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Das russisch-afghanische Grenzgebiet

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Textdaten
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Autor: Siegfried
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Titel: Das russisch-afghanische Grenzgebiet
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 302–304
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das russisch-afghanische Grenzgebiet.

In „Tausend und eine Nacht“ erzählt Zobeïde, daß sie, von Bassora absegelnd, nach zwanzig Tagen in dem Hafen einer großen Stadt Indiens gelandet sei und dort den König, die Königin und alles Volk in Stein verwandelt gefunden habe. Das orientalische Märchen ist keineswegs ganz erdichtet, es liegt ihm etwas Wahres zu Grunde, wie den Sagen Norddeutschlands von versunkenen Dörfern und Städten, über deren ehemaligem Standorte die klaren Fluthen eines Binnensees geheimnißvoll zum blauen Himmelszelt emporschauen. Von „versteinerten Städten“ berichten Märchen und Volkssagen, und der Forscher findet sie in weit entlegenen Ländern und berichtigt die Darstellung der unbekannten Dichter, indem er jene versteinerten Orte als Ruinenhaufen alter Kultursitze erkennt und den König und die Königin, sowie das in Stein verwandelte Volk als Bildhauerwerke alter Kunst zu würdigen weiß. Mittelasien ist namentlich reich an solchen Ruinen, die theils Opfer von gewaltigen Erdbeben bilden, theils den Weg sengender und plündernder Horden bezeichnen, die seit Jahrhunderten das Land so oft durchkreuzt und durchquert hatten.

Ein altes orientalisches Sprichwort besagte, daß von Taschkent nach Samarkand eine Katze gelangen konnte, ohne den Erdboden zu berühren, indem sie von Dach zu Dach hinübersprang. Ein späteres Sprichwort lautet, daß dort, wohin der Türke seinen Fuß gesetzt, kein Gras mehr wachse, und das Einst und Jetzt der turkestanischen Geschichte zwingt uns, die beiden geflügelten Worte als bittere Wahrheit zu erkennen. Orte, deren Reichthum in früheren Jahrhunderten weit und breit gerühmt wurde, findet hier der Reisende wieder – als elende Dörfer, mit mächtigen Schutthaufen umgürtet: dort, wo er Macht und Glanz gesucht hatte, begegnet er Spuren des Todes und Verfalles.

Sonderbar in der That sind jene Länder, die heute zum Zankapfel der englischen und russischen Macht geworden und durch die eine wichtige Grenze gezogen werden soll – die Grenze zwischen den Rivalen um die Herrschaft Asiens. Nichts kann jene öden, aber vom Glanz der Sage verklärten Stätten besser charakterisiren als ein Blick auf Merw, welches jüngst der russischen Herrschaft gehuldigt hat, und noch heute hier und dort den stolzen Titel „Königin der Welt“ führt.

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Orientirungskarte der afghanischen Grenzländer.

Auf den älteren Landkarten Asiens finden wir südwestlich vom Oxus, dem jetzigen Amu-Darja, ein weites Gebiet, das bis in den Winkel hinein reicht, den die Grenzen Persiens und Afghanistans bilden. Es wird von einem verwegenen Nomadenvolke, den Turkmenen, bewohnt, deren Scharen im Dienste fremder Herrscher oft genug Schrecken über Asien verbreitet, deren Schwerter manchen Despoten-Thron gegründet und gestützt haben. In den letzten Jahrzehnten, wo von Asien her kein Tamerlan und kein Dschingischan mehr gegen Westen hervorzubrechen vermochte, waren die in viele Stämme geschiedenen Turkmenen nur auf den Krieg im Kleinen angewiesen, auf Raubzüge in die benachbarten Gebiete von Persien, Afghanistan und Buchara. Allmählich büßten sie jedoch ihre Freiheit ein, ihre Reiter mußten vor dem Feuer der russischen Infanterie weichen, und ihre Festungen fielen unter dem Donner der Geschütze Skobelew’s. Merw selbst beugte sich freiwillig unter das Joch des siegreichen Eroberers.

An und für sich ist der Besitz dieser Oase nicht besonders verlockend. Die 150000 Tekke-Turkmenen, die dort in Lehmhütten und Kibitken hausen, kennen weder Gesetze noch Obrigkeit, obwohl zwei Chane als ihre Beherrscher gelten. Jeder von den Turkmenen lebt anf eigene Faust, und nur in zwei Angelegenheiten pflegen sie sich zum gemeinsamen Handeln zu verbinden. Die Existenz der Oase hängt von den Bewässerungsanlagen ab, die längst des Murgabflusses errichtet sind, und die Erhaltung des großen Mnrgabdammes bildet die erste gemeinsame Aufgabe der Merwer. Interessanter für sie ist jedoch die andere Angelegenheit, der Alaman, d. h. Raubzug, den sie allzugern veranstalten.

Der Tekke ist faul, und für seine Person braucht er wenig; er ißt selbst fast nichts und trinkt grünen Thee ohne Zucker, aber selten begnügt er sich mit einer Frau. Um die zweite und dritte sich zu erwerben, dazu braucht er Geld, und da er dieses nicht verdienen kann, so muß er rauben. Lieber als Vieh und Waaren raubt er allerdings eine Perserin selbst oder auch persische Männer, die er als Sklaven verhandeln oder für Tekke-Mädchen umtauschen kann.

Daß bei dieser Hauptbeschäftigung der Söhne der stolzen „Königin der Welt“ von blühendem Handel und Wandel oder einem ansehnlichen Wohlstand in der Oase nicht die Rede sein kann, braucht wohl nicht näher erörtert zu werden. Aber besser als ausführliche Beschreibungen der Sitten und Gebräuche führt uns eine kleine Episode den Verfall Merws vor Augen, die der jetzt so viel genannte Lessar anf seiner letzten asiatischen Reise in Merw erlebt hatte.

Eines Tages besuchte Herrn Lessar ein Meister, welcher das wichtige Amt der Münzprägung in der Oase besorgte. Es war dies ein lieber und heiterer Mensch: ziemlich ärmlich gekleidet, trug er in den Händen einen Sack, in dem die ganze Münzfabrik enthalten war, Instrumente, Stücke Metall und fertige Münzen.

Das Recht, Geld zu prägen, wurde dem biederen Manne von keiner Obrigkeit übertragen, denn in Merw herrscht auch auf diesem Gebiete die vollste Gewerbefreiheit. Aber unser Münzpräger hatte trotzdem das Monopol für sich, denn außer ihm verstand kein Mensch in der Oase die schwierige Kunst, und so prägte er lustig und ungestört – persische, bucharische und russische Münzen, die selbstverständlich viel leichter waren, als ihre echten Vorlagen.

Er braucht auch für die Zukunft keine Konkurrenz zu befürchten, denn der Tekke hat jetzt gern eine der modernen Kulturerrungenschaften angenommen und zieht allen anderen Geldsorten das russische Papiergeld vor – des leichten Transports wegen. –

So liegen die Dinge in der berühmten Oase Merw.

Und doch erhob sich lauter Lärm in England, als die Nachricht nach Europa gekommen war, daß die Merwer dem weißen Zaren Treue und Ergebenheit geschworen. – So unberechtigt war dieser Lärm vom englischen Standpunkte allerdings nicht, denn ein Blick auf unsere nebenstehende Orientirungskartc überzeugt uns, daß Rußland durch diese Annexion wieder um ein gewaltiges Stück der indisch-britischen Grenze näher gerückt ist und vor Allem sich für das weitere Vordringen den Rücken gedeckt hat.

Vorsichtige Diplomaten hatten schon im Jahre 1873, um dem drohenden Konflikt vorzubeugen, ausgemacht, daß für ewige Zeiten Afghanistan das neutrale Gebiet zwischen den russischen und englischen Besitzungen in Asien bilden solle. Leider ist dieses Abkommen von geringem Werth, denn Niemand vermag wohl heute zu sagen, wo im Norden Afghanistan beginne oder aufhöre. Den kriegerischen Turkmenen war die Sitte, Grenzpfähle zu stecken, niemals geläufig, und die räuberischen Afghanen haben bis jetzt aus eigenem Antriebe an eine Grenzregulirung gleichfalls nicht gedacht. Auf den Landkarten Asiens finden wir gewöhnlich die afghanische Grenze klar und deutlich mitten in das Borchat- und Paropamisusgebirge eingezeichnet, das sich nördlich von Herat wallartig aufthürmt – wir haben diese Grenze auch auf unserer untenstehenden Orientirungsskizze angeführt, die zum Theil nach der vortrefflichen im Jahrgang 1884 von „Petermann’s Geographischen Mittheilungen“ erschienenen Karte von Merw und dem russisch persischen Grenzgebiet entworfen wurde –, aber schon auf den ersten Blick können wir uns überzeugen, daß diese Grenze rein illusorisch ist. Noch Mitte April standen die russischen Truppen erst auf der weit nördlicheren Linie zwischen Pul-i-Chatum und Pende oder Pendscheh, wie jetzt der Ort allgemein genannt wird.

Orientirungskarte des afghanisch-russischen Grenzgebiets.

Dieser streitige Landstrich zwischen Merw und dem Paropamisusgebirge wird von den Ssaryk- und den Salyk-Turkmenen bewohnt, die in der Raublust ihren „Brüdern“ in Merw noch weit über sind. Das Gebiet wird von drei Flüssen durchströmt, dem Heri-Rud, der von Kussan ab die persische Grenze bildet, und dem Kuschka, der in den dritten Fluß, den Murgab, mündet. Hier soll nun die englisch-russische Grenzregulirungskommission die endgültige Grenze feststellen.

Der „Times“-Korrespondent, der die englischen Kommissare begleitet hatte, erstieg auf der Reise dorthin einen hohen Berggipfel und erblickte, wenn wir seinen Schilderungen Glauben schenken wollen, in jenem Gebiet das wahrhaftige gelobte Land, das mit Leichtigkeit in den blühendsten Garten verwandelt werden könnte. Nach den nüchterneren Berichten Lessar’s, der schon im Jahre 1882 jene Gegend bereist, die Pässe des Paropamisus und den Weg nach Herat für Rußland erforscht hat, ist dieselbe ziemlich wasserreich, stellenweise mit „vorzüglichem Pferdefutter“ ausgestattet und zum Bau einer Eisenbahn durchaus geeignet. Beide Gewährsmänner stehen im Dienste ihrer Regierungen, doch politische Agenten waren bis jetzt als Geographen in der Regel Propheten, deren Botschaften man einen vollen Glauben nicht schenken mochte. Darum lagert noch augenblicklich einiges Dunkel über jenem Lande, in dem schon die erste Schlacht zwischen den Russen und Afghanen geschlagen wurde. Nur das Eine steht fest, der gesammte Landstrich, der einst eine höhere Kultur gesehen haben mochte, ist jetzt ziemlich menschenleer: die Dörfer sind verlassen, die Brunnen versandet, die Brücken ganz oder halb zerstört, die zahlreichen Forts liegen in Trümmern, und die Namen, von denen wir so viel in den Zeitungen lesen, bedeuten oft nur Stätten, auf denen früher sich Siedelungen erhoben und auf denen jetzt Steinhaufen zu sehen sind. So ist auch Pendscheh, aus dem Komarow die Afghanen vertrieben hat, nur ein „geographischer Begriff“, ein Hügel zwischen dem Kuschka und Murgab, auf dem sich ein altes verfallenes Kastell befindet.

Das schwergeprüfte Land könnte sich unter dem Schutz einer europäischen Macht in kurzer Zeit erholen, und schon darum ist es dringend [304] zu wünschen, daß der Frieden erhalten bleibe. Nun, die Hoffnung ist nicht unberechtigt, daß auch diesmal die Besonnenheit der Staatsmänner über etwaige Kampfgelüste einiger Heißsporne den Sieg davontragen wird. Schon in den wenigen Jahren, die seit der Unterwerfung der Turkmenen verflossen, haben sich die Zustände Dank der eisernen Disciplin der russischen Generäle wesentlich gebessert. Der Gouverneur des persischen Grenzortes Sserachs, der früher nur mit einer Eskorte von 50 Mann sich aus der Stadtmauer herauswagte, unternahm schon vor zwei Jahren weitere Touren mit nur 10 Mann starker Bedeckung, und die Merwer betreiben den Raub nicht mehr officiell, sondern in vereinzelten Diebesbanden. Das ist gewiß ein beachtenswerther Fortschritt, eine Wendung zum Besseren. Wir sehen, unsere östlichen Nachbarn verstehen meisterhaft ihre asiatische Kulturmission. Aber Manchen hören wir fragen: warum opfert man so viele Menschenleben und so viele Millionen für jene fernen, werthlosen Länder? Die Geschichte mag darauf Antwort geben. In nicht mehr weiter Ferne schimmert den Kriegern der märchenhafte Glanz Indiens entgegen, und wie er einst kühne Seefahrer hinausgelockt hat auf die wilden Fluthen des Oceans, so treibt er heute ein anderes, gleich kühnes Geschlecht vorwärts durch unwirthliche Steppen und Wüsten. Die Linie der afghanisch-russischen Grenze werden wir Dank den Bemühungen der Diplomaten vielleicht bald in ihrem genauen Verlaufe erfahren; wer kennt aber die Grenze des Ehrgeizes der Völker, den weder Siege zu befriedigen, noch Niederlagen zu dämpfen, noch Jahrhunderte zu mäßigen vermögen? Siegfried.