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Das gutmüthige Mäuschen (Löhr)

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Das gutmüthige Mäuschen
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 16–25
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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2. Das gutmüthige Mäuschen.

Es war einmal ein König und eine Königin, die waren gar herzensgut, und wollten alle ihre Unterthanen glücklich machen und froh; und suchten das auszurichten, so sehr sie vermochten. Da wurden sie freilich von ihren Unterthanen von Herzen geliebt, und waren in solcher Liebe viel glücklicher, als durch alle Gewalt und Geld und Pracht, denn nur die Liebe macht das Herz glücklich und froh. Ihr Land hieß allenthalben: das glückliche Land; und es wäre wohl Jedermann gern in dem glücklichen Lande gewesen, wenn es nur angegangen wäre.

Aber kein Glück ist beständig und gewiß.

Ein abscheulicher König in der Nachbarschaft hatte an nichts Gefallen, denn an Mord und Blutvergießen und an aller Art Unheil, welches er nur immer anrichten konnte, und Elend und Greuel wohnten in seinem Lande. Da war nicht gut wohnen, und Niemand mochte da wohnen, der nicht mußte.

Der böse Tyrann kam mit seinen Kriegsgurgeln und Soldaten und fiel in das glückliche Land ein. Da wurde geraubt und geplündert [17] und gemordet, und die Angst und der Schrecken zogen ihnen überall voran, und die Verheerungen folgten nach.

Der gute König zog mit seiner Armee zwar dem bösen entgegen, aber der Seinigen waren zu wenig und ob er wohl tapfer mit denselben focht, verlor er dennoch die Schlacht und sein Leben verlor er auch, und der böse König zog nun nach der Stadt hin, wo die gute Königin wohnte.

Als diese nun das ganze Unglück gehört hatte, wurde sie recht krank und mußte sich ins Bett legen.

Bald war der Wüthrich mit seinen Soldaten in der Stadt, ging aufs Schloß ins Zimmer der Königin und befahl ihr wild, sie sollte aufstehen und mit ihm gehen, und als sie vor Angst kein Glied regen konnte, wurde er so wüthend, daß er sie bei ihren schönen langen Haaren aus dem Bette riß und sie fortschleppte und ließ sie hinter sich auf sein großes schwarzes Pferd setzen, und als sie kläglich wimmerte und ächzte, sagte er: Schrei! schrei und winsele! winsele! das hör ich recht gern!“

Er hätte die Unglückliche gewiß laßen aufhängen, aber er hatte gehört die Königin müße bald ein Kind zur Welt bringen, das würde wunderschön werden, und er beschloß, wenn es ein Prinz sei, wolle er es mit der Mutter erwürgen laßen, wäre es aber ein Mädchen, so solle es seinen einaugigen Sohn heirathen, der zwar noch klein, aber doch schon ein Ungeheuer an Gestalt war und an Bosheit des Herzens, daher das selbst böse Hofpack ihn heimlich nur Prinz Unhold oder auch Teufelslarve nannten.

Die Königin wurde in einen festen Thurm in einer elenden Kammer eingesperrt, wo sie des Nachts auf einem schlechten Strohlager liegen, den ganzen Tag aber spinnen mußte, und [18] nichts zu eßen bekam, als ein Paar kleine Hände voll Erbsen; die in bloßem Waßer geweicht waren, und ein kleines Stücklein Brodt.

Die Ungeduld, zu wißen, ob ein Knabe oder ein Mädchen zur Welt kommen würde, trieb den bösen König. Daher bat er eine Fee zu Gaste, und ging mit ihr in den Thurm der kranken Königin, damit sie ihm Gewißheit verschafte. Die Fee jammerte es, die bleiche, kranke und so schöne Frau zu sehen, die so sanft und geduldig auf ihrem Strohlager lag. Sie tröstete heimlich die arme Königin, und dem Wüthrich sagte sie, es werde dieselbe eine sehr schöne Tochter gebären.

„Das rettet ihr ihr Leben! sagte der Tyrann. Trifft aber die Wahrsagung nicht ein, und ist das Mädchen nicht schön, so laß ich sie an einen Baum hängen und an ihrem Halse ihr Kind.“

„O wie unglücklich bin ich! jammerte die Königin. Ist das Kind nicht schön, so werden wir beide umkommen, und ist es schön, so muß es das boshafte Ungeheuer heirathen und zeitlebens unglücklich sein. Ach was soll ich anfangen und wie soll ich mein Kind retten, wenn es geboren ist?“

Eines Tages saß die arme Königin auch in Thränen und Jammern, spinnend am Rocken, als ein niedliches Mäuschen daher geschlüpft kam und nach Brosamen suchte. „Du liebes kleines hungriges Ding, sagte die Königin sehr traurig, hier suchst du vergebens, wo ich selbst fast halb verhungern muß. Suche doch da, wo du Etwas finden kannst.“ Die Maus aber hüpfte ganz lustig hin und her, machte Männchen und that gar nicht scheu.

„Da! sagte die Königin, hier hab’ ich noch zwei Erbsen, die will ich dir geben, obwohl ich sie selbst gern äße!“ und damit warf [19] sie ihm die Erbsen hin, welche das Mäuschen verzehrte. Als aber die Königin wieder auf ihren Tisch sahe, stand auf demselben ein gebratenes Rebhun und feines Weißbrod lag bei.

„Ei, sagte die Königin, das ist gewiß von der mitleidigen Fee, die mich in meinem Kerker mit dem Tyrannen besucht und getröstet hat.“

„Wie schmeckte das Rebhun so herrlich! die köstlichsten Gerichte an ihrer Tafel hatten ihr sonst niemals so lieblich geschmeckt. Aber jetzt hatte sie ja so lange entbehrt und gedarbt.

Als sie aber sich halb gesättigt hatte, fiel ihr ihr Kind ein, das in wenigen Tagen zur Welt kommen mußte, und da fing sie an, bitterlich zu weinen und ließ das Eßen stehen. „Ach, seufzte sie tief, ist denn keine Rettung für uns?“

Da holte Mäuschen ein Paar Halme aus dem Strohsacke und spielte damit, sahe die Königin dazu recht vergnüglich an, und ließ die Halme dann liegen.

Da sann die Königin, und wie man denn wohl Manches in der Noth ersinnt, worauf man sonst nicht wäre gefallen, und werden dann oft Kleinigkeiten, auf welche man sonst nicht achtete, eine große Sache, so ging es hier auch.

„Wie Mäuschen? sagte sie noch sinnend; meinst du vielleicht, es ließe sich ein Körbchen aus Stroh für das Kind flechten? Und ein Seil das Körbchen daran vom Thurm herabzulaßen, damit es ein Vorbeigehender an sich nehme? meinst du das? – Ja fürwahr das wird gehen!“

Die Königin wurde ordentlich vergnügt über diese Gedanken und fing fleißig an zu flechten, erst an dem Körbchen, dann an dem Seil, und da sie kein Stroh mehr im Strohsacke hatte, schleppte ihr das Mäuschen viel Strohhalme zu, die es durch sein Löchelchen [20] hereinzog. Es bekam jetzt so viel Erbsen und Brosamen, als es nur wollte, und dafür standen immer auf dem Tische viel beßere Gerichte, wohlschmeckend und gesund, aber nicht eben leckerhaft.

Eines Tages sahe die Königin aus dem Fenster, denn sie mußte doch wißen, wie lang das Seil sein mußte, um das Kind daran herabzulassen. Auch ging zum Glück eine alte ehrbare Frau vorbei, die sahe hinauf und sagte: „Ich weiß deine Noth wohl, du arme Gefangene, und bin bereit dir zu dienen.“ Da bat die Königin dieselbe, alle Abend unter das Fenster zu kommen, wo sie nächstens ein Kind wollte am Seile herablaßen, deß sollte die Frau sich annehmen und sie wolle es ihr gut vergelten, hätte Gott nur erst aus dem Thurm geholfen.

Die Alte sagte: „nach Geld und Gut frag ich nicht sehr, denn ich habe deßen so viel ich brauche, aber ich habe zuweilen ein seltsam Verlangen ein fettes Mäuslein zu speisen. Fange doch einige und tödte sie und wirf sie vom Thurme mir zu, so will ich dafür mich deines Kindes erbarmen.“

„O ich Unglückliche, rief die Königin und weinte, ich Unglückliche! Es ist nur ein einziges Mäuschen auf meiner Kammer, das ist so freundlich und zuthulich, und ist meine einzige Gesellschaft. Mein Herz würde mir brechen, wenn ich es tödten sollte!“

„So? sagte die Alte spöttisch. Nun wenn du deine Maus lieber hast, als dein Kind, so ist es mir auch recht; ich will schon noch Mäuse anderswo finden!“ Damit ging sie murrend davon.

Aber die Königin war nun untröstlich und sahe das Eßen nicht auf ihrem Tische, und das freundliche Mäuschen nicht, das in der Kammer umherspielte.

In derselben Nacht brachte die Königin ein wunderschönes Kind zur Welt, welches ein Mädchen war. Die Königin küßte es mit [21] tausend Thränen und jammerte: „Wer wird dir nun helfen, du kleiner holder Engel? Ach ich muß von dir scheiden; ich muß!“

Sie legte das Kind ins Körbchen und band das Körbchen ans Seil. Sie hatte einen Zettel mit zum Kinde gelegt, darauf stand, es sollte Thränenblüthe heißen, und sei ein sehr unglückliches Kind.

Als sie es nun wollte herablaßen, und hatte es zuvor noch geküßt, kam die kleine Maus und sprang zum Kinde ins Körbchen. Da sprach die Königin: „Ach du liebes kleines Thier, du weißest nicht, wie viel du mich kostest. Vielleicht mein armes Kind! Ich sollte dich tödten, aber das konnt ich nicht übers Herz bringen.“

Da that die Maus das kleine Spitzmaul auf und fing an zu sprechen, worüber die Königin gewaltig erschrack, weil sie das nicht vermuthet hatte. Die Maus sprach aber: „Es soll dich auch nicht gereuen, was du gethan hast.“

Als sie das gesagt hatte, verwandelte sich die Maus; die kleinen Vorder- und Hinterpfoten streckten sich aus und wurden Hände und Füße, und der kleine Kopf wurde ein Menschenkopf und Angesicht, und wuchs Alles an ihr größer und immer größer, und stand zuletzt die Fee da, welche sie mit dem bösen König besucht hatte.

„Königin, sprach die Fee, ich wollte dein Herz nur prüfen, weil mich gleich anfangs dein Unglück jammerte, und ich habe dich sanft und gut gefunden. Ich war die Maus nicht nur, sondern war auch die alte Frau. Nun will ich mich deines Kindes treulich annehmen, und es soll einmal deine Freude und dein Stolz sein!“

Jetzt ließ die Fee die Kleine am Seile herunter, und verwandelte sich wieder in eine Maus, denn sie mochte wohl nur in dieser Gestalt zum Thurme hinaus können. Die Fee kroch als Maus zum [22] Thurm hinaus, am Seil herab, aber als sie hinabkam, war das Kind fort.

Da kroch sie zitternd wieder zu der Königin hinauf und klagte ihr das Unglück und sagte, das habe die böse Fee Gangrüne angerichtet, die sei ihre Feindin, die ihr alles Gute verderbe; dabei sei sie sehr mächtig, und man werde ihr nicht leicht das Kind wieder nehmen können. Da erbleichte die arme Königin und die Fee kroch vor Schaam und Kümmerniß ins Mauseloch.

Der böse König wußte, daß in der vergangenen Nacht das Kind gekommen sein müße, und kam am andern Morgen es zu sehen, und fragte: Wo ist das Kind? „Als die Königin zitternd sagte, es sei fort und eine böse Fee habe es ihr mit List und Gewalt genommen. Da wurde der König grimmig und sagte: „Nun sollst du hängen, wie ich es dir gedroht habe, und ich will dich selbst mit dem Stricke am Baume hinaufziehen, und meine Lust dran haben.“

Hiemit zog er die Königin bei den Haaren hinter sich her, zu[WS 1] einem Walde hin, wo er auf einen Baum stieg und die arme Verlaßene am Stricke hinaufziehen wollte. Aber die gute Fee stieß unsichtbar den ruchlosen König vom Baume herab, daß er einen schweren Fall zur Erde that, und sich Arme und Beine heftig zerschlug.

Indem ihm nun seine Leute zu Hülfe kamen, führte die Fee die Erlöste in ihrem Luftwagen davon.

Funfzehn Jahre waren der armen Königin traurig vergangen. Sie hatte zwar bei der guten Fee Alles, was ihr Herz nur verlangen konnte, aber doch ihr liebes Kind nicht, nach welchem ihr Mutterherz am sehnlichsten verlangte. Da konnte ihr ja alles Andere nicht helfen. Nach funfzehn Jahren aber hörte man, der Sohn des bösen Königs, der Prinz Unhold, wolle sein Gänsemädchen heirathen, [23] die aber möge ihn durchaus nicht haben. Er habe ihm schon die kostbarsten Brautkleider geschenkt, allein sie wolle dieselben nicht anziehen. Darüber wunderte sich alle Welt gar sehr.

Da der Unhold aber dachte, er wolle das Mädchen zur Heirath schon zwingen, so waren die Gäste bereits gebeten und kamen in kurzer Zeit wohl hundert oder tausend Meilen weit her, denn die Meilen mochten damals wohl sehr klein sein. Die Gäste kamen, aber das half doch Alles nichts, es wurde doch keine Hochzeit.

Die gute Fee war auch mit unter den Gästen, denn sie hatte sich wieder in ein Mäuschen verwandelt und kroch in ein Kämmerchen neben dem Gänsestall, worin das Gänsemädchen wohnte. Da lagen die kostbarsten Kleider, Bänder, Spitzen, Ringe und kostbare Steine auf dem Boden neben dem Mädchen, das Mädchen aber war gar schlecht gekleidet und dennoch sahe es die prächtigen Sachen nicht einmal an.

Jetzt nun trat der Prinz Unhold zum Gänsemädchen und sagte: „Nun ists hohe Zeit, du nichtswürdiges Ding; nimm mich und habe mich lieb, oder ich schlage dich rein todt!“ Das Mädchen aber hatte Herz und antwortete: „Wer kann dich denn lieb haben? Du bist ja gar nicht liebenswürdig, sondern abscheulich. Ja! an deine häßliche Ungestalt wollt ich mich wohl noch gewöhnen, denn die hast du dir nicht selbst gegeben, aber du bist auch so boshaft und grausam und tückisch. Darum will ich dich nicht und mag dich nicht. Schlage mich lieber nur todt, das ist viel beßer für mich.“

Der Unhold wußte nicht, was er anfangen sollte und ging fort. Die kleine Maus aber verwunderte sich über den Muth des Mädchens, aber noch mehr über seine wunderherrliche Schönheit.

Am andern Morgen trat die Fee in Gestalt einer Hirtin zum Mädchen, als es die Gänse wieder hüthete und fragte nach Allen. [24] Da erzählte die schöne Gänsemagd, daß sie Thränenblüthe heiße, und wäre der bösen Fee Gangrüne entlaufen, die sie immer gequält und gepeitscht hätte ohne Schuld, und nun wäre sie hier ein Gänsemädchen geworden und wolle das lieber bleiben ihr Lebelang, als den garstigen bösen Prinzen heirathen, oder sich lieber heut Abend in den finstern Thurm einsperren laßen und darin bis zum Tode bleiben, wie der Prinz ihr gedroht habe, wo sie ihn nicht heute noch nähme.

„Ich weiß nun Alles, sagte die Hirtin; laß dich nur einsperren; ich helfe dir schon.“

Thränenblüthe wurde eingesperrt; aber in derselben Nacht verwandelte sich die Fee in eine Maus, und biß dem König, jetzt in das eine und jetzt in das andere Ohr, daß das Blut häufig darnach floß. Hiernach rannte sie behend zu dem Bette des Prinzen, und macht es ihm eben so und zerkratzte ihm auch noch das Gesicht. Und als der König wieder ein bißchen eingeschlafen war, biß sie ihm in die Nasenspitze, daß er vor Schmerz brüllte und die Zunge heraussteckte; da biß sie ihm die Zungenspitze ab, daß er wüthend wurde und die Maus überall suchen ließ und selbst mit bloßem Degen suchen half. Die kleine Maus hatte indeßen aber schon wieder dem Unhold das eine Auge fast ausgebißen, das er noch hatte. Da wurde der auch wüthend, nahm seinen Degen, rasete, so arg er noch konnte, im Schloße umher und hieb links und rechts um sich. Da schimpfte der Vater auf ihn und schlug ihn mit dem Degen. Das wollte er aber nicht leiden und hieb und stach nach dem Vater, und der Vater hieb und stach nach dem Sohne. Da rannten sie sich beide den Degen durch den Leib, und blieben beide auf der Stelle todt. Thränenblüthe wurde von dem Volke aus dem Kerker erlöst, und zur Königin ausgerufen, weil sie so schön war und so viel erlitten [25] hatte, und weil ihr Vater auch ein König gewesen war. Mutter und Tochter und Fee waren nun froh.

Das machte Alles die kleine Maus; denn wie klein man auch sei, wenn man nur Feenverstand hat, und weiß es also recht anzufangen, da kann man gar viel.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zu zu