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Das unterirdische Florenz

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Textdaten
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Autor: Isolde Kurz
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Titel: Das unterirdische Florenz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 86–87
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das unterirdische Florenz.

Wieder soll ein lebendiges Stück Geschichte und Alterthum von der Erde verschwinden: dem Mercato Vecchio zu Florenz – dem Midollo[1] der Altstadt, Stammsitz und Wiege der alten florentinischen Herrlichkeit – hat das letzte Stündlein geschlagen. Bald wird die Piazza del Mercato mit ihrer schlanken Säule, die den Mittelpunkt der Stadt bedeuten sollte und dabei seltsamer Weise zum Schandpfahl diente, mit der originellen Fischhalle aus dem 16. Jahrhundert, mit den uralten Kirchlein Santa Maria in Campidoglio, San Pierino, San Tommaso und San Andrea, mit dem festungsartigen Palaste der Amieri und dem bescheidenen Stammhaus der Mediceer – das Alles wird nur noch der Erinnerung angehören. Das alte Viertel der Ghibellinen auf der einen und das der Guelfen auf der andern Seite, die beide nur durch diesen Platz geschieden waren, werden vielleicht an einem Tage in das Nichts zurücksinken und mit ihnen manches Unersetzliche – so der Thurm der Wollezunft mit seinem düstern, doch anheimelnden Eingang von Or San Michele her, der so trauliche Bilder des altbürgerlichen Lebens der Republik heraufzaubert.

Ich liebe diesen Platz, den die noch übrigen Thürme wie Veteranen umstehen, innerlich gebrochen doch aufrecht, und der zur Nachtzeit von den Geistern der Vergangenheit wimmelt. Dann steht die alte Beccheria[2] wieder vor der Phantasie, die wir noch in unsern Tagen gesehen haben mit dem seltsamen Kranz von Buden, der sie umgab; ein Wald von schlanken, himmelhohen Thürmen, von denen die Banner der Familien flattern, umkränzt die Piazza, verdunkelt den Hintergrund, füllt und verhüllt den ganzen Horizont. Von der Colonne läutet die Glocke zum Feierabend, in die offenen Kirchlein strömen die Weiber, Woll- und Seidehändler stehen plaudernd unter ihren Werkstätten und Gewölben, die Capitani delle Arti[3] ziehen mit ihren bunten Gonfalonen vorbei, Gassenjungen singen Spottlieder auf die eben geschlagene Partei, aber plötzlich ertönt Hufschlag auf dem Pflaster, aus einem der engen Quergäßchen sprengt ein in Eisen starrender Reiter hervor und durchbricht, die Sporen zum Insult nach auswärts gekehrt, die Menge – vielleicht ist es der schreckliche Corso Donati, Dante’s großer Feind, der lieber unter den Hufen des eigenen Pferdes sterben wollte, als schimpflich gefangen in die Vaterstadt zurückkehren, die so lange vor ihm gezittert hatte.

Aber ach, während wir dieser glorreichen Vision nachstarren, ruft uns ein trivialer Gedanke in die Gegenwart zurück, und wir greifen erschrocken nach Börse und Uhrkette, denn eine von den menschlichen Fledermäusen mit den lichtscheuen Augen, die diesen Ort mit den Gespenstern der Vorzeit theilen, ist in der Dunkelheit an uns vorübergestrichen. Dann erinnern wir uns, daß hier in dem Viereck, das den Kern der Stadt bildet und von den vornehmsten Straßen umschlossen ist, eine Welt lebt und webt, die mit der unserigen nichts gemein hat, die unsere Gesetze nicht anerkennt und jeden, der einen anständigen Rock und ganze Stiefeln trägt, als einen Feind und Fremdling betrachtet.

Wenn ein solcher „Fremdling“ sich auch bei hellem Tag in das Gewirr der Gäßchen auf dem Mercato verirrt, erregt er hier mehr Aufsehen als im kleinsten Apenninendorf. Aus dem alten Mauerwerk unter der Erde kriechen sie hervor, zerlumpte, kranke, verkrüppelte Gestalten, starren den Eindringling mit ihren rothen, halb erblindeten Augen an und geben auf seine Fragen keine Antwort. An allen Fenstern tauchen Gesichter auf und verschwinden, es ertönen Pfiffe und Signale, aus allen Mienen spricht Neugier und drohendes Mißtrauen, und wer sich nicht mit großem Muthe bewaffnet hat, tritt gern den Rückweg aus diesen Gäßchen an, die oft gar keinen Ausgang haben oder in eine Hausthür münden.

Wer aber wagte es die Häuser zu betreten, die oft noch mit dem stolzen Wappen der sechs Kugeln[4] oder mit wundervollen Steinfriesen geschmückt sind; aus denen ein fürchterlicher Geruch entgegendringt, wo bei jedem Schritt eine Fallthür hinter uns zufallen kann oder wo man vielleicht in eine Versenkung tritt, aus der man nie wieder an das Tageslicht zurückkehrt? Es sind Häuser, in die kein anderes menschliches Wesen den Fuß setzt, als die Polizei, zuweilen der Arzt oder die Brüder der Misericordia. Denn ihre traurigen Bewohner selbst können nicht mehr Menschen heißen.

In feuchten Spelunken geboren, aufgezogen in Schmutz und Laster, von Krankheiten zerfressen, wohnen sie zu acht bis zehn Personen jeden Alters und Geschlechts in einer einzigen Stube mit oft nur einem Bett, dessen Ausstattung vielleicht nie gewechselt worden ist, und wer diesen Aufenthalt mit einigen Jahren in den „Murate“[5] vertauschen kann, scheint seinen Gefährten beneidenswerth. Zuweilen, wo man sehr skrupulös ist, sind solche Kammern, in denen zwei Familien hausen, durch eine Scheidewand aus altem Zeitungspapier getrennt, und ein solches Kulturbestreben in einer solchen Umgebung wirkt noch grauenhafter als die völlig nackte Schamlosigkeit. Unter diesen Unglücklichen giebt es viele Grade und Abstufungen von dem bewußten jammervollen Elend bis zur stumpfsinnigen Verthierung.

Wie Dante’s Hölle ist dieser Ort der Verdammten in Kreise abgetheilt, die je eine Stufe menschlichen Verlorenseins bedeuten. Da ist die äußerste Peripherie, die schon an die reichen und vornehmen Stadttheile angrenzt, mit den unglücklichen Armen, die selber ehrlich und keines Verbrechens fähig sind, die aber um ihrer Sicherheit willen beide Augen zudrücken, den Dieben Unterschlupf gewähren und wohl auch vor Gericht für sie zeugen müssen. Dann kommen die Hehler, die den „Gewinst“ mit den Dieben theilen, und zuletzt die große Pflanzschule alles Lasters und Gräuels – der Ghetto.

Bis vor Kurzem waren diese Zustände nicht öffentlich bekannt. Man hörte wohl dann und wann, daß ein berüchtigter Verbrecher aus dem Gefängniß entkommen und im Mercato Vecchio verschwunden sei, man konnte in den Zeitungen lesen, daß Der und Jener, dem die Justiz auf den Fersen war, nicht handfest gemacht werden könne, weil er sich nach dem Ghetto gewandt habe und von der Camorra beschützt sei, aber wenn auch die Verbrechen und Mysterien des Mercato Vecchio die Spalten der städtischen Chronik und die Phantasie der Sensationsschriftsteller füllten, in das innerste Leben dieser fremden Welt inmitten der unsrigen war Niemand eingedrungen.

Da trat vor Kurzem ein unerschrockener Mann in einer Broschüre „Firenze sotterranea“ (das unterirdische Florenz) mit erschütternden Enthüllungen hervor und deckte Zustände auf, die man bis jetzt nur am Westende Londons für möglich gehalten.

Jarro – so nennt sich der Verfasser – hat Jahre seines Lebens darauf verwendet, diese Welt zu studiren, hat die Polizei auf ihren nächtlichen Streifzügen im Ghetto begleitet, hat mit einigen dieser Höhlenbewohner Freundschaft geschlossen, um ihre Lebensgeschichte kennen zu lernen, und hat verkleidet ihren Zusammenkünften beigewohnt.

Seine Enthüllungen haben solches Aufsehen erregt, daß das kleine Büchlein in kurzer Zeit mehrmals aufgelegt werden mußte und daß selbst die Alterthumsfreunde in Florenz nicht mehr laut gegen das Zerstörungswerk zu protestiren wagen, das zwar schon längst geplant war, das aber ohne dieses Büchlein wohl noch Jahr und Tag seiner Ausführung entgegen geschlummert hätte.

Ehe nun diese nächtliche Welt von der Erde verschwunden ist, begleiten wir Jarro auf einer seiner Wanderungen. Er führt uns durch die Vorstufen der Hölle hindurch in den Ghetto:

„Per me si va tra la perduta gente.“[6]

Auch hier standen einst Paläste der Großen, und eine elende Piazzetta, die jetzt in einen Hofraum eingeschlossen ist, führt noch den stolzen Namen Medici. Später wurden hier die Juden eingesperrt, die der Magistrat von Florenz berufen hatte, um dem Wucher der eigenen Mitbürger zu steuern – doch ward ihnen nicht allzu weich gebettet, und noch ist ein altes Dokument vorhanden, worin einer von ihnen „dem Papst zu Liebe und wegen anderer Verbrechen“ zum Tode verurtheilt wird.

Aber still! und folgen wir Jarro. Er führt uns durch dunkle Gänge, gewundene Treppen, Höfe und Terrassen, die von Dach zu Dach, von Keller zu Keller alle Häuser mit einander verbinden, durch Katakomben, in die nie das Tageslicht fällt und wo ein Mensch mit oder ohne seinen Willen auf immer verschwinden kann. Er läßt uns in die Diebsherbergen blicken, wo 15 bis 20 schmutzige Strohsäcke am Boden liegen und wo die Diebe für einen Soldo zu übernachten pflegen; er zeigt uns Frauen, die [87] zu dreien und vieren nur ein einziges Kleid besitzen, das sie der Reihe nach anziehen, Kinder, die schon mehr Gerichtsstrafen als Lebensjahre aufzuzählen haben und die auf jede Frage - sei es auch die einfachste - unfehlbar mit einer Lüge antworten; er giebt uns Proben aus der Gaunersprache des Mercato und stellt uns einzeln die merkwürdigsten Typen vor.

Im Vorbeigehen sehen wir die große Diebskaserne im Vicolo del fuoco, in der 32 Familien von Allem entblößt beisammen wohnen, die sämmtlich auf ein besonderes Genre des Stehlens eindressirt sind. Sie gehen des Nachts mit einer langen Schnur, woran ein großer Haken befestigt, durch die Gassen, und wo sie Wäschegegenstände an den Fenstern hängen sehen, werfen sie diese Schnur sehr geschickt wie einen Lasso hinauf und entfliehen mit der herabgezerrten Beute.

Von da bringt uns Jarro nach der Schule, wo die künftigen Diebe von erprobten Meistern der Profession herangebildet werden. Die Kinder sind unter den Begabtesten ausgewählt, haben ihre Prüfungen zu bestehen und erhalten demgemäß ihre Aufträge.

Eines Abends läßt Jarro sich von einem seiner im Ghetto ansässigen Freunde zu der Unterrichtsstunde der Gauner führen. Mit einem großen schmutzigen Hut, den ihm der Freund aufnöthigt, und mit einem Korb am Arm, über dessen legitimen Besitz Jarro selber Zweifel aufsteigen, macht er sich auf den Weg.

In einem elenden Wirthszimmer, wo sonst nur die anrüchigsten Subjekte mit ihren Dirnen sich versammeln, sieht er vier Kinder zwischen neun und dreizehn Jahren.

Ihr Lehrer, so erzählt Jarro, hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß ein Bauer in das Zimmer kommen werde, mit einem Bündel in der Hand und einem Portemonnaie in der Tasche. Also aufgepaßt!

Der Gast kam mit dem Bündel, das er neben sich auf die Bank legte. Er war selbst ein Dieb und einer von den erfahrensten, aber er war so gut verkleidet und kam mit so harmloser Bauernmiene herein, daß ihn die Kinder nicht erkannten. Der Bauer setzt sich, der Lehrer tritt auf ihn zu und knüpft ein Gespräch an. Der Bauer ladet ihn zu einem Glas Wein ein, der Andere setzt sich gleichfalls, giebt aber den Knaben einen Wink. Die Kinder drängen sich nun um den vermeintlichen Bauer, als wollten sie Späße mit ihm treiben. Ich sah, wie Einer ihm das Portemonnaie herauszog, wie der zweite das Bündel nahm, die zwei Anderen empfingen die gestohlenen Gegenstände und warfen sie neben unser Versteck, wo mein Führer vor Angst zitterte.

Wir gingen sogleich, ich hatte genug. „Der vermeintliche Bauer,“ so erklärte mir mein Führer unterwegs, „hat sich still verhalten, weil ihn die Kinder gut bestohlen haben. Das Portemonnaie, das sie hierher warfen, ist leer und ich kann Ihnen sagen, daß es vielleicht erst heute Morgen zu diesem Zweck gestohlen worden ist.“

Wundersam sind die Erinnerungen eines andern seiner Freunde, die ich noch der Merkwürdigkeit wegen hierher setzen will, obgleich sie nicht auf dem Mercato spielen.

Der alte G. war in seiner Jugend Briefträger zwischen Florenz und Pontasieva. Eines Nachts wurde er unterwegs von unbekannten Strolchen aufgegriffen und durch Drohungen genöthigt, in Gemeinschaft mit ihnen in einer benachbarten Kirche einzubrechen und die Leiche eines kürzlich Bestatteten zu berauben. Als er seinen Gefährten Schmuck und Kleider des Todten heraufgereicht hatte und wieder aus dem Grabe steigen wollte, stießen ihn die Strolche zurück und nach einem verzweifelten Ringen wurde die Gruft über ihm geschlossen.

Kaum hatte er Zeit gehabt, sich über seine furchtbare Lage klar zu werden, als er schon wieder Schritte über seinem Kopfe hörte, der Stein wurde aufgehoben. und ein Individuum stieg in die Gruft herab, offenbar ebenfalls in der Absicht die Leiche zu plündern, bat aber gleich die Gefährten, ihm eine Prise Tabak zu reichen wegen des unerträglichen Geruchs.

Da sprang unser G. auf die Füße und forderte mit hohler Stimme gleichfalls eine Prise. Von Schreck gepackt rannten die Diebe davon und G. konnte sich retten.

Unverschuldetes Elend hat den Unglücklichen später ebenfalls in das Grab der Lebendigen, nach dem Mercato Vecchio, gebracht.

Die Feder sträubt sich, all das Elend und die Gräuel nachzuerzählen, die in diesem Büchlein verzeichnet stehen. Wir wollen weder in die unterirdischen, von Feuchtigkeit triefenden Höhlen treten, wohin die Gossen abträufeln, wo sieben bis acht Personen auf einer Lagerstätte beisammen liegen, wo Morgens Kinder todt gefunden werden, von den Großen im Schlaf erdrückt, noch wollen wir hinter die Treppen kriechen, wo in einem Raum von wenigen Metern mehrere Schlafstellen zum Vermiethen aufgeschlagen sind, noch in die vermauerten Winkel, wo menschliche Gerippe ausgegraben werden. Aber ich kann es mir nicht versagen, noch einige der merkwürdigsten Typen dieser unbekannten Welt hierher zu stellen.

Hier ist z. B. das Exemplar eines Hehlers: „Er geht immer schwarz gekleidet, im Cylinder, sucht jeden Anlaß, um auf der Straße Jemand zu grüßen und zu thun, als habe er vornehme Bekanntschaften. Zuweilen zieht er den Hut ab, wenn ein Herrschaftswagen vorüberfährt, und schneidet seine unterthänigsten und auffallendsten Kratzfüße. Die so Gegrüßten geben den Gruß zurück und fragen sich, wer wohl dieser ceremoniöse Patron sein möge. – Er ist glatt, rothwangig, wohlgenährt. Er geht viel in die Kirche, legt sein Sacktuch unter die Kniee, zieht den Rosenkranz hervor – dieser Fromme ist ausgezeichnet in der Herstellung falscher Schlüssel.“

Die Hehler üben gewöhnlich eine bürgerliche Profession aus, aber der Kramladen, die Werkstatt sind nur Aushängeschilde. Ihre eigentlichen Geschäfte machen sie mit den Dieben, die in ihren Diensten stehen und denen sie das sauer erworbene Stück Brot schmälern. Denn der Dieb ist meist so arm wie eine Kirchenmaus, während der Hehler immer reich wird.

Ein anderer eigenthümlicher Typus ist der Spion, der übrigens selten vorkommt. Diese verwahrloste Gesellschaft hat auch ihren Ehrenpunkt. Stehlen, besonders mit Geschick und straflos, ist rühmlich. Wer schon zehn bis zwanzig Mal im Gefängniß gesessen, genießt hohes Ansehen, wer gar in so und so viel Processen freigesprochen worden, steht auf der obersten Sprosse ihrer Hierarchie. Aber den Dieb, den Gefährten des Geldes wegen verrathen, gilt für schmachvoll. Wenn es doch vorkommt, geschieht es aus Rache oder Eifersucht.

Ein gewisser E. war ein berühmter Spion. Jahrelang war er einer der durchtriebensten Diebe gewesen, aber eines Tages hatte er sich von den Seinigen losgesagt und sich in den Dienst der Polizei begeben. Er kleidete sich mit einem gewissen Pomp, ging nur im Cylinder, aber er stand in tiefster Verachtung und wurde tödlich gehaßt.

Wenn gewisse Geschäftsleute, bei denen das niedere Volk einkauft, einen Hut, eine Kravatte oder dergleichen aus der Mode bringen wollten, so ließen sie den E. rufen und schenkten ihm den betreffenden Gegenstand. Wer nun ein ähnliches Stück besaß, warf es alsbald weg, kam in den Laden und kaufte sich ein anderes.

E. besaß einen unerschütterlichen Muth. Die Polizei bat ihn stets zu sagen, was er wisse, aber sich nicht auszusetzen. Es war jedoch alles vergebens. Er wollte um jeden Preis die Patrouillen begleiten, es war seine Passion, die Vergehen seiner früheren Kameraden aufzudecken, mit der Polizei in ihre Höhlen einzudringen, sich zuerst der Gefahr entgegenzustürzen und die Gauner bei der Brust zu packen, die er sonst umarmt hatte. – Die Rache, welche die Polizei fürchtete, ließ nicht lange auf sich warten. Eines Tages wurde er bei hellem Sonnenlicht in einer der belebtesten Straßen von Florenz erdolcht. Aber er starb zufrieden, nachdem er seinen Mörder angezeigt, froh, daß sein Tod wenigstens einen seiner ehemaligen Genossen ins Zuchthaus brachte.

Wir sind am Ziele unserer Wanderung. Aus den Höhlen des Ghetto heraus führt uns ein einziger Schritt in die breite elegante Via de Cerretani, und über die Katakomben des unterirdischen Florenz hinweg sehen wir, oben im lichten Sonnenschein zwischen den Ständen der Blumenverkäufer durch, die Herrschaftswagen zum Corso donnern. Da liegen sie hinter uns in ihrer Bettlermajestät, die zerbröckelten Paläste, Thürme und Kirchen des Mercato, und wir wissen jetzt, warum keine Fürbitte der Kunstkenner ihnen ihr historisches Dasein mehr fristen kann.

Ein schweres Stück Arbeit mag es werden, diese nächtliche Welt aus ihren Verstecken heraus zu treiben. Haben wir doch vor Kurzem gesehen, wie verzweifelt die Besitzer der alten Buden des Mercato sich wehrten, als sie bei Niederreißung der Beccheria expropriirt wurden, bis es der bewaffneten Macht gelang, sie mit Gewalt nach der neuen eleganten Markthalle in Via dell'Ariento zu versetzen.

Ganz Florenz aber sieht diesem Tag mit Spannung entgegen. Die Gelehrten erwarten von der Demolirung des Mercato die wichtigsten topographischen Aufschlüsse und hoffen mit Bestimmtheit, unter der Erde die Grundmauern des alten Kapitols und vielleicht unschätzbare Kunstwerke aus der Römerzeit zu finden. Das Volk dagegen glaubt, daß in den geheimen Gängen des Ghetto die Schätze der Juden aus den Zeiten ihrer Unterdrückung vergraben liegen.

Dann wird an die Stelle des alten Mercato ein weiter luftiger Platz mit bequemen Häusern und Säulengängen treten, von breiten schnurgeraden Straßen durchzogen, die den „modernen Erfordernissen“ entsprechen, ein Platz, auf dem Schutzmann und Spazzaturajo [7] herrschen, reinlich, sicher – aber langweilig. Isolde Kurz.     



  1. Das Mark – so genannt zur Zeit der Republik.
  2. Schlachthaus.
  3. Kapitäne der Zünfte, ein Magistrat.
  4. Wappen der Mediceer.
  5. Gefängnisse von Florenz.
  6. „Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.“0 Dante.
  7. Straßenkehrer.

Anmerkungen (Wikisource)