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Das königliche Hoftheater zu Dresden

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Titel: Das königliche Hoftheater zu Dresden
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aus: Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843, S. 11–12
Herausgeber: Johann Jacob Weber
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Entstehungsdatum: 1843
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: J. J. Weber
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: MDZ München, Commons
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Das königliche Hoftheater zu Dresden.

Seit im Jahre 1814 die Administration des königl. sächs. Hoftheaters, dem bis dahin Privatdirectoren – zuletzt nacheinander zwei Italiener, Bondini und Seconda – vorgestanden hatten, zur Zeit des fremden Gouvernements in die Hände des Staats überging, und nach der Rückkehr König Friedrich August’s in demselben Maße beibehalten wurde, mit dem wiederhergestellten Frieden und der nun fortdauernd zunehmenden Bevölkerung Dresdens, sowie sich jährlich vermehrenden Besuch von Fremden, auch die Theilnahme am Theater wuchs, ward der Gedanke der Erbauung eines neuen Schauspielhauses immer lebendiger, und ein solches Unternehmen steigerte sich fast zum Bedürfniß. In der That bot auch schon die äußere Erscheinung des bisherigen sogenannten kleinern Schauspielhauses einen höchst unangenehmen Anblick dar, da es von seinem Ursprung an, in den sechsziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, nur als ein interimistisches Unterkommen erbaut, und später durch vollendete und unvollendete Anbaue aller Art noch mehr verunstaltet worden war. Ebenso war der Zuschauerraum für die vermehrte Zahl der Theaterbesuchenden viel zu klein geworden, und auf der Bühne selbst fehlte es an allen zu entsprechender Aufführung größerer Opern und Schauspiele nöthigen Vorrichtungen und Bequemlichkeiten.

Zwei Ideen kamen in Anbetracht. Entweder ein neues Schauspielhaus zu bauen oder das sogenannte große Opernhaus für diesen Zweck wieder herzustellen. Dieses letztere Gebäude bot allerdings früher, und namentlich unter den sächsischen Königen von Polen, eins der umfangreichsten, prachtvollsten und entsprechendsten Schauspielhäuser dar. Seine Geschichte, sowie die Beschreibung einiger der wahrhaft großartigen Opernvorstellungen, welche bis nach der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts darin gegeben wurden, und wobei Aufzüge mit wilden Thieren aus der königl. Menagerie nichts seltenes waren, würde ein merkwürdiges Blatt für sächs. Zustände in jener Zeit bilden. Hier nur so viel, daß der Schauspielsaal unter der Regierung König Friedrich August’s I. in einen Ballsaal verwandelt und zu großen Hoffesten benutzt, später aber der musikalischen Hofcapelle für die jährlich am Palmensonntage stattfindende Aufführung einer großen geistlichen Musik zum Besten des Pensionsfonds für die Witwen und Waisen derselben eingeräumt ward. Unter den drei General-

Emil Devrient.

directoren, welche seit 1815 dem Hoftheater vorstanden, dem nun verstorbenen Hofmarschall Grafen Vitzthum, dem jetzigen Gesandten in Paris, von Könneritz, und dem noch fungirenden Geh. Rath von Lüttichau, wurden namentlich für den letztern Zweck, da er der mindestkostspielige und am leichtesten auszuführende schien, von fremden und einheimischen Baumeistern, namentlich von Weinbrenner und Ottmer, Thormeier und Thürmer, Risse und Pläne dazu entworfen, die aber alle nicht zur Ausführung gediehen; und in der That kann man sich nur darüber freuen, da ein solcher Umbau der Natur der Sache nach stets nur Unvollkommnes und Vereinzeltes hätte hervorbringen müssen, auch Lage und Umgebungen unübersteigliche Schwierigkeiten darboten. Erst im J. 1838, nachdem indeß das Hoftheater mit auf die Civilliste des Königs übergetragen worden war, faßte der Geh. Rath und Generaldirector v. Lüttichau die erstere Idee fest ins Auge, fand, daß der in jeder Beziehung vorzüglichere Neubau eines Schauspielhauses sich dicht neben dem bisherigen und unter Fortbenutzung des letztern bis zur Vollendung von jenem ohne große Schwierigkeiten ausführen lasse, zog den Director der Bauschule bei der Kunstakademie, Professor Semper, mit zu Rathe, ließ Plane, Risse und Anschläge entwerfen, und erlangte zu Ausführung dieses eben so bedeutenden als für Dresden wahrhaft wichtigen Unternehmens die königliche Genehmigung.

So wurde denn im Jahre 1838 bereits der Grundstein zu dem neuen Hoftheatergebäude gelegt, und die Leitung des artistischen Theils des Baues dem Prof. Semper, die des materiellen aber dem Hofbaumeister von Wolframsdorf übertragen. Mit für ein so großes und schwieriges Unternehmen, bei der musterhaften Solidität und Sorgfalt, womit das Ganze behandelt ward, wahrhaft lobenswerther Schnelligkeit wurde der Bau gefördert, so daß schon im folgenden Jahre der Dachstuhl – auch ein Meisterwerk in seiner Art – darauf gebracht war. Langsamer schritt nun der Natur der Sache nach die innere Ausschmückung bei dem Reichthume und der Eleganz derselben vorwärts, während das Maschinenwesen durch den geschickten Maschinist Mühldorfer aus Mannheim angeordnet und beaufsichtigt ward. Aber auch für das Decorationswesen sollte eine neue Aera beginnen. Zu dem Ende hatte die Generaldirection mit den rühmlich bekannten Theatermalern Sechan, Desplechin, Feuchères und Dieterle in Paris contrahirt und sie zu Fertigung einer Anzahl Decorationen, sowol architektonischer als landschaftlicher, nach Dresden eingeladen, wo sie sich auch für dieses Geschäft während der Jahre 1840 und 1841 aufhielten und in mehreren ihnen eingeräumten Sälen arbeiteten, während die andern noch zahlreich nöthigen Decorationen von dem Dresdener Hoftheatermaler Arrigoni und Inspector Gropius in Berlin gefertigt wurden. Das neue Theater erhielt durch die erstern auch in der That eine Reihe von Decorationen, wie sie deren keine andere deutsche Bühne aufzuzeigen hat, und es ist zu wünschen, daß dadurch ein Vorbild zu fernerer Nacheiferung junger Künstler in diesem Fache gegeben sein möge. So lieferten sie sämmtliche Decorationen zu den Hugenotten, den Park zu Tasso, den freien Platz zur Jüdin und mehrere andere wahre Kunstwerke in diesem Gebiete, wie denn auch ihnen die Ausmalung des Spectatorii, besonders des reichgeschmückten Plafonds, der kleinen Salons an den königl. Logen und des zweiten Vorhangs, eine reiche Draperie darstellend, überlassen ward. Die Ausführung des Hauptvorhangs war dem Professor Hübner übertragen worden. Er wählte dazu eine Idee aus der Einleitung zu Kaiser Octavian von Tieck, deren Hauptgegenstand der Dichter an der Hand der Romanze war, und dessen Andeutung wie einzelne Figuren Th. Hell in dem zur Eröffnung der Bühne gesprochenen Prologe näher erklärt und in lebenden Gestalten vorgeführt hat. Interessant ist dabei auch besonders der untere Streifen, welcher in Gruppen aus Schauspielscenen, gleichsam einen Abriß der dramatischen Dichtkunst der Engländer, Spanier, Franzosen und Deutschen gibt.

Doch auch der Plastik sollte wesentlicher Antheil an der Ausschmückung des neuen Schauspielhauses verstattet werden, und so schuf denn der Prof. Rietschel die Hautreliefs in den beiden Giebelfeldern der westlichen und östlichen Portiken, von denen der eine in der Mythe des von den Furien verfolgten Orest die hohe Tragödie, der andere aber allegorisch die Verklärung der Musik darstellt. Meist en ronde bosse vortretende kolossale Gestalten voll Leben und Charakter, die freilich dem Auge etwas weit entrückt sind, die aber nach des Meisters eigner Zeichnung der Kupferstecher Langer in zwei schönen Platten, die das Vereinsgeschenk des sächs. Kunstvereines für seine Mitglieder auf 1842 bilden, den Blicken der Kenner und Kunstfreunde näher bringen wird. Von demselben trefflichen Plastiker sind auch die kolossalen sitzenden Statuen von Goethe und Schiller, welche rechts und links den Mittel-

Joseph Tichatscheck

eingang des Theaters schmücken, und in denen der objective ruhige Umblick des einen, wie die idealere Gemüthsrichtung des andern im begeistert aufschauenden Auge meisterhaft dargestellt sind. Von dem Bildhauer Hähnel ziert auch ein ungemein geistreich und sorgfältig ausgearbeitetes Basrelief als Fries die hintere Seite des Schauspielhauses, einen

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Madame Schröder–Devrient.

Zug von Centauern und Bachantinnen in Bachus’ Gefolge darstellend, und somit die komische Muse bezeichnend, von dem wol zu wünschen wäre, daß der so ausgezeichnete Künstler uns mindestens durch einen gestochenen oder lithographirten Umriß die halblebensgroßen Gestalten ebenfalls näher brächte. An eben derselben Seite finden wir noch Statuen von Tänzerinnen und Faunen, vom Bildhauer Selig gefertigt, und von allen drei Künstlern sehen wir noch in diesem Jahre der Aufstellung der Statuen von Sophokles, Aristophanes, Shakespeare, Molière, Gluck und Mozart in den dazu bestimmten Nischen entgegen.

So bot denn das neue Schauspielhaus eine anziehende Vereinigung aller bildenden Künste dar, und Dresden durch die Vorsorge und Liberalität seines Königs einen Tempel der Schauspielkunst, wie vielleicht jetzt kein zweiter in Deutschland zu finden sein dürfte. Um so wünschenswerther wäre es daher, wenn namentlich sein genialer Baumeister, Prof. Semper, in einer eignen kleinen Schrift mit Umrissen uns in das nähere Detail dieses in so vieler Hinsicht wichtigen und bemerkenswerthen Bauwerks einführte.

Nachdem nun am 31. März 1841 das alte Schauspielhaus – das alsdann noch in demselben Jahre abgetragen und der daran stoßende östliche Porticus des neuen vollends ausgebaut ward – mit der Darstellung der Lessingschen Minna von Barnhelm, als dem ältesten, noch auf seinem Repertoir gebliebenen Stücke, und einem von Th. Hell gedichteten und vom Hofschauspieler Burmeister, als dem ältesten Mitgliede, gesprochenen Epiloge geschlossen worden war, wurde das neue am 12. April desselben Jahres mit dem obengedachten Prologe und Goethe’s Tasso eröffnet, dem darauf in zweckmäßig geordneter Reihenfolge die ältern und neuern Meisterwerke sowol der Oper – deren erste Euryanthe – als des Schauspiels folgten.

Der Zuschauerraum des neuen Hoftheaters enthält ein Parkett und Parterre, ein Amphitheater nach einer neuern ansprechenden Construction und 5 Reihen Logen, und kann außer den reservirten Räumen für den Hof mehr als

Das königliche Hoftheater zu Dresden.

1600 Personen in sehr bequemen Plätzen fassen. Die Aufgabe der Akustik ist aufs Vollkommenste gelöst, da man überall gleich gut und deutlich hört, ebenso auch hinsichtlich der Perspective es nur wenige Plätze gibt, wo man nicht die ganze Bühne übersähe. Die Räumlichkeit auf der Bühne ist die angemessenste, so wie deren Verhältniß in Breite und Höhe, wobei noch zu bemerken, daß das Podium nicht schief hinaufgeht, sondern ganz eben gelegt ist, was für die Maschinerie von großem Vortheil sich zeigt. Bühne, Zuschauerraum, Corridor, sowie der prachtvolle Foyer werden aufs Glänzendste durch mehr als 800 Gasflammen erleuchtet, und ist die dafür vom Commissionsrath Blochmann getroffene Einrichtung eine in der That bewundernswerthe, indem durch eine ganz einfache, auf den kleinsten Raum beschränkte Vorrichtung auf der Bühne selbst, nicht nur alle Flammen der Rampe und der Coulissen, sondern auch die des prachtvoll decorirten und im reichsten, durch matte Glasglocken gemilderten Lichte strahlenden Kronleuchters, in vielfachen Abstufungen vom hellsten Glanze bis zum fast völligen Verlöschen, von dort aus mit einer leichten Drehung einer Schraube behandelt werden.

So vereinte sich alles, dieses neue Schauspielhaus in seinen äußern Bedingungen zu einer wahren Zierde der Stadt, wie einem würdigen Tempel der Kunst zu gestalten, und der König belohnte auch für die dabei bewiesene Pflichttreue und bewährte Kenntniß den Generaldirector Geh. Rath von Lüttichau mit dem Großkreuze und den Professor Semper mit dem Ritterkreuze des Civilverdienstordens.

Unsere Illustrationen bieten den geehrten Lesern die sehr gelungenen Portraits der drei Mitglieder der Dresdner Bühne, welche an den beiden ersten Abenden die Hauptrollen spielten; Herrn Emil Devrient, welcher den Tasso, Madame Schröder-Devrient, welche die Euryanthe, und Herrn Joseph Tichatschek, welcher den Adobar gab.

Spätern Mittheilungen behalten wir die Würdigung der innern Verhältnisse der Bühne, des Kunstwerthes der Darstellungen und der dahin gehörenden Beziehungen vor.

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