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Der Dampf-Pflug

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Textdaten
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Titel: Der Dampf-Pflug
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 574–576
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Dampf-Pflug.

Von dem Spaten und dem Pfluge, womit seit Jahrtausenden der Getreide- und Fruchtacker bearbeitet ward, bis zu den unzähligen, complicirten und zum Theil genialen Hand- und Dampfmaschinen, welche jetzt in England und Amerika über und durch den Boden fliegen, um in Stunden bessere und mehr Arbeit zu verrichten, als der Bauer mit seinen Ochsen in ganzen Wochen, ist ein großer, weiter Culturschritt, zwischen welchem ungeheuere Massen von angewandter Mathematik und Mechanik aufgespapelt liegen. Und doch findet man noch überall neben dem vollkommensten Ackerbau mit Dampfmaschinen die rohesten Spaten und einfachsten Pflüge, wie sie von einem Jahrhundert zum andern sich von Vater auf Sohn und Enkel forterbten. Die kleinen Farmer und Gärtner in England arbeiten noch mit den rohesten Werkzeugen neben den triumphirendsten Dampfpflügen, und die ermüdende Menschenhand muß noch concurriren mit den nie ermattenden feurigen Drachen oder räder- und hebelreichen Mechanismen, welche für die Menschen dreschen, Getreide von der Spreu und vom Staub sichten, Häcksel schneiden, Getreide säen, mähen und mahlen, Knochen in Düngerstaub zermalmen, Rüben schneiden, buttern, käsen und sonstige Bauerarbeiten verrichten. Ja, man hat schon versucht, mit einer einzigen, irgendwo feststehenden Dampfmaschine alle diese Arbeiten und noch mehr gleichzeitig verrichten zu lassen. Der einzige Kolben, der von der Dampfkraft gedankenlos, aber zuverlässig, sicher und unermüdlich auf- und abgetrieben wird, zieht hier den Pflug, dort drischt er, an einer anderen Stelle schneidet er Häckeling, und auch zum Buttern läßt er sich dabei herab.

Als Bauer und Ackersmann steckt der Dampf-Riese noch in den Kinderschuhen und in allerlei kindischen Versuchen, die aber alle in der einen oder andern Weise Vorzüge vor der Menschenarbeit haben. Im Allgemeinen sind die Apparate, welche als hand- oder dampfbewegte Mechanismen die Menschen-Plackerei beim Ackerbau ersetzen und überwiegen sollen, noch zu complicirt und theuer. Aber [575] unzählige Köpfe und Hände arbeiten fortwährend praktisch und theoretisch daran, auf einfache, wohlfeile Wege zurückzukommen, d. h. den simpeln Spaten und den rohen Pflug für die höhere Mechanik wiederzugewinnen und deren Unbeholfenheit und Langsamkeit zu überwinden.

Ohne uns hier auf das bunte Gebiet der Maschinerie für den Ackerbau im Allgemeinen einzulassen, wenden wir uns sofort zu einer bestimmten, der interessantesten Sphäre und zwar dem Dampfpfluge. Da es nun deren auch wieder eine große Menge von Arten gibt, über deren Werth man noch nicht im Klaren ist, scheint es für unseren Zweck am Gerathensten, uns auf einen der in England beliebtesten und zwar auf bestimmte Experimente damit einzulassen.

Dies ist der Dampfpflug, der durch eine feststehende Maschine getrieben wird. Die Experimente damit wurden von William Smith in Woolston, Berkshire, vorgenommen. Einem Berichte darüber an Disraeli sind die Hauptthatsachen dieses Artikels entnommen. Der Pflug wendet die Oberfläche des Bodens blos um, ohne ihn gehörig zu lockern, ohne Unkrautwurzeln zu vertilgen. Im Gegentheil zerreißt er diese in der Regel blos und vervielfältigt sie. Der Spaten kann den Pflug nicht ersetzen, so daß seine Vorzüge vor dem Pfluge für Getreidefelder kaum in Betracht kommen können. Man hat mit dem Spaten den Boden mehr in der Gewalt und kann ihn in kleinen Stücken aufgraben, umwenden und von wuchernden Unkrautwurzeln aus dem Gröbsten befreien. Aber das Umwenden gelingt dabei nur theilweise. Pflug und Spaten in ihrer Wirkung vereinigt wären schon eine vollkommenere Bearbeitung des Bodens. Ersterer wendet blos roh um und in der Regel blos auf einer Tiefe von 5-6 Zoll. Der Spaten dringt leicht bis 12 Zoll tief und die nur theilweise gelingende Umwendung des Bodens wird durch tiefe Auflockerung und Zerstückelung des Grundes mehr als aufgewogen. Gute Vorbereitung des Bodens zu reichen Ernteerträgen müßte die Arbeiten des Pfluges und Spatens vereinigen. Dies thut der Dampfpflug, wie ihn W. Smith anwandte. Der mit dem Dampfpfluge bearbeitete Acker lieferte durchschnittlich 461/2 Scheffel Weizen von jedem Acker, der gewöhnlich gepflügte blos 421/2 Scheffel. Dieses Ergebniß ist schon allein etwas werth, steigt aber noch bedeutend, wenn wir erfahren, daß die Beackerung mit Dampf weniger kostete, als die Bestellung mit Menschen- und Pferdekraft.

W. Smith fing im Winter 1855–56 mit dem Dampfpfluge an und fuhr damit auf 100 Morgen bis zum heutigen Tage fort. Die bisher gewonnenen Ergebnisse laufen auf folgende Thatsachen hinaus. Verschieden construirte Pflüge je nach Boden und Saat (S. Fig 1., 2., 3. und 4. auf unserer Abbildung) von einer Siebenpferdekraft Dampfmaschine gezogen, wendeten und lockerten den Boden so, daß er porös blieb und die schädlichen Unkrautwurzeln auf die Oberfläche kamen, wo sie verdorrten und der so bearbeitete Acker 9 Quarters 2 Scheffel Hafer, 5 Quarters 1 Scheffel Erbsen, 6 Quarters 3 Scheffel Bohnen per Morgen lleferte.

Was die Pflüge betrifft, so wandte er Nr. 3. für Herbstsaat an. Er ist von Eisen und zieht drei Untergrund-Schare, das mittelste 30 Zoll vor den beiden andern, tief durch den Boden. Durch das Mittelrad wird die Tiefe, bis zu welcher die Schare greifen sollen, geregelt. Vom Dampfe widerstandslos gezogen, reißt er spielend den Boden 8 und mehr Zoll tief und über 1 Yard breit auf, so daß er dahinter durcheinander bröckelt und schädliches Wurzel- und Queckenwerk auf die Oberfläche wirft.

Nr. 4. wird zur Vorbereitung brachen Landes und zum Pflügen im Frühlinge gebraucht. Eine Dampfmaschine kann damit in einem Tage 12 Morgen Landes umwühlen, um- und durchpflügen.

Nr. 2. ist ein Untergrund-Rajolpflug, sehr gut für Herbst-Bestellung. In der Construction ähnlich dem Nr. 3., hat er hinten zwei Untergrund-Schare, in der Mitte ein Schar mit doppelten Streichbretern und vorn das übliche Sech. Die hinteren Untergrund-Schare sind so gestellt, daß sie 5 Zoll tiefer dringen als das mittelste Pflug-Schar. So wird der Boden in 28 bis 36 Zoll breite Furchen auseinander gelegt und zugleich unter Grund aufgerissen, so daß Wind und Winterwetter erfolgreich darauf einwirken und die nöthigen chemischen Zersetzungen unterstützen, den Boden lüften, austrocknen und ertragkräftig machen können.

Der einfache Untergrund-Pflug Nr. 1. wird auf dem von Nr. 2. bearbeiteten Boden mit 3 Pferden gebraucht, um die Furchenrücken wieder in 15 bis 20 Zoll breite und 18 bis 22 Zoll tiefe neue Furchen aufzureißen und den Boden wieder aufs neue der Luft und dem Lichte zu öffnen.

Um diese und andere Pflüge vom Dampfe ziehen zu lassen, macht’s Mr. Smith, wie Figura zeigt. Die Mitte unserer Abbildung stellt ein Feld von 12 Morgen dar und die Art, wie der Dampf pflügen muß. Wir sehen im Vordergrunde die feststehende Dampfmaschine, welche den Krahn oder die Winde vor ihr dreht. Letztere besteht aus Zwei großen, trommelartigen Körpern, aus welchen sich der starke Draht der den Pflug zieht, auf- und abwindet. Die eine Trommel zieht hin, die andere her, je nachdem die Dampfkraft der Maschine mit einem einfachen Mechanismus auf sie übergetragen wird. C1, C2, C3, C4 sind Drehscheiben, um welche das eiserne Tau läuft, E1, E2, E3, E4 die Anker, durch welche sie gestellt und festgehalten werden, so daß der Pflug sich danach ziehen lassen und richten muß. Um die Friction der Ziehenden Taue auf dem Boden etc. zu vermeiden, läßt man ihn über Rollen laufen, wie man sie auf allen vier Seiten des Taues angedeutet findet. Diese müssen auf dem Boden leicht beweglich sein, damit sie vor dem Pfluge bequem weggenommen und hinter demselben wieder placirt werden können.

Das nöthige Personal besteht aus einem Manne an der Maschine, einem andern an der Krahnwinde, dem Pflüger und einem Assistenten, um die Rollen zu entfernen und wieder zu placiren, endlich einem Anker-Manne, der durch verschiedene Fixirung der Anker die Richtung des Pfluges und die Furchen bestimmt. Von letzteren sind, wenn’s schnell gehen soll, zwei erforderlich neben C2 und C3. Am Ende des Pflugbaumes befindet sich eine Handhabe von starkem Schmiedeeisen, um daran das ziehende Eisentau zu befestigen. Man nehme dies als geschehen an und den Pflug in Bewegung von C2 nach C3, gezogen von dem sich über C3, C4 und C1 und die Krahnwinde wickelnden Zugtaue, dessen anderes Ende sich von der zweiten Krahnwinde um C2 herum loswickelt. Der Pflug wird, bei C3 angekommen, durch ein Signal für den Maschinenmann angehalten, Drehscheibe und Anker bei C3 zu einer neuen Furche gestellt, der Pflug gewendet, die Bewegung der Krahnwinden rückwärts gerichtet, die Maschine wieder in Thätigkeit gesetzt und eine neue Furche in umgekehrter Richtung gezogen. Diese Operation, um den Pflug wieder in umgekehrter Richtung in Bewegung zu setzen, dauert nicht länger, als 1/4 bis 1/2 Minute.

Während sich der Pflug von C3 nach C2 bewegt, schiebt der Ankermann E3 in der Richtung nach C4. Aehnlich macht’s der andere Ankermann am Punkte C2, während der Pflug sich wieder in entgegengesetzter Richtung bewegt. Dieser Proceß wird wiederholt, bis von dem einen Ende her, von C3, der Punkt C4 und von dem andern, E6, der E1 erreicht und somit die ganze Fläche Nr. 1 bestellt ist. Um die andere Hälfte Nr. 2 ebenso zu bearbeiten, werden von den Endpunkten der gepflügten Theile aus die Punkte C3, C4 und C5 beankert, und das ganze Feldstück mit dem Zugtaue umspannt, so daß es nun vollständig beherrscht und eben so, wie das erstere, mit Furchenlinien durchzogen werden kann. Die bequemste Größe für ein Feldstück ist nach Mr. Smith etwa 10 bis 12 Morgen und die beste Entfernung zwischen C2 und C3 etwa ein Achtel einer englischen Meile.

Ohne Rücksicht auf die Details unserer Abbildung wird man nun leicht begreifen, daß der Pflug von den Zugtauen der beiden Krahnwinden hin- und hergezogen und dessen Richtung und Furchen durch die Anker und Drehscheiben bestimmt werden. Also eine sehr einfache Operation, die man allenfalls durch ein Stück Bindfaden und zwei in entgegengesetzter Richtung gedrehte Winden anschaulich machen kann.

Was die Kosten, die Zeit und Bestellungsart des Dampfpflügens betrifft, so gibt Mr. Smith darüber folgenden Aufschluß. Im September vorigen Jahres pflügte er mit Nr. 3. 30 Morgen Stoppelfeld in 6 Tagen für 7 Pfund und 15 Schillige oder 5 Schillinge 2 Pence per Morgen, alle Ausgaben für Leute, Feuerung u. s. w. mit eingerechnet. Hierauf wurde mit dem Dampfpfluge Nr. 2 das Land unter Grund gepflügt und für die Winterwitterung geöffnet. Dies dauerte 8 Tage mit einem Kostenaufwande von 8 Schillinge 8 Pence per Morgen. Eine zweite Untergrundpflügung mit Pferden von 18 Zoll tief brachte das Feld in musterhafte Ordnung.

Diese erste, skizzenhafte Veranschaulichung der Dampfpflugarbeit möge genügen, da wir hier nicht für den Landmann schreiben, damit er auch etwa gleich Dampf anspanne, statt der Pferde, sondern für Land und Leute im Allgemeinen, die blos ein Bild von den [576] Operationen bekommen sollen, mit welchen man in England und Amerika zu dampfpflügen angefangen. Man versucht’s noch auf verschiedene andere Weise, ist aber bisher noch mit keiner vollkommen zufrieden. Die königliche Agricultur Gesellschaft hat über 20 Preise auf verschiedene Ackerbau-Maschinen ausgesetzt und den ersten von 500 Pfund Sterllng auf den besten Dampfpflug. Beweises genug, daß man zugibt, den besten noch nicht gefunden zu haben.

Aber es ist auf tausenderlei Weise theoretisch und praktisch eine neue, wissenschaftliche und künstlerische Bahn für den Ackerbau, den goldenen Boden alles menschlichen Gedeihens, gebrochen worden und schon in den mannichfaltigsten Regungen betreten und befahren.


Der Dampfpflug.


Der eigentliche Zweck des Dampfpfluges ist, eine größere Tiefe zu erreichen und so den bisher unbenutzbar bleibenden Unterboden mit zu verwerthen, aus der Tiefe zu gewinnen, was an Ausdehnung auf der Oberfläche etwa mangelt, außerdem die unten wuchernden schädlichen Wurzeln auf die Oberfläche zu bringen und so von Luft und Sonne zerstören zu lassen (oder zu entfernen), Summa Summarum den durch flache Cultur erschöpften Boden aus der Tiefe zu recrutiren und so bessere und ergiebigere Ernten zu sichern.

Was unsere Abbildung betrifft, so fügen wir hinzu, daß die lebendigen Einhegungen der Ackerfläche nicht etwa Phantasie, sondern über den ganzen englischen Boden millionenfach in Kreuz und Quere gezogene lebendige Einhebungen und Verbarricadirungen sind, theils um persönliches Grundeigenthum überhaupt besser zu sichern, theils um Kühe, Schafe und Pferde im Herbste und Winter darauf ohne Hirten zu weiden. Gemeinde-Hirten und Gemeinde-Triften gibt’s nicht in England. Jeder für sich ein- und abgeschlossen in Haus, Heerd, Herz und Hutung.