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Das erste deutsche Schützenfest

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Titel: Das erste deutsche Schützenfest
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, 34, S. 524–528, 539–543
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das erste deutsche Schützenfest.

Das erste deutsche Schützenfest in Gotha ist vorüber, das Werk der Zerstörung an allen Bühnen und Buden, die zum Feste mühsam aufgebaut worden waren, ist vollbracht, die Fahnen und Bögen, durch welche die Gäste geehrt wurden, sind verschwunden. Aber noch lange wird das Fest in der Erinnerung eines Jeden, der ihm beiwohnte, in den Wirkungen leben, die daraus hervorgehen müssen.

Schon der Ort selbst, wo ein volksthümliches Fest gefeiert wird, macht einen festlichen Eindruck, seine Luft ist Festluft, die Gesichter der Menschen sind Festgesichter. So war’s auch in Gotha, wo vom 7. bis 11. Juli d. J. mit dem Schützenfest zugleich ein allgemeines thüringer Turnfest gefeiert wurde. Vom Eisenbahnhof am einen Ende bis zum Schießplatz am anderen Ende der Stadt, von Straße zu Straße zeigte sich Haus für Haus mit Gewinden und Kränzen von Laub, Nadelreisig, Blumen geschmückt; Fahnen, Wimpel, Flaggen jeder Größe und Gestalt wehten von allen Häusern, meistens zwischen kleineren Fahnen in von Landesfarben, Grün und Weiß, oder in dem thüringischen Roth und Weiß eine gewaltige schwarz-roth-goldene; oft sah man die Farben Schleswig-Holsteins; ein Nordamerikaner hatte das Sternenbanner aufgezogen. Hohe Bögen mit Reisig und Fahnen und einem „Gut Heil!“ oder „Willkommen!“ waren an den Eingängen der Hauptstraßen angebracht, einige darunter mahnten zur Einigkeit, andere wiesen in scheibenförmigen Tafeln auf das „eine Ziel“ der Schützen hin. So hatten nicht blos Privatleute geschmückt, sondern auch die Stadt und die Staatsbehörden, alle öffentlichen Gebäude ohne Ausnahme trugen ein Festgewand und bewiesen wohlthuend, wie einträchtig im Ländchen Gotha Behörden und Bürger zusammenwirken. Vor allem prangte das Rathhaus, das Hauptbureau für die Einquartierung, im Schmucke grüner Guirlanden, zahlloser Fähnchen und großer Flaggen.

Es versteht sich von selbst, daß der Festplatz hinter der Stadt nicht zurückblieb. Die „Alt-Schützen-Gesellschaft“ hatte ihre große Besitzung am nördlichen Ende der Stadt dem Feste gewidmet; diese Gesellschaft umfaßt die Schützen Gotha’s, die meisten der ungefähr 90 Unternehmer des Festes gehörten ihr an, und nicht blos die Schützen, sondern fast alle Mitglieder der Gesellschaft hatten sich eifig des Festes angenommen. Der große Platz vor dem Schießhause war in zwei Hälften abgetheilt, und von diesen nur die obere zum Festraume gezogen. Im unteren Raume befanden sich eine Halle für ein Musikcorps, drei Eß- und Trinkbuden und verschiedene Kuchen- und Schaubuden, bestimmt, die Masse des Publicums einigermaßen vom Festraume abzuleiten. Dieser war durch eine Barriere abgegrenzt. Auf deren Mitte stieg ein mächtiger Bogen empor, der auf beiden Seiten die Wappen deutscher Staaten enthielt und auf hohen Masten ihre Flaggen, über allen, zwischen der schwarz-weißen und der schwarz-gelben, eine große schwarz-roth-goldne und darunter auf der einen Seite der Gruß: „Willkommen!“ auf der andern der Zuruf: „Einigkeit macht stark!“ Rechts am Eingange eine Speisewirthschaft von 126 Fuß Länge und 28 Fuß Tiefe, halb innerhalb, halb außerhalb des Festraums. Das große Schießhaus, gerade dem Eingange gegenüber, mit einer einzigen hohen schwarz-roth-goldnen Fahne geschmückt, bildete den Mittelpunkt des Festraums. Es umfaßt drei Säle, von denen der eine unmittelbar vor dem Feste gebaut worden war; im mittelsten großen Saale flaggten von oben herab die Fahnen aller deutschen Staaten, durch ein schwarz-roth goldnes, von zwei deutschen Fahnen ausgehendes Band verbunden. Dieser Saal war zu den täglich stattfindenden Festessen bestimmt und für 300 Gedecke eingerichtet; der eine Nebensaal sollte zu Verhandlungen benutzt werden, der andere zum Speisen à la carte. Um eine Küche von gehörigen Dimensionen zu gewinnen, hatte man Heerde und Geräthe vom Schlosse Friedenstein beigeschafft. Rechts am Schießhause eine große geschmackvolle Trinkhalle, eben erst aufgebaut und noch nicht vollendet, und weiter hinauf an der Anhöhe zwei große Wirthschaften, nebst einer „kohlensauren“ und einer Cigarrenbude sorgten noch, außer einer Bierwirthschaft und einer Conditorei links vom Schießhause für die leiblichen Bedürfnisse. Musikbanden spielten auf zwei Plätzen im oberen Festraume. Man konnte sich also leidlich wohl besinnen!

Einen wahrhaft herrlichen Anblick gewährte oberhalb des Schießhauses der „Gabentempel“. Außer Festgewinden und Blumen zierten seine Giebel zwei schöne Bilder; das eine von Heinr. Schneider in Gotha stellte Barbarossa dar, noch schlafend im Kyffhäuser, aber im Begriff zu erwachen, von Raben umflattert, die davon fliegen, von Gnomen umgeben, die Waffen schmieden, Säbel schleifen, Kugeln gießen; das andere, nach der Schießhütte zu gerichtet, von Emil Jacobs in Gotha transparent gemalt, zeigte das Bild der Germania, wie sie den Schützen die Kränze reicht, die sie aus der Hand zweier Genien empfängt. Der Inhalt des Gabentempels war so reicher Zierden würdig. Vor Allem hatte dazu das Ländchen Gotha beigesteuert, und zwar jede Stadt, fast alle Schützengesellschaften, eine Menge Einzelner, Männer und Frauen. Aber es war überhaupt fast jedes deutsche Land, fast jede deutsche Stadt darin vertreten – nur leider mit Ausnahme Oesterreichs und – man gestatte mir die merkwürdige Zusammenstellung – Liechtensteins. Auch Deutsche im Ausland, in England, in Kurland, in Frankreich und in der Schweiz, sandten werthvolle Preise. Unter den Gebern befanden sich der Herzog und die Herzogin von Coburg-Gotha, der Herzog Albert, Prinz-Gemahl von Groß-Britannien, und der Kronprinz und die Kronprinzessin von Preußen. Die beiden letzteren waren die einzigen unter allen Personen fürstlichen Standes in schönem Bürgersinne des Festes, ohne irgend vom Festausschusse dazu aufgefordert worden zu sein; denn dieser hatte sich geflissentlich enthalten, außer den Herzögen des Landes, deren Theilnahme er gewiß war, Einzelne speciell um ihre Betheiligung zu begrüßen. Die kostbarsten Gaben – wir wollen damit auch die geringsten nicht in Schatten stellen, die der geringe Mann vielleicht mit größerer Aufopferung dargebracht hat, und es ist keine leichte Aufgabe, aus allen Kostbarkeiten die werthvollsten herauszuwählen, aber es dünkt mir nothwendig, um denen, die den Anblick nicht gehabt haben, einen Begriff davon zu verschaffen – die kostbarsten Gaben bestanden in einem Humpen des Herzogs Ernst, einer Whitworthbüchse und einem Pokal des Prinzen Albert, zwei Trinkgeschirren des Kronprinzen und der Kronprinzessin von Preußen, einem Humpen von Frankfurt a. M. mit 50 Zweithalerstücken, einem Taschenchronometer nebst Kette von den Frauen Gotha’s, einem Pokal von der Stadt Gotha, einem Pokal von Hamburg. Allerlei Geschirre von Silber, Pokale und Becher, Löffel, Dosen, Schaufeln, alle Gattungen von Uhren, alle Arten von Porzellan, alle Sorten Pfeifen und Cigarrenspitzen, Waffen jeglicher Gattung und namentlich Büchsen jeglicher Construction, feine Stickereien in Masse fanden sich hier ausgestellt; es fehlte kaum ein Erzeugniß der Industrie, selbst Glasziegel und Uhrglocken konnte der Schütze gewinnen. Wein war in Menge geliefert worden, zum Theil mit der Bestimmung, daß er beim Feste getrunken werde, aber freilich hatte er in den Keller wandern müssen. Noch am letzten Tage langten Festgaben an, einige zu spät. Der Werth alles Vorhandenen mit Einschluß der Gaben an Geld mag sich, gering gerechnet, wohl auf 5000 Thaler belaufen haben.

Aber wir müssen den schönen Anblick, der die Zuschauer beständig auf’s Neue anzog, verlassen, um in die Schießhütte zu gelangen. Sie lag am äußersten Ende des Platzes, 314 Fuß lang von Ost nach West gestreckt und hatte durchgängig 25 Fuß Tiefe. Die Schießstände befanden sich an der nördlichen Seite, an der südlichen die Ladebänke. Zehn Stände hatten 250, zwanzig 400 Fuß rhein. Entfernung. Bei den Ständen zu 400 Fuß hatte das Centrum (Schwarz) 5½ Zoll, bei den Ständen zu 250 Fuß hatte es für das Freihandschießen 4¼, für das Aufgelegtschießen 3 Zoll Durchmesser, der Ring um das Centrum hatte bei den Scheiben zum Auflegen aus 400 Fuß 5½, sonst 9 Zoll Durchmesser. Ueber allen hingen bekränzte Tafeln mit den Namen der Scheiben, und zwar führten die vier Ehren- und Prämienscheiben die Namen „Deutschland“, „Herzog Ernst“, „Thüringen“, „Schleswig Holstein“, ferner die Scheiben auf 400 Fuß die Namen „Prinz-Gemahl Albert“, „Kronprinz von Preußen“, „Deutsche Flotte“, „Blücher“, „Scharnhorst“, „Gneisenau“, „York“, „Schill“, „Lützow“, „Frhr. v. Stein“, „Vater Arndt“, „Theodor Körner“, „Andreas Hofer“, „Vater Jahn“, „Fichte“, „Alex. v. Humboldt“, „Leipzig“, „Waterloo“, die Scheiben auf 250 Fuß die Namen „Barbarossa“, „Hansa“, „Rhein“, „Donau“, „Elbe“, „Oder“, „Weichsel“, „Weser“. Der Schuß kostete auf die Ehrenscheiben 15, auf die anderen Scheiben 10, 5, 4 und 2½ Sgr. Für die Scheibe „Deutsche Flotte“ waren von einzelnen Gebern, namentlich vom Herzog von Schleswig-Holstein Augustenburg, besondere Geschenke

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In der Schießhütte.
Nach der Natur aufgenommen von Professor Schneider in Gotha.

[526] gestiftet werden, nur diese wurden den Schützen zum Preise ausgesetzt und alle Einlagen darauf (der Schuß kostete 10 Sgr.) ohne Abzug bestimmt, zum Bau eines Dampfkanonenbootes für die Nordsee dem preußischen Marineministerium überwiesen zu werden; sie gewährte einen Ertrag von fast 153 Thalern. Aus den vier Ehrenscheiben wurden Festgaben und Geldgewinne ausgeschossen, auf den übrigen Scheiben nur Geldgewinne. Ein Theil der Ehrengaben war zu besonderen Prämien für die bestimmt, welche jeden Tag und während des ganzen Festes die vier höchsten Summen von Treffern erlangt hatten. Das Schießen aus freier Hand war bei der Vertheilung der Festgaben begünstigt.

Die Schießordnung war etwas complicirt. Denn man hatte das Aufgelegtschießen neben dem Freihandschießen zugelassen und bei einzelnen Ständen auch das Diopter und jedes besondere Hülfsmittel ausgeschlossen, es sollte hier vollkommen feld- und jägermäßig geschossen werden. Zum Schießen aus freier Hand wurde Schießen „frei mit erhobenem Arm“ erfordert. Wer auf die Ehrenscheiben schießen wollte, mußte erst einmal Schwarz getroffen haben, auf die Freihandscheiben aus freier Hand, auf die Scheiben für’s Auflegen mit Auflegen; wer dann noch drei Mal aus freier Hand oder sechs Mal mit Auflegen Schwarz getroffen hatte, der durfte noch für jede 3 oder 6 Treffer einen Schuß auf die Ehrenscheiben für die freie Hand oder für’s Auflegen lösen. Für jede 100 Schuß waren 25 bis 30 Gewinne, je nach der Güte der Schüsse, ausgesetzt; die Güte der Schüsse wurde durch Schußmesser und Meßcirkel von besonders erfundener Construction – Erfindungen des einen Mitgliedes des Schießcomités, Helfricht in Gotha – ermittelt. Die obere Aufsicht in der Schießhütte war zwei Personen anvertraut, für jeden einzelnen Schießstand besonders besorgte ein Ordner die Aufsicht nebst dem Ausmessen der Schüsse und der Bestimmung und Austheilung der Gewinne, lauter mühevolle, die höchste Aufopferung erfordernde Aemter! Das Schießamt befand sich in der Mitte zwischen den Ständen für 400 und für 250 Fuß, hier war der Sitz des Schießcomités und von hier aus wurde mit der Zielermannschaft durch eine Correspondenzanstalt eigener Construction schriftlich verkehrt. Die Zieler standen unter der Oberfläche bei den Scheiben, die Gräben für diese waren gegen 8 Fuß tief, hinter den Scheiben Erdaufwürfe, durch Pfähle und Breter gestützt, zur Sicherung der Zieler gegen das Zurückprallen der Kugeln dicht mit Reisig bedeckt; von jedem Schießstande führte ein besonderer Klingelzug zur Scheibe; um eine Verwechselung der Scheiben von den einzelnen Schießständen aus zu vermeiden, waren Reihen von Lärchbäumchen angebracht.

Diese Einrichtungen haben sich im Ganzen bewährt, es ist kein Geringes, daß sich bei so vielem Schießen nicht das mindeste Unglück zugetragen hat. Die „Correspondenzanstalt“ freilich verweigerte einige Male ihren Dienst, weil die Stricke, an denen die Depeschen befördert wurden, durch die Regen vor dem Feste beschädigt worden waren und erneuert werden mußten; und es entstanden dadurch, sowie durch das Zerschießen einiger Klingeln mehrere Pausen. Auch erforderte das Ausmessen der Schüsse für so viele Scheiben, trotz der Einfachheit der Werkzeuge, ein zu großes Personal und eine Aufmerksamkeit, welche nicht leicht längere Zeit ausdauert.

Nachdem wir so die Feststadt und den Festraum beschrieben haben, können wir unsern Einzug halten. Wir mögen kommen, woher es auch sei, an jeder Hauptstraße werden wir von Mitgliedern des Festausschusses, von Schützen und Turnern, von Zielern in rothen Röcken und Mützen feierlich empfangen und begrüßt; am Bahnhof erwartet uns ein Musikchor, auf den Straßen empfangen uns wehende Tücher und froher Zuruf, auf dem Rathhause – da geht es am Vortage (dem 7. Juli) bei dem plötzlichen Zusammenströmen so vieler Gäste bunt her, aber jeder erhält sein Plätzchen! – holen wir unseren Quartierzettel, Zieler begleiten uns zu unseren Wirthen. Ueberall herzlicher Empfang. Wir entledigen uns des Staubs der Reise und eilen auf den Schießplatz, das Terrain zu recognosciren. Noch ist der letzte Hammerschlag an der Schießhütte und sonst hier und da nicht geschehen, denn Regentage haben die Arbeit aufgehalten. Wir begegnen dem Herzog Ernst, der die Arbeiten selbst noch einmal besichtigt; er hat in den letzten Tagen fortwährend mit den Ausschußmitgliedern gewirkt, sein praktischer Blick, sein Geschmack haben dem Feste großen Nutzen gebracht. Wir wandern an den geschmückten Hallen und Häusern hin. Wir betreten eine Restauration – man hat wacker für uns gesorgt – wir treffen andere Gäste, jeden Augenblick vermehrt sich ihre Zahl, hier begrüßt der Pfälzer den Holsteiner, dort der Nürnberger den Rheinländer, da ruft uns selbst ein alter Freund aus der Ferne an; Concertmusik rauscht nach uns herüber, aber wir hören nicht viel davon, weil die Menge fortwährend wächst. Ein dünner Regen treibt uns in die Häuser hinein, schnell vergeht der Abend. Ein müder Nachbar erinnert uns, daß wir nach Hause gehen müssen, denn morgen früh 7 Uhr sollen wir uns zum Festzug versammeln. Wir finden’s probat, denn wir wollen ihn nicht versäumen.

Und wir haben ihn mitgemacht, diesen Festzug! Keiner von uns, darin waren Alle einig – hat jemals einen so schönen Zug gesehen, so gewaltige Eindrücke mit hinweggenommen. Er bildete den Glanzpunkt des Festes und wirkte noch durch die ganze Dauer desselben.

Um 6 Uhr am 8. Juli weckte uns die Reveille, die durch die Stadt zog. Wir begaben uns um 7 Uhr auf den Marktplatz, schon trafen wir eine dichtgedrängte Zuschauermasse, wir stellten uns auf dem uns bestimmten Platze auf. Halb 8 Uhr zogen die Turner heran, ihre Fahnen von Jungfrauen in weißen Kleidern mit rosarothen Schärpen umgeben, gegen 8 Uhr die Festreiterei. Gleich nach 8 Uhr war die Aufstellung vollendet, der Bürgermeister Hünersdorf hielt vom Rathhause aus eine Anrede an die „deutschen Festgenossen“, hieß sie willkommen, sprach den Wunsch aus, das Fest möge das deutsche Nationalgefühl stärken und der Wehrkräftigkeit immer neuen Aufschwung geben, und schloß mit einem Hoch auf Deutschland. Dann erscholl vom höchsten Punkte des Hauptmarkts herab des Festordners Assessor Ewald II. weithin vernehmliches „Vorwärts marsch!“ Der Zug setzte sich unter lautem Hurrah in Gang, alle Glocken der Stadt läuteten, Kanonen donnerten vom Galgenberge und vom Schießplatze, eine unabsehbare Menschenmenge wogte und summte durch einander, alle Fenster, zum Theil die Dächer waren mit Zuschauern besetzt; man glaubt, die Zahl aller Anwesenden, Festtheilnehmer und Zuschauer, habe sich in Folge der Menge der Fremden und des Zuzugs aus der ganzen Umgend auf 2O,000 belaufen, obwohl Gotha nur 16,000 Einwohner hat. Die Zahl der Schützen im Zuge betrug gegen 800, die der Turner gegen 500; gegen 80 Fahnen wurden im Zuge getragen.

Und so, unter beständigem Kanonendonner und Glockengeläute, durch die dicht geschaarten Menschen bewegte sich der Zug sicher dahin, feierlich friedlich, ohne die mindeste Störung, als könnte es gar nicht anders sein. Voran der Festordner mit schwarz-roth-goldner Schärpe hoch zu Rosse, zwei Festreiter zur Seite, dann die Festreiterei, 50 Reiter, alle mit weiß-grünen Schärpen, alle stattlich beritten, ein Musikcorps, eine Abtheilung Communalgardeschützen, der Vorstand des Turnvereins von Gotha, die roth-weiße Fahne des thüringer Turnerbunds, von einem Turner getragen und umgeben von einer aus Turnern bestehenden Abtheilung der Feuerwehr von Gotha in Dienstkleidung, die Deputationen auswärtiger Turnvereine mit Fahnen und Schildern, unter Anschluß der auswärtigen Turner, die Fahne der Turner Gotha’s, umgeben von der Fechtriege, eine Anzahl weißgekleideter Jungfrauen, von den Zugführern der Turner umgeben, die Turner von Gotha, eine Anzahl Studenten, denen ein Trinkhorn vorausgetragen wurde. Ein zweites Musikcorps eröffnete den Zug der Schützen, voran gingen ihre Zieler in rothen Jacken und Mützen, Zielerstäbe, Scheiben und Zielerfahnen tragend, mit Pfeifern; es folgten die Deputationen auswärtiger Schützenvereine mit Fahnen und Büchsen, die auswärtigen Schützen, der Schützenmeister und zweite Vorsitzende des Festausschusses, Sterzing, und der Bürgermeister, drei Knaben in Pagentracht von rothem Sammet, mit Humpen und Pokalen, der Schützenkönig von Gotha im Ornat – einem schweren Gehänge von silbernen Schildern – der Vorstand der Altschützengesellschaft, die Schützen derselben mit ihrer Fahne. Ein drittes Musikcorps reihte sich daran, dem die Männergesangvereine Gotha’s mit ihren Fahnen und Abzeichen und alle Festtheilnehmer, die nicht zugleich Schützen waren, folgten. Eine Abtheilung Communalgardeschützen bildete den Schluß. Zwischen den einzelnen Abtheilungen des Zugs schritten Zugführer mit weiß-grünen Binden und Stäben, alle Fahnen der Turner und Schützen waren von weißgekleideten Mädchen begleitet, die theils schwarz-roth-goldene, theils roth-weiße Schärpen trugen.

Ein wunderbares Schauspiel bot dieser Zug mit seinem bunten [527] Farbenwechsel, mit seinen vielen, oft kostbaren Fahnen, in seinem lebendigen und musterhaft geordneten Hinschreiten. Und eigenthümlich paßten zusammen die jugendlichen Turner – unter denen die Coburger sich durch eine besondere feldmäßige Kleidung, Ausrüstung und Bewaffnung auszeichneten, das Publicum nannte sie „des Herzogs Garibaldianer“, – und die älteren Schützen, bei denen die jägermäßige Tracht mit Uniformen aller Gattungen wechselte; ja, in diesem Zuge durfte man sich die altväterische Gravität unserer Schützengilden und den militairischen Pomp mit Troddeln und Fangschnüren, Epaulettes, gestickten Kragen, Federhüten und Schleppsäbeln wohl gefallen lassen. Der ganze Aufmarsch dauerte volle achtzehn Minuten.

Vom Hauptmarkt, wo der Herzog, mit Hurrah, Hut- und Fahnenschwenken begrüßt, der Aufstellung beigewohnt und einen Theil des Zugs mit angesehen hatte, nahm dieser seinen Weg durch mehrere Straßen am Theater vorbei, über die beiden unteren Märkte nach dem Schießplatze. Dort erwartete ihn der Herzog, umgeben von den nicht beim Zuge betheiligten Mitgliedern des Festausschusses, auf einer Estrade vor dem Schießhause, dem Eingange gegenüber. Jede Abtheilung grüßte beim Einmarsch durch Hurrah und Fahnenschwenken. Die Jungfrauen stellten sich an der Estrade auf, zur einen Seite die Turner, zur andern die Schützen, quer vor die übrigen Festtheilnehmer, die Communalgarde besetzte den Eingang, die Fahnen traten in zwei Reihen zusammen, der Festordner meldete die beendigte Aufstellung dem Herzog-Ehrenpräsidenten, und dieser sprach mit seiner kräftigen, sonoren Stimme die schönen, feierlichen Weiheworte des Festes:

„Geehrte Versammlung! Der Gedanke einer Vereinigung deutscher Schützen rief schon vor Jahrhunderten die Schützengilden zu gemeinsamen Festen zusammen. Aber unaufhaltsam gingen die Wogen der Zeit über die früheren Versuche hinweg. Das Alte sank in Trümmer, ein neues Leben ist erstanden und alten Grundfesten erblüht in jugendlicher Frische ein neuer Gedanke. Das Volk, das edle deutsche Volk, fühlt sich in seiner Kraft. Nach Einigung drängen die Massen, und so schaarten sich auf den ersten Ruf die deutschen Schützen aus allen Gauen und die Turner der engern Heimath um ihre Fahnen, und jubelnd begrüßen wir hier vor uns alle die Fähnlein, die von fern gekommen. Kraft und Geschicklichkeit sollen heute nach Preisen ringen, um den Einzelnen, gehoben durch das Bewußtsein seines Werthes, dem Ganzen brauchbarer zuzuführen. Das Hauptziel des gemeinsamen Strebens sei Wahrung der Ehre und Schutz des großen deutschen Vaterlandes. Zu diesem Gedanken laßt uns einander die Bruderhand reichen! Und hiermit erkläre ich den ersten deutschen Schützentag für eröffnet.“

Wer könnte den Sturm der Freude beschreiben, den diese Worte hervorriefen? Wenn ein Anderer so gesprochen hätte, ein Mann aus dem Volke, sie hätten Eindruck gemacht, Eindruck machen müssen bei allen den festlich gestimmten Menschen; hier kamen sie aus dem Munde eines Fürsten, der im bürgerlichen Kleide im Kreise seiner Unterthanen vor die Festgenossen aus ganz Deutschland hintrat, eines Fürsten von mannhafter Persönlichkeit und zweifellosem Patriotismus, der sich eben dadurch die Achtung des ganzen Vaterlandes erworben hat; man konnte in ihm die Idee dieses Schützenfestes verkörpert finden. Ein tausendfaches Hurrah brach los, nicht enden wollender Lebehochruf auf den Herzog antwortete. Sahen wir schon vorher im Auge manches kräftigen Mannes eine Thräne glänzen, jetzt konnten Viele sich nur noch mit dem Taschentuche helfen. Freudige Rührung, muthige Zuversicht, flammende Begeisterung vereinigten alle Herzen. Für einen Jeden ein unvergeßlicher Augenblick! Sechs Kanonenschüsse verschollen beinahe in diesem Jubel. Mit Mühe wurde so viel Ruhe hergestellt, daß die Männergesangvereine die Hymne des Herzogs, mit einem neuen Text, vortragen konnten. Abermals jubelnder Hochruf! Nun brach der Herzog, vom Ausschuß begleitet, nach der Schießhütte auf. Die ganze Festversammlung folgte und schritt hinter ihm durch die Hallen. Und sogleich begann ein lustiges Schießen.

Oft sind es einzelne Momente, die einer länger dauernden Festlichkeit ein bestimmtes Gepräge geben. So hier. Dieser Zug und die Ansprache des Herzogs ließen unverlöschliche Eindrücke zurück. Es war nun entschieden: diese Feiertage sollten Tage gemeinsamer nationaler Freude sein, aber zugleich den ernsten Gedanken pflegen, daß der „Schütze“ sich dem Dienste des Vaterlandes weihe.

Von Stunde zu Stunde hatte sich die Zahl der Theilnehmer vermehrt, unmittelbar vor dem Feste waren schon über 2600 Männer eingeschrieben, sie mag im Ganzen mit Einschluß derjenigen, die nur an einzelnen Tagen Theil nahmen, wohl bis auf 10,000 Personen gestiegen sein. Als Schützen zeichneten sich gegen 960 Männer in das Schützenalbum ein, aber sehr Viele waren noch außer diesen anwesend. Aus allen deutschen Ländern kamen die Theilnehmer, die meisten aus Norddeutschland, wo kaum eine Stadt von einiger Bedeutung fehlte, die wenigsten aus Oesterreich, nur ein Wiener und ein Steiermärker hatten sich eingeschrieben; von Königsberg und Danzig bis nach Aachen und nach Freiburg im Breisgau, ja nach der Schweiz, von Rendsburg bis nach München war jeder deutsche Gau vertreten, ganz Deutschland war beisammen!

Der Raum des Festplatzes war so ausgedehnt, daß trotz der ansehnlichen Massen, die zuweilen darin verkehrten, nirgends Ueberfülle, Gedränge entstand; und Alles ging friedlich und freundlich neben einander her. Auf diesen Ton der Friedlichkeit war neben der nationalen Idee, welche alle Theilnehmer mehr oder weniger bewegte, der eigenthümliche Charakter der Feststadt nicht ohne Einfluß. Denn Thüringen liegt zwar größtentheils nördlich von dem thüringer Wald und wird deshalb zu Norddeutschland gerechnet, aber der Thüringer zeigt sich vom Norddeutschen vielfach verschieden. Hat er mit diesem etwas Gehaltenes, ruhig Behäbiges gemein, so nähert er sich doch dem Süddeutschen durch offenes und freies, zuthuliches und gemütliches Wesen, sein Blut ist nicht so heiß, wie das des Süddeutschen, aber auch nicht so kühl wie das des Norddeutschen. Gotha selbst zeichnet sich noch vor allen thüringischen Stätten durch eine gewisse Freiheit des Lebens (nicht der Sitte, die man eher kleinbürgerlich streng nennen könnte) aus, die sich schon in der Tracht, noch mehr aber in einem frischen Umgangston kund thut. Daß diese Stadt den Mittelpunkt bildete und aus ihr und ihrer Umgegend die große Masse der Theilnehmer stammte, mußte dem Feste insofern zum Nutzen gereichen, als Süddeutsche und Norddeutsche sich hier gleich wohl fühlen konnten. Die Freundlichkeit der Aufnahme, die von allen Seiten anerkannt wurde, that das Ihrige, um die Gäste mit den Festgebern zu verbinden.

Aus Leuten der mittleren Stände, der bürgerlichen Gewerbe, bestand die große Mehrzahl der Theilnehmer, und das gab dem Feste ein eigenes Gepräge. Wir haben ja festlich-nationaler Zusammenkünfte schon genug gehabt, die Wanderversammlungen unserer Gelehrten waren in der That die Anfänge, wenn sie auch nicht den Namen trugen; bei uns Deutschen geht nun einmal ein großer Theil alles öffentlichen Lebens aus geistiger Arbeit hervor, und die Wissenschaft bricht jenem die Bahn; die Wanderversammlungen der Gelehrten haben sich in anderen Kreisen, z. B. in den Künstlern, fortgesetzt, aber der festlichen Zusammenkünfte für den gemeinen Mann gab es noch sehr wenige, welche die ganze Nation umfaßt hätten; nur das Sängerfest und den Turnertag zu Coburg können wir dahin rechnen, und die Kreise der Schützen und Schützenfreunde sind wieder ganz andere als die der Turner und Sänger. Jene sind nicht so leicht beweglich wie diese, unter ihnen ist der seßhafte Bürger und Landmann, der „Philister“, um mit dem Studenten zu reden, sehr stark vertreten; die Schützengilden haben ihren Boden in alter Zeit, aus der es ihnen schwer fällt, herauszuwachsen. Der Zopf der Uniformen und der Trödel der Orden charakterisirt einen großen Theil derselben.

So war denn eine bedeutende Zahl der Festgenossen nicht eben von vorstechender Bildung. Aber – und darin besteht die schöne und großartige Wirkung nationaler Feste – alle Theilnehmer waren gehoben durch die Gemeinsamkeit selbst, durch die festliche Gemeinschaft so vieler Menschen aus fast allen Gauen des Vaterlandes; durch diese Gemeinschaft trat gewissermaßen das Vaterland mit seinen Hoffnungen und Sorgen, mit seiner Bedrängniß und seinem Ringen vor jeden Einzelnen hin und führte ihn heraus aus den engeren Schranken seiner bürgerlichen Kreise. Und in diesem Lichte des Festes selbst erschien auch der minder bedeutende Mann als ein würdiger Genosse.

Nicht am meisten galt dies wohl von einem Theil derer, die dem Namen nach den wesentlichsten Bestandtheil des Festes bildeten, von den Schützen. Es giebt unter ihnen zwei Classen, die sich auf allen Schützenfesten einfinden, so weit ihre Tasche reicht, und für welche die Schützensprache besondere Namen hat, die „Schießteufel“ und die „Brodschützen“. Jene haben kein anderes Interesse als das Schießen selbst; sie werden davon so beschäftigt, daß ihnen [528] der höhere Zweck des Zusammenseins entschwindet. Und die „Brodschützen“ gehen darauf aus, mit dem Schießen – zu erwerben, ihr Auge ist hell, ihr Arm fest, ihr Blut ruhig, ihre Büchse sicher, aber sie entweihen die Kunst. Neben diesen steht eine dritte Classe, derer, die zwar nicht um des Gewinns, sondern um der Ehre willen schießen, aber auf das Gutschießen einen Werth legen, als böte das Leben nichts Höheres. Es versteht sich von selbst, daß diese drei Classen auch in Gotha nicht fehlten. Und sie empfanden wohl den Hauch der Festluft, die dort wehte, am wenigsten.

Die Art überhaupt, wie geschossen wurde, befriedigte keineswegs alle Wünsche, die sich daran knüpften. Aus freier Hand wurde sehr wenig und im Ganzen mittelmäßig geschossen. Auf die Hauptprämienscheibe für freie Hand mit Zulassung des Diopters auf 400 Fuß geschahen nur 471, auf dieselbe Entfernung mit Auflegen dagegen 886 Schüsse; auf 250 Fuß wurden aus freier Hand (ohne Diopter) nur 492, mit Auflegen dagegen 1102 Schuß auf die Ehrenscheiben abgeschossen, die Stände für freie Hand waren überhaupt so schwach besetzt und diejenigen für das Auflegen so überfüllt, daß das Schießcomité sehr bald einige der Freihandstände zum Auflegen einrichten mußte. Einigen Einfluß hierauf mochte die Bestimmung der Schießordnung haben, daß auf den Freihandständen „frei mit erhobenem Arme“, also nicht mit eingestemmtem Arme geschossen werden solle. Denn ein Theil der Schützen war nur auf das Schießen mit eingestemmtem Arme eingeübt und führte zu schwere Waffen, um mit diesen anders schießen zu können, dies waren namentlich Schützen aus Süddeutschland und aus Bremen. Nachdem einige von ihnen zurückgewiesen worden waren, als sie den Arm einstemmten, trat am 9. Juli Vormittags ein Schiedsgericht zusammen und dieses beschloß, obwohl die Schießordnung keinen Zweifel gestattete, eine Versammlung der Schützen darüber entscheiden zu lassen, ob die getroffene Bestimmung aufrecht erhalten werden solle. Für die Erhaltung sprach, daß das Einstemmen eine besondere Construction der Büchsen erfordert und einen bedeutenden Vortheil dem völlig frei Schießen gegenüber gewährt, daß also beide Schießweisen nicht wohl mit einander auf demselben Stande concurriren konnten, daß Viele sich der Schießordnung gemäß eingerichtet hatten und daß man, wenn man einmal den Zopf des Auflegens abschaffte, nicht zugleich eine Schießweise zulassen wolle, welche abermals besondere Hülfsmittel erforderte. Und diese Gründe gaben den Ausschlag. Der Herzog Ernst selbst leitete die Abstimmung. Bei der Abzählung erklärte sich eine beträchtliche Mehrzahl für die Schießordnung.

[539] Eine Zeit lang schien es, als könnte aus diesen Verhandlungen über die Stellung beim Schießen ein Zwiespalt entspringen, der alte Hader zwischen Norden und Süden! Es bedurfte manches Zusprechens, um das heiße Blut der scheinbar Zurückgesetzten zu besänftigen; der Herzog selbst war eifrig bemüht, jeden Einzelnen zur Unterordnung zu bestimmen. Es wurde durch ihn und den Ausschuß vorgeschlagen, einzelne Stände zum Schießen mit Einstemmen einzuräumen, auch Festgaben dafür auszusetzen. Aber die Süddeutschen setzten eine Ehre gerade in die Concurrenz und wollten von besonderen Ständen nichts wissen. Es stand immer noch kritisch. Da erhob sich bei der Festtafel Berthold Auerbach und sprach in seiner zugleich sinnigen und markigen Art Worte voll Nachdruck und Eindruck. Er verglich zuerst Schriftsteller und Schützen in ihren Mitteln, der Feder und der Büchse von Stahl, und in dem Wege, auf welchem sie ihre Ziele erreichen, dem vielmaligen Drucke, dessen die Schriftsteller, dem einen Drucke, dessen der Schütze bedürfe. Dann forderte er für beide das rechte eine Ziel. Ob eingestemmt oder mit freiem Arm, das gelte gleichviel, der treffe in’s Schwarze, der sich füge und unterordne. Hätten die Süddeutschen sich um einer solchen Bagatelle willen ausgeschlossen, so hätten sie das „deutsch“ aus ihrem Namen streichen sollen. Das sei des Uebels Kern: „tausend Wege und keine Bahn, tausend Meinungen und kein Gehorsam!“ Gewaltig war die Wirkung dieser Worte, überall klangen sie an und hallten sie nach, nicht blos bei der Festtafel, wo nach diesem Redner kein andrer aufzutreten wagte, sondern in der Schießhütte, auf dem ganzen Festplatze, wo Einer dem Andern davon mittheilte. Der Schriftsteller hatte in’s Schwarze getroffen! Nur einzelne Wenige entfernten sich, bei weitem die Meisten blieben und fügten sich, und Manchem gelang es auch so, wie er nicht gewohnt war zu schießen, eine Festgabe zu erringen,

Jeden Vormittag vertheilte der Herzog selbst die als Prämien ausgesetzten Festgaben an diejenigen, die an den vorausgegangenen Tagen die meisten Treffer erlangt hatten. Fröhlich ging es dabei her. Denn von mehreren Seiten war für diesen Zweck ein Festtrunk geliefert worden, feine Biere von Culmbach und Gotha, vorzügliche Weine von Schweinfurt, von Hallgarten im Rheingau (vom Gute des alten Itzstein – der Geber, Dr. Eisenlohr, empfing ein dankendes Telegramm), von Pfälzer und von Wormser Schützen. Der glückliche Gewinner mußte seine Eroberung hoch empor halten über die dicht um den Gabentempel gedrängten Zuschauer und wurde mit Zuruf begrüßt, die vertheilten Becher empfingen ihre Weihe im Festwein, einen Pokal Liebfrauenmilch leerte der Herzog auf das Wohl der Stadt (Worms), wo solcher Wein gedeihe. Wie erwähnt, waren auch denen Festgaben ausgesetzt, die während des ganzen Festes am meisten in’s Schwarze getroffen hatten; diese Gaben, sowie die für die vier Hauptscheiben und die Scheibe „deutsche Flotte“ bestimmten Ehrengaben wurden am Abend des letzten Tags, gleichfalls vom Herzog persönlich, den Gewinnern eingehändigt. Unermüdlich hielt dieser dabei bis in die späte Nacht aus.[1] Der Wein floß auch da noch in Strömen. – Einige Schützen trugen fast Berge von Gewinnen davon, und wir hörten darüber manche Klage, daß die Schießordnung dies nicht genug verhindert und damit den „Brodschützen“ zu große Vortheile eingeräumt habe. Als die sichersten und eifrigsten Schützen mit freier Hand bewährten sich de Leuw aus Arnheim und Keil aus Sondershausen ohne Diopter (jener schoß auch da ohne Diopter, wo dasselbe gestattet war), und Dorner aus Nürnberg mit Diopter. Beim Aufgelegtschießen that sich ein Schütze – wenn ich nicht irre, Kummer aus Dresden – dadurch hervor, daß er, nachdem er die Büchse aufgelegt und gezielt hatte, seinen Hut darüber deckte, dann noch eine Zeit wartete und, ohne visiren zu können, abschoß, aber fast regelmäßig in’s Schwarze traf, ein Kunststück, das fast wie eine Satire auf das Schießen mit Auflegen gedeutet werden könnte. Die Glücklichen, welche die besten Schüsse auf die vier Hauptscheiben hatten, waren Trump aus Stutzhaus bei Gotha und de Leuw aus Arnheim aus freier Hand, und Reinhard aus Frankfurt a. M. und Koch aus Kiel mit Auflegen.

Wir nannten es ein nicht allen Wünschen entsprechendes Resultat, daß so wenig aus freier Hand und ohne Hülfsmittel geschossen wurde; denn das ist doch ohne Zweifel die allein wahre Kunst zu schießen, die keiner äußeren Hülfsmittel, keiner besonders construirten Büchse bedarf, um zu treffen, die auch im freien Felde zu jeder Zeit angewandt werden kann. Aber freilich, es war ein erstes deutsches Schützenfest, erst von ihm wird sich eine neue Periode der deutschen Schießkunst datiren, erst wenn über der Schützengilde der Schützenbund steht, wenn die Gilde damit aus dem engen Kreise ihres Herkommens in das fortschreitende Leben der Gegenwart eintritt, erst dann wird die Schießkunst den Wünschen und Anforderungen der Gegenwart genügen.

Indessen wir legen auf das Wettschießen und seine Erfolge nicht zu großen Werth, obgleich es den Mittelpunkt und eigentlichen Zweck des Festes bildete; es kommt auch auf den rechten Hintergrund an. Wir haben der „Schießteufel“ und „Brodschützen“ gedacht; das öffentliche Kampfspiel für sich, ohne das Vorwiegen der nationalen Idee, hat nur die Bedeutung einer Kunstproduction,

[540]

Fechtriege.     Festreiterei.     Turnerfahnen.     Das große Schießhaus.     Der Festzug während der Rede des Herzogs.     Gabentempel     Liedertafeln und Orchester
     Turner.      Festordner Ewald II.     Nach der Natur aufgenommen von Professor Schneider in Gotha.     Gothaische Communalschützen     Schluß des Zuges.
Der Herzog mit dem Comitè.

[542] eines eitlen, ja den Hader hervorrufenden Spieles. In Olympia konnten Hellenen ihren Siegen über Hellenen Denkmäler setzen, in Olympia wurde einem Nero der Kranz des Siegers gereicht. Den rechten Sinn erhält und bewahrt der Wettkampf nur da, wo die nationale Idee über ihm steht. Diese aber wirkte hier auf den Wettkampf im Schießen vor Allem durch das Zusammenleben in feierlicher Freude. Von den Festtafeln, von den Bällen, von den Zusammenkünften Abends in Häusern und Schenken, vom Zusammensein mit der Jugend der Turner wurde auch in den Schützen jener rechte Geist vaterländischer Gesinnung genährt, belebt und gehoben.

Die Festtafel bildete ja unsere Rednerbühne; an ihr fanden sich die geistigen Bundesgenossen. Um einem Ueberstürzen der Toaste vorzubeugen, war die Einrichtung getroffen, daß ein Mitglied des Festausschusses den Vorsitz führte und jeder, der sprechen wollte, sich zum Worte zu melden hatte, und dadurch gelang es, eine wohlthätige Ordnung zu erhalten. An dieser Festtafel nahmen alle Stände, beide Geschlechter Theil, nicht blos der fidele Bruder, der gemüthliche Zecher, sondern auch manch bedeutender Mann; der Herzog selbst saß am ersten Tage mitten unter den Festgenossen, neben ihm Gustav Freytag. Und es fiel hier manch zündendes, tief ergreifendes Wort. Entsprang doch jedes aus geweihter Stimmung, sprach doch jedes zu begeisterten Herzen! Mehrere Trinksprüche feierten den Herzog, den Helden des Tages, den deutschen Mann und Fürsten, andere galten den deutschen Schützen und dem deutschen Schützenthum – der Herzog selbst erwiderte damit in einer liebenswürdig gewinnenden Weise –, dem Schützenbunde, dem deutschen Vaterland und seiner Zukunft, seiner Eintracht, seiner Einheit, dem deutschen Reich der Zukunft, den Deutschen im Auslande, den deutschen Frauen, den Kurhessen, den Schleswig-Holsteinern, der Schweiz, der deutschen Flotte. Kaum eine Frage der Nation blieb unberührt, alle ihre Wünsche und Hoffnungen, alle ihre Sorgen fanden einen Ausdruck. Von selbst versteht sich, daß die Stadt Gotha und ihre Bewohner, der Festausschuß und seine Abtheilungen und die sich aufopfernden Ordner nicht vergessen wurden. Berthold Auerbach namentlich war’s – einen andern Trinkspruch von ihm haben wir schon erwähnt – der, tief sinnreich von der „im Verborgenen schaffenden Arbeit“ ausgehend, dem Ausschuß ein Glas brachte.

Die Festtafel war auch der Platz, wo uns die Grüße aus der Ferne trafen, von wo aus sie nach der Ferne gingen. Das ganze Deutschland wollte ja mit uns sein und am Feste Theil nehmen, auch wer nicht kommen konnte! Telegramme wanderten hin und her, sie kamen von Potsdam, von Lauenburg, von Oldenburg, wo der kranke Julius Mosen die Worte abgefaßt hatte, aus Stade, aus Gütersloh, aus Emden, aus Ansbach, aus München, aus Hagenow, aus Bern, aus Hamburg, aus Graudenz, aus Midlum bei Cuxhaven; sie gingen an die eidgenössischen Schützen in Nidwalden, die noch am Abend mit dem Zuruf: „seid einig wie wir!“ dankten, nach Kassel an den Präsidenten der aufgelösten zweiten Kammer, Nebelthau, nach Oldenburg mit den Worten:

„Erharret ruhig und bedenkt,
Der Freiheit Morgen steigt herauf,
Ein Gott ist’s, der die Sonne lenket,
Und unaufhaltsam ist ihr Lauf.“

nach Kiel an die Brüder in Schleswig-Holstein, „in Hoffnung einer besseren Zukunft“, nach Windsor an den Prinzen-Gemahl, Herzog Albert, den Kronprinzen und die Kronprinzessin von Preußen, zum Danke für ihre Ehrengaben.

Das heitere und festliche Leben der Tafel setzte sich am Nachmittage und am Abend fort und verbreitete sich gewissermaßen von der Tafel aus mit deren Genossen über den ganzen Festplatz, namentlich am dritten und vierten Festtage; denn die beiden ersten, besonders der zweite, konnten sich nicht entschließen, dem Feste ein freundliches Gesicht zu zeigen. Da wimmelte es durcheinander, Männer und Frauen, Schützen und Turner, Norddeutsch und Süddeutsch, lachend und ernst, jubelnd und gerührt, unter dem Krachen der Büchsen und dem Donner der Böller. Musikchöre spielten auf drei Plätzen, am Nachmittage des dritten Tages trugen die Männergesangvereine Gotha’s die schönsten deutschen Lieder vor. Abends beleuchteten Gaslampen und bunte Papierlaternen den Platz, die Kränze spendende Germania strahlte vom Gabentempel herab, in dem Wäldchen dahinter, unter den Bäumen vorn, in und vor den Trinkhallen und Speisesälen saßen Tausende bei Wein und Bier, da und dort trat ein Redner auf – einer brachte seinen Spruch ein paar Mal – dort stimmte ein flotter Bursche ein Lied an. Und so war’s auch in der Stadt selbst, nach der ein Theil der Gäste zurückströmte, auch dort herrschte in allen Schenkstätten bewegtes Leben. Hauptsächlich war dies an den Abenden des 8. und 10. Juli der Fall. Denn an diesen beiden Abenden versammelten sich die Festgenossen zum Ball im Theater, am ersten Tag zum „Turnerball“, am zweiten zum „Schützenball“. Hier war über das Parquet und das Parterre ein Fußboden gelegt und dadurch eine Verbindung mit der Bühne und ein großer Saal hergestellt worden, alle Logen, alle sonst benutzbaren Räume, auch die Colonnade an der äußeren Seite standen den Gästen offen, glänzende Beleuchtung, eine geputzte Menge, ein reicher Flor frischer Mädchen, endlich die persönliche Gegenwart und Theilnahme des Herzogs übten einen besonderen Zauber. Aber bald waren die großen Räume so überfüllt, daß nur eifrige Tänzer zurückblieben, wir Andern hingegen in freundlichen benachbarten Hallen unterzukommen suchten.

Bei diesen Bällen, wie beim ganzen Fest, machten die Turner, so zu sagen, die leichten Truppen der Armee. Sie hatten am Vormittag des 8. Juli eine Berathung gepflogen, am Nachmittag desselben Tags fand auf dem schön geschmückten Turnplatz hinter dem Friedenstein ein Schauturnen Statt, bei dem sich die Leipziger Turner, die Turnlehrer Metz aus Hannover und Löhnert aus Coburg, sowie einige Turner aus Pösneck, Zeitz und Gotha hervorthaten. Am anderen Tage, trotz des schlechten Wetters, unternahm der größte Theil der Turner eine Turnerfahrt nach dem Thüringer Walde. Wir übergehen deren Einzelheiten und erwähnen nur den feierlichen Empfang in Waltershausen, die freundliche Aufnahme in Schnepfenthal und die Feier am Grabe von Gutsmuths. Am Abend kehrte die Schaar, vom Regen zwar schwer verfolgt, aber nicht in der Laune gestört, nach Gotha zurück, zog mit Musik und Fackeln unter den abgeholten Fahnen auf den Hauptmarkt und beschloß da mit Rede und Lied das Thüringer Turnerfest. Viele reisten alsbald ab, aber viele, namentlich die aus größerer Ferne, blieben auch noch, schwärmten an den folgenden Tagen auf dem Festplatze unter den standhaften Schützen poculirend und jubilirend, neckend und scherzend umher und trugen nicht wenig dazu bei, daß das Fest den Charakter jugendlicher Frische behielt.

So verliefen die Feiertage von Gotha freudig, aber zugleich ernst, in jener Haltung, die nur aus gehobener Stimmung entspringt. Mancher Becher Wein und manches Seidel Bier wurde geleert, aber kaum war ein Betrunkener zu erblicken. Eine Nordamerikanerin, die auf dem Festplatze anwesend war, soll sich beim Anblick aller Trinkhallen und aller Trinker in beständiger Angst nach Betrunkenen umgeschaut und über nichts mehr gewundert haben, als daß sie nicht einen einzigen zu sehen bekam.

Was in den geselligen Zusammenkünften den Grundton bildete und die Stimmung erhob, das suchte durch die Verhandlungen einen klaren Ausdruck zu gewinnen und ein bleibendes Werk zu gründen. Ueber das Maß des Dienlichen gingen die Ansichten zuerst aus einander. Stimmen aus Süddeutschland drängten auf Volksbewaffnung, wenigstens auf militärische Organisation des Schützenwesens, hin. Andere, unter ihnen namentlich die Ausschußmitglieder von Gotha, waren gegen einen so weit gehenden Plan. Sie wendeten mit Recht ein, daß damit von vorn herein über das Ziel hinausgeschossen werde, daß man für jetzt nur die deutschen Schützen zu einem Bunde vereinigen und dadurch um ganz Deutschland ein neues nationales Band schlingen könne, dagegen, wenn man das Schützenwesen jetzt militärisch organisire, um eine Volkswehr dadurch zu begründen, nur einen Theil der Schützen dazu gewinnen und in das Schützenthum selbst, statt es unter einen Hut zu bringen, gleich bei der ersten Wiederbelebung den Keim der Spaltung lege und der ohnedies mißliebigen Sache neue Gegner erwecke; das Schützenthum sei aber auch in seiner jetzigen Gestalt nicht zu einer Volkswehr geeignet und könne sich erst durch die allmähliche Entwickelung, die der Schützenbund mit sich bringen werde, dazu heranbilden lassen; es fehle endlich für die Auswahl einer Schußwaffe zur Zeit an genügenden Erfahrungen. Nach mehreren Besprechungen wurde am Dienstag (den 9. Juli) Abends eine Vorverhandlung improvisirt, um das Ziel des auf den 11. Juli ausgeschriebenen Schützentages festzustellen. Der Herzog selbst führte den Vorsitz und nahm, wie es in der Natur dieser Berathung als [543] einer bloßen Besprechung lag, an derselben den lebhaftesten Antheil, indem er für das Programm des Ausschusses von Gotha in die Schranken trat. Seine glänzende Begabung zeigte sich dabei im hellsten Lichte; mit frisch lebendiger Auffassung und Darstellung verband er die schärfste Kritik und eine Kraft der Dialektik und Analyse, die Jedermann in Staunen setzte; ein solcher Fürst, mußten wir uns sagen, läuft keine Gefahr, sein Ansehen auf’s Spiel zu setzen, wenn er sich dem gemeinen Manne gleichstellt. Ihm gegenüber vermochte denn auch keine andere Ansicht Stand zu halten, und es wurde beschlossen, der Versammlung am Donnerstage nur die Gründung eines Schützenbundes und die Bestellung eines Ausschusses zur Ausführung vorzuschlagen.

Der Herzog selbst eröffnete auch diese Versammlung mit einer meisterhaften Rede, die mit Recht durch alle Zeitungen gelaufen ist. Nachdem er den Schützen, die der Einladung gefolgt waren, in lebendigen Worten gedankt hatte, sagte er: die Zeit, in Worten allein zu glänzen, sei vorüber, das deutsche Volk verlange Thaten zu seiner Kräftigung und Einigung, man spreche von Gefahren, die dem Vaterlande drohen, aber es gebe keine Gefahren, wenn ein Volk stark und einig sei. „Auch wir Schützen,“ sprach er, „haben Veraltetes schwinden zu lassen und mit dem Alles bewegenden Geiste der Zeit vorwärts zu schreiten. Lassen Sie uns vergessen, wo unsere Wiegen stehen, ob im Norden oder Süden, ob im Osten oder Westen Deutschlands; lassen Sie uns einen großen, gemeinsamen, deutschen Schützenbund gründen, einmal, um gemeinsame Normen zu finden für die größern und kleinern Schützenfeste, eine gemeinsame Schützenordnung; zum andern Mal, um die ganze Schaar des großen Bundes der bewaffneten und gut geschulten Jugend gleichsam als eine Reserve der Armee an die Seite zu stellen.“ Er schloß mit der Aufforderung, sich zur Erklärung der Uebereinstimmung zu erheben. Begeistert folgte die ganze Versammlung, die schon vorher während der Rede öfters in Beifallsruf ausgebrochen war, unter lautem Jubel. Der Herzog erklärte den Schützenbund hiermit gegründet und schlug vor, eine der Städte Frankfurt, Bremen und Gotha mit der Leitung der Verhandlung der Versammlung zu beauftragen. Aber v. Heyman aus Bremen trug darauf an, den Herzog um Uebernahme des Präsidiums zu ersuchen, und die Versammlung trat einstimmig bei. Der Herzog nahm den Vorsitz an, indem er die förmliche Leitung der Debatte dem ersten Vorsitzenden des Ausschusses von Gotha, Ministerialrath Braun, übertrug. Der zweite Vorsitzende dieses Ausschusses, Staatsanwalt Sterzing, entwickelte hieraus die Vorschläge desselben im Wesentlichen dahin, daß ein Ausschuß zur Ausführung des eben beschlossenen Schützenbundes gewählt und mit dem Entwurf einer Schützenordnung und der Vorbereitung und Leitung des nächsten deutschen Schützenfestes beauftragt werde. Mehrere Redner wünschten schon jetzt specielle Bestimmungen zu treffen und dabei das Hauptgewicht auf die deutsche Wehrverfassung zu legen; v. Kolb aus Rendsburg verlangte dagegen energisch in durchschlagenden Worten Unterordnung unter den gewählten Führer (den Herzog), einen besseren gebe es nicht, und der Herzog selbst empfahl, das nächste Ziel einzuhalten und nur in allgemeinen Grundzügen festzustellen, den Ausschuß aber aus den Ausschüssen der Städte Frankfurt a. M., Bremen und Gotha zu bilden. Nach einigen Verhandlungen wurden die Anträge des Festausschusses und der Vorschlag des Herzogs angenommen, dann setzte die Versammlung noch den Beitrag jedes dem Schützenbunde beitretenden Mitgliedes zur Bestreitung der Kosten auf 5 Groschen fest und ermächtigte den Ausschuß, sich auch mit Gründung einer Schützenzeitung zu beschäftigen. Als der Herzog hierauf den Schützentag für geschlossen erklärte, scholl ihn, abermals vielfacher Zuruf entgegen.

Zu der That, er hatte sich wohl um die Sache verdient gemacht. Denn es ist ein bedeutendes Werk, dieser Bund der deutschen Schützen; er wird im Frieden mit heiteren Festen alle Stämme Deutschlands vereinigen und aneinander ketten und die Idee nationaler Gemeinschaft unaustilgbar in einem Jeden befestigen, zugleich aber die Möglichkeit geben, daß im Kriege „gleichsam eine Reserve“, ein Landsturm bewaffneter Bürger, der Armee, an die Seite tritt. Und gerade daß der Bund nur in dieser Form, in dieser Beschränkung gegründet worden ist, gerade dies sichert sein Bestehen und Wachsthum und seine Bedeutung. Daß er aber in dieser Form und trotz der verschiedenen Ansichten so einmüthig, unter so großer Theilnahme zu Stande gekommen ist, daran hat die persönliche Mitwirkung des Herzogs Ernst den stärksten Antheil.

In Gotha’s Nachbarschaft, in Langensalza, wurde vor etwas länger als drei Jahrhunderten, im Jahre 1556, ein „Luftschießen“ mit Armbrusten und „Feuerröhren“ gehalten, dem viele Schützen aus allen Ständen, zum Theil aus weiten Entfernungen, z. B. aus Kassel und Leipzig, beiwohnten. Es war das Jahr, nachdem der Reichstag zu Augsburg die neue Confession anerkannt hatte, man feierte damals Religionsfrieden und Religionsfreiheit, und das Fest war, wie der Chronist im classischen Style des 16. Jahrhunderts mit ausdrucksvollen Worten berichtet, „ein Fest der Friedlichkeit und Genügsamkeit und treuherzigen Freudigkeit.“

Nicht so wie jene Schützen konnten wir auf Lorbeeren ausruhen, nicht so harmlos war das Fest von Gotha. Immer klang in die Freude herein die deutsche Noth. Aber daraus entsprang auch die Weihe des Festes, seine ernste Haltung, die Stimmung begeisterter Opferbereitschaft. Und diese Stimmung, diese Weihe wird Keinen verlassen, der mit in Gotha war, Jeder wird sie hinaustragen und weiter verbreiten. Durch die gemeinsame Sprache sind wir nur ein Volk, durch die gemeinsame Ehre sind wir eine Nation. Die Ehre Deutschlands war das Banner dieses Festes der Nation, der Gedanke der Festgenossen. Alles dies scheint mir am Treffendsten ausgesprochen in dem Liede eines unbekannt gebliebenen Verfassers, mit welchem die „Schützenfestzeitung“ eröffnet wurde; es lautet:

Nur Tage noch, wir sind am Ziel
Zum friedlich frohen Waffenspiel!
Um uns des Friedens leuchtende Spuren,
Segen der Arbeit, wallende Fluren.
Böller und Büchsen, Humpen und Becher,
Turner und Schützen, Sänger und Zecher
Lobsingen die Freude.

Doch weckt des Freudenschusses Schall
Den fernen ernsten Wiederhall.
Klingt uns der Schuß nicht Mahnung der Schlachten,
Mahnt er uns nicht an tückisches Trachten?
Tapferer Stolz auf edelste Güter,
Heilige Sorge füllt die Gemüther
Zur Weihe der Freude.

Die Freude kommt aus freiem Muth,
Und Freiheit sprießt aus rothem Blut.
Fröhliche Kämpfer, frisch in die Schranken,
Gaben der Welt wir freie Gedanken,
Daß wir dem Namen Ehre bereiten,
Dem Namen der Ehre.

Dem deutschen Namen, der uns ehrt,
Der Freude und der Treue werth!
Freudige Eintracht festlicher Stunde
Halten wir fest zum ewigen Bunde,
Bleiben ihr treu zum Trotz der Verräther,
Bleiben getreu dem Namen der Väter
Im Bunde der Freude.

Auch schlichtes deutsches Bürgerthum
Erglänzt in lichtem Heldenruhm.
Schlug es nicht einstmals reisige Heere?
Herrschte der Kaufmann doch auf dem Meere!
Gab nicht der Wehrmann blutige Streiche?
Bei dem Soldaten ruht seine Leiche
Im Bette der Ehre.

Wohl zieht nicht jeder mit hinaus
In blutig wilden Schlachtengraus.
Mehr als uns selber, unsere Söhne
Geben wir Preis, in Jugend und Schöne,
Unsere Söhne, waffengewandte,
Zeigen die alte, weltenbekannte
Teutonische Kriegswuth.

  1. Es sei hier eines spaßhaften Quidproquo gedacht. Eine Schützengesellschaft, ich denke die von Fulda, hatte zwei silberne Trinkbecher mit vier Flaschen Johannisberger zur Ehrengabe gestiftet. Der Wein konnte natürlich im Gabentempel nicht aufgestellt werden, ohne zu verderben, aber symbolisch wollte man ihn doch unter den Geschenken paradiren lassen, der Wein kam also, wo er hin gehört, in den Keller, und an seine Stelle traten vier mit Wasser gefüllte, aber wohl versiegelte und stattlich mit Etiquette versehene Flaschen. In der Eile der Preisvertheilung am letzten Abend fiel es aber Niemandem ein, an diesen Tausch zu denken, und der Schütze nahm richtig seine vier Flaschen Johannisberger-Wasser in Empfang und mit nach Hause. Das Schicksal wollte nun, daß der glückliche Schütze hier ein anderes glückliches Ereigniß, eine Kindtaufe nämlich, zu feiern hatte. Die Gäste sind geladen, der Johannisberger soll die Krone des Festes bilden, gespannt ist die Erwartung. Da, o Schrecken, entströmt den schönen Flaschen ein Stoff, den keine Zungenprobe, keine Analyse anders nennen kann als reines Wasser!