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Der 3. Glaubensartikel/Ps. 93. Ich glaube eine Vergebung der Sünden

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Der 3. Glaubensartikel
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Psalm 93. 
„Ich glaube eine Vergebung der Sünden.“


 Die Gemeinschaft der Heiligen haben wir in der letzten Erbauungsstunde miteinander behandelt, wie sie eine Gemeinschaft ist, die von oben auf die Erde herab – und von der Erde zum Himmel hinanreicht, und wie sie eine Gemeinschaft am Heiligen darstellt. Alle Verbündnisse auf Erden tragen etwas Unwahres an sich; man verspricht sich ewige Treue und kann sie nicht halten; man gelobt sich, einander zu tragen und sündigt gegeneinander und miteinander und aneinander; man will sich gegenseitig nicht enttäuschen und täuscht sich doch, man zweifelt und verzweifelt. Aber das Bündnis, das wir mit dem heiligen Gott an Seinem heiligen Worte schließen, wird immer fester, stärker und verlässiger, je mehr das Leben von dem Worte zehrt. Denn weil du täglich erfährst, wie wahr Sein Wort ist und wie Er dem die Treue hält, der auf Ihn sich verläßt, und wie Er nicht von dem weicht, der zu Ihm steht, darum wird die Verbindung immer stärker. Es geht vom Glauben ins Schauen und wieder ins Glauben. Was man erfahren hat, stärkt den Glauben an Kommendes, und was das Kommende bringt, bewährt und beweist den Glauben an Vergangenes.

 Ich glaube eine Gemeinschaft am Heiligen.


I.
 Das Heiligste aber, das wir gemeinsam brauchen und gemeinsam haben, ist Vergebung der Sünde. Vor hundert Jahren – es war 1817 – hat Claus Harms, erster Geistlicher in Kiel, 95 Thesen, ähnlich denen Luthers, eine bittere Arznei gegen den Unglauben jener Tage, herausgegeben. In diesen Thesen| kommt folgende vor: „Während man im 16. und 17. Jahrhundert wenigstens noch Geld zahlte, um Sündenvergebung zu erlangen – er dachte wohl an den Ablaßhandel Tetzels – tut man im 19. Jahrhundert gar nichts mehr. Jeder bedient sich selbst mit der Sündenvergebung.“ Er hatte recht, und jetzt ist es nicht anders. Ich glaube, daß auch unter uns manche sind, die wohl gar nicht wissen, was sie mit dem Artikel: Sündenvergebung anfangen sollen. Sündenvergebung? Was ist Sünde? Sünde ist Schwachheit, Sünde ist Unreife, Sünde ist Unklarheit, Mißverständnis; Sünde, sagen viele, ist die Kinderkrankheit, die, wenn gewisse Jahre vorüber sind, sich von selbst verliert. Solange man ein Kind ist, hat man allerlei Einfälle, Launen, Liebhabereien, wenn man aber zu Jahren und zu Verstand kommt, hören diese Begierden von selbst auf. Es ist merkwürdig, daß ich nie das Glück gehabt habe, Persönlichkeiten kennen zu lernen, bei denen die Sünde von selbst aufgehört hätte, und daß ich auch im eigenen Herzen das noch nie empfand. Es ist merkwürdig, daß, je älter der Mensch wird, die Sünden vielleicht kälter, leidenschaftsloser werden, aber um so gefährlicher. Du bist jetzt vielleicht 70 Jahre, die Schärfe deines Urteils hatte in deinen jüngeren Jahren etwas Liebenswürdiges. Sie war mit einer gutmütigen Satire verbunden, auch mit frisch-fröhlichen Einfällen. Diese frohen Gedanken sind nun weggeblieben, und das launige, scherzhafte Wesen ist verschwunden, aber die Schärfe des Urteils ist geblieben. Als du jung warst, hieltest du große Stücke von dir, man begriff das, wenn man es auch nicht entschuldigte, du warst vielleicht gewandt, geschickt, liebenswürdig; nun bist du älter geworden, die Gewandtheit ist entschwunden und die Liebenswürdigkeit ist nicht größer geworden, aber die Eitelkeit ist geblieben, nur ist sie etwas jämmerlicher geworden. Als du jung warst, konntest du mit dem Gelde nicht umgehen, du warfst es mit vollen Händen hinaus; das war ein| freundlicher Zug, jedermann schätzte dich deswegen. Nun bist du älter geworden und bist auf einmal geldgierig, ängstlich und berechnend. – Meine Christen! Die Sünden, die sich von selbst aufzehren, sind die allergefährlichsten; ihre Ausbrüche hören auf, aber ihre Gefahren schlagen nach innen. Oder du sagst: Ja, Sünde ist nicht Unreife, sondern Schwachheit. Ja, wollen wir denn unser ganzes Leben in dieser elenden Schwachheit verharren und endlich uns mit dieser Schwachheit entschuldigen, als ob uns Gott so schwach und kraftlos hätte werden lassen? Sollte der dann die Sünde strafen dürfen, der uns sündig gemacht hat?
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 Oder ist Sünde, so sehen es die meisten Menschen an, lediglich Mangel an Verstand, es fehlt an Einsicht. Woher kommt es aber denn, daß reichbegabte Leute, die genau das Rechte wissen, oft weit mehr in Sünde geraten als schlichte, des Denkens wenig kundige Menschen, die Gott fürchten. Nein, wer weiß, was Sünde ist, nämlich die Störung des Gleichgewichtes der Seele, die Erregung aller Lebensleiden und Todesgefahren, die Entfremdung von dem wahren Lebensgut und die Anerbietung falscher Lebensgüter, und wer es einmal gemerkt hat, daß man mit jeder Sünde dem näher kommt, den man fliehen möchte, der spricht: Wenn es keine Vergebung der Sünde gibt, dann muß ich sterben. Unterschätzt die Sünde nicht, keine Sünde. Hast du es noch nie erfahren, daß du am Abend so unzufrieden mit dir warst? Es ist eigentlich nichts sehr Schweres am Tage dir widerfahren, du hast dein Tagewerk leidlich vollbracht; aber am Abend war es in deinem Herzen so leer, du willst die Erlebnisse des Tages an dir vorüberziehen lassen, du hattest keine – aber ja, doch, da kam die Erinnerung an ein scharfes Wort, an eine bittere Rede, an eine unschöne Handbewegung, an eine harte Miene; da kam die Erinnerung an all das Viele, das du nicht getan hattest, an die Menge der Versäumnisse, wie reich der Tag hätte sein können und wie trüb und arm er niederging. Und auf| einmal sagst du: Der Schlaf flieht mich, denn ich habe Sünde getan! Und woher kommt es, daß du manchmal wochenlang schwer an einem Eindruck trägst und kannst seiner nicht los, ja seiner nicht einmal habhaft werden. Du kannst ihn nicht einmal fassen, nicht sagen, warum er dir so schwer geworden ist; wenn du ihn fassen könntest, würdest du ihn von dir lösen. Es ist ein unbewußtes Gefühl, weil du gesündigt hast. Und wiederum eine Erinnerung verfolgt dich, weil du gefehlt hast. Seht, je ernster der Mensch wird, desto mehr erkennt er das Wachstum des Lebensernstes in seiner Sündenanschauung. Und wenn du noch so kirchlich wärest und dir allmählich ein handfestes Urteil über gläubige und ungläubige Predigt angeeignet hättest, wenn du auch ein fleißiger Gast am Altare wärest und hättest Sündenerkenntnis jetzt weniger als vor Jahren, so wärest du in deinem Innenleben zurückgekommen. Denn der Herr prüft den Menschen nicht an der Reinheit, sondern am Ernste der Sündenerkenntnis. Sündenerkenntnis aber verlangt heiß und sehnt sich hart nach Sündenvergebung.


II.

 Wer schenkt sie? was ist sie? was wirkt sie?

 Wer schenkt die Sündenvergebung? Muß ich das erst sagen? Der, Dessen Blut von aller Sünde frei macht, weil er Sein heiliges Blut für die Sünder opferte. Der am Kreuze – um ein Wort des seligen Spener zu gebrauchen – jeder Seele eine Urkunde ausgestellt hat: Ich stehe gut für all das, was diese Seele schuldet. Da hat Er Seinen Namen darunter gesetzt und ich brauche nur die Summe meiner Schuld oben einzuschreiben. In diese carta blanca, wie Spener sagt, in diesen leergelassenen Platz, darfst du alle deine schweren Lasten und alle deine Gebrechen vom ersten Tage deines Lebens an bis zum Todestage eintragen und kannst sprechen: Er hat für mich gezahlt.| Oder: Dir ist vom heiligen Gott ein Haftbrief ausgestellt, eine Gestellungs- und Verhaftungsordre gegeben, derzufolge du schmachten müßtest im Kerker solange, bis du das letzte Scherflein zahltest; doch da hat Er darunter geschrieben: Ich bürge dafür, daß diese Haft erstanden wird und stelle Mich für diesen schuldig und gefangen dar. Er soll frei sein, und Ich will Mich binden lassen.

 An seinen Mitbruder im Augustinerkloster, Gg. Spenlein von Memmingen, schrieb Luther jene wunderbaren Worte: „Herr Jesu, Du nahmst mir, was Dein nicht war, und hast mir gegeben, was mein nicht war, Du hast mir genommen mein’ Schuld und Sünde und hast mir gegeben Dein’ Gnad’ und Reinheit. Du bist in den Kerker gegangen und hast mir die Freiheit gelassen.“ – Seht, das ist Der, Der die Schuld zahlt und die Sünden trägt. Und seitdem man am Karfreitag durch die ganze Welt predigt: „Das ist Gottes Lamm!“ seitdem gibt es wahrhaftig und wirklich – keine Welt kann diesen Trost erschüttern und kein Teufel ihn uns rauben – eine Vergebung der Sünden oder eine „Wegwerfung der Sünde“ oder nach dem alten Testamente eine „Bedeckung der Sünde“. Seitdem hat der Herr Jesus deine ganze Sündenlast in das Meer der Gnade versenkt. Dein Vater sucht deine Sünde und findet die Gnade des Sohnes, sieht dein Verbrechen und findet des Sohnes Fürsprache, sucht dein verschuldetes und findet dein vergebenes Leben. Wer schafft der Sünden Vergebung, wenn nicht Der, Der die Handschrift, die wider uns lautet, zerrissen und ans Kreuz geheftet hat durch Seinen Tod? Er, Der alle Anklagen des Satans gegen uns siegreich und königlich niederschlägt und zu der vielumdrohten und beschuldigten Seele sagt: „Wo sind jetzt deine Verkläger?“ (Joh. 8, 10.)

 Und was ist dann Vergebung der Sünde? Von dem Tage an, an dem du getauft wardst, hast du Vergebung| der Sünde. – Gedankenarme Eltern schieben die Taufe ihrer Kinder sehr lange hinaus, weil sie von der Taufe sehr gering oder gar nichts halten und sie als ein freundliches Familienfest ansehen, bei dem eben das Kind die Hauptsache ist. Aber das Kind ist gar nicht die Hauptsache, sondern die Hauptsache und das Haupt in der Taufe ist Der, zu Dem wir in dem alten Taufliede beten, nicht als abergläubische Priester, sondern als glaubenstreue Herolde:

Hirte, nimm dies Schäflein an,
Haupt, mach es zu Deinem Gliede,
Himmelsweg, zeig ihm die Bahn,
Friedefürst, gib Du ihm Friede;
Weinstock, hilf, daß diese Rebe
Auch im Glauben Dich umgebe!

Was ist es doch Großes – die Welt lächelt darüber und die Aufgeklärten haben es ihren Spott –, daß ein hilfloses oder, wie die geistreichen Leute sagen, ein vernunftloses Kind in die Hände des ewigen Erbarmers gelegt wird! Man kann es nicht früh genug tun, daß über ihm der Segen ausgeströmt wird und ihm all seine Sünden erlassen seien. Am Tage deiner Taufe ist dir das ganze Sündenerbe von deinen Eltern, den Ureltern, von der ganzen menschlichen Herkunft her erlassen worden. Da sind neben die bösen Unkrautskeime wahre Lebensgnaden eingesenkt, ist in dich und in dein altes Ich das neue, heilige, selige Ich Jesu Christi, ist über das alte, unschöne, dunkle Bild deiner Menschlichkeit das schöne, selige, erlauchte Bild des neuen Menschen Jesu Christi gemalt worden. Am Tage deiner Taufe hat es geheißen: rein, frei, ledig und los. Und nun wandelt man in dieser Taufgnade. Die Taufgnade kann dir kein Teufel nehmen, aber ihren Segen nimmst du dir selbst. Die Taufgnade bleibt bei dem Menschen, ob er gleich höhnt, spottet, lästert. Die Taufgnade| geht mit bis in die Todesstunde, freilich bei nicht wenigen Menschen als das Bleigewicht, das sie umso sicherer in den Abgrund zieht. Keine Macht der Hölle kann die Taufgnade wegtun; und wenn der ganze Hohn des 20. Jahrhunderts und alle geistreichen Leute und alle Spötter und Skeptiker zusammentreten und höhnend fragen: „Wie kann Wasser solch große Dinge tun?“ Die Antwort würde immer lauten: wo jemand getauft ist, da hat er Christum angezogen. Noch einmal sei es gesagt: die Gnade bleibt. Aber die Gnade ist viel mehr Menschen zum Verderben als zum Segen. Die Gnade ist für etliche das Mittel zum Flug in die Heimat und für die mehreren das beschwerende Gewicht zum Sturz in den Abgrund. Je mehr jemand empfängt, desto mehr verpflichtet ist er. Und je mehr jemand verpflichtet ist, desto mehr ist er beschwert. Wen die Gnade nicht rettet, den richtet sie. Aber noch einmal, für alle ängstlichen und bangen Gläubigen sei es gesagt, was einst jener Klosterbruder zu Luther sprach: „Doktor, seid ihr denn nicht getauft?“

 Wenn in deinen schlaflosen Nachtstunden, auf deinen einsamen Gängen an die Gräber, in die Erregung des Gedankens an deine Todes- und Sterbestunde die bange Frage sich dir aufdrängt: ach, vielleicht bin ich auch unter den Verlorenen? dann halte dem Feinde deiner Seele, der dieselbe ja doch nur für sich gewinnen und sie nie zu Jesus kommen lassen will, das eine Wörtlein vor:

Satan, laß dir dieses sagen:
Ich bin ein getaufter Christ!
Und damit kann ich dich schlagen,
Ob du noch so grausam bist.

Das sind keine Kindermärlein, das sind Tatsachen unseres Glaubens. „Wo Vergebung der Sünden ist“, sagt Luther, „da ist das Himmelreich mitten unter den Wettern“. Himmelreich| unter den Wettern und wenn die Zweifel wie geharnischte Männer über dich kommen und deine Todesstunde so furchtbar kalt hereinragt in dein Leben, dann sage es, bis dein Herze warm wird und deine Seele froh: „Ich bin bei Gott in Gnaden durch Christi Blut und Tod.“

 Ja, was ist Vergebung der Sünde? Vergebung der Sünde ist die in der heiligen Taufe mir zugesprochene und angeeignete Gnadenkraft, in die ich alle Tage fliehen soll, fliehen kann, aber eben meist nicht fliehe. Jede Buße, jede Reue, jede Träne der Buße ist nichts anderes als eine Flucht in die Taufgnade, als eine Rückkehr in den Taufsegen.

 Wenn du manchmal zu dir sagst: Noch einmal, wenn ich Kind wäre, ich wollte – freilich mit den Erfahrungen meiner jetzigen Tage bereichert – ich wollte alles anders machen! Du kannst es ja! Du kannst ja ein Kind sein, du kannst ja den Segen deiner Kindertaufe wieder erfahren! Wolle nur, und du hast ihn!

 Wenn unter uns vielleicht etliche täglich sagen, daß die Tage der Kindheit nimmer kehren, und wenn es immer heißt, daß nie mehr diese stille Freude der sorglosen Jugend zurückkommt, dann sage ich und sage es mit getrostem Mute: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so arglos, so vertrauensreich, so unmittelbar und doch so glaubensstark, so könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen (Mc. 10, 15).

 Und worin zeigt sich die Vergebung der Sünden? Darin, daß ich meines Lebens froh werden kann. Alles traurig gestimmte Christentum, mag es noch so fromm und schön aussehen, ist nicht echt. Das melancholische Christentum, das sich im trüben Blick und bitteren Reden und harten Zügen gefällt, ist sehr ehrwürdig anzuschauen und sehr schlecht zu genießen. Ein Christentum ohne Freude macht dem Feinde den größten Gewinn. Jenes kopfneigende, weltscheue Christentum ist nicht von der Freude entzündet, von der es heißt, daß sie im| Herrn gegründet. Daran kannst du erkennen, daß du in der Taufgnade lebst, daß du mit Paul Gerhardt sprechen kannst:

Mein Herze geht in Sprüngen
Und kann nicht traurig sein!

 Aber, wie ist es denn, ist, wenn dir die Sünde vergeben ist, sie auch vergessen? Ja und Amen, ganz gewiß! In der Stunde, in der ich kraft der in der heiligen Taufe empfangenen Gnade mich der Vergebung einer, wenn auch noch so schweren Sünde getröste, darf ich es wissen, bis zum Schwören darf ich es wissen, sie ist auch vergessen.

 Das ist nicht Jesu Art, daß Er vergibt und die Rechnung beiseite legt, um sie dann bei gegebener Zeit mir wieder vorzulegen. Dann wäre Er nicht Heiland, sondern Peiniger. Wer unter euch sich das so vorstellt, daß, wenn wir mit Ihm allein sind, die große Rechnung noch einmal aufgemacht wird, der tut seinem Herrn Unehre und seiner Seele Schaden.

 Ja, es wird uns alles noch einmal vorgehalten werden, aber nur so weit, daß wir sehen, wie freundlich der Herr ist: Dies alles habe ich dir erlassen, siehe 10000 Pfund. Habt ihr schon recht darüber nachgedacht, was es Großes ist und heißt, mit einem Male 10000 Pfund erlassen, übersehen, ausgetilgt! Nicht rechnet Er Posten um Posten, Ziffer um Ziffer, Reihe um Reihe, Jahr um Jahr, sondern Er wirft das Blatt deines Lebens um, sieht die 10000 Pfund und spricht: Dies habe Ich dir alles erlassen, vergeben, vergessen.

 Ja, wenn die Vergebung nicht zugleich das seligste Vergessen wäre, wer möchte ihrer sich dann getrösten? Wenn sie nicht zugleich die Gewähr dafür böte, daß Er meiner Missetat nicht mehr gedenkt, nicht mit einem Hauch, nicht mit einem Blick, noch Wort, wenn ich das nicht wüßte, müßte ich vergehen.

 Ein einziges Mal heißt es: Und der Herr wandte sich und sah| Petrus an (Luk. 22, 61). Das war aber nicht eine Erinnerung an die Sünde, sondern eine Erinnerung an die Vergebung. „Daß du schamrot werdest und deinen Mund nicht auftun mögest, wenn du siehst, daß Ich dir alles vergeben habe“. (Hes. 16, 63.)

 Aber eine Frage quält dich: Wenn der Diener der Kirche recht predigt und dir versichert, daß deine Sünde erstlich vergeben, zum andern aber vergessen sei, wie steht es dann nun aber mit den Folgen der Sünde? Es ist vielleicht jemand unter uns, der einen geliebten Sohn hat. Der Sohn hat durch ausschweifenden Lebenswandel, vielleicht durch starkes Trinken, seine Jahre zerstört. Er ist dann in sich gegangen, und der Herr hat ihm die Sünde gnädig erlassen und sie vergessen. Werden aber die Folgen seiner Trunksucht damit auch aufgehoben? Wird der bußfertige Trinker oder der reuige Verbrecher auch von den Folgen seiner Sünde frei? Das ist uns nirgends gesagt.

 Wer aber seine Seele ein wenig kennt, weiß, wie gerne man die Folgen trägt, wenn nur die Ursache verziehen ist. Wie manches Kind hat, nachdem die Mutter ihm verzieh, um eine Züchtigung gebeten. Es braucht der Mensch die Strafe, aber diese ist dann nicht mehr Schuldstrafe, sondern Leidensheimsuchung. – Ach, wenn jemand weiß, daß ihm seine Schuld vergeben ist, trägt er auf Erden manche Folgen derselben und spricht:

Soll’s ja so sein,
Daß Straf’ und Pein
Auf Sünde folgen müssen,
So fahr’ hie fort,
Nur schone dort
Und laß mich hier wohl büßen.“

Wunder geschehen zuweilen auch freilich hier; Krankheitsprozesse hat der heilige und treue Arzt schon manchesmal in Genesungsprozesse verwandelt. Schwere Folgen, welche die Ärzte| schon voraussagten, schwere Schäden für das bürgerliche Leben, die der Richter wohl prophezeite, hat Gottes Treue in Freundlichkeit gekehrt. Aber in der Regel freilich bleiben die Folgen nicht aus, sie bleiben, aber nicht mehr als Last, sondern als Trost.

 Meine Christen! In einem sind wir alle eins: In der Sünde, die uns allen täglich anklebt und die uns träge macht, die sich in alle unsere Gelenke einsenkt, die all unsere Gedankenwelt bestaubt, in unser Innenleben sich eindrängt und all das unsere verderbt. Möchten wir auch in dem andern eins sein, daß wir immer schärfere Augen für unsere Sünden bekommen und immer lichtere Augen für unseren Heiland, der die Sünde vergibt und das Unrecht vergißt.

 Laßt uns alle in die Taufgnade zurückkehren, in die wir uns hüllen wollen, wenn es zum Sterben geht, in der wir uns finden lassen wollen, wenn alles uns verläßt, mit der wir uns trösten wollen, wenn kein Trost mehr verfängt.

 Laßt uns aus der Gewißheit der täglichen Vergebung, die jeden Abend das Kreuz umfaßt und vom Kreuz Kraft empfängt, freudig unseres Weges gehen! Mit der immer wieder erfahrenen Gabe der Rechtfertigung wächst die Aufgabe der Heiligung, aber auch die Kraft für sie. Man wird frömmer, je sündiger man wird; man wird treuer, je ärmer man wird. Und mit der Erkenntnis der Sünde wächst die Liebe zur Reinheit.

 Der Herr schenke endlich euch und mir ein freudiges Christentum, das da auf Den wartet, Der da mit einem einzigen Blick unser ganzes Leben übersehen und mit einem einzigen Wort unser ganzes Leben in Freude und Wonne verwandeln kann. Vergebens! So bekennen wir. Nicht wert! So gestehen wir. Und Er spricht und bezeugt: Vergeben. Es ist alles neu.

 In den Maitagen des Jahres 1518 hat Luther unter seinen Ordensbrüdern der Universität Heidelberg 40 Thesen verfochten;| 28 Thesen aus der Theologie und zwölf Thesen aus der Philosophie. Unter diesen Thesen ist mir je und je die einundzwanzigste ans Herz gewachsen: „Ein Theologe der Ehren sucht sein Eigenes und nennt Böses gut und Gutes böse. Ein Theologe des Kreuzes aber nennt die Dinge, wie sie sind“. Ihr werdet es bald gemerkt haben, die Theologie der Ehren kennt Jesum nicht und die Theologie des Kreuzes kennt Ihn am Kreuze und liebt Ihn am Kreuze.

 Möchten wir doch alle von Gott gelehrt sein als solche, die wir Ihm für die große Gnade danken, daß unter dem Kreuze unseres Lebens verfehlte Schrift zerrissen liegt und über dem Kreuze das Wort leuchtet: „Wo Vergebung der Sünde ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“

Amen.



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