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Der Eishandel (Die Gartenlaube 1859/19)

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Textdaten
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Titel: Der Eishandel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 271–273
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[271]
Der Eishandel.

Es wird unsern Lesern hinreichend bekannt sein, daß das Eis im Handel eine ungewöhnliche Wichtigkeit erlangt hat, welche vielleicht nur durch die eines andern Handelsartikels, des so hoch geschätzten Guano, übertroffen wird. Der Guano-Handel ist ein wahres Ereigniß in der Handelswelt gewesen; das hastige Vorwärtsströmen einer Karawane nach einem Flusse in der Wüste würde kaum die Begierde versinnbildlichen, mit welcher dieser Handel verfolgt worden ist, nachdem man einmal die Größe des Gewinnes kennen gelernt hatte. Dennoch fürchten wir, daß die Tage des Guano-Handels gezählt sind; wir prophezeien, daß er in Kürze eines natürlichen Todes sterben werde, eines Todes der reinen Erschöpfung, und daß der Nachwelt nicht eine Spur davon bleiben werde, ausgenommen die Stelle, von welcher man den Guano geholt und wo er so lange ruhig gelegen hat.

Nicht so wird es mit dem Eishandel der Fall sein. So lange der Wechsel der Jahreszeiten bestehen wird, können wir annehmen, daß Hunderttausende von Tonnen jährlich auf der Oberfläche der Erde vertheilt werden. Das Eis wird bekanntlich in Folge eines [272] Naturprocesses auf die einfachste Weise aus Wasser bereitet, und zwar in einem riesenhaften und freigebigen Maßstabe. Die Eiskaufleute haben blos ihre Werkzeuge von der einfachsten Construction herbeizuholen, um Stücke aus dem rohen Material herauszuschneiden und fortzuschaffen. Ueberdies erleidet es als rohes Material für den öffentlichen Verbrauch kein vorbereitendes und kostspieliges Verfahren. Unverfälschtes Eis wird in den Küchen, auf den Tafeln, in den Speisekammern der Wirthe etc. so allgemein gebraucht, als irgend ein anderer nothwendiger Artikel. Man wird es deshalb sehr begreiflich finden, wenn, um dieses zu erhalten und zu ersetzen, sich Eisgesellschaften gebildet haben, welche fortwährend eine Menge von Arbeitern beschäftigen. Nordamerika steht an der Spitze in der Betreibung dieses Handelszweiges. Das darf uns nicht wundern, wenn wir bedenken, wie sehr dieser Handel durch die natürliche Lage des Landes begünstigt und mit welchem Unternehmungsgeiste die Yankees begabt sind. Es gibt in Boston in den Vereinigten Staaten sechzehn Compagnien lediglich für den Zweck, Tausende von Tonnen dieses Krystallartikels nach Ost- und Westindien, nach Südamerika und nach anderen wärmeren Klimaten und selbst nach England zu verschicken. Die Wenham-See-Eiscompagnie hat in London und in Liverpool umfangreiche Eishäuser errichtet, und hat Agenten in allen Städten und Ortschaften Englands. Die jährliche Quantität Eis, welche von Boston nach den verschiedenen Häfen verschickt wird, beträgt ungefähr 50000 Tonnen und von Charleston 30000 Tonnen. Die Kosten für den Transport von Boston belaufen sich auf etwa 12340 Dollars, oder 1 Sh. 1½ P. per Tonne; die ganze Einnahme beträgt 2570000 Dollars. Vor wenig Jahren wurde eine Schiffsladung nach Ostindien gesendet, welche für Baumwolle ausgetauscht wurde, und zwar Pfund für Pfund; die Baumwolle wurde alsdann nach England gebracht, wo sie mit 1000 pCt. Gewinn verkauft wurde. In New-Orleans bezahlte man früher für 1 Pfund Eis 6 Cents (3 P.), gegenwärtig aber nur 1 Cent (½ P.) pr, Pfd., wodurch der Verbrauch außerordentlich zunahm, aber auch der Gewinn in demselben Verhältniß.

Das zum Abschaben bestimmte Instrument.

Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß das Eis in Masse bei der Transportation während des Sommers nicht leidet, welcher Umstand theils in der Qualität, theils in der Verpackung zu suchen ist. Das Eis, welches sich auf der Oberfläche von sehr tiefem Wasser bildet, ist bei weitem fester als das, welches sich auf Flüssen und seichten Seen bildet. Auch schmilzt das erstere langsamer als das letztere. Das amerikanische Eis wird von Seen genommen, welche eine sehr große Tiefe, oft bis 200 Fuß haben. Dieser Umstand verleiht dem amerikanischen Eise jene Kälte und zugleich jene Festigkeit und Dicke, oft bis zu 12 Zoll, die es so berühmt macht, und wodurch es dem zerstörenden Einflusse der Atmosphäre besser zu widerstehen vermag.

Das Eis wird in den Schiffen als Ballast versendet und zu diesem Zwecke in Blöcke geformt, welche den Kielraum gänzlich ausfüllen, und mit Sägespähnen, Stroh und Holzkohlenasche, alles Nichtleiter der Wärme, bedeckt. Wird es aber ausschließlich als Schiffsladung versendet, so werden die Eisblöcke in Kisten mit Stroh und Heu verpackt. Auf diese Weise kann es ohne Gefahr nach den verschiedenen Häfen versendet werden. Das in England eingeführte Eis wird von dem Wenham-See in dem Staate Massachusets, achtzehn Meilen von Boston, genommen, welcher sehr hoch gelegen, von hohen und rauhen Hügeln umgeben ist und in welchen sich kein Fluß ergießt. Nur durch Quellen, welche fast zweihundert Fuß unter der Oberfläche entspringen, erhält er sich. Material zum Verpacken des Eises und zur Conservation desselben befindet sich in Menge in der Umgebung des See’s.

Die Werkzeuge, welche zum Schneiden des Eises besonders erfunden worden sind, sind einzig in ihrer Art und werden in folgender Weise in Anwendung gebracht.

Von der Zeit an, zu welcher sich das Eis zu bilden beginnt, wird es so lange frei vom Schnee gehalten, bis es geschnitten wird. Dies geschieht, wenn es einen Fuß dick ist. Eine Fläche von etwa zwei Ackern wird hierzu ausgewählt, welche bei der angegebenen Dicke etwa zweitausend Tonnen Eis gibt, und eine gerade Linie von Seite zu Seite durch den Mittelpunkt gezogen. Alsdann wird ein kleiner Handpflug in eine dieser Linien gesetzt und mit diesem ein Einschnitt von 3 Zoll Tiefe und ¼ Zoll Breite gemacht, worauf der „Marker“ eingesetzt wird. Dieses Werkzeug wird von zwei Pferden gezogen und macht zwei neue Einschnitte, parallel mit dem ersten, 21 Zoll entfernt. Der „Marker“ wird alsdann auf die andere Seite des ersten Einschnittes gebracht und macht wiederum zwei neue Einschnitte. Dieses Verfahren wird so lange fortgesetzt, bis die ganze Fläche nach einer Richtung mit Einschnitten durchfurcht ist, worauf dasselbe Verfahren in der quer durchlaufenden Richtung ausgeführt und dadurch die ganze Eisfläche in Quadrate von 21 Zoll Durchmesser eingetheilt wird. Während dieses Verfahrens schneidet ein von einem Pferde gezogener Pflug Einschnitt auf Einschnitt bis zu einer Tiefe von sechs Zoll.

Die ganze Reihe von Blöcken wird alsdann ausgesägt und der Rest nach der Oeffnung hin mit einem keilförmigen Spaten gesprengt.

Der Marker.

Wenn dieser keilförmige Spaten in den Einschnitt hineingelassen wird, springt der Eisblock in Folge eines leichten Ruckes (Stoßes, Schlages), besonders bei kaltem Wetter, leicht ab. Das Verfahren des Lossprengens hängt lediglich von der Temperatur der Atmosphäre ab. „Plattformen“ oder niedrige Tafeln von Rahmenarbeit sind neben der Oeffnung im Eise angebracht, von welchen aus sich eiserne Gleitbahnen bis zum Wasser erstrecken, und an jeder Seite der Gleitbahn befindet sich ein mit einem Eishaken versehener Arbeiter. Mit diesem Haken wird der Eisblock angehakt und mittelst eines heftigen Ruckes auf die Gleitbahn der „Plattform“ gebracht. An einem kalten Tage, wo das Wasser auf den Gleitbahnen, auf der Plattform etc. schnell zu Eis wird, werden die enormen Eisblöcke, von denen manche mehr als zwei Centner wiegen, auf der glatten Oberfläche mit Leichtigkeit fortgeschoben. Zur Seite dieser Plattform steht ein Schlitten von derselben Höhe, fähig drei Tonnen aufzunehmen, welcher mit seiner Ladung nach der Vorderseite des Vorrathshauses gezogen wird, wo sich eine große feststehende Plattform von genau derselben Höhe zum Abladen des Eises befindet. Nachdem dies geschehen ist, wird es Block für Block mittelst Pferdekraft in das Vorrathshaus befördert. Dieses Verfahren des Einbringens wird so geschickt gehandhabt, daß sowohl das Aufnehmen des Eises, als das Hineinwerfen desselben durch das Pferd allein ausgeführt wird. Der Rahmen, welcher den zum Aufbewahren bestimmten Eisblock aufnehmen soll, wird in eine quadratförmige Oeffnung (Ausschnitt), welche in der feststehenden Plattform angebracht ist, gesenkt und der Eisblock darauf geschoben, wobei das Pferd zurückfährt und dadurch der Rahmen mit dem Eise sich erhebt, bis er die in der Seite des Vorrathshauses zu dessen Aufnahme angebrachte Oeffnung erreicht und mittelst einer sinnreichen Vorrichtung von selbst in das Gebäude hinabfällt, worauf das Pferd zurückgeführt wird, um dieses Verfahren zu wiederholen.

Vierzig Arbeiter und zwölf Pferde sind im Stande, jeden Tag vierhundert Tonnen zu schneiden und in das Vorrathshaus zu schaffen. [273] Bei günstiger Witterung verwendet man aber auch hundert Arbeiter zugleich. Thau oder Regen machen das Eis für den Verkauf untauglich, indem es hierdurch undurchsichtig und porös wird, und wenn nach dem Regen Schnee fällt und wieder Frost eintritt, so entsteht „Schnee-Eis“ welches werthlos ist und mit einer „Plane“ fortgeschafft werden muß. Dieses Instrument – eine Art Hobel – läuft, von einem Pferde gezogen, in den vom „Marker“ gemachten Einschnitten und schabt das Eis bis zu einer Tiefe von 3 Zoll ab. Sollte sich das Eis noch nicht rein zeigen, so wird dieses Verfahren wiederholt. Ist das Eis zu dünn geworden, so muß es im „statu quo“ gelassen werden, und es genügen wenige Nächte mit starkem Froste, um das unten zu ersetzen, was oben weggenommen ist.

Um den Verbrauch des Eises in den Eishäusern am See und in den Städten zu ersetzen, füllt die Compagnie eine große Menge von besonderen Vorrathshäusern während des Winters mit Eis, welches mittelst Eisenbahn befördert wird. Es wird einem Jeden einleuchten, daß der Aufwand für Werkzeuge, Vorrathshäuser, Arbeiter und für die Erhaltung der Eisenbahn sehr groß ist, aber der Handel ist so umfangreich und die Verwaltung desselben so ausgezeichnet, daß das Eis, selbst in England, zu einem sehr niedrigen Preise bezogen werden kann.

Der Pflug.

Wir haben bis jetzt nur eine unvollkommene Idee von der verschiedenen Anwendung des Eises, sowie von der besten Methode, es aufzubewahren. Den Amerikanern gehört Eis zum unerläßlichen Hausbedarf. Sie würden ihre häuslichen Arrangements für durchaus unvollständig erachten, wenn ihnen ein „Refrigerator“ oder ein tragbares Eishaus fehlte, in welchem sie ihre etceteras zum gelegentlichen Gebrauche aufbewahren können. Der „Refrigerator“ ist mit durchlöcherten Bretern versehen, um Kühlung durchzulassen, indem unter denselben sich das Eis befindet. Auf diese Breter stellt man Weinflaschen, Früchte und Lebensmittel aller Art, welche sich, ohne mit dem Eise in Berührung zu kommen, in einer niederen Temperatur befinden und dadurch erhalten werden. Die Kiste ist wie ein großes Eishaus construirt, besteht aus einem Doppelboden, hat Doppelseiten und einen Doppeldeckel, ausgefüllt mit Nichtleitern, wie Sägespähnen oder Holzkohlenasche. In dieser Kiste verwahren die Hausherrn Amerika’s während der warmen Jahreszeit ihre Früchte, Fleisch und Lebensmittel aller Art, so daß sich diese sogar mehrere Wochen erhalten. Ein Stück Eis von einigen Pfunden, in den Boden des „Refrigerator“ gelegt, genügt, um dessen Inhalt für einige Tage in einer Temperatur zu erhalten, welche nur wenig über dem Gefrierpunkte ist.[1]

Das amerikanische Eis eignet sich wegen seiner vorzüglichen Reinheit ganz besonders für den Tafelgebrauch, und wird daher auch allgemein angewendet, um Wasser und Milch zum Trinken damit zu vermischen, um Weine und Spirituosen zu verdünnen und um Butter und Eingemachtes frisch zu erhalten. In unsern Hotels, Weinhäusern und Conditoreien bereitet man im Sommer die beliebten und berühmten amerikanischen Getränke eben sowohl für die durstigen Reisenden als für die erhitzten Fußgänger in der Stadt den „Sherry Cobbler“ und „Mint Julep“, deren Recepte ich den geehrten Lesern mitzutheilen mir erlaube.

Die Säge.

Ein Sherry Cobbler. Hierzu nimmt man 1 Glas Wein und ½ Glas Sherry, 2 Theelöffel voll gestoßenen weißen Zucker, ein paar Stückchen Citronenschale, füllt den Becher mit zerstoßenem Eise, gießt den Inhalt aus einem Becher in den andern, bis der Zucker aufgelöst ist.

Ein Mint Julep. Hierzu nimmt man zu gleichen Theilen Rum und Branntwein (Zucker wie vorher), anstatt Citronenschale Krauseminzeblätter; gemischt und getrunken wie der Cobbler.




  1. In Leipzig existiren derartige „Eisschränke“ bereits auch und werden in dem Möbelmagazin von Jage in verschiedenen Größen verfertigt. Herr Felsche, der bekannte Besitzer des Café français, liefert täglich das nöthige Eis dazu.