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Der Chignon-Pilz

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Textdaten
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Autor: Prof. Richter
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Titel: Der Chignon-Pilz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 544
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[544] Der Chignon-Pilz, welcher vor einiger Zeit (Gartenlaube 1867, Nr. 5) den haarbeuteltragenden Damen so großen Schreck eingejagt hat, ist durch den unermüdlichen und entdeckungsreichen Pilzforscher Professor Hallier in Jena auf einfache Weise enträthselt worden. Dr. Hallier erhielt die davon befallenen Haare aus der ersten Quelle, von dem Dr. Beigel in London, dem zu Ehren diese an den Chignonhaaren haftenden kleinen Knötchen von Naturforschern den Namen „Pleurococcus Beigelii“ erhalten haben. Er cultivirte diese Haare in den von ihm zu solchen Zwecken erfundenen Isolir- und Culturapparaten und erzog daraus – unsern gemeinsten Schimmel, den bläulichen Pinselschimmel (das Penicillium), dessen zahlreiche Ungebührlichkeiten wir schon in dem Hexenartikel (Gartenlaube 1866, Nr. 44, S. 687) erwähnt haben. Als Controle und Gegenversuch säete Dr. Hallier auf gesunde Haare einen anderen leicht erkennbaren Schimmelpilz, den Weihwedel-Schimmel (Aspergillus), und erzog daraus in denselben Culturapparaten ganz ähnliche Knötchen, aus denen der echte Aspergillus hervorwuchs. Die Entstehung dieser Gebilde in den Chignons ist ganz einfach erklärbar. Allenthalben in der Luft schweben Pilzsamen (Sporen) als sogenannte Sonnenstäubchen umher, am massenhaftesten in Wohnzimmern. Wir athmen sie in Menge ein, so daß sie sich im Munde festsetzen und keimend zu dem Schleim auswachsen, den wir an unseren Zähnen finden; von da aus bohren sie den Zahn an und erzeugen den Zahnbrand, die sogenannten hohlen Zähne, welche daher (nebst Zahnbelegen) bei Stubenmenschen und Stubenhunden am häufigsten vorkommen. (Hierüber haben neuerdings Leber und Rottenstein in Berlin eine sehr interessante Brochüre veröffentlicht.) In gleicher Weise setzen sich die schwärmenden Pilzsporen in die Haare, sowohl in die lebenden (wo sie dann verschiedene Formen der Kopfausschläge nach sich ziehen), als auch in die todten. In den Chignons, wo sie durch Kämmen Und Reinigen nicht gestört werden und sich aus dem Schweißdunst, gelegentlich auch wohl aus atmosphärischer Feuchtigkeit (Nebel, Regen etc.) nähren können, wachsen sie mit dichtgedrängten Sporen zu dichten Knötchen (sogenannten Sklerotien) aus. In ganz ähnlicher Weise wachsen und gedeihen verschiedene Schimmelformen in den so sorgfältig vor Kamm und Bürste gehüteten Wichtelzöpfen (fälschlich Weichselzöpfe genannt) der Polen.

Es ist charakteristisch, daß man ganz ähnliche Knötchen in den Haaren der aus Amerika in die Museen gelangten Faulthiere findet! Also, meine Damen, eine Unreinlichkeit ist der Chignonpilz jedenfalls, und er kann auch Kopf-, Gesichts- und Nackenausschläge erzeugen. Und so lange Sie kein Mittel haben, den Chignon ebenso zu kämmen und zu bürsten, wie Sie es hoffentlich alle Tage mit Ihrem eigenen wallenden Haupthaar zu thun pflegen, so lange wäre es wohl hübscher, wenn Sie sich bloß mit dem letzteren begnügten.

Prof. Richter.