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Das Versteck

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: W. i. Zehlen
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Titel: Das Versteck
Untertitel:
aus: Tropenglut und Leidenschaft, Band 34 Das Gold der Llanos, Seite 303–320
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Erscheinungsdatum: 1935
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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[303]
Das Versteck


Skizze
von
W. i. Zehlen

[304]  

[305] Der alte Fischer Klaus Udder hatte einen Vogel. Das wußte das ganze Dorf dort oben an der Ostsee, das wußten die Stammgäste, unter denen sich so mancher befand, der nun schon mit – oder ohne Familie seit vielen Jahren nach Neuhof kam, denn das Dörflein hinter den Dünen und unter den alten Linden und Kastanien erhob noch immer keine Kurtaxe und kannte keine Kurkapelle und keine Badeanstalt: Es war urwüchsig geblieben wie der Menschenschlag, der es dauernd bewohnte.

Aber wie gesagt: Klaus Udder hatte einen Vogel! Er war viel in den Tropen als Matrose gewesen und hatte den Vogel von dort mitgebracht, vom Amazonas, und gleich in doppelter Gestalt, und darauf kommt es hier an.

Der eine Vogel war in einem Käfig untergebracht, den Klaus einmal selbst gezimmert hatte. Das war lange her. Der andere Vogel lebte in Udders Kopf und verhielt sich dort zumeist ganz ruhig, jedenfalls ruhiger als der wirkliche Vogel, der zur Familie der Aras gehörte und ein Riesenvieh [306] von fast Meterlängen war. Sein wissenschaftlicher Name lautete Aratanga, er selbst kreischte – denn rufen konnte man das nicht mehr nennen! – immer nur Schoppskopp, womit er sich selber meinte, und Klaus hatte ihn natürlich Lore getauft, obwohl Schoppskopp ein Männchen war und mithin das plattdütsche Schoppskopp – Schafskopp zumindest dem Geschlecht nach weit mehr das Richtige traf.

Was nun den anderen, unsichtbaren Vogel angeht, so hatten es damit eine merkwürdige Bewandtnis. Doch davon mag später geredet werden.

Es war nun wieder mal Sommer geworden, und der alte Klaus pinselte an der Veranda seines Häuschens herum. Seit seine Älteste, die Marie, den Jan Krog geheiratet hatte, war der verwitwete Klaus nach oben in die Giebelstube gezogen und hatte den jungen Leuten unten Platz gemacht. In der zweiten Giebelstube hauste der Spätling, die um fast fünfzehn Jahre jüngere Anneliese, immer nur die lustige Liese genannt.

Klaus Udder pinselte also, und neben ihm auf dem Geländer saß Schoppskopp und gab über die Farben sein Gutachten ab, denn das konnte er, er war so wundervoll scharlachrot und blau und gelb, daß er schon deshalb etwas von Farbentönung verstand. Ein Stückchen weiter ab lehnte an einer der Stangen zum Trocknen der Netze neben einem frisch geteerten Boot die lustige [307] Liese und kritisierte gleichfalls die Arbeit des Vaters, der so mehr wie ihr Großvater aussah …

„Das Grün ist zu hell, Vadder, nimm mehr dunkel hinein“, worauf der alte Klaus fünf Schritt rückwärts ging, den verwitterten Schädel auf die Seite legte und sein Werk betrachtete. Der Papagei machte diese Kopfbewegung nach Art gelehriger und an Umgang mit Menschen gewöhnter Vögel mit und schrie vorlaut: „Oll Schoppskopp – oll Schoppskopp …!“ womit er diesmal nicht sich selbst, sondern seinen Herrn meinte.

Klaus kniff nach dieser vernichtenden Kritik Lores die immer noch so klaren und listigen Augen noch kleiner zu und sagte zu beiden – zu Liese und zu Lore:

„Habt recht – zu hell! Das sticht in die Augen wie eine Bajonettspitze! Also mehr dunkel, – gut!“ Und dann wollte er mehr dunkel in den Farbtopf tun, aber da sah er den Briefträger mit der neuesten Zeitung und stellte den Farbtopf schnell beiseite, nahm das Blatt entgegen und rief Liese zu: „Mach weiter, du verstehst ja alles, Mädel!“ Und das stimmte: Liese verstand alles, aber sie war nur schwer zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten, dazu war die als Spätling zu sehr verwöhnt worden, hatte auch die Töchterschule besucht und hielt das ganze Dorf mit ihren übermütigen Streichen in Atem – am meisten die Männer, denn Anneliese war rank und schlank und [308] klug und noch manches andere, was sich so in der Eile nicht aufzählen läßt.

Vadder Udder verschwand mit der Zeitung im Dünenwalde und verkroch sich dort zwischen Krüppelkiefern und Strandhafer und studierte eifrigst und verglich einen Zettel, den er unter dem Deckel seiner dicken silbernen Uhr versteckt hatte, mit dem Gedruckten und begann sich dann den grauen Schädel zu kratzen und dachte so angestrengt nach, daß er zu schwitzen begann und das wollte viel heißen: Wenn Klaus Udder mal schwitzte, dann ließ ihn eben sein Gedächtnis im Stich, und das war heute hier in diesem Falle besondern schwerwiegend, sogar katastrophal.

Nachdem Udder sein spärliches Haar förmlich zerrauft und auch seine Stirn erfolglos massiert hatte, schlich er wie ein Verbrecher in sein Stübchen nach oben und durchwühlte Schränke und Truhen und seine alte Schiffskiste und seine chinesischen Lackschränkchen und … – jedenfalls: Er krempelte alles um und um!

Für den Rest des Tages war mit ihm nichts anzufangen, so übelgelaunt war er, es geschah selten, daß er mal Lore oder Liese anschnauzte, heute passierte selbst das! Erst abends wurde er munterer. Als er dann nach alter Gewohnheit früh zu Bett gegangen war, meinte Liese zur älteren verheirateten Schwester:

„Vadder hat sicherlich wieder was vergessen!“

[309] Und die Schwestern lächelten sich verständnisvoll an und schauten zu Vaters Fenster empor und wunderten sich, denn droben brannte noch Licht, und der Käfig Lores konnte auch noch nicht zugedeckt sein, denn der Ara kreischte in kurzen Zwischenräumen sein freches: „Oll Schoppskopp … oll Schoppskopp … oll Schoppskopp!“

Ja, es brannte Licht. Und Klaus schwitzte wieder und malte mit unbeholfener Hand Buchstabe an Buchstabe und qualmte vor Eifer mächtige Wolken aus seiner Piep … endlich war er fertig, stellte sich aufatmend vor den Riesenkäfig hin und hielt Schoppskopp einen längeren Vortrag über den Wert moderner Einrichtungen. Schoppskopp legte den Kopf ganz schief und ließ sich den Hals krauen und schnatterte leise und zärtlich vor sich hin. Es klang wie eine Aufmunterung. Dann ging Klaus Udder zu Bett, träumte nur von Zahlen und wachte vor Schreck auf, krabbelte aus dem Bett und begann von neuem zu suchen. Es war nun draußen bereits hell … Nach einer halben Stunde hatte Klaus sich angezogen, rasiert und wanderte still zum größeren Nachbarort hinüber, die andren schliefen noch, und als auch sie sichtbar wurden, hatte Vadder schon wieder zu pinseln begonnen und bat um sein Frühstück.

Fünf Tage darauf erschien bei Marie Krog, der Ältesten, ein Herr und wollte für vier Wochen [310] ein Zimmer mieten. Mietete auch mit Morgenkaffee und Abendessen und gefiel den Bewohnern des Udder-Häuschens soweit ganz gut. Und doch nahm Vadder Udder ihn nachmittags mit in seine Dünenlaube und erklärte ihm hier unter anderem:

„Sie, Herr Bölke, das sag ich Ihnen gleich: Hände weg von der Anneliese! Erstens hält das Mädel ja doch nur alle zum Narren, und zweitens ist sie für so ’ne Sommerliebschaft zu schade! Tun Sie hier Ihre Pflicht und weiter nichts!“

Fritz Bölke nickte nur. „Selbstverständlich! Geschäft ist nur immer Geschäft bei mir!“ Und dann fragte er so nebenbei verschiedenes, und der alte Udder erzählte ihm:

„Daß waren damals in Brasilien wilde Zeiten. Unser Steamer hatte heimlich Waffen für die eine Partei geladen und wollte die Dinger nun an Land schaffen – auch heimlich. Wären wir dabei abgefaßt worden, hätte man uns aufgeknüpft oder mausedot geschossen. Das erste Boot – ich war Obermatrose und hatte das Kommando – war bereits leer, und ich hatte das Geld erhalten, denn beim Waffenschmuggel geht es immer Zug um Zug, da tauchten so ein paar Kerle auf, und ich mußte flüchten, ich stand als einziger noch an Land und erreichte auch glücklich eine ganz einsam liegende Siedlung, die nur aus drei [311] Gehöften bestand. Portugiesische Einwanderer hausten dort, waren noch nicht lange im Lande und hatten sich von aller Politik ferngehalten. Aber damals, Herr Bölke, genossen die Portugiesen einen sehr zweifelhaften Ruf als schlimme Halsabschneider. Ich gab ihnen Geld, das übrige Geld hatte ich versteckt. Sie merkten bald, wer ich war, und vermuteten bei mir mit Recht größere Summen … Sehen Sie, in den drei Wochen, die ich bei den Leuten zubrachte, immer in Angst vor dem Gehenktwerden und vor dem Verlust der großen Geldsumme, die ich beständig anderswo verbarg, weil sie mir nirgends sicher genug versteckt schien, ja, damals habe ich es mir angewöhnt, so sehr mißtrauisch zu sein. Ich weiß, daß ich außer der Lore noch selbst einen Vogel habe, aber ich kann nicht anders: Ich muß alles verstecken, was irgend von Wert für mich – so mancher hat sich in der heißen Zone einen Knax oder Klaps geholt, meiner ist eben: Verstecken! – Mit den Jahren ist das immer schlimmer geworden, und jetzt … jetzt …“, er nickte traurig – „jetzt sehe ich erst ein, wie … töricht ich war, genau wie mit der Anneliese, der ich nie so recht auf die Finger gesehen habe und die nun eben die lustige Liese geworden ist …“

Was Fritz Bölke zu alledem dachte, sagte er nicht. Jedenfalls dürfte der zweite Vogel des alten Udder doch wohl erst mit den Jahren sich [312] eingefunden haben, und Vadder Udder bildete es sich nur ein, ihn von Brasilien mit importiert zu haben. Alte Leute verfallen häufig auf solche Absonderlichkeiten, es braucht sich dabei nicht immer um Mißtrauen zu handeln, es sind eben so kleine Schrullen, und die haben jüngere auch.

Fritz Bölke begann also seine Tätigkeit. Er war ein stattlicher blonder Herr mit vergnügten Augen und so einem Zug von frischem Draufgängertum um den Mund, zwischen dessen Lippen blendend weiße Zähne hervorleuchteten. Die Umstände ließen es ratsam erscheinen, daß er sich zunächst mal über Vadder Klaus auch anderswo unterrichtete, und da die Marie Krog und ihr Mann wenig Zeit hatten und der Schoppskopp-Papagei nicht genügend unparteiisch war, um über seinen Herrn ein Urteil abzugeben, blieb nur die Liese übrig.

Bölke ging bei diesen Nachfragen mit alleräußerster Behutsamkeit vor, denn der Alte hatte es ihm auf die Seele gebunden, seinen wahren Beruf nicht offenkundig werden zu lassen – er galt hier als Kaufmann und das stimmte zum Teil. Zu dieser Behutsamkeit zwang ihn aber auch Annelieses loses Mundwerk und ihr geschärfter Blick für alles, was um sie her vorging.

Als er in den ersten Tagen einmal allzu eingehend über Vadder Klaus’ Doppelvogel sich hatte [313] orientieren wollen, wobei er auf dem Umweg über den echten auf den im Gehirnkäfig hausenden Piepmatz zu sprechen gekommen war, hatte die Anneliese ihn plötzlich so von der Seite angesehen und war ihm ins Wort gefallen: „Herr Bölke, ich warne Sie! Mir gefällt an Ihnen verschiedenes nicht, gefischt wird hier, dafür sind ja der Vadder und der Schwager Krog Fischer, aber … Im Trüben nicht …! Weder so noch so!!“

Und nach diesen nicht ganz leicht zu deutenden Worten hatte sie ihn stehen lassen, und es hatte dann drei Tage gedauert, bis Bölke es wieder wagte, sich der lustigen Liese bei ihren Spaziergängen in die Wälder als Begleiter anzubieten. Sie nickte sehr von oben herab Gewährung, im stillen dachte sie: „Warte, ich werde dir schon hinter deine Schliche kommen! Du hast hier irgendein Ziel im Auge! Welches, abwarten …!“

So begann denn zwischen Fritz und Liese ein wundernettes Versteckspiel: Er wollte sie so etwas aushorchen, und sie wollte feststellen, was dieser patente, vergnügte und hübsche Bölke, der so wenig in solch ein Fischerdörfchen zu passen schien, hier eigentlich für dunkle Zwecke verfolgte. Dieses Spiel hätte vielleicht seine ernsten Seiten gehabt, wenn die Liese etwa vierzig und der Fritz etwa fünfzig Jahre alt gewesen wären, aber achtzehn und siebenundzwanzig und ein rankes Mädel und ein liebenswürdiger, kluger, heiterer junger Mann, [314] da stimmt zumeist sehr bald etwas nicht, und aus dem Versteckspiel wird eben ein anderes Spiel.

Fritz wohnte nun drei Wochen bei Krogs, doch seine geheimnisvolle Mission schien ergebnislos im Sande verlaufen zu wollen, Sand genug war ja in der Nähe, in den Dünen zwischen dem hohen Strandhafer gab es so lauschige Plätzchen, und all diese hatte das Pärchen schon besucht und dort den Sonnenuntergang bewundert und dem Rauschen der Brandung gelauscht, wobei dann in der Unterhaltung manchmal sehr lange und sehr gedankenerfüllte Pausen eintraten. Mittlerweile waren die Spaziergänge auch immer seltener geworden. Fritz freute sich, daß seine zarten Andeutungen, ein Mädchen müßte sich mehr um den Haushalt kümmern und nicht so ohne geregelte Tätigkeit in den Tag hineinleben, auf so fruchtbaren Boden gefallen waren. Die Liese ging der Schwester nun eifrig zur Hand, und Bölke half dabei, sie bedienten gemeinsam den Ofen zum Räuchern der Flundern und der Schollen und der Aale, sie hingen die frischen Flundern gemeinsam vor dem Räuchern zum Trocknen auf, mit einem Wort: Die lustige Liese änderte sich so ganz allgemach, und eines Tages erklärte der zumeist recht mißmutige Vadder Klaus: „Herr Bölke, wenn Sie auch hier sonst nichts ausrichten, was mir sehr bedauerlich sein tut, eins haben Sie doch geschafft: Das Mädel ist vernünftig geworden! Was [315] ich mal an ihrer Erziehung vermurkst hatte, haben Sie wieder eingerenkt!“

„Es wird noch besser werden“, meinte Fritz todernst. „Und auch die andere Sache befingern wir noch …! Abwarten!“

Vadder Klaus nickte traurig und schielte nach Lore hinüber. Lore saß auf der Brüstung der Veranda und schnatterte leise und legte den Kopf schief und beäugte Anneliese, die gerade Wäsche am offenen Küchenfenster bügelte. „Wenn der Schoppskopp es nur nicht uppfreten heft!“ murmelte der alte Udder melancholisch. „Fertig kriegt der alles!“

Und am Abend dieses selben Tages ereignete sich dann folgendes: Das Pärchen war in die Dünen gewandert. Anneliese trug den Ara auf dem Rücken, und der Fritz trug seine Momentkamera, er wollte von Anneliese und Schoppskopp ein recht stimmungsvolles Bild aufnehmen. Die drei suchten den allerhöchsten Punkt der Dünen auf und setzten sich in den Sand. Ringsum wogte der Strandhafer im Abendwinde, die Sonne war noch nicht ganz im Meere untergetaucht und streute rötliche Pfeile über die weite Wasserfläche. Schoppskopp hockte auf Annis Schulter und vertrieb sich mit seinem Lieblingsspielzeug die Zeit, und das war Annelieses goldener Anhänger am goldenen Kettchen: Eine flache, große Kapsel mit Deckel und innen mit den eingelegten Bildern von [316] Annis Eltern, ein Geschenk Vadder Klaus’ zum letzten Geburtstag seiner Jüngsten im April.

Das Pärchen schwieg wieder und war sehr nachdenklich, denn vorhin hatte der Fritz erwähnt, daß er nach einer Woche schon wieder daheim sei und …, mehr hatte er nicht gesagt, denn Anni war mit einem Male ein Stück vorausgelaufen.

Nun erhob der Fritz sich, griff nach seiner Kamera und trat vier Schritte zurück.

„Annichen, das wird ein sehr hübsches Bild. Der Schoppskopp knabbert gerade an dem Medaillon herum, und die Beleuchtung ist auch günstig. Also ich zähle bis drei, dann werde ich pfeifen, damit Lore auch einen Augenblick stille hält … – Eins … zwei … zwei …:“ und dann warf er die Kamera rücksichtslos beiseite und sprang zu und packte Schoppskopp und rief:

„Da, er hat’s an den Tag gebracht …! – Au, nun hat er mir in die Hand gebissen, aber ich hab’s!“ Er Schwenkte ein Papierstückchen in der Hand, das offenbar unter Vadder Klaus’ Bild in dem Medaillon eingeklebt gewesen. Das Papierstückchen war bunt bedruckt und ganz klein zusammengefaltet.

Anneliese starrte Fritz verständnislos an. Ihr Mißtrauen gegen Fritz war ja längst geschwunden und hatte genau entgegengesetzten Empfindungen Platz gemacht.

[317] „Was ist das, Fritz …?! Weshalb freuen Sie sich so?!“

Bölke freute sich gar nicht mehr. Er hatte das Papier auf der Hand glatt gestrichen, und da er die Zahl, auf die es nach Vadder Udders Zettelchen ankam, fest im Kopfe hatte, sah er auf den ersten Blick, daß der Alte sich geirrt hatte, die Nummer auf dem Lose lautete 141441, und Klaus Udder hatte sich, bevor er das Wohlfahrtslos in dem Medaillon versteckte, 141414 notiert!

Bölke schaute Anneliese traurig an. „Himmel, wie sollen wir die Enttäuschung Vaddern beibringen?! Er glaubt, er hätte fünftausend Mark gewonnen, und … aber ich habe ja die Ziehungsliste hier, vielleicht hat 141441 auch gewonnen.“

Annichen begriff noch immer nicht recht. Nur der Papagei schien alles verstanden zu haben und schrie laut und wütend: „Schoppskopp … Schoppskopp“, und diesmal meinte er den Fritz, denn daß der ihm sein Spielzeug aus dem Schnabel gerissen hatte, vergaß er nicht so schnell …

Fritz verglich und suchte in der Liste und strahlte dann plötzlich wieder …

„Annichen, Annichen, immerhin etwas: Vadder hat fünf Mark gewonnen …!“

Das Mädel fragte zögernd: „Fritz, was bedeutet das …?!“ Denn soeben war der Anneliese wieder eingefallen, daß Fritz nach acht Tagen nicht mehr hier sein würde.

[318] „Sehr einfach, Annichen …“ erklärte er und lachte und zeigte die weißen Zähne. „Vadder hatte das Los im April kurz vor Ihrem Geburtstag gekauft und dafür ein sicheres Versteck gesucht. Dann wird er das Medaillon für Sie als Geschenk besorgt haben und hat das Medaillon gleichzeitig als Versteck benutzt und natürlich hinterher vergessen, wo er das Los verborgen hatte. Er schrieb an unsere Detektei, wo ich als zur Zeit beschäftigungsloser Bankangestellter vorläufig untergeschlüpft bin, und verlangte einen ganz schlauen Kerl, der ihm suchen helfen sollte: Das war ich! Das Los habe ich nun mit Hilfe von Schoppskopp gefunden, es hat nur fünf Mark gewonnen … nicht fünftausend!“ Ein lustiges zärtliches Leuchten trat da in seine Augen. „Annichen, wie bringen wir das nur Vaddern bei?! Wie nur?! Wir müssen doch die Enttäuschung irgendwie wiederausgleichen! Ich sollte hier etwas suchen, Annichen, und habe ganz etwas anderes gefunden als nur ein Los, nämlich mein Schicksalslos: Dich, kleines Mädel …!“ Er beugte sich zu ihr hinab und nahm ihren Kopf in seine beiden Hände.

„Ob er sich freuen würde, wenn wir uns ihm als Brautpaar vorstellten, Annichen?! Ich glaube beinahe, er würde sich sogar sehr freuen. Er mag mich gern. Und du …?!“

Schoppskopp wurde für längere Zeit auf eine Krüppelkiefer verbannt, denn bei alledem, [319] was die Neuverlobten sich nun zu sagen hatten, war er nur hinderlich.

Als das Pärchen dann heimgekehrt war und den Vadder auf der Veranda antraf, und der Fritz, der die Anneliese eng umschlungen hielt, kurz erklärte, wie es sich mit der Losnummer verhielte und was die Anni und er nun so als Ausgleich für die Enttäuschung sich ausgedacht hätten, da war der alte Klaus merkwürdigerweise so gar nicht traurig, im Gegenteil … Er gluderte die beiden so recht verschmitzt an und meinte:

„Ein Schwiegersohn, der mir schon vorher die lustige Liese zu einer arbeitsfreudigen Anneliese zurechtgerückt hat, ist mir mehr wert als fünftausend Mark. Immerhin habe ich ja doch fünf Mark gewonnen und den Fritz dazu …! Gebt euch einen Kuß, Kinder …! Ich kann euch erst morgen auch so mit einem väterlichen Kuß Glück wünschen, ich bin seit vier Tagen nicht rasiert, und mit dem Stoppelbart, ne, das würd’ zu doll pieken …! Bis morgen werd’ ich ja wohl mein neues Rasiermesser gefunden haben, ich hab’s versteckt, weil der Jan es nicht mitbenutzen soll. Ich werd’ jetzt überhaupt nichts mehr verstecken, denn wenn ich einen Bankangestellten zum Schwiegersohn habe, kann der alles Wertvolle in seinen Stahlschrank legen!“

Fritz lachte dazu. Der Vadder schien zu glauben, daß bei der Bank jeder Angestellte seinen [320] eigenen Tresor besäße …! Nun, er beließ ihn vorläufig bei dem Glauben …

Nur von der Verandabrüstung her erscholl eine freche, kreischende Stimme:

„Schoppskopp … Schoppskopp …“ –

Seit diesem Abend hat der alte Klaus Udder den einen Vogel wirklich für immer fliegen lassen. Der andere, der echte Vogel, lebte noch viele Jahre, genau wie sein Herr.