ihm sein.

Markholm schlug, als er draußen war, denselben Weg ein, den er am gestrigen Tage genommen. Er erreichte nach fünf Minuten dieselbe Stelle an der Grenze seines kleinen Gebiets, an der er gestern gestanden hatte. Er sah schon von weitem die Steine ruhig auf dem Schlagbaume liegen. Bisher war Elisabeth also nicht dagewesen. Nach Max hatte er sich auf dem Wege vergeblich umgesehen. Max war vielleicht heute im Walde – pünktlicher als gestern. Aber er sah ihn nicht, weder ihn noch seine Diana, seinen großen Vorstehhund, der ihn immer umschwärmte.

Nachdem Markholm eine Weile, mit den Armen auf den Schlagbaum gestützt, dagestanden und über die gelben Stoppeln der Ackerfläche fortgeschaut, nahm er wie aus Langerweile einen der Steine Elisabeth’s auf und betrachtete ihn. Der Stein schien allerdings kein „Kiesel“, wie er ihn gestern verächtlich genannt, sondern war wie aus zwei Bestandtheilen zusammengebacken – der eine Theil war offenbar gewöhnlicher Quarz; der andere aber, ein hellgelbstreifiges Mineral, war etwas, dessen Name und Eigenschaften [287] nicht mehr innerhalb Markholm’s naturwissenschaftlicher Kenntnisse lag.

„Curioses Spielzeug für eine Dame!“ sagte er, indem er den Stein wieder hinlegte. „Ist es möglich, daß ein Weib so etwas kennen lernt, sammelt und ein Interesse dafür gewinnt – anders, als um entweder vor Andern oder vor sich selber mit ihrem Wissen zu kokettiren? Max sagt zwar, sie sammele nur, um ihrem Vater die Sachen zu bringen. Es ist möglich! Aber mir gegenüber erwähnte sie nichts davon, sie gab eigenes Interesse vor – vor mir wurde mit der Gelehrsamkeit kokettirt!“

Er blickte auf, weil er in der Entfernung etwas Helles aufleuchten sah – es war noch hinter den Gesträuchen des Hohlweges am Ende des Feldes – dann kam es aus dem Hohlwege heraus – sie war es, seine Bekanntschaft von gestern.

Sie war ganz dieselbe Erscheinung; auch nicht die geringste Veränderung an der Toilette; ohne Sonnenschirm wieder und statt dessen mit ihrem leichten Berghammer bewehrt.

Aber sie kam rascher an dem Gehölz entlang geschritten als gestern, und ihr Haupt war nicht mehr suchend dem Boden zugewendet.

Als sie den Schlagbaum erreicht hatte, sagte sie mit einem Tone offenbarer Ueberraschung und einem leichten Erröthen: „Ah – Sie? Machen Sie täglich um diese Stunde einen Spaziergang bis hierher?“

„Nein,“ versetzte Markholm, der nicht wußte, woher ihm eine gewisse Beklommenheit kam, die sich seiner bemächtigt hatte, während er sie auf sich zuschreiten sehen, – „nein, ich komme heute nur, um zu sehen, ob Sie wirklich die schweren garstigen Steine holen würden.“

„Zweifelten Sie daran?“

„Ja!“

„Weshalb?“

„Weil ich in der That nicht glaubte, daß das Interesse einer Dame für solche Dinge so weit gehen würde … daß sie die Wissenschaft Wissenschaft sein lassen würde, wenn es schwere Steine dabei zu schleppen giebt!“

Sie sah ihn mit ihren großen Augen wieder forschend an. Es war ein Blick, der für Markholm fast etwas Unbehagliches hatte. Was hatte sie in diesen merkwürdigen Augen für eine Gabe des Durchschauens, was für eine Macht, in der Seele zu lesen … denn Markholm war es so, als ob sie das wolle und könne, in seiner Seele lesen, und als ob er sich dessen, was er darin in diesem Augenblick von Unglauben und Spott hegte, ein wenig vor ihr schämen müsse.

„Ich habe Ihnen schon gestern gesagt,“ versetzte sie dann, indem sie ruhig einen der Steine aufnahm, „daß Sie nichts davon verstehen. Sehen Sie diesen Stein an. Sehen Sie, dies da nennt man Quarz …“

„Und dies da? Quark?“ fiel er auf das gelbstreifige Mineral deutend ein.

Sie schüttelte mitleidig den Kopf.

„Nein, nicht so,“ antwortete sie völlig ernsthaft, „sondern Stronzianit. Stronzianit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral, aus welchem die Chemie das Präparat herstellt, mit welchem man Bengalisches Feuer macht. Weil Stronzianit selten ist, so ist Bengalisches Feuer etwas sehr Theueres. Ich habe aber jetzt hier auf diesen Feldern Stronzianit in Menge gefunden. Ich habe die Landleute darauf aufmerksam gemacht und sie sammeln mir nun die Steine. Einen Theil davon hat mein Vater einem Chemiker in der Residenz gesandt – fallen die Versuche befriedigend aus, und bis jetzt hat der Chemiker die besten, vielleicht sogar etwas zu hoch fliegende Hoffnungen – so ist es möglich, daß ich einzelnen Bauern Hunderte von Thalern auf diese Weise verschaffen kann! Räumen Sie mir jetzt ein, daß Sie nichts von den Sachen verstehen?“

„Das räumte ich Ihnen schon gestern ein!“

„Aber Sie beklagten es nicht, wie Sie es hoffentlich jetzt thun werden – hätten Sie etwas davon verstanden, so würden Sie der Wohlthäter dieser Gegend geworden sein!“

„Das würde ich beklagen, wäre ein Anderer als Sie es geworden!“

„Das ist sehr galant! Die Männer werden gewöhnlich galant, wenn sie sich geschlagen fühlen und nicht anders mehr der Anerkennung der Wahrheit zu entschlüpfen wissen!“

„Sie verkennen mich; ich will gern anerkennen, daß Sie mich geschlagen haben und daß Ihr wissenschaftlicher Eifer etwas sehr Praktisches hat …“

„Das ist nun wieder satirisch gemeint!“ sagte sie; „Sie wollen sagen: wenn Du die Sache auch ernst treibst, so ist es doch kein wissenschaftlicher Eifer, Dinge zu suchen, die Geldwerth haben.“

„Sind Sie gewiß, daß ich das sagen wollte? Und wenn ich so meinen Unglauben daran, daß eine Dame sich der Wissenschaft um ihrer selbst willen aufrichtig hingeben könne, verrathen hätte, würden Sie mir das übel nehmen? Wissen Sie denn, ob ich die Wissenschaft so gewaltig hoch stelle, daß ich das Verhältniß eines Menschen zu ihr als den Höhenmesser seines moralischen Werthes betrachte? Ist es nicht möglich, daß mein Glaube, die Frauen kokettirten mit dem Studium nur, aus der Ueberzeugung entspringt, daß sie für etwas Höheres als das Studium geboren, und daß sie das Bewußtsein dessen ewig in sich tragen, mögen sie auch ganze Folianten schreiben oder ganze Quadratmeilen von Leinwand mit Gemälden vollpinseln?“

„Giebt es etwas Höheres als geistiges Schaffen?“

„Für Künstler nicht. Aber für Frauen, ja!“

„Was?“

„Das Leben des Gemüths, die Liebe und der häusliche Heerd!“

Elisabeth sah ihn eine Weile wieder schweigend an; er begegnete ihrem Blick und er fühlte diesmal nicht das, was er vorhin dabei gefühlt, nichts von jenem unbehaglichen Gefühl bei dem Gedanken, daß sie in seiner Seele lesen wolle.

„Diesmal haben Sie Recht, weil Sie sagen was Sie denken.“

„That ich das früher nicht?“

„Nein. Sie sagten Manches, was Sie sich selbst glauben gemacht hatten.“

„In der That?“ versetzte er spöttisch.

„Ja. Es mag sein, daß Sie Lebenserfahrungen gemacht haben, die Sie dazu veranlaßten. Wenn wir Erfahrungen gemacht haben, so ziehen wir daraus Schlüsse. Diese Schlüsse stehen oft im Widerspruch mit unserer innersten Natur. Dann schwören wir wohl darauf, vertheidigen sie gegen Gott und die Welt, und Männer wie Sie sind im Stande, einen dreibändigen Roman zu schreiben, der gar keine andere Tendenz hat, als die Welt zu unserer Lehre zu bekehren. Im Grunde aber glauben wir selbst nichts davon; im Grunde wissen wir recht gut, daß im Schatze unserer theuer errungenen Lebensweisheit sehr viel Spreu ist.“

„Ich staune über Ihre scharfe Beurtheilung der Dinge,“ versetzte Markholm, in der That ein wenig betroffen von einer Bemerkung, deren Richtigkeit er, was ihn selbst betraf, glaubte einräumen zu müssen. „Aber,“ fuhr er fort, „wie können Sie mit solcher Bestimmtheit diesen allgemeinen Satz auf mich anwenden – was wissen Sie davon?“

„Ich habe manche Ihrer Schriften gelesen; von dem, was Sie da erzählen, habe ich wenig behalten, ich habe die Unart, nicht sehr gespannt auf das zu lauschen, was mir ein Schriftsteller erzählt; ich bin wirklich leider eine undankbare Leserin, denn die eingebildeten und bald getrösteten Leiden von Roman- und Novellenhelden und Heldinnen interessiren mich wenig. Aber ich achte auf den Mann, der mir erzählt, ich beobachte, wie er es thut, und ich suche herauszufinden, was für ein Mensch er ist.“

„Sie sind wirklich eine böse Leserin – ein schlimmes Stück Publicum!“ rief Markholm fast ein wenig erschrocken aus.

„Weshalb? Wenn ein Autor das fürchten muß, wenn er kein guter Mensch mit einem warmen Herzen ist, was enthüllt er uns denn in seinen Schriften sein Herz?“

„Aber so muß man sich ja sagen, daß man fortwährend einer moralischen Anatomirung unterworfen ist, so lange Sie ein Buch …“

„Es ist nicht so schlimm!“ fiel hier heiter lachend Elisabeth ein – „und was macht sich auch ein gelehrter, berühmter Mann daraus, von einem vorwitzigen Mädchen beurtheilt zu werden!“

„Nun,“ sagte Markholm … „das kommt darauf an; es könnte Fälle geben, wo er sich sehr viel daraus macht. Und aus meinen Schriften haben Sie heraus gelesen, daß ich mir etwas weiß machen und auch der Welt Dinge aufzubinden strebe, an die ich selber nicht glaube?“

„Ich habe daraus gelesen, daß Sie ein Charakter sind, der sich den Unglauben an die Frauen selbst weis macht; bei dem das nicht zu den angeborenen Ideen gehört, sondern nur zu den [288] erworbenen, die immer da, wo sie mit den angeborenen streiten, nichts werth sind! Aber nun streiten auch wir nicht länger. Ich möchte,“ setzte Elisabeth ein wenig leise und zögernd hinzu, „eine Frage an Sie richten, wenn Sie mir dieselbe freundlich beantworten wollen.“

„O gewiß, jede!“

„Weshalb fliehen Sie die Welt?“ fuhr Elisabeth fort, Markholm wieder groß und offen ansehend, aber dieses Mal mit einem leichten Wechsel der Farbe.

„Weshalb ich die Welt fliehe? Wissen Sie denn, ob ich es thue? Die Welt flieht mich!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich nicht. Einen Mann wie Sie flieht die Welt nicht – sie lockt ihn an sich.“

„Was ist die Welt? die Gesellschaft der Menschen, unter denen wir das Glück suchen. Der Magnet des Glücks zieht uns in diesen Strudel. Mich aber hat das Glück immer geflohen, also hat es auch die ganze bunte Menge, die sich um dasselbe drängt.“

„Sie versprachen mir, meine Frage freundlich zu beantworten!“

„Thue ich das nicht?“

„Wie einem Freunde … nein!“

„Wie einem Freunde? In der That, Sie haben Recht, und wenn Sie mich so fragen, will ich anders antworten – dann aber geben Sie mir erst die Hand wie einem Freunde.“

„Gern!“ versetzte Elisabeth ohne alle Verlegenheit, und unbefangen wie einem alten Bekannten streckte sie ihm die Hand über den Schlagbaum entgegen.

Markholm nahm sie – anscheinend so unbefangen; in der That aber fühlte er ein eigenthümliches Klopfen des Herzens in dem Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen gekommen und so lange er ihre Hand in der seinen hielt.

„Nun?“ sagte sie, die Hand ihm entziehend. „Nun sollen Sie mir antworten, wie Sie’s versprochen haben.“

„Wohl denn – ich fliehe die Welt, weil sie mich zu viel in Anspruch nahm; weil ich der Ruhe bedurfte und mir selbst gehören wollte; weil mich Erlebnisse, die mich tief verstimmt hatten, dem Reiz der Einsamkeit nachgeben ließen.“

„Und mit dieser Antwort,“ sagte, als Markholm schwieg, Elisabeth nach einer Pause, „muß meine junge Freundschaft zufrieden sein?“

„Das heißt, sie ist nicht damit zufrieden … und doch habe ich Ihnen die ganze Wahrheit gesagt. Sie mögen auch von jenen Erlebnissen eins kennen; ich hatte einen höchst wichtigen Proceß verloren, der mich um die Hoffnung meines ganzen Lebens betrog!“

„Einen Proceß? Und das konnte Sie so tief verstimmen?“

„Ja – es handelte sich um die Stammgüter meines Geschlechts. Die Familie, welche jetzt im Besitz derselben ist, gewann sie, weil sie eine wichtige Urkunde, die sonnenhell mein Recht herausgestellt hätte, unterschlug.“

„Unterschlug … das ist ein kühnes Wort …“

„Aber nicht gelassen ausgesprochen“, fiel Markholm ein, „denn jede meiner Fibern bebt aus tiefer Entrüstung über eine solche Handlungsweise.“

[289] Ein kurzes Stillschweigen trat ein. Elisabeth blickte eine Weile nachdenklich zu Boden, dann sagte sie:

„Sind Sie so sicher, daß der Ausdruck ,Handlungsweise’ der richtige ist? Ist es nicht möglich, daß bei Ihrem Gegner kein böses Handeln statt fand? Vielleicht besaß er die Urkunde nicht, deren Unterschlagung Sie ihm schuld geben! Ich habe gehört, daß in Processen oft die eine Partei es wie eine fixe Idee festhalte, die andere besitze eine Urkunde, die das Recht klarstelle, wenn sie das Document nur herausgeben wolle!“

„Also auch in Processen sind Sie erfahren, Fräulein?“ sagte mit etwas satirischem Ton Markholm. „Sie sind eine kleine Allwissenheit. Hier aber ist es nicht so. Es ist durchaus keine fixe Idee von mir, daß sich in dem Archiv auf Haus Markholm die alte Lehnsurkunde finden muß, worin es bestimmt ist, daß die Güter an die jüngere Linie fallen sollen, wenn der letzte Vasall der älteren nur Töchter hat. Der jetzige Besitzer von Markholm, dieser Herr von Morgenfeld, hat also kein Recht, obwohl er der Gatte der einzigen Tochter des letzten Vasallen aus der älteren Linie ist. So lange der Mannesstamm blüht, kann keine Tochter erben – um sich im Besitz zu erhalten, hat er die Urkunde unterschlagen, vor Gericht wenigstens eidlich deren Vorhandensein abgeleugnet: und damit bin nicht ich allein um mein Erbe betrogen, es sind die Güter meiner Vorfahren in fremde Hände gebracht, der Name meiner Familie wird dem Erlöschen anheimfallen! Können Sie begreifen, daß mich das tief verstimmt oder besser mit Bitterkeit erfüllt?“

„Nur zu sehr! Aber Herr von Morgenfeld ist ein allgemein geachteter Charakter, ein Mann. den man einer so gründlich unehrenhaften Handlungsweise nicht für fähig halten darf – man hat früher so oft alte Urkunden mit großer Verachtung als völlig werthlose Dinge betrachtet, als unnützen Plunder verworfen … ist es denn nicht möglich, daß die, um welche es sich handelt, wirklich nicht mehr vorhanden war? Das Schicksal hat Sie in die Nähe des Herrn von Morgenfeld geführt: thäten Sie nicht wohl, sich ihm persönlich zu nähern, ihn kennen zu lernen, um sich zu überzeugen, ob Sie es mit einem Manne zu thun haben, der ein Meineidiger, ein Betrüger sein kann? Vielleicht werden Sie den Glauben gewinnen, daß es ihm redlich darum zu thun gewesen, die Urkunde herbeizuschaffen, aber daß er es nicht vermochte.“

„Sie nehmen sehr eifrig die Partei meines Herrn Vetters,“ sagte Markholm. „Nun, es ist ja natürlich – Ihr Vater steht als Pfarrer zu ihm, seinem Patronatsherrn, in freundlichen Beziehungen.“

„Mein Vater?“ fiel Elisabeth aufblickend ein – aber sie schwieg wieder und sah in Markholm’s Züge, als ob sie verwundert und überrascht sei – gewiß von der tiefen zornigen Bitterkeit, womit er fortfuhr: „Mich aber werden vier Pferde nicht dazu bewegen, jemals die Schwelle dieses Mannes zu betreten, den ich hasse mit Allem, was zu ihm gehört!“

Elisabeth hielt noch immer ihre großen prüfenden Augen auf ihn geheftet, dann sagte sie mit einem leisen Seufzer zu Boden blickend: „Es ist am Ende natürlich! Aber öffnen Sie mir jetzt Ihren Schlagbaum da, das heißt, wenn Sie mir erlauben wollen, meinen Weg über Ihren Grund und Boden fortzusetzen – er ist kürzer für mich.“

Markholm öffnete rasch den Schlagbaum, indem er lächelnd sagte:

„Nur, wenn Sie mir verstatten wollen, Ihnen sicheres Geleit auf meinem Grund und Boden zu geben!“

„Auf Ihrem Gebiet sind Sie der Herr!“ entgegnete Elisabeth und trat, nachdem sie ihre Steine genommen, den Weg durch die kleine Allee an.

Markholm schritt neben ihr her. Er brachte das Gespräch auf andere Gegenstände, aber Elisabeth war einsylbig geworden – sie ging nicht darauf ein. Sie schritt rasch einher. Als der Garten erreicht war und Beide durch den mittleren Pfad auf die offenstehende Glasthür, die in Markholm’s Haus führte, zugingen, sagte er:

„Wenn Sie den kürzesten Weg nehmen wollen, so dürfen Sie nicht um mein Haus herumgeben, sondern müssen sich von mir hindurch führen lassen. Darf ich es? Es würde mir eine große Freude sein … eine große, wenn Sie es betreten!“

Elisabeth sah ihm mit einem freundlichen Lächeln in’s Gesicht, aber sie antwortete nicht. Als sie am Hause angekommen, schritt sie ohne Weiteres über die Stufen vor der Glasthür und trat hinein. Sie sah sich in dem Salon um, überflog die Bilder an der Wand und trat einer unter dem Spiegel hängenden Photographie näher, die sie aufmerksam betrachtete. Es war ein Portrait von Max.

„Das Original kennen Sie!“ bemerkte Markholm.

Elisabeth nickte.

Markholm schien unruhig darüber zu werden, daß sie es so aufmerksam betrachtete.

[290] „Ich möchte Ihnen meine Bibliothek zeigen,“ sagte er – „hier rechts!“

Sie folgte ihm in sein Studirzimmer. Er schritt auf den dahinter liegenden Raum zu. Aber Elisabeth, schien es, wollte erst das Studirzimmer mit Muße betrachten; dann warf sie einen neugierigen Blick auf den Schreibtisch und auf das Manuscript, an welchem Markholm arbeitete.

„So schreiben Sie … immer so fließend und ohne Correcturen?“

„Die Correcturen kommen später, wenn der erste Entwurf niedergeschrieben ist; aber ich sehe Sie mit einiger Unruhe hier verweilen, Fräulein; gewiß anatomisiren Sie wieder!“

„Und wie so?“

„Wenn Sie schon zwischen den Zeilen eines Buches den Charakter eines Autors lesen, wie sehr werden Sie solche Forschungen anstellen, wenn Sie die Umgebung eines Menschen, die Art, wie er sich eingerichtet hat, und endlich gar seine Handschrift sehen!“

„Sie thun mir Unrecht,“ sagte sie lächelnd, „mir sind in diesem Augenblick solche verrätherische Gedanken ganz fremd … aber da Sie mich darauf bringen, sage ich Ihnen, daß ich aus Ihrer Art, sich einzurichten, schließe, Sie sind ein milder, nachgiebiger und durchaus kein revolutionärer Geist.“

„Das mag sein!“

„Auch kein Egoist!“

„Ich danke Ihnen, woraus sehen Sie es?“

„Aus der Art, wie Sie hier sich in Allem nach dem gerichtet haben, was Sie fanden; dem altfränkischen Stil ihres Hauses haben Sie die Einrichtung angepaßt, dunkel, einfach, die Möbel alt oder alterthümlich geformt, solide. Sie haben nirgendwo modernen Plunder, Nipptischzierlichkeiten und Kriemskram, geschnitzelte Rähmchen um werthlose Bildchen, Läubchen und Draperiechen angebracht, Sie haben Ihren Geschmack dem Geschmack des Hauses, das Sie fanden, untergeordnet und sich eingerichtet wie ein Mann, nicht wie ein Junggeselle … das gefällt mir.“

„Und richten sich die Junggesellen nicht wie Männer ein?“

„Wenn sie in ein gewisses Alter kommen – nein. Ihre Einrichtungen bekommen dann etwas Altjüngferliches – sie beginnen den Mangel des weiblichen Elements zu empfinden und stellen dann Dinge um sich her auf, in denen sich weibliches Element spiegelt – sie wollen es dann wenigstens reflectirt um sich haben, da sie es doch einmal nicht entbehren können.“

„In der That,“ rief Markholm aus, indem er Elisabeth mit einem unverhohlenen Erstaunen ansah, „Sie scheinen über Alles nachgedacht, Alles ergründet zu haben!“

„Ach,“ sagte sie, sich abwendend und jetzt ihre Schritte der Bibliothek zulenkend, „wenn man allein ist, auf dem Lande, so kommen die Gedanken von selbst. Aber jetzt lassen Sie mich in Ihre Büchersammluug sehen … da Sie so darauf bestehen, mich in diesen Hinterhalt zu locken!“

„Hinterhalt? weßhalb?“

„Weil Sie denken, ich würde mich da in voller Glorie als Gelehrte zeigen wollen, damit Sie wieder spotten können!“

„Spotten … als ob ich das je gewollt hätte … wahrhaftig, Fräulein, Sie thun mir Unrecht … und spottet man denn einer Freundin – haben Sie den Bund vergessen, den wir geschlossen?“

„O, von einem Bunde weiß ich nichts!“

„Wie – eine Freundschaft wäre kein Bund? Kann es einen ernsteren geben … ich wenigstens betrachte ihn als einen sehr ernsten; und Sie wollen einräumen, daß Sie mir nur die Freundschaft vorgespiegelt haben, um mich zum Sprechen zu bewegen und dann das Handschlaggelübde treulos zu brechen?“

„Wie rasch Sie fahren! Freundschaft, Gelübde, treulos …“

„Hab’ ich nicht Recht?“

Sie schwieg – trat an eines der Bücherrepositorien und nahm ein Buch heraus.

„Wollen Sie mir das leihen?“ sagte sie.

„Wollen Sie Ihrem Gelübde treu bleiben? sonst nicht!“

Sie nahm das Buch, ging rasch auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

„Adieu … ich muß gehen – es wird die höchste Zeit!“

Gab sie ihm die Hand auf seine Frage, oder die Hand zum Abschiede? Markholm hatte nicht den Muth zu fragen, sie schritt so rasch davon; er begleitete sie, durch das Haus, über den Hof – an der Hofthür wies sie seine Begleitung zurück; er sah, wie sie den Weg zu dem zehn Minuten entfernten Dorfe einschlug, zu der neben demselben auf einem Hügel zwischen Obstgärten liegenden freundlichen Pfarrwohnung. – Als Markholm am Abend wie gewöhnlich am Kaminfeuer saß und der am Tage immer so unstete Neffe ihm dabei Gesellschaft leistete, fand Max den Onkel auffallend schweigsam. Er erkundigte sich nicht nach seinen Jagdabenteuern, er hörte nicht zu, wenn Max von seinen bevorstehenden Examenarbeiten sprach, und am Allerwenigsten schien ihm ein angenehmer Gegenstand der Unterhaltung mit Max das Pfarrhaus zu sein, von dem der Neffe nach einer Weile zu reden anfing.

„Es ist doch eigentlich gut, daß Deine Ferien sich ihrem Ende nahen,“ begann er plötzlich wie mit einem Anflug übler Laune; „Du treibst mir das Verhältniß zu weit, es wird zu ernst … was soll daraus werden!“

Max sah ihn sehr erstaunt an. Bisher hatte der Onkel nichts geäußert, was darauf hindeutete, daß er sich einer ernsten Verbindung zwischen seinem Neffen und der Tochter des Pfarrers, von der Max nach der ersten Bekanntschaft ihm vorgeschwärmt hatte, widersetzen würde. Es konnte, was er jetzt sagte, unmöglich etwas Anderes sein, als ein Ausbruch übler Laune… Max hielt es deshalb für räthlich, zu schweigen und nicht energischen Widerspruch hervorzulocken. Er sagte nach einer stummen Pause nur: „Mein Verkehr im Pfarrhause läßt mich doch Allerlei erfahren, was auch Dich interessiren wird … so hat mir Elisabeth heute etwas erzählt, was merkwürdig genug ist … von den Morgenfelds drüben!“

„Sie hat Dir von Morgenfelds erzählt? Und was?“

„Es ist eine Tochter da auf Haus Markholm, wie Du weißt, ein junges Mädchen, älter als Elisabeth, aber sehr befreundet mit ihr – sie sehen sich sehr oft, und von der weiß sie es. Während des Processes, als Morgenfelds noch in der Stadt wohnten, hat der alte Herr seinen Sohn, den Rittmeister, auf das Gut gesendet mit dem Auftrag, die Urkunde zu holen – aber der Rittmeister ist zurückgekehrt mit der Versicherung, sie nicht gefunden zu haben. Da ist der alte Morgenfeld selbst hingereist; er soll in dem guten Glauben gestanden haben, die Urkunde spreche ihm die Nachfolge in den Gütern zu, und deshalb sehr darauf erpicht gewesen sein, sie zu erhalten. Aber trotz seiner Versicherung, sie müsse da sein, sein Schwiegervater habe sie ihm in früheren Jahren selbst gezeigt, er wisse bestimmt, in welchem Carton im Archiv sie liege – trotzdem ist auch er zurückgekommen, wie er gegangen. Nun ist in dem alten Herrn der Verdacht aufgestiegen, die Urkunde müsse in der That zu Deinen Gunsten sprechen, und um sein Erbrecht auf die Güter nicht zu verlieren, habe sein Sohn, der Rittmeister, sie beseitigt. Darüber ist es zwischen Beiden zu heftigen Scenen gekommen und der Rittmeister hat seinem Vater die Beschuldigung zurückgegeben und ihm gesagt, ebenso gut könne er selber bei früheren Anwesenheiten in Markholm die Urkunde unterschlagen haben …“

„Schönes Verhältniß zwischen Vater und Sohn!“ rief Markholm aus, „Einer nennt den Andern Spitzbube – und es ist nur fraglich, wer von Beiden Recht hat.“

„Schwerlich der Alte,“ fuhr Max fort, „denn der Rittmeister ist so empört gewesen, daß er bis jetzt seine Eltern nicht wieder gesehen hat; und vor einigen Wochen hat er an den Vater geschrieben, er wolle mit den Markholm’schen Gütern nichts zu schaffen haben, er verzichte darauf feierlich für immer!“

„Ein Edelmuth, der sich wohl daraus erklärt, daß er sich mit einer Banquierstochter verlobt hat, die ihm unsere Güter überflüssig macht!“

„Wahrscheinlich!“ sagte Max. „Aber die Freundin Elisabeth’s ist nun die Erbin der Güter – ein Umstand, der sie jedoch über das Zerwürfnis zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder nicht tröstet … sie soll darüber außer sich sein!“

„Das eben ist der Fluch der bösen That!“ sagte Markholm achselzuckend. „Und das Alles hat das Fräulein von Morgenfeld Deiner Elisabeth so offen anvertraut und diese Dir wieder?“

„Heute!“ versetzte Max.

„Seltsam!“ sagte Markholm ironisch, in des Neffen Zügen spähend.

Das Gespräch stockte. Markholm schien heute nicht zum Sprechen aufgelegt und Max nahm ein Buch, um die Zeit bis zum [291] Schlafengehen herumzubringen. Markholm erhob sich und schritt im Salon auf und ab – so lange, daß Max sich endlich fragte:

„Wie ist es möglich, nicht vor Müdigkeit umzusinken, wenn man so stundenlang auf- und abgeschritten ist! In welche langweilige Gewohnheiten können doch die Menschen auf dem Lande verfallen!“ –

Am anderen Morgen machte Markholm wie an den zwei früheren Tagen seinen Weg durch den Garten, durch das Gehölz bis an den Schlagbaum. Sein Herz klopfte vor Erwartung, als er, das Ackerfeld überschauend, hier still stand. Aber er harrte vergeblich. Elisabeth kam nicht.

Eine Viertelstunde – eine halbe verfloß; Nichts störte die Stille. Die Finken kamen und setzten sich auf den Schlagbaum, ohne den so regungslos in seine Gedanken versunkenen Mann zu scheuen, der wie eine Bildsäule dastand, den Arm auf das Holz vor ihm stützend und das Kinn auf die Hand.

Endlich rührte er sich; er wandte sich und ging heim. Wie hatte er auch annehmen können, daß sie noch einmal kommen würde! Und doch – hätte sie nicht kommen können, wenn sie es mit der geschlossenen Freundschaft ein wenig ehrlich gemeint? Aber vielleicht hatte er sie mit dieser aufgedrungenen Freundschaft gerade zurückgescheucht? – Vielleicht hatte er sie damit verletzt? – Ach, es waren thörichte Gedanken! Er kam sich vor sich selber ein wenig lächerlich vor … hatte er ihr nicht schon vollständig den Hof gemacht? Er der Angebeteten seines Neffen – er, ein alter Mann, einem so jungen Mädchen den Hof machen!

Und doch – es war nicht zu leugnen, sie war ein auffallend kluges und auffallend gebildetes Geschöpf. Er mußte suchen, in Verkehr mit ihr zu bleiben. Dieser Verkehr hatte für ihn etwas unendlich Anregendes. Wie durfte er in seiner Einsamkeit solchen Anregungen aus dem Wege gehen? War es nicht etwas wie seine Berufspflicht, wenn ihm ein solch ungewöhnlicher Charakter begegnete, ihn zu studiren? Und es bot sich ein so einfaches Mittel, den Verkehr fortzusetzen. Er konnte ja das Pfarrhaus aufsuchen; gewiß würde der Pfarrer nichts lieber sehen, als seinen täglichen Verkehr dort – Markholm war ja eigentlich darauf angewiesen, da sich gar kein anderer Umgang in der Umgebung darbot. Einen Besuch hatte er bei seinem Kommen dort gemacht und den Herrn Pfarrer und die Frau Pfarrerin kennen gelernt; Beide waren zum Gegenbesuch bei ihm gewesen. Eine Einladung hatte er dann abgelehnt, weil er sich nicht wohl gefühlt; aufrichtig gesagt, er war nicht gern gegangen. Der Pfarrer war eine Persönlichkeit, die ihm in hohem Grade mißfallen. Ein Mann, der sich mehr um die Interessen der zur Pfarrstelle gehörenden Ackerwirthschaft, als um den geistigen Weinberg, in welchem er zum Arbeiter berufen, kümmerte; der nicht eher geneigt schien, sich groß um das Unkraut in den Seelen seiner geistlichen Heerde zu sorgen, als bis man auch dazu eine die Arbeit verrichtende zweckmäßige Jäte-Maschine erfunden haben würde. Während des Gesprächs, das Markholm mit ihm gehabt, hatte der Mann ihm so geklemmt und gedrückt geschienen, als ob er sich in einem Examen befinde, als ob er verlegen die Lücken seiner Bildung wohl fühle, aber sie vor Markholm bänglich zu verschleiern suche.

Vielleicht dachte deshalb Markholm nicht daran, jetzt plötzlich einen intimen Verkehr mit ihm zu beginnen … es ging ja auch nicht. Markholm konnte nicht in die Fußstapfen seines Neffen treten. Er konnte nicht demselben Magnete folgen wie Max. Er hätte sich schämen müssen vor sich selber, wenn er es gethan! Gewiß schon deshalb dachte er nicht daran.

Als er so saß, in tiefes Sinnen verloren, die Arbeit, welche seit einigen Tagen so wenig gefördert war, vor sich, die Feder in der Hand, aber statt zu schreiben langsam große Buchstaben auf den Rand des Manuskripts malend, vernahm er plötzlich einen leichten raschen Schritt, der durch die offenstehende Glasthür des Salons kam; und im nächsten Augenblicke stand, so plötzlich wie eine Vision, auf der Schwelle der ebenfalls wie gewöhnlich offenstehenden Thür seines Arbeitszimmers Elisabeth.

„Störe ich?“ sagte sie. „Ich komme nur, um Ihnen das Buch zurück zu bringen. Hier ist es. Ich danke. Jetzt geh’ ich gleich wieder!“

Markholm war aufgesprungen. Er fühlte, daß eine hohe Röthe seine Züge überströmte. Er war so betroffen, daß er im ersten Augenblicke nicht wußte, was sagen. So betroffen, es war kindisch, so betroffen zu sein, sagte er sich im selben Augenblicke selbst … es war gewiß nur, weil sie so plötzlich kam … warum kam sie auch so überraschend, so eilig, so ganz unvermuthet herein gestürmt?

„Fräulein,“ stammelte er, „und Sie wollen auf der Stelle wieder gehen?“

„Ich will Sie nicht stören. Adieu!“

„Haben Sie denn das Buch schon gelesen? Wollen Sie nicht ein anderes?“

„Nein, ich danke Ihnen.“

„Aber es ist nicht freundlich, aus dem Hause – eines Freundes so wieder fortzustürmen!“

Gewiß, es war nicht tactvoll, schon wieder auf diese Freundschaft zurückzukommen. – Markholm fühlte das recht wohl, aber ihm fiel ja nichts Anderes ein, sie zu halten, und sie zu halten hätte er ein Stück seiner Seele hingegeben – er mußte mit ihr sprechen, es war ihm, als hinge sein Leben davon ab … was, wozu, das wußte er selbst nicht!

„Nun, wie lange muß eine Freundin, wenn sie einem Freunde ein Buch zurückbringt, bleiben?“ fragte sie lächelnd.

„Wenigstens so lange, um ein kleines Gespräch zu pflegen.“

„Beginnen wir es!“ sagte Elisabeth, sich in dem Sessel niederlassend, der an der anderen Seite vor Markholm’s Schreibtisch stand. „Wer hat Ihnen den hübschen Strauß da gebunden?“

„Wer sollte es anders gethan haben, als ich mir selber? Ich muß mir meine Blumen selbst in’s Leben streuen – Andere thun es nicht!“

„Das ist Ihre Schuld!“

„Schuld? Nun ja. Ich hätte vielleicht Hände finden können, die mir Blumen gepflückt, sie mir sogar auf Sophakissen und Pantoffeln gestickt hätten; aber ich habe mich nie viel darum gekümmert.“

„Um die Blumen oder um die Hände?“

„Nun – um die Hände. Die männlichen Hände machen Alles besser, auch Frauenarbeiten, wenn es sein muß!“

„Das lautet paradox.“

„Und ist doch wahr. Sie sehen deshalb auch, daß in allen Häusern, wo der Mann nicht durch seine Berufsarbeit ganz in Anspruch genommen ist, dieser sehr bald die Frauenarbeit an sich nimmt, daß er Küche und Keller beaufsichtigt, die Rechnungen durchsieht, die Cassa führt, über die Gesundheit und Erziehung der Kinder wacht, und daß in einem solchen Hauswesen viel mehr Ordnung und Ruhe herrscht, die Dienstboten williger und verträglicher sind, die Ausgaben geringer, als wo ,Frauenhände’ walten – ja nicht einmal zum Kochen sind die Frauen berufen – wer reich genug dazu ist, jagt seine Köchin fort und nimmt einen Koch.“

Elisabeth lachte. „Ist das Ihr Ernst?“ sagte sie.

„Gewiß. Es ist ein großes Vorurtheil, daß ein Hauswesen einer Frau bedürfe. Man überläßt der Frau das Haus, weil man nichts Anderes zu thun hat für sie, um ihr eine Beschäftigung zu geben; aber berufen ist sie nicht dazu, die Männer verstehen wie Alles auch das viel besser.“

Sie schüttelte den Kopf. „Was soll denn die Frau thun?“

„Die Frauen sind wie die Muscheln – es giebt ihrer Tausende im Meere und nur in einigen wenigen findet man Perlen.“

„Also einige Perlen räumen Sie doch ein! Und diesen Perlen, welchen Beruf geben Sie denen?“

„Den andern zu zeigen, was die Frau eigentlich sein sollte: des Mannes bessere, edlere, nicht seine untergeordnete Hälfte; das Element der Bildung, der Kunst, des Schönen im Hause. Im Grunde, das will ich Ihnen einräumen, halte ich die Frauen für feiner organisirte, sensitivere Naturen; in ihrer Seele liegen hundert Ranken, die sich an etwas Höheres anklammern und emporwachsen möchten zu Licht und Sonne, zum Idealeren – allein diese Ranken werden niedergehalten, sie zerwuchern, am Boden niederer Alltäglichkeit hinsiechend.“

„Und woher kommt das?“

„Weil man sie verkehrt erzieht, weil man ihrem Geiste keine ernste Nahrung, ihren Fähigkeiten keine strenge Zucht giebt, weil ihr Unterricht eine Kinderei, ein Spott auf tüchtiges Lernen ist, und weil man ihnen an der Wiege vorsingt: Ihr seid für den Kochlöffel und den Strickstrumpf geboren.“

[292] Elisabeth lächelte wieder, aber sie sagte: „Wissen Sie, daß Sie mir das hätten gar nicht sagen dürfen?“

„Und weshalb nicht?“

„Weil diese Theorie so ganz mit der Ketzerei übereinstimmt, der ich längst im Stillen gehuldigt habe … denn ach, ich fühle, daß ich eine sehr schlechte Wirthschafterin sein würde, und habe immer … doch das würden Sie ja nicht glauben, wenn ich es sage …“

„Was haben Sie immer?

„Nein, nein, Sie haben neulich ganz andere Dinge von den Frauen gesprochen und vielleicht sagen Sie dies Alles nur, um mir eine Schlinge zu stellen!“

„Und welche Schlinge?“

Elisabeth sah ihn wieder mit ihrem großen, fragenden, forschenden Blicke an. Dann sagte sie: „Welche Schlinge? Mich zu verlocken, mit dem Interesse für Dinge zu kokettiren, wofür Sie den Frauen doch alles wahre Interesse abgesprochen haben.“

„Es ist wahr … aber wissen Sie, ob das nicht neulich blos eine Boutade von mir war, ein Ausbruch der Bitterkeit, darüber daß mir eine Frau mit wahrhaften geistigen Interessen im Leben nicht begegnet sei und daß ich … sie doch so grenzenlos tief und leidenschaftlich geliebt haben würde!“

Elisabeth mußte etwas in Markholm’s auf sie gerichteten Blicken begegnen, was sie veranlaßte, ihre sonst so ruhigen, selbstbewußt und klar schauenden Augen plötzlich abzuwenden und aufzustehen.

„Ich denke, wir haben nun lange genug conversirt, für zwei Freunde!“ sagte sie dabei.

„Noch lange nicht genug, um mich ganz auszusprechen,“ wollte Markholm sehr erregt ausrufen; aber er wurde durch einen lauten Männerschritt unterbrochen, der in diesem Augenblick durch den Salon herankam, und gleich darauf trat Max in das Zimmer des Onkels.

„Ah, Fräulein Elisabeth!“ sagte Max, offenbar überrascht von dem Anblick der jungen Dame und ihr eine etwas unceremoniöse Verbeugung machend.

Ist er eifersüchtig? fragte sich, dies beobachtend, Markholm, der sehr ärgerlich über die Störung war.

Elisabeth reichte Max unbefangen die Hand.

„Ah, gefangen!“ rief sie dann lachend – Markholm kam es vor, als ob sie ein wenig gezwungen lache – aus.

„Gefangen – ach, ja – , ich denk’ daran‘ hätt’ ich sagen müssen – ich habe mein Vielliebchen verloren!“

„Zur Auslösung wird Ihnen mein Neffe einen Hasen schießen,“ sagte Markholm, von Neuem durch diese Scene, die ihm die Vertraulichkeit der beiden jungen Leute zeigte, nicht wenig erregt.

„Ach, nein,“ versetzte Elisabeth, „es soll meinetwegen kein Blut vergossen werden – ich bin zufrieden, wenn Ihr Neffe mich eine Strecke heimbegleitet, ich habe ihm Etwas zu sagen!“

Sie gab Markholm die Hand und mit einem kurzen Adieu verschwand sie. Max folgte ihr.

Markholm blieb in einer schwer zu beschreibenden Stimmung zurück. Diese Begegnung der jungen Leute hatte Etwas gehabt, was einen vollständigen Sturm in ihm erregte. Er hatte Mühe ihn zu bewältigen – sich zu sagen: aber Du bist ja ein fürchterlicher Thor – Max kam ja wie von Deinem guten Genius gesandt, just im rechten Augenblick, um Dich daran zu erinnern, daß Du ein Thor bist, ein lächerlicher alter Thor! –

Leider hilft es in gewissen Situationen und gewissen Stimmungen sehr wenig, wenn man sich vorsagt: Du bist ein Thor. Es liegt dann weder der Trost, noch die schmerzstillende Beruhigung darin, welche man erwartet, indem man sich diesen Ehrennamen beilegt; und alle Beiwörter, die man zur Verstärkung der calmirenden Wirkung hinzufügt, machen die Sache nicht besser!

Auch Markholm empfand dies, und indem er einmal wieder in seinem Salon auf- und abrannte, gestand er sich, daß der Mensch doch das seltsamste dualistisch gespaltene Wesen sei, welches gedacht werden könne.

Ich sage mir da die klarsten, handgreiflichsten, unumstößlichsten Gründe vor, weshalb ich ein Narr bin, dachte er, und dennoch bleibe ich ein Narr; doch gelingt es mir nicht, meine Gedanken und alles Weben und Spinnen und Dichten und Trachten meiner innersten Seele von diesem Mädchen loszureißen – von einem Mädchen, das meinen Neffen liebt, und das, auch wenn es ihn nicht liebte, nicht im Traum an mich alten Büchermenschen denken würde; und die Verzweiflung darüber macht mich unglücklich, so tief wie das Meer ist, und mein ganzes Leben liegt jetzt vor mir, so dunkel, wie die Nacht ist … und das Alles trotzdem mir die Vernunft sagt, welch grenzenlose Narrheit das ist, und daß das, was mich bestrickt hat, ein Weib ist, mit dem ich, wenn sie mein würde, vielleicht in ewigem Hader läge – die mir in Allem widerspräche, die mich beherrschen wollte bis in mein letztes Heiligthum, mein Schaffen und mein Arbeiten hinein; die mir mit ihren Ansprüchen, mit ihren Salonbedürfnissen jeden freien Augenblick zum Denken und Schaffen raubte; die mich durch ihre Schwatzhaftigkeit außer mich brächte, wenn ich ruhen, und durch stummes Schmollen, wenn ich plaudern möchte; die mir Lärm, Leidenschaften, Intriguen, fremde Menschen in mein stilles Haus brächte und weiß Gott, was Alles … Aber all’ diese Betrachtungen helfen mir nichts, mag die Vernunft sich mir zehnmal vorhalten – mit frechem Widerspruchsgeist sagt die Seele: und es ist Alles nicht wahr, nichts von Alledem würde sein, sie würde Dir ein Engel von einem Weibe sein und Dir eine Unendlichkeit von Glück bringen! – Welcher unerklärliche Dualismus – Vernunft und Seele, Verstand und Herz streiten sich in mir, sie reißen sich förmlich bei den Haaren, sie liefern sich eine Schlacht in meiner Brust, und ich bin der Unglückliche, der die Wunden der einen wie der andern empfinden, daraus bluten muß! Unselige Begegnung … dämonisches Schicksal! –

[305] Markholm fand, als Max nach kurzer Zeit von seiner Begleitung der jungen Dame zurückkehrte, diesen eigenthümlich einsylbig. Er war offenbar verstimmt. Der Onkel beobachtete dies Wesen anfangs nicht, über Tisch aber, wo Max gewöhnlich sehr gesprächig war, fiel es ihm auf.

„Sollte er wirklich ein wenig eifersüchtig sein?“ fragte er sich – es war ein Gedanke, der dem älteren Manne mit einem Zusatz von diabolischer Freude kam.

„Du bist so nachdenklich, Max,“ sagte er endlich: „habt Ihr Euch etwa gezankt?“

„Gezankt? Wer?“

„Nun, Du und Elisabeth!“

„O, nicht im Mindesten.“

„Ich möchte wissen,“ fuhr der Onkel nach einer Weile fort, „wo dieses Mädchen den großen Schatz von Bildung erworben hat, den sie offenbar besitzt … hier auf dem Lande,“ setzte er mit etwas spöttischem Ton hinzu, „in den engen Verhältnissen einer mit Kindern gesegneten Pfarrerfamilie … es ist merkwürdig!“

„Ja,“ versetzte Max mit einem eigenthümlichen Blick auf den Onkel, „… es ist merkwürdig!“

Es lag fast etwas Wegwerfendes in dem Tone, mit welchem Max das sagte.

„Du scheinst nicht sehr davon überzeugt zu sein.“

„O doch, o doch,“ entgegnete Max kühl.

Eine lange Pause trat ein, während deren Markholm seinen Neffen wieder von der Seite beobachtete.

„Sag mal, Onkel,“ fragte Max plötzlich sehr lebhaft – „wo hast Du sie eigentlich kennen gelernt?“

„Nun, das hab ich Dir ja gesagt – neulich, als ich im Wäldchen einen Morgenspaziergang machte.“

„Und stellte sie sich Dir da gleich als Elisabeth Kramer vor?“

„Ob sie sich mir so vorstellte – ich denke nicht, ich errieth jedoch bald, wer es sei, der da Deine Jagdgründe durchkreuze –“

„So!“ sagte der Neffe tonlos.

„Weshalb fragst Du?“

„O, ich meine nur!“

Der Neffe blieb bei seinem einsylbigen gedrückten Wesen, bis er endlich, nachdem das Mahl vorüber, seine Mütze nahm, um sich ein Obstdessert von den Bäumen im Garten zu pflücken, während Markholm seine gewöhnliche Siesta hielt.

In dem Augenblicke, wo er den Salon verlassen wollte und bereits den Drücker der Thür in der Hand hielt, sagte er, sich zum Onkel wendend und in einem Tone der Scherzhaftigkeit, welcher etwas auffallend Gezwungenes hatte:

„Hör’, Onkel, verlieb’ Dich nur nicht in Deine neue Bekannte.“

Hatte Max die Absicht, den Onkel zu erschrecken, so war sie ihm vollständig gelungen. Markholm warf einen ganz merkwürdigen Blick des äußersten Betroffenseins auf seinen Neffen, als er erwiderte: „Was sagst Du? Ich … mich verlieben …?“

„Nun ja … ich meine nur … es wäre ein sehr großes Unglück, wenn Du es thätest … Du hast,“ setzte Max mit heiterem Ton hinzu, „mir neulich so liebenswürdig einen Theil der Sorge für Deine Erziehung anvertraut, daß Du Dich nicht wundern mußt, wenn ich heute den Mentor spiele und Dir sage: Telemach, ich warne Dich!“

Bei den letzten Worten lachte Max wieder gezwungen auf, und dann überschritt er die Schwelle und war verschwunden.

Markholm stand wie eine Bildsäule, als er ihm schweigend nachblickte.

Erst lange, lange nachher bekam die Bildsäule Bewegung. Markholm schritt langsam in sein Cabinet, legte sich auf die Chaise longue, auf der er zu ruhen pflegte, und sagte mit einem tiefen Seufzer:

„Es ist offenbar, daß sie ihm erzählt hat, wie ich ihr den Hof gemacht; daß sie sich über mich moquirt, gespottet haben … und daß dieser vorwitzige Bursche doch für zweckmäßig gefunden, mir eine Verwarnung zu ertheilen! Wie tückisch schweigsam er vorher war! Der Kampf zwischen dem Neffen und dem thörichten Manne beginnt!“

„Aber er soll nicht beginnen,“ sagte er sich dann. „Gut, daß er sprach! es ist eine abermalige Mahnung und dies Mal soll sie nicht ungehört bleiben. Er hat Recht. Der Traum muß abgethan, die Chimäre aus dem Herzen gerissen werden. Was wäre im besten Falle aus der Sache geworden … ein unglückliches Verhältniß und eine schlechte Handlung von mir. Ich hätte meinen Neffen um seine Neigung, um sein Glück betrogen. Ich hätte mich für das, was ich an ihm gethan, bezahlt gemacht wie ein Wucherer. Was habe ich in meinem Leben Gutes zu thun Gelegenheit gehabt? Nichts … gar nichts. Ich habe meinen Liebhabereien, meinen Studien gelebt, ich bin ein geistiger Gourmand gewesen, wie sie mir vorwarf, und habe Bücher geschrieben! Habe ich mit diesen Büchern Gutes gestiftet? Ich zweifle daran! [306] Wenige lesen sie. Mein Geist ist nicht stark, nicht genial, nicht dämonisch genug, um Gebilde wahrer Kunst zu schaffen; er ist nicht reich und originell und tief genug, um das Reich der Gedanken wahrhaft zu mehren. Ein Romanschreiber leistet nur Gutes, wenn er ein Stück vom Teufel im Leibe hat – und das habe ich nicht! Ein weicher scheuer Mensch wie ich, wie kann der die von der Tarantel gestochene Gesellschaft von heute schildern! Ich bin zu träge, zu indolent, mich nur hineinzumischen, um sie zu studiren. Mir graust vor ihren Abgründen! Wer dieser Welt nützen soll, der muß die Blitze des Erhabenen unter sie schleudern, durch die Donner einer leidenschaftlichen Größe sie aus dem Taumel schrecken! Mein Feuer ist ein gemüthliches stilles Licht, aber Blitze sprühen nicht daraus, und daher sind meine Bücher nichts. Was ich je Gutes gethan, das ist, daß ich meinen Neffen zu einem Menschen erzogen, in dem die Keime des Guten ausgebildet sind, daß ich ihm eine Existenz schaffe, worin er der Menschheit nützen kann.

Und das soll ich ungethan machen, diese Existenz vernichten, indem ich um einer Thorheit wegen mit diesem Neffen in Kampf und Hader gerathe, den erbittertsten, den es zwischen zwei Männern geben kann, und mich obendrein lächerlich mache! Haben sie nicht schon gelacht über mich? … hat nicht diese Elisabeth jedes Wort, das ich ihr gesagt, Max hinterbracht? … o, solch ein Weib ist so herzlos, so gottlos, wenn ihre Eitelkeit einen Triumph feiern kann … und so thöricht! Ja, so herzlich thöricht, so thöricht, wie die ganze Welt, die sich begeistert und schwärmt für solch ein junges Liebespaar und die schöne Zeit der ersten Liebe! Ich muß darüber lachen, über all diese gerühmten heiligen, allmächtigen, himmlischen Gefühle. Im Herzen eines Baumes ist mehr himmlischen Triebes, als in diesen kindischen Menschen; es ist mehr Feuer unter der Rinde eines alten Eichbaumes! Die Liebe ist für sie eine Einbildung, weiter nichts. Um lieben zu können, muß man ein reifer Mensch, müssen die Stürme des Lebens durch unsere Brust gezogen sein, um uns weicher und tieffühlender, größer und stärker zu machen. Man muß erfahren haben, was eine Menschenseele ist, was sie in sich birgt, was eine der andern sein kann. Man muß mit tiefem Schmerz und langem Sehnen das Gefühl der Einsamkeit in sich getragen haben. Man muß das Leben haben um sich verarmen sehen, die Illusionen schwinden, die Hoffnungen untergehen, den Himmel nächtlich werden; und dann, dann muß man einen Stern erblicken, um an diesen Stern all sein Sinnen und Träumen, all sein Dichten und Trachten, seine ganze Seele zu hängen, um mit einer Leidenschaft nach ihm zu streben, die Tod und Verderben trotzt!

O, nur ein reifer Mann kann lieben!“

Markholm legte mit einem tiefen Seufzer den Kopf auf die Lehne des Ruhebettes zurück und dann bedeckte er sein Antlitz mit beiden Händen. Er blieb lange so; ein paar Tropfen rieselten langsam an den Händen nieder, die über seinen Augen lagen. Dann sprang er plötzlich auf, stampfte mit dem Fuß den Boden und murmelte zwischen den Zähnen:

„Genug! Fort damit. Ich will Allem unwiderruflich ein Ende machen. Ich will meine Schiffe hinter mir verbrennen, um meiner selbst sicher zu sein.“ –

Als Max vorher das Haus verlassen hatte, wanderte er in dem Garten auf und ab und dann schlug er, heiter und ohne alle Ahnung, welchen Sturm er in seinem Onkel hervorgerufen hatte, eine Opernmelodie trällernd, den Weg zwischen den Wiesen nach dem Wäldchen ein.

In der Mitte der Allee, welche durch dieses Gehölz führte, war zur Seite eine Rasenbank angebracht. Als Max in die Allee einbog, erblickte er ein weibliches Wesen auf der Bank, nach einigen Schritten erkannte er, daß es Elisabeth war.

Sie saß dem Anschein nach völlig versunken in eine alte Pergamenturkunde, die aufgerollt in ihrem Schooße lag.

Max trat ihr nahe und begrüßte sie mit einer tiefen Verbeugung.

„Sie hier, mein Fräulein?“ sagte er.

„Finden Sie, daß ich zu oft in Ihr Gebiet eindringe, Herr von Markholm?“ versetzte sie.

„O, ganz und gar nicht, und wenn mein Onkel wüßte …“

„Wenn er wüßte,“ fiel Elisabeth den Neffen mit ihrem großen Blicke anschauend ein, „was ich hier habe, so würde er mir freilich nicht zürnen, daß ich schon wieder komme, ihn zu stören.“

„Sie stören ihn gewiß nicht, ich bin ganz überzeugt, daß er Sie freudig bewillkommnet, auch ohne das alte Pergament da! Was ist es? es sieht mit seinen wurmzerfressenen Siegelkapseln respectabel genug aus. Es ist doch nicht gar die famose Lehnsurkunde …“

„Ich weiß es nicht,“ fiel Elisabeth ein. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und helfen Sie mir es lesen. Wenn ich doch nur mehr Latein könnte … und diese alte Schrift ist so schwer zu lesen!“

Max schien nicht zu wagen, der Einladung, sich neben Elisabeth zu setzen, Folge zu geben; aber er beugte sich über sie und sagte nach einer Weile:

Anno domini millesimo quingentesimo tertio, in profesto nativitatis … das bring’ ich heraus.“

„So klug bin ich auch!“ fiel Elisabeth lächelnd ein, „ich lese sogar noch ein wenig mehr und sehe, daß hier feudum oblatum in curia nostra apud turrim Sancti Petri steht … auch hat mein Vater, der freilich leider auch kein Latein versteht, mir gesagt, daß es vielleicht die richtige Urkunde sei und daß ich sie immerhin Herrn von Markholm zeigen solle, er werde am besten daraus klug werden …“

„Woher haben Sie das Document?“

„Der Rentmeister hat es mir gegeben, er hat es erst heute Morgen zwischen seinen alten Papieren gefunden.“

„Sollte man ein so wichtiges Blatt zwischen alten Papieren vergessen haben?“

„Warum sollte das nicht möglich sein?“

„Und Ihr Herr Vater selbst hat Sie aufgefordert, es meinem Onkel zu zeigen, der freilich vortrefflich mit dem alten Zeuge umzugehen versteht?“

„Eben deshalb!“ versetzte Elisabeth, ihn mit einem ihrer sprechenden Blicke ansehend. Sie brauchte die stolz und kühl gesprochenen Worte: „Mein Vater ist ein Ehrenmann!“ nicht hinzuzusetzen, sie lagen vollständig in diesem vorwurfsvollen Blick.

Trotzdem mochte Max die Sache für unwahrscheinlich halten und sein Urtheil über Elisabeth’s Vater mochte auch nicht so fest stehen, wie sie es aussprach. Er schüttelte den Kopf und erwiderte:

„Ich wünsche von Herzen, daß das Document das richtige sein möge; aber wenn es nicht der Fall wäre und also damit Alles geschlichtet, so möchte ich Sie um Eines bitten.“

„Und was ist das?“

„Daß Sie mich des Wortes entbinden, welches Sie mir an diesem Morgen abnahmen, als ich die Ehre hatte, Sie zu geleiten.“

Elisabeth sah lebhaft auf.

„Weshalb wollen Sie nicht in der kleinen Verschwörung mit mir bleiben? Ich habe Ihnen gesagt, wie sehr mir daran gelegen ist, jetzt, wo der Zufall mich mit Ihrem Onkel bekannt gemacht hat, ihn mit meinen Eltern zu versöhnen, den bittern Haß allmählich in Frieden und Versöhnung zu wenden. Sie selbst haben mir eingeräumt, daß ich dies nicht kann, wenn Ihr Onkel weiß, daß ich nicht Elisabeth Kramer, die Tochter des Pfarrers, bin, für die er mich hielt, sondern Elisabeth Morgenfeld, die Tochter des Mannes, den er am meisten auf Erden haßt.“

„Es ist wahr,“ versetzte Max, „und deshalb habe ich auch eingewilligt, gegen meinen Onkel zu schweigen, ihm seinen Irrthum nicht aufzuklären … aber es ist etwas, was mir die Sache bedenklich macht.“

„Und das ist?“ fragte Elisabeth, gespannt in seine Züge blickend.

Max erröthete leicht; er suchte offenbar nach Ausdrücken für das, was er sagen wollte.

„Es könnten,“ sagte er ein wenig stotternd, „Gefahren damit verbunden sein für meinen armen alten Onkel“ – dem zweiundzwanzigjährigen Max kam der Onkel natürlich wie ein Methusalem vor – „mit einem solchen Incognito-Verkehr zwischen Ihnen und ihm.“

„Gefahren?“

Elisabeth blickte groß und ernst in Maxens Züge bei diesem Wort, als ob sie allen Gefahren mit der ernstesten Seelenruhe in’s Auge sehen wolle.

[307] „Man weiß nicht,“ fuhr Max fort, verlegen unter diesem Blicke zu Boden schauend, „ob nicht die Friedensmuse, die zu ihm kommt, ihm mehr innern Kampf bringen könnte, als der Kriegszustand … mein Onkel ist trotz seiner anscheinenden Ruhe und Gleichgültigkeit doch – ein Poet, d. h. ein Mann, in dem große Leidenschaft schlummern muß …“

Elisabeth sah fortwährend Max an. Ihr Blick hatte etwas Kaltes, Forschendes … sie schien seine innersten Gedanken lesen zu wollen.

„Haben Sie mir noch weiter Etwas darüber zu sagen, Herr von Markholm?“ frug sie dann frostig.

„Hab’ ich Sie verletzt?“ fiel lebhaft Max ein … „verzeihen Sie mir, ich glaubte reden zu müssen, denn ich fand das Wesen meines Onkels seit einigen Tagen ein wenig verändert … und ich darf mich keines Betrugs gegen ihn schuldig machen – ich darf mich nicht dem Vorwurf von ihm aussetzen: wie konntest Du mich in einem solchen Irrthum lassen? … Sie sehen, mein Fräulein, daß ich mich heute Morgen in ein Versprechen einließ, welches ich nicht hätte geben dürfen. Aber Sie überrumpelten mich, ich hatte nicht nachgedacht …“

„Nun wohl,“ sagte Elisabeth mit einem Seufzer, „so muß ich meine Friedensversuche aufgeben. Wenn Ihr Onkel erfährt, daß ich Elisabeth Morgenfeld bin, so wirft er mich zur Thür hinaus.“

„Möglich! Doch glaube ich eher,“ erwiderte Max lächelnd, „Sie dürften es dreist darauf ankommen lassen!“

Der scherzhafte Ton, in welchem Max dies sprach, schien Elisabeth unangenehm zu berühren. Sie machte etwas wie eine verächtlich abwehrende Bewegung mit der Schulter.

„Lassen Sie noch heute die Dinge, wie sie sind,“ sagte sie dann. „Für morgen entbinde ich Sie Ihres Wortes.“

„Ich danke Ihnen.“

Elisabeth stand auf.

„Ich will ihm jetzt das Document bringen,“ sagte sie, indem sie ihren Weg fortsetzte.

„Ich bin sehr neugierig darauf, als was es sich herausstellt,“ versetzte Max, indem er an ihrer Seite dem Hause des Onkels zuschritt.

Elisabeth war schweigsam während des Weges. Es schienen allerlei Gedanken auf ihrer großen, gewölbten Stirn zu arbeiten. Die Gedanken eines Mädchens, dem man sagt, das Wesen eines Mannes sei verändert, seit er es gesehen … dem dies ein Neffe sagt, welcher der Erbe dieses Mannes, eines unverheiratheten Onkels ist!

So ruhig und klar auch das ganze Wesen Elisabeth’s war, so selbstbewußt und ohne Scheu sie einfach that, was sie für das Richtige hielt, aussprach, was sie dachte, und sich gab, wie sie war, trotz all ihrer Unbefangenheit fühlte sie doch jetzt eine eigenthümliche Scheu, als sie Markholm’s kleinem Hause näher kam. Sie fühlte eine Scheu, eine innere Unsicherheit über sich gekommen, daß sie gern zurückgekehrt wäre.

Aber es war nicht mehr möglich. Markholm, hatte die beiden jungen Leute durch den Garten heraufkommen sehen. Er stand am Fenster seines Arbeitszimmers.

So nahm sie ihren Muth zusammen und schritt die Steinstufen zur Glasthür des Salons hinan … Max folgte ihr und es war ihr angenehm, daß er ihr folgte.

„Sie werden mich überlästig finden, Herr von Markholm,“ sagte sie, als dieser aus seinem Arbeitszimmer in den Salon ihr entgegentrat – „aber …“

„Fräulein Elisabeth glaubt das famose Document ergattert zu haben!“ fiel Max ein.

Sie reichte ihm das Pergament, ihre Hand zitterte dabei ein wenig.

Max beobachtete, daß sein Onkel das Pergament mit einer auffallenden Gleichgültigkeit annahm, er legte es still auf den Tisch vor dem Sopha und rückte dann diesen Tisch ein wenig, um Elisabeth mehr Raum zu schaffen, sich auf dem Sopha niederzulassen.

„Setzen Sie sich, bitte!“ sagte er eintönig und nahm dann lässig das Document auf, an dem er zunächst die an kleinen Pergamentstreifen hängenden Siegel betrachtete.

„Gieb mir einen Stuhl, Max … woher haben Sie das Document?“

Seine Stimme hatte etwas eigenthümlich Gedämpftes, Lässiges. Elisabeth sagte sich, daß etwas Besonderes in ihm vorgegangen sein müsse. Max fixirte aufmerksam seine Züge.

„Mein Vater hatte es! Es ist unter alten Blättern gefunden,“ versetzte Elisabeth auf seine Frage, ohne weitere Erklärungen zu geben.

Markholm rollte das große altergebräunte Blatt auseinander und begann zu lesen.

Nach einer Weile sagte er: „Das ist eine Lehnsurkunde, die weit über das Alter derer, auf welche es in meinem Processe ankam, hinausgeht. Es ist eine Belehnung meines Vorfahren Friedrich Godebert von Markholm mit einem Burgmannshof zu Wessenbach. Es hat nur noch einen historischen Werth für die Familie und die Landesgeschichte.“

Elisabeth nahm die Urkunde mit einem Seufzer der Enttäuschung zurück, als er sie ihr über den Tisch hinreichte.

„Ich dacht’ es mir!“ sagte Max.

„Und ich,“ sagte Elisabeth schmerzlich lächelnd, „glaubte schon, eine wahre Vorsehung habe es mir in die Hände gespielt!“

„Man traut immer ein wenig zu viel auf die Vorsehung! Max, sei so gut, aus meiner Bibliothek die Abschrift der rechten Urkunde zu holen, ich will sie dem Fräulein zeigen.“

Max ging, um den Wunsch des Onkels zu erfüllen, während Elisabeth sagte: „Besitzen Sie denn eine Abschrift?“

„Eine Abschrift freilich!“

„Und reichte die nicht hin, um …“

„Eine bloße unbeglaubigte Abschrift? Wie sollte sie! So Etwas kann sich Jeder anfertigen.“

Als Max zurückkam, legte er einige Blätter vor ihm auf den Tisch, ein dünnes verbleichtes Heft, das seinem Aeußern nach etwa hundert Jahre alt sein mochte. Markholm schlug es auf, und indem er es vor Elisabeth hinlegte, zeigte er ihr eine Stelle darin.

„Sehen Sie, hier heißt es mit deutlichen Worten:

,Und so es sein sollte, daß einer des Stammes meines ältesten Sohnes Johann Godebert zu seinen Vätern heimbginge, ohne eine rechte ehelige männliche Descendenz, oder doch ohne Söhne, so zu Schild und Helm geboren, zu hinterlassen, so sollen diese ob- und vorbesagten Lehne übergehen und in dieselbigen succediren meines zweiten Sohnes Georg Andebrecht Stamm, nach derselbigen Linear-Erbfolge mit dem Rechte der Erstgeburt u. s. w.‘

„Wenn Sie wieder eine Urkunde finden, Fräulein,“ setzte Markholm lächelnd hinzu, „so sehen Sie zu, ob diese Worte darin stehen … dann allerdings könnten Sie mich damit sehr verpflichten.“

Elisabeth betrachtete das Heft, und las den Eingang und den Schluß. Dann sagte sie:

„Es ist also ganz und gar kein Zweifel, daß Ihnen die Markholm’schen Güter gehören?“

„Nein,“ fiel Markholm ein, „wenn nur das Original dieser Urkunde beizubringen wäre. Ich bin der Urenkel jenes zweiten Sohnes, und der Enkel des ältesten ist ohne männliche Descendenz vor drei Jahren gestorben.“

Max hatte sich während dieser Unterhaltung entfernt. Elisabeth stützte ihren Arm auf den Tisch und rieb sich wie in Gedanken versinkend leise die weiße Stirn.

„Und dennoch,“ hub Markholm nach einer kurzen Pause wieder an, sich in seinen Stuhl zurückwerfend und seine Arme über der Brust verschlingend, „mag etwas Providentielles dabei sein, wenn Ihnen gerade heute Etwas in die Hände fiel, das Sie veranlaßte, zu mir zu kommen; ich hatte eben beschlossen, eine Unterredung mit Ihnen zu suchen, und daß Sie derselben so entgegenkommen, muß ich mir als einen Wink deuten, daß dieser Entschluß ein guter war.“

Elisabeth sah auf und Markbolm an … ein Gepräge innerer Beunruhigung lagerte sich auf ihre Züge.

„Was wollten Sie mir sagen?“ sagte sie leise und sanft.

„Ich wollte Ihnen von meinem Neffen reden. Ich wollte Ihnen erzählen, wie ich ihn erzogen habe, und wie sehr er mir wie ein guter Sohn gewesen ist; wie sein Glück mir am Herzen liegt gleich dem eines Sohnes. Ich wollte Ihnen seine Eigenschaften [308] schildern, und Ihnen sagen, wie viele Bürgschaften er giebt, die Frau, die vertrauensvoll ihre Hand in die seine legt, glücklich zu machen.“

Markholm hielt eine Weile inne, während deren seine Brust sich hob, als wenn er nach Athem ränge. Seine Züge waren sehr bleich, seine Blicke von Elisabeth abgekehrt, sie irrten durch die offene Glasthür in’s Freie hinaus.

„Ich wollte Ihnen vieles sagen,“ fuhr er fort, „was, ich weiß nicht weshalb, mir jetzt … es wird meine Bewegung bei dem Gedanken an die ganze Zukunft Maxens sein … kurz, Sie sehen, ich bin nicht in der Verfassung, lange und geordnete Reden zu halten in diesem Augenblicke und wozu auch? Sie kennen Max, er ist so glücklich Ihre Neigung gefunden zu haben … und um zum Schlusse zu kommen: ich werbe um Ihre Hand für ihn … wenn ich nicht schon zu spät komme, wenn er selbst nicht schon darum geworben und Ihr Jawort erhalten hat. Dann lassen Sie mich Ihnen nur sagen, daß mich diese Verbindung sehr … sehr glücklich machen würde!“

Markholm waren die hellen Tropfen Schweißes auf die Stirn getreten bei dieser Rede. Er nahm sein Tuch, um sie abzuwischen, und sah dann mit einem scheuen Blick zu Elisabeth herüber.

Hatte Elisabeth ihn je mit großem fragendem Blicke angesehen, so that sie es jetzt. Aber zugleich lag etwas wie eine große, beinahe unwillige Enttäuschung auf ihren Zügen, sie sagte:

„Sie werben um meine Hand für Ihren Neffen? das ist überraschend für mich … und doch, ich kann es erklären. Aber ehe ich antworte, muß ich ein Mißverständniß aufhellen … verzeihen Sie mir, daß ich mir eine Täuschung habe gefallen lassen, welcher Sie sich in Beziehung auf mich hingaben … meine Gründe waren gute und ehrliche, und darum zürnen Sie mir nicht … ich bin nicht, wofür Sie mich halten … versprechen Sie mir, daß Sie mir nicht zürnen, daß Sie ruhig meine Gründe anhören wollen, weshalb ich Sie in dem Glauben ließ, ich sei die Tochter des Pfarrers … denn die bin ich nicht – ich bin Elisabeth von Morgenfeld!“

„Das weiß ich!“ versetzte Markholm ruhig.

„Das wissen Sie?!“

„Freilich! Glauben Sie, ich sei so naiv, eine Dame wie Sie lange für die Tochter eines Landpastors zu halten?“

„Aber mein Gott, weshalb …“

„Weshalb ich das nicht sagte? Wozu? Unser Verkehr war viel unbefangener so. Wir konnten den alten Hader zwischen mir und Ihren Eltern unberücksichtigt lassen. Es war nicht ganz recht von Max, daß er mich täuschen wollte, daß er, um seine häufigen Ausflüge zu Ihnen, um das unverkennbare Wesen des Verliebten zu erklären, mit dem ich ihn neckte, mir von dem Pfarrhause erzählte, von der Elisabeth des Pfarrers! Der arme Junge, er glaubte sicherlich, ich werde ihn aus Zorn erdrosseln, wenn er mir gestehe, daß er Elisabeth von Morgenfeld liebe! Aber mögen Sie immerhin Elisabeth von Morgenfeld heißen … Sie haben an der Eltern Schuld keinen Theil, ich achte und verehre Sie, welchen Namen Sie auch tragen mögen … das Glück, welches Sie meinem Neffen bringen werden, wird auch mein Glück sein … und indem Sie ihm Ihre Hand gewähren, vollziehen Sie einen großen Act der Sühne – Sie bringen die Stammgüter unserer Familie an den rechten Erben!“

Elisabeth schien vor Betroffenheit verstummt zu sein … dann sagte sie plötzlich sehr lebhaft:

„Aber mein Gott, Ihr Neffe liebt ja wirklich Elisabeth Kramer, meine Freundin, bei der ich ihn kennen lernte, wenigstens gestand sie mir, daß sie …“

„Thorheit … wie könnte er eine Andere lieben als Sie!“ sagte Markholm achselzuckend. „Glauben Sie mir, ich bin nicht blind für so Etwas!“

Elisabeth stand auf.

„Und welche Antwort geben Sie mir?“ fragte Markholin tonlos und leise.

„Keine, keine … ich kann Ihnen keine geben in diesem Augenblick,“ versetzte sie hastig, „ich bin zu betroffen von dem, was Sie mir gesagt haben … ich muß Zeit finden, mich zu fassen, mir selbst klar zu werden! … Leben Sie wohl … Sie sollen eine Antwort haben … bitte, begleiten Sie mich nicht, ich will allein sein!“

Mit diesen rasch hervorgesprudelten Worten eilte sie davon, ihre Urkunde vergessend, zur Salonthür hinaus und den breiten Gartenpfad hinunter.

„Wie konnte sie nur so seltsam überrascht von dieser Werbung sein?“ fragte sich Markholm verwundert.

Sie ging rasch, durch den Garten, durch die Wiesen, in die Allee im Wäldchen hinein. Auf der Rasenbank warf sie sich nieder. Hier holte sie tief Athem.

„Sollte er mich wirklich lieben?“ sagte sie sich endlich, nach langem Versunkensein in ihren Gedanken, „sprach die Eifersucht auf den Onkel aus ihm, als er vorhin sein Versprechen zurückforderte? wollte er mir dadurch unmöglich machen, Markholm wieder zu sehen? Und Markholm wirbt um ihn? .. er wirbt um ihn, um die Güter zurückzubekommen!!“

„Freilich,“ sagte sie nach einer Weile, „was liegt Schlechtes, Verkehrtes darin? Kann es ein besseres Arrangement geben? … wird nicht Jedermann sagen, es sei das Vernünftigste, was geschehen könne? ist es nicht meine Gewissenspflicht, die Werbung anzunehmen? … meine Eltern haben ja doch so unzweifelhaft Unrecht … er ist beraubt … schändlich beraubt … ich habe mich mit meinen eigenen Augen eben davon überzeugen können … es giebt für mich nur ein Handeln hier … mein Gewissen läßt nur eine Antwort zu …“

„Ich kann mir auch denken, daß meine Eltern über eine solche Art, den Zwist beizulegen, sehr erfreut sein würden, ja, sie würden es ein Glück, ein großes Glück nennen … sie müssen ja ohnehin fürchten, daß die richtige Urkunde eines Tages gefunden wird; welche Demüthigung, welches Unglück für sie! … welche Beruhigung würde es für sie sein, wenn ich sie für immer vor einem solchen Schicksale sicherte … ihren Herzen, ihren zweifelnden Gewissen alle Ruhe zurückgäbe … und gewiß, sie würden es als ein großes Glück betrachten!“

Elisabeth seufzte tief und schwer auf und blickte mit dem Ausdruck tiefer Verzweiflung starr die gelben Laubblätter an, welche der Herbst ihr zu Füßen geworfen.

[321] „Ist Fräulein Elisabeth gegangen?“ fragte Max, als er nach einer Pause wieder in den Salon trat … „aber was ist Dir, lieber Onkel, bist Du nicht wohl?“

Er sah Markholm wie eine Bildsäule dastehen, die rechte Hand auf die Lehne des Sessels gestützt, in welchem er Elisabeth gegenübergesessen, die Linke schlaff herabhängend, todtenbleich und leise die Lippen bewegend.

Markholm sah auf. Er fuhr mit dem Tuch über seine feuchte Stirn und sagte dann:

„Nicht wohl? O doch, mir ist ganz wohl.“

„Aber Du siehst so bleich und verstört …“

„Es ist nichts. Ich hatte nur einen meiner Anfälle von Herzklopfen. Hole mir Wasser!“

Max eilte davon.

„Fassung und Ruhe!“ sagte sich Markholm. „Geben wir diesem jungen Manne kein fatales Beispiel. Er darf nicht ahnen, daß ein Sieg, den ein Mann über sich selber erringt, nicht sofort mit der schönsten und angenehmsten Empfindung des Selbstbewußtseins belohnt ward; daß man recht gründlich elend werden könne durch solch einen Sieg!“

Max kam mit Wasser zurück, Markholm trank und stellte sich an die Glasthür, so daß er Max halb den Rücken zuwandte, als er in’s Freie blickend sagte:

„Ich habe Dich wohl ein wenig erschreckt, armer Junge, als ich gestern Abend meine Unzufriedenheit über Dein Verhältniß zu Elisabeth aussprach …“

„In der That, Onkel, ich begreife Dich nicht, da Du doch vorher …“

„Du hast Recht und es war auch mein Ernst nicht; Du kannst Dich beruhigen, ich habe soeben selbst bei Elisabeth um ihre Hand für Dich geworben.“

„Was?!“ rief Max aus, „Du hast …“

„Ich selbst –“

„Aber um Gotteswillen …“

„Zürnst Du mir, daß ich Dich nicht selbst das thun ließ? Ich meine, meine väterlichen Rechte über Dich …“

„Aber um Gotteswillen, Onkel, Du hast doch nicht bei Elisabeth, der Elisabeth, die eben hier war, für mich geworben?“

„Bei Elisabeth von Morgenfeld,“ versetzte Markholm, sich mit einem schmerzlichen Lächeln zu Max wendend, „glaubst Du, ich hätte Eure kleine Komödie nicht durchschaut? Ich vergebe sie Euch, denn ich mag mich sehr leidenschaftlich und heftig über die Morgenfelds geäußert haben …“

„Onkel, Onkel, was hast Du gethan!“ rief Max entsetzt aus.

„Aber was hast Du denn, was erschreckt Dich dabei? … Elisabeth hat meine Werbung aufgenommen, wie ein Mädchen das zu thun pflegt, die Erschrockene gespielt, sich Bedenkzeit, um über ihre Gefühle klar zu werden, erbeten … sie wird Dir das Jawort geben, ich zweifle nicht daran!“

„Bei allen Göttern der Unter- und der Oberwelt, das fehlte noch!“ rief Max verzweifelnd aus … „Elisabeth von Morgenfeld mir das Jawort geben … O mein Gott, wenn sich doch ein Poet nicht in solche Sachen mischen wollte … Ihr mögt Liebesintriguen, Tragödien und Komödien in die Wolken bauen, so viel wie Ihr wollt, doch in die, welche sich hier auf der festen Erde wirklich begeben, solltet Ihr Euch nicht mischen!“

„Aber Max, Du wirst grob … was zum Henker sagst Du, was verdrießt Dich an dem Schritt, den ich Deinetwillen that?“

„Und wenn sie nun Ja sagt, dann soll ich sie auch wohl heirathen, muß sie heirathen, damit wir die Güter, an denen Du hängst, erhalten …“

„Nun, gewiß wirst Du sie heirathen, ganz sicherlich!“

„Und ich sage Dir, ich werde mich eher begraben lassen.“

„Aber so sag doch …“

„Mein Gott, Du bist in dem beklagenswerthesten Irrthum, wenn Du glaubst, ich hätte mir jemals eine Täuschung gegen Dich erlaubt, ich hätte mich jemals einen Pfifferling um diese Deine Elisabeth gekümmert; ich habe mich längst mit Elisabeth Kramer verlobt, und nun siehst Du, was Du angefangen hast!“

„Ist das in der That wahr … Deine Pfarrerstochter ist wirklich keine Mythe?“ sagte Markholm tief erschrocken.

„Mythe! So sag’ mir um Gotteswillen, wie konnte Deine kranke Poetenphantasie Dir eingeben, sie sei eine Mythe?“

„Eine kranke Poetenphantasie!“ wiederholte Markholm mit blasser Lippe … aber dann plötzlich kehrte eine helle Röthe in seine Züge zurück. „Großer Gott, dann wäre ja Alles, Alles gut …“ rief er aus.

„Was wäre gut?“ fiel Max ein, „ich meine, es kann gar nicht schlimmer sein! Sag’ mir nur, wie kamst Du auf die unglückliche Idee?“

„Wie ich darauf kam? Ich konnte ja gar keine andere fassen! Wenn ich von Elisabeth sprach, sagtest Du mir jemals, daß dies nicht Deine Elisabeth sei?“

„Anfangs glaubte ich auch, Du seiest der meinigen begegnet, [322] als ich die Verwechselung merkte, diesen Morgen, bat sie, die Deinige“ – Max betonte das fast ironisch – „mich, Dich im Irrthum zu lassen …“

„Und dann Euer Vielliebchen – die Aufmerksamkeit, womit sie Dein Portrait dort betrachtete … Alles das konnte mich ja nicht zweifeln lassen!“

„Ein Vielliebchen hatte ich mit ihr in der Pfarre gegessen.“

„Und nun gar,“ fuhr Markholm fort, „Dein Eingeweihtsein in die Vorgänge zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder … konnte ich glauben, sie habe das einer Bekannten erzählt, die es Dir wieder geplaudert? …“

„Aber das hat mir in der That, wie ich Dir sagte, Elisabeth Kramer anvertraut … aber nun sag’ mir, wie entdecktest Du, daß sie nicht Elisabeth Kramer sei, sondern …“

„Wenn Du es mir nicht übel nehmen willst, ich sah eben sehr bald, daß sie keine Land-Pfarrerstochter sein konnte. Und wer konnte es denn anders sein, als Elisabeth von Morgenfeld? Andere Damen wohnen nicht in unserer Nachbarschaft, so viel ich weiß. Auch vertheidigte sie Morgenfelds viel zu eifrig für eine Fremde. Sie kam ja auch immer aus der Gegend her, wo Haus Markholm liegt.“

Max hatte sich in seiner Verzweiflung in das Sopha geworfen, sein Onkel schritt in großer Bewegung auf und ab. Nach einer längern Pause sagte er: „Beruhige Dich, Max, was geschehen ist, ist geschehen, aber es ist nicht so, daß es nicht wieder gut zu machen wäre.“

„Gut zu machen … wenn sie nun Ja sagt, so soll wohl ich die angenehme Aufgabe erfüllen, ihr zu sagen: ,mein Fräulein, es war ein Irrthum meines trefflichen, aber leider in seinen poetischen Paroxysmen nicht ganz zuverlässigen Onkels, ich will Ihre Hand nicht, ich mag sie nicht!‘?“

„Nein, nein, das sollst Du nicht!“

„Ich soll sie annehmen, ihre Hand, um der Güter willen?!“

Markholm sah ihn schweigend an; mit einem zerstreuten Blick, als habe er Maxens Ausruf gar nicht gehört.

„Ich will,“ sagte er dann halb wie für sich, „ich will selbst zu ihr gehen, augenblicklich!“

„Du wolltest … zu ihr gehen? … nach Haus Markholm? … zu diesen Morgenfelds?“

„Auf der Stelle!“

Markholm ging, um sich anzukleiden zu dem Besuch, und Max sah ihm verwundert nach.

„Er nach Haus Markholm! Das ist wunderbar! Welcher Geist ist in ihn gefahren? Aber wenn er auch Erd’ und Himmel in Bewegung setzt, verkaufen laß ich mich nicht!“

Markholm war nach wenig Augenblicken draußen. Er schlug den Weg ein, welchen wir ihn so oft gehen sahen. Am Schlagbaume wandte er sich rechts; am Saume seines Gehölzes lief hier ein schmaler Fußpfad, derselbe, den er zweimal Elisabeth kommen sah; er führte in einen Hohlweg, von diesem in einen schönen, von Zweigen überwölbten Weg durch den Wald; am Ende dieses Weges sah man eine Wiesenfläche vor sich, und in der Mitte derselben, aus breiten Wassergräben, Haus Markholm sich erheben; nach rechts und nach links hin liefen zwei Alleen hoher Pappeln vom Hause aus, der Hintergrund wurde von Obstgärten und einer Parkanlage gebildet.

Markholm schritt rüstig dem jetzt durch die Wiesen laufenden Wege nach, gelangte bald an eine alte steinerne Brücke, die an das Thor eines grauen Vorbaues führte, über dem in zerbröckelndem Sandstein eine Reihe Wappen angebracht waren. Durch eine Thorwölbung kam er in den Hof; um eine mit Blumenstöcken geschmückte kleine Rasenfläche herum, auf reinlich gehaltenem Kiespfade, schritt Markholm auf das große, in Bruchsteinen aufgeführte Gebäude zu, das rechts stand, ein Bau aus dem Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, hoch und massig und sehr schucklos, die große Freitreppe und das schwere Portal darüber bildeten die einzigen Verzierungen des Baues.

An den Blumenbeeten auf der Rasenfläche war ein Gärtnerbursche beschäftigt, der herankam und nach Markholm’s Begehren fragte, als dieser die Portaltreppe erreicht hatte.

„Ich wünsche Fräulein von Morgenfeld zu sprechen.“

Der Bursche ging vorauf und öffnete die Portalthür vor Markholm. In der großen Halle, von der die Treppe in zwei Flüchten nach oben lief, saßen mehrere weibliche Domestiken mit Einmachen von Gemüse beschäftigt, sie hatten sich dazu um einen Tisch neben der Thür unter dem großen Fenster etablirt.

„Der Herr wünscht zum gnädigen Fräulein!“ sagte der Bursche und ein zierliches Kammermädchen erhob sich mit der Frage: „Wen soll ich melden?“

„Sagen Sie nur, ein Herr aus der Nachbarschaft wünsche das Fräulein zu sprechen.“

Die Zofe verschwand in einem Seitengang … Markholm blickte ihr nach, ohne seine Augen auf eine Umgebung zu werfen, die ihn in anderer Stimmung so sehr angezogen und seine Blicke gefesselt haben würde … das Schloß seiner Ahnen, schien es, ließ ihn in diesem Augenblicke völlig gleichgültig. Nur den kleinen Haufen von Stronzianitsteinen nahm er wahr, der zur Seite an der Wand aufgeschichtet lag.

Gleich darauf kehrte die Zofe zurück und bat ihn, zu folgen. Am Ende des Ganges öffnete sie eine hohe dunkle Thür vor ihm.

„Im zweiten Zimmer!“ sagte sie.

Markholm schritt durch das erste, einen kleinen mit zwei Bücherschränken an den gegenüberliegenden Wänden ausgestatteten Raum; eine Portiere öffnete sich vor ihm und Elisabeth erschien unter den Falten derselben.

„Sie sind es!“ sagte sie tonlos und als ob sie erwartet hätte, daß er es sein würde. „Kommen Sie hierhin!“

Er folgte ihr und sah sich in einem mittelgroßen Zimmer, das sehr elegant eingerichtet und mit vielfachen Dingen gefüllt war, welche eine rege geistige Thätigkeit und einen lebhaften Beschäftigungsdrang der Bewohnerin andeuteten. Die grünen Vorhänge des zweiten Fensters waren weit zurückgeschlagen, um das Licht auf einen mit Zeichenmaterialien bedeckten Tisch fallen zu lassen. An einer Wand stand ein Tisch, der mit sauber geordneten Mineralien belegt war. Ein von einem Blumentisch getragenes kleines Aquarium stand in der Mitte; auf dem Eckdivan lagen mehrere Bücher, auch der runde Tisch davor war mit Büchern bedeckt.

Elisabeth nahm auf dem Eckdivan Platz und winkte Markholm sich ebenfalls zu setzen. Er schob einen Stuhl herbei, Elisabeth nahm ihm schweigend den Hut ab und stellte ihn neben sich auf den Divan. Dann sah sie fragend zu ihm auf.

Ihr ganzes Wesen hatte etwas Lässiges, Gedrücktes. Markholm durfte sich nicht gestehen, daß sein Besuch etwas Erfreuendes für sie habe, es lag durchaus keine Spur von Erfreutsein in der Art, wie sie ihn aufnahm.

„Ich komme mit einer eigenthümlichen Mission zu Ihnen, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er verlegen, „als ein Mann, der etwas gut zu machen und um Verzeihung für einen schweren Mißgriff zu bitten hat! Werden Sie mir verzeihen?“

„Und was haben Sie begangen?“ fragte Elisabeth aufblickend.

„Ich habe um Ihre Hand für meinen Neffen geworben, weil ich glaubte, daß er Sie liebe und daß Sie …“

„Daß ich …“

„Ich bin eines Besseren belehrt, Fräulein Elisabeth, mein Neffe ist außer sich über das, was ich gethan, und mich sehen Sie tief beschämt über meine Unbesonnenheit!“

„Er ist außer sich?“ rief Elisabeth lebhaft aus, „o nicht wahr, er liebt ja meine Freundin … ich wußte es ja, ich wußte es ja!“

„So ist es!“

„Und Gott sei Dank, daß dem so ist!“ sagte Elisabeth ihre Hände faltend, indem sie tief, tief Athem schöpfte und ihre Züge sich vor Freude rötheten.

„Werden Sie mir nun verzeihen?“

„Sie haben mir grausame Stunden bereitet, Herr von Markholm!“ sagte Elisabeth aus ihren großen Augen ihn vorwurfsvoll ansehend.

„Und die verzeihen, vergeben Sie mir nicht?“

Elisabeth seufzte tief auf. Sie antwortete nicht. Sie stand auf und sagte:

„Ich will in Allem das Gute sehen und auch mit diesem versöhnt sein, weil es uns Sie zugeführt hat. Lassen Sie mich, da Sie nun einmal unter unserem Dache sind, Sie zu meinen Eltern führen. Sie werden sie kennen lernen und dann, ich weiß es, wird Ihr Groll schwinden, Sie werden eine andere Ansicht der Sache gewinnen …“

[323] Markholm erhob sich nicht.

„Bitte, Fräulein,“ sagte er, „schenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör … ich möchte Sie auf eine andere Weise versöhnen mit dem, was Sie durch meine Unbesonnenheit gelitten haben können … dadurch, daß ich Ihnen sage, wie sehr ich selbst darunter gelitten habe!“

„Sie selbst?“ fragte Elisabeth mit ihrem forschenden Blick.

„Ich selbst,“ versetzte er, unsichern Tones und ihrem Blicke ausweichend, denn eine furchtbare Erregung hatte sich seiner bemächtigt, es war ihm, während er sprach, als hinge ein Schleier vor seinen Augen, als habe der ganze Raum um ihn sich in einen Nebel gehüllt, „ich … wie soll ich es Ihnen sagen? … ich meine, Sie müßten es erkannt haben, wie werth und theuer mir Ihre Freundschaft geworden in den wenigen Stunden, worin ich das Glück hatte, Sie zu sehen – Sie können aber nicht wissen, welch fürchterlicher Kampf mit mir selber den Worten, welche ich für meinen Neffen sprach, vorherging; wie entsetzlich schwer mir die Resignation auf den letzten Traum meines Glückes wurde – wie es mir das Herz brach, mir sagen zu müssen: Du bist ein alter Mann und mußt das Loos derer, für welche das Leben nur noch welke Blüthen hat, zu tragen wissen; laß das Glück denen, die jung sind: es wird ja immer denen gegeben, die es nach ihrem Werthe nicht zu schätzen wissen, die es übermüthig wie einen schuldigen Tribut des Schicksals entgegennehmen. Die, welche seinen ganzen unermeßlichen Werth zu erkennen wüßten, sind ja immer die Enterbten. Ich habe es über mich gewonnen, so zu mir zu sprechen, und um mir selbst den Rückweg abzuschneiden, habe ich überhastig zu Ihnen gesprochen, und doch wußte ich ganz und völlig, worauf ich damit verzichtete … wozu ich mir das Leben machte … zu einer grenzenlosen, nie endenden Qual! Ich hatte alle Glücksträume, Alles, Alles, was ich mir je in einer Frau ersehnt und was ich doch nie mehr zu finden hoffte, in Ihnen gesehen … ich hatte seit dem Augenblick, wo ich Sie zuerst erblickte, keinen andern Gedanken mehr als Sie; wie der ewige blaue Himmel war mir der Gedanke an Sie, über dem alles Andere nur noch wie flüchtige Wolken dahinzog; mit jeder Stunde wurde dies Gefühl mächtiger, unterjochender, leidenschaftlicher – es trug in einer Minute mehr in sich, als was ich früher je empfunden, es ward die ganze furchtbare Gluth eines – reifen Mannes. Und das Alles mußte ich bewältigen, niederkämpfen, ich mußte mich zum Lügner vor mir selber machen und das Höchste, Himmlischste, Größte, was je durch meine Seele geflammt, als etwas Thörichtes, Unberechtigtes, Nichtiges verdammen, fortzuschleudern, niederzutreten suchen … und ich fühlte doch, daß ich es nie, niemals werde vernichten und auslöschen können … und ich war unsäglich elend in meiner Kraft und in meinem Muth!“

Markholm hatte dies Alles leise und langsam, wie die Worte, die sein Gefühl aussprachen, suchend und sie nicht findend, gesprochen. Sein Gesicht war bleich, seine Züge gespannt, seine Fibern schienen zu zucken … er blickte mit einem ängstlichen, flehenden Ausdruck zu Elisabeth auf.

Sie sah ihn an mit Blicken, in denen mehr irgend etwas Anderes als Erstaunen zu liegen schien; sie fixirte ihn groß, starr, mit einem Ausdruck von Zerstreutheit … es hatte beinahe den Anschein, als ob sie das, was er sprach, gar nicht anhöre, ihn nur sprechen sehe. Ihr Gesicht hatte dabei all seine gewöhnliche leise Röthe verloren; aber es zeigte nichts von Aengstlichkeit und Verlegenheit, wie am heutigen Morgen, nur Staunen und fast Entrüstung.

„Elisabeth!“ rief er jetzt leidenschaftlich aus, ihr seine Hand hinstreckend, „und Sie sagen mir nichts … Sie haben kein einziges gütiges Wort für mich nach all der Qual, die ich Ihnen geschildert habe? …“

„Was soll ich Ihnen sagen auf dies Alles? Sie haben keine Frage daran geknüpft, auf die ich antworten müßte … Gottlob … thun Sie es auch nicht!“

„Elisabeth! das lautet unsäglich hart – das ist grenzenlos grausam!“

„Lassen Sie uns dies Gespräch enden,“ versetzte sie, und diesmal zitterte ihre Lippe, als sie sprach, „ich kann Ihnen nur sagen, daß es mich unaussprechlich unglücklich macht. Verlangen Sie nicht mehr von mir zu hören!“

„Und doch weiß ich es, ich muß von Ihren Lippen ein anderes Wort hören, denn es würde mich tödten, ohne ein anderes von Ihnen gehen zu müssen.“

„Nicht diese leidenschaftlichen Ausdrücke, Herr von Markholm, sie wirken auf mich nicht, aber Sie thun mir wehe, sehr wehe … mehr als ich Ihnen sagen kann, Ihnen sagen darf!“

Sie stützte die Stirn auf ihre Hand und Markholm sah, daß in ihre Wimpern feuchte Tropfen traten.

„Wenn Sie mir eine Wohlthat erweisen wollen, so verlassen Sie mich!“ sagte Elisabeth.

„So? … ohne eine andere Antwort … ohne eine leiseste Hoffnung?“

Elisabeth winkte ihm mit der Hand zu gehen … er konnte nicht anders, er mußte sie allein lassen … er mußte gehen … ohne Hoffnung.

„O mein Gott … ist das denn möglich?“ rief Elisabeth, als sie allein war, aus, die Hände wie in Verzweiflung zusammenschlagend, „ist es denn möglich, kann ein Mann für einen andern werben und in der folgenden Stunde uns glauben machen wollen, er selbst liebe uns … und das vermag Markholm – er, auf den ich Berge gebaut hätte … welcher Abgrund liegt da vor mir! Markholm! Kann ein Mann so an dem jämmerlichen irdischen Besitz hängen? War es nicht Alles, Alles Lüge, was er sprach … kam es nicht deshalb so schön, so langsam, so gesucht über seine Lippen wie eine Liebeserklärung, die er für einen seiner Romane ausarbeitet … hätte eine wahre Leidenschaft nicht anders, ganz anders gesprochen? Ein Mann wie Markholm – von einer redlichen Neigung beseelt – wie ruhig, wie selbstbewußt, wie sicher, daß jedes Weib auf Erden stolz darauf sein müßte, von ihm gewählt zu werden, hätte er gesprochen: ich biete Dir mit treuer Neigung meine Hand, mache mich glücklich, indem Du die Deine hineinlegst! So hätte eine wahre Neigung aus ihm gesprochen, schlicht und einfach wie der Ton der Wahrheit ist …. O mein Gott, welche bittere, bittere Stunde der Enttäuschung ist dies für mich! Auf wen noch bauen, auf welches Menschen Wort noch vertrauen nach dieser Stunde!“

Sie versank in tiefes schweigendes Sinnen, aus dem sie nach langer Zeit mit dem plötzlichen Ausruf: „Wenn es wahr wäre … es wäre zu fürchterlich, was ich ihm angethan! Aber nein, nein, nein … ein Mann, der liebt, kann nicht werben für den andern … o, mein Leben gäb’ ich für nur einen Blick in sein Herz!“ –

Max wartete lange, sehr lange auf des Onkels Rückkehr… Max war in aufgeregtester Spannung über das Ergebniß der Unterredung zwischen Markholm und Elisabeth, obwohl er sich zehnmal gesagt hatte, daß er völlig gleichgültig dagegen sei, daß der Onkel schlichten könne, was er angestiftet, daß er, Max, nun und nimmermehr sich zu einer Transaction auf Kosten seiner Neigung hergeben werde.

Maxens Ruhe war doch nicht so unerschüttert, wie er sich vorsagte. Max hatte seine Eitelkeit so gut wie jeder Andere, und es wäre wunderbar gewesen, wenn er die Möglichkeit, daß Elisabeth von Morgenfeld mit ihrer güterreichen Hand einen schmucken Jüngling wie ihn beglücken wolle, nicht als eine über seinem Haupte schwebende Gefahr betrachtet hätte, und der Onkel, hing er nicht mit dem zähen Familiensinn eines Poeten an jenen Gütern? Ihre Bedeutung ließ sich dieser Güterfrage auch gar nicht absprechen … sie fiel in’s Gewicht! Ach ja, sehr, sehr – der menschliche Dualismus, über den der Onkel unlängst Betrachtungen angestellt, fehlte auch in Maxens Brust nicht; da war allerdings eine recht aufrichtige treue Neigung für seine Elisabeth – aber der heimtückische Verstand hatte darüber nicht die Fassungskraft für die störende und beunruhigende Thatsache verloren, daß Landgüter ein ganz unberechenbar werthvoller Besitz sind!

Es wurde dunkel und der Onkel kam nicht. Die Zeit des Abendessens kam… Markholm erschien noch immer nicht.

„Das ist seltsam!“ sagte sich Max besorgt, „seine Freundschaft mit diesen Morgenfelds wird nicht gleich so innig geworden sein, daß sie ihn zur Nacht dabehalten haben! Es wäre das jedenfalls ein übles Omen für Dich, armer Max … aber ganz gewiß hätten sie dann wohl herübergeschickt und auch Dich, die Hauptperson bei der Sache, eingeladen!“

Beunruhigt ging Max, um den Onkel zu suchen … er ging den gewöhnlichen Weg nach Haus Markholm, bis an die [324] Stelle am Ende des Waldes, wo man den Edelsitz sich über seiner Wiesenfläche emporheben sah … das Haus lag im Mondschein dunkel und massig da; nur aus ein paar Fenstern im ersten Stock schimmerte mattes Licht. Max wanderte zurück, ohne vom Onkel etwas wahrzunehmen.

Als er dem eignen Hause wieder nahe war und durch den Mittelpfad des Gartens darauf zuschritt, sah er in dem durch eine Lampe erhellten Salon den Schatten eines Mannes sich vor den Fenstern hin- und herbewegen.

Er athmete erleichtert auf.

„Da ist er!“ sagte er, „in seinem Eisbärentrab im Zimmer auf und ab!“

Hastiger schritt er auf das Haus zu, und als er in den Salon trat, rief er aus:

„Gott sei gelobt, daß Du wieder da bist … ich war besorgt um Dich; Du bist so entsetzlich lange geblieben … hast Du so lange mit Elisabeth Morgenfeld zu verhandeln gehabt?“

„Nicht ganz so lange,“ erwiderte Markholm, indem er in seinem Auf- und Abschreiten blieb und das Gesicht den Fenstern zuwandte, wie um den forschend auf ihn gerichteten Blicken seines Neffen zu entgehen.

„Aber so sprich, lieber Onkel … welche Nachricht bringst Du von ihr?“

„Du kannst Dich vollständig beruhigen, ich habe Alles in’s Gleiche gebracht!“ versetzte Markholm so tonlos wie eben. Dabei ging er in das dunkle Nebencabinet, wo er zu ruhen pflegte, und warf sich hier auf die Chaise longue nieder.

Max sah ihm einen Augenblick erstaunt nach. Dann folgte er ihm und sagte:

„Onkel, willst Du nicht soupiren? es ist fast neun Uhr!“

„Soupire nur. Ich mag nicht! Laß mich allein!“

„Lieber Onkel, Du bist todtenblaß, wie ich eben sah, Du siehst verstört aus … ich kann mich nicht dabei beruhigen, daß Du mich fortschickst … Dir ist etwas zugestoßen. Bist Du unwohl geworden …? soll ich Dir –“

„Unwohl!“ lachte Markholm bitter auf, „in der That! Wenn den Menschen der ganze Daseinsjammer überfällt, so ist’s kein Wunder, daß ihm unwohl dabei wird! Geh und laß mich!“

„Onkel, lieber Onkel,“ rief Max, dessen ganze Zärtlichkeit für seinen zweiten Vater erwacht war, stürmisch aus, „wie kann ich Dich verlassen! Sag mir, ich bitte Dich, was Dir geschehen ist, was ich thun kann … ?“

„Du kannst nichts daran thun. Du kannst mir nur wohlthun, indem Du mich allein lässest!“

„Aber mein Gott, wenn Du mir doch anvertrauen wolltest, was … Du hast eine Scene, einen heftigen Streit mit Morgenfelds gehabt.“

„Nun so ungefähr … glaub’ das immerhin … man hat mich dort ein wenig zur Thür hinausgeworfen!“

„Ist das wahr?! Bei Gott, Onkel,“ brauste Max auf, „ich werde mich mit Morgenfeld schießen … oder, wenn nicht mit ihm, mit seinem Sohn …“

„Du bist ein thörichter Knabe … willst Du Dich schießen, so müßtest Du’s mit ihr, mit dieser Elisabeth thun.“

„Mit ihr? Sie hat Dich doch nicht – Onkel,“ rief Max, plötzlich von einem Blitz des Verständnisses durchzuckt, aus, „Du liebst Elisabeth und sie hat Dich zurückgewiesen …“

„Nun ja, und nun Du es weißt, laß mich allein.“

„Ahnt’ ich’s doch, dacht’ ich’s doch,“ sagte Max, „aber weil Du heut Morgen für mich warbest, gab ich natürlich den Glauben auf; wer hätte es danach noch denken können? Also doch! Und trotzdem hast Du für mich geworben? Armer, guter Onkel. Aber hör’ einmal, Onkel,“ rief Max mit verändertem Tone fast vorwurfsvoll aus, „das ist aber auch eine seltsame Geschichte, am Morgen wirbst Du für mich und am Nachmittage für Dich, das ist eine Art zu verfahren, wie sie mir noch nicht vorgekommen; wie kann man denn auf ein Mädchen so losstürmen, was mußte sie von Dir glauben, wie konntest Du ihr zumuthen, sogleich an Deine Neigung zu glauben, nachdem Du eben ihre Neigung für einen Andern gefordert! Onkel, Onkel, Du bist aber auch seltsam!“

[351] Markholm fühlte sich durch Maxens Worte sehr betroffen. Aber er schwieg.

„Es war ja ganz natürlich, daß sie sich darein nicht finden konnte,“ fuhr Max eifrig fort, „Du hättest das, was an diesem Morgen geschehen, erst in den Hintergrund treten, erst aus ihrem Gedächtniß verlöschen lassen müssen; wie konnte sie Dir denn glauben, Du liebtest sie, wenn …“

„Wahrhaftig, Du magst Recht haben,“ lachte Markholm bitter auf, „man kann ja den Frauen Alles glauben machen, nur die Wahrheit nicht.“

„Ach,“ sagte Max, der über das tiefe Leid seines Onkels auf das Schmerzlichste betroffen war und deshalb seinem Unmuth über das, was ihm dabei selbstverschuldet schien, nicht gebieten konnte, „Onkel, Du kannst gar nicht über Mädchen mitreden, das zeigst Du ja dadurch, wie Du’s so grenzenlos verkehrt bei ihnen anfängst! Romane kannst Du schreiben, wundervoll, Liebesintriguen spinnen, so ideal und fein und schön wie möglich, aber wenn Du Dich in die Praxis einlassen willst, so … nun, Du leidest genug darunter, und ich glaube in der That, viel zu viel; wenn Du den weiblichen Charakter kenntest, Du würdest gewiß nicht allen Muth fahren lassen! Ich weiß nicht, was zwischen Euch vorgefallen ist, aber ich glaube nicht, daß ein Mann, wie Du, gleich zu verzweifeln braucht, seine erste Werbung werde wie auch immer aufgenommen. Was hat sie denn gesagt? Zur Thür hat sie Dich hinausgewiesen? Ah bah! Das ist gerade ein gutes Zeichen!“

„Das ein gutes Zeichen?“ sagte Markholm, die Schulter zuckend. „Die Behauptung ist neu!“

„Nun ja, das beweist Leidenschaft, heftige Erregung … Sturm, wenn Du nur erst Sturm erregt hast, was willst Du mehr? Vielleicht hat es sie innerlich gekränkt, empört, daß Du durch Deine Werbung so rasch nach der andern sie um den Glauben an Deine Aufrichtigkeit gebracht hast; vielleicht hat sie Dir gezürnt, weil Du sie zweifeln gemacht an Dir, weil der Zweifel an Dir ihr etwas Schmerzliches ist …“

„Ach, thörichtes Zeug; spare Deinen Athem. Es bleibt mir nichts übrig, als diese Gegend zu verlassen und in der Welt Betäubung zu suchen. Ich bin zu tief getroffen!“

Max fand seinen Onkel für seine Trostgründe unzugänglich. Er ging, ihm Wein zu holen, und beredete ihn mit Mühe, etwas davon zu seiner Stärkung zu sich zu nehmen.

Markholm erhob sich dann.

„Laß uns zur Ruhe gehen, Max,“ sagte er. „Ich werde mich am besten fassen, wenn ich allein bin. Unterdeß beruhige Dich. Ich werde vielleicht bald die alte Resignation wiederfinden, den Sinn und die Stimmung, in der ich früher oft mit Platen mir sagte:

‚Mir, der ich bin ein wandernder Rhapsode,
Genügt ein Freund, ein Becher Weins im Schatten,
Und ein berühmter Name nach dem Tode!‘

Vielleicht! Gute Nacht!“

Markholm machte in der That am folgenden Tage hastige Zurüstungen zur Abreise. Maxens Ferien nahten sich dem Ende und er wollte ihn in die Stadt begleiten. Er war bleich und schweigsam, er sah aus wie tief erschöpft. Max freute sich, daß die körperliche Thätigkeit, welche jene Zurüstungen erforderten, ihm wider Willen eine Art Zerstreuung gewährte. Im Uebrigen sah Max, daß er ihm keine Stütze sein könne, und so ging er gleich nach Tische zum Pfarrhaus hinüber; er wollte die Sache mit seiner Elisabeth besprechen, er wollte sehen, was sich thun lasse, wenn seine Freundin mit Elisabeth Morgenfeld spreche und ihr den entsetzlichen Gemüthszustand Markholm’s in möglichst rührenden Worten schildere.

Kurze Zeit, nachdem Max gegangen, kam der Gärtnerbursche, den Markholm am vorigen Tage gesehen; er brachte einen Brief und ging gleich wieder; der Antwort bedürfe es nicht, sagte er.

Markholm riß mit zitternden Händen den Brief auf; es war eine klare, große und männlich feste Handschrift, in der er die Worte las:

„Ich habe gestern erkannt, wie sehr Ihnen der Besitz Ihrer Familiengüter am Herzen liegt, und dies Verlangen ist so natürlich, so wohl berechtigt, daß ich Ihnen nicht den leisesten Vorwurf machen darf. Und doch soll Eugen Markholm keinen ähnlichen Schritt wieder um dieser Güter willen machen! Ich habe einen festen Entschluß gefaßt. Nach der Verzichtleistung meines Bruders fallen mir einst diese Güter zu. Sobald dieser Augenblick eintritt, werde ich dieselben, ich verspreche Ihnen das auf Ehre und Gewissen, sofort an Sie übergehen lassen und Ihnen unverkürzt übergeben. Ich habe eine Aspectanz auf eine Stiftstelle und meinen Theil am Allodialvermögen meiner Eltern. Dies genügt mir vollkommen, ist mehr, als ich bedarf, viel mehr. Sie können mit dem besten Gewissen diese Ueberlassung eines Besitzes annehmen, welcher Ihnen von Rechtswegen, ich bin davon überzeugt, gehört, und ich wünsche, daß Sie es thun, ohne Dank.

Elisabeth von Morgenfeld.“     

Markholm las diese Zeilen, einmal, zweimal, dann ballte er das Papier krampfhaft zusammen und schleuderte es mit einem Ausruf des Zornes in die Ecke.

„Noch eine Beleidigung obendrein!“ sagte er dann und warf sich wie niedergeschmettert in seinen Stuhl, um lange, das Haupt auf die Hand gestützt, auf seinen Schreibtisch niederzustarren. Endlich erhob er das Haupt, stand langsam auf und holte das zerknitterte Papier aus der Ecke zurück, worin es lag. Er glättete es und legte es vor sich auf den Tisch.

„Es ist bei alledem seltsam,“ sagte er sich. „Sie ist gereizt, sonst würde sie nicht so beleidigend sein – tief gereizt!“

Markholm dachte an das, was gestern Abend Max zu ihm gesprochen.

„Und dennoch,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „schenkt sie mir die Güter, sie giebt mir so ohne Weiteres zwei Rittergüter, ohne einen Dank zu verlangen! Als ob ich sie nehmen würde, ihre Rittergüter!“ Er ergriff die Feder und warf hastig die folgende Antwort nieder:

„Ich war tief, tief verletzt, ich war grenzenlos elend. Ihr Brief giebt mir einen Trost. Er zeigt mir, daß wir uns nicht verstehen, gründlich nicht verstehen. Ich danke Ihnen. Die Uebertragung Ihrer Güter werde ich natürlich nicht annehmen. Ich würde sie nicht annehmen, auch wenn sie nicht in so beleidigender Weise geboten würde. Auch dann nicht; es konnte keine Rede davon sein!

Eugen von Markholm.“     

Er sandte dieses Billet sofort an Elisabeth ab. Nach einer Weile machte er sich Vorwürfe darüber.

„Du hättest nicht so brüsk sein sollen,“ sagte er sich … „wenn Max Recht hätte … diese seltsame Gereiztheit … wenn sie meine Hand ausschlägt, wozu dann noch beleidigen! Aber eine männliche Antwort war dennoch die beste!“

Markholm ging in’s Freie. Er warf seine Blicke auf das hübsche kleine Haus zwischen seinen Obstbaumwipfeln, auf diese ganze einsam gelegene freundliche Einsiedelei, die so ganz wie für das Traumleben eines vereinzelten Mannes, eines Dichters geschaffen, der die Welt ihn fliehen sieht und die Hand nicht heben mag, um sie sich festzuhalten.

„Es hätte ein Hafen für mich sein können,“ sagte er sich, „aber das Schicksal will es nicht. Wer trägt die Schuld? Niemand, als ich selber! Mit meinem thörichten Herzen, das ich eingeschlummert wähnte und das jetzt der Sturm wieder ergriffen hat, der es nicht rasten läßt, der es wieder hinauspeitscht in Wirbel und Betäubung! Wer mir dies Alles noch vor wenigen Tagen gesagt hätte … ich hätte ihn verlacht! O, welch eine Welt ist in uns, die wir selber nicht kennen! Und wie seltsam, daß es Menschen giebt, gewiß eine Fülle von Menschen, welche niemals zur Erkenntniß dessen kommen, was in ihnen ist, bei denen es durch ihr ganzes Leben schlummern bleibt! Wozu ist es dann da? Soll es in andern späteren Existenzen aufblühen, oder bleibt es ein todter Werth, den die Natur verschwendet hat? Wie sie die Seelen verschwendet hat, die, für einander geschaffen, sich niemals finden und deshalb ungeweckt und unbefruchtet und ewig unfruchtbar bleiben! Seltsame Räthsel der Existenz!“

[352] Er wanderte lange draußen umher … er vermied die Wege, die er früher betreten, durch die Wiesen, durch sein Gehölz … er schritt über die Ackerfluren an den Rainen entlang; erst die Dämmerung mahnte ihn an die Heimkehr; so kam er an dem Pfarrhof vorüber, an der hinteren Hecke, welche den Garten des Pfarrers von der Feldflur trennte. Markholm sah zwei Gestalten in den dunkelnden Schatten der Obstbäume auf- und abgehen, die eine war Max; das Mädchen neben ihm mußte Elisabeth Kramer sein … sie war freilich keine Mythe, dies junge, schlanke Wesen, das neben Max elastisch, als wenn sie den Boden unter ihren Füßen nicht fühle, einherschritt, das Haupt mit den blonden Ringellocken zu ihm emporgewandt.

Beide waren viel zu sehr in das, was sie sich zu sagen hatten, versunken, um etwas von dem melancholischen gebeugten Manne wahrzunehmen, der so nahe bei ihnen, nur durch eine Hecke getrennt, vorüberschritt.

„In Anderer Glück sein eigenes finden!“ sagte sich Markholm einen Augenblick stehen bleibend, um sie zu betrachten, „wer es könnte! Giebt es so selbstverleugnende Naturen? Wenn man selber das Glück des Andern geschaffen hat … ja, dann vielleicht! Aber wenn es nur der ewige Spiegel des Glücks ist, das man selber nicht fand … ist es dann möglich?“

Er kam in seiner Wohnung an … die Zimmer, in denen tiefes Abenddunkel herrschte, waren öde und leer und kalt. Er klingelte und die Dienerin kam, das Kaminfeuer zu entzünden; währenddeß trat er in sein neben dem Salon liegendes Zimmer, um die Lichter auf dem Schreibtisch zu entzünden, er wollte versuchen, ob er in der Arbeit Vergessen finden könne.

In diesem Augenblick hörte er die Glasthür, die in den Garten führte, sich öffnen … ein leichter Schritt nahte sich durch den Salon … Markholm’s Herz schlug plötzlich so hoch auf, als ob es ihn ersticken wolle; er setzte die eben aufflammende Kerze mit zitternder Hand nieder und wandte sich –

„Elisabeth!“ rief er aus.

Es war Elisabeth. Aber wie eigenthümlich sah sie aus! So blaß, so scheu, so ganz anders als sonst, wenn sie ihn mit ihren großen fragenden selbstbewußten Blicken ansah. Sie stand neben der offenen Thür, deren Schwelle sie eben überschritten, an der Wand, die Hände hinter sich, als ob sie einen Anhalt suche an der Wand oder sich nicht weiter in den Raum hineinwage.

„Elisabeth!“ rief er noch einmal, „Sie?“

„Verzeihen Sie mir … es ist so spät … schon dunkel … ich muß auch gleich zurückkehren … aber Ihr Bote erzählte, daß Sie Anstalten zur Abreise träfen … ich mußte Sie noch einmal sehen … ich … ich glaube, daß ich Ihnen Unrecht gethan … es ließ mich nicht ruhen … daß wir uns nicht verstehen sollten!“

„Elisabeth … Sie so vor mir wie eine um Verzeihung Bittende … was könnten Sie mir zugefügt haben, was dies nicht für ewig aus meinem Gedächtniß löschte!“

Er hatte ihr die Hand gereicht, und als sie die seine nahm, führte er sie zurück in den Salon, an die wärmende Flamme des Heerds.

„Lassen Sie sich an meinem Heerde nieder, und dann … gewiß wir werden dahin kommen, uns zu verstehen!“

„Ich habe Ihnen Unrecht gethan, ich glaube es. Ihr Brief hat mir die Augen geöffnet. Sie haben mich nicht täuschen, nicht hintergehen wollen. Was Sie für Ihren Neffen sprachen, war das Ergebniß eines harten und schweren Kampfes mit sich selbst.“

„Bei Gott, das war es!“ rief Markholm aus, „das war es!“

„Und dafür muß ich Sie nur um so mehr achten, Markholm … und … sehen Sie, ich bin keine leidenschaftliche Natur, ich kenne die Accente der Leidenschaft nicht; ich konnte Sie deshalb so völlig falsch beurtheilen, ich konnte glauben, Sie handelten aus Beweggründen, die Ihrer nicht würdig waren. Ihre Zeilen zeigten mir, wie tief mein Irrthum war … wie thöricht mein Mißtrauen, wie vergebens der ganze Schmerz gewesen, der mich erfaßt hatte, weil ich zweifeln müssen an Ihnen! Verzeihen Sie es mir, ich habe so sehr darunter gelitten! Ich bin ein thörichtes Geschöpf … aber wenn Sie mich wollen, so wie ich bin, mit einer ehrlichen Neigung, mit dem aufrichtigen Verlangen mich ganz dahin zu geben für Ihr Glück, mit der Ueberzeugung, daß mir kein größeres Glück je werden kann, als das Bewußtsein für das Ihre zu leben … dann … da ist die Hand, um die Sie geworben haben!“

Markholm war keines Wortes mächtig … er wäre gern vor ihr auf die Kniee gesunken, wenn sie ihn nicht so groß und ruhig ernst und doch mit weicher inniger Hingebung angesehen hätte, daß er sich schämte, seiner Leidenschaftlichkeit nachzugeben … er nahm nur ihre Hand und umschloß und drückte sie mit seinen beiden, und sagte nach Athem ringend:

„Elisabeth, die Götter meines Heerds hören Ihr Gelübde und – meinen Schwur.“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: mittler