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Der Erbdegen

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Der Erbdegen
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 297–299
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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252. Der Erbdegen.

In der Gegend vom Dorfe Gristow unweit des Greifswalder Boddens liegt im Felde ein Teich, in welchem früher große Schätze sollen verborgen gewesen seyn. Die sind aber jetzt heraus. Es lebte nämlich vor Zeiten dort in der Gegend ein Bauer; zu dem kam eines Tages ein fremder Knecht, der sich bei ihm vermiethen wollte. Der Bauer fragte den Knecht, welchen Lohn er denn verlange, worauf dieser ihm erwiederte, was er verlange, sey nur eine Kleinigkeit, die für den Bauern gar keinen besonderen Werth habe; dieser wisse nicht einmal, daß er sie besitze. Weil der Knecht nun ein schmucker, rühriger Mensch war, so nahm der Bauer ihn auf, obgleich er aus dem sonderbaren Begehren wegen des Lohnes nicht recht klug werden konnte. Der Knecht war auch treu und fleißig, und es gerieth Alles unter seinen Händen, was er vornahm, so daß der Bauer ganz zufrieden mit ihm war.

Wie nun sein Jahr um war, so trat der Knecht vor den Bauern, und verlangte seinen versprochenen Lohn. Der Bauer erwiederte ihm aber: Wie kann ich dir den [298] geben; du sagst ja selbst, ich wisse nicht einmal, daß ich die Sache habe, die du begehrt hast. Darauf sprach der Knecht: Oben auf deinem Boden hast du einen Erbdegen, den erbitte ich mir als Lohn. Den versprach ihm der Bauer, wenn er gleich von dem Degen nichts wußte. Sie gingen also zusammen oben auf den Boden, dort zeigte der Knecht ein altes, ganz verrostetes Schwerdt, das hinter einer Latte unterm Dache steckte, in einer Gegend, in welcher der Bauer sich niemals umgesehen hatte. Das Schwerdt hatte keinen besonderen Werth, wie der Bauer bald sah; es war nicht einmal eine Scheide dabei. Der Bauer sagte daher zu dem Knechte, er könne es sich nur nehmen. Aber dieser entgegnete ihm: Wenn ich es mir selbst nehme, so kann es mir nichts helfen, du mußt es herunterlangen und mir geben. Der Bauer war das am Ende auch zufrieden, und es geschah so.

Am anderen Morgen nun trat der Knecht vor seinen Herrn und bat ihn, einen Wagen anzuspannen, er wolle ihm nun zeigen, warum er den Erbdegen von ihm erbeten. Der Wagen wurde angespannt, und sie fuhren zusammen hinaus. Sie fuhren zu dem Teiche, von dem ich oben gesagt habe. Wie sie dort angekommen waren, sagte der Knecht zu dem Bauern: Nun paß auf, was ich dir sagen werde, und was geschehen wird. Ich werde, so wie ich bin, mit meinem Degen in den Teich springen. Dann wirst du ein schreckliches Stürmen und Brausen des Wassers sehen. Davon mußt du dir aber nicht Angst werden lassen, sondern nun mußt du gut aufpassen, was weiter geschieht, und ob das Wasser danach schwarz oder roth wird. Wird es schwarz, dann ist Alles vorbei, und es taugt nicht, und du kannst nur geschwinde mit deinem Wagen umdrehen und nach Hause jagen, denn sonst kostet es dir den Hals. Wenn es aber roth wird, dann habe [299] ich gewonnen, und du wartest ruhig, bis ich aus dem Wasser zurückkomme.

Als der Knecht das gesprochen hatte, stieg er vom Wagen und sprang in den Teich hinein, die Spitze des Erbdegens nach unten gekehrt. Er verschwand alsbald unter dem Wasser, so daß nichts von ihm zu sehen war. Eine Weile blieb Alles ruhig. Allein auf einmal erhob sich tief unten im Teiche ein dumpfes, wildes Tosen, das immer stärker wurde, und nach oben sich hinzog. Darauf gerieth der ganze Teich in eine erschreckliche Bewegung. Die Wellen schlugen thurmhoch in die Höhe, und brauseten so fürchterlich, daß dem Bauern fast Hören und Sehen verging. Er gedachte aber der Worte des Knechtes, und sprach sich Muth ein, und hielt die Pferde fest, die davon jagen wollten. Nach einiger Zeit wurde auf einmal Alles wieder still, und jetzt sah der Bauer, wie der ganze Teich sich roth färbte. Nun dauerte es auch nicht lange, da kam der Knecht aus der Tiefe des Wassers wieder hervor. Er war wohlbehalten, und trug mit beiden Händen eine schwere Kiste. Mit der stieg er ans Ufer und legte sie auf den Wagen des Bauern, und zu diesem sprach er: Das soll dein Theil seyn, weil du mich gut gehalten und mir den Degen gegeben hast. Fahre du jetzt nach Hause, denn ich muß wieder in den Teich und holen mir auch mein Theil.

Damit ging er in den Teich zurück. Der Bauer aber fuhr mit seiner Kiste nach Hause, und wie er sie da öffnete, waren lauter alte, aber blanke Thaler darin. – Den Knecht hat er Zeit seines Lebens nicht wieder gesehen.

Mündlich.