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Der Condor (Die Gartenlaube 1855)

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Pfeil Der Titel dieser Seite ist mehrdeutig. Für die Erzählung von Adalbert Stifter siehe Der Condor.
Textdaten
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Titel: Der Condor
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 98–99
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[98]
Etwas Naturgeschichte.
Nr. 5. Der Condor.

So groß auch der Nutzen der Menagerien ist, indem sie dem wißbegierigen Forscher die Thiere vor Augen führen, welche er außerdem blos aus Büchern oder aus ihren in Museen aufbewahrten Ueberresten kennen lernen würde, so muß man doch gestehen, daß sie der Romantik verderblich geworden sind. Die übertriebenen Körperdimensionen, welche Reisende gewissen Vögeln und vierfüßigen Thieren, ja sogar Menschen zugeschrieben haben – theils weil sie die betreffenden Gegenstände selbst nur aus der Ferne sahen, theils weil sie sich auf die lügenhaften oder auch nicht richtig verstandenen Aussagen der Eingeborenen verließen – schrumpfen zusammen, wenn das lebende Geschöpf vor die Augen des Beschauers tritt.

Wie Viele, die von der fabelhaften Größe des Condor gelesen, haben sich bei dem ersten Anblick dieser Vögel, die schon so lange im Garten der zoologischen Gesellschaft zu London gehegt werden, sehr enttäuscht gefühlt. Gewöhnlich liest man in Naturgeschichten, nicht blos für Kinder, sondern auch für große Leute, daß der gewaltige Geier der Andes mit ausgebreiteten Flügeln achtzehn Fuß messe. Der der zoologischen Gesellschaft angehörende männliche Condor, ein sehr schönes Exemplar, mißt aber von einer Flügelspitze zur andern nicht mehr als eilf Fuß, und seine Länge beträgt nicht über vier Fuß neun Zoll.

Im Naturzustande liegen die Eier des Condors, wie man behauptet, auf dem nackten Felsen ohne Reiser oder Stroh und nicht einmal durch einen Rand geschützt. Hier in einer Höhe von zehn bis fünfzehntausend Fuß über der Meeresfläche athmet der junge Vogel zuerst die reine, dünne Luft. Es vergeht über ein Jahr, ehe er hinreichend flügge ist, um die Mutter verlassen zu können. Gegen das Ende des zweiten Jahres ist die Farbe ein gelbliches Braun, und erst dann beginnt die Halskrause hervorzutreten. Der völlig ausgewachsene Condor sieht schwarz. Höher fliegend als irgend ein anderer Vogel, so daß sie von der Erde aus oft nur noch wie ein schwacher Punkt erscheinen, kreisen sie über den Thälern und lauern mit ihren teleskopischen Augen auf den Sturz eines alten schwachen Pferdes, einer Kuh oder eines angeschossenen Wildes. Dann schießen die Condors herab zum Schmause. Bei ihrer Leckerhaftigkeit fangen sie gewöhnlich mit der Zunge und den Augen des gefallenen Thieres an, die Wuth eines durch langes Fasten in der hohen frischen Luft geschärften Hungers läßt sich aber nicht so leicht beschwichtigen. Der Vogel verschlingt, schwelgend an der reichbesetzten Tafel, welche der Tod ihm in der Wüste gedeckt, nachdem er das Fell des Thieres mit seinem scharfen Schnabel aufgerissen, ein Stück Eingeweide und Fleisch nach dem andern, bis er sich so vollgefressen hat, daß er nicht sogleich wieder auffliegen kann.

Dies wissen die Indianer recht wohl, und wenn sie Lust zu einer Hetzjagd haben, so werfen sie ein todtes Pferd oder ein Kuh an eine geeignete Stelle und warten ruhig den Schmaus ab, der von den Condors, von denen einige fast stets auf der Lauer schweben, ganz gewiß besucht wird. Wenn sie sich tüchtig vollgefressen haben und einander mit gefräßigem Ernste anschauen, kommen die Indianer mit dem todtbringenden Lasso herbei. Nun findet ein wild anregendes Schauspiel Statt, welches das Herz des Jägers kaum weniger erfreut, als ein Stiergefecht. Die Lasso’s werden mit mehr oder weniger Glück geworfen. Einige der Vögel fangen sich in der Schlinge, andern gelingt es noch mit Mühe und Noth davon zu kommen; wenn aber ein Condor gefangen wird, so findet noch ein Kampf Statt, und zwar ein heftiger, ehe er erlegt wird, und die Geschichten, die man sich von der Zähigkeit seines Lebens erzählt, wären geradezu unglaublich, wenn sie nicht durch glaubwürdige Augenzeugen bestätigt würden.

Humboldt war einmal zugegen, als die Indianer die Lebenskraft eines lebendig gefangenen Condors zu besiegen suchten. Nachdem sie ihm einen Lasso um den Hals geschlungen, hingen sie ihn an einen Baum und zerrten ihn mehrere Minuten lang aus Leibeskräften an den Beinen, auf eine Weise, die dem geübtesten Henker Ehre gemacht haben würde. Nachdem die Execution anscheinend vorüber war, ward der Lasso abgenommen, und siehe [99] da, der Vogel stand auf und lief herum, als ob nichts geschehen wäre. Nun ward ein Pistol auf ihn abgefeuert, während der Indianer, welcher schoß, kaum vier Schritte entfernt stand. Drei Kugeln trafen den Condor und verwundeten ihn in den Hals, in die Brust und in den Bauch, der Vogel aber blieb fest auf den Beinen. Eine vierte Kugel zerschmetterte ihm das Bein. Nun stürzte der Condor allerdings, starb aber an allen diesen Wunden erst nach mehrern Stunden.

Der Lämmergeier der Alten steht dem Condor an Größe nur wenig nach, ja kommt ihm vielleicht gleich und hält sich eben so wie dieser in den großen Gebirgsketten auf. So wie der Condor der große Geier der neuen Welt ist, so thront dieser Adlergeier auf den unzugänglichen Felsenspitzen des alten Continents. Auf den Schweizer- und deutschen Alpen von Piemont bis Dalmatien, in den Pyrenäen, auf den Gebirgen Ghilan’s und Sibiriens, Aegyptens und Abyssiniens sitzt dieser, der größte der europäischen Raubvögel, auf Beute lauernd. Seine Klauen sind zum Raube noch besser geschaffen, als die Nägel des Condor. Deshalb sucht er sich auch gewöhnlich eine lebendige Beute und stößt auf Lämmer und andere Thiere von dieser Größe herab. Die Geschichten, die man sich erzählt, daß er zuweilen sogar Kinder in seinen Klauen fortgetragen habe, haben einen viel größern Anstrich von Wahrscheinlichkeit, als wenn man sie von dem Condor erzählt, dessen Fuß verhältnißmäßig schwach ist. Der Lämmergeier begnügt sich mit todter Beute nur dann, wenn keine bessere zu haben ist, und Bruce erzählt von der Hartnäckigkeit und Keckheit dieses Thieres ein Beispiel, welches wir unsern Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben:

„Auf der höchsten Spitze des Berges Lamalmon,“ erzahlt dieser Reisender, „während meine Diener sich von dem beschwerlichen Marsche erholten, sich an der köstlichen Luft labten und ihre Mahlzeit verzehrten, welche aus so eben gekochtem Ziegenfleisch in mehrern großen Schüsseln bestand, kam plötzlich ein großer Adler zum Vorschein. Er schoß nicht, wie diese Thiere sonst zu thun pflegen, rasch aus der Höhe herab, sondern kam langsam längs des Bodens hergeflogen und setzte sich innerhalb des Kreises, den die Männer bildeten, dicht neben das Fleisch. Das laute Geschrei meiner Diener rief mich zur Stelle. Ich sah den Adler eine Minute lang still stehen, als ob er sich besönne, während die Diener nach ihren Lanzen eilten. Ich ging so nahe hinzu, als mir die Zeit gestattete. Seine Aufmerksamkeit war ausschließlich von dem Fleische in Anspruch genommen. Ich sah, wie er mit der Klaue in eine der Schüsseln fuhr, in welcher ein großes Stück Fleisch in der noch fast siedend heißen Brühe schwamm. Der unerwartete Schmerz bewog ihn, die Klaue schnell wieder zurückzuziehen und sich nach einer andern Beute umzusehen.

„Ein wenig seitwärts lagen auf einem hölzernen Teller zwei andere Stücken Fleisch. In diese hieb er beide Klauen und trug sie fort, warf dabei aber, wie mir schien, noch einen sehnsüchtigen Blick auf das größere Stück, welches in der heißen Brühe lag. Er flog langsam über den Boden hin fort, wie er gekommen war und verschwand um eine Ecke des Felsens. Die Muhamedaner, welche die Esel trieben, versicherten mir, daß er wiederkommen werde, worüber sich meine Diener, die so eben einen für sie sehr empfindlichen Verlust durch ihn erlitten, eben nicht zu freuen schienen.

„Da ich für meine Person den Wunsch empfand, genauere Bekanntschaft mit ihm zu machen, so lud ich meine Büchse mit Kugel, und setzte mich dicht neben die Schüssel mit dem Fleisch. Auch dauerte es nicht lange, so kam er wieder zum Vorschein, und das laute Geschrei meiner Begleiter: „Er kommt! er kommt!“ wäre wohl hinreichend gewesen, ein weniger muthiges Thier zu verscheuchen. Ob er nicht mehr so hungrig war, wie zuerst oder ob ihm meine Erscheinung verdächtig vorkam, weiß ich natürlich nicht, aber er machte eine kleine Schwenkung und setzte sich ungefähr zehn Schritt von mir nieder, so daß die Fleischschüssel zwischen ihm und mir in der Mitte stand. Da die Schußlinie vor mir frei war und ich nicht wissen konnte, ob er sich nicht in der nächsten Minute einem meiner Leute gegenüber setzen würde, in welchem Falle es ihm dann leicht hätte gelingen können, auch das noch übrige Fleisch fortzutragen, so legte ich an und schoß ihn mitten durch den Leib, ungefähr zwei Zoll unter dem Flügel. Er stürzte sofort und verendete binnen wenigen Augenblicken, ohne ein Glied zu zucken. Er maß von einer Flügelspitze bis zur andern acht Fuß vier Zoll, von der Spitze des Schwanzes bis zur Schnabelspitze vier Fuß sieben Zoll; sein Gewicht betrug zweiundzwanzig Pfund und er war sehr feist und wohlgenährt.“

Das Condorpärchen, von welchem wir hier erzählen, befand sich trotz seiner Gefangenschaft wohl und munter, und das Weibchen legte sogar in einem Zeitraume von drei Jahren sieben Eier, machte aber nie einen Versuch, eins davon auszubrüten.

Als wir eines Tages den zoologischen Garten besuchten, sahen wir die Condors mit einem frischgelegten weißen, drei oder vier Zoll langen Ei, welches auf dem nackten Boden ihres Käfigs lag. Von einem Neste irgend welcher Art war keine Spur vorhanden, und es lag etwas Wehmüthiges und doch auch zugleich Lächerliches in dem Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, womit die beiden Aeltern das gelegte Ei betrachteten. Sie sahen erst das Ei und dann einander selbst an, als ob sie sagen wollten. „Was sollen wir nun, da wir es haben, damit anfangen?“ und die stumme Antwort ihrer betrübten Augen und niederhängenden Köpfe war augenscheinlich: „Nichts.“

Endlich machte man den Vorschlag, sobald das Condorweibchen wieder ein Ei lege, es einer Henne unterzulegen, was auch bald darauf geschah. Der Brütplatz war ein ein wenig über dem Fußboden erhöhter Käfig in einem der Vogelhäuer des Zoologischen Gartens. Die Henne unterzog sich ihrer Aufgabe mit der größten Ausdauer. Ein Tag nach dem andern und eine Woche nach der andern verging. Die gewöhnliche Zeit, zu welcher eine Henne sonst die Frucht ihres Brütens aus dem Eie hervorgehen sieht, war längst vorüber, aber die gute Pflegemutter harrte unverbrüchlich aus, bis endlich nach vierundfunfzig Tagen an einem schönen Junimorgen früh sechs Uhr der junge Condor die Wand seines Gefängnisses zu durchbrechen begann.

Der Prozeß des Auskriechens ging sehr langsam vor sich. Der junge Vogel kam erst nach siebenundzwanzig Stunden völlig aus dem Ei heraus und zwar nicht ohne Hülfe des Wärters, der es nothwendig fand, die Schale zu entfernen, weil das Häutchen um den jungen Vogel herum trocken geworden war.

So erblickte der erste in England ausgebrütete Condor das Licht dieser besten Welt. Er war nackt und sah dunkelgrau aus; Rücken und Seiten waren mit schmutzig-weißem Flaum bedeckt. Am Abend des Tages, an welchem er ausgekrochen, fraß er ein Stück von der Leber eines jungen Kaninchens. Mit diesem Futter, welches er sehr gern zu genießen schien, fuhr man fort, und man hatte gegründete Hoffnung, ihn am Leben erhalten zu sehen, als er leider am Morgen des einundzwanzigsten Tages nach seiner Ausbrütung todt im Käfig gefunden ward. Die gute Henne, welche gegen ihr Pflegekind bis zum letzten Augenblicke sehr aufmerksam gewesen war, schien es sehr zu vermissen. Das Geschrei des jungen Condors glich dem Quieken einer Ratte, deren es um die Wohnung der Henne und ihres Pfleglings herum sehr viele gab. Zuweilen quiekten sie und dann näherte sich die nun vereinsamte Pflegemutter dem Loche, aus welchem das Quieken sich vernehmen ließ, horchte und blieb eine Zeit lang gluckend stehen, als ob sie erwartete, ihr Pflegekind hervorkommen zu sehen.