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Der Diebstahl aus Liebe

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Textdaten
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Autor: Feodor Wehl
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Titel: Der Diebstahl aus Liebe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11/12, S. 141–144; 153–155
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[141]
Der Diebstahl aus Liebe.
Eine Assisengeschichte von Feodor Wehl.

Zu B. am Rheine lebte vor einigen Jahren eine Majorin von Gl…n mit ihrer Tochter, einer jungen Dame von ausgezeichneter Schönheit und vielem Geist. Die Mutter, die ihren Gatten früh verloren und schon von Natur energischen und resoluten Wesens war, hatte diese Eigenschaften in ihrer langen Wittwenschaft noch weiter auszubilden mehr als hinreichend Gelegenheit gefunden. Die Erziehung der Tochter, das Verwalten eines bedeutenden Vermögens, einige Erbschaftsprozesse und die Jahre lange Beaufsichtigung und Leitung weitläuftiger Besitzungen erforderten, wie sich von selbst versteht, nicht nur eine große Umsicht, Wachsamkeit und Weltklugheit, sondern auch geradezu Muth, Entschlossenheit und Thatkraft, Dinge, die alle noch in gesteigertem Grade nöthig wurden, als die Tochter zur Jungfrau herangewachsen, nun doch in die Welt und unter Leute gebracht werden mußte, um wo möglich eine sogenannte angemessene und gute Parthie zu machen.

Von dieser Zeit ab waren nun nicht nur die Güter aus der Entfernung in gehöriger Obacht zu behalten, die Gelder gut zu verwerthen und an glücklichen Spekulationen zu betheiligen, sondern es kam nun auch noch die Nothwendigkeit dazu, ein dem Rang und Ansehen der Familie entsprechendes Haus zu machen, Gesellschaften zu geben, Bewerber um die Hand der Tochter zu ermuthigen oder abzuweisen, und die Letztere selbst dabei so gut im Auge und am Lenkseil zu behalten, daß eine zu mißbilligende oder den Verhältnissen nicht zusagende Wahl ihres Herzens unmöglich wurde.

Unter solchen Umständen hatte die Majorin von Gl…n nun schon in Berlin, Dresden, Wien und andern Orten gelebt, alle diese Plätze aber, wie es hieß, wieder aufgegeben, weil sie befürchtete, im Innern ihrer Tochter Spuren einer Neigung entdeckt zu haben, die sie überzeugt gewesen schien, nicht billigen zu dürfen.

[142] In B… aber hatte sie sich nun für länger niedergelassen, wie hier und da behauptet wurde, zunächst und besonders darum, weil darin ein junger Assessor, Graf Eduard von B…, der Sohn eines Ministers und ein junger Mann von voraussichtlich bedeutender Zukunft wohnte, den sie, wie man ihr abgemerkt zu haben glaubte, vor allen andern Freiern zumeist und am Liebsten ihrer Tochter zum Gatten gegeben hätte.

Dieser Graf Eduard von B…, der in der That ein schöner, talentvoller, für die Zukunft viel versprechender Mann war, hatte die Majorin von Gl…n und ihre Tochter in Wiesbaden kennen gelernt und gleich von Anfang an der Letzteren eine ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt, ohne indeß sich von dieser in seinen Bewerbungen besonders ermuthigt zu sehen.

Clotilde, so hieß die Tochter der Majorin von Gl....n mit Vornamen, hatte unter der Erziehung und Sorge ihrer Mutter mehr als billig und zu wünschen war, von dem Wesen und Charakter derselben angenommen. Alles, was Gefühl, zarte Empfindung, kurz gewissermaßen die Poesie, der höchste Reiz des weiblichen Herzens ist, entbehrte sie, dagegen zeigten sich Verstand, Willenskraft und alle jene glänzenden Fähigkeiten des Geistes, welche heut zu Tage so gesucht und beliebt in den gesellschaftlichen Kreisen sind, in einem hohen Grade bei ihr ausgebildet. Sie war bewandert in der Geschichte, eingeweiht in die Naturwissenschaften und überhaupt so obenhin gelehrt, daß sie nicht leicht durch irgend eine Materie in Verlegenheit gesetzt werden konnte. Sie las politische Schriften mit einem offenen Verständniß, und Bücher über Erdkunde, Astronomie und andere Disciplinen der praktischen und realen Kenntnisse mit so viel Ausdauer und gutem Nutzen, daß sie sich überall in Gespräche über dergleichen Gegenstände einlassen konnte, ohne sich im Geringsten dadurch etwas zu vergeben. Bezeichnend für sie dürfte sein, daß der „Cosmos“ von v. Humboldt ihr zu poetisirend geschrieben schien, wie sie denn auch gern und nicht ohne eine gewisse Ostentation eine entschiedene Abneigung gegen die schönen Künste überhaupt und gegen die Poesie in’s Besondere an den Tag zu legen beliebte.

Graf Eduard von B…, der von dem Allen grade das Gegentheil war, selbst ein wenig malte, große Virtuosität in der Musik besaß, und auch wohl gelegentlich dichtete, konnte ihr deswegen natürlich nicht eben groß imponiren. War er auch schon daneben ein guter Reiter, ein geübter Fechter, Schwimmer und kurz eine ganz ritterliche Erscheinung im modernen Sinne der Welt, so compromittirte ihn doch in Clotilden’s Augen sein Umgang mit allen jenen Künstlern, Dichtern und genialen Leuten, die sie Phantasten zu benennen und oft viel zur Zielscheibe ihres Witzes zu machen beliebte. Auch ihn selbst verschonte sie nicht, und wo sich nur irgend eine Gelegenheit ergab, gegen seine „sentimentalen Neigungen“, seine „romantischen Capricen“ und gegen alles Das zu Felde zu liegen, was sie die unmännliche Empfindelei der Herzen, den Krebsschaden der Zeit, die Verhinderung großer Thaten und Begebenheiten nannte, da that sie es so bitter, grausam und höhnisch, daß Niemand in der Welt zu dem Glauben kommen mochte: es würde je aus ihr und dem so Getadelten ein Paar werden können.

Und dennoch war das im Werk und zwar ganz ernstlich. Die Majorin von Gl…n, die um Alles gern einen Schwiegersohn wünschte, der zu lenken und leiten, mit einem Wort zu beherrschen ging, hielt ihrer Tochter die glänzenden Aussichten Graf Eduards, seinen Rang, seine Fügsamkeit, Milde und Hingebung so vielfach und in so bestechender Weise vor, daß sich diese zuletzt, wenn auch nicht ohne einiges Nasenrümpfen, dazu entschloß, ihn sich als offiziellen Freier gefallen zu lassen.

Was nun Graf Eduard selbst betrifft, so übernahm dieser, trotz der Verschiedenheit, die zwischen ihm und Clotilde herrschte, die ihm zugewiesene Rolle mit allem nur möglichen Eifer und Nachdruck, einmal, weil es von seiner eigenen Familie gewünscht ward, dann aber auch nur aus diesem Grunde, zu seiner Ehre sei es gesagt, zumeist weil er, sonderbar genug, ungeachtet er die Härte und Schroffheit im Charakter und Wesen der jungen Dame sehr wohl erkannte, und obschon er sich zeitweise und bei vielen nicht unwesentlichen Gelegenheiten sehr davon abgestoßen fühlte, dennoch einen keineswegs unbedeutenden Grad von Neigung für sie empfand.

Diese Neigung war so aufrichtig und fest in ihm, daß er, wie in der Welt so auch im Hause der Majorin von Gl...n selbst, nur Auge und Aufmerksamkeit für Clotilde habend, in dem letzteren eine andere, freilich untergeordnete, aber dennoch eigenthümlich hervorragende Erscheinung nicht beachtete, die doch sonst von Jedermann und selbst von den eifrigsten Verehrern Clotilden’s wahrgenommen wurde.

Ganz B…, und darunter besonders die Studenten und Elegants, sprachen von der schönen und reizenden Gesellschafterin der Majorin von Gl…n, einem jungen Mädchen aus Düsseldorf, deren Vater, ein ehedem begüterter Kaufmann, kurz nach achtzehnhundert und achtundvierzig aus Verzweiflung über einen unabwendbaren Bankerott sich das Leben genommen und eine zahlreiche Familie in peinlicher Lage und mißlichen Verhältnissen zurückgelassen hatte. Daß es unter solchen Umständen natürlich war, daß die älteste und die einzige der erwachsenen Töchter, Natalie mit Namen, um der Mutter nicht zur Last zu fallen, in Eile sich nach einer ihrer Erziehung und Bildung nur einigermaßen zusagenden oder mindestens nicht ganz widersprechenden Stellung umsah, wird man begreiflich finden, ebenso sehr wie in Folge dessen die Beeiferung, mit der sie den um jene Zeit vacant gewordenen Platz einer Gesellschafterin im Hause der Majorin von Gl…n annahm.

Natalie Bl…, über die wir etwas eingehender sprechen müssen, weil sie nicht nur eine hervortretende, sondern geradezu eine Hauptrolle in unserer Erzählung abzugeben haben wird, Natalie Bl… war nicht nur in ihrem Schicksal, sondern auch ihrer ganzen geistigen und körperlichen Beschaffenheit nach ein ganz contrastirendes Seitenstück zu Clotilde von Gl…n.

Clotilde mit ihrem festen, herrischen, überall dreist zufassenden Wesen, war hoch, schlank, vielleicht ein ganz klein wenig zu mager, dabei von braunem, nicht allzu üppigen Haar, dunklen, glänzenden, provozirenden Augen, distinguirten Zügen und einer stolzen, durch eine stets ausgezeichnete und etwas „gewagte Toilette“, wie der Salonausdruck heißt, imposant gemachten Haltung. Neben einer Perlenreihe der schönsten Zähne störten nur ein wenig seltsam, vielleicht von dem eigensinnigen Gebrauch kalten Wassers gehärtete, nicht eben schön und keinesweges zart geformte Hände.

Natalie, die etwa zwei Finger breit größer als Clotilde sein mochte, erschien gewöhnlich noch kleiner als diese, einmal, weil sie meist ein wenig in sich zusammengesunken ging, dann aber auch, weil ihre Formen feiner, voller und gerundeter, durch einen äußerst einfachen und unscheinbaren Anzug nicht nur nicht gehoben, sondern man möchte sagen, geradezu beeinträchtigt wurden. Ihre Zähne waren zwar eben so weiß und blendend, wie die Clotilden’s, aber nicht so klein und regelmäßig. Dagegen hatte sie eine so weiße, edel und schön geschnittene Hand, daß die ihrer jungen Herrin durchaus den Vergleich damit nicht aushalten konnte. Ihr Haar war blond und von einer bezaubernden Fülle; ihr Auge groß und blau, von einer herzgewinnenden Milde und Innigkeit des Blicks.

Wenn man Natalie so geschildert im Geist sich vergegenwärtigen mag, so wird man kaum noch nöthig haben, sich sagen zu lassen, daß diesem Aeußeren entsprechend ihr Inneres, Herz, Gemüth und Seele von hingebenster Wärme, zartester Weiblichkeit und aufopfernster Unterordnung waren. Von Jugend auf gewöhnt, Achtsamkeit und Pflege für jüngere Geschwister zu haben, sich fremdem Willen zu fügen, eigenen Wünschen und Verlangen in Rücksicht auf die von Anderen zu entsagen, Leidende und Kranke zu pflegen, war sie ganz und gar zum Typus jener Frauengestalten geworden, die man so vorzugsweise und gern als Deutsche bezeichnet.

War Natalie nun dadurch sowohl, wie durch ihre äußere Erscheinung von Clotilde verschieden, so nahm diese Verschiedenheit noch zu, wenn man das beachtete, was ihre Neigungen und Lieblingsbeschäftigungen ausmachte, und wo sie nun vollends mit ihrer Gebieterin in Zwiespalt stand. Die Gesellschafterin liebte die Musik mit einer Art von Schwärmerei, spielte den Flügel mit einer berauschenden Fertigkeit und sang mit einer Stimme, die ohne Zweifel auch in der Oeffentlichkeit und vor den strengsten Kunstrichtern ihr Glück gemacht haben würde. Schöne Gedichte und Romane las sie gern, politische oder wissenschaftliche Abhandlungen dagegen, wie sie Clotilde mit Leichtigkeit in sich aufnahm und verarbeitete, vermochte sie nur unvollkommen zu fassen und nur zu geringem Vortheil für sich und die Ausbildung ihres Geistes zu verwenden.

Die Tage, die sie in dem Hause der Majorin von Gl...n verlebte, waren, wie man sich vorzustellen im Stande sein wird, [143] nicht eben die glücklichsten für sie. Zwar wurde sie äußerst anständig und rücksichtsvoll behandelt, genoß den freien Umgang aller Leute, die das von Gl…n’sche Haus frequentirten, besuchte Theater, manchmal sogar Bälle und Gesellschaften, zu denen sie aus Artigkeit für ihre Damen, so wie aus Lust an ihren Talenten und sittigem, feinem Benehmen eingeladen ward, und kurz: es fehlte ihr äußerlich eigentlich nichts, aber dafür hatte sie innerlich einen desto größeren und schmerzlicheren Druck zu empfinden.

Clotilde, die gar keine Stimme besaß, den Gesang verachtete und die Musik verpönte, hatte ihr das Spielen auf dem Piano wie das Singen im Hause geradezu untersagt.

„Sie können es ja auswärts thun,“ hatte die Majorin bei Gelegenheit dieses Verbotes bemerkt. „Wenn wir in Gesellschaft und in Soireen sind, da erwerben Sie sich noch obenein ein Verdienst um denjenigen Theil der Versammlung, der weil er eines ernsten Gespräches unfähig oder keine Whistparthie findet, von Herzen vergnügt und dankbar ist, eine leichte Unterhaltung und Zerstreuung für seine Sinne zu erhalten.“

Daß die Musik weichen und empfindsamen Gemüthern ein stilles Bedürfniß der Seelenentlastung, ein Trost, eine Erhebung, kurz ein geweihter, von der Einsamkeit erst recht geheiligter Genuß sein könne, davon hatte die Majorin so wenig wie ihre Tochter einen Begriff. Daß die Aufsätze über irgend eine politische Frage der Gegenwart, einen Gegenstand der strengen Wissenschaft, welche Natalie oft ihren Gebieterinnen vorlesen mußte, für diese eine ertödtende Qual, eine wahre Marter waren, davon vermochten oder beliebten sie wenigstens sich ebenso wenig eine Vorstellung zu machen. Sie fragten nichts darnach, daß der Lesenden alle nöthigen Vorkenntnisse zum Verstehen dieser Dinge fehlten, und daß sie nicht im Stande war, sich dieselben ohne eine freundliche Anleitung, der sie sich gewiß gern unterworfen hätte, von selbst anzueignen.

Ja, man schien sich sogar etwas darauf zu Gute zu thun, daß man Jemanden hatte, der mit gefälligem, von geistiger Intelligenz zeugendem Organe Dinge vortrug, die ihm unbekannt waren, und über welche man sich vor seinen Augen wie über unverstandene Geheimnisse unterhalten konnte.

Nur zu oft leider findet man auch in geistig hochgestellten und vornehmen Kreisen etwas von jener Grausamkeit und Suffisance, die sonst nur dem Dünkel und der Roheit eigen, hier aus einer Art Lässigkeit und Nonchalance entsteht, und um so empörender und verletzender wirken, um so weniger sie als absichtlich gelten können. Die Art, wie die Majorin von Gl…n und ihre Tochter bei diesen Lectüren die Vorlesende außer Acht ließen, war ohne Zweifel keine vorgenommene oder offen bezweckte, sondern eben eine ganz von selbst dadurch entstehende, daß Natalie nicht mitzureden vermochte, allein eben deswegen für diese eine um so kränkendere und schmerzlichere, als sie von Clotilden’s Spottlust und abweisender Härte abgeschreckt, nicht wagte, mit irgend einer Bitte um Erläuterung hervorzutreten.

Graf Eduard von B…, der diesen Vorlesungen oftmals beiwohnte und aus einem taktvollen Herzen heraus die Unerquicklichkeit von Natalien’s Lage wohl erkannte, pflegte bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich lachend zu erklären, daß er leider wenig von allen diesen Dingen gelernt und sie deswegen nur mangelhaft verstehend, um Auseinandersetzung der Hauptpunkte bitten müsse.

Obgleich er Natalie bei solchen und ähnlichen Anlässen äußerlich eben keine besondere Aufmerksamkeit schenkte und sie wirklich auch, wie wir schon gesagt, für dieselbe nicht besaß, so fühlte diese doch, daß sie, wie es allerdings auch der Fall war, nur ihr zu Liebe von ihm herbeigeführt waren. Und wie dem französischen Sprüchwort gemäß, noblesse obligé, ein gewisser Adel der Seele, eine feine unwillkürlich und zart aus dem Herzen steigende Aufmerksamkeit, gewissermaßen der Duft der Galanterie, am Meisten danken und verpflichtet macht, so fühlte auch Natalie gerade um dieser uneigennützigen, und man könnte sagen, unbewußten Artigkeit wegen die tiefste und innigste Verehrung für Graf Eduard, eine Verehrung, die in der übereinstimmenden Liebe zu Musik, Gesang und der schönen Literatur, die sie allerdings nicht all zu oft von dem Grafen sich offen dargelegt sehen, aber doch vielfach fast instinktmäßig in ihm ahnen konnte, noch einen bedeutenden Zuwachs erhielt.

Dieser Zuwachs der Verehrung ward in ihr durch nichts, sogar auch dadurch nicht gestört, daß sie im Laufe der Zeit über eine Leidenschaft des Grafen in Kenntniß gesetzt wurde, die der eigenen Familie desselben, wie auch Clotilde und ihrer Mutter große Bedenken über ihn einflößten.

Graf Eduard B… nämlich liebte das Spiel und vermochte leider der ihm am Rhein so oft und gefährlich nahtretenden Versuchung nicht immer sieghaft zu widerstehen. Schon mehrmals durch namhafte Verluste in große Verlegenheit gebracht, gewarnt von Freunden, bedroht von der Entrüstung seiner Familie und den Vorwürfen der Majorin und ihrer Tochter, fiel er dennoch dann und wann der umstrickenden Passion immer wieder zum Opfer.

Sein Vater, der schon viele seiner Spielschulden zu decken genöthigt worden war, hatte, nachdem er eben noch eine sehr beträchtliche und nicht ohne Schwierigkeiten von ihm zu bestreitende, eingezahlt, in einem sehr ausführlichen und ernstgehaltenen Briefe erklärt, nun auch fernerhin nichts mehr dieser Art für ihn thun zu wollen und zu können.

„Wenn Du nur irgend vernünftig sein und meine Lage bedenken willst,“ hieß es darin unter Anderem, „so wirst Du von selbst einsehen, lieber Sohn, daß Deiner thörichten Spiellust noch fernerhin auch nur den geringsten Vorschub zu leisten, eine pure Versündigung an dem Geschick Deiner Geschwister, namentlich Deiner Schwestern wäre. Beinahe schon ein Viertel unseres Vermögens hat Deine unglückselige Wuth das Glück der Karten und des Rouletts zu versuchen, dahin gerafft. Dir noch einen Heller mehr zur Fröhnung dieses Lasters in Aussicht stellen, hieße dem Ruine unserer Aller Thür und Thor öffnen. Darum noch einmal und so wahr Gott mein Zeuge ist, zum letzten Male, die heilige Versicherung, Eduard, daß ich nie und unter keine Umständen noch einmal eine Spielschuld für Dich decken werde. Ich will lieber die Schmach und den jammervollen Schmerz, Dich als verzweifelten Selbstmörder enden zu sehen, auf mich laden, als die Schuld übernehmen, eine große blühende Familie durch unzeitige Nachsicht mit dem verbrecherischen Leichtsinn eines Sohnes an den Bettelstab gebracht und auf Generationen hinaus elend und abhängig von Wind und Wetter in der Welt gemacht zu haben. Der Chef und das Haupt eines Hauses, der oder das nicht wie ein König im Kleinen, die Sicherheit und Zukunft der Seinen mit einer allwaltenden Gerechtigkeit im Herzen trägt, verdient nicht je nur einen Augenblick das Glück empfunden zu haben, im Schooße der Seinen zu weilen. Aeltern, deren Angedenken von den Kindern nicht gesegnet ist, und welche nicht nach Kräften Sorge dafür trugen, ihr Loos zu einem glücklichen und so in sich freien werden zu lassen, daß sie sich edel und gut unter den Stürmen ihrer Zeit zu entwickeln und eine ihnen zusagende Laufbahn ungehindert verfolgen können, diese sind allein als die den Staat wirklich untergrabenden, subversiven Bürger desselben anzusehen. Kein Revolutionär ist so schlimm, als es ein schlechter Familienvater ist. Und darum und aus diesem Grunde, mein Sohn, erkenne und würdige, wenn ich sage: nur dies Mal und dann nie wieder, stehe ich für die Schulden ein, die Du im Spiele machtest.“

Nach dem Lesen dieser Zeilen war Graf Eduard so erschüttert, daß er nicht nur sich, sondern auch den Seinen sowohl, wie der Majorin und ihrer Tochter die unverbrüchlich sein sollende Versicherung gab, nie wieder an den Rouletttisch treten oder eine Karte berühren zu wollen.

Erfreut von diesem Gelöbniß und auf die kindliche Liebe seines Herzens und auf den Ernst seiner Neigung zu Clotilden bauend, ward kurze Zeit darnach seine Verlobung mit dieser öffentlich angezeigt und begangen.

Es schien, daß die Braut durch den eben mitgetheilten Brief ihres künftigen Schwiegervaters, von der Würdigkeit der Familie, in die sie treten sollte, überzeugt, anfing, sich etwas näher und inniger an ihren Verlobten anzuschließen, während dieser wiederum sich ernster und gemessener gemacht, nun mehr auch eher Ton und Gelegenheit fand, sich in ihre Ideenkreise und ihr ganzes Wesen einzuleben.

Auf diese Weise verfloß denn ruhig und angenehm ein halbes Jahr, das nach allen Seiten hin anregend und genußreich, das Verhältniß der Verlobten so gesichert zu haben schien, daß man bereits an die Festsetzung des Vermählungstages zu denken und Pläne zu machen begann, wie und wo das künftige Leben einzurichten sein möchte, als plötzlich eines schönen Tages Freunde von Graf Eduard aus der Residenz auf einem Ausfluge nach dem [144] Taunus begriffen, lustig lärmend bei ihm einsprachen und ihn dringend einluden, mit von der Parthie zu sein.

Anfangs nicht recht dazu aufgelegt, gab er schließlich doch ihren Wünschen nach, weil er wohl glaubte, vor der Uebernahme ernster Verpflichtungen und eines eigenen Hausstandes sich noch einmal sein Junggesellenleben und seine Burschenfreiheit recht zu Nutze machen zu dürfen. Nachdem er also die Majorin von Gl…n und Clotilde von seinem Vorhaben unterrichtet und zu seiner Freude gesehen hatte, daß den Damen eine kurze Abwesenheit von seiner Seite der Ausstattungsbeschaffung und andern häuslichen Rücksichten wegen ganz erwünscht und zu Gefallen war, machte er sich, nach leicht erwirktem Urlaub von seinem Präsidenten, mit seinen Genossen vergnügt auf den Weg, welcher meist in einer ansehnlichen Cavalcade zu Pferde zurückgelegt wurde.

Nachdem man eine Zeit lang die Gebirgsgegend kreuz und quer durchstreift und sich zur Genüge an den schönen Höhenpunkten und den herrlichen Fernsichten erfreut hatte, zog man denn natürlich auch zu den Badeorten, die gerade in den Tagen dieses romantischen Wanderzuges sehr belebt und mit den elegantesten Gästen gefüllt waren. Nachdem man auch hier in erweitertem Kreise kleine Ausflüge, allerlei Parthien, Gesellschaften und Bälle mitgemacht, fingen zur Abwechselung einzelne aus der Genossenschaft an sich an den Spieltisch zu begeben. Graf Eduard, von diesen, die seine Spiellust kannten, aufgefordert, sein Glück mit ihnen zusammen zu versuchen, schlug zu ihrer Verwunderung dies Anerbieten aus und blieb dem verhängnißvollen Saale zu seiner eigenen, nicht geringen Freude, standhaft fern.

Unglücklicher Weise aber ward am Abend vor dem Auseinandergehen des vergnügten Reiseclubbs ein solennes Festmahl gegeben, in dessen Verlauf diejenigen jungen Leute, die seither gespielt und ziemlich Glück gehabt hatten, um wie sie sagten, nicht aus dem Zuge und der Schußlinie Fortunas zu kommen, anfingen, eine sogenannte „freundschaftliche Bank“ aufzulegen. Da es nun hieß, daß das Ganze nur eine halbe Stunde währen und hohe Sätze nicht angenommen werden sollten, so wurde beschlossen, daß Niemand unbetheiligt am Spiele bleiben sollte.

Graf Eduard protestirte nun zwar dagegen und setzte zu Anfang, als er sich einhellig überstimmt und wider Willen zum Pointiren genöthigt sah, um die Sache lächerlich zu machen, ganz kleine unbedeutende Geldstücke, aber unversehens und nur zu bald von dem Eifer der alten Spiellust überkommen, begann er heftiger und bedeutender aufzusetzen.

Kaum war eine Stunde vergangen, so hatte er alle guten Vorsätze und jede Mäßigung, seine Freunde aber ganz und gar jene Freundschaftlichkeit vergessen, unter deren Aegide die Bank eröffnet worden war. Weit davon entfernt, das Spiel bald wieder eingehen zu lassen, begann man vielmehr es immer wilder und leidenschaftlicher nicht allein weiter, sondern auch höher zu treiben. Die ansehnlichsten Summen in Gold, Silber und Papier rollten oder glitten herüber und hinüber. Aber bald schon reichte das, was vorhanden war, nicht aus. Man schrieb Zahlen auf Zettel und Karten, die mehr als um das Fünf- und Sechsfache die Geldvorräthe überstiegen, die man bei sich führte. Am Tollsten und Unbesonnensten wirthschaftete Graf Eduard, der durchaus einmal zu denen zu gehören schien, welche im Spiel Unglück zu haben bestimmt sind. Eine Karte nach der andern verlor, und je mehr er verlor, desto mehr setzte er, um damit die Chance des Wiederzurückgewinnens zu haben. Allein vergebens. Nur das Wenigste und Geringste rettete er, das Meiste blieb unwiederbringlich in der Kasse der Bankhaltenden, wo es, nachdem er einen mit Zahlen beschriebenen Zettel nach dem andern ausgegeben, zuletzt so anschwoll, daß er sich selbst nicht mehr den ganzen Umfang seines Verlustes zu vergegenwärtigen im Stande war.

Als man endlich die Sitzung aufhob und die beschriebenen Zettel zum Einlösen sammelte, fand sich, daß Graf Eduard gegen zweitausend Thaler verloren hatte, eine Summe, über die er, wie er wohl wußte, im Moment nicht zu verfügen vermochte, welche er aber dennoch auf Ehrenwort versprach, in spätestens acht Tagen eingeliefert zu haben.

Mißmuthig und verstimmt ging hiermit die Gesellschaft auseinander, die sich durch die letzten Stunden ihres Zusammenseins die angenehmen Eindrücke und die freundschaftlichen Empfindungen, die sich dadurch in ihr erzeugt, so vollständig zerstört und vernichtet hatte, daß jeder nur rasch und ärgerlich vom Andern loszukommen und des Abschieds ledig zu sein suchte.

Als Graf Eduard in B. wieder angekommen war, ließ er es seine erste Sorge sein, die Spielschuld zusammen zu treiben. Ein paar hundert Thaler, die er liegen hatte, mit dem vereinigt, was aus einigen unnöthigen Schmucksachen gelöst wurde, machten ungefähr tausend Thaler voll. Nun fehlte aber beinahe noch die Hälfte, und diese herbei zu schaffen, schien ihm mehr und mehr eine Unmöglichkeit zu werden. Freunde, die er in’s Vertrauen zog, zuckten die Achseln und entschuldigten sich damit: selbst in Verlegenheit zu sein, bei offenkundigen Wucherern dagegen scheute er sich anzufragen, um seinen Leichtsinn nicht gleich wieder an die große Glocke zu hängen. Auch wußte er ja, daß er von seinem Vater Geld zur Ausstattung in dieser Zeit erhalten würde, und demzufolge also nur Aufschub bedurfte. Allein, wie eben den bekommen? Er wußte sich nicht zu helfen, und entschloß sich aus diesem Grunde zuletzt ganz offen mit Clotilde über diese Angelegenheit zu sprechen.

Noch an demselben Tage, an dem er diesen Vorsatz gefaßt hatte, machte es sich, daß er mit seiner Braut nach Tische allein im Zimmer blieb. Nachdem er nun die Sache so geschickt und zart wie möglich eingeleitet, kam er denn schließlich mit der Darstellung seiner Verlegenheit und der Bitte hervor unter irgend einem Vorwande, sich das Geld von der Majorin aushändigen zu lassen und ihm dann zur Abzahlung seiner Ehrenschuld überantworten zu wollen.

Clotilde, die sein Geständniß und Ersuchen mit ziemlichem Widerwillen und einer nur sehr erzwungenen Zurückhaltung mit angehört hatte, brach nun, da er geendigt, mit heftigen Vorwürfen über seinen Leichtsinn und das Schwanken seiner Vorsätze gegen ihn los, zum Schluß ihm kurz und bündig erklärend, daß die Mutter nur eben so viel Geld, als im Moment zur neuen Einrichtung und einer möglichen Uebersiedelung nach einem andern Orte hin gebraucht werde, flüssig gemacht habe und deswegen auf keinen Fall sich zu einer Extraausgabe dürfte verstehen wollen und können.

„Ihr Deinen Leichtsinn und die Verlegenheit offenbaren, in die Du Dich dadurch gebracht,“ sagte sie endlich mit dem sichtlichen Bemühen von dem Gegenstande abzulenken, „hieße nur Dir und mir die heftigsten Vorwürfe von ihrer Seite zuziehen und doch keine Hülfe erlangen. Lassen wir also die Mutter aus dem Spiele, und sieh zu, Dich auf andere Art zu arrangiren.“

„Nun gut,“ sagte Eduard, „höre denn einen andern Vorschlag, einen Vorschlag, der allerdings etwas gewagt aussieht, aber Dir nicht zu gefährlich vorkommen wird, wenn ich Dir erkläre, daß ich alle Mittel rasch und gleich zu der mir nöthigen Summe zu gelangen, erschöpft habe und nun keinen anderen Ausweg mehr weiß, das von mir gegebene Ehrenwort einzulösen.“

„Das klingt ja ganz verzweifelt und feierlich!“ schaltete Clotilde ein.

„Und so ist es auch,“ entgegnete Eduard gemessen, nach einem augenblicklichen Schweigen folgendermaßen fortfahrend: „Du weißt, wo Deine Mutter ihre Gelder und Werthpapiere hat. Suche Dir den Schlüssel dazu zu verschaffen und nimm ohne ihr Wissen tausend Thaler davon.“

„Willst du mich zur Diebin machen?“ fuhr Clotilde entrüstet auf, indem sie Miene machte sich zu entfernen.

„Höre mich ganz aus,“ sprach Eduard, sie zurückhaltend mit unbeirrter, bittend klingender Stimme: „Ich sagte Dir ja schon, daß die Sache schlimmer aussieht, als sie ist. An Stelle des weggenommenen Geldes legst Du einen Zettel, auf welchen Du etwa Folgendes schreiben magst: „Zürne nicht, liebe Mutter, wenn Du einen Theil der hier niedergelegten Summe vermissest; ich habe ihn für Eduard gebraucht, der sich in augenblicklicher Verlegenheit befindet und ihn in den nächsten Tagen ersetzt haben wird.““ – Kommt Deine Mutter zu dem Schranke und entdeckt sie die Entwendung, so wird sie zart genug sein, davon nicht weiter Notiz zu nehmen. Vielleicht oder vielmehr wahrscheinlich aber wird sie indeß gar nicht zu dem Gelde sehen, und da ich in einigen Tagen, wo ich Geld von zu Hause bekomme, das Fehlende ersetzt haben werde, so bleibt und muß die Sache ein Geheimniß zwischen uns Beiden bleiben.

[153] „Bist Du zu Ende!“ fragte Clotilde mit eisigem Tone, als Eduard nach dieser Auseinandersetzung schwieg.

„Ja,“ entgegnete dieser; „die Reihe ist an Dir, und ich ersuche Dich, mir nicht rasch und unüberlegt darauf zu antworten. Es hängt viel, sehr viel von Deiner Entscheidung ab.“

„Mag davon abhängen, was da will,“ rief die so Angeredete mit unbewegtem Tone. „Nie und nimmer werde ich so etwas thun.“

„Ist das Dein letztes Wort, Clotilde,“ rief Eduard nun schmerzlich, indem er, vor seiner Braut auf die Knie sinkend, diese flehend mit seinen Armen umschlang und dann mit vor Thränen stockender Stimme fortfuhr: „Nein, nein, Clotilde, das kannst Du, das wirst Du nicht Dein letztes Wort sein lassen. Es wäre der Tod meiner Liebe!"

In diesem Augenblicke hörte man Geräusch, und kaum war Eduard aufgesprungen und an’s Fenster getreten, als auch schon die Majorin hereintrat und dem ganzen Auftritte dadurch ein Ende machte. Nachdem der Graf nun noch eine kurze Zeit geblieben und über gleichgültige Dinge mit so viel Fassung als ihm zu Gebot stand, gesprochen, empfahl er sich, beim Handkuß noch einmal Clotilde leise fragend, ob sie sich nicht anders besonnen.

„Mein Wort bleibt unwiderruflich,“ sagte sie und zwar in einem Tone, daß schon dieser hingereicht hätte, Eduard das Herz in der Brust zu wenden. Ganz bestürzt und vernichtet davon hauchte er sein Adieu so schmerzlich heraus, daß selbst die Majorin davon betroffen gemacht aufsah, und nachdem der Davoneilende fort war, ihre Tochter fragte, was denn vorgefallen sei.

„Nichts, gar nichts von Bedeutung,“ antwortete Clotilde. „Du weißt ja, daß Eduard zu Zeiten melancholische Stimmungen hat, und daß man ihn in solchen am Besten sich selbst überläßt, wo sie dann unbeachtet immer am Leichtesten und Ehesten vorüberzugehen pflegen.“

Diesmal indeß schien dies freilich doch nicht ganz der Fall sein zu wollen, denn nachdem Graf Eduard das Haus der Majorin von Gl…n verlassen und in düsteres Brüten versunken, einen Spaziergang um die Stadt gemachte, auch draußen vor dem Thore noch einsam und allein ein Glas Wein getrunken, ging er bei hereinbrechender Dunkelheit langsam in seine Wohnung zurück, bei sich selbst fest entschlossen, seinem Vater und der Majorin noch in dieser Nacht zu schreiben, daß er sich genöthigt sehe, auf Clotilden’s Hand zu verzichten. Ist dies gethan, sagte er zu sich selbst, so habe ich dann weiter keine Rücksicht zu nehmen und kann mir das Geld durch den ersten besten Wucherer herbeischaffen lassen.

Mit solchen Plänen und Vorsätzen sein Zimmer betretend, war er überrascht sich von seinem Diener mit dem Licht zugleich einen Brief überbracht zu sehen, von welchem dieser angab, daß er ihm von einem unbekannten Frauenzimmer in der Dämmerung eingehändigt worden sei.

Als darauf der Diener sich entfernt und Graf Eduard das Couvert auseinanderschlug, fand er die gewünschten tausend Thaler in Bankscheinen, und zugleich die mit verstellter Hand gechriebenen Wort darin:

„Wenn Sie das Geld von Ihrem Vater erhalten, geben Sie die hier inliegende Summe versiegelt an Natalie Bl… zurück. Im Uebrigen Verschwiegenheit gegen Jedermann.“

Graf Eduard von B… hatte Niemand als Clotilde seine Verlegenheit mitgetheilt, also konnte nur sie das Geld gesendet haben. Mußte ihm nun freilich auch die Art auffällig sein, in der es geschehen, so grübelte er doch nicht weiter darüber nach, sondern war nur froh, sich gerettet und von extremen Schritten zurückgehalten zu sehen. Wie von garstigem Alpdrücken befreit, seufzte er auf, vor sich hinmurmelnd:

„Nun seh’ ich doch, daß sie mich liebt!“

Schon früh am andern Morgen, nachdem er das Geld zusammen gepackt, gesiegelt und auf die Post gegeben, kam er ganz leicht und vergnügt bei der Majorin an, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen, und sein gestriges, eiliges Weggehen zu entschuldigen.

Clotilde, die nicht zugegen war und sich entschuldigen ließ, weil sie meinte, ihr Verlobter komme um einen neuen Versuch sie zu überreden zu machen, hörte, nachdem dieser wieder fortgegangen, nicht ohne Befremden, daß er heiter und vergnügt gewesen und mit großer Liebe von ihr gesprochen habe.

Er wird das Geld vom Vater erhalten und damit aus aller Verlegenheit sein, dachte sie, indem sie den für den Tag sich vorgesetzten Besorgungen und Besuchen nachging.

Als am Abend Eudard wieder kam, war Visite im Hause und kein ungestörter Augenblick, der sich zu einer Erklärung gepaßt hätte, zu finden. Am zweiten und dritten Tage ging es nicht besser. Am vierten schickte ganz unerwartet seine künftige Schwiegermutter zu ihm mit der Bitte, daß er augenblicklich bei ihr vorkommen möge, weil sie eine Sache von Wichtigkeit mit ihm zu besprechen habe.

[154] „Hören Sie, Graf,“ rief sie ihm laut, als er noch kaum über die Schwelle ihres Zimmers getreten war, entgegen, „hören Sie, Graf, was für ein Scandal sich in meinem Hause ereignet hat.“

„Was giebt es denn?“ fragte der Eintretende von banger Ahnung ergriffen und bis unter die Schläfe erbleichend.

„Ueberzeugen Sie sich selbst,“ entgegnete die Gefragte hastig, indem sie ihm ein beschriebenes Stück Papier hinhielt.

Es überlesend, fand er folgende Worte:

„Theure, gnädige Frau! Wenn Sie zufällig, ehe ich das, was ich getan, redressiren kann, an Ihre Schatulle kommen und die Summe von tausend Thalern vermissen, so suchen Sie nach keinem Diebe. Die Entwenderin bin ich. Ich habe mir heimlich Ihren Secretärschlüssel zu verschaffen und das Geld unbemerkt zuzueignen gewußt. Es ist nur für wenige Tage, nach deren Verlauf ich es wieder richtig zurück erstatten werde. Im Fall der Entdeckung um Mitleid und Schonung bittend
Nathalie Bl…“ 

Graf Eduard flimmerte es vor den Augen; er las wieder und wieder und wußte nicht, was er denken sollte.

„Was sagen Sie zu dieser unverschämten Frechheit?" fuhr die Majorin heraus, als sie zu ihrem Erstaunen den Graf statt in Verwunderung und Schelten losbrechen zu hören, wie versteint vor sich stehen sah.

„Ich fasse es nicht,“ hauchte dieser mehr zu sich selbst als der Majorin gewendet, tonlos heraus, indem er gleich daraus hastig fragte: „Und was thaten Sie mit der Unglücklichen?“

„Sie ist bereits der Polizei übergeben und wird ihrem Richter nicht entgehen,“ lautete die Antwort.

„O, mein Gott!“ stöhnte Graf Eduard, „Sie hätten nicht gleich zum Aeußersten schreiten und die Sache doch erst selbst näher untersuchen sollen.“

„Ich habe es versucht,“ entgegnete die Majorin, „aber denken Sie sich, die Sünderin ist so verstockt, daß sie nicht einmal gestehen will, was sie mit dem Gelde angefangen. Sie sagt, keine Macht der Erde würde sie das bekennen machen.“

Graf Eduard von B… war dem Umsinken nahe. Sich nur mit Mühe zusammenraffend, erklärte er, mit Clotilde sprechen und dann die in’s Gefängniß Gebrachte selbst aufsuchen zu wollen.

„O, hätten Sie mich nur früher rufen lassen,“ sagte er beim Weggehen zur Majorin. „Hängt die Sache, wie mir ahnt zusammen, so würde das öffentliche Aufsehen durch meine Dazwischenkunft vermieden worden sein.“

„Aber ich will das gar nicht vermieden haben,“ erwiederte die Dame des Hauses heftig. „Sei die Entwendung aus einer Ursache, welche sie wolle, begangen worden, sie ist so unerhört frech, daß es ja himmelschreiend wäre, wenn sie nicht exemplarisch bestraft würde.“

Ohne hierauf etwas zu entgegnen, eilte Graf Eduard davon, vor Clotilden’s Zimmer. Hier aber ward er bedeutet, daß das gnädige Fräulein, an Kopfweh leidend, sich jeden Besuch verbeten habe.

„Gut, gut,“ sagte er zu sich selbst, die Treppe des Hauses hinuntersteigend, „nun weiß ich genug. Ihr Alle seid die Größe und den Edelmuth dieses Mädchens nicht werth! – Und ich selber leider auch nicht!“ fügte er mit tiefster innerer Beschämung hinzu.

Als er in das Stadtgefängniß kam und nach Fräulein Nathalie Bl… fragte, ward er in eine kleine dunkle Zelle geführt, in der er das heroische Mädchen weinend in die Ecke gekauert fand.

„Mein Gott, was haben Sie gethan?“ rief er schmerzlich aus, als der Gefangnenwärter sich entfernend, ihn mit der Unglücklichen allein ließ.

„Nichts, was ich um meinetwillen bereue,“ sagte sie sanft, indem sie sich erhob. „Mißverstehen Sie diese Thränen nicht, Herr Graf, sie fließen einzig im Hinblick auf den Schmerz, den meine arme Mutter und meine Geschwister bei der Nachricht des gegen mich eröffneten Prozesses empfinden werden.

„Er kann, er darf nicht statthaben dieser Prozeß,“ rief Graf Eduard, indem er Natalien’s schöne, kleine Hand ergreifend und an seine Lippen drückend, hinzufügte: „Ich fasse noch kam die Größe Ihrer That. Wie und wodurch sind Sie dazu veranlaßt worden?“

„Ich war zufällig und wider meinen Willen Zeuge Ihrer Unterredung mit dem gnädigen Fräulein,“ entgegnete Natalie einfach, ihre Hand aus der des Grafen ziehend. „Der bebende, schmerzlich drängende Ton, mit dem Sie flehten, bewegte mich. Die Bedenken Ihrer Braut gegen Ihren Vorschlag schienen mir ungegründet und grausam. So kam es, daß, als Sie kaum gegangen, ich das that, was Sie ihr vorgeschlagen, und was, wenn sie es verübt, eine edle Unternehmung hieße und nur bei mir zum Verbrechen gestempelt wird.“

„Genug, genug,“ sagte Graf Eduard; „noch einmal, das wird, das soll nicht sein. Ich werde Mittel finden, das Schlimmste zu verhüten. Bin ich doch allein der Schuldige.“

Hiermit Natalie Bl… verlassend und zu der Majorin von Gl…n zurückeilend, um ihr Alles zu gestehen, ward er unterwegs vom Postboten eingeholt, der ihm Brief und Wechsel von seinem Vater überbrachte. Der Letztere ihm vieles Lob über seine vermeinte Enthaltsamkeit vom Spiel sagend und Glück zu seiner bevorstehenden Verbindung wünschend, schickte ihm einstweilen sechstausend Thaler, davon die erste Einrichtung zu bestreiten.

Nicht ohne schmerzliche Beschämung über das unverdiente Lob, das großmüthig gespendete Geld zu sich steckend, stürmte er weiter.

Bei der Frau von Gl…n angelangt, begann er nun sogleich ihr eine Banknote von tausend Thalern zu überreichen, den ganzen Hergang der Katastrophe zu erzählen, sie aus tief bewegtem Herzen ersuchend, die Anklage gegen Fräulein Natalie Bl… zurückzunehmen und die ganze Sache der Vergessenheit zu übergeben.

Wider sein Vermuthen erhob sich die Majorin, nachdem er seine Erzählung beendet, ungerührt von ihrem Sitz, ihm die Banknote zuschiebend und dann mit eisiger Kälte ihm sagend:

„Das Alles geht nicht mich, sondern das Gericht an.“

„Sie werden barmherzig sein, gnädige Frau,“ rief Graf Eduard, und auch seinerseits sich erhebend: „Sie werden, wenn nicht den guten Namen eines edlen Mädchens, so doch die Ehre Ihres künftigen Schwiegersohnes schonen!“

„Ich schone Niemand, der strafbar ist,“ kam hierauf die kurze abweichende Antwort und sodann die Bemerkung hinterher, „daß Sie, Herr Graf, nach dem was vorgefallen, aufhören, der Verlobte Clotildes zu sein, versteht sich von selbst. Hier ist,“ fügte sie auf den Tisch deutend, hinzu, bereits ein Brief meiner Tochter, der Ihnen ihren Rücktritt motiviren wird.“

„Ihre Erklärung genügt,“ sagte Graf Eduard, indem er sich stolz verbeugend und ohne weiter ein Wort zu verlieren, das Zimmer und das Haus der Majorin für immer verließ. Er sah sie und ihre Tochter nur noch einmal vor dem Assisengericht wieder, vor welches Natalie schon in den nächsten Tagen gestellt wurde.

Der Anwalt der Majorin klagte Natalie ganz einfach der Entwendung von tausend Thalern an, ohne weiter von dem Gebrauch zu machen, was Graf Eduard[WS 1] B… diesem über die Beweggründe derselben mitgetheilt. Und Natalie Bl…, diese Discretion respectirend, gestand sogleich ihr Vergehen ein, ohne auch nur den mindesten Versuch einer Entschuldigung zu machen.

Da aber die zuhörende Menge sowohl wie die Geschwornen und der Präsident an dem sittigen und edlen Benehmen der schönen Angeklagten gar wohl erkannten, daß diese keine gemeine Diebin sein könnte, sondern ganz eigenthümliche und ohne Zweifel die That unter eine günstigere Beleuchtung stellende Motive haben mußte, so freute man sich allgemein und es war nicht mehr als billig, daß der Vorsitzende vor Abschluß der Verhandlungen Natalie Bl… fragte, zu welchem Zweck sie das Geld entwendet habe.

„Seien Sie aufrichtig, mein Kind,“ sagte der würdige Greis, „gestehen Sie Alles. Sie haben ein zu gutes Gesicht, zu offene, ehrliche Augen, als daß man annehmen könnte, Sie möchten den Raub in gemeiner Diebesabsicht zu sich genommen haben. Auch hat er sich weder bei Ihnen noch bei den Ihrigen vorgefunden. Sie müssen ihn also, wenn nicht verborgen, was Sie selbst ja geleugnet, entschieden zu diesem oder jenem Gebrauch verwendet haben. Geben Sie diesen an. Lassen Sie sich durch keine noch so heilige oder profane Rücksicht bestimmen, ihn zurück zu halten. Bedenken Sie, was von dem Ausspruch der Geschworenen abhängt. Es gilt Ihren Namen, Ihren Ruf, die Ehre und die Ruhe Ihrer Familie. Reden Sie, reden Sie, ehe es zu spät und ehe das Urtheil gefällt ist!“

Natalie Bl…, von der Eindringlichkeit und Milde dieser rührenden Anrede bewegt, hatte eine Weile, wie nach Hülfe suchend, [155] im Kreise umhergeblickt und dann die Hände, erbleichend und zitternd, vor das von Thränen überströmte Gesicht gelegt.

Als sie so einige Minuten, wie es schien, im heftigsten Kampfe mit sich selbst gestanden und der Präsident, seine Frage wiederholend, sich auf’s Neue an sie wendete, erhob sie langsam ihre Blicke gen Himmel und stammelte, ihre Hand auf das Herz legend, vor sich hin:

„Ich kann, ich darf es nicht sagen. Es ist das Geheimniß eines Andern.“

War nun schon vorher unter dem versammelten Publikum sowohl, wie unter den Richtern die allgemeine Stimmung für die Angeklagte gewesen, so mußte jetzt dieses so überaus edle und durch die höchste Einfachheit imponirende Benehmen doppelt zu ihren Gunsten sprechen. Viele Frauen weinten, und selbst die verhärtetsten Männerherzen fühlten sich von dem, was sie hier sich begeben sahen, gerührt.

Nachdem die Bewegung des Erstaunens und der innigsten Theilnahme ein wenig nachgelassen und wieder eine athemlose Stille eingetreten war, richtete sich der Vorsitzende nun an die Majorin von Gl…n, diese fragend, ob sie denn selbst keine Ahnung habe, zu welchem Zwecke die von ihr Beklagte die tausend Thaler entwendet haben könne.

Einen Augenblick stutzte die Befragte, dann sich sammelnd, erklärte sie mit stotternder, undeutlicher Stimme: „daß dies allerdings der Fall sei, sie jedoch nicht reden könne, wenn es nicht ein Anderer, bei der Verhandlung Anwesender thue, den die ganze Sache näher betreffe und welchem sie einleuchtender sein müsse als ihr.“

Diese Aeußerung, obwohl nur zum Theil und unvollständig verstanden, brachte in der Versammlung eine solche Sensation hervor, daß man es im ersten Augenblicke ganz übersah, wie ein junger, stattlicher Herr, welcher natürlich Niemand anders als Graf Eduard von B… war, dem Präsidenten ein Zeichen machend, daß er reden wollte, an die Schranken des Gerichtshofes herangetreten war.

Nachdem man endlich und nur mit großer Mühe die Ruhe hergestellt hatte, begann nun Graf Eduard von B… wie folgt:

„Der, dessen Geheimniß die Angeklagte nicht verrathen wollte und welchen die Anklagende als Denjenigen bezeichnet hat, dem die Sache am Nächsten angehe, bin ich, der ich bisher nur geschwiegen, um ein edles und aufopferndes Herz sich in seiner ganzen Herrlichkeit entfalten zu lassen. Meine Herren Geschworenen, ehe Sie Ihren Spruch fällen, hören Sie zuvor das noch mit an, was ich Ihnen hier zu eröffnen habe und welches, wie ich im Voraus weiß, auf Ihr Votum nicht ohne Einfluß bleiben wird.“

Nach diesen Worten haarklein die Geschichte erzählend, die wir auf den vorstehenden Seiten unsern Lesern schon im Voraus gegeben, schloß er seine Rede ungefähr wie folgt:

„Dies, meine Herren Geschworenen, ist der klare, einfache und wahre Thatbestand, wegen welchem die Angeklagte vor Ihnen steht. Ich weiß nicht, wie Ihr Spruch über dieselbe lauten wird, aber wie er auch laute: schuldig oder unschuldig, mein Verhalten gegen die Angeklagte soll dadurch nicht bestimmt werden. Laut und offen erkläre ich vor aller Welt, daß ich Natalie Bl… nicht nur ihrer That willen nicht gering schätzen kann, sondern daß ich sie derselben wegen ewig lieben und verehren werde. Gehen Sie, meine Herren Geschworenen und berathen Sie sich. Wie aber auch Ihre Entscheidung falle, hier stehe ich und bitte, daß die, über die Sie zu richten haben, unter allen Umständen nicht verschmähen möge, meine Gefährtin durch’s Leben zu werden.“

Ein Beifallssturm von Jauchzen und Händeklatschen durchscholl den Saal, den die Geschworenen mit gerührten Mienen und thränenden Blicken verließen, während Natalie Bl...., durchströmt von Glück und Wonne, ihrer selbst nicht mehr mächtig, Graf Eduard von Bl… ohnmächtig in die Arme sank.

Noch war sie ihrer Sinne nicht ganz mächtig, als die Geschworenen schon wieder erschienen, um durch ihren Sprecher erklären zu lassen, daß ihr Spruch über die Angeklagte einstimmig auf „nichtschuldig“ laute.

Nun brach ein Zurufen und Freudengeschrei vor den Assisen los, wie man es in B… vor denselben noch nie erlebt. Im Nu waren von allen Seiten die Barrièren überklettert und Graf Eduard von B… und seine Verlobte von einem solchen Menschenknäul umringt, daß man die angestrengteste Mühe hatte, sie aus demselben heraus, vom Erstickungstode zu retten. Als sie endlich hinaus auf die Straße traten und sich in einen herbeigeholten Wagen setzten, ließ es sich die Menge nicht nehmen, die Pferde auszuspannen, und denselben selbst bis vor die Wohnung des Grafen zu ziehen.

Hier angelangt, ward noch in derselben Stunde der Prediger geholt, und von diesem die Trauung vollzogen.

Die Majorin von Gl…n und ihre Tochter haben bald darnach B… verlassen, und wie es heißt, ist die Letztere später noch eine sehr unzweckmäßige und sie tief unglücklich machende Ehe eingegangen. Graf Eduard von B… und Natalie Bl… dagegen leben noch jetzt in der glücklichsten Gemeinschaft, die man sich denken kann, in B…, geschätzt, geachtet und geliebt von der ganzen Stadt, in der sie sich für immer heimisch gemacht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Edaard