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Der 2. Glaubensartikel/Wahrhaftiger Gott von der Jungfrau Maria geboren

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« Ich glaube, daß Jesus Christus in Ewigkeit geboren Hermann von Bezzel
Der 2. Glaubensartikel
Gelitten »
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 Joh. 1, 14
 Wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren.






 So fahren wir heute weiter und sprechen: von der Notwendigkeit, von der Möglichkeit und von der Wirklichkeit der Menschwerdung.


I.

 Von der Notwendigkeit der Menschwerdung zuerst. Daher mußte er allerdinge seinen Brüdern gleich werden, auf daß er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu versöhnen die Sünden des Volkes. (Hebr. 2, 17.)

 Gott hat um die Sünde gewußt. Nicht, daß er sie gewollt hätte, aber er hat sie gekannt. Er hat gesehen, welche Verheerungen sie unter den Menschen anrichtet, und wie sie das Reich seines größten Feindes, des gefallenen Engelfürsten, baut. Er hat wahrgenommen, wie die Sünde aus kleinen Anfängen zu unübersehbarer Höhe heranwächst, und wie diese Höhe groß genug ist, den Himmel zu versperren und das Angesicht der Gnade zu verbergen. Gott hat auch gesehen, wie der Mensch unter der Sünde leidet und hat die tausendfachen Wehschreie und Schmerzensäußerungen, den ganzen Jammer der Menschheit und die ganze Menschheit des Leidens auf sich wirken lassen. Er hat seit Anbeginn der Welt vernommen, unter welcher Last die Menschheit schmachtet. Aber so gewiß er wußte, was Sünde ist, erfahren hat er sie nicht. Er konnte sich – daß ich menschlich rede – in die Reize der Sünde und in die Versuchungen des Menschen und in die Schwachheit der Menschennatur, wie die Sünde sie heraufführte und vermehrte, nicht hineindenken. Wenn er gleich alle Dinge weiß, so hat er doch,| so hatte und hat er doch nie ein Organ – der Heilige, der Gerechte, der Selige, der Allgenugsame – mit dem er die Sünde hätte empfinden können. Da hat sein Sohn sich erboten, die Sünde nicht von der Ferne bloß kennen zu lernen, nicht nur um sie und von ihr zu wissen, sondern sie an seinem Leibe, in ihren Reizen, wie in ihren Schrecken, in ihren Tiefen, wie in ihrer Höhe, in ihrem Glanze, wie in ihrem Grauen zu erfahren. Er hat seinem Vater sich erboten, er wolle in die Wirklichkeit der Sünde hinabsteigen, damit er barmherzig würde. Seht, das ist die Größe Jesu Christi, daß er jede einzelne Sünde und die Sünde insgesamt erlebte und erlitt. Alles, was die Sünde so reizvoll werden läßt, den Genuß, den sie verspricht, den Gewinn, den sie verheißt, den Augenblick der Lust, der mit der Untat erkauft wird, alles das hat unser Herr Christus auf sich wirken lassen. Ihm war die Sünde nicht ein fremdes Etwas, sondern ihm wurde sie eine nahe Wirklichkeit. Ihm war die Sünde nicht etwas, von dem er nach Hörensagen berichtete, sondern ihm war die Sünde etwas Erlebtes. Nicht, daß er mit einem Hauch seines Willens sich ihr zugewendet, nicht daß er mit einem Zug seines Wunsches sie getan hätte, nicht daß er einen Augenblick seines hl. Lebens gewünscht hätte, einmal die Sünde auf sich und in sich wirken zu lassen, aber sie hat sich an ihm versucht und er hat unter dieser Versuchung gelitten. Wenn ihm alle Reiche der Welt dargeboten wurden, hat er wohl gewußt, daß der, der sie ihm anbot, sie ihm nicht geben konnte, und doch hat er diese schwere Versuchung als Reiz und Lockung erfahren. Wenn ihm der Beifall der Menge versprochen wurde, daß er ohne Kreuz die Welt erobere und ohne Leiden die Menschen gewänne, so hat er sich immer wieder gesagt, es gebe keinen anderen Weg, Menschen zu erobern, als den des Leidens, aber die Versuchung hat er doch in sich verspürt. Ohne Fähigkeit, zu sündigen, hatte er doch die Möglichkeit, zu sündigen. Wiederum, damit er barmherzig würde und die Sünde ganz erführe, ihre seidenen Fäden,| mit denen sie die Menschenseele umgarnt, ihre ehernen Ketten, in die sie die Menschenseele schlägt, ist er Mensch geworden. Die Notwendigkeit der Menschwerdung liegt in meiner Sünde und – daß ich töricht rede – in Gottes Sündenfremdheit. Die Notwendigkeit der Menschwerdung liegt darin, daß Einer, der die Sünde tragen wollte, sie in ihrer ganzen Größe ermessen mußte. Wenn eine einzige Sünde unter uns wäre, die der Herr Jesus nicht erfuhr, so wärest du von dieser Sünde nicht erlöst; sie bliebe dir als Schuld angerechnet, und wäre stark genug, dich ewig von Gottes Angesicht zu scheiden. Die allerverkehrteste Regung deines Willens, deren du dich vor dir selbst schämst, die allergeheimsten Schlupfwinkel deiner Seele, in die du selbst nur mit Grauen blickst, die wundersanften Gebilde deiner Phantasie, die dich selbst erbeben machen, hat dein Heiland alle getragen, sie sind ihm alle eine grauenhafte Wirklichkeit geworden, damit er dich von ihnen frei machen konnte. Aber der Gedanke, daß es eine Sünde geben könnte, die Jesus, ich will sagen, nur in der Theorie, nicht in der Wirklichkeit gekannt hat, könnte uns ganz in Verzweiflung bringen. Wenn der Arzt unserer Seele eine einzige Krankheit nicht in ihrer Tiefe, in ihrer Ursache, wie in ihrer Folge, durchschaut hätte, so hätte er für die Krankheit nicht gebetet, für die Krankheit nicht gelitten, für die Krankheit nicht den Tod erfahren, und die Krankheit bestünde noch zu Recht und wer an ihr litte, der müßte an ihr sterben. Es gibt nichts Gewöhnlicheres, und darum auch nichts, vor dem man sich weniger fürchtet, und darum auch nichts, was uns mehr gefährdet, als die Unwahrheit. Wir leben in und mit einer Welt der Unwahrheit und leben von einer Welt der Unwahrheit. Es ist ein seltener Genuß, einem einfachen Menschen zu begegnen in dieser Welt der Uneinfachheit, wo jede Miene studiert, jedes Wort berechnet, jeder Gedanke gekünstelt ist. Wie atmet die Seele auf, wenn sie einen Menschen trifft, der den Mut hat, das zu sein,| was er ist, der alle Rollen und Masken und alles Angelernte und Angewöhnte abwirft und lieber arm erscheint und echt, als Schein und Lüge zu sein. Diese Unwahrheit des inwendigen Menschen, der immer ein wenig höher von sich selbst hält, als es ihm gebührt, und immer bei andern mehr gelten will, als er wirklich ist, der wenigstens eine einzige Seele haben muß, die er täuscht, auch das alles hat der Herr Jesus erfahren, erfaßt, erlebt und erlitten. Frage dich selbst, ob du nicht einen Menschen hast, dem du dich täglich oder so oft du mit ihm in Berührung kommst, besser erbietest, als du bist. Du jauchzest in deinem Innern und meinst, es hat dir solches dein besseres Ich geraten, in Wahrheit aber war es dein größter Feind, der dich dahinbrachte, einen besseren Eindruck von dir zu erregen und zu hinterlassen, als es dir zukommt. Denke dir nur, der Heiland wäre an diesen geheimen Künsten der Menschenseele vorübergegangen, hätte sie nicht beachtet, nicht gekannt, nicht getragen, nicht gelitten, so müßtest du an diesem Scheinleben sterben. Denn niemand kann vor den Heiligen kommen, der vor ihm eine Rolle spielen will, und niemand wird Gott schauen, der nicht den Mut der Selbstvernichtung hat. All dieses fällt vor ihm nieder und du stehst vor ihm in deiner ganzen Ärmlichkeit. Warst du dir selbst ein Schmerz – dann wohl dir, du hast es gut; warst du dir eine Freude, so mußt du an dir sterben. Jesus hat alle diese gemeinen Intrigen, in denen die Menschenseele sich gefällt, erlitten.
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 Siehe, du bist vielleicht klug geworden durch manche Enttäuschung und hast nun beschlossen, fortan nicht mehr andere, aber dich selbst anzulügen. Du hast gemerkt, andere durchschauen dich; verbittert und klüger geworden, ziehst du dich auf dich selber zurück und nun hast du dir eine ganz geheime Werkstätte errichtet mit tausend Spiegeln und tausend Schminken und mit der Fülle der feinsten Ausreden. Und in dieser Werkstätte lebst und lobst du und lobst dich selbst. Wenn der Heiland nicht in diese geheimen Fäden| der Selbsttäuschung, in diese so duftenden, in Wirklichkeit aber nach Verwesung riechenden Wunderlichkeiten des Menschenlebens hineingesehen hätte, so würdest du an dem Schwersten leiden, das es gibt, nämlich, daß du nie dich selbst erkennst, daß du 70 Jahre alt wirst und bist dir ein Fremdling geblieben. Höre, was das heißt, 70 Jahre mit seiner Seele zusammenleben aufs innigste, aufs intimste und dauerhafteste, und nach 70 Jahren sich selbst ein Fremdling sein. Und wie viele Menschen sind sich das? Wie viele Menschen erfahren erst nach ihrer Sterbestunde, wer und was sie waren. Und der Heiland hat auch diese Selbsttäuschung getragen; damit er sie aber tragen konnte, mußte er Mensch werden.
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 Du sagst wohl bei dir, o Seele: Mußte das sein? Hätte er nicht als Gottessohn in der Herrlichkeit der Ewigkeit, mit der Kraft seiner Allwissenheit das alles erfahren können? Nein, denn unser Leib vermittelt so viel, was die Seele belastet und betrübt; unser Auge führt uns Eindrücke zu, von denen wir monatelang leben. Ein einziges Wort, auch bloß gesprochen, wirkt auf deine Seele, klingt und dringt fort und deine Seele kann sich seiner kaum erwehren. Ein einziger Händedruck kann dich monatelang beschäftigen: seine Auslegung, seine Bedeutung, sein Wert und sein Unwert. Das alles muß leiblich selbst erlebt, selbst verspürt werden. Der Apostel weiß, was er sagt: „wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde“ (Röm. 6, 7), weil der Anlaß zum Sündigen mit dem Leib dahinfällt. Darum ist Christus Mensch geworden, daß er alles das, was der Leib dem Menschen schadet, und was die Seele am Leibe verbricht, erfahren konnte. Unser ganzes Leben, meine Christen, ist nichts anderes, als eine fortgesetzte Rache des Leibes an der Seele und eine stete Rache der Seele am Leibe. Die Seele läßt es dem Leib entgelten, was er ihr schadet, und der Leib läßt es die Seele erfahren, was er unter ihr leidet. Ihr merkt das täglich, ihr tragt es, und Jesus trug es auch. Er hätte nie meine Fesseln mir abstreifen können, wenn| er sie nicht tief in sein Leben hätte einschneiden fühlen. Nie hätte er mein ganzes Dasein wirklich frei machen können, wenn er nicht in die Unfreiheit des Menschenlebens hinabgestiegen wäre. Das ist die Notwendigkeit: der Arzt, um recht zu helfen, muß aller Krankheiten kundig, und der Befreier, um recht zu lösen, muß aller Bande teilhaftig sein, und der Held, um recht zu streiten, muß alle Feinde kennen. Lob sei dir, ewig, o Jesu!


II.

 Und nun die Möglichkeit der Menschwerdung.

 Kann Gott Mensch werden? In dem ersten Kapitel, in dem die hl. Schrift die Menschheitsgeschichte beginnt, heißt es: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1. Mos. 1, 27.) So stand der Mensch in der Idee vor Gott, so hatte Gottes Liebe des Menschen Bild erfaßt; jeder Zug seines Leibes, jede Ader seines Körpers, jedes Teilchen seines irdischen Lebens stand klar und rein vor Gott. Und, nachdem er diesen Gedanken bis in seine feinsten Verästelungen durchgedacht hatte, schuf er den Menschen. Es war nicht ein Versuch, es war nicht, wie etliche wähnen, ein Spiel der göttlichen Laune. Es war, daß ich rede, eine furchtbare Arbeit; denn er schuf sich ja den, der ihn tausendfach betrübte. Es ist die größte Selbstlosigkeit Gottes, daß er ein Wesen ins Dasein ruft, das, für ihn eine Quelle unsäglichen Leides, für ihn die Kraft wurde, ihn vom liebsten Sohn zu scheiden. Es war eine Tat, über die man sinnen, ja sich zersinnen möchte. Gott schuf den Menschen; und als er ihn geschaffen hatte, war alles sehr gut. Gott schuf den Menschen, daß er ganz rein war, und eben deswegen kann Jesus Mensch werden, denn der Herr Jesus ist der zweite Mensch, der über die Erde ging ganz nach Gottes Bild und Willen in seiner heiligen Menschlichkeit. Kein einziger gottfremder Zug, ebensowenig wie in dem erstgeschaffenen Adam; sein Auge war ganz rein, sein Ohr war ganz| keusch, sein Mund war ganz wahr, sein Herz war ganz echt, sein ganzer Leib war ein Transparent für die heilige Seele, aus der diese ursprüngliche Reinheit allerorts und alle Stunden hervorstrahlte. Zwei Menschen gingen über die Erde in der Reinheit des göttlichen Willens, in der Echtheit des göttlichen Bildes, in der Klarheit des göttlichen Wesens. Der eine Mensch gab um der Sünde willen seine Menschheit hinab in die Gemeinheit, der andere gab um der Sünde willen seine Menschheit hinein in den Tod. Der eine Mensch gab der Sünde sein Leben zum Opfer – sie hatte ihn verführt, erkauft, besessen; der andere gab auch sein Leben der Sünde zum Opfer, nicht weil sie es beanspruchen durfte, sondern weil Gott es als Schuldopfer forderte. Deswegen heißt unser Herr Jesus auch der zweite Adam. (1. Kor. 15, 45.) Der erste Adam, in die Wahl gestellt, ob er der Sünde flüchtigen Rausch oder Gottes ewiges Genießen haben wolle, wählte jenen und ließ dieses. Der zweite Adam, wieder in die Wahl gestellt, ob er der Sünde flüchtigen Genuß oder Gottes ewige Liebe und Treue haben wolle, entschied sich für diese und verachtete jenen. Darum ist er im Gehorsam gestorben.

 Wäre nicht Gott im tiefsten Grunde an die Menschen gebunden, nicht weil er es muß, sondern weil er es will, lebte nicht in unseres heiligen Gottes tiefstem Herzen ein Menschenbild, in dem er sich sieht, nach dem er sich sehnt, an dem er sich sonnt, an dem er sich freut, so hätte der Herr Christus nie Mensch werden können. Aber weil der Vater durch Äonen, durch Jahrtausende ein Menschheitsbild suchte, das sein Wesen wiederstrahlte, darum hat sich der Herr Jesus erboten der Mensch zu werden, über dem es hieß: „Das ist der, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ (Jes. 42, 1.)

 Man kann sich das nicht ernstlich genug sagen, daß der Heiland nicht auf dem Wege einer neuen Schöpfung geschaffen wurde, sondern daß er auf dem Wege geschaffen wurde, auf dem der erste Mensch geschaffen wurde, nämlich auf dem Wege des Wunders;| es war kein neuer Schöpfungsakt, durch den er ins Leben gelangte, sondern wie wir alle durch mütterliche Vermittlung. Es war sein heiliger Ernst, den Weg, den alles Menschenleben fortan beschreiten mußte, auch zu seiner Menschwerdung zu nehmen. – Das Wort ward Fleisch. Jesus ist deswegen Mensch geworden, weil Mensch sein – Sünder sein heißt und weil Mensch sein Gottes Bild sein heißt. Er ist Mensch geworden, weil die Sünde den Menschen bannt, und er ist deshalb Mensch geworden, weil Gottes Bild, der Gottesplan im Menschen, durch die Sünde zur Karikatur verunehrt wurde. Das war nicht mehr das reine Menschentum, das aus Gottes heiliger Hand froh und frei hervorgegangen war, sondern ein von der Sünde verunehrtes und belastetes. Da hat der Herr Jesus sich erbeten, endlich, endlich das Gottesbild wieder herzustellen; und auf der einen Seite in die Entstellung der Sünde hineingeboren, war er auf der andern Seite vollkommen rein. Als Freier trug er die Fesseln, als Gesunder trug er die Krankheit, als Heiliger trug er die Sünde, während wir als Gebundene und Kranke und Unfreie leiden – das ist der große Unterschied.

 Wenn ihr jetzt euren Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählt und es in eueren Herzen ein wenig weihnachtlich aufdämmert und ihr fraget: „wie konnte Gott Mensch werden?“, so sagt es euerem grübelnden Verstand: Gott konnte Mensch werden, weil der Mensch Gottes Bild trägt, weil Gottes Idee im Menschentum verwirklicht ist.

 Und nun laßt mich das dritte heute noch betonen, das uns noch durch manche Stunde beschäftigen und – wills Gott – trösten wird:


III.
 Die Wirklichkeit der Menschwerdung. Unsere alten Väter sind darin nach zwei Richtungen gegangen. Die| einen haben gemeint, der Gottheit rechte Ehre zu erweisen, wenn sie von einem Scheinleben Jesu redeten, wenn sie lehrten, Jesus habe nur Mensch zu sein geschienen und am Kreuz habe nicht er gelitten, sondern ein anderer stand hinter ihm. Mit einer Lüge will er uns dann von der Lüge befreien und mit einem Schein will er uns von dem Schein erlösen. Und statt daß wir uns an seinem Herzen ausweinen könnten über Sünde und Schuld, ist es ein fremdes Herz, das unsere Not vielleicht kennt, aber nicht wendet.
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 Nein, meine Christen, er ist ganz Mensch geworden. „Er war“, so schreibt der Apostel Paulus an die Philipper, „gleich als ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden“, so sehr, daß er wachsen konnte. (Phil. 2, 7.) Er ist ja nicht als Idealmensch auf Erden gekommen, oder als Wundermensch auf die Erde geboren worden, sondern er war wie ein anderer Mensch. Als er in der Krippe lag, war er von derselben Dürftigkeit, wie ein anderes Menschenkind in der Wiege, nach der Mutter sich sehnend, abhängig, hilflos, bedürftig und unscheinbar. Und in den Stunden der Kämpfe – so gewiß er auch die heilige Majestät bei sich trug – ward er ihrer nicht bewußt. Er war Gottes Sohn und er blieb Gottes Sohn, aber er hatte seine ganze Herrlichkeit in seine Niedrigkeit hineingenommen. Er mußte erst – wir können solches ja nicht erfassen, nur anbeten – er mußte sich erst wieder hineinleben und - lernen in das, was er hatte. Ein armes Bild: ein Talent ist schon in der Wiege talentiert, aber ein hochbegabtes Kind weiß es noch nicht, welche Gabe in ihm schlummert, und erst auf dem Wege des Wachstums, der Ausscheidung, der Wahl und Ablehnung, wird es ihrer gewahr und, je älter es wird, desto deutlicher und sicherer tritt die Gabe hervor und beherrscht den Menschen. So war es beim Heiland. Unser Heiland ist ganz arm, ganz hilflos, ohne jeden besonderen Affekt in der Krippe gelegen und ist so langsam nicht in die Erinnerung| hineingewachsen, sondern in den Besitz. Versteht mich recht! Ihr alle, die ihr kleinen Kindern lauschet, wißt, welch ein Unterschied ist zwischen dem Weinen der Hilflosigkeit und dem Weinen des Eigensinnes. Die kundige Mutter, die ihr Liebstes nicht fremden Händen anvertraut, merkt es sofort, ob das Kind weint, weil es sich nicht anders äußern kann, oder weil es sich nicht anders äußern will. Solche Tränen des Eigensinnes, des Trotzes, der Ungebühr sind über des Heiligen Augen nicht gegangen. Aber die Tränen der Armut, der Hilflosigkeit, die Tränen des Allmächtigen, der ohnmächtig wurde, die hat er geweint.

 Es ist das nicht fremde Theologie, ausgeklügelt in dumpfer Studierzelle eines weltfremden Theologen, sondern es ist meines Herzens Höchstes, meines Lebens Trost und Teil, wenn ich sage: „gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden“ (Phil. 2, 7), ganz arm, ganz hilflos, ganz ohnmächtig, bettelnd um das Lächeln der Mutter, flehend um die linde Hand der Menschen und dabei doch allmächtig. Wer das fassen kann, der fasse es!

 Ja, er ist hilflos gewesen und ist herangewachsen im Kampf mit den Gewalten der Sünde. Er hat die Lockungen erfahren, die unsere Jugend umkosten, und die Drohungen, die sie umtosten. Er hat die kleinen Ausreden, mit denen der Knabe zu großen Lügen sich rüstet, ebenso kennen gelernt, wie die kleinen Künste, mit denen das Kind eine Liebe nicht empfangen, sondern verdienen will. Er hat das alles gekannt, aber nicht geübt; er hat alles das gelitten, aber nicht geliebt. Er hat die Versuchung zu allen Unarten des Kindes: Trotz, Eigensinn und die satanische Zerstörungssucht, durch welche sich das Kind zum erstenmal als Sünder erweist, an seinem eigenen Leben erfahren, aber sie waren nicht sein eigen. Wenn du einem Kinde zuschaust, wie sein Spielzeug erst dann ihm wert wird, wenn es zerstört ist, wie es dann das Spielzeug an sich drückt, nachdem es verderbt und verunehrt| ist, dann denke daran, diese infernalische Zerstörungssucht, in der dein Kind sich sonnt, weil es ein Leben, wenn auch nur ein Scheinleben war, das es zerstörte, hat unser Heiland auch erfahren. Auch ihn hat sie gereizt und gelockt, aber er hat sie gelitten, nicht geliebt. Und so ist er herangewachsen und hat an dem, das er litt, Gehorsam gelernt und hat sich aller Autorität untergeordnet und durch seine heilige Kindheit, durch die Kindheit eines ausgesetzten Königssohnes, leuchtete das Bewußtsein, daß er reicher sei, als er war und daß er größer sein müßte, als er ist. Und manchmal ging es durch seine heilige Seele wie ein Verlangen nach einem verlorenen Gut und wie eine Gewißheit, daß das Verlorene nicht für immer verloren sei. So hat er gelernt. Er hat die Natur angesehen wie jedes andere Kind; aber er hat sie betend angesehen und hat in ihr bekannte Züge und bewußte Bilder und längst gewohnte Ahnungen erschaut. Und er hat von Menschen gelernt, von armen Menschen, von einem Weibe, das einen geringen Gesichtskreis hatte, von einer Frau, die aus alter Geschichte und dürftiger Gegenwart ein armes Leben führte. Er hat von ihr gelernt, was sie ihn lehren konnte und hat ihr Dienste getan und ihr sich gehorsam gezeigt und hat immer und immer wieder geschwiegen und gelitten und gewartet. Und als er zwölf Jahre alt war, da hat er zum ersten Male die Offenbarung erfahren, die wie ein Geheimnis über der armen Hütte seiner Jugend lagerte und das Geheimnis hat ihn froh gemacht: „er wird mich nennen: mein Gott! mein Vater! und ich werde zu ihm sagen: mein Kind! mein Sohn!“ Da ist es dem Herrn wieder ganz ins Gedächtnis zurückgekehrt, wie auch die ärmste Zelle groß genug ist, um eine ganze Fülle von Sonne in sich zu beschließen, und er hat erfahren: ich bin meines Vaters Erbe. – Und weit entfernt, daß er dann um des Glückes willen, das seiner gewiß war, die Enge und Ärmlichkeit und die Schranken des Erdenlebens mißmutig trug, hat er dem Vater wieder den Abschied| gegeben und ging hinab und war denen untertan, die vor ihm sündigten – aber er selbst blieb ohne Sünde. Noch einmal frage ich euch: sind das Phantasien? Sind das ausgeklügelte Fündlein, oder sind das nicht vielmehr große Worte, daß man sie durchbete und durchlebe bis – nicht die Seele ihrer mächtig geworden, das geschieht nicht, sondern bis sie deiner Seele mächtig geworden sind, also daß ich sagen kann: „ich freue mich in dem Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott?“ (Jes. 61, 10.)
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 Und dann hat er achtzehn Jahre lang geschwiegen. Über diesen achtzehn Jahren ruht der keusche Schleier des Geheimnisses. Was er in den achtzehn Jahren, in denen der Knabe zum Jüngling, der Jüngling zum Manne heranreifte, gelitten, getragen, gesucht und erlebt hat, das ist dann manchmal in einem Gleichnis, in einem Bildwort, in einem Wunderwerk, in einem Friedensgruß, in einer Predigt zutage getreten. Aber über die geheimsten Vorgänge schwieg er. Das ist der Duft des werdenden Lebens. So wie wir, die wir auf die Höhe des Lebens gekommen und dem Abstieg näher als dem Aufstieg sind, unsere eigene Jugend, das Geheimnis unseres Werdens, jetzt als etwas Rätselvolles betrachten, als ein Rätsel, für das es nur eine Lösung gibt: „Erbarmung hat’s so treu gemeint“, so wie wir jetzt von uns selber sagen: ich bin vor mir und vor vielen wie ein Wunder, so hat der Herr diese achtzehn Jahre vom Tempelgang bis zum Jordansweg in heiligem Schweigen durchlebt, in ernster Arbeit durchlitten. Er hat, daß wir so sagen, in jedem Baum am Wege sein Kreuz, aber auch in jedem Grab am Wege sein Ostern erlebt. Er hat seine ganze hochwürdige Passion immer durch die Jahre hindurch vorhergeschaut. Immer näher traten ihm die Gedanken von dem Kelch, den er leeren, von dem Kreuz, das er besteigen müßte. Immer vertrauter machte er sich mit dem schweren Ernste, daß der Gottessohn sterben kann. Und als er mit dem Lernen fertig war, da hieß es: „so gehe hin und tue desgleichen.“ (Luc. 10, 37.)| Da er alles, was Menschentum lehrt und leidet, erfahren, erfaßt und erlebt hatte, da konnte er, ehe er es vollbracht hatte, sagen: es ist vollbracht! Und der Knecht redete zu seinem Herrn: es ist geschehen, was du gesagt hast. Wie in dem Drama des großen Dichters das Vorspiel und die Einleitung die Züge andeuten, die das eigentliche Drama durchleben und durchgeisten, so hat unser Herr das ganze große Drama seines Lebens Jahr um Jahr vorgeschaut, vorgerüstet, vorbereitet, bis endlich das Kreuz sich erhob und der Menschensohn, der Gottes Sohn zugleich war, sterben konnte. – Das ist die Wirklichkeit der Menschwerdung. Fragt ihr: was ist der Mensch? so antwortet kurz die Schrift: der einzigartige Gottesgedanke ins Fleisch getreten. Fragt ihr euch, Geliebte: wie wird der Mensch zum Manne? wie reift er heran zur Größe des Lebens? Durch Leiden und Verzichten, durch Gewinn und Verlust, durch das Ja und das Nein des Lebens. So ist euer Heiland ganz in die Echtheit des Menschentums hineingewachsen auf dem langsamen, steten, einsamen Wege der Menschheitsgeschichte und der Menschenentwicklung. Und als er die Höhe des Lebens erstiegen hatte, da durfte er es verlassen. Ob ich die Temperamente frage, so antworten sie: alles, was wir dem Menschen aufprägen, natürliche Züge von der Gnade beschienen, Gnadenführung von der Natur gehemmt, alles das hat der Herr in sich dargestellt. Stürmisch in der Gewalt seines heiligen Naturells, geduldig in der Stille seiner wartenden Natur, von der Freude in den Schmerz, von der Trauer in die Fröhlichkeit hinübergehend, tiefernst und schwer sinnend; was du Temperament heißest, das hat er alles erfahren. Und wenn es des Mannes ist, zu wagen, des Weibes zu wägen, wenn es des Mannes Ehre ist, etwas nach außen zu gestalten, und des Weibes hohes Vorrecht, nach innen zu sammeln, so hat der Herr diese beiden Unterschiede in sich vereint. Mit zartem Empfinden hat er die Eindrücke in sich hereingenommen und auf sich wirken lassen und mit der Unmittelbarkeit männlicher| Tatkraft hat er sie ausgestaltet und Wirklichkeiten aus ihnen gemacht. „Er war wie ein anderer Mensch.“ Er hat geseufzt, geweint, sich gefreut, er hat die Einsamkeit gesucht, um von der Gemeinschaft sich zu erholen, er hat die Gemeinschaft aufgesucht, um von der Einsamkeit los zu werden. Ganz Mensch, nur ein einziges hat ihn von der Menschheit geschieden und ihn auf die Seite seines heiligen Vaters gestellt und stehen lassen: doch ohne Sünde. Ganz Mensch, hat er gezeigt, daß die Sünde nicht Menschenart, sondern Menschenunart ist, nicht Menschennatur, sondern Menschenunnatur. Und damit hat er mir eine Zukunft erschlossen, in der ich ganz Mensch sein darf, weil ich ganz sündenrein sein kann.

 Vor jetzt 800 Jahren hat ein frommer Engländer ein Büchlein geschrieben: „Warum ist Gott Mensch geworden?“ Ihr habt eben auch einen Versuch zur Lösung dieser Frage vernommen. Nehmt nun eine Mahnung mit nach Hause:

Ich bete an die Macht der Liebe,
Die sich in Jesu offenbart.
Ich geb mich hin dem freien Triebe,
Mit dem ich Wurm geliebet ward;
Ich will, anstatt an mich zu denken,
Ins Meer der Liebe mich versenken. Amen.



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