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Das fürchterliche Bett

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Titel: Das fürchterliche Bett
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, 31, S. 321–324, 331–334
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[321]

Das fürchterliche Bett.

Kurz vor der Zeit, wo die Spielhäuser durch die französische Regierung aufgehoben wurden, hielt ich mich mit einem englischen Freunde in Paris auf. Wir waren beide damals junge Leute und lebten beide ein sehr zerstreutes Leben in der ausschweifendsten Stadt unserer Reise. Eines Abends schwärmten wir müssig um das Palais Royal herum und dachten darüber nach, was für ein Vergnügen wir uns nun zunächst machen wollten. Mein Freund schlug einen Besuch in Frascati vor, aber der Vorschlag war nicht nach meinem Geschmacke. Ich kannte Frascati wie man zu sagen pflegt auswendig, hatte dort eine Menge Fünffrankstücken blos um des Spaßes willen gewonnen und verloren, bis es mir keinen Spaß mehr machte, und hatte alle die gräßliche Respectabilität einer solchen geselligen Anomalie, wie ein ehrbares Spielhaus ist, gänzlich satt. „Um des Himmels willen,“ sagte ich zu meinem Freunde, „laß uns irgend wohin gehen, wo wir ein geringes, natürliches, gemeines, armseliges Spiel, mit keinem falschen Pfefferkuchen-Schaumgolde darüber sehen können. Laß uns von den modischen Frascati’s hinweg irgend wohin gehen, wo sie nicht beim Einlasse daran denken, ob ein Mann einen zerrissenen Rock an hat, oder gar keinen.“ – „Gut denn,“ sagte mein Freund, „da brauchen wir nicht aus dem Palais Royal zu gehen, um die Sorte von Gesellschaft zu finden, wie Du sie zu wünschen scheinst. Da ist so ein Platz gerade vor uns. So eine Kneipe in jeder Beziehung, wie sie Dir nur dargeboten werden kann.“ Eine Minute darauf standen wir an der Thür und traten in das Haus ein.

Als wir die Treppe hinaufgestiegen waren und Hüte und Stöcke bei dem Thürsteher gelassen hatten, ließ man uns in das hauptsächlichste Spielzimmer eintreten. So wenige aber auch der Menschen waren, die bei diesem unserm Eintritte auf uns blickten, so waren sie doch alle Muster, gräßliche Muster ihrer verschiedenen Klassen. Wir waren hierher gekommen, um gemeine Leute zu sehen, aber sie waren noch etwas schlimmeres. Bei allem Gesindel kann man doch irgend eine komische Seite der Anpassung herausfinden, aber hier gab es nichts als Tragödie, stumme, höllische Tragödie. Die Ruhe in der Stube war fürchterlich. Der magere, dürre, langhaarige junge Mann, dessen eingesunkene Augen gewaltsam das Umwenden der Karten beobachteten, sprach nie; der fettwammige, aufgeschwollene, sinnige Spieler, der sein Stückchen Pappdeckel unausgesetzt durchstach, um darauf zu bemerken, wie oft [322] schwarz oder roth gewinne, sprach nie; der schmutzige, runzlige alte Mann mit den Geieraugen und dem geflickten Oberrocke, der seinen letzten Sous verloren hatte und noch voll Verzweiflung zusah, da er nicht mehr spielen konnte, sprach nie. Selbst die Stimme des Croupier klang als ob sie in der Atmosphäre der Stube gänzlich verdumpft wäre. Ich war in das Haus gegangen, um zu lachen, ich fühlte aber, daß wenn ich länger bleiben und ruhig zusehen wollte, ich dem Weinen näher kommen würde. So trat ich denn, um mich von dem geistigen Drucke, der über mich gekommen war, zu erholen, unglücklicherweise auch an den Tisch und fing an zu spielen. Noch unglücklicher wie die Folge zeigen wird. Ich gewann – gewann außerordentlich, ungeheuer, auf eine solche Art, daß die regelmäßigen Spieler am Tische um mich zusammentraten und mit hungrigen, abergläubischen Augen auf meine Sätze starrend, einander zuflüsterten, daß der englische Fremde die Bank sprengen werde.

Man spielte Rouge et noir. Ich hatte dergleichen in jeder Stadt Europa’s gespielt, ohne jedoch den Wunsch noch die Geduld dazu zu haben, mich auf Berechnungen der Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten einzulassen. Ich war überhaupt nie ein Spieler von Profession oder großer Leidenschaft gewesen. Blos zum Zeitvertreibe hatte ich stets nur gespielt. Auch unternahm ich nie ein Spiel aus Bedürfniß, weil ich nie wußte, was Geldmangel sei. So übte ich es denn auch nie so unausgesetzt, daß ich mehr hätte verlieren können als ich bei mir hatte, oder mehr gewinnen als ich ruhig in die Tasche stecken konnte, ohne durch mein gutes Glück außer meinem Gleichgewichte gebracht zu werden. Kurz, ich hatte bisher Spielhäuser gerade eben so besucht, wie ich Ballsäle und Schauspielhäuser besuchte, weil sie mich unterhielten und ich mit meinen müßigen Stunden nichts Besseres anzufangen wußte.

Aber hier war dies gänzlich verschieden. Jetzt zum erstenmale in meinem Leben fühlte ich, was Leidenschaft für’s Spiel wirklich sei. Mein Glück verwirrte mich anfangs, dann aber berauschte es mich in der eigentlichsten Bedeutung des Wortes. Es muß unglaublich scheinen, aber es ist wörtlich wahr, daß ich blos dann verlor, wenn ich Wechselfälle zu berechnen versuchte, und nach vorgefaßter Ueberlegung spielte. Wenn ich alles dem Glücke überließ und ohne die geringste Berücksichtigung spielte, war ich sicher, zu gewinnen, zu gewinnen aller möglichen anerkannten Wahrscheinlichkeit der Bank gegenüber. Anfangs wagten einige der Anwesenden ihr Geld sicher genug bei meinen Farben, aber nicht lange, so steigerte ich meine Sätze zu Summen, welche sie zu setzen nicht wagten. Einer nach dem andern hörte auf zu spielen und sah athemlos meinem Spiele zu. Von Zeit zu Zeit stieg ich immer höher und gewann stets. Die Aufregung im Spielzimmer stieg bis zum Fieber. Das Stillschweigen ward jetzt durch einen dumpfen Chorus von Ausrufungen und Schwüren, so oft das Gold nach meiner Seite hin gehäufelt wurde, unterbrochen, und selbst der unerschütterliche Croupier stieß in einer Wuth des Staunens über mein Glück, seine Harke auf den Boden. Nur einer der Anwesenden behielt seine vollkommene Ruhe, und das war mein Freund. Er trat mir zur Seite und flüsterte mir auf englisch zu, ich möchte doch von hier fortgehen und mit dem zufrieden sein, was ich bereits gewonnen. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bekennen, daß er mir dieses mehreremale wiederholte, mich dringend bat, und dann erst fortging und mich allein ließ. Ich hatte seinen guten Rath in Erwiderungen zurückgewiesen, indem ich gegen alle Vorstellungen und Vorschläge wie trunken vom Spiele war, welche es ihn unmöglich machten, noch länger in dieser Nacht sich mit mir zu beschäftigen.

Kurze Zeit, nachdem er fort war, rief eine rauhe Stimme hinter mir aus: – „erlauben Sie mir, werther Herr, erlauben Sie, daß ich Ihnen zwei Napoleons wieder zustelle, die Sie fallen ließen! Ich versichere Sie bei meinem Ehrenworte als ein alter Soldat, daß mir bei meiner langen Erfahrung in dergleichen Dingen nie ein solches Glück vorgekommen ist, wie das Ihre! Nie! Also vorwärts! Bomben und Granaten, frisch vorwärts, und die Bank gesprengt!“

Ich sah mich um und erblickte einen langen Mann in einem schlechten Oberrocke, der mir mit großer Höflichkeit und Vertraulichkeit zuwinkte und zulächelte. Wäre ich meiner Sinne mächtig gewesen, so würde ich ihn näher betrachtet und gefunden haben, daß er eine etwas verdächtige Art von altem Soldaten sei. Er hatte hervorstehende, blutunterlaufene Augen, einen gewaltigen Schnauzbart und eine zerbrochene Nase. Seine Stimme verrieth eine gemeine Intonation der allerschlechtesten Art, und er hatte ein Paar der schmutzigsten Hände, die ich je gesehen habe – selbst in Frankreich. Diese kleinen persönlichen Eigenthümlichkeiten äußerten jedoch keinen allzugroßen Einfluß auf mich. In der tollen Aufregung, dem rücksichtslosen Triumphe dieses Augenblicks war ich bereit, mit jedem Brüderschaft zu machen, der mich bei meinem Spiele anfeuerte. Ich nahm von dem alten Soldaten eine angebotene Prise an, klopfte ihn auf die Backen und schwur, er sei der ehrlichste Kerl von der Welt, die glorreichste Reliquie von der großen Armee, die ich jemals gesehen. „Vorwärts!“ rief mein militärischer Freund und schnipsete mit den Fingern, „vorwärts! Sprengt die Bank! Tausend Donnerwetter, mein vortrefflicher englischer Kamerad, hole Dir die Bank!“

Und ich ging vorwärts, ging so weit, daß nach der nächsten Viertelstunde der Croupier ausrief: „Meine Herren, die Bank ist für heute geschlossen!“ Alles Gold und alles Staatspapier, das sich darin befunden hatte, lag nun in einem Haufen unter meinen Händen; das ganze werbende Kapital des Spielhauses steckte in meinen Taschen.

„Knüpfen Sie das Geld in Ihr Taschentuch, mein theurer Herr,“ sagte der alte Soldat, als ich die Hand in den Geldhaufen vor mir untertauchte. „Knüpfen Sie es ein, wie wir bei der großen Armee ein Stück Mittagsbrod einzuknüpfen pflegten. Ihr Gewinn ist zu schwer für irgend eine Rocktasche, wie sie jemals genäht worden. Da! Da! Packen Sie es ein, Papiere und Gold! Was für eine Menge! Es ist ja ganz [323] unglaublich. Da liegt noch ein Napoleon auf dem Boden! Du allerliebster kleiner Napoleon, habe ich Dich endlich erwischt! Nun denn also! Zwei doppelte Knoten, mit Ihrer gütigen Erlaubniß! Schön! So ist das Geld in Sicherheit! Fühlen Sie nur einmal daran, Sie glücklicher Mann! Hart und rund wie eine Kanonenkugel! Ja, ja, wenn sie bei Austerlitz mit solchen Kanonenkugeln auf uns geschossen hätten! Und was bleibt denn nun für einen alten Grenadier, einen Exbraven von der französischen Armee noch zu thun? Nichts anderes, als meinen würdigen englischen Freund zu ersuchen, ein Fläschchen Champagner auf gute Bekanntschaft mit mir auszuleeren und auf Göttin Fortuna in schäumenden Perlen zu trinken, ehe mir von hier fortgehen.“

Und so geschah es denn auch. Nach und nach war bereits die zweite Flasche Champagner leer geworden. Es war mir, als ob ich flüssiges Feuer trinke – mein Gehirn glühte. Niemals in meinem Leben hatte ein Exceß im Trinken eine solche Wirkung auf mich hervorgebracht. War der aufgeregte Zustand, in welchem ich mich überhaupt befand, die Ursache davon, oder befand sich mein Magen in einer ungewöhnlichen Unordnung, oder war der Champagner besonders stark?

„Exbraver der großen Armee,“ rief ich in einem Zustande wilder Lustigkeit aus, „ich bin in einem Feuer! wie ist’s denn mit Ihnen? Sie haben mich in’s Feuer gebracht! Hören Sie, mein Held von Austerlitz? Lassen Sie uns noch eine dritte Flasche Champagner trinken, um das Feuer zu löschen!“ Der alte Soldat schüttelte den Kopf, kollerte seine vorstehenden Augen umher, so daß ich glaubte, sie würden ihm aus ihren Höhlen schlüpfen, legte seine schmutzigen Finger an seine zerbrochene Nase und rief feierlich: „Kaffee!“ während er auf der Stelle in ein inneres Zimmer rannte.

Das von dem excentrischen Veteran ausgesprochene Wort schien eine magische Wirkung auf die andere noch gegenwärtige Gesellschaft hervorzubringen. Sie standen alle zusammen auf um fortzugehen. Wahrscheinlich hatten sie von meinem Rausche Gewinn zu ziehen gehofft, da sie aber fanden, daß mein neuer Freund dafür besorgt war, mich vor völliger Trunkenheit zu schützen, die Aussicht aufgegeben, von meinem Gewinne Vortheil zu ziehen. Mochte nun auch der Grund sein, welcher er wollte, sie waren mit einemmale fort. Als der alte Soldat zurückkam und sich mir gegenüber an den Tisch setzte, hatten wir das Zimmer zu unserer Disposition. Ich konnte noch den Croupier in einer Art von Vorhause sehen, welches auf das unsre ging, wie er dort sein Abendessen ganz einsam verzehrte. Die Stille war jetzt tiefer als je.

Aber auch über den alten Exbraven war eine plötzliche Veränderung gekommen. Er nahm eine wunderbar feierliche Miene an, und als er wieder mit mir zu sprechen anfing, waren seine Worte mit keinen Schwüren verbrämt, durch kein Fingerschnappen verstärkt, durch keine Apostrophen oder Ausrufungen belebt.

„Hören Sie, werther Herr,“ begann er in geheimnißvoll vertraulichem Tone, „hören Sie auf den Rath eines alten Soldaten. Ich bin bei der Herrin des Hauses hier gewesen, einer höchst liebenswürdigen Frau mit einem großen Kochgenie, um sie von der Nothwendigkeit zu überzeugen, uns einen besonders guten und starken Kaffee zu bereiten. Diesen müssen Sie trinken, um Ihre kleine anmuthige Nervenaufregung los zu werden, ehe Sie daran denken können, nach Hause zu gehen – ja, ja, Sie müssen das, mein lieber, wohlwollender Freund! Wenn Sie alles das viele Geld mit nach Hause nehmen, ist es eine heilige Pflicht für Sie, bei ganz klarem Verstande zu sein. Mehrere Herren, die heute Abend hier zugegen waren, wissen, daß Sie so große Summen gewonnen haben. Diese sind nun in gewisser Hinsicht ganz würdige und vortreffliche Personen, aber es sind sterbliche Menschen und haben daher auch wie wir alle ihre liebenswürdigen Schwachheiten. Soll ich noch mehr darüber sagen? Nein, nein, Sie verstehen mich schon hinreichend. Nun, so hören Sie denn – lassen Sie, wenn Sie sich wieder ganz wohl fühlen, sich ein Cabriolet holen – ziehen Sie alle Fenster zu, wenn Sie einsteigen – und sagen Sie dem Kutscher, er solle Sie blos durch die breitesten und beleuchtetsten Straßen fahren. Thun Sie das, und Sie und Ihr Geld werden in Sicherheit kommen, und morgen es einem alten Soldaten Dank wissen, daß er Ihnen einen so guten Rath gegeben hat.“

Eben hatte der Exbrave seinen Sermon fast in weinerlichem Tone geendet, als der Kaffee hereingebracht ward und schon in zwei Tassen eingegossen war. Mein aufmerksamer Freund händigte mir die eine derselben mit einer Verbeugung ein. Ich war außer mir vor Durst und trank sie in einem Zuge aus. Fast im Augenblicke darauf ward ich von einem Anfalle von Schwindel ergriffen und fühlte mich berauschter als je. Das Zimmer drehte sich mit mir wüthend im Ring und der alte Soldat schien regelmäßig vor mir hinauf und hinab zu gehen, wie der Stempel einer Dampfmaschine. Ich wurde durch ein heftiges Klingen in meinen Ohren halb taub und es überkam mich ein Gefühl gänzlicher Verwirrung, Hilflosigkeit und Bewußtlosigkeit. Ich sprang vom Stuhle auf und hielt mich am Tische fest, um das Gleichgewicht zu bekommen. Ich stammelte, daß ich mich fürchterlich unwohl fühle, so unwohl, daß ich nicht wüßte, wie ich nach Hause kommen sollte.

„Mein lieber Freund,“ antwortete der alte Soldat, und selbst seine Stimme schien, als er so sprach, auf- und abzuschwanken, „es wäre Tollheit, in Ihrem Zustande nach Hause gehen zu wollen. Sie liefen ja Gefahr, Ihr Geld zu verlieren, oder mit der größten Leichtigkeit beraubt und ermordet zu werden. Ich werde hier jetzt mich schlafen legen, thun Sie dasselbe auch; man macht in diesem Hause ein vortreffliches Lager zurecht, lassen Sie sich auch eins machen. Schlafen Sie Ihren Rausch aus und gehen Sie dann morgen mit Ihrem Gewinnste nach Hause, – morgen am hellen, lichten Tage.“

Ich hatte keine Macht mehr, etwas zu denken oder zu fühlen, als daß ich mich irgendwo zu Bette legen und in einen kühlenden, erfrischenden, bequemen Schlaf verfallen müsse. So willigte ich denn voll Freuden in den Vorschlag wegen eines Bettes ein und nahm den dargebotenen Arm des alten Soldaten und des [324] Croupier an, welcher letztere aufgefordert worden war, mir den Weg zu zeigen. Sie führten mich durch einige Gänge eine kurze Treppe hinauf in das Schlafgemach, das ich einnehmen sollte. Der Exbrave schüttelte mir herzlich die Hand, schlug vor, daß wir am nächsten Morgen mit einander frühstücken wollten, und verließ mich dann mit dem Croupier für diese Nacht.

Ich rannte an den Waschtisch, trank etwas von dem dortstehenden Wasser, goß das übrige aus, versenkte mich mit dem Gesichte darein, setzte mich in einen Lehnstuhl und versuchte dann mich wieder einigermaßen zu beruhigen. Es ward mir bald besser zu Muthe. Die Veränderung für meine Lungen aus der dumpfigen Atmosphäre des Spielzimmers in die kühle Luft des Gemachs, wo ich mich jetzt befand, die fast eben so erquickende Veränderung für meine Augen des blendenden Gaslichts des Saales in das matte, ruhige Flimmern einer Nachtlampe, unterstützten wundervoll die Wirkungen des kalten Wassers. Die Betäubung schwand und ich fühlte wieder so etwas wie klare Vernunft. Mein erster Gedanke war der, wie viel ich wagte, die ganze Nacht in einem Spielhause zu schlafen, mein zweiter, wie noch viel gewagter es sei, zu versuchen, von hier fortzugehen, wenn das Haus verschlossen, und bei Nacht allein mit einer großen Geldsumme bei mir durch die Straßen von Paris nach Hause zu wandern. Ich hatte aber an noch schlimmern Orten als diesem hier auf meinen Reisen geschlafen, und so beschloß ich denn, meine Thür zu verschließen, zu verriegeln und zu verbarrikadiren.

Nachdem ich mich so gegen alles Eindringen gesichert, unter das Bett und in die Schränke gesehen, die Fenster untersucht und mich versichert hatte, alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln genommen zu haben, legte ich meine Oberkleider ab, steckte mein dünnes Licht in einen Haufen Asche auf dem Herde und legte mich mit dem Schnupftuche, in welchem sich mein Geld befand, unterm Kopfkissen zu Bette.

Ich wurde bald gewahr nicht blos, daß ich nicht schlafen könne, sondern auch, daß ich nicht einmal die Augen schließen konnte. Ich war völlig wach, aber auch im vollsten Fieber. Jeder Nerv meines Körpers bebte – jeder meiner Sinne schien übernatürlich geschärft. Ich warf mich umher und versuchte jede Art von Lage, suchte mir auch fortdauernd stets die kühlsten Stellen des Bettes aus, aber alles vergebens. Bald steckte ich meine Arme unter die Bettdecke, bald legte ich sie darüber, bald streckte ich meine Gliedmaßen gewaltsam bis an’s Ende des Bettes aus, bald brachte ich sie krampfhaft so nahe an mein Kinn, als es nur möglich, bald schüttelte ich mein zerknittertes Kissen auf, wandte es auf die kühle Seite, strich es glatt und legte mich dann ruhig auf den Rücken, bald schlug ich es zur Hälfte zusammen, stellte es auf das eine Ende, klemmte es an die Bettseite und versuchte nun eine sitzende Stellung, jede Anstrengung war vergebens, und ich mußte mich mit Verdruß überzeugen, daß es hier ohne eine schlaflose Nacht nicht abgehen werde.

Was war zu thun? Ich hatte kein Buch zum Lesen, und doch fühlte ich bestimmt, daß wenn ich keine Methode ausdächte, meinen Geist zu zerstreuen, mir alle nur mögliche Schrecknisse auszumalen, mein Gehirn mit Ahnungen aller nur möglichen oder unmöglichen Gefahren zu ängstigen, kurz, die Nacht mit den Qualen aller ersinnlichen Leiden nervöser Furcht zuzubringen. Ich hob mich auf einen Ellbogen und sah mich im Zimmer um, das von einem freundlichen Mondscheine erleuchtet ward, der voll durch das Fenster hereinfiel, ob es nicht einige Gemälde oder Verzierung enthalte, die ich deutlich erkennen könnte. Als meine Augen so von Wand zu Wand wanderten, fiel mir ein Gedanke an das allerliebste Buch von Le Maistre, Wanderung durch mein Zimmer, ein. Ich beschloß, dem französischen Autor nachzuahmen und darin hinreichende Unterhaltung und Beschäftigung gegen die Langeweile einer schlaflosen Nacht zu finden, daß ich im Geiste ein Inventarium von jedem Artikel der Ausstattung derselben, den ich erblicken könnte, aufnähme und die Menge von Verbindungen, die ein bloßer Tisch, Stuhl oder Waschbecken hervorzurufen im Stande, bis zu ihrer Quelle verfolgte.

Bei dem nervösen und aufgeregten Zustande meines Geistes, fand ich es in diesem Augenblicke für viel leichter, mein mir vorgenommenes Inventar zu machen, als meine mir vorgenommenen Betrachtungen, und gab bald alle Aussicht auf, in Le Maistre’s phantastischer Art zu denken – oder überhaupt zu denken. Ich blickte im Zimmer auf die verschiedenen Geräthschaften umher, that aber weiter nichts. Da war zuerst das Bett, auf dem ich lag – ein vierpfostiges Bett, das ich am wenigsten in Paris erwartet hätte – ja, ein echter plumper Vierpfoster, mit der regelmäßigen Spitze von gestreiftem Zitz – und den regelmäßigen befranzten Umhängen rings herum – nebst den regelmäßigen ungesunden steifen Vorhängen, von denen ich mich erinnerte, daß ich sie beim Eintreten in das Zimmer unwillkürlich zurückgezogen hatte, ohne von dem Bette weiter besondere Notiz zu nehmen. Dann war vorhanden der Waschtisch mit der Marmorplatte, von dem das Wasser, das ich in meiner Hast vergossen hatte, noch langsam und immer langsamer auf den Ziegelboden herabtropfte. Ferner zwei schmale Stühle, mit Rock und Weste und Pantalons von mir daraufgeworfen. Hierauf ein großer Stuhl mit Armlehne mit schmutzigem weißem Cotton überzogen, auf dessen Rückenlehne mein Halstuch und Kragen hing. Alsdann eine Commode, woran zwei bronzene Handhaben fehlten und einem geschmacklosen zerbrochenen Porzellan-Schreibzeuge als Zierrathe darauf. Weiter der Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel und einem ungeheuern Nadelkissen versehen. Ebenso ein Fenster – ein ungewöhnlich großes – und zuletzt ein schwarzes altes Gemälde, welches mir das schwache Nachtlicht nur ganz undeutlich sehen ließ. Es war das Portrait eines jungen Mannes mit einem hohen spanischen Hute und einer großen Feder darauf. Ein schwarzbrauner, unheimlich aussehender aufwärtsblickender Kerl, der sich die Hand über die Augen hielt und so stier nach oben schaute, als sähe er nach dem Galgen, an dem er gehängt werden sollte. Wenigstens hatte er ganz das Ansehen, als verdiene er dergleichen.

[331] Das Gemälde übte eine Art von Gewalt über mich aus, ebenfalls nach oben – an meinen Betthimmel zu sehen. Es war ein dünner und nicht eben interessanter Gegenstand, so daß ich wieder auf das Gemälde zurückblickte. Ich zählte die Federn auf dem Hute des Mannes. Sie standen weit hervor, zwei grüne und drei weiße. Ich bemerkte die Krone auf seinem Hute, der von kegelförmiger Art war, nach der Weise, wie man angenommen, daß Guido Fawkes sie gern getragen habe. Ich dachte darüber nach, wohin er denn so nach oben sehe. Nach den Sternen konnte es nicht sein, denn ein solcher Desperado war weder Astrolog noch Astronom. Er mußte nothwendig nach dem hohen Galgen, in dem Augenblicke, wo er gehängt werden sollte, blicken. Sollte der Scharfrichter in den Besitz seines kegelförmigen Hutes und dessen Federschmuckes kommen? Ich zählte die Federn noch einmal. Drei weiße, zwei grüne.

Als ich noch bei dieser sehr lehrreichen und nützlichen Beschäftigung verweilte, fingen meine Gedanken an herumzuschweifen. Das Licht des Mondes, das in das Gemach schien, erinnerte mich an eine gewisse Mondscheinnacht in England – die Nacht nach einer Picnic-Parthie in einem Walliser Thale. Jeder Gegenstand bei dieser Heimkehr durch eine reizende Gegend, die durch den Mondschein noch reizender wurde, kehrte in meine Erinnerung zurück, ob ich gleich seit Jahren nicht mehr daran gedacht hatte, und wenn ich versucht hätte, es mir wieder in’s Gedächtniß zurückzurufen, es mir gewiß nur wenig oder gar nicht gelungen sein würde. Welche von allen den wunderbaren Fähigkeiten, die uns überzeugen, daß wir unsterblich sind, spricht wohl diese erhabene Wahrheit beredter aus als das Gedächtniß? Hier befand ich mich jetzt in einem fremden Hause von dem verdächtigsten Charakter, in einer Lage der größten Ungewißheit, ja Gefahr, welches den freien Gebrauch meines Gedächtnisses ganz gewiß nicht beförderte, und doch erinnerte ich mich ganz unwillkürlich an Orte und Personen und Gespräche und die kleinsten Umstände aller Art, welche ich für immer für vergessen gehalten haben würde, mir gewiß nicht absichtlich hätte zurückrufen können, selbst unter den allervortheilhaftesten Verhältnissen! Und welche Ursache hatte in Einem Augenblicke diese ganze seltsame, complicirte [332] und geheimnißvolle Wirkung hervorgebracht? Nichts als einige Strahlen Mondscheins in das Fenster meines Schlafzimmers.

Ich dachte noch über das Picnic, unsere Lustigkeit beim Nachhausegehen und die junge, sentimentale Lady nach, die Byrons Childe Harold citirte, weil es Mondschein war. Ich war in diese vergangenen Scenen und Freuden ganz vertieft, als in einem Augenblicke der Faden, an dem meine Erinnerungen hingen, völlig abriß, meine Aufmerksamkeit zu den gegenwärtigen Dingen lebhafter als je zuvor zurückkehrte und ich mich selbst, ohne zu wissen, wie und weshalb, wieder auf das erwähnte Gemälde hinstarrend fand.

Hinstarrend wegen was? Ei du mein Himmel! Der Mann hat seinen Hut abgenommen! Nein! – Der Hut selbst ist fort. – Wo ist die kegelartige Krone? Wo sind die Federn? Drei weiß und zwei grün? Nicht da! Statt des Hutes und der Federn, welcher düstere Gegenstand bedeckt ihm die Stirn? – die Augen? – die beschattende Hand? Bewegt sich mein Bett?

Ich wendete mich auf den Rücken und sah empor. War ich wahnsinnig? trunken? träumend? – oder bewegte sich der Betthimmel wirklich herab – sank langsam, regelmäßig, schweigend, furchtbar, gerade herunter in voller Länge und Breite – herunter auf mich, der ich unter ihm lag?

Mein Blut schien still zu stehen; eine tödtliche, versteinernde Kälte überlief mich, als ich meinen Kopf auf dem Kissen wandte und entschlossen war, mich zu überzeugen, ob der Betthimmel sich wirklich bewege, indem ich mein Auge auf den Mann auf dem Bilde richtete. Der erste Blick in dieser Richtung hin genügte. Die schwarze, schmutzige Außenlinie des Bettkranzes über mir brauchte nur noch einen Zoll, um mit dessen Leibe parallel zu stehen. Doch sah ich athemlos darauf. Und fortwährend und langsam – sehr langsam sah ich die Gestalt und den Rahmen unter der Gestalt verschwinden, so wie der Bettkranz sich vor ihm herabsenkte.

Ich bin meiner Natur nach alles andere, nur nicht furchtsam. Ich bin mehr als einmal in Lebensgefahr gewesen und habe keinen Augenblick mein kaltes Blut verloren, aber als die Ueberzeugung nur erst von meinem Verstande Besitz genommen hatte, daß sich der Betthimmel wirklich bewege, und fort und fort auf mich herabsinke, blickte ich schaudernd, hülflos und furchterstarrt doch einen oder ein paar Momente unter der Mordmaschine empor, die sich immer näher und näher zu mir herabsenkte, um mich da, wo ich lag, zu ersticken.

Da trat der Instinkt der Selbsterhaltung ein und stärkte mich, mein Leben zu retten, so lange es noch Zeit sei. Ich stieg sehr ruhig aus dem Bette und zog schnell meine Oberkleider an. Das Licht, völlig abgebrannt, ging aus. Ich setzte mich in den Armstuhl neben mir und beobachtete nun, wie sich der Betthimmel immer mehr langsam herabsenkte. Ich war im eigentlichen Wortverstande durch Zauberei gefesselt. Hätte ich Fußtritte hinter mir gehört, so würde ich mich doch nicht haben umdrehen können. Wäre ein Weg zur Rettung mir durch ein Wunder geöffnet worden, ich würde mich nicht haben bewegen können, um Gebrauch davon zu machen. Das ganze Leben in mir war in diesem Augenblicke in meinen Augen concentrirt.

Er stieg herab – der ganze Betthimmel mit seinen Behängen umher kam herab – tiefer – und immer tiefer, so daß kein Raum mehr da war, auch nur einen Finger zwischen ihn und das Bett zu stecken. Ich fühlte zur Seite und ward inne, daß das, was mir von unten der gewöhnliche leichte obere Aufsatz eines Bettes auf vier Pfosten geschienen hatte, in der That eine breite, dicke Matratze sei, deren Bestandtheile durch den Bettkranz und die Fransen verborgen ward. Ich blickte empor und sah die vier Pfosten widerwärtig nackt sich erheben. In der Mitte des Bettes befand sich eine schwere hölzerne Drehschraube, die offenbar durch eine Oeffnung in der Decke herabgekommen war, so wie gewöhnliche Pressen auf die Gegenstände herabgesenkt werden, auf die man Druck ausüben will. Der furchtbare Apparat bewegte sich ohne das mindeste Geräusch. Man hatte kein Krachen gehört als er herabkam, es erscholl von oben herunter nicht das mindeste Getös. Inmitten eines schrecklichen, tödtlichen Schweigens sah ich vor mir – im neunzehnten Jahrhunderte und in der civilisirtesten Hauptstadt Frankreichs – so eine Maschine für geheimen Mord durch Erstickung, wie sie einst vielleicht in den schlimmsten Tagen der Inquisition, in den abgelegensten Gasthäusern der Harzgebirge, in den geheimnißvollen Vehmgerichten Westphalens existirt haben mochte. Und doch konnte ich, als ich so hinblickte, mich nicht von der Stelle rühren, ja kaum Athem holen, doch bekam ich die Kraft zu denken wieder und begriff im Augenblicke die mörderischste Verschwörung gegen mich mit allen ihren Schrecken.

Mein Trank in der Kaffeetasse war mit etwas vermischt worden, und zwar allzu stark. Ich war dadurch gerettet, daß die Dosis für einen Schlaftrunk allzu heftig war. Wie hatte ich in meinem Fieberanfalle, der mein Leben dadurch gerettet, daß er mich wach erhalten, aber auch geglüht und gefroren! Wie rücksichtslos hatte ich mich den beiden Bösewichtern anvertraut, die mich in dieses Zimmer brachten und entschlossen waren, mich hier um meines Gewinnstes willen auf die furchtbarste und sicherste Weise in meinem Schlafe um’s Leben zu bringen. Wie viele Personen die gewonnen hatten, mochten schon in diesem Bette geschlafen haben, wie ich es mir vorgenommen, ohne daß man jemals von ihnen ein Wort wieder gehört. Ich schauderte, als ich daran dachte.

Nicht lange aber, so war wieder alles Nachdenken bei dem Anblicke des mörderischen Betthimmels mir vergangen, der sich immer noch bewegte. Nachdem er etwa zehn Minuten lang auf dem Bette geblieben, so fing er an, sich wieder zu erheben. Die Bösewichter, welche von obenher darauf wirkten, glaubten offenbar, daß ihr Vorsatz nun erreicht sei. Langsam und still, wie er herabgestiegen war, erhob sich dieser schreckliche Betthimmel nun auch wieder in die Höhe. Als er die obern Enden der vier Bettpfosten erreicht hatte, befand [333] er sich auch wieder an der Decke. Man konnte weder Höhlung noch Spalte sehen. Das Bett ward wieder zu einem gewöhnlichen Bette, der Himmel eben so zu einem gewöhnlichen, selbst für die scharfsichtigsten Augen.

Jetzt zum erstenmale bekam ich meine äußere Beweglichkeit wieder und konnte von meinem Armstuhle aufstehen, um zu sehen, wie und wo ich entfliehen könne. Verrieth ich durch das geringste Geräusch, daß der Versuch meiner Erstickung verunglückt sei, so war ich überzeugt, gemordet zu werden. Hatte ich schon Geräusch gemacht? Ich horchte aufmerksam nach der Thür gerichtet. Aber kein Fußtritt auf dem Gange außerhalb, kein Ton eines leichten oder schweren Einhergehens über mir, tiefes Schweigen rings umher. Um meine Thür zu schließen und zu versperren, hatte ich einen alten hölzernen Kasten dagegen gestemmt, den ich unter dem Bette gefunden. Diesen Kasten fortzubewegen (das Blut gerann mir in den Adern, wenn ich bedachte, was darin sein könnte!), ohne irgend eine Störung zu machen, war unmöglich, und doch war der Gedanke, aus dem, jetzt während der Nacht versperrten Hause zu entfliehen, ein reiner Unsinn. Nur ein Ausweg blieb mir – der durch das Fenster. Ich stahl mich auf den Zehen zu ihm.

Mein Schlafgemach war im ersten Stockwerke, über einem Entresol und sah auf die finstere Straße. Ich erhob die Hand, um das Fenster zu öffnen, fühlend, daß an diesem Augenblicke bei dem geringsten Geräusche meine Rettung hange. In einem Hause des Mordes wird scharfe Wache gehalten! Wenn ein Rahmen knarrte, eine Scheibe klirrte, war ich vielleicht ein verlorener Mann. Ich muß mich wenigstens fünf Minuten der Zeit nach – meiner Angst nach fünf Stunden lang mit der Oeffnung des Fensters beschäftigt haben. Es gelang mir dies mit all der Gewandtheit eines Diebes ganz still zu thun und ich sah dann auf die Straße. Auf sie unter mir herabzuspringen, wäre offenbare Vernichtung gewesen. So sah ich mich denn seitwärts am Hause um. Die linke Seite herab lief die dicke Wasserröhre. Sie ging nahe bei der äußern Ecke des Fensters vorbei. So wie ich diese Röhre sah, wußte ich, daß ich gerettet. Zum erstenmale, seit ich den Betthimmel sich zu mir hatte herabbewegen sehen, holte ich wieder frei Athem.

Manchem würden allerdings diese entdeckten Mittel zur Flucht schwierig und gefährlich genug geschienen haben, mir aber kam die Aussicht, an der Röhre auf die Straße herabzugleiten, nicht im mindesten gefährlich vor. Ich war sehr gut in gymnastischen Kunststücken geübt und wußte daher, daß Kopf, Hände und Füße mir treu im Herauf- oder Herabklettern zu dienen pflegten. Schon hatte ich ein Bein über das Fensterbrett geschwungen, als ich mich an das Taschentuch mit Geld unter meinem Kopfkissen erinnerte. Ich hätte es allerdings hinter mir lassen können, aber ich war rachevoll entschlossen, daß die Bösewichter des Spielhauses eben so ihre Beute wie ihr Opfer verlieren sollten. So ging ich denn wieder zu dem Bette zurück und band mir mit meinem Halstuche das schwere Taschentuch auf dem Rücken fest. Gerade als ich es haltbar gemacht hatte, glaubte ich einen Athemzug außerhalb der Thüre zu hören. Abermals durchfröstelte mich Schrecken, als ich so horchte. Doch nein! Es blieb alles still auf dem Gange. Ich hatte nur die Nachtluft leise in das Zimmer wehen hören. Im nächsten Momente war ich wieder auf dem Fenster – und im folgenden hatte ich mit Händen und Knieen eine feste Lage an der Wasserröhre gefaßt.

Leicht und ruhig glitt ich, wie ich mir gedacht, in die Straße hinab, und eilte augenblicklich mit der größten Schnelle zu einer Polizei-Expedition von der ich wußte, daß sie sich in unmittelbarer Nähe befinde. Es traf sich, daß ein Beamter und einige hewaffnete Leute seines Gefolges noch wach waren, ohnstreitig in der Absicht, etwas von dem geheimnißvollen Morde zu entdecken, der eben damals in Paris so großes Aufsehen machte. Als ich meine Geschichte athemlos und in sehr schlechtem Französisch begann, konnte ich sehen, wie der Beamte mich im Verdacht hatte, ein betrunkener Engländer zu sein, der etwas gestohlen habe, als ich aber fortfuhr, änderte er seine Ansicht sehr schnell, und ehe ich nur im mindesten geendet hatte, schob er alle seine Papiere vor sich in ein Schubfach, setzte seinen Hut auf, versorgte mich mit einem andern, denn ich war baarhäuptig, stellte eine Schaar Soldaten auf, befahl seinen Vertrauten, alle Arten von Werkzeug, um Thüren aufzubrechen und Fußböden aufzuhacken, mitzunehmen, und ergriff mich auf die freundlichste und vertrauteste Art am Arme, um mich mit sich zu dem Hause fortzunehmen.

So gingen wir denn durch die Straßen, der Beamte immer mich examinirend und mir glückwünschend, wie wir an der Spitze unserer Begleitung einherzogen. Schildwachen wurden vorn und hinten am Spielhause aufgestellt, sobald wir es erreicht hatten. Ein furchtbares Klopfen donnerte an die Thüre. Ein Licht ließ sich in einem Fenster sehen. Ich selbst versteckte mich hinter den übrigen. Jetzt erscholl eine laute Stimme: Aufgemacht im Namen des Gesetzes! Bei diesem furchtbaren Aufrufe wurden Riegel und Schlösser von einer unsichtbaren Hand geöffnet, und im Augenblicke darauf stand der Beamte im Eingange vor einem halbangekleideten, leichenblassen Manne. Folgender kurze Dialog fand nun sogleich statt:

„Wir wollen den Engländer sehen, der hier im Hause schläft.“

„Er ging vor einigen Stunden fort.“

„Das that er nicht. Sein Freund ging, er aber blieb da. Führen Sie uns in sein Schlafzimmer.“

„Ich schwöre es Ihnen, Herr Unterpräfect, er ist nicht hier.“

„Und ich schwöre es Ihnen, Herr Garçon, er ist hier. Er schlief hier – er fand Ihr Bett nicht bequem – er beklagte sich deshalb bei uns – hier ist er unter meinen Leuten – und hier bin ich, um in seinem Bette nachzusehen. Picard! binden Sie diesem Burschen da die Hände auf den Rücken, und dann vorwärts, die Treppe hinauf!“

Alles was im Hause war, ward festgenommen, der alte Soldat zuerst. Nun erkannte ich das Bett für das, worin ich geschlafen, und dann ging’s eine Treppe [334] höher. Nirgends entdeckte man dort irgend etwas nur einigermaßen Ungewöhnliches. Der Unterpräfect sah sich überall um, befahl Jedermann zu schweigen, stampfte zweimal auf den Boden, ließ sich Licht bringen, untersuchte die Stelle genau, wo er aufgestampft hatte, und befahl, daß man dort den Fußboden sorgfältig aufhebe. Dies war sehr schnell geschehen. Lichter wurden dorthin gehalten und wir blickten in eine tief gezimmerte Höhlung, zwischen dem Boden des obern und der Decke des untern Zimmers. Durch diese Höhlung ging perpendicular eine Art dick eingeschmierter Kasten und innerhalb des letztern erblickte man die Schraube, welche mit dem Betthimmel unten zusammenhing. Frisch eingeölte besondere Schraubenstöcke – mit Filz bedeckte Hebel – die vollständigen obern Theile einer schweren Presse, mit teuflischer Geschicklichkeit so berechnet, daß sie alle unten zusammenhalten mußten, und wenn sie wieder auseinander genommen wurden, im kleinsten Raume sich unterbringen ließen, wurden nun zunächst entdeckt und auf den Boden gelegt. Nach einiger Mühe gelang es dem Unterpräfect, die Maschinerie zusammen zu setzen, und so stieg er nebst mir mit Hülfe seiner Leute in das Schlafzimmer hinab. Dies geschah jedoch nicht so geräuschlos, als es bei mir der Fall gewesen war, und als ich ihm dies bemerklich machte, war seine Antwort von furchtbarer Bedeutsamkeit. Er sagte nämlich: „mein Herr, meine Arbeiter handhaben diesen Betthimmel zum erstenmale – die Männer, deren Geld Sie gewonnen haben, waren besser damit bewandert.“

Wir ließen das Haus blos in der Aufsicht der beiden Polizeioffizianten, da auf der Stelle alle Einwohner desselben ins Gefängniß abgeführt worden waren. Nachdem der Unterpräfect meine Aussagen zu Papiere gebracht hatte, begleitete er mich in mein Hotel, um sich meinen Paß auszubitten. Ich fragte, als ich ihn ihm einhändigte, ob er glaube, daß irgend Jemand schon in diesem Bette so zur Ruhe gebracht worden wäre, wie man es mit mir im Sinne gehabt?

„Ich habe,“ antwortete er, Dutzende ertränkter Menschen schon in der Morgue liegen sehen, in deren Portefeuilles wir Briefe fanden, welche enthielten, daß sie sich selbst durch Ertränken in der Seine um’s Leben gebracht, weil sie ihr ganzes Vermögen im Spiele verloren. Kann ich’s wissen, wie viele von diesen in dasselbe Spielhaus kamen, wo Sie hinein sich begaben, gewannen wie Sie gewannen, sich in das Bett legten, worin Sie lagen, darin schliefen, erdrückt wurden wie Sie, und dann heimlich in den Fluß geworfen wurden, mit einer von ihren Mördern geschriebenen und in ihr Portefeuille gelegten Empfehlung und Erklärung? Niemand kann wissen, wie viele oder wie wenige das Schicksal erduldet haben, dem Sie glücklicherweise entronnen sind. Die Leute aus dem Spielhause hielten ihre Bettstellenmaschinerie als ein Geheimniß für uns, den übrigen Theil desselben behielten die Todten für sich. Gute Nacht denn, oder vielmehr guten Morgen, Herr Faulkner. Finden Sie sich um 9 Uhr wieder auf meinem Büreau ein. Bis dahin auf Wiedersehen.“

Der übrige Theil meiner Geschichte ist bald erzählt. Ich ward befragt und wieder befragt, das Spielhaus ward vom Schornstein bis zum Keller auf’s Sorgsamste untersucht, die Gefangenen wurden abgesondert verhört und zwei der mindest Schuldigen unter ihnen gestanden. Ich entdeckte, daß der alte Soldat der Herr des Spielhauses sei, und die Justiz, daß er als Vagabund vor Jahren aus der Armee gestoßen worden, daß er seitdem alle Arten von Schlechtigkeiten sich zu Schulden gemacht, daß er plötzlich zu Vermögen gelangte, und daß er, der Croupier, noch ein Mitgenosse und das Weib, das mir die Tasse Kaffee gebraut, alle mit in dem Geheimnisse der Bettstelle verflochten. Es schien zweifelhaft, daß die geringern Personen im Hause etwas von der Erstickungsmaschine gewußt hätten und sie ernteten von diesem Zweifel dies, daß sie blos als einfache Diebe und Vagabunden behandelt wurden. Was den alten Soldaten und seine beiden Hauptbeistände betraf, so kamen sie auf die Galeeren, das Weib, das mir den Kaffee gebracht, ward auf mehrere Jahre eingekerkert, die regelmäßigen Besucher des Spielhauses erschienen als verdächtig und wurden unter Aufsicht gestellt, ich aber ward eine ganze Woche lang, folglich eine sehr geraume Zeit, der Haupt-Lion der Pariser Gesellschaft. Drei berühmte Schauspielmacher dramatisirten mein Abenteuer, aber es sah nie das Lampenlicht, denn die Censur verbot es, die treue Abbildung einer Spielhausbettstelle auf die Bühne zu bringen.

Zwei gute Wirkungen brachte aber doch mein Abenteuer hervor, welche jede Censur würde haben billigen müssen. Für’s erste half es die Regierung zu rechtfertigen, von da an alle solche Spielhäuser aufzuheben und dann kurirte es mich, jemals wieder Rouge et noir als einen Zeitvertreib aufzusuchen. In meiner Seele wird der Anblick eines grünen Tuches mit Karten- und Goldhaufen stets mit dem Anblick des Betthimmels vergesellschaftet sein, der in dem Schweigen und der Dunkelheit der Nacht sich herabsenkt, um mich zu ersticken.“