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Das Räthsel des Tempels

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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Das Räthsel des Tempels
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14 und 15, S. 216-219, 230-233
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[216]
Das Räthsel des Tempels.
Von Johannes Scherr.
1. Der Tempel.

Paris ist jetzt ohne Frage die prächtigste Stadt des Erdballs. Aber das französische Volk hat es sich auch Etwas kosten lassen, das moderne Babel dazu zu machen; nur seit 1852 ist von Staatswegen die kolossale Summe von 235 Millionen auf die Verschönerung der Stadt verwendet worden, die ihrerseits zu demselben Zwecke einen mindestens ebenso großen Aufwand gemacht hat. Wenn heute ein Pariser aus den Tagen des vierzehnten Ludwig’s, oder des vierten Heinrich’s, oder gar einer aus dem fünfzehnten und vierzehnten Jahrhundert wiederkäme, er würde nur noch die Seine als dieselbe vorfinden, vorausgesetzt, daß er den Strom in Gestalt seiner dermaligen Eindämmung und Ueberbrückung wieder erkennen würde.

Und was Alles hat diese Stadt erlebt, seit sie aus der Residenz Julian’s des Abtrünnigen die Residenz Napoleon’s des Dritten geworden ist! Ein Gang durch Paris ist eine Wanderung durch die Geschichte Frankreichs; noch mehr, auch eine Wanderung durch die moderne Geschichte Europa’s. Die Herren Franzosenfresser mögen noch so grimmige Grimassen schneiden, es bleibt doch eine Thatsache: das Herz des menschheitlichen Organismus pulsirt seit 1789 in Paris. Dort hebt der Hammer zum Schlage aus, wenn wieder eine Weltstunde um ist. Die Despotenknechte von 1792 waren nicht so dumm, wie sie aussahen, als sie in dem „Manifest des Herzogs von Braunschweig“ alles Ernstes die Forderung aufstellten, daß Paris vom Erdboden weggetilgt werden sollte. Der Instinct des Hasses und der Furcht sagte ihnen, daß der Hahn der Freiheit dort immer wieder die Flügel schütteln und sein Auferstehungs-Kikeriki in die Welt schmettern würde. Aber jetzo – sagen händereibend die Lohnschreiber, Lakaien und Sbirren des Despotismus – jetzo ist endlich dem dreimal vermaledeiten Thiere der Hals napoleonisch umgedreht. Heuchler ihr! Die Angstfurche auf eueren Stirnen verräth euch. Bei Tag und bei Nacht raunt das böse Gewissen euch in die Ohren: „Der Hahnschrei wird doch wieder erschallen, wenn es Zeit!“

Denn Alles hat seine Zeit, und so hatte die ihrige auch jene mittelalterliche Glaubensbegeisterung, welche Hunderttausende und wieder Hunderttausende zur Eroberung und Behauptung des „heiligen Grabes“ aus dem Abendlande nach Palästina trieb, damit sie dort mehr oder weniger jämmerlich umkämen. Andere Hunderttausende, welche daheim blieben, entäußerten sich wenigstens großenteils oder auch ganz ihrer Habe zu Gunsten der Kämpfer für das heilige Grab, und so kam es, daß insbesondere die geistlichen Ritterorden, welche zu dem genannten Zwecke in Palästina entstanden waren, zu großem Reichthum, Glanz und Ansehen gelangten. Den übrigen zwei, den Hospitalitern und Deutschherren, weit voran stand der dritte, die Templer oder Tempelherren (templarii oder milites, fratres, commilitones templi), so geheißen, weil der erste Sitz des Ordens ein an den sogenannten salomonischen Tempel in Jerusalem stoßendes Gebäude war. Im Jahre 1118 gestiftet, war die Templerschaft schon dreißig Jahre später eine reiche und mächtige Corporation und zu Anfang des dreizehnten Jahrhundert besaß der Orden nicht nur in der Levante, sondern auch und weit mehr noch in sämmtlichen katholischen Ländern Europas eine Menge von Tempelhöfen, Balleyen, Comthureien und Präceptoreien, einen Besitz an Häusern, Burgen, Land und Leuten, wie er so ausgedehnt und stattlich keinem Fürsten der Christenheit als Domaine zu eigen war. Den meisten Reichthum und größten Glanz hatte jedoch die Templerei in Frankreich erworben, wo der „Tempel“ in oder vielmehr bei Paris für den eigentlichen Mittelpunkt des Gesammtordenslebens galt.

Von der Place de la Concorde zieht sich in einem grandiosen Bogen bis zur Place de la Bastille die Reihenfolge von Prachtstraßen hin, welche unter dem Namen der Boulevards bekannt sind. Bei der Porte St. Martin wendet sich dieser unvergleichliche Bogen in ziemlich scharf südöstlicher Schwingung dem Bastilleplatze zu und zwar zunächst unter dem Namen „Boulevard du Temple“. Hier stand zur Zeit der ersten französischen Revolution ein jetzt verschwundenes, d. h. völlig umgebautes Stadtquartier, dessen Mittelpunkt die alte, im Sinne des Mittelalters mächtige und prächtige Ordensburg „der Tempel“ gewesen ist. Die Anfänge der Erbauung dieses Schlosses, welches die Schlösser der gleichzeitigen französischen Könige an Räumlichkeit, Stärke und Pracht weit übertraf, fielen in die Regierungszeit Ludwig’s des Siebenten, welcher den Templern einen damals außerhalb der Stadtmauer gelegenen Bauplatz geschenkt hatte, ein sumpfiges Stück Feld vor dem Stadtthor St. Antoine. Mit derselben Raschheit des Aufschwungs, welche die ganze Templerei kennzeichnete, stieg aus diesem Sumpffeld der „Tempel“ empor, mit seinen Mauern, Bollwerken, Gräben und Thürmen eine beträchtliche Bodenfläche bedeckend oder umfassend. Die Burg war der Sitz des Großpräceptors von Francien, welcher Ordensbeamte dem Ansehen nach der dem Großmeister zunächst stehende gewesen ist, und hier wurden auch die großen Generalcapitel der sämmtlichen diesseits der Alpen angesessenen Templerschaft abgehalten, während welcher Versammlungen der Tempel häufig vielen Hunderten von Tempelherren und dienenden Brüdern („Servienten“) zur Herberge diente. Das Hauptgebäude der Ordensburg, der gewaltige viereckige Thurm, wurde erst im Jahre 1306 durch den Großpräceptor Jean-le-Turc vollendet.

Kaum war der Thurm vollendet, als König Philipp der Schöne, gegen welchen um seiner ewigen Steuererhebungen und Falschmünzereien willen die Bürger von Paris in Waffen sich erhoben hatten, darin eine Zuflucht fand. Die Templer schützten ihn und versöhnten ihm auch mittelst ihres großen Einflusses die aufständischen Pariser. Der König stattete in seiner Weise den pflichtschuldigen Dank ab – er verschwor sich mit seiner Creatur, dem Papst Clemens dem Fünften, zur Vernichtung des Ordens. Der Schuldigere von Beiden war hierbei jedenfalls der Papst. Denn Philipp der Schöne, ein entschlossener, rücksichts- und skrupelloser Arbeiter an dem großen Werke der Staatseinheit Frankreichs, konnte wenigstens zu seinem Gunsten anführen, daß die Austilgung der Templerei dieses Werk um einen beträchtlichen Ruck vorwärts brächte; der fünfte Clemens dagegen, von Amtswegen der geschworene Beschützer des Ordens, lieh nur aus infamer Habsucht und elender Feigheit seine Hülfe zur Zugrunderichtung desselben. Freilich, wie sollte ein Gefühl für Recht und Ehre, wie eine Regung von sittlichem Muth von einem Manne zu erwarten gewesen sein, welcher als einer der wahlverwandtesten Vorgänger Alexander’s des Sechsten in der Geschichte der „Statthalter Christi“ dasteht; von einem Papste, dessen zuchtlose Hofhaltung zu Avignon, Poitiers und Bordeaux selbst in jener gewiß nicht mit übermäßigem Zartgefühl behafteten Zeit jeden nicht ganz verdorbenen Besucher anwiderte; von einem Papste, welcher, dem Zeugniß eines der gebildetsten und ehrsamsten Kirchenfürsten des Mittelalters, des Erzbischofs Antoninus von Florenz zufolge, mit seiner „Freundin“, der reizenden Brunissente, Tochter des Grafen von Foix und Frau des Grafen von Talleyrand-Perigord, ganz öffentlich lebte, – so öffentlich, daß die „Freundin“ Sr. Heiligkeit nicht anstand, aus der päpstlichen Tiare die schönsten Diamanten ausbrechen und in ihre Armbänder fassen zu lassen! Auch „zur größeren Ehre Gottes“ vermuthlich!

Am 12. October von 1307 war König Philipp der Schöne mit seinem ganzen Hofe im Tempel zu Gast, – zu Gast bei dem Großmeister Jacques de Molay, welchen auf des Königs Wunsch der Papst tückischer Weise von der Insel Cypern nach Frankreich gelockt hatte, damit derselbe in das Verderben des Ordens verwickelt würde. Am Morgen des nächsten Tages sollte dieses Verderben anheben. Den Vorwand dazu mußten, wie Jedermann weiß, die „Verbrechen“ des Ordens hergeben, welcher allerdings durch Stolz, Hochmuth, Eigennutz und Ueppigkeit viel gesündigt hatte, allein der blasphemischen und sodomitischen Gräuel, welche die königlichen und päpstlichen Richter, d. h. Folterknechte und Henker, ihm schuldgaben, ganz gewiß nicht theilhaft gewesen ist.

Einhundert und vierzig Tempelbrüder, darunter verschiedene Großwürdenträger des Ordens, waren an jenem Octobertage im Tempel um den Großmeister versammelt, welcher den König bewirthete. Es ging hoch her in dem großen Thurm, allwo die Staatsgemächer sich befanden. Philipp der Schöne war huldvoll und heiter über die Maßen, und während er unter Scherzen mit Jacques de Molay und den übrigen Tempelgebietigern tafelte und [217] zechte, hatten seine Baillifs und Seneschalls im ganzen Umfange von Frankreich schon seine strengen Befehle in Händen, mit dem kommenden Tage, dem 13. October, mittels List oder Gewalt aller Templer auf französischem Boden sich zu bemächtigen und dieselben einzukerkern, sowie sämmtliche Besitzthümer, liegende und fahrende Habe des Ordens mit Beschlag zu belegen.

So geschah es, und was am 12. und 13. October von 1307 vorging, gehört mit zu den schnödesten der im Buch der Geschichte verzeichneten Verräthereien. Der hierauf folgende Templerproceß war sowohl als Ganzes wie in seinen Einzelnheiten selbst für jene aftergläubische, recht- und sittenlose, zugleich barbarisch-stupide und tückisch-grausame Zeit ein häßliches Brandmarkmal, eine der höchsten Schandsäulen, welche Königthum und Papstthum mitsammen sich errichtet haben. Es war ein gräuliches Verfahren. Die Folter fungirte als Untersuchungsrichter. Wie sie arbeitete, mag schon das eine Beispiel beleuchten, daß einer der gefolterten Templer im Wahnwitz der Qual und Pein ausgeschrieen hat, er bekenne sich schuldig, den Heiland an’s Kreuz geschlagen zu haben. Das ist ganz analog der Thatsache, daß in deutschen Hexenprocessen als Hexen verklagte neun- und siebenjährige Mädchen auf der Folter bekannten, sie seien zu dem Teufel in Verhältnissen gestanden, welche ganz unmöglich, ja undenkbar waren, auch den Glauben an die Existenz eines Teufels vorausgesetzt. Die Hinrichtungen der Tempelbrüder, welche die Qualen des Kerkers und der Marterbank überlebten, waren massenhaft. In Paris allein erlitten einhundert und dreizehn den Feuertod. An einem und demselben Tage, am 12. Mai von 1310, wurden vierundfünfzig Templer an vor dem St. Antonsthor aufgerichteten Brandpfählen mit langsamem Feuer zu Tode gequält, allesammt inmitten der Pein bis zum letzten Athemzug ihre Unschuld betheuernd. Dies that in feierlichster Weise auch der Großmeister Jacques de Molay, welcher, zugleich mit ihm der Großpräceptor der Normandie, am 11. März von 1313 auf der kleineren Seineinsel, da, wo später die Statue Heinrich’s des Vierten aufgestellt wurde, errichteten Scheiterhaufen bestieg. Dieser Angesichts des Todes abgegebene Protest ist historisch. Die Sage aber, welche in ihrer poetischen Weise der herben Tragik der Geschichte häufig einen versöhnenden Zug beizumischen liebt, will, der unglückliche Molay habe aus den Flammen des Holzstoßes hervor den Papst und den König vor den Thron Gottes geladen. Gewiß ist, daß Clemens der Fünfte am 20. April von 1314 zu Roquemaure an der Rhone starb und Philipp der Schöne am 29. November desselben Jahres zu Fontainebleau.

„Ich werde die Missethaten der Väter strafen an ihren Kindern und Kindeskindern bis in’s siebente Glied.“ Ein schrecklicher Spruch, erbarmungslos, grausam und rachsüchtig, wie der alttestamentliche Judengott, welchem derselbe in den Mund gelegt ist. Und doch, die Bestätigung desselben findet sich auf zahllosen Blättern des Buches der menschheitlichen Geschicke. Denn mit Alles vor sich niederwerfender Gewalt schreitet durch die Weltgeschichte die Vergeltung. Spät kommt sie manchmal, häufig, am häufigsten sogar; aber sie kommt, unerbittlich, taub allem Flehen, mit der eisig-ruhigen Majestät eines Naturgesetzes das Richter- und Rächeramt übend. Ach, wenn an jenem 12. October von 1307 vor den Augen König Philipp’s, als er im großen Tempelthurm von Paris den verrathenen Tempelherren zutrank, für einen Moment der Schleier der Zukunft zerrissen worden wäre, so daß er hätte hinausblicken können durch die Jahrhunderte auf den 13. August von 1792, würde da der todhauchende Odem der Vergeltung nicht seine Seele angeschauert haben? Es war nicht Zufall, nein, es war die Logik der Weltgeschichte, daß der große Thurm des Tempels, in welchem eine der größten Ruchlosigkeiten des aufstrebenden französischen Königthums geplant und abgespielt worden, an dem genannten Augusttag dem französischen Königthum zum Kerker angewiesen wurde.[1]

Der Tempelthurm, dessen Inneres die jammervolle Agonie Ludwig des Sechszehnten und seiner Familie sah, ist von der Oberfläche der Erde verschwunden; aber niemals wird er aus dem Weltgeschichtsbuch verschwinden. Da steht er für alle Zeit, finster, drohend, wie der warnend emporgehobene Finger einer Riesenhand. Ist die Warnung bislang von Jenen, welchen sie gilt, beachtet worden? Nein. Wird sie in der Zukunft beachtet werden? Schwerlich, denn die Geschicke müssen sich erfüllen.

Am 21. Januar von 1793 machte der entthronte König vom Tempelthurm aus seine Todesfahrt zum Revolutionsplatz. Am 1. August wurde Marie Antoinette aus dem Tempel in die Conciergerie gebracht, von wo der entsetzliche Karren sie am 16. October zum Schaffot führte. Am 10. Mai von 1794 hält dieser Karren wieder vor dem Tempelthor, um eines der reinsten, beklagenswertesten Opfer des Terrorismus, die Prinzessin Elisabeth, zur Guillotine zu bringen. Am 8. Juni von 1795 starb im Tempelthurm ein armer, körperlich und geistig verkümmerter, rhachitischer und bis zur Stummheit schweigsamer Knabe, Louis Charles, dem König von der Königin Marie Antoinette am 27. März von 1785 zu Versailles geboren, erst Herzog von der Normandie, dann nach dem Tode seines älteren, im Juni 1789 verstorbenen Bruders Dauphin von Frankreich.

Aber war der am 8. Juni von 1795 im Tempel gestorbene Knabe wirklich der Dauphin?

Diese Zweifelfrage erhob sich sofort, leise und laut, und sie ist bis auf den heutigen Tag noch nicht so beantwortet oder so zu beantworten, daß jeder Zweifel verstummen müßte. In Wahrheit, wir haben hier ein ungelöstes Räthsel vor uns, das immer wieder zu Lösungsversuchen reizt. Mag der nachstehende für das angesehen werden, für was er sich giebt: eine unbefangene Zusammenstellung und Werthung der Thatsachen, welche die historische Kritik zur Aufhellung des dunkeln Problems bis jetzt an die Hand gegeben hat.


2. Das Räthsel.

Thatsache ist zuvörderst, daß alle die Betrogenen oder Betrüger oder betrogenen Betrüger, welche nach einander als Dauphin Louis Charles oder als Ludwig der Siebenzehnte aufgetreten sind, Hervagault, Bruneau, Naundorff, Richemont, Williams, Glauben und Anhänger gefunden haben; zum Theil innigst überzeugte und leidenschaftlich begeisterte Anhänger. Dies muß auf den Umstand zurückgeführt werden, daß im Jahre 1795 die Sage ausgegangen und Bestand gewonnen hatte, der angeblich im Tempel gestorbene Dauphin sei ein untergeschobenes Kind gewesen, der wahre und wirkliche lebe und sei aus dem Kerker gerettet. Man darf sogar behaupten, daß diese Anschauung die öffentliche Meinung war, wodurch freilich nichts bewiesen wird. Denn was ist zumeist die „öffentliche Meinung“? Nichts als ein verworrenes Geräusch, das aus dem Zusammenstoß der so oder anders angestrichenen Breter entsteht, welche die Menschen vor ihren Stirnen tragen. (Eine Ansicht, welche die Redaction nicht vertritt.)

Indessen ermangeln wir doch nicht ganz solcher Anhaltspunkte, die beweisen, daß man auch in Kreisen, welche wissende genannt werden können, von dem Tode des Dauphin nicht überzeugt gewesen ist. Herr Labreli de Fontaine, ehemals Bibliothekar der Wittwe des Herzogs von Orleans-Egalité, hat in einer von ihm unterzeichneten und veröffentlichten Flugschrift erklärt, die verbündeten Monarchen seien im Jahre 1814 so zweifelhaft gewesen, ob Ludwig der Siebenzehnte nicht noch am Leben sei, daß sie zwar öffentlich Ludwig den Achtzehnten als König anerkannt, im Geheimen aber und sogar vertragsmäßig sich verpflichtet hätten, dem möglicher Weise lebenden Sohne Ludwig des Sechszehnten den französischen Thron noch zwei Jahre lang offen zu halten. Sollte sich für diese Behauptung nicht ein vollgültiger urkundlicher Beweis beibringen lassen? Fest steht wenigstens, daß ein Theil der Royalisten, welche nach dem factischen Untergange der französischen Republik, d. h. nach dem 9. Thermidor von 1794, eifrig an der Wiedereinsetzung der Bourbons arbeiteten, an den Tod des Dauphin nicht glaubte. Ein sehr glaubwürdiges Zeugniß hierfür wurde noch im Jahre 1851 beigebracht, bei Gelegenheit des Processes, welchen die Hinterlassenen Naundorff’s bei den französischen Gerichten anstrengten. Dieses Zeugniß rührte von Herrn Brémond her, dem ehemaligen Geheimsecretair Ludwig des Sechszehnten, und besagte, daß er, Brémond, im Jahre 1795, von dem Schultheiß Steiger zu Bern vernommen habe, er, der Schultheiß, wisse ganz [218] bestimmt und aus besten Quellen, daß der Dauphin keineswegs im Tempel gestorben, sondern gerettet sei. Steiger stand aber, wie bekannt, mit den höchsten Kreisen der royalistischen Emigration, wie auch mit den Generalen der Vendée, in engen Beziehungen.

Die gäng und gäbe Sage in Betreff der Rettung des Prinzen aus dem Tempel ist, daß dieselbe auf Betreiben von Josephine Beauharnais durch ihren damaligen Liebhaber Barras bewerkstelligt worden sei. Diesen zwei Personen wird, unter Mitwirkung von Hoche, Pichegru, Frotté und dem Creolen Laurent, die Retterrolle auch in der Geschichte des Uhrmachers Naundorff zugetheilt, welcher übrigens, nebenbei bemerkt, von Madame de Rambaud, Amme des Dauphin bis zu dessen Einkerkerung im Tempel, förmlich und feierlich als der echte Sohn Ludwig des Sechszehnten erkannt und anerkannt worden ist. Freilich, die ganze Rettungshistorie des Dauphin, wie Naundorff sie erzählte, ist ein solches Wirrsal von Abenteuerlichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten, daß man sie der Phantasie eines Victor Hugo entsprungen glaubt, welche bekanntlich toll geworden, so sie das nämlich überhaupt erst zu werden brauchte. (??) Es giebt aber auch noch andere Versionen dieser Historie. Eine derselben, von denen geglaubt und verbreitet, welche den geretteten Dauphin in der Person des Richemont erkannten und verehrten, lautet also: „Am 19. Januar von 1794 wurde der Prinz, mit Vorwissen und Beihülfe seines bestochenen Wächters Simon, durch die Herren Frotté und Ojardias, Emissäre des Prinzen von Condé, aus dem Tempel entführt, nachdem man an die Stelle des Entführten einen stummen Knaben von gleichem Alter gebracht hatte. Der gerettete Dauphin aber ward nach der Vendée gebracht, begab sich, nachdem sein angeblicher Tod im Tempel officiell bekannt gemacht worden, zur Armee des Prinzen von Condé und wurde von diesem später (1796) dem General Kleber anvertraut, der ihn für den Sohn eines Verwandten ausgab und ihn als Adjutanten bei sich behielt.“ Weiter brauchen wir diesen Mythus nicht zu verfolgen. Dagegen ist die Frage zu berühren, warum denn der gerettete Prinz nicht sofort bei sämmtlichen Anhängern der Bourbons laute und begeisterte Anerkennung gefunden habe. Hierauf wird uns die ziemlich plausibel lautende Antwort:

In der bourbonischen Familie herrschten bekanntlich schon vor dem Ausbruch der Revolution heftige Zerwürfnisse, und man schrieb insbesondere und allerdings nicht ohne Grund dem schlauen und ehrgeizigen Grafen von Provence, Bruder Ludwig’s des Sechszehnten und nachmals Ludwig der Achtzehnte, die planmäßig verfolgte Absicht zu, die Nachkommenschaft seines älteren Bruders, schon aus Haß gegen Marie Antoinette, zu Grunde zu richten. Als nach dem angeblichen Tode des Dauphin im Tempel der Graf von Provence von einem Theil der Royalisten als legitimer König anerkannt worden war, habe er natürlich Alles daran gesetzt, jedem von seinem geretteten Neffen etwa zu erhebenden Anspruch zum Voraus die Möglichkeit des Gelingens abzuschneiden. Zu diesem Zwecke hätten es Ludwig der Achtzehnte und seine sämmtlichen Anhänger zu einem Glaubensartikel gemacht, daß der Dauphin wirklich im Tempel gestorben sei. Um aber auch der Schwester des Prinzen, der Prinzessin Marie Therese Charlotte, von verzückten Royalisten als „die Waise des Tempels“ glorificirt, welche im December 1795 zum Austausch von Kriegsgefangenen an die Oesterreicher ausgeliefert wurde, die Annahme dieses Glaubensartikels zu belieben, trennte man ihr Interesse von dem ihres Bruders, indem man sie mit dem ältesten Sohne des Grafen von Artois vermählte und ihr damit, maßen Ludwig der Achtzehnte kinderlos, die Aussicht eröffnete, eines Tages Königin von Frankreich zu werden und zwar regierende Königin, da ihr Gemahl, der Herzog von Angoulème, eine entschiedene Null. Hieraus habe man sich denn auch den Umstand zu erklären, daß die Herzogin von Angoulème mit der ganzen Härte und Schärfe ihres Charakters gegen jeden Versuch, sie von der Rettung ihres Bruders aus dem Tempel, von seinem Fortleben, von seinem Dasein zu überzeugen, herb abweisend sich benommen hat.

Und doch war es dieselbe Prinzessin, welche mittelst einer Stelle der berühmten Denkschrift, worin sie ihre Erlebnisse im Tempel aufgezeichnet hat – („Recit des évènements arrivés au Temple“, par Madame Royale) – für die Behauptung, der Dauphin sei aus dem Tempel gerettet worden und zwar an dem schon erwähnten 19. Januar von 1794, einen sehr bemerkenswerthen Stützpunkt beibrachte. Die gemeinte Stelle ist diese: „Am 19. Januar hörten wir (d. h. die Prinzessin und ihre Tante Elisabeth) bei meinem Bruder – (d. h. im Zimmer desselben) – ein großes Geräusch, welches uns auf die Vermuthung brachte, daß mein Bruder den Tempel verließe, und wir wurden dessen überzeugt, als wir, durch das Schlüsselloch unserer Gefängnißthür blickend, Gepäckstücke wegtragen sahen. An den folgenden Tagen hörten wir die Thür des Zimmers, worin mein Bruder sich befunden hatte, öffnen und vernahmen die Schritte von darin Herumgehenden, was uns in dem Glauben, daß er weggegangen – (will sagen, weggebracht worden sei) noch bestärkte.“

Wir sind aber mit diesem 19. Januar von 1794 noch nicht fertig. Denn es ist eine festgestellte Thatsache, daß gerade an diesem Tage der verrufene Schuster Simon, welcher das Wächteramt bei dem armen Dauphin mit einer Anstellung als Municipalbeamter vertauschte, mit seiner Frau und mit Sack und Pack den Tempel verließ. Thatsache ferner ist es, eine im Verlaufe der oben erwähnten Proceßverhandlung von 1851 als wohlbezeugt erhärtete Thatsache, daß die Wittwe Simon’s, Marie Jeanne Aladame, welche erst am 10. Juni von 1819 gestorben ist und zwar in dem Frauenspital der Sèvres-Straße, den barmherzigen Schwestern, welche daselbst die Krankenpflege besorgten, wiederholt und umständlich erklärt hat, der Dauphin sei nicht im Tempel gestorben, sondern daraus entführt worden, mit ihrer und ihres Mannes Beihülfe, und zwar an demselben Tage, wo sie ihren Auszug bewerkstelligten, am 19. Januar von 1794. Die Entführung sei aber so bewerkstelligt worden. Unter anderem Spielzeug habe man für den Prinzen ein großes Pferd von Pappendeckel anfertigen lassen. In dem Bauche dieses Pferdes wurde das (stumme) Kind, welches man der Person des gefangenen Dauphin unterschob, in den Tempel gebracht. Der Prinz aber ward in einem großen Weidenkorb mit doppeltem Boden verborgen, dieser Korb sodann auf den Wagen gebracht, welcher das Mobiliar Simon’s aus dem Tempel führte, und mit einem Haufen Wäsche bedeckt. Die Wache am Tempelthor untersuchte zwar den Wagen und machte Miene, auch die Wäsche zu durchstöbern; allein Frau Simon wandte dies glücklich ab, indem sie mit gutgespielter Entrüstung die Männer zurückwies, sie bedeutend, das sei ihre schmutzige Wäsche. Also sei der Inhalt des Weidenkorbes ohne weitere Anfechtung aus dem Tempel geschmuggelt worden.

Nun haben freilich alle diejenigen, welchen irgendwie daran liegen mußte, die Ansicht, der Dauphin sei im Tempel gestorben, als die allein richtige aufrecht zu halten, die Behauptung aufgestellt, die Wittwe Simon’s sei, als sie die citirte Mittheilung machte, verrückt gewesen; aber für diese Behauptung ist nicht ein Schatten von Beweis beigebracht worden, während im Gegensatz hierzu die Zeugnisse der barmherzigen Schwestern, die Wittwe Simon habe, als sie ihre Angaben machte, dies bei vollem Verstande gethan, ganz bestimmt lauten. Dieser Einwurf gegen die Erzählung der Frau wäre also beseitigt. Aber war die ganze Aussage vielleicht nur eine Dichtung, mittelst welcher die Wittwe Simon’s die Wucht des gerechten Abscheus mindern wollte, welche auf ihr selbst und auf dem Andenken ihres Mannes lastete? Eine bestimmte Bejahung dieser Frage ist ebenso unmöglich, wie eine bestimmte Verneinung. Indessen muß doch hervorgehoben werden, daß die Ansicht, der Dauphin sei aus dem Tempel gerettet worden, in den höchsten und allerhöchsten Hofkreisen mißfällig, sehr mißfällig war und daß, wenn Irgendwer, die Wittwe Simon’s sich zu scheuen hatte, das Mißfallen der Machthaber von damals auf sich zu ziehen. Es ist daher durchaus unstatthaft, anzunehmen, die Frau habe ihre Phantasie angestrengt, um Etwas zu ersinnen, was ihr keinen Dank, sondern möglicher Weise nur Verfolgung eintragen konnte.

Die Entführung des Prinzen in der Erzählung der Wittwe Simon’s hätte offenbar das Einverständniß und die Mitwirkung von damals, d. h. im Jahre 1794, einflußreichen Männern zur Voraussetzung gehabt. In dieser Beziehung ist von verschiedenen Seiten her auf Cambacérès hingewiesen worden. Der über gar Manches, was hinter den Coulissen der Revolutionsbühne vor sich gegangen, wohlunterrichtete Verfasser der „Histoire secrète du Directoire“ – man schreibt sie dem Grafen Fabre de l’Aude zu – meint: „Es scheint gewiß, daß man das Publicum hinsichtlich der Zeit und des Ortes, wann und wo Ludwig der Siebzehnte gestorben, getäuscht hat. Cambacérès gab das zu; aber niemals wollte er mittheilen, was er über diese Angelegenheit [219] wußte“. Im Mai von 1799 sodann schrieb die Gräfin d’Adhémar, gewesene Palastdame der Königin Marie Antoinette, in das Buch ihrer „Souvenirs“, indem sie auf den Dauphin zu reden kam: „Unglückliches Kind, dessen Regierung in einem Kerker begonnen und beschlossen wurde, das aber doch nicht in diesem Kerker den Tod gefunden hat! Gewiß, ich meinerseits will in keiner Weise die Anhaltspunkte vermehren, welche Betrügern sich darbieten könnten; aber, indem ich dieses niederschreibe, bezeuge ich bei meiner Seele und bei meinem Gewissen: ich weiß bestimmt, daß Se. Majestät Ludwig der Siebzehnte nicht im Tempelkerker gestorben ist. Sagen zu können, wohin der Prinz gekommen und was aus ihm geworden, behaupte ich nicht; ich weiß es nicht. Nur Cambacérès, der Mann der Revolution, wäre im Stande, meine Angabe zu vervollständigen; denn er weiß hierüber viel mehr als ich…“ Da hätten wir ein recht förmliches und feierliches Zeugniß. Schade nur, daß dasselbe anfechtbar. Die „Erinnerungen“ der Gräfin d’Adhémar rühren nämlich großen Theils nicht von ihr selbst, sondern von dem Baron Lamothe-Langon her, auf welchem der wohlbegründete Verdacht ruht, Wahrheit und Dichtung häufig so vermischt zu haben, daß man Mühe hat, zu unterscheiden, wo jene aufhört und diese anfängt. Jedoch ist gerade in Betreff der angeführten Stelle wohl zu beachten, daß Lamothe-Langon einer der vertrautesten Hausfreunde von Cambacérès gewesen ist und demnach allerdings von der allfälligen Betheiligung des Letzteren an der Entführung des Dauphin, wenn nicht Alles, so doch Etwas wissen konnte. Die Vermuthung, daß Cambacérès wirklich bei der Sache betheiligt gewesen, gewinnt einigermaßen an Bestand dadurch, daß die Bourbons nach ihrer ersten Rückkehr (1814) und sogar nach ihrer zweiten (1815) dem Mann eine ganz merkwürdige, geradezu auffallende Schonung angedeihen ließen, dagegen mit ebenso auffallender Hast sofort nach seinem Tode seine Papiere versiegeln und mit Beschlag belegen ließen. Hatte man aus dem Munde des lebenden oder aus den Papieren des todten Cambacérès eine Enthüllung des Tempelgeheimnisses zu befürchten? Denn wir müssen uns stets gegenwärtig halten, daß es für Ludwig den Achtzehnten, wie für Carl den Zehnten, und auch nachmals für den Julikönig Louis Philipp von höchstem Interesse war, das Räthsel des Tempels ungelöst zu lassen und jeden neuauftauchenden Zweifel an dem angeblich im Tempel erfolgten Tod des Dauphin sofort niederzudrücken.

[230] Angenommen aber, es habe wirklich eine Vertauschung und Entführung des Prinzen stattgefunden, wohin ist er gekommen, was ist aus ihm geworden? Ein Dauphin von Frankreich, in welchem seit dem 21. Januar von 1793 die französischen Royalisten von Legitimitätswegen ihren König erblicken mußten, kann doch nicht so spurlos verschwinden, als hätte die Erde ihn verschlungen. Die Sage, daß der Knabe in das Lager des Prinzen von Condé gerettet worden, ist reine Faselei. Condé war zwar ein notorischer Schwachkopf, aber in seiner Art ein ehrlicher Mann, der sich nicht dazu hätte gebrauchen lassen, seinen legitimen König zu verleugnen. Es ist also mit Bestimmtheit anzunehmen, daß er den Prinzen nicht nur nicht bei sich hatte, sondern auch an das von Seiten der republikanischen Behörden amtlich kundgegebene Ableben desselben im Tempel aufrichtig glaubte, da er hierüber einen Tagesbefehl erließ, welcher mit den Worten schloß: „Der König Ludwig der Siebenzehnte ist todt, es lebe Ludwig der Achtzehnte!“ Freilich, jeder der Herren, welche nachmals für den Dauphin sich ausgaben, hat sich seine Odyssee zurechtgemacht, d. h. eine Rhapsodie der Abenteuer und Irrfahrten, welche er nach der Rettung aus dem Tempel angeblich zu bestehen gehabt. Allein dies ist kein Stoff für den Historiker, sondern nur etwa für einen Novellisten à la Monsieur A. Dumas de Monte Christo. Allerdings heißt es gar mannigfach: „Credo, quia absurdum est“ (ich glaube an den Unsinn, nicht obgleich, sondern weil er Unsinn) – und demzufolge war es ganz in der Ordnung, daß auch das nachstehende von einem stark angebrannten Royalistengehirn ausgebrütete absurde Märchen Glauben fand in der Welt. Die Entführung des Dauphin aus dem Tempel hat vor dem 9. Thermidor stattgefunden, also zu einer Zeit, wo nur ein Mensch so etwas wagen konnte, Robespierre. Dieser hat an die Stelle des wahren Dauphin einen falschen gebracht, welcher als solcher im Nothfall leicht verificirt werden konnte. Den wahren aber hat er beseitigen, ermorden, kurz, verschwinden lassen, weil er ihm ein Hinderniß war auf dem Wege zum Throne von Frankreich, auf welchen er, Maximilian Robespierre, sich schwingen wollte und zwar mittelst einer – Heirath mit der gefangenen Schwester des beseitigten Dauphin, mit der Prinzessin Marie Therese, der nachmaligen Herzogin von Angoulème. Der Zug fehlte noch zur völligen Verungeheuerlichung des Mannes, in welchem alle die kleinen und großen Kinder, ungelehrte und gelehrte, den riesengroßen Sündenbock der französischen Revolution erblicken, weil sie die Gesetze des weltgeschichtlichen Processes nicht kennen oder nicht verstehen, und daher ganz unfähig sind, die große Umwälzung in ihrer Totalität zu fassen und zu begreifen oder, was dasselbe sagt, die Wirkungen auf ihre Ursachen zurückzuführen.

Doch wir haben uns jetzt hinlänglich lange in der Wolkenregion der Vermuthungen und Behauptungen, der Fabeln und Märchen herumgetrieben. Wir mußten es thun, wollten wir das in Rede stehende Problem allseitig in die richtige Beleuchtung rücken. Jetzt aber treten wir auf festeren Boden hinüber.


Nachdem der sansculottische Schuster Simon, wie wir sahen, sein Wächteramt bei dem Dauphin aufgegeben hatte, blieb das Kind sechs Monate lang ohne specielle Aufsicht. Die einzige, welche man ihm angedeihen ließ, wurde von den Tag für Tag wechselnden Commissären der Commune geführt. Jedenfalls aber wurde der arme Knabe – war es der Prinz oder ein untergeschobenes Kind – thatsächlich jetzt viel grausamer behandelt, als er von Simon und dessen Frau behandelt worden war. Alles schien nicht nur, sondern war auch augenscheinlich darauf berechnet, entweder den wirklichen Dauphin langsam zu morden, oder aber den falschen in einen Zustand zu versetzen, welcher es unmöglich machte, die Wahrheit über seine Persönlichkeit an den Tag zu bringen und mittelst dieser Unmöglichkeit die Spuren der begangenen Unterschiebung zu verwischen. Man sperrte den Knaben im untern Stockwerk des Tempelthurms in ein düsteres und mittelst künstlicher Vorrichtungen noch mehr verdunkeltes Gemach, als sollte er weder sehen noch gesehen werden. Man ließ ihm seine kärgliche Nahrung mittelst einer Art Drehscheibe zukommen, er durfte nie mehr im Garten des Tempels oder auf der Plattform des Thurmes sich Bewegung machen, noch auch mit seiner gefangenen Schwester zusammenkommen, ja derselben nicht einmal zufällig und flüchtig begegnen. Man verdammte ihn zur Einsamkeit in einem bei Tage lichtlosen, bei Nacht unerhellten Gelasse, dessen Zugänge so zu sagen förmlich verbarrikadirt waren.

Ist dies Alles nur eine Wirkung der ängstlichen Sorge des Sicherheitsausschusses gewesen, das kostbare Pfand könnte durch die Bourbonisten entführt werden, oder war es eine Folge der Absicht, den Knaben dem Anblick aller Personen, welche den Dauphin gekannt hatten, zu entziehen?

Erst am 11. Thermidor (29. Juli 1794) wurde dem armen Kleinen wieder ein Wächter bestellt und zwar in der Person des schon weiter oben genannten Creolen Laurent, dessen Wahl man auf den Einfluß hat zurückführen wollen, welchen die Creolin Josephine Beauharnais auf die Machthaber des Tages, aus Barras und Tallien, übte. Die Thermidorianer, welche der großen Lüge, daß sie „aus Menschlichkeit“ gegen Robespierre und seinen Anhang rebellirt hätten, einen Schein von Wahrheit geben wollten, ließen auch in der Behandlung des gefangenen Kindes eine scheinbare Milderung eintreten, die vielleicht noch nicht zu spät gekommen sein würde, falls sie mehr als eine nur scheinbare gewesen wäre. Am 13. Thermidor, also zwei Tage nach der Bestellung Laurent’s zum Wächter, besuchten etliche Mitglieder des Sicherheitsausschusses den kleinen Gefangenen im Tempel. Falls die Vertauschung des Prinzen durch Laurent bewerkstelligt worden wäre, müßte dies also am 12. Thermidor geschehen sein; denn der neue Wächter mußte sich doch, bevor er das Wagstück unternahm, einigermaßen in der Localität orientirt haben. Bei Gelegenheit der Verhandlung des Naundorff’schen Processes zu Paris im Jahre 1851 brachte der Anwalt der Hinterlassenen Naundorff’s, der berühmte Advocat Jules Favre, drei von Laurent an Barras gerichtete Briefe vor, in welchen die Unterschiebung eines stummen Waisenknaben an die Stelle des Dauphin „constatirt“ war. Wäre dies [231] unanfechtbar erhärtet, so würde darin ein höchst wichtiger, ja ein Ausschlag gebender Umstand gefunden sein. Allein die beigebrachten Briefe waren bloße Abschriften von zweifelhafter Authenticität. Die Originale der Briefe sollen im Jahre 1810 dem Justizrath Lecoq in Berlin anvertraut worden sein. Hat es zur genannten Zeit in Berlin einen Justizrath Lecoq gegeben und wäre es, im bejahenden Falle, nicht möglich, den Originalbriefen auf die Spur zu kommen?

Die Mitglieder des Sicherbeitsausschusses fanden bei ihrem am 13. Thermidor im Tempel abgestatteten Besuche einen „etwa neunjährigen“ Knaben vor, „unbeweglich, mit gekrümmtem Rücken, mit Armen und Beinen, deren ungewöhnliche Länge zu dem übrigen Körper in einem großen Mißverhältniß stand“. Dieser Knabe, der wahre oder ein falscher Dauphin, war zwar im Besitze des Gehörs, nicht aber der Sprache, die Besucher vermochten ihm kein Wort, keine Sylbe zu entlocken. Dieser Thatsache widerspräche freilich die Angabe von einem Besuche, welchen nicht lange nach dem 9. Thermidor Barras in eigener Person dem kleinen Gefangenen abgestattet haben soll. Bei dieser Gelegenheit habe der Knabe mit Barras gesprochen. Allein diese ganze Geschichte von dem Barras’schen Besuche ist als gänzlich unerwiesen abzuweisen. Am 9. November von 1794 gab man dem Wächter Laurent einen Gehülfen in der Person eines gewissen Gomin, welcher den Dauphin, den wahren nämlich, früher nie gesehen hatte. In späterer Zeit freilich, nachdem ihn die Herzogin von Angoulème zum Castellan ihres Schlosses Meudon gemacht hatte (1814), hat er behauptet, er habe in dem Knaben im Tempel den Sohn Ludwig’s des Sechszehnten erkannt, welchen er früher oft gesehen gehabt. Allein da man weiß, wie feindselig die Herzogin stets gegen die Ansicht, ihr Bruder sei nicht im Tempel gestorben, sich erwiesen hat, so verdient die eben berührte Aussage Gomin’s gar keinen Glauben.

Im genauen Verhältniß zum augenfälligen Vorschritt der royalistischen Reaction oder wenigstens Reactionsstimmung im Herbst und Winter von 1794 richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit mehr, als bis dahin geschehen war, auf den kleinen Gefangenen im Tempel. Auch der Convent beschäftigte sich daher mit demselben. Am 28. December stellte Lequinio in der Conventssitzung den Antrag, „mittelst Verbannung des gefangenen Prinzen den Boden der Freiheit von der letzten Spur des Royalismus zu reinigen.“ In dem Bericht, welchen Cambacérès über diesen Antrag erstattete, beantragte er Verwerfung desselben, d. h. fernere Gefangenhaltung des Dauphin, was beschlossen wurde. In der Debatte äußerte Brisal die Brutalität: „Ich wundere mich, daß man bei allen den unnützen Verbrechen, welche vor dem 9. Thermidor begangen worden sind, die Ueberbleibsel einer unreinen Race verschont hat.“ Worauf Bourdon: „Es giebt keine nützlichen Verbrechen! Ich verlange, daß der Vorredner zur Ordnung gerufen werde.“ Großer Beifall. „Ich rufe selber mich zur Ordnung,“ sagte Brisal.

Zur selben Zeit kränkelte der kleine Gefangene mehr und mehr und auf die Meldung der Wächter, daß sein Siechthum zunähme, schickte die Commune eine Abordnung in den Tempel, welche dann den amtlichen Bericht erstattete, daß „der kleine Capet an seinen Hand- und Fußgelenken, insbesondere an den Knieen, geschwollen sei, daß es unmöglich, auch nur ein Wort von ihm zur Antwort zu erhalten, daß er seine ganze Zeit entweder im Bette oder auf dem Stuhle zubringe und nicht zu vermögen sei, sich irgendwelche Bewegung zu machen.“ Durch diesen Bericht beunruhigt, wie es scheint, sandte der Sicherheitsausschuß am 27. Februar von 1795 die drei Conventsmitglieder Harmand, Mathieu und Reverchon in den Tempel, um das Befinden des kleinen Gefangenen zu erkunden.

Die drei Genannten fanden den Knaben an einem Tische sitzend und beschäftigt, mit Karten zu spielen. Er gab beim Eintritt der Deputirten sein Spiel nicht auf. Harmand setzte ihm den Zweck dieses Besuches auseinander und daß er und seine Collegen bevollmächtigt seien, ihm jede Erleichterung und Zerstreuung zu bewilligen. Das Kind schaute den Sprecher aufmerksam an, gab aber keine Antwort; nicht eine Sylbe entfiel seinen Lippen. Harmand sagte: „Ich beehre mich, Sie zu fragen, Monsieur, ob Sie ein Pferd, einen Hund oder Vögel und anderes Spielzeug, ob Sie vielleicht auch einen oder mehrere Spielcameraden von Ihrem Alter wünschen? Wollen Sie im Garten spazieren geben oder auf die Plattform des Thurmes steigen? Wollen Sie Bonbons und Kuchen?“ Keine Antwort. Harmand stellte sich an, als vertauschte er das gütige Zusprechen mit einem befehlenden. Umsonst, keine Antwort. Harmand versuchte, den Knaben dadurch zum Sprechen zu bringen, daß er demselben vorstellte, sein Schweigen mache es ja den Commissären unmöglich dem Gouvernement Bericht zu erstatten. Vergebens, der Knabe blieb stumm. Aber taub war er nicht. Auf Harmand’s Wunsch gab er diesem sogleich die Hand. Auch auf Trotz und Tücke konnte sein Schweigen nicht zurückgeführt werden. Denn mit Ausnahme des Sprechens that er unweigerlich Alles, was man von ihm verlangte. Höchlich verwundert fragte Harmand, bevor er mit seinen Collegen den Tempel verließ, die beiden Wächter, welcher Ursache denn wohl diese außerordentliche Schweigsamkeit zuzuschreiben sei. Laurent und Gomin versicherten, wie Harmand in seinem Berichte bemerkt hat – daß der Prinz seit dem Abend jenes 6. Octobers von 1793, wo er durch den ruchlosen Hébert verlockt und gezwungen worden, die bekannte namenlose Schändlichkeit gegen seine Mutter Marie Antoinette auszusagen, niemals wieder den Mund zum Reden aufgethan habe.

Aber Laurent und Gomin hatten sich damals, im October 1793, noch gar nicht im Tempel befunden und ihre Aussage hat also nur insofern Werth, als sie angiebt, der Gefangene habe sich seit dem Eintritt der Beiden in das Wächteramt stumm verhalten. Die angeführte Erklärung des prinzlichen Stummseins ist übrigens reiner Blödsinn. Der Dauphin konnte darüber, daß er sich durch Hébert jene schmutzige Aussage hatte entpressen lassen, unmöglich eine so verzweiflungsvolle Reue empfinden, weil er jene ihm durch Hébert auf die Zunge gelegte Aeußerung weder in ihrem Wesen noch in ihrer Tragweite hatte verstehen können. Und welcher Mensch von gesundem Menschenverstand wird glauben können, daß ein Kind von neun Jahren plötzlich den Entschluß fassen und mit eiserner Energie bis zu seinem letzten Athemzug durchführen konnte, niemals wieder ein Wort zu sprechen? Nonsens! … Aus alledem geht also hervor: Harmand und seine Collegen fanden am 27. Februar von 1795 im Tempel einen stummen Knaben, während constatirter Maßen die Sprachorgane des Dauphin ganz in der Ordnung gewesen waren.

Zu Anfang Aprils trat an die Stelle des Laurent ein neuer Wächter und Wärter, ein gewisser Lasne. Dieser spielte später eine wichtige Rolle in der Meinung Solcher, welche glaubten oder wenigstens Andere glauben machen wollten, der echte Dauphin sei im Tempel gestorben. Lasne behauptete nämlich, der kleine Gefangene sei nicht stumm gewesen. Aber das Zeugniß dieses Menschen ist im höchsten Grade verdächtig; erstens deshalb, weil er sich, gerichtlich vernommen, total widersprochen hat, indem er im Jahre 1834 angab, der Prinz habe Tag für Tag mit ihm geplaudert, im Jahre 1837 dagegen, er habe den Prinzen nur ein einziges Mal und auch da nur wenige Worte reden gehört. Zweitens deshalb, weil die Aeußerungen, welche Lasne, seiner Aussage von 1834 zufolge, aus dem Munde des gefangenen Kindes vernommen haben wollte, unmöglich von diesem herrühren konnten. Pascal oder Montesquieu hätten sich, in die Lage des kleinen Gefangenen versetzt, nicht weiser und tiefsinniger ausdrücken können. Ein neunjähriges, krankes, seit Jahren allem Unterrichte, sogar allem Umgange entzogenes Kind konnte nicht so philosophisch reden; es ist schlechterdings undenkbar.

Aber wir müssen unsere Schritte wieder um Etwas zurücklenken, um dann mit logischer Sicherheit weiter vorgehen zu können… Der Bericht, welchen Bürger Harmand dem Sicherheitsausschuß, d. h. der höchsten Polizeibehörde der Republik, erstattete, wurde geheim gehalten und hatte für den jungen Gefangenen keine Folgen. Seine Lage blieb ganz dieselbe. Es scheint aber fast, als hätte Harmand durchblicken lassen, daß er in dem verwachsenen, skrophulösen und stummen Knaben den Dauphin, welcher notorischer Maßen ein gesunder, wohlgestalteter und aufgeweckter Junge gewesen war, nicht erkannt habe und daß er so unvorsichtig ehrlich gewesen sei, den thermidorischen Machthabern, welche damals vom Wohlfahrts- und vom Sicherheitsausschuß aus Frankreich regierten, zu merken zu geben, daß hier ein Geheimniß vorläge, welches aufgeklärt werden müßte. Auffallend ist jedenfalls die Thatsache, daß man sich beeilte, den Bürger Harmand rasch von der Bühne verschwinden zu lassen: wenige Tage nach seinem Besuch im Tempel wurde er als Commissär [232] der Republik nach Ostindien verschickt. Das Geheimniß sollte also nicht aufgeklärt werden?

Zu Anfang des Mai 1795 verschlimmerte sich der Zustand des jungen Tempelgefangenen so auffallend, daß man ihm ärztliche Behandlung zu Theil werden lassen mußte, falls man der Behauptung, mit dem 9. Thermidor sei ein menschlicheres Regiment eingetreten, nicht ins Gesicht schlagen wollte. Angenommen nun, der erkrankte Knabe sei nicht der Dauphin gewesen, so begingen Diejenigen, welche wissen mußten, daß er es nicht sei, eine grobe Unvorsichtigkeit, indem sie zuließen, daß ein Arzt, welcher den Dauphin früher gekannt hatte, zu dem Kranken geschickt wurde. Es war dieser Arzt der berühmte Desault vom Hôtel-Dieu, doch sollte er, so bestimmte der Sicherheitsausschuß, den Patienten nur in Gegenwart der Wächter sprechen und untersuchen dürfen. Zur gleichen Zeit beschied der Ausschuß ein Gesuch des Monsieur Hue, ehemaligen Kammerdieners Ludwig’s des Sechszehnten, abschlägig, das Gesuch, den erkrankten Prinzen pflegen zu dürfen. Scheuten sich die „menschlichen“ Herren vom Thermidor, einen Mann wie Hue, welcher natürlich den Dauphin genau gekannt hatte, zu dem Tempelgefangenen zu lassen?

Am 6. Mai besuchte Desault den kranken Knaben zum ersten Mal. Er konnte denselben nicht zum Sprechen bringen. Allerdings versichern gewisse realistische Autoren, welche die Aufgabe hatten, um jeden Preis den Dauphin im Tempel gestorben sein zu lassen, Desault habe mittelst seiner Güte den stummen Patienten schließlich doch zum Sprechen gebracht; aber sie wollen das von Lasne gehört haben, dessen Zeugniß, wie oben nachgewiesen worden, als gänzlich unzulässig betrachtet werden muß. In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai wurde Desault, nachdem er bei Herren von der Regierung zu Abend gespeist hatte, plötzlich todtkrank. Am l. Juni starb er. War da etwa ein „nützliches“ Verbrechen begangen worden? Man munkelte in Paris, Desault sei vergiftet worden, weil er sich nicht dazu habe gebrauchen lassen wollen, den kleinen Tempelgefangenen zu vergiften – ein ganz grundloses, dummes Geträtsche. Anders freilich stellt sich die Sache, wenn man, wie ebenfalls behauptet wurde, annimmt, Desault sei auf Anstiften Derer, welche den Schlüssel des Tempelräthsels besaßen, beseitigt worden, weil er bemerkt und zu bemerken gegeben habe, daß der rhachitische und stumme Knabe im Tempelthurm nicht der wahre Dauphin, den er ja gut gekannt hatte, sein könne, sondern ein untergeschobener sein müsse.

Dieser Verlauf der Sache ist nun keineswegs ein blos muthmaßlicher, sondern ein wohlbezeugter. Ein Schüler von Desault, Monsieur Abeillé, hat sein Leben lang standhaft behauptet, sein Lehrer sei vergiftet worden in Folge seines an den Sicherheitsausschuß erstatteten Rapports, daß er in dem jungen Tempelgefangenen den Dauphin nicht erkannt habe. Jules Favre sodann hat in seinem Plaidoyer vom Jahre 1851 das Zeugniß eines andern Schülers und Freundes von Desault citirt, welcher ihm, Favre, zu Perigueux die Angaben Abeillé’s bestimmt bestätigte. Noch gewichtiger ist die nachstehende, aus der Familie Desault’s herrührende und in aller Form ausgestellte Bezeugung.

„Ich Unterzeichnete, Agathe Calmet, Wittwe des Pierre Alexis Thouvenin, wohnhaft in Paris, Platz de l’Estrapade Nr. 34, bezeuge, daß bei Lebzeiten meines Mannes Thouvenin, eines Neffen des Doctor Desault, ich meine Tante, Frau Desault, häufig habe erzählen hören, daß der Doctor Desault, Hauptarzt am Hôtel-Dien, gerufen wurde, um den Knaben Capet, welcher damals im Tempel gefangen saß, zu besuchen – so lautete der dem Doctor Desault von Seiten des Sicherheitsausschusses schriftlich zugefertigte Befehl. Im Tempel wies man ihm ein Kind, welches nicht der Dauphin war, den Herr Desault vor der Gefangensetzung der königlichen Familie mehrmals gesehen hatte. Nachdem der Doctor einige Nachforschungen angestellt, um zu erfahren, wohin doch wohl der Sohn Ludwig’s des Sechszehnten, an dessen Statt man ihm ein anderes Kind gezeigt hatte, gekommen sein möge, stattete er seinen Rapport ab und an demselben Tage erhielt und befolgte er die Einladung einiger Conventsmitglieder zum Diner. Von diesem Mahle weg nach Hunse gegangen, wurde er von entsetzlichen Erbrechungen befallen. Er starb daran, und dies ließ glauben, daß er vergiftet worden sei. Agathe Calmet. Paris, 5. Mai 1845“… Wäre nur die Vergiftung Desault’s gerichtsärztlich festgestellt! Es scheint aber gar keine Untersuchung dieses plötzlichen und auffallenden Todesfalls angestellt worden zu sein. Jedoch machte das Ereigniß Lärm, und Frau Desault erklärte ganz laut, ihr Mann sei vergiftet worden. Sollte ihr etwa dadurch der Mund gestopft werden, daß ihr der Convent eine Pension von zweitausend Livres bewilligte? Seltsam ist auch, daß, ganz entgegen dem herrschenden Brauch, der Rapport Desault’s nicht veröffentlicht wurde. Die Inhaltsangabe der Nummer 263 des Moniteur von 1795 führt den Bericht des Arztes als in derselben Nummer enthalten auf; aber diese Angabe lügt, denn der Rapport fehlt und ist überhaupt nie veröffentlicht worden. Sechs Tage nach Desault’s Tod starb auch sein vertrauter Freund, der Apotheker Choppart, plötzlich. Er hatte für den jungen Patienten im Tempel die Arzeneien geliefert.

Am 5. Juni gab der Sicherheitsausschuß dem kranken Knaben einen neuen Arzt in der Person des Doctor Pelletau, welcher bat, sich den Doctor Dumangin zugesellen zu dürfen, sowie später auch noch die Doctoren Lassus und Jeanroy. Man möchte glauben, Herr Pelletau habe sich nicht allein in eine Gefahr begeben wollen, in welcher sein College Desault umgekommen war. Im Uebrigen hatte keiner der vier genannten Aerzte den Dauphin, nämlich den echten, gekannt. Pelletau und Dumangin wurden von den Wächtern im Tempel unterrichtet, daß der Patient nicht spräche, und da sie auf ihre an den Knaben gerichteten Fragen keine Antwort erhielten, ließen sie ab, weiter in ihn zu dringen. Freilich haben Solche, welche den Wächter Lasne als Zeugen gelten zu lassen ein leicht begreifliches Interesse hatten, das Gegentheil behauptet; allein die Worte, welche sie bei dieser Gelegenheit dem Knaben in den Mund legen, tragen das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit, ja der Unmöglichkeit so deutlich, daß sie sofort als schlecht erfunden sich herausstellen.

Am 8. Juni starb das kranke Kind im Tempelthurm.

Hätte man nun nicht erwarten sollen, daß, falls der todte Knabe der echte Dauphin, die Behörden die minutiöseste Sorgfalt aufwenden mußten, um alle Umstände dieses Ereignisses unanfechtbar genau festzustellen? Es geschah aber durchaus das Gegentheil. Alles wurde lässig und schluderig abgemacht. Am 9. Juni machte Bürger Sevestre im Namen des Sicherheitsausschusses dem Convent kurz und trocken die Anzeige, daß der „Sohn des Capet“ im Tempel gestorben sei. An demselben Tage nahmen der Doctor Pelletau und seine drei genannten Collegen über den Leichenbefund ein Protokoll auf, in welchem es wörtlich heißt: „Um 11 Uhr Morgens an der Außenpforte des Tempels angekommen, wurden wir durch die Commissäre empfangen und in den Thurm geführt. Im zweiten Stockwerk desselben fanden wir in einem Zimmer auf einem Bette den Leichnam eines Kindes, welches uns ungefähr zehnjährig schien. Dieser Leichnam, sagten uns die Commissäre, sei der des Sohnes des verstorbenen Ludwig Capet, und zwei von uns haben in demselben das Kind wieder erkannt, welches sie seit einigen Tagen ärztlich behandelt hatten.“ Dies ist doch fürwahr entfernt kein Beweis für die Identität des todten Knaben mit dem Sohne Ludwig’s des Sechszehnten! Sehr bemerkenswerth ist aber ein Umstand, welchen demselben Protokoll zufolge die Section des Leichnams herausstellte. Das Gehirn des todlen Kindes wurde nämlich in völlig normalem und gesundem Zustande vorgefunden. Dies hätte aber schwerlich oder vielmehr geradezu unmöglich der Fall sein können, wenn der Todte wirklich der Dauphin gewesen wäre, welchen ja der allgemeinen und unbestrittenen Annahme zufolge der schändliche Simon und dessen Frau durch Verleitung zu in einem so unreifen Alter doppelt schädlichen Ausschweifungen in einen Zustand des Blödsinns herabgebracht hatten, welcher eine Desorganisation des Gehirns zur unumgänglichen Voraussetzung haben mußte. Am Abend des 10. Juni wurde der Leichnam des jungen Tempelgefangenen ohne irgendwelche Ceremonie auf dem Kirchhof von Sainte-Marguerite bestattet. Erst zwei Tage nach der Bestattung und demnach vier Tage nach dem Ableben des Kindes wurde der Todesschein ausgestellt und zwar in so gesetz- und formloser Weise, daß diesem Actenstück eine gesetzliche Beweiskraft gar nicht zukommt.

Aber für die Familie Bourbon war Ludwig der Siebzehnte in aller Form gestorben und todt. Stets hat sie sich, die Schwester des Prinzen einbegriffen, gegen jeden Versuch, darzuthun, daß nicht der echte, sondern ein falscher Dauphin im Tempel gestorben sei, nicht nur abwehrend, sondern auch hindernd und hintertreibend verhalten. Als im Jahre 1820 ein gewisser Carou, welcher nach der Gefangensetzung der Familie Ludwig’s des Sechszehnten Zutritt [233] im Tempel gefunden hatte, sich erbot, über die Entführung des Dauphin wichtige Mittheilungen zu machen, verschwand der Mann, nachdem ein hoher Hofbeamter ihn mehrmals besucht hatte, plötzlich und ist nie wieder zum Vorschein gekommen. Höchst auffallend war auch die Gleichgültigkeit, welche die königliche Familie nach der Restauration gegen die Ueberreste und das Andenken Ludwig’s des Siebzehnten an den Tag legte. Bekanntlich führte man im Jahre 1815 eine große Haupt- und Staatskomödie auf mit der angeblichen Auffindung und Ausgrabung der Gebeine Ludwig’s des Sechzehnten und seiner Frau. Der Erzphantast Chateaubriand ging bei dieser Gelegenheit in seinem romantischen Delirium so weit, zu schreiben, man habe den Todtenschädel Marie Antoinette’s an dem unvergleichlich graziösen Lächeln wiedererkannt, welches der Königin eigen gewesen sei, und dieser grauenhafte Blödsinn fand vielen Beifall. Die romantisch-restaurative Gebein-Auffindungs-Posse – denn weiter war es Nichts, da die wirklichen Gebeine des Königs und der Königin unmöglich mehr aufgefunden werden konnten – bestimmte aber den Pfarrer von Sainte-Marguerite, Lemercier, die Auffindung der Gebeine des Dauphins in Vorschlag zu bringen. Er behauptete, die Todtengräber hätten im Jahre 1795 zwar den Sarg mit dem Leichnam des Prinzen zuerst in die allgemeine Grube gestellt, aber den heimlich mit Kreidestrichen bezeichneten in einer der folgenden Nächte wieder aus der großen Grube herausgenommen und neben der vom Kirchhof in die Kirche führenden Thür begraben. Der Pfarrer wandte sich mit seinem Anliegen an die Herzogin von Angoulème, von welcher er erwarten durfte und mußte, daß sie ihm eifrig beistimmen und behülflich sein würde. Allein der gute Mann ging fehl. Die Herzogin wies die Sache entschieden von der Hand.

Diese Prinzessin, Napoleon’s bekanntem Ausspruche zufolge „der einzige Mann in ihrer Familie“, war nichts weniger als sentimental, und es begreift sich leicht, daß sie es nicht war und nicht sein konnte. Die Gluth der Schmerzen, welche sie in ihrer Jugend zu erdulden gehabt, hatte ihr Herz zu Stein gebrannt. In der That, sie hat zur Restaurationszeit bei verschiedenen Gelegenheiten eine wahrhaft steinerne Fühllosigkeit kundgegeben, wofür ich als Beleg einen in Deutschland wenig oder gar nicht bekannten Zug anführen will. Am 11. August von 1792 hatte sich die in das Sitzungslocal der Nationalversammlung geflüchtete königliche Familie in einem Zustande völliger Mittellosigkeit befunden. Kaum erfuhr dies eine der gewesenen Kammerfrauen Marie Antoinette’s, Frau Auguié, als sie sich beeilte, ihrer bedürftigen Herrin fünfundzwanzig Louisd’or von ihren Ersparnissen zu überbringen. Diese Großmuth der Dienerin kam fünfzehn Monate später beim Proceß der Königin vor dem Revolutionstribunal zur Sprache. Befragt, wer ihr die fünfundzwanzig Goldstücke gegeben hätte, nannte Marie Antoinette den Namen der Frau Auguié. Sofort wurde infamer Weise ein Haftsbefehl, das will sagen, ein Todesurtheil, gegen die treue Dienerin erlassen. In dem Augenblicke, wo die Häscher in ihre Wohnung traten, stürzte sich die Unglückliche zum Fenster hinaus und blieb auf der Stelle todt. Eine ihrer Töchter wurde später die Frau des Marschalls Ney. Als dieser nach der zweiten Restauration, allerdings mit Recht, processirt und verurtheilt wurde, konnte es die Herzogin von Angoulème der Bitterkeit ihres Hasses nicht abgewinnen, ein Wort der Fürbitte für den Gatten einer Frau einzulegen, deren Mutter um ihrer Mutter willen gestorben war!

Die Prinzessin also wies den Pfarrer von Sainte-Marguerite mit seinem Anliegen ab, vorgebend, „die Lage der Könige sei furchtbar und sie dürften und könnten nicht Alles thun, was sie wollten.“ Gerade zu dieser Zeit aber haben bekanntlich die Bourbons Alles gethan, was sie wollten, auch das Dümmste und Unverantwortlichste, was nur immer eine rasende Reactionspartei ihnen eingab. Die Wahrheit ist, der Hof wollte, wie von dem Dauphin überhaupt, so auch von seinen angeblichen Ueberresten schlechterdings nichts wissen und hat jeden Versuch, auf eine Untersuchung der räthselhaften Umstände, welche das Leben und den angeblichen Tod des Prinzen im Tempel begleitet hatten, zurückzukommen, beharrlich und erfolgreich zu vereiteln gewußt.

Und aber, fragt der Leser, was ist das Ergebniß dieser langen Erörterung?

Ein ungelöstes Räthsel! Denn ich gestehe zwar für meine Person ohne Rückhalt, daß ich entschieden der Ansicht zugeneigt bin, der am 8. Juni von 1795 im Tempel verstorbene Knabe sei nicht der Dauphin, sondern ein diesem untergeschobenes Kind gewesen; allein diese subjektive Ueberzeugung entbehrt selbstverständlich des objectiv-historischen Werthes, so lange nicht nachgewiesen, beweiskräftig nachgewiesen ist, was denn im Falle seiner Rettung aus dem Tempelgefängniß aus dem Prinzen geworden. Jeder bislang gemachte Versuch, diese Frage mit Bestimmtheit zu beantworten, hat sich als unzulänglich, wenn nicht gar als Charlatanerie, als unbewußter oder auch als bewußter Betrug herausgestellt. Von den als Ludwig der Siebenzehnte Aufgetretenen hat Keiner, wie ich nach sorgfältiger und wiederholter Prüfung der von ihnen vorgebrachten Behauptungen und Ansprüche versichern kann, seine Identität mit dem Dauphin auch nur bis zum Grade der Wahrscheinlichkeit erwiesen. Am meisten von seinem Rechte überzeugt scheint der Uhrmacher Naundorff gewesen zu sein. Die Möglichkeit einer befriedigenden Antwort auf die Frage: Was ist aus dem Dauphin nach seiner Entführung aus dem Tempel geworden? könnte nur die Aufspürung, Bloßlegung und Verfolgung aller der fast zahllosen Intriguenfäden, welche zwischen den emigrirten Bourbons und ihren Anhängern in und außerhalb Frankreichs hin- und herliefen, an die Hand geben. Eine langwierige, schwierige und höchst unerquickliche Arbeit, die von Wissenden nur allenfalls ein solcher unternehmen möchte, welcher schlechterdings nichts Besseres zu thun weiß. Denn was könnte er im glücklichen Falle für ein Resultat gewinnen? Die Befriedigung einer müßigen Neugier, weiter nichts. Laßt die Todten ihre Todten begraben!



  1. Unser großer Seher, welcher von allen seit Shakespeare und Milton aufgestandenen Dichtern, obgleich oder vielmehr weil er ein Idealist war, am meisten historischen Sinn besaß, hat gegenüber dem geistes-mechanischen Zufallsglauben die weltgeschichtliche Logik schön erkannt und anerkannt, indem er seinen Wallenstein sagen ließ:

    „Es giebt keinen Zufall,
    Und was uns blindes Ungefähr nur dünkt,
    Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.“