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Der 3. Glaubensartikel/Eph. 4, 13–15. Ich glaube eine heilige christliche Kirche

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« Ps. 51, 14. Ich glaube an den Heiligen Geist Hermann von Bezzel
Der 3. Glaubensartikel
Jer. 17, 5–8. Ich glaube die Gemeinde der Heiligen »
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Eph. 4, 13–15. 
Ich glaube eine heilige christliche Kirche.


 „Ich glaube an den Heiligen Geist, der da ist Herr und macht lebendig, der von dem Vater und dem Sohne ausgeht, der mit dem Vater und dem Sohne zugleich angebetet und geehrt wird, der durch die Propheten geredet hat.“ So bekennt die ganze heilige Kirche. Sie begreift das Wesen des Heiligen Geistes nicht, so wenig der natürliche Sinn den Weg und die Weise des Sturmwindes und der Flamme begreift: Von wannen kommt er? Woher rührt sie? Was bewirken sie und wohin ziehen sie wieder? Aber anbetend weiß die Gemeinde, daß gegenüber dem Zeitgeist, der, aus der Welt und aus der Zeit stammend, weder jene noch diese erlösen kann, der große, teure Heilige Geist steht, der die Welt von ihrer Not und die Not von ihrer Sünde und die Sünde von ihrer Angst erlöst, der alles neu macht und endlich das letzte Wort auf Erden behält.

 Wenn du aber wissen willst, ob du, ähnlich wie des Windes und der Flamme Werk klar sehen kannst, auch ein Werk des Heiligen Geistes gewahr werden darfst, so nenne ich dir ein einziges Wort, das heutzutage von den Allerwenigsten mehr geachtet wird und doch die größte Herrlichkeit in sich birgt, das Wort: Kirche.

 Frage deine Umgebung, deine fromme Umgebung, sie wird sagen: ja, für Christum kann ich mich begeistern, Ihm kann ich folgen und Ihm kann ich Gebet und Flehen darbringen; für das Wort Gottes kann ich mich erwärmen, es bewegt den Grund meines Herzens, es macht mir Leib und Seele gesund, wie mildes Öl wird es in mein wundes Leben geträufelt, wie Balsam erquickt es mir mein armes, zerbrochenes Herz; aber mit der| Kirche weiß ich nichts anzufangen. Was ist Kirche? Ist Kirche der Bau, den Menschenhände gefügt haben? Ist Kirche eine zufällige Vereinigung solcher, die von den Eltern her denselben Glauben vererbten? Ist Kirche etwas Notwendiges, oder hört sie mit der Zeit auf? Ich höre immer von der Gemeinschaft des Gottesreiches!

 Ich glaube eine heilige, allgemeine apostolische, eine heilige, christliche, eine ewig bleibende Kirche. Ich glaube sie, noch sehe ich sie nicht und noch kann ich es nicht begreifen. Aber die erste Frage, die wir jetzt miteinander betrachten wollen, ist die:


I.

 Wie entstand die Kirche?

 Als unser Heiland über die Erde ging, fand er etliche Stille im Lande, die auf Seine Erscheinung gewartet hatten: Hanna, die im Tempel so viele Jahre harrte, Simeon, der bis ins hohe Alter der Verheißung Gottes geglaubt hatte, arme Hirten, die der Erscheinung vom Himmel her nachgezogen waren, fremde Magier, die von ferne hergekommen waren, um den Stern anzubeten – seht, das war Kirche. Und als der Herr dort in der Wüste am Jordan seine ersten sechs Jünger berief und ihnen bald sechs weitere hinzufügte auf dem einen Grund des Bekenntnisses: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matth. 16, 16) und diese zwölf mit ihrer Aussage von der Aussage der Leut schied, die da sprachen: „Du bist Elias, Du bist Jeremias oder sonst der Propheten einer!“ (Matth. 16, 14) – seht, diese zwölf, um Christum geeint, auf Christum verbunden und in Ihm, bei aller Verschiedenheit der Lebensführung und Lebensanschauung, einander verstehend, waren Kirche. Und als der Herr in der Nacht des Verrates und der Verleugnung Sein heiliges Auge zu Seinem Vater emporhob und sprach: „Ich bitte nicht| allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden!“ (Joh. 17, 20), hat Er nicht bloß hinauf zum Vater, nicht nur hinein in die Herzen, sondern auch hinaus bis in die fernsten Zeiten geblickt, hat Er auch an dich und mich als an Glieder Seiner Kirche gedacht. Kirche ist überall da, wo zwei oder drei in Christo eines geworden sind. Wenn zwei Menschen sich finden, die in Christo ihres Lebens Kraft und den Zweck ihres Lebens erblicken, Persönlichkeiten, die sich innerlich von Christo verstanden und befreit bekennen und sich gegenseitig geloben, für Christum zu leben – da ist Kirche. Und so viel unter euch sich entschlossen haben, von Christo das Größte auszusagen, was sie von Ihm wissen, und das Größte von Ihm zu glauben, was sie von Ihm hören, da ist Kirche. Und nun denkt euch einmal die Kirche weg, denkt euch einmal, diese Gemeinschaft würde nicht bestehen; jeder einzelne, ganz unverbunden, ganz auf sich gewiesen, ganz allein auf sich geworfen, würde seine Meinung über Christentum aussagen, ohne auch nur um die Meinung der Andern sich zu kümmern. Denkt euch überhaupt einmal das Leben ohne Gemeinschaft! Jeder Einzelne würde ganz allein für sich leben, bei dem Nächsten nicht einmal ein Verständnis für seine Sorgen erwarten, geschweige denn finden, dem Nächsten aber auch kein Verständnis irgendwelcher Art entgegenbringen, sondern Einer würde am Andern vorübergehen, jeder mit seinen Sorgen, jeder mit seinen Fragen, jeder mit seinen Tränen und mit seinen Freuden – und dann antworte selbst, was für ein Leben wäre das! Das wäre ein Leben, das da eine Menge von Keimen ertötet, ehe sie nur angehoben haben, sich zu entwickeln, ein Leben, das in sich selber erstarren und erfrieren müßte; denn niemand gibt und niemand empfängt.
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 Und nun finden sich Menschen, in der Ehe, in der Freundschaft, in der Genossenschaft, in den Beziehungen der Jugendbekanntschaft, in der Berufsgemeinschaft, in der Gegenseitigkeit der| Arbeitsinteressen, Menschen finden sich zusammen, und nun wird auf einmal ihr Leben groß, weil es gemeinsame Interessen hat. Denkt euch, ihr würdet über nichts miteinander zu reden haben, ja nicht einmal über Wind und Wetter, ihr würdet aneinander vorübergehen müssen euer Leben lang, wandelnde Leichen, redende Schatten, vernünftige Mumien. Welch ein Leben! So aber habt ihr eine Fülle von gemeinsamen Interessen: Landsleute erzählen von dem gemeinsamen Heimatsort, Berufsgenossen teilen anderen ihre Sorgen und Fragen, ihre Freuden und Leiden mit, Schüler und Schülerinnen erinnern sich gemeinsam verbrachter Schuljahre, der kleinen Schatten und der reichen Sonnen. Und so wird das Leben groß in der Fülle der Interessen. Und die geistliche Frage, welche am meisten das Herz beschäftigt, die Frage: „Wo komme ich her, wo gehe ich hin und wo bleibe ich?“ die sollte nun auf einmal aus dem Kreis der Interessen herausgenommen sein? Denkt euch das! Es gäbe keine religiöse Gemeinschaft, während wir doch sagen von denen, die mit uns denselben teuren Glauben überkommen haben, und mit dem Apostel reden von den Hausgenossen des Glaubens.
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 Seht, das ist die Kirche – die Gemeinschaft der Besitzenden, nicht eine Schule von Forschenden. Eine Schule von Forschenden, die kann ein Philosoph, ein Denker, ein Redner, irgendein geistreicher oder geistreich zu sein glaubender Mensch gründen; eine Schule der Forschenden, in der die absonderlichsten Meinungen aufgestellt werden und der Meister ist, der es im Absonderlichen allen zuvor tut. Ihr könnt euch solche Vereinigungen denken, in denen man über das Woher des Menschen ungereimte Behauptungen aufstellt, in denen man über das Wohin des Menschen geistreiche Hypothesen und Annahmen austauscht, jede Woche etwas Neues hat und schließlich eben in Ermangelung des Neuen auf Altes, Uraltes zurückkommt. Denn all das, was jetzt so manche Kreise bewegt, Entstehung der Seele, Geschick| der Seele, Entwicklung der Seele, Los der Seele nach dem Tode, das hat man im alten Athen vor 2300 Jahren auch gelehrt, nur etwas geistreicher wie jetzt. Und all diese Fragen, die mehr auf den Hintergrund des Lebens zurückgehen, haben die alten Inder in ihrer Weise längst schon gelöst. Nein, weg mit den Gedanken, als ob die Kirche eine Schule von Suchenden wäre oder eine Verbindung von allerlei geistreichen Forschern und solchen, die, weil sie zuhören, selbst glauben geistreich zu werden. Das ist die Kirche nimmermehr! Sondern Kirche ist eine Gemeinschaft von Besitzenden, solcher, die da sagen: „Mir ist nicht um tausend Welten, aber um Dein Wort zu tun,“ die jeder, wenn auch auf verschiedene Weise und in verschiedener Art und an verschiedenem Ort und zu verschiedener Zeit erfahren hat: „Dein Wort macht die Albernen weise, Dein Wort tröstet!“ (Ps. 19, 8.)

 Es treffen sich drei oder vier Menschen, die alle vier an Gräbern standen; der Eine begrub seinen Vater, seine Mutter der Andere, den geliebten Gatten der Dritte, das einzige Kind der Hoffnung der Vierte. Sie haben ganz verschiedene Scheidungen und Leiden erlebt, aber dasselbe Kreuz haben sie auf die Gräber ihrer Lieben gepflanzt und unter dasselbe Gotteswort haben sie die Gräber ihrer Lieben eingefriedet, und derselbe Trost ist ihnen allen am Grabe geworden. Und nun kommen sie zusammen und sagen: „Hat uns das Leid so wundersam aneinander und zueinander gebracht, so soll auch der gemeinsame Trost uns zusammenhalten.“ Da kommt ein Mensch, der durch Jahre eine schwere Ehe getragen hat, nicht als eine Last, unter der er zusammenbrach, sondern als eine Aufgabe, unter der er wuchs, der mit einem Menschen zusammenlebt, für den er und der für ihn nicht geschaffen war. Und nun hat dieser Mensch durch die Kraft des Kreuzes Jesu den andern, mit dem er verbunden war, nicht bloß tragen, nicht bloß dulden, nicht bloß pflegen, nicht bloß lieben, sondern auch achten gelernt.

|  Und ein Anderer hat jahrelang mit einem Amtsgenossen arbeiten müssen, der an ihm schwer trug und der ihm nicht leicht war, der ihm eine Last am Wege war und dem er nicht gerade eine Freude gewesen ist. Und nun haben sie sich gemeinsam in Christo gefunden. All dies Erlebte, auf verschiedene Weise Erfahrenes, in ganz verschiedener Art Gesammelte schließt zusammen zur Gemeinschaft der Kirche.

 Und nun denkt euch, dieser Kreis, so klein er ist, kristallisiert andere an; denn nicht bloß satanische Heimlichkeiten, sondern auch christliche Geheimnisse ziehen an; nicht bloß das, was im Verborgenen schleicht, diese Sitzungen spiritistischer, nachtfroher und lichtscheuer Art, sondern auch das große Geheimnis Christi und Seines Kreuzes gewinnt und wirbt. Und nun ist auf einmal ein Zimmer mit solchen bevölkert, die Jesum Christum lieb haben. Und vielleicht darf ich sagen, auch dieser Betraum birgt, wie wir hoffen wollen, allmählich Leute, denen Christus und Seine Ehre am Herzen liegt, die, wenigstens solange sie hier sind, für den Herrn sich innerlich entscheiden.

 Seht, das ist die Kirche. Mitten in die Welt eingestiftet, ist sie nicht von der Welt. Ihr Ursprung ist überweltlich und ihr Ziel ist nachweltlich. Ihr Ursprung ist überweltlich, von dem Herrn Christus geschenkt und eingesenkt in diese Zeit und Welt. Und ihre Arbeit ist innerweltlich: „Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel.“ (Joh. 17, 15.) Ihre Arbeit ist, die Welt zu erobern. Ihr Ziel ist nachweltlich; die Welt vergeht, sie aber soll bleiben; die Welt versinkt, und sie soll stehen. Das ist die Kirche.


II.
 Aber mir ist es, als ob mich jemand frage: „Hast du wirklich den Mut zu sagen, daß diese Kirche eins sei?“ Und ich, auch auf die Gefahr hin, daß so manche im Herzen widersprechen, darf,| eben weil ich Lutheraner bin und mit ganzem Herzen meiner Kirche angehöre, sagen: „Keine Kirche ist so tolerant, als meine. Ich sage nicht: Ich glaube eine lutherische Kirche, die glaube ich nie, sondern ich glaube eine apostolische christliche Kirche.“ Jeder, jeder, er sei nun römisch-katholisch oder reformiert, der mit mir letztlich sagt: Jesus Christus ist mein Herr, der mich erlöset hat! – der ist mein Bruder; selbst wenn er meine Bruderhand zurückstieße, er ist es doch. Jeder, der bei aller Scheidung von Kirchenmauern und Kirchengrenzen, bei all den verschiedenen Wegen: Rom, Wittenberg, Genf, sagt: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem“ (Luc. 18, 31); „das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie, die ist unser aller Mutter!“ (Gal. 4, 26) ist in meinen Augen ein lebendiges Glied der heiligen Kirche. Seht, weiter wollte auch Luther nichts, als daß er alle, die Jesum lieb haben, zusammenschlösse.
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 Eine Kirche freilich – das ist ein Glaubensartikel; was wir jetzt sehen, spricht nicht für die Einheit, sondern gegen sie; denn es geht ein Streit durch die Welt, unter dem alle Christusfreunde schwer leiden, ein Streit, den wir nicht durch weltliche Maßregeln beseitigen können, auch nicht einmal beseitigen wollen, den wir tragen müssen; in der Sterbestunde wird es anders sein. Ich glaube eine Kirche, trotz aller Entzweiung, weil immer noch und immer wieder ein Grund vorhanden ist: Jesus Christus, der Gekreuzigte. Jeder, der mit mir die Kniee beugt, nicht weil er muß, wie die Teufel, sondern weil er will, als ein Kind Gottes, ist mein Bruder und meine Schwester. Jeder, der mit mir seufzt: „Der Du trägst die Sünde der Welt, erbarme Dich unser,“ ist mit mir innerlich verwandt. Dabei gibt es doch eine Menge Gegensätze und Widersprüche, und das ist gut so; ach, die können wir nicht austilgen. Aber desto enger wollen wir im Glauben uns verbinden und sprechen: Ich glaube eine Kirche; denn der Grund ist| einer und die Aufgabe ist eine und das Ziel ist auch eines: „Bis daß wir alle hinankommen zu einerlei Erkenntnis des Sohnes Gottes!“ (Eph. 4, 13) wo man nicht mehr sagen wird: „Ich bin ein katholischer oder ein evangelischer Christ“ sondern: „Ich bin Christi, Christus aber ist Gottes.“ (1. Kor. 3, 23.)
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 Ich glaube eine heilige Kirche. Es ist mir immer so wundersam, daß unser Herr unter den Zwölfen, unter und mit denen Er seine Kirche gründete, einen haben mußte, dem Er den furchtbaren Namen eines Teufels gab: „Habe Ich nicht euer zwölf erwählt und einer unter euch ist ein Teufel? Er meinte aber Judas Ischarioth.“ (Joh. 6, 70.) Die Heiligkeit der Kirche – wieder sei es gesagt – ist ein Glaubensartikel. Ach, wir wissen es, wie viel Unheiliges in der Kirche vorkommt: Herrschsucht der Geistlichen, Trägheit in ihrer Arbeit, unreines Leben, unernster Eifer, Weltsinn und Weltliebe, Lauheit in den Gemeinden, Kirchenlosigkeit und Undank. Ja, wir wissen, durch das Christentum sind Laster hervorgerufen worden, die früher gar nicht da waren. Wenn jetzt die Frühlingssonne wieder kommt, werden nicht bloß die Blumen auf den Fluren wach, sondern hinter dem Gestein kommen die Nattern und die Vipern und das Gewürm hervor, das im Winter schlief. Dieselbe Gnadensonne, die Wald und Feld so frühlingsfroh bekleidet, ruft eine Menge von Giftkräutern am Waldsaum hervor; wer ihrer genießt, muß an ihnen sterben. So hat die Sonne der Gnade Jesu Christi nicht nur eine Fülle von Herrlichkeiten, von Lebens- und Liebeskräften, von Reichtümern an wundersamen Gaben geschenkt in die Welt, sondern auch eine Menge von Sünden hervorgerufen. Es ist, als ob die Sonne alles herauszöge, auf daß das Unrecht ans Tageslicht komme und gestraft werde. Es ist noch nie so viel gelogen worden als in der heiligen Kirche; es ist nie so viel Betrug erfunden worden als in ihrer Geschichte. Wenn einmal an| Seinem großen Tage die Akten der Kirche aufgeschlagen werden, welch grauenhaftes Durcheinander von Sünde und Tugend, von Gnade und Gemeinheit, von Reinheit und von Schande! Und doch – eine heilige Kirche. Siehe, so gewiß du dich an jedem Morgen von neuem reinigst, heiligst, stärkst, damit deinem äußeren Leben nichts Nächtiges anhaftet, obwohl du weißt, daß der Tag mit seinem Staub und Sand und allerlei Mühe manche Flecken und vielerlei Ungutes dir zuführt, so gewiß schützt nicht die heilige Taufe vor allem Unrecht und aller Unreinheit. Wohl dem Menschen, der jeden Abend spricht: „doch allen Seelenschaden deckt Jesus nun in Gnaden mit Seinem Purpurmantel zu.“ Wohl dem, der allabendlich betet: „das Blut Jesu Christi, Seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde (1. Joh. 1, 7)“. Wir sind heilig dem Wesen nach und sind es noch nicht der Wirklichkeit nach; wir sind rein der göttlichen Idee nach und sind es noch nicht nach unserer Art. Es ist doch etwas ganz anderes, es ist ein großer Unterschied, ob die Sünde dein Leben beherrscht oder ob sie in deinem Leben ist. Wenn sie dein Leben beherrscht, dann gehörst du nicht zur heiligen Kirche; wenn sie aber in deinem Leben noch ist, dann gehörst du zur heiligen Kirche.
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 Je älter der Mensch wird, desto schwerer trägt er an dem Widerspruch zwischen dem, was er sein möchte, und dem, was er ist. Ach, ich möchte ja vollkommen sein: wahr, echt, freundlich, treu keusch, ich möchte meinem Herrn Jesus Ehre machen. Und daß ich es noch nicht so kann, darunter leide ich. Aber wenn du nur darunter leidest, dann bist du auf gutem Wege. Unheilig ist nur der, der mit sich zufrieden ist, und wenn so ein Mensch alle Kirchenbänke abscheuert und jedem Gottesdienst anwohnt und ein fleißiger Gänger zum heiligen Nachtmahl wäre. So oft und soweit er mit sich zufrieden ist, gehört er nicht mehr zur heiligen Kirche. Daran kannst du es sehen, wenn ein Mensch schwer an| sich trägt, mit sich selbst innerlich zerfallen ist und spricht: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes“ (Röm. 8, 24), der gehört zur heiligen Kirche, auch wenn du ihm jeden Tag einen Betrug nachweisen kannst. Es gibt Leute, die leben so peinlich korrekt, daß sie sogar zur Lüge zu bequem sind; es gibt Menschen, über deren Gesicht zieht nicht einmal ein ungutes Lächeln, so tugendhaft sind sie, und sie gehören doch nicht zur heiligen Kirche, weil sie mit sich zufrieden sind. Wer aber unter seinen Fehlern leidet, unter seinem alten Menschen seufzt, wer den Tag heransehnt und heranbetet, wo er von der Last des Ichs los wird, derselbige Mensch ist ein Glied der heiligen Kirche.
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 Wer ist denn heilig? Heilig ist einmal der, der von Sünde frei ist, und zum andern der, der von der Sünde frei sein will. Heilig sind die droben, die jetzt, weil sie gestorben sind, aufhören zu sündigen, und, weil sie hier gekämpft haben, droben zum Anschauen des ewig klaren Lichtes gelangt sind. Heilig sind die hohen Apostel, die ehrwürdigen Märtyrer, die treuen Bekenner, die seligen Frauen, die ihr Leben nicht geliebt haben bis in den Tod, alle die, die in Christo entschlafen sind, die sind heilig. „Was für ein Volk, was für eine edle Schar kommt dort gezogen schon? Was auf der Erd’ von Auserwählten war, seh ich, die beste Kron, die Jesus mir, der Herre, entgegen hat gesandt, da ich noch war so ferne in meinem Tränenland.“ – Und heilig sind die, die von der Sünde frei werden wollen. Daran kannst du dich selbst erkennen: Jeder Tag, an dessen Ausgang du dich mit der frohen Gewißheit zur Ruhe legst: Ich habe alles satt und bedarf nichts! ist ein verlorener Tag; jeder Tag aber, an dessen Abend du sagst: Mein Jesus, schenke mir Barmherzigkeit! ist ein gewonnener. Jeder Tag, an dem du dein Bild in deiner eigenen Herrlichkeit erblickst: „Ich danke dir, mein Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute! (Luc. 18, 11) der ist ein Tag der Anklage vor| dem heiligen Gott. Und wenn du an einem Abend sagst: Wieder ein Tag verloren! dann ist er gewonnen.

 Ich glaube eine heilige Kirche, eine Gemeinde derer, die einander heiligen, die einander ein ernstes Gewissen sind. Bist du das deinem Nächsten? Nicht in hämischer Weise, weil du seine Fehler kennst und die deinen nicht, sondern in aufrichtiger Weise: „Halt, mein Bruder, nachdem ich den Balken aus meinem Auge gezogen habe, möge es mir gelingen, den Splitter aus dem deinen zu entfernen!“ (Matth. 7,5.) Hast du je einem Menschen in seiner Heiligungsarbeit geholfen oder hast du sie ihm erschwert? Wenn man, um es praktisch zu erläutern, viel in eheliche Verhältnisse einblicken muß, so hat man den Eindruck öfters: Die beiden Leute würden sich besser verstanden haben und verstehen, wenn sie den Mut gehabt hätten, einander ihre Schwächen einzugestehen und zu bekennen. Sie wären weiter gekommen, wenn sie sich nicht voreinander geweigert hätten, Sünder zu sein. Weil aber der eine Teil sich in den Tugendmantel hüllte, meinte es der andere auch tun zu müssen. So wurde ihr Verhältnis zueinander immer frostiger, kälter, toter und schließlich ward aus dem Füreinander und Miteinander ein armseliges Nebeneinander. Man ist wohl älter geworden, aber nicht frömmer. Hast du für einen Menschen wirklich schon etwas in seiner Heiligungsarbeit bedeutet? Die meisten Menschen meinen, sie kämen nicht dazu; denn sie hätten so viel mit ihrer eigenen Heiligung zu tun, daß sie nicht auch noch dem Nächsten helfen könnten. Als ob ich nicht dem Nächsten dann am meisten hülfe, wenn ich mich selbst heilige. Je ernster ich mit mir ins Gericht gehe, desto mehr kann ich meinem Bruder helfen; je schärfer ich mich beurteile, desto mehr kann ich meinen Bruder schonen; je mehr ich in mir das Grauen der Sünde erkenne, desto treuer kann ich meinen Bruder davor bewahren: „Ach, mein Irrweg hat mich belehrt, mich berechtigt, dich zu bitten: halt ein!“

|  Ich glaube trotz allem, trotz der Geschichte der Schmach, trotz allem, was einen Seelsorger, wo immer er sei, manchmal bis auf den Tod beschwert, trotz der niederbeugenden Erfahrungen: „Alle Jahre bin ich gekommen und habe Frucht an meinem Feigenbaum gesucht und fand sie nicht“ (Luc. 13, 6), – trotz allem: Ich glaube eine heilige Kirche. Es ist doch wundersam und ein Beweis für die eine heilige Kirche, daß bei unseren Glaubensgenossen in der Fremde, unsern Volksgenossen vor dem Feinde, auf einsamen Krankenlagern in Hütten und Palästen jetzt eine ganze Fülle von Gebetskräften entfesselt ist. Das macht der heiligen Kirche keine andere Vereinigung nach.

 In der Stunde, in der es durch die Kirche als Kunde geht: „Siehe, den du lieb hast, der ist krank!“ (Joh. 11, 3) wird eine Welt von Fürbitte lebendig. In der Stunde, in der es heißt: Tausende sind draußen gefangen, fern von dem Vaterlande, fern von der Heimatkirche, sie hören kein Glockenläuten, sie hören kein Gebet und haben kein Nachtmahl, treten viele ungekannt und ungesehen zusammen und beten. Ist das nicht Einheit? Ist das nicht Heiligkeit?

 Es war mir immer rührend, wenn ich in den vielen französischen Kirchen, in denen ich vor Wochen war, an den Türen der Sakristei angeschrieben las: „Wir ermahnen euch bei eurer Seligkeit, daß ihr mit Ernst betet für alle, die in den letzten Zügen liegen.“

 Welch eine Gemeinschaft, daß wir für Menschen, die wir nicht kennen, die wir nie gesehen haben, nur weil sie vor dem Tode sind, in Gemeinschaft vor den Herrn und Hirten ihrer Seele fürbittend treten!

 Es kann niemand geringer von der Kirche und ihrer Erscheinungsform denken, als ich. Und doch, je mehr man unter seiner Kirche leidet, desto mehr liebt man sie. Je mehr man von ihr enttäuscht wird, desto mehr glaubt man an sie. Je geringer ihre Gestalt ist, desto mehr betet und arbeitet man für sie.

|  Die Kirche – ich wende mich an die, welche ihre Bekenntnisschriften ein wenig im Kopfe haben – die Kirche, so heißt es dort im siebten und achten Artikel der Augsburgischen Konfession, hat zwei Seiten: Eine innere Seite der Gläubigen und eine äußere Seite der an sie Angegliederten. Es gehören Millionen zur Kirche, die innerlich von ihr ferne sind. Aber aus diesem Umkreis hat der Herr Sich die kleine Gemeinde, Seine kleine Herde erwählt.

 So frage ich – und damit laßt mich heute schließen: „Seit deiner Taufe gehörst du der Kirche an, hast teil an ihren Gnadenmitteln, Wort und Sakrament, an ihren Sorgen und an ihrem Reichtum. Gehörst du ihr aber auch innerlich an, indem du und weil du dich heiligst? Wohl dir, dann bist du ein Glied der wahren, heiligen Kirche. Wehe dir aber, gehörst du ihr nur äußerlich an; denn dann wird dir das Vorrecht zur Kraft, die dich tötet, und das Geschenk wird in deinen Händen zum Gift.“

 Der Herr aber verleihe uns allen in dieser Frühlingszeit eine einzige Kraft, eine Kraft, die über die Schollen, die grauen Schollen der Erde, hinblickt und sagt: Es muß doch Frühling werden! und die über all die Zerrissenheit, über die Irrungen und Wirrsale, unter denen wir seufzen, hinschaut und spricht: Es gibt doch noch eine Kirche! Die Kraft kennt ihr alle, ihr übt sie nur zu wenig, die Kraft heißt Hoffnung. Die Kraft stärke der Herr in uns allen und gebe uns die Freude an der Gottesstiftung, der Kirche, ohne die die Welt eine Wüste und die Erde eine Einöde wäre.

 Wohl uns: was die Kirche auf Erden an Flecken und Schäden hat, das will Er gnädig abwaschen und will aus der einen und heiligen Kirche des Glaubens eine heilige Gemeinde schauenden Lobpreises erheben.

Amen.



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