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Das bezauberte Kind

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Das bezauberte Kind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 464
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Bearbeitungsstand
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[464] Das bezauberte Kind. Man hat wohl schon Geschichten von dem Zauber gehört, den gewisse Schlangen auf Thiere ausüben, auch von Schlangenbeschwörern, welche auch andere Thiere durch den bloßen Blick bändigen u. s. w., aber wohl noch nie von der geheimnißvollen Macht, den Schlangen auch auf Menschen ausüben. Um so überraschender ist ein Fall, den der „St. Louis Herald“ vom 12. Juli dieses Jahres mit der Versicherung erzählt, daß sich Alles thatsächlich so verhalte. Ein Mann, Namens O’Mara (ein eingewanderter Irländer) hatte ein zartes, schwächliches Kind von etwa 13 Jahren, welches durch den Tod einer Schlange vorige Woche unter folgenden Umständen starb. O’Mara wohnt an der Copperas-Bucht in der Grafschaft Franklin unweit dem Depot der Eisenbahn, welche zum stillen Oceane führt. Vor etwa neun Monaten fing das Kind an blaß und mager zu werden und abzuzehren, obgleich es bisher frisch und voll gewesen und keine Krankheitssymptome ausfindig zu machen waren. Während des Winters trocknete sie schmerzlos und ohne Klage zu einem bloßen Skelett Zusammen. Mit einbrechendem Froste schien sie wieder aufzuleben. Im Frühjahr fing sie an, regelmäßig jeden Tag zu einer bestimmten Stunde auszugehen und sehr hungrig zurückzukommen, obgleich sie stets Butterbrot mitnahm. Sie war nicht dahin zu bringen, zu Hause Gemüse oder Fleisch zu essen. Ihr regelmäßiges Verschwinden alle Tage zur bestimmten Stunde fiel endlich auf, so daß Nachbarn den sonst ziemlich unbekümmerten Vater vermochten, ihr eines Tages unbemerkt nachzugehen. Sie eilte nach einem entfernten Punkte der Bucht, setzte sich dort nieder und blieb regungslos mit ihrem Butterbrote sitzen, bis ihr Vater mit Schrecken eine große schwarze Schlange herankreiseln und den Kopf auf ihren Schoß legen sah. Das Mädchen fütterte jetzt die Schlange, welche jedesmal fürchterlich zischte, so oft sie selbst ein Stück zu essen versuchte, so daß sie es erschreckt wieder aus dem Munde nahm und ihr gab. Der Vater, von fürchterlichster Angst ergriffen, wagte nicht sich zu bewegen, aus Furcht, die Schlange möchte das Kind und ihn tödten. Aber ein unwillkürlicher tiefer Athemzug, den die Schlange zu hören schien, vertrieb sie. Das Mädchen sprang auf und bat zu Hause um mehr Butterbrot. Sie hatte den Vater nicht bemerkt, der ihr nun auch auf ihrem zweiten Wege unbemerkt, mit einer Flinte bewaffnet, nachging. Als die Schlange nun wieder herankreiselte, schoß er sie durch den Kopf, noch ehe sie dem Kinde nahe gekommen war. Sie wälzte und rollte sich in fürchterlichen Windungen. Das Kind fiel ohnmächtig zusammen und wurde zwar wieder zu sich gebracht, aber nur, um unter den fürchterlichsten Krämpfen und Zuckungen, welche denen der Schlange ganz ähnlich waren, in demselben Augenblicke zu sterben, als die letzten Spuren des Lebens aus dem Körper der Schlange gewichen waren. Es war eine schwarze Schlange von der unschädlichen, d. h. nicht giftigen Art, 7 Fuß 6 Zoll lang. Durch die Aussagen des Vaters hat sich herausgestellt, daß das Mädchen seit undenklichen Zeiten nichts zu Hause gegessen, sondern Alles was sie bekommen, der Schlange gegeben, so daß sie nur von dem, was sie zuweilen übrig ließ, ihr Leben gefristet haben kann.