Zum Inhalt springen

Den eigenen Tod gemeldet

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Den eigenen Tod gemeldet
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1913, Bd. 12, S. 230–232
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[230] Den eigenen Tod gemeldet. - Während der Schlacht bei Colombey am 14. August 1870 hielt General v. Glümer, Kommandeur der 25. Brigade, westlich von dem Dorfe Colombey auf einem Hügel innerhalb der Feuerlinie. Zu den Adjutanten des Generals gehörten zwei vor ganz kurzer Zeit zu Hauptleuten beförderte Offiziere, die beide Müller hießen. Den einen hatte der General vor etwa einer halben Stunde zu einem der Bataillone in die vorderste Schützenlinie geschickt, um einen Befehl zu überbringen. Als der Ordonnanzoffizier nicht zurückkehrte, mußte der andere Hauptmann Müller ihm nachreiten, um festzustellen, ob sein Kamerad den Bataillonskommandeur auch wirklich erreicht habe oder, was zu befürchten stand, vorher gefallen sei. Wieder verging eine Viertelstunde. Dann bog ein Reiter um das kleine Gehölz am Westausgange von Colombey [231] und sprengte auf den General zu. Es war der zuletzt abgeschickte Hauptmann.

Dicht vor General v. Glümer parierte er sein Pferd und meldete kurz und ernst: „Befehl ausgeführt. Hauptmann Müller tot.“

In demselben Augenblick wankte er im Sattel und fiel vornüber auf den Hals des Pferdes. Eine Chassepotkugel hatte ihm, an der linken Schläfe eindringend, den Kopf durchbohrt.

Auch aus den Napoleonischen Kriegen wird ein ähnlicher Vorgang berichtet. Es war am 23. August 1809 vor Regensburg. Die Franzosen kämpften mit den Österreichern, die ihnen vier Tage vorher diese Stadt entrissen hatten, abermals mit höchster Erbitterung um den Besitz der alten Bischofsfeste. Napoleon, der mit seinem Stabe in der Nähe der Kartause Prüll hielt, war soeben von einer verirrten Kugel leicht am Bein verwundet worden – bekanntlich die einzige Schußverletzung, die er in all seinen Kriegen empfangen hat – und befand sich daher in schlechtester Laune. Fortwährend schickte er seine Adjutanten nach vorn, um Nachricht über den Verlauf des Kampfes einholen zu lassen. Einer dieser Offiziere, der Oberst Graf Montfort, kam mit auf der Brust völlig blutgetränkter Uniform im schärfsten Galopp zurückgesprengt.

„Regensburg ist unser, Sire!“ rief er mit brechender Stimme, während sein Gesicht jede Spur von Farbe verlor und große Schweißperlen ihm über das Gesicht rannen.

„Sind Sie verwundet?“ fragte Bonaparte nicht ohne Teilnahme.

„Nein, Sire – ich bin getötet,“ stieß der Oberst pfeifenden Atems mit letzter Kraft hervor und fiel tot vom Pferde.

Eine ähnliche Geschichte berichtet der Engländer Burke in seiner Lebensbeschreibung des mexikanischen Präsidenten Juarez, auf dessen Befehl am 19. Juni 1867 der unglückliche Kaiser Maximilian erschossen wurde. Am Tage nach der Urteilsvollstreckung an dem österreichischen Kaisersohn sollten drei mexikanische Offiziere, die zuerst in der Armee Juarez‘ Dienste getan hatten, dann aber zu Maximilian übergegangen waren, gleichfalls erschossen werden. Auf ihre Bitten wurden die drei [232] ungefesselt an die Mauer des Kasernenhofes in Queretaro gestellt. Ihnen gegenüber stand eine Abteilung Infanterie mit geladenem Gewehre bei Fuß. Aber noch immer zögerte der kommandierende Offizier, ein Oberst namens Alvaro. Man wartete auf Juarez, der der Hinrichtung hatte beiwohnen wollen. Nachdem eine peinvolle halbe Stunde vergangen war, traf ein Bote mit der Nachricht ein, daß der Präsident nicht erscheinen würde. Die Exekution solle aber sofort vollzogen werden. Man wollte nun den drei Verurteilten, die leichenblaß an der Mauer lehnten, die Augen verbinden. Auch dies unterblieb auf ihre Bitten.

Da trat einer der Todeskandidaten, ein Hauptmann namens Saltesta, sicheren Schrittes dicht an Oberst Alvaro heran und sagte laut: „Ich wollte meine letzte Meldung eigentlich Benito Juarez erstatten. Nehmen Sie sie für diesen Mordbuben entgegen. – Oberst Alvaro und Hauptmann Saltesta sind tot!“

Damit riß er einen bereitgehaltenen Dolch aus der Tasche und stieß ihn dem Oberst mitten ins Herz. Wenige Minuten später war auch Saltesta eine Leiche.

W. K.