Zum Inhalt springen

Das Zillerthal bis zur „Berliner Hütte“

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. Vogel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Zillerthal bis zur „Berliner Hütte“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 483, 484
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[483] Das Zillerthal bis zur „Berliner Hütte“. (Zu dem Bilde S. 484.) Zwischen Jenbach und Brixlegg, auf der rechten Seite des Inn, öffnet sich das Zillerthal ins Innthal. Gleich einer 34 km langen Furche zieht sich von hier aus das untere Zillerthal in fast gerader, südlicher Richtung bis Mairhofen hin, während seine durchschnittliche Breite nicht viel über einen Kilometer beträgt. An beiden Seiten steigen überaus saftiggrüne Matten an den Geländen der bis zu 2000 m hochragenden Berge empor, vielfach unterbrochen von dunklen Kiefernwäldchen, an deren Saum wohl hier und da eine weiße Kapelle oder eine dorfumrahmte Kirche über Obstgärten hinweglugt in das tiefer liegende Thal. Fast in der Mitte desselben führt meist in unmittelbarer Nähe des Zillers die wenig schattige Chaussee durch blühende Dörfer und Flecken, die mit ihren sauberen, weißgetünchten Häusern einen anheimelnden Eindruck machen.

Ueber Fügen und Zell erreichen wir endlich das Ende des unteren Zillerthals in dem in großartiger Gebirgsscenerie gelegenen Mairhofen. Rings in einem Halbkreise wird es von Bergriesen umgeben, unter denen besonders die zweigipflige Ahornspitze (2971 m), die schlanke Pyramide des Tristners und der massige Grünberg hervorragen. Gegen Norden schweift der Blick durch die tiefe Furche des Zillerthals, bis er durch das quer vorlagernde Sonnenwendjoch am jenseitigen Ufer des Inn aufgehalten wird. Nach Süden zu verästelt sich das Thal gleich den vier gespreizten Fingern einer Hand in den Zillergrund, in das Stillup-, [484] Zemm- und Tuxerthal, von denen das Zemmthal bei weitem das großartigste und daher auch das besuchteste ist. Den Glanzpunkt dieses Thales bildet das Ziel Tausender von Wanderern: die „Berliner Hütte“.

Hinter Mairhofen führt der Weg bald bergauf. Immer mehr verengt sich das Thal, immer näher treten besonders zur Linken völlig senkrechte, schroffe Wände heran, und ein gewaltiges, donnerähnliches Getose verkündet uns die Nähe der Dornaubergklamm. Nur wenige Schritte vom Wege sieht man plötzlich auf einem Vorsprunge in jäher Tiefe unter sich die schäumenden Wassermassen des Zemmbaches sich vergeblich gegen die Felswände ihres Kerkers bäumen. –

Ueber Felstrümmer und künstlich angebrachte Holzstege führt der schmale Pfad weiter durch das in einem Gebirgskessel lieblich gelegene Ginzling nach längerem Marsche zu dem nur aus einem komfortablen Gasthause bestehenden „Bad“ Neu-Breitlahner, wo sich, durch den vorlagernd massigen Greiner gezwungen, das Zemm- und das Zamserthal gabeln. – Wir wandern das Zemmthal weiter, und bald öffnet sich eines jener öden, völlig abgelegenen Alpenthäler, wie man sie in Tirol nicht selten findet. Von Steingeröll übersäet, wird dieses Thal von dem in behaglicher Breite träge dahinschleichenden Bache durchzogen, der allerdings nach einer Stunde Wegs aus einer Höhe von mehr als 200 Metern seine gewaltigen, tosenden Wassermassen thalabwärts ergießt. Auf einem von der Sektion Berlin des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins erbauten, höchst bequemen Reitweg (der Anstieg über den sogenannten „Berliner Schinder“ wird nicht mehr benutzt) gelangt man zur Grawandalpe und weiter in einem halbstündigen unbeschwerlichen Steigen zu der 2054 m hoch gelegenen „Berliner Hütte“.

Ansicht von Nordosten.
Ansicht von Nordwesten. 
Die „Berliner Hütte“ im Zemmthal.

In unmittelbarster Nähe bietet sich dem Auge des Beschauers eine Gletscherwelt dar, deren Großartigkeit wohl zu überwältigen vermag. Fast von unserem Standorte aus als dem Centrum ziehen sich rings im Halbkreise Firne und Gletscher, hier „Kees“ genannt, in blendender Weiße noch etwa 1400 m empor. Aus ihrem obersten Rande ragen mächtige nur zum Teil beeiste Berggipfel hervor: der Große Mörchner, der Schwarzenstein, die Hornspitzen, der Thurnerkamp, als höchster von ihnen der Große Mösele (3480 m), das Schönbichler Horn und der Große Greiner, während die sie verbindenden Schneefelder und Firnmulden sich in scharf gezeichneten Linien klar vom hellblauen Himmel abheben. Das alles ist zum Greifen nahe, und man meint nur die Hand ausstrecken zu brauchen, um es zu berühren. Das Waxeck- und das Hornkees strecken ihre langen Gletscherzungen fast bis unmittelbar vor uns in den geröllbedeckten Thalboden. Die obenstehenden Abbildungen geben die großartige Scenerie wieder. Die obere ist von Nordosten, die untere von Nordwesten aufgenommen. Im Hintergrunde des oberen Bildes ragen der Greiner und das Schönbichler Horn empor; auf dem anderen dagegen sehen wir links den dunklen spitzen Roßrucken und rechts den Waxeckgletscher, überragt vom Großen Mösele.

Bis 1879 diente den Touristen die etwa 400 Schritt von der Berliner Hütte gelegene Schwarzensteinalpe znr dürftigen Unterkunft, die freilich dem nur spärlichen Besuche dieser Gegend lange Zeit genügte. Erst die in jenem Jahre von der Berliner Sektion des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins erbaute neue Hütte bot eine bequemere Unterkunft; zugleich wurden die Wege mit großen Kosten gangbarer gemacht und die gefährlichen Stellen mit einem Schutzgitter versehen, so daß der Aufstieg nunmehr völlig gefahrlos war und ohne besondere Mühe auch von Damen unternommen werden konnte. Der Touristenverkehr hob sich daher bald in solchem Maße, daß im Jahre 1885 ein zweites und 1892 ein drittes Gebäude errichtet werden mußte. In diesem Entwicklungsstadium stellen unsere Aufnahmen die Unterkunftsstation dar. Während sich in dem linken Seitenflügel die altdeutsch eingerichtete Wirtsstube, die geräumige Küche und das Führerzimmer befinden, bildet der zweistöckige, nach der Gletscherseite gelegene Bau das Logierhaus, welches 23 kleinere Zimmer mit über 60 Betten umfaßt. Im vorigen Sommer ist die Hütte durch Anbau eines neuen Speisesaales wieder erweitert worden, und sie hat auch einen künstlerischen Schmuck erhalten. Der Berliner Bildhauer Hermann Hidding hat ein großes Relief entworfen, das den Gründer und Ehrenpräsidenten der Sektion, Professor Dr. Julius Scholz, darstellt. In dem Speisesaal befindet sich ein herrliches Werk des Malers Josef Rummelspacher, des Künstlers, der das allen Besuchern der letzten Berliner Gewerbeausstellung bekannte Panorama „Zillerthal“ geschaffen hat. Das Bild stellt das originelle Panoramagebäude und seine Umgebung auf der Ausstellung dar. Dr. Vogel.