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David Livingstone’s Ende

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Titel: David Livingstone’s Ende
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 201–204
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[200]

Livingstone, einen Fluß passirend.
Nach einer Skizze von Livingstone.

[201]
David Livingstone’s Ende.
Mit zwei Abbildungen.


Zu allen Zeiten wird David Livingstone groß dastehen, sowohl durch seine Wirksamkeit für die geographische Aufschließung des noch unerforschten afrikanischen Continents wie durch die Energie, mit welcher er es sich angelegen sein ließ, die Keime der Civilisation unter den barbarischen Negervölkern Innerafrikas zu verbreiten, namentlich aber durch seine Bestrebungen gegen den empörenden Menschenhandel.


Ankunft Livingstone’s an seiner letzten Raststätte.
Nach einer Skizze.


So groß die Zahl Derer ist, welche sich ähnlichen Zwecken früher und gleichzeitig mit ihm widmeten, Keiner kann sich einer so umfassenden Wirksamkeit rühmen. Natürliche Eigenschaften seines Charakters, Kaltblütigkeit, Vorsicht, Sanftmuth und Offenheit unterstützten Livingstone in seinem Verkehr mit diesen ungebildeten, allerdings auch nicht verbildeten, Naturkindern. Wie es einerseits schwer ist und oft diplomatischer Schlauheit bedarf, mit den theilweise den elementarsten Leidenschaften unterliegenden Häuptlingen umzugehen, so finden sich auf der andern Seite in Livingstone’s Aufzeichnungen so viele Züge uneigennütziger Herzensgüte, daß sie uns fast aussöhnen mit den vielen Rohheiten, von denen er uns berichtet. Schließlich unterstützte ihn eine über dreißigjährige Erfahrung, welche ihm natürlich sehr zu Statten kam.

Livingstone betont in seinem letzten Werke, welches jetzt in deutscher Sprache unter dem Titel: „Letzte Reise David Livingstone’s, 1865 bis 1873“ erscheint, wie sehr entgegenkommend die Eingeborenen sich ihm größtentheils bewiesen haben, und wie sie geneigt seien, Jedem in gleicher Weise entgegenzukommen, der in uneigennützigen Zwecken zu ihnen kommen wird, wie gerne sie auf Belehrung hören, und wenn seine Lehren, namentlich gegen den Sclavenhandel, aus Gründen des persönlichen Vortheils nicht überall sofort befolgt wurden, so hofft er doch, daß das Samenkorn in ihren Herzen früher oder später aufgehen wird, um so mehr, als eigentlich das materielle Interesse die Völker zur Aufgebung des Menschenhandels bringen sollte, da durch die Sclavenkriege eine Entvölkerung entsteht, welche diese großen Landstrecken noch unleidlicher macht, als sie an und für sich bereits durch klimatische Verhältnisse sind.

Um zu einem richtigen Verständniß des Abschlusses von Livingstone’s Wirksamkeit zu gelangen, müssen wir seine vorhergehenden Kreuz- und Querzüge wenigstens in großen Zügen andeuten. Wir dürfen dabei seine früheren Reisen, welche mit dem Jahre 1840 beginnen, bis zu seiner letzten Reise (1865) als bekannt voraussetzen.

Durch die hierbei erworbenen Erfahrungen auf’s Beste ausgerüstet, begleitet von Eingeborenen, welche in der englischen Mission erzogen waren, indischen Sepoys, sowie verschiedenen Lastthieren, Kameelen, Büffeln und Eseln, brach Livingstone im Februar 1866 von Zanzibar auf, um, dem südlichen Flusse Rovuma folgend, zuvörderst den Nyassasee zu erreichen. Die versuchsweise mitgenommenen [202] Sepoys bewährten sich sowenig wie die Lasttiere. Erstere, sowie andere, durch das von den Sepoys gegebene böse Beispiel zu Faulheit und Diebstahl verführte Mitglieder der Karawane mußten zurückgesandt werden und verbreiteten nun, weil sie sich schämten, zurückgeschickt zu sein, an Zanzibar das 1868 entstandene falsche Gerücht von Livingstone’s Ermordung. Die Thiere starben hauptsächlich durch den Biß der Tsetse-Fliege.

Die disponiblen Kräfte schwanden bald in dem Maße, daß die Waarenladungen, die man zum Einkauf von Lebensmitteln mit sich führen muß, theils zurückgelassen, theils durch fremde Träger befördert und, wo diese nicht erhältlich, der Weg zu deren Fortschaffung mehrmals gemacht werden mußte. In dieser Gegend waren durch Einfälle der Mazitu die Einwohner verjagt und die Lebensmittel vernichtet worden, so daß eine Hungersnoth im Anzuge war. Livingstone berichtet uns von ganzen verlassenen Sclavenkarawanen, welche theils Hungers auf der Straße gestorben, theils in so schwachem Zustande gefunden wurden, daß sie zum Sprechen unfähig waren. Ihre Herren hatten mit knapper Noth nur für sich Lebensmittel erhalten, und dann lediglich auf die Rettung des eigenen theuren Lebens Bedacht genommen, unbekümmert um das Verderben Hunderter von Menschen.

Während Livingstone seine Reise in dieser Weise mit dem Gefühl beginnt, sich nirgends so sehr am Platze und körperlich so wohl zu fühlen wie hier, seinem Berufe folgend, muß er bald inne werden, daß die Wunden, welche seine früheren Reisen, namentlich am Zambere, seiner Gesundheit geschlagen haben, unter den wiederkehrenden Verhältnissen von Neuem aufbrechen. Des öfteren Fiebers gelingt es stets Herr zu bleiben, doch die sich wieder einstellende Dyssenterie ist nicht mehr zu beseitigen und nagt unaufhörlich, bald mehr, bald weniger, an seinen Lebenskräften.

So geht der Weg, häufig durch unfreiwillige Aufenthalte unterbrochen, im Zickzack weiter. Die Richtung bestimmte sich nach der größeren oder geringeren Wahrscheinlichkeit reichlicher Lebensmittel in den zu passirenden Districten, nach dem freund- oder feindschaftlichen Verhältnisse, in welchem die verschiedenen Stämme zu einander stehen. Verheerte und den kriegerischen Einfällen ausgesetzte Gebiete müssen häufig in weiten Umwegen umgangen werden.

Vom Nyassasee wendet sich Livingstone im September 1866 nördlich dem Tanganyikasee zu, den er im April 1867 an seinem Südende berührt, erforscht dann den See Moero näher, entdeckt den enormen Binnensee Bemba und erreicht im Mai 1868 Carembe wieder, um dem Westufer des Tanganyikasees zuzueilen. Die Vorräthe waren durch Verbrauch, Verlust und Diebstahl zusammengeschmolzen. Schon lange hatte er weder Papier, Tinte noch Bleistift. In dieser Periode sind seine Reisejournale theilweise auf altes vergilbtes Zeitungspapier, wie es sich gerade in seinem Gepäcke vorfand, quer über das Gedruckte vollgeschrieben mit einem gelben Baumsafte, welchen er sich selbst zubereitete.

Zu seiner nicht geringen Freude traf ihn in Ujiji, an der Ostseite des Tanganyika, der zu seiner Aufsuchung ausgezogene Mr. Stanley, der ihn mit dem Nöthigen versorgte und seine Papiere, als er ihn nach längerem Beisammensein verließ, mit nach England nahm.

Stanley wandte alle Beredsamkeit an, ihn zur Rückkehr in die Heimath zu bewegen. Er führte alle möglichen Argumente in’s Feld, als Wiederherstellung seiner Gesundheit, die Nothwendigkeit künstlicher Zähne, da er die seinen verloren hatte, und daß es ihm später besser möglich sein werde, sein Werk zu vollenden; jedoch vergebens. Eine Stelle in Livingstone’s Tagebüchern berichtet darüber: „Meine innere Stimme sagt mir: Alle Freunde werden wünschen, daß ich eine wirklich genaue Feststellung der Nilquellen beschaffe, ehe ich heimkehre. Meine Tochter Agnes schreibt: ‚So sehr ich wünschen würde, Dich heimkehren zu sehen, so würde ich doch lieber sehen, daß Du zu eigener Befriedigung Dein Werk vollenden und mich dann mit gänzlicher Heimkehr erfreuen möchtest.‘ Recht und edel gesagt, mein Liebling Nannie! Meinen Segen für sie und alle Uebrigen!“

Livingstone begleitete Stanley bis zur Küste, bis Unyanyembe. Dann zurückkehrend wieder zum See Tanganyika, wendete er sich von Neuem südwärts dem Bangweolosee zu, um dessen Erforschung zu vervollständigen.

Mittlerweile war das Ende 1872 herangekommen. Das Journal enthält bereits früher fortwährend Berichte über Livingstone’s verzehrende, unheilbare Krankheit. Unter solchen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, wenn sieben Jahre unter ungünstigen klimatischen Verhältnissen endlich seine Kräfte schwinden machen mußten. Die Symptome werden anhaltender und schmerzlicher, oft seinen sonst allezeit heiteren Gemüthszustand umnachtend. Zudem die ungünstige Jahreszeit, die tropische Regenzeit, welche das Reisen fast unerträglich macht, und in einer Gegend, welche schlimmer war, als alle früher passirten.

Das ganze Land auf viele Meilen Entfernung rund um den See war theilweise vollständig mit Wasser bedeckt, oder hatte in den Niederungen „Schwämme“, wie sich Livingstone ausdrückt. Es entsteht nämlich aus der fortwährenden Erneuerung und dem Wiederverderben einer üppigen Vegetation eine Bodenschicht, welche das Wasser nicht einsinken läßt, sondern es fest hält und, wenn vollgesogen, schließlich das Wasser wieder abgiebt. Hierdurch erklärt Livingstone theilweise die Regelmäßigkeit der Ueberschwemmungen, auch die des Nils. Die ganze Gegend um den See herum ist fast nur ein großer Schwamm, und seine Ufer unterscheiden sich vom Lande nicht mehr. Die Dörfer liegen größtentheils auf erhöhten Stellen, und gerastet wird häufig auf den enormen Ameisenhügeln. Sonst geht die Gesellschaft Tag ein Tag aus im Wasser. Livingstone hat einen Esel; theilweise erlaubt sein Zustand jedoch das Reiten nicht, und er wird getragen. Häufig kommen in dieser unendlichen Wasserfläche tiefere Bäche vor, die, weiter aus dem Lande kommend, dem See zuströmen.

Unser Bild, welches nach den eigenhändigen Skizzen Livingstone’s entworfen, zeigt ihn und seine Mannschaft auf dieser Wasserpartie beim Durchwaten eines solchen kleinen Stromes. Es läßt das besser als alle Worte erkennen, welchen Anstrengungen sich der todtwunde Mann unterziehen mußte. Seine Kräfte sanken denn auch immer mehr, und in seinen Aufzeichnungen mehren sich die Ausrufe und Stoßseufzer über seine Leiden.

Endlich hören seine eigenen Niederschriften ganz auf, bis auf das Einschreiben des Datums. Seine letzten Worte waren am 27. April 1873 aufgezeichnet in Kalunganjovu’s Stadt: „Knocked up quite, and remain – recover – sent to buy milch goats. We are on the banks of Molilamo.“ (Gänzlich aufgerieben, und bleiben – mich wieder erholen – fortgeschickt, um Milchziegen zu kaufen. Wir sind an den Ufern des Molilamo.) Wir sind jetzt auf die Berichte seiner Diener Chuma und Susi angewiesen, welche sich jedoch so treu und pietätvoll erwiesen haben, daß wir ihnen allen Glauben schenken dürfen.

Die vorerwähnten Milchziegen konnten nicht herbeigeschafft werden – überall dieselbe Geschichte: Die Mazitu. welche von Manchen mit den bekannten Zulukaffern identificirt werden, hatten die ganze Gegend ausgeraubt. Feste Nahrung zu sich zu nehmen, war Livingstone unmöglich. Er war unfähig zu gehen, nicht einmal vor die Thür der Hütte; damit er in die Tragbahre, welche man für ihn gemacht hatte, gelangen könne, mußte sie vor sein Lager gebracht und dann die Wand der kleinen Schilfhütte eingerissen werden, damit er hinaus kommen könnte. Ein zu passirender kleiner Fluß macht besondere Schwierigkeiten. Man fürchtet den kranken Mann zu tragen, weil ein Fehltritt ihn von der Bahre in’s Wasser werfen könnte. Er wird mit den Betten abgehoben und auf den Boden eines Canoes gelegt.

Der Weg ist der schlechteste. Alle Augenblicke verlangt der Kranke, daß sie anhalten und die Tragbahre hinsetzen; doch es war nicht möglich, daß der Arme stehen konnte. Wenn er aufgehoben wurde, verließen ihn die Kräfte. Dies war hauptsächlich einmal bei einem Baum am Wege der Fall, wo er halten und seine Leute sich um um ihn versammeln ließ, doch er war zu schwach zum Sprechen. Sie legten ihn in der Tragbahre wieder zurecht und gingen, so gut es gehen wollte, weiter. Später wünschte er Wasser, aber es war keines da. Endlich kam ihnen Susi entgegen, der zu den nöthigen Vorbereitungen nach Chitambo’s Stadt vorausgeeilt war. Bei einem nochmaligen Anfall hatte es den Anschein, als sollte es schon da zu Ende gehen; Livingstone hieß die Träger niedersetzen, wo sie waren. Glücklicherweise fachte der Umstand, daß jetzt das Dorf in Sicht kam, noch einmal seine Lebenskräfte an, so daß er nach einer Stunde Rast weiter transportirt werden konnte. Nach kurzem Warten in einem [203] Feldhüterhäuschen konnte er zu der für ihn in einiger Entfernung vom Dorfe errichteten Hütte gebracht werden.

Unser Bild giebt diesen letzten Rastort des berühmten Reisenden getreu wieder: In der Hütte war ein Lager aus von Stöcken zusammengehaltenem Gras errichtet. Ein Reisekasten diente als Tisch, worauf die Medicinkiste stand. Vor der Hütte gegenüber der Thür wurde ein Feuer angezündet. Am Morgen des 30. April kam der Häuptling zum Besuch. Doch Livingstone mußte ihn bitten, andern Tags wieder zu kommen, wo er hoffe, mehr Kraft zu haben. Nachmittags zog er noch die Uhr auf, die Susi ihm halten mußte.

Die Stunden schlichen hin bis zum Einbruch der Nacht. Jeder hatte das Gefühl, daß das Ende nicht weit sein könne, und suchte lautlos seine Hütte auf. Um elf Uhr Nachts beunruhigten ihn hörbare Flintenschüsse. Es waren die Dorfbewohner, welche damit einen Büffel von den Saatfeldern vertrieben.

Nach einer Stunde fragte Susi nochmals nach seinen Wünschen. Er bat um einiges heißes Wasser, ließ sich dann die Medicinkiste geben und suchte mit vieler Schwierigkeit das Calomel, welches er ihn bat herauszulegen. Dann ließ er etwas Wasser in eine Schale gießen und eine andere voll davon daneben stellen und sagte mit leiser Stimme:

„Es ist gut. Du kannst jetzt gehen.“

Das waren die letzten Worte, welche überhaupt von ihm gehört wurden.

Es mag ungefähr vier Uhr Morgens gewesen sein, als Susi den als Wache verbliebenen Majwara kommen hörte, welcher in der Suaheli-Sprache zu ihm sagte:

„Komm zu Bwana! Ich fürchte mich; ich weiß nicht, ob er noch lebt.“

Des Jungen augenscheinliche Bestürzung ließ Susi sofort noch Chuma, Chowperé, Matthew und Muanyaséré wecken, und diese Sechs eilten unverzüglich nach der Hütte. Sie traten ein und richteten ihre Blicke auf das Bett. Livingstone lag nicht mehr darauf, sondern in knieender Stellung davor, so daß es den Anschein hatte, als wenn er bete. Bei diesem Anblicke zogen sie sich instinctmäßig zurück, um ihn nicht zu stören. Majwara flüsterte jedoch:

„Als ich mich niederlegte, war er bereits in dieser Stellung, gerade wie jetzt, und eben weil er ohne Bewegung bleibt, fürchte ich, daß er todt ist.“

Die Frage, wie lange er geschlafen habe, konnte Majwara zwar nicht genau beantworten, glaubte aber, daß es längere Zeit gewesen sei. Darauf traten die Männer näher.

Ein Licht, mit seinem eigenen Wachse auf dem Deckel der Medicinkiste befestigt, verbreitete eine unsichere Beleuchtung, eben genügend, den Umriß seiner Gestalt hervortreten zu lassen. Livingstone kniete zur Seite des Lagers, den Körper vorgebeugt, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Pfosten des Lagers gelehnt. Die Männer hielten den Athem an und lauschten. Kein Laut, keine Bewegung war wahrzunehmen. Endlich faßte sich Matthew ein Herz und näherte sich ihm leise, mit seiner Hand seine Wange berührend. Es war kein Zweifel – das Leben war schon einige Zeit entflohen, der Körper völlig kalt – Livingstone war todt. – Nachdem sie seinen Körper ordentlich gebettet und zugedeckt hatten, gingen sie in’s Freie, um über die ferneren Maßnahmen zu berathschlagen.

Es war nicht weit bis zum Morgengrauen. Dieses, zusammengehalten mit dem Umstande, daß Susi kurz vor Mitternacht mit ihm zuletzt sprach, ermöglicht mit ziemlicher Gewißheit zu bestimmen, daß Livingstone in der Frühe des 1. Mai 1873 starb. Wir können uns leicht die Schwierigkeit vergegenwärtigen, in welche die doch nur aus mehr oder weniger lose zusammenhängenden Elementen bestehende Gesellschaft jetzt, nachdem der Oberbefehlshaber todt war, durch die geringste Uneinigkeit leicht gerathen konnte. Mit möglichster Ruhe wurden Alle von dem, was sich ereignet hatte, in Kenntniß gesetzt. Nach Tagesanbruch wurde die ganze Reisegesellschaft zur Berathung versammelt. In Aller Gegenwart wurden die das Gepäck enthaltenden Kästen geöffnet und Jakob Wainwright, der Einzige, welcher schreiben konnte, veranlaßt, ein Verzeichniß der Gegenstände aufzunehmen.

Livingstone, als alter praktischer Reisender, hätte sein Gepäck so knapp wie möglich eingerichtet und in zwei Blechkästen gepackt, welche ihm ein Freund in England in Ansehung der besonderen Umstände, denen sie dienen sollten, mit außerordentlicher Sorgfalt hatte anfertigen lassen. Hier waren Schriften und Instrumente vor den schlimmen Witterungseinflüssen bewahrt geblieben. Außer diesen Dingen fanden sich Uhr und Hut, Bibel und Gebetbuch, weniges Geld und einige Medicinalgewichte darin vor.

Bekannt mit der Angst, welche die Eingeborenen dieser Gegend vor einem Todten haben, welche so weit geht, daß manche Stämme ihre Wohnplätze wechseln, wenn Jemand gestorben, weil sie meinen, daß die abgeschiedene Seele an den Lebenden Rache nimmt und überhaupt Böses verübe, beschloß man, den Todesfall zu verheimlichen. Man konnte nicht wissen, ob die Eingeborenen die Reisegesellschaft jetzt nicht feindselig behandeln würden.

Es mußte auch berathen werden, was ferner geschehen sollte. Glücklicherweise verband alle das gemeinsame Interesse, von diesem entferntesten Punkte der ganzen Reise glücklich heimzukehren. Die jüngeren von Mr. Stanley abgegebenen Mitglieder der Expedition ordneten sich naturgemäß den älteren erfahrenen Mitgliedern unter. So wurden Chuma und Susi, zwei Zöglinge der Mission, fernerhin als Chefs betrachtet, denen die Anderen unbedingten Gehorsam versprachen.

Es wurde ferner beschlossen, daß der Leichnam, komme was da wolle, nach Zanzibar zurückgetragen werden müsse. Zum Zwecke der Einbalsamirung, wenn wir bei den geringen zu Gebote stehenden Hülfsmitteln die nöthige Präparation so benennen dürfen, erbaten sie sich vom Häuptlinge, unter Verschweigung des wahren Beweggrundes, die Erlaubniß, ein besonderes Lager abseits des Dorfes bauen zu dürfen, welche gern ertheilt wurde. Die später zum Einkaufe von Lebensmitteln in’s Dorf gesandten Leute hielten jedoch keinen reinen Mund, und so wurde die Sache ruchbar. Sofort kam der Häuptling herbeigeeilt und machte Chuma Vorwürfe, ihm den wahren Sachverhalt vorenthalten zu haben.

„Ihr hattet Angst,“ sagte er, „es mich wissen zu lassen, aber fürchtet nichts! Ehe die Mazitu in’s Land fielen, bin ich selbst mehr als einmal an die Küste gereist. Ich weiß, daß Ihr nicht in bösen Absichten kommt, und daß der Reisende oft seinen Tod auf dem Wege findet.“

Alle waren durch diese aufgeklärte Denkweise sehr erleichtert und gaben nun ihre Absicht zu erkennen, den Leichnam zu conserviren und fortzubringen. Chitambo rieth, ihn lieber zu begraben als diese unmöglich scheinende Aufgabe zu unternehmen. Sie beharrten jedoch bei ihrem Entschluß. Mit Dankbarkeit gedenken Alle dieses gutherzigen und edelmüthigen Häuptlings.

Chitambo versammelte sein Volk und kam, von seinen Frauen begleitet, zu der neuen Ansiedelung. Er war in fest um den Leib geschlungenes, bis auf die Knöchel fallendes Baumwollenzeug gekleidet und trug um die Schultern ein breites, rothes Tuch. Alle führten Bogen, Pfeile und Speere, jedoch keine Gewehre. Zwei Trommler vereinigten ihre Anstrengungen mit dem wildheulenden Klagegeschrei, in das alle einstimmten, während die Männer zugleich, nach der portugiesischen und arabischen Weise der Todtenceremonie, eine Pfeilsalve nach der anderen in die Luft abschossen.

Tags darauf erschien noch ein officieller Klager in besonderer Kleidung nach dortigem Ritual, zu der große, speciell für diesen Zweck getragene Fußringe gehören, welche aus Reihen von hohlen Samenkapseln, mit rasselnden Kieselsteinen gefüllt, gebildet sind. Während er tanzte, sang er einen monotonen Gesang mit tiefer Stimme, welcher auf Deutsch etwa heißen würde:

„Heute ist der Engländer gestorben,
Dessen Haare von den unsern verschieden sind.
Kommt und seht den Engländer!“

Dieser in den Augen der Eingeborenen ehrenvolle Nachruf wurde mit einem reichlichen Geschenk an Perlen belohnt.

Der Leichnam Livingstone’s wurde jetzt mit Salz und Branntwein behandelt und der Sonnenhitze ausgesetzt, Tag und Nacht von seinen Leuten bewacht, welche rings um das Gehege, in das der Tode gebracht war, ihre Hütten errichtet hatten.

Nach genügender Zeit wurden die Vorbereitungen getroffen, den Weg fortzusetzen. Der Körper wurde in weißes Baumwollenzeug gewickelt, die Beine gebogen, um die Ausdehnung zu verkürzen. In Ermangelung von Holz stellte man aus Borke des Myongabaumes, welche sich in großen Stücken abschälen läßt, eine Art Cylinder her. Hierhinein wurde der Leichnam [204] gelegt und das Ganze in Segeltuch eingenäht und mit einer Tragstange für zwei Mann versehen.

In einen großen Baum, welcher in der Nähe stand, wurde Livingstone’s Name und Todestag eingeschnitten, und Chitambo versprach, die Umgebung von Gras freizuhalten, um den Baum vor den öfteren zerstörenden Buschfeuern zu bewahren. Außerdem errichteten sie noch zwei dicke Holzstämme mit einem Kreuzstück von ähnlicher Stärke, welche mit Theer, der für das Boot bestimmt gewesen war, angestrichen wurden. Dieses Zeichen wird vermöge seiner Solidität wohl manche Generation überdauern. Zum Zeichen ihrer Anwesenheit für zukünftige Reisende erhielt Chitambo eine blecherne Biscuitkiste mit englischen Zeitungen. Der Häuptling versprach, Alles zur Erhaltung der Zeichen zu thun, wofern er nicht von den Mazitu verdrängt werde.

So setzten sie ihren traurigen Weg fort, den See Bangweolo an der andern Seite umgehend, dann die gekommenen Wege zurück, den Tanganyika am Südende berührend, in möglichst directer Richtung dem Land Unyanyembe zu, wo sie die betretenere Handelsstraße der Küste zu verfolgten und endlich im Februar 1874 in Zanzibar die sterblichen Ueberreste ihres geliebten Herrn dem englischen Consul Prideam übergeben konnten.

Die zugleich mit überlieferten Papiere erwiesen sich in Anschluß an die früher bereits von Mr. Stanley zurückgebrachten Schriften als die vollständige Wiedergabe der verflossenen achtjährigen Reiseperiode, so daß auch nicht eine einzige Lücke zu beklagen ist. Dieselben zu ordnen, schien allerdings anfänglich kaum möglich. Durch die vorerwähnte Benutzung von Zeitungspapier, mit gelbem Saft beschrieben, und durch die oft zitternden Schriftzüge des Kranken schienen sich der Entzifferung unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen. Schließlich gelang es einigen mit seiner Handschrift völlig vertrauten Personen, die Aufzeichnungen mit Hülfe von Vergrößerungsgläsern zu entziffern. Dennoch wäre eine Ordnung der Papiere unmöglich gewesen, wenn nicht Livingstone mit eiserner Consequenz täglich das Datum und die Jahreszahl eingeschrieben hätte. Zugleich lagen viele Skizzen bei. Obgleich nicht Künstler, hatte er sich doch eine gewisse rohe Manier der Skizzirung angeeignet, welche als Unterlage für die spätere Ausführung vollständig genügte. Ferner fanden sich alle Gegenden, die er durchzogen hatte, topographisch aufgenommen, wonach eine genaue Karte mit geringer Mühe zusammengestellt werden konnte.

Wir haben aus dem zur Verfügung stehenden Material das dramatisch abgeschlossene Ende herausgehoben und alle Begebenheiten bis dahin nur in großen Linien angeführt. Des Neuen und Interessanten in dem Buche ist soviel, daß der Herausgeber und Freund Livingstone’s, Horace Waller in Twywell, nicht mit Unrecht von einem „Zuviel des Guten“ spricht.

Für Alle, die sich für die Sache interessiren, wird es angenehm sein, zu hören, daß die deutsche Ausgabe dieser Aufzeichnungen unter dem Titel: „Letzte Reise von David Livingstone in Central-Afrika von 1865 bis zu seinem Tode 1873“ in den nächsten Tagen erscheinen wird.[1]

A. H.


  1. Wir sehen uns zu der ausdrücklichen Bemerkung veranlaßt, daß unsere beiden Abbildungen nicht in den xylographischen Ateliers der Gartenlaube gefertigt worden, sondern nur Clichés der englischen Originalausgabe sind.
    D. Red.