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Der Alte von der Schmücke

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Textdaten
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Autor: Julius Keßler
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Titel: Der Alte von der Schmücke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 566–569
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[566]
Der Alte von der Schmücke.


Thüringer Berg- und Waldbild.


Vor einiger Zeit erzählte eine Thüringer Zeitschrift „ein Stückchen vom alten Joel“, das als eine gelungene Einführung in die intime Bekanntschaft mit dem einst vielgenannten Mann auch unsern Artikel über ihn einleiten mag.

„Wer Joel war? In kurzen Worten will ich’s sagen: der ehemalige Wirth auf der Schmücke, jenem Waldwirthshaus am Schneekopf, Thüringens zweithöchstem Berg, zwischen den Waldstädten Ilmenau und Suhl, so recht mitten im trauten Thüringerwalde. Joel also war nur ein Wirth, aber was für ein Wirth! Ureigenartig, bieder, derb, knurrig, freundlich, theilnehmend, spöttisch, witzig, aber – kreuzbrav. Hat manchem vorlauten Bürschchen heimgeleuchtet, daß es nur so eine Art hatte; auch hochgestellte Personen fürchteten seinen beißenden Spott und suchten auf gutem Fuße mit ihm zu stehen. Man konnte gleich auf’s Haar sehen, wie viel es bei Joel geschlagen, und zwar an der Stellung seines Käppchens. Saß es tief in die Stirn gezogen, dann war’s beim Alten nicht geheuer; rechts auf’s Ohr gerückt deutete es auf vorübergegangenes Gewitter; aber wenn’s auf dem linken Ohre saß und es unter den buschigen Augenbrauen munter aufblitzte, da sprudelte sein Mutterwitz und gestaltete die Stunden auf jener Gebirgsmatte zu unvergeßlichen.

So einen sonnigen Tag in Joel’s Leben hatten vier muntre Jünglinge getroffen, als sie, rüstig steigend, endlich auf der Plattform der Schmücke anlangten. Andachtsvoll schauten sie hinab in den Grund, hinüber in das Chaos durcheinander geworfener Berge, welche, vergoldet vom Strahle der untergehenden Sonne, in zauberisches Licht gehüllt, das naturliebende Gemüth der Vier gefesselt hielten. Auf einmal stimmten sie, wie auf höhere Eingebung, Mendelssohn’s: ‚Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut etc.‘ an und in vollen Accorden hallte das Echo die schöne Weise von Thal zu Thal. Es waren Minuten der andachtsvollsten Weihe, aber nicht allein für die Vier, ein Fünfter hatte [567] sich zugesellt und stand, das Käppchen in den gefalteten Händen, lauschend dabei. Kaum war der letzte Ton verhallt, so reichte er seine Rechte zum biedern Willkommen entgegen, während die Linke verstohlen eine Thräne im Auge zerdrückte. Mit bewegter Stimme bat er, noch ein Lied zu singen, wenn’s möglich wäre, Kuhlau’s schönes ‚Ueber allen Wipfeln ist Ruh.‘ Gern erfüllten die Jünglinge diese Bitte und einem Abendgebete gleich floß der Melodieenstrom zu Thale, begleitet von den aus der Ferne herüberklingenden Abendglocken. Es war ein ergreifendes Bild, den Greis mit schneeweißem Haar inmitten vier blühender,


Johann Friedrich Joel.
Aus einem Bilde des Landrath Ewald in Berlin.


frischer Jünglinge zu sehen, aller Angesichter glühend im Abendroth der scheidenden Sonne, hoch oben auf freiem Gebirge; und wie reizend, als er zweien unter die Arme griff und sie so einführte in sein gastliches Haus!

Den vielen Fremden war es nicht unbemerkt geblieben, mit welcher Auszeichnung Joel die Vier behandelte, und bald hatte sich, nachdem ein stärkender Imbiß die Wanderer gelabt, ein weiter Kreis Männer, durchwoben von zartem Frauenflor, um sie gebildet; den stürmischen Bitten zarter Schönen vermochten die Jünglinge auf die Dauer nicht zu widerstehen und Lied auf Lied entquoll dem liederreichen Munde. Daß die trockene Kehle tüchtig aufgefrischt wurde, braucht wohl nur der Vollständigkeit des Berichts wegen erwähnt zu werden, so selbstverständlich ist das. Als die Schatten der Nacht sich über die Erde gebreitet, suchten endlich die müden Gäste das Lager auf, um in Morpheus’ Armen alles Erdenleid und alle Sorgen auf Stunden zu vergessen.

Kaum verkündete der Hahn den anbrechenden Tag, als es auch schon im Hause lebendig wurde, denn Keiner wollte verfehlen, den Sonnenaufgang vom Schneekopfthurme aus zu sehen. Fort ging’s in die Morgenfrische hinein, und am Bestimmungsorte angekommen harrten Alle des köstlichen Phänomens. Da zitterte im Osten der erste Strahl über die Berge und empor stieg das Gestirn des Tages in majestätischer Würde, begrüßt von den Klängen des Chorals: ‚Brich an, du schönes Tageslicht!‘ Zurückgekehrt nach der Schmücke mundete der Kaffee ganz vortrefflich, und verscheuchte in Bälde das Unbehagen, welches den Wanderer stets ergreift, sobald er nüchternen Magens in der Morgenfrische wandert. Als die Viere ihre Zeche bezahlen wollten, suchte Joel immer auszuweichen; endlich ihren Bitten nachgebend, berechnete er eine Kleinigkeit. Einer der vier Jünglinge war etwas pfennigfuchserig und hatte, während die übrigen sich an dem köstlichen Biere gelabt, sich einige Glas Wasser geben lassen. Nun sollte er gleiche Zeche bezahlen, das war ihm nicht einleuchtend. Noch ehe er die rechte Anrede gefunden, klopfte Joel ihm auf die Schulter und sagte: ‚Lieber junger Herr, wenn ich rathen soll, trinken Sie auf der Schmücke nie wieder Wasser, das kommt theurer als Bier; letzteres bringen die Fuhrleute ins Haus; ersteres muß ich weit holen lassen. Aber nichts für ungut und fröhliche Reise!‘[1]

Als Jeder sein Ränzel aufnimmt, dünkt’s ihm schwerer als Tags zuvor und bei nächster schöner Aussicht wird Halt gemacht und eine Ocularinspection vorgenommen. Was hatte Joel gethan? In jedes Ränzel hatte er ein reichliches Frühstück gepackt, dazu eine halbe Flasche Wein; nur in einem Ränzel war zwar auch eine Flasche, aber gefüllt mit hellem klarem Schneekopfwasser. Nun, wir theilen brüderlich mit unserm Wasserverehrer, weil er gelobte nie wieder Wasser zu trinken, wo es irgendwie ein vernünftiges Stöffchen gäbe, und das Wasser aufzuheben und seinen ersten Jungen darin zu baden. Ersteres hat er jahrelang gehalten, ob auch das zweite? Sollten ihm diese Zeilen zu Gesicht kommen, dann möge er gedenken an den fernweilenden Freund, an denselben, welchem der alte Joel beim. Abschiede einen herzhaften Kuß gab mit den Worten: ‚Behüt’ Gott Ihre schöne Stimme!‘ Ist längst unter dem grünen Rasen, die alte, ehrliche Haut, der brave Joel, und gar wunderlich ward’s dem Einen von den Vieren, als er im vorigen Jahr mit seinem Aeltesten die Schmücke betrat. Der Junge machte große Augen, als die Erinnerung seinen Vater gar mächtig bewegte; er wußte nichts vom Weh, das durch die Seele ging – [568] denn von den vier damals so fröhlichen Sängern ruhen auch schon zwei in kühler Erde – und ‚Warte nur, balde schlummerst du auch!‘ tönte es geisterhaft von drüben herüber.

Es ist doch eine eigene Sprache, welche die Berge reden; Alles, woran unser Herz hängt, vergeht, sie aber bleiben in Kraft und Herrlichkeit, und man mag sie als Knabe, Jüngling oder Mann besteigen, immer der Eindruck des Erhabenen, Dauernden! Wann werden auch sie vergehen?“

Ja, der alte Joel ist todt. Auf dem Kirchhofe des Thüringer Walddörfchens Oberhof, zwei Stunden von dem Gasthaus der Schmücke am Schneekopf, ist auf einem Grabkreuz zu lesen:

„Hier ruhet Johann Friedrich Joel,
 Gastgeber zur Schmücke,
 Geboren 1792
 Gestorben 1852.“

Schlummre sanft, Du lust’ge, gute Seele!

Es ist ein herrliches Stück Erde, wo es dem Alten gegönnt war, seinen Lebenstraum auszuträumen. In der Centralgruppe des Gebirges, zweitausendachthundertundfünf Fuß hoch gelegen, erheben sich in halbstündiger Nähe die gewaltigen Berghäupter des westlich ansteigenden hohen Beerberges und des nördlich vorspringenden Schneekopfes. Kräftige Nadelwälder bedecken Wände und Gründe, ohne den vielen dazwischen eingestreuten Wiesenflächen das Recht ihres lieblichen Daseins zu verkümmern. Nach Südost hin, zwischen dem Felskoloß des Sachsensteines und dem aus der Tiefe emporsteigenden großen Finsterberge hindurch tritt dem entzückten Auge das prächtigste Gebirgsbild entgegen, rein östlich aber hinter dem Sachsensteine her winkt der Ilmenauer Kickelhahn mit seinem steinernen Luginsland bedeutsam einladenden Gruß. Die Quellengebiete dreier thüringer Flüßchen, der vielgefeierten Ilm und der wilden und zahmen Gera, welche in unmittelbarer Nähe umherliegen, beleben Höhen und Thäler durch vielfaches Geriesel.

Inmitten dieser Gegend liegen nun die dem gothaischen Staate gehörigen Gebäude der Schmücke: Forsthaus, Gasthaus und geräumige Stallungen.

Zu einer Zeit, wo das Gebirg noch nicht von guten Straßen durchzogen war, wie heutzutage, und wo nur wenige Naturfreunde den Wanderstab in das Innere des Gebirgs trugen, entfaltete sich da oben schon reges Leben und Treiben. Die umherliegenden vortrefflichen Weideplätze veranlaßten so manchen Viehbesitzer im platten Lande, Kühe und Fohlen dort in Pension zu geben; ein reizendes Hirtenidyll belebte die Berge. An der Stelle des Wirthshauses stand damals noch eine kleine einstöckige bretterbeschlagene Gebirgsschenke, in welcher höchstens Schwarzbrod, Käse und eine Flasche Dünnbier zu erhalten war.

Da erhielt im Jahre 1843 Joel die Pachtung dieser Schenke. Ein Sohn des Wirthes „Zum Schützen“ in Gotha, war er als berittener Armeegensdarm weit in der Welt umhergekommen, hatte, als vortrefflicher Schütze, einen hohen Herrn auf dessen Jagdzügen in Polen, Ungarn etc. begleitet und schließlich als Wirth verschiedene Gastwirthschaften betrieben. Die Wirthschaft auf der Schmücke erhielt er mit der Verpflichtung anvertraut, daß er Forst- und Jagdschutz mit ausüben helfe. Da verwandelte die alte Spelunke sich rasch in ein gutes gemüthliches Erfrischungshaus, wenn auch noch in primitiven und beschränkten Verhältnissen. Diese Metamorphose und der unverwüstliche Humor des Wirthes zogen immer mehr Gäste aus den benachbarten Orten heran, und bald war die Schmücke die erklärte Exkneipe Derer von Gehlberg, Elgersburg, Ilmenau, Suhl, Zella etc. Auch Bruder Studio, der sich bekanntlich sehr feiner Organe zu derartigen Entdeckungen erfreut, hatte auf seinen Streifereien das trauliche Nest bald aufgefunden; die nächsten Hochschulen, Jena, Halle, Leipzig, Göttingen, sandten die ersten Pfadfinder zu dieser Hochwacht der Fidelität, und welche Schaaren folgten ihnen nach! In „seliger Verschollenheit“ wurde da flott commersirt und dabei – was das Werthvollste war – „lasterhaft billig“ gelebt. Da war denn Joel, das Haupt häufig mit bunter Studentenmütze anstatt des stereotypen Hauskäppchens bedeckt, mit seinen derben Waldwitzen mitten in seinem Elemente. Das urwüchsige, schlagfertige Wesen des dicken, lustigen Wirthes paßte vortrefflich zu dem jugendlichen Uebermuthe der Gäste. Glückliche Stunden wurden da vertrunken, versungen, verbraust. Die Musensöhne wurden gewissermaßen die Pionniere des Schmückecultus. In alle Welt trugen sie die „famosen“ Erinnerungen, sowie die Mähr vom „dicken Joel“ und seiner „fabelhaft-gemüthlichen Grobheit“.

Von wesentlicher Bedeutung für den Aufschwung der Schmückewirthschaft war die kurz vor jene Zeit fallende Eröffnung der Bäder zu Ilmenau und Elgersburg, sowie der Bau guter Fahrstraßen über das Gebirg. Von Jahr zu Jahr steigerte sich nun der Fremdenverkehr, und demgemäß ließ die gothaische Regierung auch das Wirthshaus vergrößern und mit behaglichem Comfort versehen, so daß bald die Joel’sche Wirthschaft auf der Schmücke zu den Musterwirthschaften gezählt werden konnte. Immer wohler fühlte sich der Alte, da seinen Bestrebungen der Erfolg nicht fehlte.

„Wie ein Bacchus stand im Schlafrockkleide
Fröhlich er vor seines Hauses Thür;
Graue Locken waren sein Geschmeide
Und er selbst der Schmücke Schmuck und Zier.
Heiterkeit umfloß wie Sonnenschimmer
Seine vollen Wangen, seinen Blick;
Nimmer wich der Witz von ihm und nimmer
Vor dem alten dicken Freund zurück.“

So besang ihn einer seiner treuesten Gäste: Ludwig Bechstein. Als nach einiger Zeit sich eine neue bedeutende Erweiterung des Gasthauses nöthig machte und die Herren von der Regierung sich ein wenig harthörig erwiesen, verhalf der Alte sich in seiner Weise zum erwünschten Ziele. Denn als eines Tages fürstlicher Besuch von Gotha vor der Schmücke hielt, um da zu übernachten, rieb Joel sich stillvergnügt die Hände und raunte seiner Frau zu: „Warte, nun wird gebaut.“ Dann gab er rasch zweien seiner Dienstmädchen einen heimlichen Auftrag, und als nun der fürstliche Besuch nach einem ausgezeichneten Mahle zu Bette gehen wollte, erfolgte von Seiten Joel’s ein bedauerndes Achselzucken und die entschuldigende Bemerkung, daß die beiden noch einzig disponibel gewesenen Betten bereits von zwei Damen besetzt seien. Die heitere Gesellschaft nahm die Mittheilung, der Lage entsprechend, lustig auf, fand es ganz prächtig, einmal auf Heu schlafen zu können und that auch nach der ermattenden Tour einen festen gesunden Schlaf auf solcher Unterlage; in den weichen Betten eines freundlichen Gastzimmers aber dehnten Jette und Röse die robusten Glieder. Das Abenteuer erregte in Gotha bei Hofe viel Heiterkeit; aber man konnte sich doch der Erkenntniß nicht verschließen, daß hier zur Vorbeugung ähnlicher Verlegenheiten etwas geschehen müsse, und so wurde der große Erweiterungsbau der Schmücke in Angriff genommen.

Seinem Zwecke vollkommen angemessen ausgestattet, winkt seitdem der freundliche Bau dem Wanderer von der Höhe entgegen, wie ihn Hermann Heubner’s Skizze in Nr. 29 der Gartenlaube von 1873 uns vorgeführt hat.

Offenbar war es der Gothaischen Regierung nicht zu verargen und auch der Landtag drang darauf, daß von der nunmehr sehr ertragsfähig gewordenen Wirthschaft ein dem entsprechender Pacht bezogen werde. Da wird nun erzählt, es sei ein herzoglicher Beamter von Gotha zur Schmücke gekommen, der nach genauer Besichtigung und Belobigung der gesammten Wirthschaftsanlagen in freundlichster Weise sich mit Joel über Dies und Das unterhalten und auch reichlich gezecht habe, um den Alten in möglichst angenehme Temperatur zu versetzen; und als er ihn endlich in bester Stimmung gefunden, da habe er die Pachtangelegenheit in Anregung gebracht. Joel war wirklich die Liebenswürdigkeit selber, denn er erbot sich mit außerordentlicher Zuvorkommenheit, von jetzt an freiwillig noch einmal so viel Pachtgeld zu entrichten, als bisher, und bestätigte dies auf Wunsch dem Beamten schriftlich. Sehr zufrieden mit dem Erfolge seiner Mission kehrte dieser nach Gotha zurück, und erst, als im Collegium auf diesen Bericht allgemeine Heiterkeit ausbrach, ward ihm das glückselige Lächeln klar, mit welchem Joel verheißen hatte, fortan das Doppelte des bisherigen Pachtes bezahlen zu wollen: der alte Schlaukopf hatte bis dahin eben gar kein Pachtgeld bezahlt. Natürlich hat er sich, als der Schwank so gut gerathen war, nicht geweigert, den Ansprüchen der Regierung gerecht zu werden.

„Joel im Kreise seiner Zecher“ müßte passend die Ueberschrift eines Capitels in seiner Lebensgeschichte lauten.

[569]

„Wo man fröhlich versammelt in traulicher Runde ist,
Ohne zu achten, ob’s früh oder spät an der Stunde ist –
Wo der Becher von Wein überfließt und die Lippe von Witz“,

da weilte er gern, wie weiland Mirza-Schaffy in Tiflis, dem Friedrich Bodenstedt diese Verse nachsang. Und die Zecher?

„Wenn Mirza-Joel den Becher erhebt,
 Einen Witz im Munde,
Wie sich freudig das Herz der Zecher erhebt
 In der jauchzenden Runde!“

Freilich waren diese Witze nicht immer hoffähig, aber originell und den Nagel aus den Kopf treffend waren sie durchweg, mochten sie sich auf dem Gebiete harmloser Neckerei, beißender Satire oder des höheren Blödsinns bewegen. Dem entsprechend gestaltete sich auch die Behandlung der Gäste, je nach ihrer eigenen Art oder Unart und dem Eindrucke, den sie auf den alten Joel machten. So imponirte ihm einmal beinahe ein ebenfalls unverzärtelter Professor, den er, wie die andern Nachtgäste, Morgens drei Uhr aufweckte mit dem gewöhnlichen Zurufe:

„Heda, die Sonne will aufgehen.“

„Die geht auch ohne mich auf,“ brummte der Professor und drehte sich wieder herum.

Joel aber rief: „Hören Sie, Sie sind der gescheidteste Kerl, der auf der Schmücke war, so lange ich hier wohne.“ Und sie wurden gute Freunde.

Mitunter fand man ihn auch in Pantoffeln mit Sporen im Gastzimmer einherwandelnd, ohne daß dies immer ein Zeichen besonderer Heiterkeit gewesen wäre. Diese war aber untrüglich obenauf, sobald Musik erklang. Für ihre Freuden hatte er selbst gesorgt, denn einige Cithern hingen stets gut gestimmt an der Wand, und sein Hausknecht Johann gehörte als „Saitenkundiger“ zum wohlgeschulten Personal seines Hausorchesters. Dieser Johann Wagner, nunmehr seit siebenundzwanzig Jahren Hausknecht auf der Schmücke und in der Gegend als „das Wahrzeichen der Schmücke“ bekannt, bewegt sich dort heute noch brav in seinem Berufskreise.

Und war „die schöne Zeit“ vorbei und der Winter kam, was dann? Da beschränkte sich freilich wochenlang die Gesellschaft auf die Familie Joel und den damaligen Förster der Schmücke, Herrn Morba, dessen Name mit der Schmücke ebenfalls eng verwachsen ist. Derselbe hatte, ehe er zu „den Grünen“ ging, in Jena vierundzwanzig Semester Theologie studirt, und so stand beiden Männern hinlänglicher Unterhaltungsstoff aus ihrer eigenen Vergangenheit zur Disposition.

Herr Morba ist am 10. Januar dieses Jahres als herzoglicher Forstcommissär zu Ohrdruff seinem langjährigen Schmückenachbar im Tode nachgefolgt; ich verdanke dem liebenswürdigen alten Herrn so manche Notiz zu gegenwärtiger Skizze.

Herr Landrath Ewald in Gotha hat solch eine stille Winterunterhaltung auf der Schmücke vor Jahren gezeichnet. Diesem Bilde ist das vorstehende Portrait Joel’s entnommen.

Wenn in jener stillen Zeit Gäste einsprachen, dann gestalteten sich namentlich die Abendstunden zu festlichen. So kam einst einer meiner Freunde an einem häßlichen Novembertage bei einbrechender Nacht auf einer Geschäftstour in der Schmücke an. Er war herzlich froh, aus der Dunkelheit und dem heftigen Schneegewirbel in ein sicheres behagliches Obdach zu gelangen, und ahnte nicht, welche Stunden voll Winterwaldpoesie vor ihm lagen. Kaum war das Abendessen vorüber, so constituirte sich das Hausorchester, verstärkt durch einen jungen Jägersmann, den das Unwetter ebenfalls hereingetrieben hatte. Mit wollenen „Strickstrümpfen“ bewaffnet, nahmen die vier weiblichen Dienstboten des Hauses Platz. „Da schlug Johann die Saiten; er schlug sie“ – ganz vortrefflich zu einer wohlgeschulten Begleitung, „dann strömte himmlisch helle“ der bergfrische Gesang der Schmückedirnen dazwischen. Etwas verlegen ungelenk schoben sich kurz darauf noch vier stämmige Burschen aus dem benachbarten Goldlauter durch die Thür, welche gekommen waren, mit ihren Herzallerliebsten zu plaudern, und die nun unbarmherzig in die ausübende Künstlergesellschaft einrangirt wurden, Nun ging’s doppelchörig, immer voller, immer besser! Wie herzig und natürlich klang da das Thüringer

„Ach, wie ist’s möglich dann!“

Da auf einmal: „sei nicht so dumm!“ war es dem Munde einer Sängerin während einer plötzlichen Pause entfahren. Die weihevolle Stimmung machte einem homerischen Gelächter Platz. Naiv gestand die ganz roth anlaufende Tochter der Berge: „ihr Schatz da habe sie bei dem Worte: ‚Du hast die Seele mein so ganz genommen ein‘ etc. mit dem Ellenbogen in die Seite gepufft und dabei ein ganz erbärmliches Gesicht geschnitten.“

Die Bierflaschen waren verschwunden; die Bowle dampfte – als Künstlerlohn. Da gingen dem jungen Volke die Beine durch – Hopsa und Juchheirassa bis spät in die Nacht hinein. Ehe mein Freund sein Lager suchte, warf er noch einen Blick in die winterliche Landschaft hinaus: vier dunkle Schatten glitten über die weiße Fläche hin durch den wilden Braus des Schneesturmes, aber stärker als das Heulen des Sturmwindes klangen die schallenden Jauchzer der heimkehrenden Goldlauterer durch die Novembernacht.

Nicht lange sollte sich Joel seiner schönen neuen Einrichtung, welche 1851 fertig geworden war, erfreuen. Im Herbste 1852, als er sich zu einer landwirthschaftlichen Ausstellung nach Gotha begeben hatte, fühlte er sich dort sehr, sehr unwohl. Er merkte, „das war der böse Thanatos“. Es hielt ihn nicht länger in Gotha; krank, wie er war, kehrte er heim in seine Berge. Noch einmal hatte er Gelegenheit, mit seinen Ilmenauer Freunden gesellig zu verkehren; auch absonderlicher Weise sollte gerade ein Krebsmahl sein Abschiedsmahl werden. Ungefähr acht Tage danach, am 15. October 1852, schloß er die Augen für immer.

Den Menschen kommt es bisweilen vor, als ob die Natur um Heimgegangene, die sie lieb hatten, auch mit trauere. – So legte sie damals einen naßkalten Tag auf das Thüringer Waldgebirge. Nur dann und wann blitzte auf kurze Zeit durch graues Gewölk ein Sonnenstrahl hernieder und ließ die düstere Stimmung der Natur um so deutlicher hervortreten. Durch die schwarzen Tannenwälder zog dumpfes Brausen, wie ein Abschiedslied, welches der scharfe Herbstwind der schönen lustigen Blüthenzeit nachsang.

Das war eben der Tag, an welchem als entsprechende Staffage zu diesem Naturbilde vom Gasthause zur Schmücke ein dunkler Leichenzug daherkam. Langsam bewegte sich derselbe auf dem Kamme des Gebirges hin, an der Kuppe des hohen Beerberges vorüber, den uralten Rennstieg entlang dem Walddörfchen Oberhof zu. Neben der von schwarzgrauen Brettern umkleideten kleinen Kirche senkte man den Verstorbenen in’s Grab. Dem Dahingeschiedenen sang sein Freund Ludwig Bechstein eine Elegie nach, von der wir oben schon einige Verse verrathen haben und die auch noch die folgenden enthält:

„Trauernd steht nun ob des Mißgeschickes
Einsam dort der Schmücke hohes Haus,
Und die Waldnatur reicht nassen Blickes
Ihm noch ihren letzten Blumenstrauß.
Ach, kein Wirth war je den Freunden werther,
Als Du, alter dicker Joel, bist.“ – – –

Seit Joel’s Humor die Schmücke nicht mehr belebt, ist es den Winter über, das heißt vom October bis Mai, still dort geworden; die Wirthschaft schläft den Winterschlaf. Aber mit der schönen Jahreszeit regt sich’s wieder, und wie die Sennen der Alpen treiben’s auch die Naturfreunde in Thüringen:

„Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,
Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai.“


Julius Keßler.




  1. Da hat der Alte ein wenig geflunkert; denn gleich am Hause springt ein prächtiger, mächtiger Born.