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Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring

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Textdaten
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Autor: Johann Wilhelm Wolf
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Titel: Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring
Untertitel:
aus: Deutsche Hausmärchen, S. 145–167
Herausgeber: Johann Wilhelm Wolf
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Dietrich’sche Buchhandlung, Fr. Chr. Wilh. Vogel
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Erscheinungsort: Göttingen und Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[145]

Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring.

Ein König hatte eine Frau genommen, die war zwar von hoher Geburt, aber nicht von hohem Sinn und brach ihm ihre Treue jeden Tag. Nach einem Jahre gebar sie dem König einen Sohn, der war weiß und roth gleich Milch und Blut und wurde mit jedem Tage schöner. Je mehr er heranwuchs, um so mehr zeigte er sich seines Vaters würdig; er war einer der klügsten und zugleich der edelsten und tugendhaftesten Jünglinge im ganzen Reich und alle, welche ihn kannten, sprachen, er sei eben so schön wie brav. Als er achtzehn Jahre alt war und so recht in seiner schönsten Blüthe stand, da faßte die Königin plötzlich eine verbrecherische Liebe zu ihm und sprach zu sich selber: Er muß mein Gemahl werden, es mag gehen wie es wolle. Sie wußte wohl, daß sie dieß nicht in ihrem Schlosse erreichen konnte und fürchtete auch, der Jüngling könne es seinem Vater sagen, wenn sie ihm dovon spreche; darum machte sie einen Anschlag, ihn in ein fremdes fernes Land zu entführen, dort dachte sie, werde sie schon leicht ihr Ziel erreichen.

Bald darauf war der Geburtstag des schönen Prinzen und der König befahl, daß man ihn mit großen Festen feiere. Morgens [146] sollten die Musikanten von allen Regimentern seines Heeres in der Kirche beim Gottesdienst spielen, Mittags um zwei Uhr sollte ein Gastmahl sein, zu welchem viele tausend Gäste geladen wurden, und Abends sollten alle Häuser der Stadt und das Schloß und alle Gärten am Schloß erleuchtet und überall Feuerwerke abgebrannt werden. Also geschah es auch. Als nun die Kirche aus war, da führte die Königin ihren Sohn in den Garten und plauderte ihm gar süß vor, so daß er gar nicht bemerkte, daß sie stets weiter von dem Schloß abkamen. Endlich standen sie ehe er sich's versah, an einem Wasser, das war so groß, daß man das andere Ufer nicht sehen konnte, und am Ende lag ein prächtiges Schiff. „Ach welch ein schönes Haus da auf dem Wasser schwimmt!“ rief der Prinz, der noch nie ein Schiff gesehen hatte. „Du siehst das Haus nur von außen,“ sprach die Königin, „von innen ist es noch viel schöner, als unser Schloß.“ „Ach das möchte ich sehen!“ sprach der Jüngling und da führte sie ihn auf das Schiff und ging mit ihm aus einem Zimmer in das andere und setzte sich in jedem nieder. Als sie so ein paar Stunden auf dem Schiffe zugebracht hatten, sagte der Prinz: „Liebe Mutter, jetzt wird das Mahl bald beginnen, darum müssen wir eilen, daß wir nach Hause kommen, damit mein Vater und die Gäste nicht auf uns warten müssen.“ „Es hat noch Zeit“ antwortete die Königin, aber er wollte fort und stieg hinauf auf das Verdeck. Wie erschrak der Prinz aber, als er von dem Garten keine Spur und ringsum nur Himmel und Wasser sah. Die Königin hatte nämlich mit dem Schiffmann ausgemacht, daß er am Schloßgarten zu der [147] bestimmten Stunde halten und sobald sie auf dem Schiffe wären, die Anker lösen müsse, um sie in ein anderes Land zu fahren. Der Prinz lief vor Schrecken außer sich zu seiner Mutter und rief: „Mutter, das schwimmende Haus ist ein Räuberhaus und die Räuber haben uns entführt.“ „Sei ruhig, mein Sohn,“ sprach die Königin, „ich wollte dich nur ein wenig erschrecken, bald kommen wir schon wieder an das Land.“ Darin hatte sie wohl recht, es dauerte nicht lange, da sah der Prinz ein schwarzes Pünktchen in der Ferne, das wurde immer größer und als sie näher kamen, war es ein prächtiger Eichenwald. Das Schiff fuhr gerade darauf zu und legte an, die Königin nahm ihren Sohn bei der Hand und sprach: „Hier steigen wir aus und du wirst schon bald zufrieden gestellt sein.“

Also traten sie ans Land und gingen in den schönen Wald. Der Prinz frug wohl oft, ob das denn auch noch ein Lustgarten von des Königs Schloß sei und ob sie nun bald zu Hause wären, doch wußte sie ihn immer abzuschweigen, bis sie an einen freien Platz kamen. Da sprach sie: „Lieber Sohn, ich bin müde, laß uns hier ein wenig ausruhen.“ Als sie nun so neben einander im Grase lagen, da küßte sie ihn und sprach ihm von ihrer Liebe, sagte ihm auch, daß sie ihn entführt habe und jetzt müsse er ihr Gemahl werden, wenn sie nicht auf der Stelle sterben solle. Aber der Prinz verwies ihr streng dieß schändliche Begehren und sprach: „Liebe Mutter, gedenke der großen Sünde, welche wir beide thäten, das kann nun und nimmermehr geschehen.“ Dabei blieb er auch standhaft, wie viel die Königin ihm auch noch vorschwatzte. [148] Als sie nun sah, daß Alles vergebens war, da faßte sie einen Haß auf ihn, der war eben so groß und noch größer, als ihre Liebe gewesen war. Sie ließ sich aber nichts merken und that so freundlich, wie zuvor, sprach, sie habe seine Tugend nur auf die Probe stellen wollen.

Nachdem sie nun ausgeruht hatten, gingen sie zusammen weiter in dem Walde bis gegen Abend; da öffnete sich der Forst und sie sahen in der Ferne ein hohes, schönes Schloß liegen. Der Prinz sprach: „Liebe Mutter, bleibe du hier zurück, ich will zuerst in das Schloß gehn und sehen, wer da wohnt; wenn es kein Räuberhaus ist, dann hole ich dich bald wieder ab.“ Sie war damit zufrieden und er ging hin. Die Thore standen offen, er kam in den Hof und in die Zimmer, aber alle Leute, welche er sah, lagen im tiefsten Schlaf, die Bedienten und die Kammerjungfern, Koch und Köchin, Stallknecht und Viehmagd. Nachdem er fast das ganze Schloß durchwandert hatte, kam er zuletzt in einen hohen und herrlichen Saal, darin stand in der Mitte ein runder goldner Tisch und auf dem Tische lag ein weißes Hemd und ein goldner Ring. Rund um den Tisch lief aber eine silberne Schrift, welche hieß: „Wer dieses Hemd anzieht, der kann das Schwert an der Wand regieren. Wer diesen Ring in den Mund nimmt, versteht die Sprache der Vögel.“ Er schaute auf, da sah er an der Wand ein mächtiges, breites Schwert und da er in den Waffen sehr geübt war, wollte er es nehmen und ein paar Kreuzhiebe durch die Luft machen, aber er konnte es nicht einmal heben und vom Nagel langen. Da zog er das weiße Hemd an [149] und steckte den Ring an den Finger; sogleich war ihm, als würde er ein ganz andrer Mensch und als flösse ganz neues, frisches Blut in seinen Adern. Er sprang in einem Satz an die Wand, faßte das Schwert und schwang es, wie einen Zierdegen, deßgleichen die Hofherren zu tragen pflegen.

In demselben Augenblick hörte er in dem Schloß ein Laufen und Rennen, als wenn hunderte von Leuten durcheinander liefen, die Thür flog auf und drei Diener in prächtigen Anzügen kamen herein und fragten: „Was befiehlt unser König und Herr?“ Im ersten Augenblick stutzte der Prinz, aber er faßte sich bald und sprach: „Es soll der schönste Wagen an den Wald fahren und meine Mutter abholen.“ Die Diener verneigten sich und eilten fort. Jetzt sah er sich weiter in dem hohen Saale um und fand in einer Ecke ein Bett, das stand hinter einem Vorhang und darin schlief ein alter Mann mit grauen Haaren, aber mit einem falschen Gesicht, aus welchem man nicht viel Gutes herauslas. Der Prinz versuchte ihn zu wecken, aber der Greis brummte nur so etwas in den weißen Bart hinein, dann wandte er sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Jetzt kam seine Mutter an und freute sich recht über das schöne Schloß, darin sie nun wohnen sollte, aber in ihrem bösen Herzen brütete sie über der Rache und dachte Tag und Nacht nur nach, wie sie den guten Prinzen verderben könne. Sie that aber nur um so freundlicher gegen ihn und sagte ihm jeden Tag aufs neue vor, wie sie so glücklich sei, einen solchen Sohn zu haben und daß sie ihn mehr liebe, als Alles in der Welt. [150]


Als der Prinz schon ein paar Tage in dem Schlosse gewesen war, ging er eines Tages auf dem Wall spazieren. Da hörte er ein jämmerliches Aechzen und Stöhnen, das lautete grade, als käme es aus der Erde. Er schwang sein Schwert, da kamen die Diener und er frug sie, woher diese Töne kämen und wer also ächze. Die Diener sprachen: „Wir wissen es nicht, das weiß nur der Greis, welcher in dem Saale schläft, denn er hat die Schlüssel zu den unterirdischen Gängen.“ Der Prinz befahl ihnen, den Greis zu holen, allein der wollte nicht hervor, bis der Prinz ihm drohen ließ, er werde ihn mit Gewalt holen lassen. Da kam er und brachte ein Bund Schlüssel. Er rückte an einem Stein in der Mauer, da erschien eine kleine Thüre, welche er aufschloß und die in einen dunkeln Gang führte. „Geht nun hinein“ sprach er mürrisch zu dem Prinzen, doch dieser hütete sich wohl und zwang den Greis, voran zu gehn. Je weiter sie in dem Gange kamen, um so näher lautete das Aechzen. Endlich standen sie vor einer zweiten eisernen Thür und als der Greis auch diese aufschloß, war da ein halbfinsteres Loch, worin das schmuzige Wasser und alle Unreinlichkeit aus dem Schlosse zusammenfloß. In diesem schrecklichen Aufenthalt saß ein Mädchen, dem die Kleider am Leibe fast verfault waren. Als es den Greis erblickte, rief es: „Gehe nur weg oder gib mir den Tod, damit meine Qualen ein Ende nehmen.“ Da trat der Prinz hervor aus dem dunkeln Gange, und befahl dem Greise, das Mädchen herauszuführen. Er zögerte Anfangs, aber da hob der Prinz sein Schwert und nun folgte er dem Befehl. Die Jungfrau aber rief flehentlich: „Ach führet [151] mich nicht an das Licht des Tages, bevor ich Kleider habe, oder lasset mich hier sterben.“ Der Prinz tröstete sie mit freundlichen Worten und sprach: „Ihr seit gerettet aus eurer Höhle, und sollt Alles haben, was ihr begehrt.“ Dann trieb er den Greis ins Schloß zurück und schickte der Jungfrau zwei Dienerinnen mit Wasser zum Waschen, mit schönen Kleidern und mit guter kräftiger Nahrung, damit sie sich ein wenig erhole. Ueber eine Weile trat sie aus dem dunkeln Gang hervor und wie war sie so schön. Ihre Haare waren so goldig, als ob sie der Sonne ihre Strahlen genommen hätte, um ihr Haupt damit zu zieren und ihre Augen waren so blau, wie der Himmel am Abend, ihr Gesicht war aber grade, als ob es mit Lilien und Rosen bemalt wäre. Der Prinz war so entzückt, als er sie sah, daß er sich nicht halten konnte und auf sie zueilte, um ihr die Hand zum freundlichen Gruße zu bieten. Er nahm sie mit sich in das Schloß, da frug er sie, woher sie sei und wie sie in das schreckliche Gefängniß komme. Sie erzählte ihm: „Ich bin eine Königstochter und meines Vaters Königreich liegt weit jenseits der See. Eines Tages ging ich mit meinen Dienerinnen am Ufer der See spazieren, da kam plötzlich ein Schiff mit Seeräubern, welche mich raubten und auf ihr Schiff schleppten. Sie verkauften mich dem falschen Greis, welcher damals in diesem Schlosse herrschte und dieser ließ mir nun Tag und Nacht keine Ruhe und wollte, ich solle seine Gemahlin werden. Als ich aber seine Hand verschmähte und nichts von ihm wissen wollte, da warf er mich in jenes schreckliche Loch, wo er mir nur alle drei Tage Brod und Wasser brachte und mich dabei fragte, ob [152] ich meinen Sinn bald ändere. Da ich das nicht wollte, so ließ er mich dort, bis ich in den Zustand kam, in welchem ihr mich gefunden habt.“ Da nun Mitleid und Liebe gute Freundschaft halten und der Prinz schon gleich als er sie gesehen für sie eingenommen war, so entbrannte er nun in heißer Liebe zu ihr und sprach: „Habet ihr des Greises Hand verschmäht, so biete ich euch nun die meine an, denn ohne euch kann ich nicht mehr leben und wenn ihr nicht meine Gattin werden wollt, so will ich nie eine andere Frau.“ Der schönen Prinzessin gefiel der Prinz besser als der Greis, sie sprach in ihrer Unschuld: „Ich habe euch so lieb, daß ich nie einen andern zum Gemahl möchte, als euch.“ Da küßten sie einander und sprangen fröhlich herum und zu der alten Königin. Der war es natürlich ein Stich durchs Herz, als sie das hörte und jetzt haßte sie den Prinzen doppelt und dreifach. Sie sprach mit heuchlerischer Miene: „Ach wie freue ich mich, daß du eine so schöne und tugendhafte Jungfrau gefunden hast, mein Sohn, und ich eine so schöne Schwiegertochter. Wenn mir selbst das größte Glück auf der Welt zugefallen wäre, könnte ich nicht so froh sein, wie ich jetzt bin. Nun macht auch bald Hochzeit, meine lieben Kinder, ich sorge für Alles; seit nur recht glücklich, dann bin ich es auch.“ Und sie umarmte den Prinzen und die schöne Jungfrau und drückte sie an sich, aber heimlich dachte sie in ihrem Herzen: Wartet nur, ich wills euch eintränken! Da sprach die Jungfrau: „Die Hochzeit halten wir nicht hier, die muß bei meinen Aeltern gefeiert werden, nach denen ich mich gar sehr sehne und die um mich in großen Sorgen sind. Lasset [153] mich zu ihnen gehn, dann kommt mein Bräutigam nach.“ Die Königin sprach: „Jetzt habe ich dich noch lieber, weil du eine so liebevolle Tochter bist. Thue also; binnen Jahr und Tag komme ich mit meinem lieben Sohne dir nach und wir feiern die Hochzeit in Lust und Freuden.“ Heimlich dachte sie aber: Bist du nur erst aus dem Wege, mit ihm will ich schon fertig werden. Rasch ließ der Prinz ein Schiff ausrüsten und binnen drei Tagen fuhr die Prinzessin ab. Die alte Königin aber hatte den Schiffscapitän bestochen, er müsse machen, daß ihn die Prinzessin heirathe, gehe es nun wie es wolle.

Als das Schiff auf hoher See war, kam der Capitän zu ihr und wollte ihre Liebe und Gunst gewinnen, aber sie wies ihn erzürnt zurück. Da sprach er: „Eins von Beiden mögt ihr euch wählen: wollt ihr mich zum Mann und dem König eurem Vater sagen, ich habe euch gerettet, oder wollt ihr ins Meer geworfen werden? Ihr habt drei Tage Bedenkzeit.“ Als sie wieder allein war, warf sie sich auf ihre Kniee nieder und bat Gott um Rettung aus dieser neuen Noth und Gefahr. Da kam ihr ein guter Gedanke und als der Capitän am dritten Tage wieder vor sie trat und frug, wozu sie nun entschlossen sei, sprach sie: „Jahr und Tag will ich Frist haben, dann mag die Hochzeit sein.“ Damit war der Capitän zufrieden. Als sie ans Land kamen führte er sie zu ihren Aeltern, erzählte ihnen, wie er sie aus einer finstern Höhle gerettet habe und begehrte ihre Hand. Der König und die Königin waren so froh, ihr Kind wieder zu haben, daß sie alsbald einwilligten, und über Jahr und Tag sollte die Hochzeit gehalten [154] werden. Da sprach die Jungfrau: „Als ich in meiner Höhle lag habe ich ein Gelübde gethan, das muß ich jetzt halten. Ich habe gelobt, wenn ich erlöst würde, Jahr und Tag ein Wirthshaus an offener Straße zu halten, darin sollte jeder arme Wanderer und Pilger ein freies Unterkommen finden und ich selber wolle sie bedienen.“ Der König war sehr dagegen, sprach, das schicke sich nicht für eine Prinzessin aus königlichem Stamme, aber die Königin sagte: „Was man Gott dem Herrn verspricht, das darf man nicht brechen, sonst folgt die Strafe auf dem Fuße. Richte ihr ein Wirthshaus ein und laß sie darin hanthieren, wie sie gelobt hat, es wird ihr Schaden nicht sein.“ Da wurde das Wirthshaus gebaut und mancher arme Reisende und Pilger fand da Labung und segnete die fromme Königstochter und betete zu Gott, daß er es ihr lohnen möge. Jetzt wollen wir sie in dem Wirthshaus lassen und sehen, wie es dem Prinzen erging.

Als die Prinzessin weg war und die falsche Königin gar nicht wußte, wie sie den Prinzen verderben könne, offenbarte sie sich zuletzt dem Greise und der war gleich bei der Hand, ihr dabei zu helfen, nur mußte sie ihm versprechen, seine Gemahlin zu werden und das that sie gern. Er sprach: „Siehe zu, daß er in die Löwengrube gehe, welche in dem Schloßgraben ist, dann werden ihn die Löwen zerreißen.“ Da legte sich die Königin auf ihr Bett und that, als sei sie todkrank. Der Prinz war in tiefer Bekümmerniß um sie und frug eines über das anderemal, womit ihr wohl geholfen werden könne? Sie sprach: „Ach lieber Sohn mir kann geholfen werden, aber es ist Gefahr dabei und du [155] könntest leicht dabei zu Schaden kommen, da möchte ich jedoch lieber sterben, als daß dir etwas zu Leide geschähe.“ „Ich kenne keine Gefahr, liebste Mutter,“ sprach der Prinz, „wenn es um dein Leben geht.“ Sie antwortete: „Was bist du für ein guter Sohn! So will ich es dir denn sagen: Wenn ich eins von den Löwenwelpen an meine Brust lege, dann zieht die Kraft in mich hinein und ich werde in Zeit von einem Tage gesund.“ Der Prinz lief auf der Stelle zu der Löwengrube, trat unerschrocken hinein und da ein Löwe edelm Blut kein Leid anthut, so ließen ihn die alten Löwen ruhig gewähren. Als er ein Junges faßte, da brüllte die Löwin und erhob sich, doch der Prinz sah sie mit einem so scharfen Blick an, daß sie sich augenblicklich wieder hinlegte. Die Königin setzte den jungen Löwen an ihre Brust und rief: „Ich fühle ordentlich, wie ich neue Kraft bekomme, jetzt bin ich gerettet.“ Als der Löwe aber nicht ruhig blieb und seine Krallen ausstreckte, schrie sie: „Es ist jetzt gut, nimm ihn weg und mache ihn todt, ich kann ihn nicht länger an mir leiden.“ Der Prinz nahm den Löwen und sprach: „Warum sollte ich das arme Thierchen tödten, da es doch meiner lieben Mutter Leben gerettet hat? Ich will es seiner Mutter heimbringen, wie ich es ihr genommen habe.“ So trug er den jungen Löwen wieder in die Grube zurück und die alte Löwin brüllte laut vor Freude, als sie ihr Welpchen wieder hatte.

Da dieser Plan also fehlgeschlagen war, berieth die Königin wieder mit dem Greise, wie sie den Prinzen verderben könnten und der Greis sprach: „Es gibt nur ein Mittel, du mußt ihm [156] das Hemd ausziehen, dann hat er keine Kraft mehr, das Schwert zu schwingen und wir werden seiner bald Meister.“ Die Königin lud eine Menge von Gästen zu sich ein, ging zu dem Prinzen und sprach: „Da du mich vom Tode gerettet hast, lieber Sohn, so habe ich dir zu Ehren ein großes Mahl anstellen lassen, komm nun und setze dich neben mich, damit wir uns zusammen freuen.“ Der Prinz folgte ihr hocherfreut zu dem Saal, wo die Gäste schon beisammen waren. Als er nun gegen Ende des Mahles recht eifrig mit den Gästen sprach, goß sie rasch einen Schlaftrunk in seinen Becher. Dann hob sie ihr Glas und rief: „Mein lieber Sohn soll leben, der mich vom Tode gerettet hat.“ Da nahm er seinen Becher und trank ihn in einem Zuge leer. Bald darauf gingen die Gäste nach Hause, der Prinz aber fühlte sich gar müde und legte sich zu Bette, wo er bald fest einschlief. Nun schlich die Königin mit dem Alten in das Zimmer, da zogen sie ihm das weiße Hemd aus und der Alte zog es an. Dann nahm dieser ein Messer, gab es der Königin und sprach: „Nun stich ihm das linke Auge aus.“ Sie that es, der Alte grub ihm das rechte Auge auch noch aus und dann warfen sie ihn in die Löwengrube.

Durch den Schmerz war der Prinz sogleich erwacht und hatte wohl gesehn, wie groß die Falschheit seiner Mutter war und auch gehört, wie der Alte über ihn triumphirte. Als er fühlte, daß man ihn in die Löwengrube warf, war er froh, denn er glaubte nicht anders, als die Löwen würden ihn sofort verschlingen und das wäre ihm recht gewesen, denn er war des Lebens gar satt. Das geschah aber nicht, sondern die Löwin kam [157] zu ihm und brüllte so recht traurig und die Löwenwelpen kamen und lekten ihm die Augen, bis sie ganz heil waren. Jeden Tag brachte die Löwin ihm ein Stück Fleisch, das legte sie auf seine Kniee und er nahm es und aß es roh, das war seine ganze Nahrung. Das Fleisch holten sich die Löwen aber durch einen Erdgang, der lief aus der Löwengrube in den Wald. Als der Prinz nun eines Tages so in der Grube herumtappte, entdeckte er den Gang und kroch hinein. Lange spürte er nur eine dumpfe, schwere Luft, dann aber wurde ihm das Athmen immer leichter und endlich merkte er, wie sich der Gang erweiterte, wie frische Waldluft ihn anwehte. Er hörte die Vöglein in den Bäumen singen, die Hirsche und Rehe springen und fühlte die Sonne warm auf sein Angesicht scheinen. Er dankte Gott auf den Knieen für seine Rettung und schaffte sich dann weiter, so gut es eben ging. Gegen Abend rauschte es in der Ferne, darauf ging er zu und gelangte also an das große Weltmeer. Dort hatte grade ein Schiff angelegt, um frisches Wasser einzunehmen. Als der Schiffscapitän ihn sah, dauerte ihn der arme blinde Jüngling, der so verlassen da herum schlich und er frug ihn, ob er mitfahren wolle? „Ja das will ich gern, denn hier müßte ich ja Hungers sterben,“ sprach der Prinz und stieg in das Schiff, wo ihn der gute Capitän auf das Beste hielt und pflegte, so daß er von Tag zu Tage frischern Muthes wurde. Als das Schiff anlegte, nahm er unter vielem Dank von dem Capitän Abschied und schlich auf der Landstraße weiter.

Eines Tages kam er an eine große Stadt. Vor dem Thore [158] rief eine Frau: „Kommt herein in mein Haus, hier werden alle armen Reisenden und Pilger gepflegt.“ Er streckte seine Hand aus und ließ sich in das Haus führen, wo er ein gutes Essen und ein prächtiges Bett bekam. Ehe er schlafen ging, kam die Frau, setzte sich zu ihm und sprach: „Erzählt mir jetzt eure Geschichte, das ist meine Bezahlung.“ „Die möchte ich lieber verschweigen,“ antwortete der Prinz, „denn sie ist sehr traurig, aber wenn ihr sie hören wollt, so erzähle ich sie.“ Und nun fing er an und legte ihr Alles auseinander, wie es ihm ergangen war. Die Wirthin wurde immer aufmerksamer, als er aber daran kam, wie er die schöne Jungfrau aus dem Loche erlöst und sich mit ihr verlobt hatte, da schloß sie ihn in ihre Arme und rief unter blutigen Thränen: „O mein lieber Bräutigam, ach daß ich dich also wiederfinden muß!“ Wie war das eine so große Freude und dabei eine so tiefe Betrübnis, als er ihr erzählte, wie seine Mutter und der falsche Greis an ihm gehandelt hatten. Die schöne Jungfrau konnte ihrer Thränen nicht Herr werden, wenn sie ihn ansah und die eingesunkenen leeren Augenhöhlen erblickte. Als er seine Erzählung zu Ende hatte, ließ sie ihn schön kleiden, führte ihn zu ihrem Vater und sprach: „Lieber Vater, heut ist mein schönster Lebenstag, denn der liebe Gott hat mir meinen rechten Erlöser und einzigen Bräutigam wiedergegeben;“ und sie ließ ihn dem Könige die ganze Geschichte erzählen. Der König glaubte ihm zwar, doch da die erste Freude des Wiedersehens seiner Tochter vorüber war, so ärgerte er sich, daß sie einen blinden Prinzen heirathen wollte. Jedenfalls war ihm der Jüngling als Prinz [159] lieber, als der Schiffscapitän, darum that dieser wohl, sich sogleich aus dem Staube zu machen, als die Sache bekannt wurde. Nun wurde in einer abgelegenen Gegend des Schloßgartens ein kleines Schloß gebaut, die Hochzeit des Prinzen mit der Prinzessin ganz heimlich gefeiert und dann zogen sie in das Schlößchen und bekamen nichts als das Essen von dem Könige; ihre Kleider mußten sie sich selber stellen, daran spann und webte die Prinzessin Tag und Nacht.

Die Hofherren ärgerten sich aber nicht wenig über diese Heirath, denn der Prinz konnte ihnen keine großen Gastmähler geben, worauf sie sehr viel hielten, und Bälle und Tanzbelustigungen wurden gleichfalls keine gehalten, worauf ihre Frauen sehr viel gaben. Zudem wollte es ihnen nicht gefallen, daß sie einmal von einem blinden König regiert werden sollten. Sie verschwuren sich also, sie wollten das Schlößchen, wo der Prinz mit seiner Frau wohnte in die Luft sprengen, und das sollte bald geschehen.

Eines Abends gingen die Beiden aus ihrem Schlößchen in ihr kleines Gärtchen, wo sie der frischen Kühle genießen wollten, und setzten sich unter einen hohen Lindenbaum. Da zog der Prinz sein Einziges vom Finger, was er aus seinem Schloß gerettet hatte, den goldnen Ring und steckte ihn in den Mund, denn er wollte sich einen Zeitvertreib machen und hören, was sich die Vögel wohl erzählten. Da flogen drei Krähen auf den Lindenbaum, die fingen an zu schwätzen und die erste sprach: „Ich weiß etwas, wenn ihr das wüßtet!“ „Was ist das denn?“ fragten die beiden andern, „wir wissen auch etwas.“ „Drüben beim [160] Schultheiß ist ein Pferd gefallen, das wird ein köstliches Aas, ah das soll mal schmecken,“ sprach die erste Krähe. Da begann die zweite und sprach: „Ich weiß etwas andres, wenn das die zwei wüßten, die da unterm Baume sitzen, dann säßen sie nicht da.“ „Was ist das?“ fragten die beiden andern. „Diesen Abend um zehn Uhr wird das Schlößchen, worin sie wohnen, in die Luft gesprengt, das haben die Hofherren ihnen gebraut.“ Nun sprach die dritte Krähe: „Ich weiß etwas, wenn das der blinde Prinz da drunten wüßte, der wäre erst froh!“ „Was ist das?“ fragten die beiden andern. „Diese Nacht zwischen elf und zwölf Uhr fällt ein Thau vom Himmel, wer sich damit die Augen bestreicht, der wird auf der Stelle sehend. Nun kommt zu dem todten Gaul, bevor ihn andre holen.“ Da erhoben sie sich wieder und flogen weg.

Der Prinz steckte seinen Ring wieder an und sprach zu seiner Frau: „Komm, wir wollen ein Stückchen weiter in den Wald hinein gehn, der Abend ist ja so schön.“ Da folgte sie ihm. Als sie kaum eine Viertelstunde weit waren, blitzte es plötzlich und dann thats einen Knall, als wenn tausend Kanonen auf einmal losgeschossen würden. Die Prinzessin erschrak, so daß sie fast ohnmächtig zusammen gesunken wäre; als der Prinz ihr aber die ganze Geschichte erzählte, da freute sie sich und beide dankten Gott für ihre Lebensrettung, und legten sich unter einem Baum im Walde zur Ruhe nieder. Die Prinzessin entschlummerte bald, der Prinz aber wachte. Als es gegen die zwölfte Stunde ging, tastete er im Grase umher und strich sich den Thau zusammen, damit wusch er sich die Augen. Je mehr er wusch, um so heller wurde [161] es vor ihm und als er dreimal gewaschen hatte, da sah er den Mond wieder, wie seine Strahlen durch die Bäume fielen, und sah seine liebe Frau wieder, wie sie so wunderschön im Mondenschein dalag. Er küßte sie vor lauter Wonne, da erwachte sie und schaute ihren Mann an und fast hätte sie ihn nicht wieder erkannt, so klar und schön glänzten seine Augen sie an. Jetzt füllte er auch seine Wasserflasche noch mit dem Thau und hing sie um, denn er dachte: Wer weiß ob ich's nicht einmal gebrauchen kann. Also wuchs ihnen aus großem Unglück ein noch viel größeres Glück und sie waren nun überreich bei ihrer größten Armuth. Aber sie sollten noch viel größere Leiden ertragen und die Zeit ihrer Prüfung war noch nicht zu Ende.

Sie gingen am Morgen immer weiter im Walde fort und nährten sich von Wurzeln und Kräutern. Da die Prinzessin des Gehens aber ungewohnt war, so wurde sie bald müde und gegen Mittag setzte sie sich unter eine Eiche, legte ihren Kopf in den Schoos des Prinzen und schlief ein. Er betrachtete sie mit wonniglichen Blicken, wie sie in Schönheit strahlte; da sah er an ihrem Halse ein Säckchen an einer Schnur hängen und als er es öffnete, fand er darin einen Karfunkelstein, der gefiel ihm so gut, daß er leise die Schnur löste und ihn lange betrachtete. Er hätte ihn aber auch gern einmal in der Sonne spielen sehen, darum legte er ihn neben sich ins Gras, hob sanft der Prinzessin Haupt von seinem Schooß und legte es auf ein Kissen von Laub und Moos, welches er eilig zurecht machte. Als er aber wiederum nach seinem Steine langen wollte, hatte ein Rabe ihn genommen und spielte damit. [162] Er sprang dem Raben nach, da flog derselbe auf und setzte sich weit weg auf einen Baum. Der Prinz verfolgte ihn, und warf mit Steinen nach ihm, da sprang der Rabe von Ast zu Ast und von Baum zu Baum, bis er zuletzt im Gebüsch verschwand. Betrübt suchte der Prinz den Rückweg auf, aber er fand ihn nicht und verirrte sich immer tiefer in den Wald hinein und wurde immer trostloser. Da kam ein feiner Herr des Weges daher, den frug er nach dem Baume, worunter er seine liebe Frau im Schlafe hatte liegen lassen. Der Herr wußte ihm aber keinen Rath und sprach: „Solcher Bäume gibts tausend im Walde, den findest du nicht wieder. Geh mit mir und du sollst es nicht schlecht haben.“ Da folgte er dem Herrn zu einem schönen weißen Waldhause, darin saßen elf Bursche an einem reichgedeckten Tische und ließen sichs wohl sein. Der Herr sprach: „Nun ist eure Zahl voll, jetzt seit ihr zwölf. Ihr bleibt nun Jahr und Tag hier und sollt Alles vollauf haben, aber am Ende des Jahres müßt ihr mir drei Räthsel lösen. Wer das kann, bekommt einen Geldbeutel, der nie leer wird, wer es aber nicht kann, der muß sterben.“ Da jubelten die elf Bursche und ließen den Herrn hoch leben und sie jubelten also fort das ganze Jahr hindurch. Oft riefen sie dem Prinzen, er solle Theil an ihrer Lustbarkeit nehmen, aber der war still und in sich gekehrt, aß und trank wenig, sprach noch weniger, aber dachte ohne Unterlaß an seine arme Frau. Jetzt wollen wir sehen, wie es mit ihr ergangen ist.

Als sie erwachte und ihren Mann nicht fand, rief sie ihm lange und natürlich vergebens. Da fühlte sie plötzlich, daß ihr [163] das Säckchen am Halse fehle. Ach sollte er mir den Stein geraubt haben und damit entflohen sein? dachte sie, und was konnte sie auch anders denken? Der Gedanke betrübte sie gar zu sehr und wäre sie nicht so fromm gewesen, sie hätte sich den bittern Tod angethan. Nun aber gab sie ihr trauriges Schicksal in des Himmels Hand und ging weiter im Walde gar mühsame Wege, bis sie an das Meer kam. Da lag ein Schiff vor Anker, das nahm sie um Gotteswillen auf und setzte sie nach vielen Wochen in einem fremden Lande an das Ufer. Sie ging und ging, bis sie in der Ferne ein Schloß sah und als sie näher kam, erkannte sie, daß es das Schloß war, wo der Prinz sie gerettet hatte. Da wurde sie frohen Muthes, denn sie dachte ihr Mann werde wieder dort sein und wenn er sie wieder sehe, könne er sie ja nicht verstoßen. Also ging sie in das Schloß und fragte nach dem Prinzen; die Diener wollten ihr eben sein trauriges Schicksal erzählen, da kam die Königin hinzu und erkannte sie. „Ei bist du hier und was hast du denn hier zu suchen?“ frug das böse Weib; da erzählte die Prinzessin, wie sie ihren Mann suche, den sie im Walde verloren habe. „Komm mit herein,“ sprach die Königin; als die Prinzessin ihr folgte, schloß sie schnell die Thür ab und rief den Greis. Sie faßten die Prinzessin, gruben ihr Abends die Augen aus und warfen sie in die Löwengrube. „Da kannst du deinen Mann suchen,“ riefen sie ihr nach und verhöhnten sie. Die Löwen fraßen sie aber nicht, sondern die jungen Löwen leckten ihr die Augen heil und die Alten brachten ihr Nahrung, so daß sie am Leben blieb. [164]


Unterdessen war das Jahr in dem Waldhause fast verstrichen und die elf Bursche dachten nicht einmal an die drei Räthsel; um desto mehr dachte der Prinz daran und sann und sann, was es wohl sein könne, aber er konnte nichts herausfinden. Eines Abends setzte er sich in den Wald unter eine Eiche, da flogen drei Atzeln heran und ließen sich in dem Laub der Eiche nieder. Was mögen die wohl schwatzen? dachte der Prinz, legte seinen Ring unter die Zunge und horchte ihnen zu. „Heisa ihr Brüder!“ rief die Eine, „morgen gibts einen Festtag für uns, elf fette Handwerksburschen und einen magern Prinzen.“ „Wie meinst du das?“ fragte die Zweite. „Morgen müssen sie die drei Räthsel lösen und sie wissen nicht eins davon,“ sprach die Dritte. „Wißt ihr sie denn?“ fragte die Zweite und da schrieen die beiden andern: „Ja, ja, ich will sie sagen, nein ich will sie sagen.“ „Fang du an,“ sprach die Zweite und die Erste begann: „Das eine Räthsel ist, wovon das Haus gebaut sei, das andere, woher sie das Essen gehabt hätten und das dritte, warum es in dem Hause nie Nacht werde?“ „Nun rathe du sie,“ sprach die Zweite und die Dritte plapperte: „Das Haus ist von Armesünderknochen gebaut, das Essen kommt von des Königs Tafel und das helle Tageslicht im Hause von dem Karfunkelstein, welchen der Zauberer als Rabe dem armen Prinzen im Walde gestohlen hat und der nun an der Decke hängt.“ Als sie so geplappert hatten, hoben sie die Flügel und flogen weiter. Der Prinz aber erfreut legte sich zum erstenmal seit einem ganzen Jahre ruhig schlafen.

Am andern Morgen tafelten und spielten die elf Bursche [165] wieder, da kam der Herr durch den Wald daher und rief schon von weitem: „Nun ihr Bursche, stellt euch in Reih und Glied, jetzt müßt ihr die Räthsel lösen.“ Die Elf folgten gutes Muthes, der Prinz stellte sich ans Ende. Der Herr frug: „Woraus ist das Haus gebaut?“ „Ei von Backstein“ sagte der Erste, „von Bruchstein“ der Zweite, „von Lehm und Holz“ der Dritte und so weiter bis es an den Prinzen kam, der sprach: „Von Armesünderknochen.“ „Du hasts gerathen“ sagte der Herr. „Jetzt sagt mir weiter, woher kam euer Essen?“ „Aus der Garküche,“ schrieen alle elf, aber der Prinz sagte: „Von des Königs Tafel.“ „Du hasts gerathen“ sagte der Herr. „Nun sagt mir zum Dritten, warum war euer Haus bei der Nacht so hell, wie bei Tage?“ „Von einer Lampe“ schrieen die Elf zugleich, aber der Prinz sprach: „Von dem Karfunkelstein, den du mir als Rabe gestohlen hast und der an der Decke hängt.“ „Du hasts gerathen und hier ist dein Geldbeutel, der nie leer wird,“ sprach der Herr und gab ihm den Beutel, den Elfen aber schlug er die Köpfe ab. Unterdessen ging der Prinz in das Haus und nahm den Karfunkelstein wieder, dann wanderte er seines Weges weiter im Walde fort, bis er an das Meer kam. Dort ging er weiter bis zur nächsten Seestadt, miethete sich ein Schiff und fuhr nach dem Schloß, wo seine Mutter zurückgeblieben war. Habe ich bei allem Unglück so viel Glück gehabt, dachte er, wer weiß ob ich das Schloß nicht wieder gewinne und meine Frau dazu.

Es war dunkler Abend, als das Schiff in der Nähe des Schlosses vor Anker ging. Er verkleidete sich in einen Matrosen, [166] stieg ans Land, und ging auf das Schloß zu. Leise schlich er hinein und auf den Boden. Als Alles im Schlafe lag, stieg er auf das Dach und ließ sich durch einen Schornstein in das Zimmer hinab, wo er den Greis schlafend gefunden hatte. Das Erste was er sah, war das weiße Hemd, welches auf dem runden goldnen Tische lag. Er zog es an, faßte das Schwert, welches an der Wand hing und durchsuchte das Zimmer; da lag der Greis in demselben Bette, wie das Erstemal und bei ihm die Königin. Dreimal schwang der Prinz das Schwert, da stürzten die Diener herein und begrüßten ihn freudig als ihren König und Herrn. „Bindet die Beiden zusammen und werfet sie in einen Käfig, wo sie gleich Vieh gehalten werden sollen!“ rief der Prinz und es geschah. Die Königin suchte zwar wieder durch neue Lügen und Ränke den Prinzen zu bestricken, aber es gelang ihr nicht; sie wurde gebunden in den Käfig geworfen.

Das Erste was die Diener ihm sagten, war, daß die Prinzessin da gewesen sei und nach ihm gefragt habe. Da hob sich sein Herz in neuer Hoffnung. Er ließ die Königin fragen, wo die Prinzessin geblieben sei, aber sie wollte es nicht sagen und vergebens wurde in dem alten Loche gesucht. In seiner Betrübnis kam ihm da der Gedanke, er wolle sich den guten Löwen dankbar beweisen und ihnen einmal eine reichliche Mahlzeit geben. Es wurden Ochsen und Rinder geschlachtet und die Diener mußten ihm das Fleisch in großen Mulden nachtragen. So ging er zum Löwenzwinger, um es ihnen selbst zu geben. Aber ach du Jammer, als er die Thür öffnete und seine liebe Frau blind in der [167] Löwengrube wiederfand. Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme und das war wieder einmal viel Unglück bei viel Glück. Er führte sie sogleich mit sich in das Schloß, da wusch er vor Allem ihre Augen mit dem Thau, welchen er einst in der Flasche gesammelt hatte und wie lachte sie ihn da so seelig an! Jetzt war Beider Glück vollkommen und er gab ein Fest nach dem andern zur Feier ihres Wiedersehns. Dann schrieb er seinem Vater Alles nach der Ordnung, wie es sich begeben hatte und reiste mit seiner lieben Frau zu dem alten König; den Käfig mit der Königin und dem Greise ließ er nachkommen und übergab Beide seinem Vater zur Bestrafung. Da wurden sie auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt. Der Prinz aber folgte seinem Vater in der Regierung, erbte später auch das Königreich seiner Frau und da an dem Schloß auch ein Königreich hing, so war er Herr über drei Königreiche.