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Das Meer im Glashause

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Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Bettziech
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Titel: Das Meer im Glashause
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 388–391
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[388]
Das Meer im Glashause.[1]

Der Ocean auf dem Tische“, „das Marine-Aquarium“, „das Zoophyten-Haus im zoologischen Garten zu London“, unter welchen Titeln wir Deutschland zuerst durch die Gartenlaube[2] mit den Wundern der Meerestiefe bekannt machten, mit denen es zum Theil sofort enthustastische Freundschaft schloß, haben sich gleichwohl bei uns nicht eingebürgert, sondern sind vom großen Publicum wieder vergessen worden. Auch in England ist der Marine-Aquariums-Enthusiasmus mit seinen Tausenden von wunderbar belebten Krystall-Tempeln in den Putzzimmern der Reichen und Gebildeten ebenso ausgestorben, wie die pflanzlichen und thierpflanzlichen Bewohner darin.

In Deutschland hat es keine zoologische Gesellschaft, keine Direction eines zoologischen Gartens nur versucht, einen solchen neuen Tempel der Naturwissenschaft zu errichten, mit Ausnahme einer einzigen, der musterhaften in Hamburg. Und es ist zugleich eine wahre Freude, berichten zu können, daß der Marine-Aquariums-Tempel des zoologischen Gartens in Hamburg den Londoner in jeder Beziehung wesentlich übertrifft und als ein wahrer Triumph der Wissenschaft und Schönheit, der gesammelten Erfahrungen und praktischen Benutzung derselben anerkannt werden muß.

Das Hamburger-Meeres-Feenschloß wird der Zeit nach das vierte in der Welt sein (das dritte befindet sich, wenn ich nicht irre, in Havre), ist aber der Einrichtung nach entschieden das erste und Vorbild für alle andern, die sich nun wohl mit der Zeit einfinden werden. Es verdient deshalb genauere An- und Einsicht, wozu wir hiermit beitragen wollen. Die junge zoologische Gesellschaft, durch ihre Directoren und Leiter unstreitig eine der tüchtigsten, beschloß gleich zu Anfang, den in zoologischen Gärten vernachlässigten Wasser- und Meereslebensformen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der erste Präsident, Baron Ernst von Merck, unterstützte diese Absicht nach Kräften und vererbte sie dem jetzigen, H. A. Meyer, unter welchem der Plan zur Errichtung eines Zoophyten-Hauses im Sommer 1862 zum praktischen Anfang reifte. Der Kunsttempel, das Atelier für Ausstellung und Cultur aquatischer Lebensgebilde, war im April vorigen Jahres wunderbar vollendet und kann mit Recht als verwirklichte Wissenschaft aller während der letzten zwölf Jahre auf diesem Gebiete gemachten Erfahrungen bezeichnet werden. Alles ist gebaut und construirt und praktisch, wie künstlerisch gestaltet nach den bewährtesten Modellen und so bevölkert, daß die Wissenschaft die reichste Belehrung und das Volk die anziehendsten Wundergebilde des Meeres in den malerischsten Gruppen und der hellsten Beleuchtung auf die bequemste Weise genießen können. Der berühmte Chemiker Liebig rühmte bei einem Besuche die vollständigste und praktischste Einrichtung für Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Pflanzen- und Thierleben.

Das Gebäude, genannt „Aquarien-Haus“, oder auch blos „Aquarium“, ist ungefähr hundert Fuß lang, vierzig breit und fünfundzwanzig hoch. Um die Erhaltung möglichst gleichmäßiger Temperatur zu erleichtern, ist es mit der untern Hälfte unter die Erdoberfläche gesenkt worden, so daß es von Weitem und außen allerdings keinen besondern architektonischen Eindruck macht. Es besteht aus einem Salon mit zwei Galerieen und zehn großen Behältern von Spiegelglas, einem nördlichen mit sechs kleinen, einem südlichen mit eben so viel und einem westlichen Raume mit einem großen Behälter, Zimmern mit Heizapparaten, Eingangs-Halle, bedecktem Porticus und Treppen. Die in Abbildung gegebene innere Ansicht des großen Salons in der Mitte mit den zehn Behältern an beiden Seiten reicht hin, um uns eine Vorstellung von dem Baue und der innern Einrichtung zu bilden.

Durch diese Behälter circuliren fortwährend 3500 Cubikfuß Seewasser und zwar so, daß sich etwa 1000 Cubikfuß stets in jenen befinden und das übrige Wasser als Reservoir (unter dem Laboratorium) und künstlich erneuertes Lebenselement dient, das immer neuen Zufluß gewährt, während ge- und verbrauchtes Wasser abfließt und künstlich wieder gereinigt und gesauerstofft wird. Dieses

[389]

Das Aquarium im Hamburger zoologischen Garten.
Nach einer Originalaufnahme von M. Haller in Hamburg.

[390] Seewasser wird nie durch anderes ersetzt, sondern immer dasselbe kreist fortwährend zwischen Behälter und Reservoir durch Pumpwerke, welche durch Wasserdruck Tag und Nacht in Bewegung erhalten werden. Es verliert durch den Gebrauch, d. h. durch den Lebensproceß der Thiere und Pflanzenthiere in den Behältern, mehr oder weniger an Sauerstoff, dem wesentlichen Elemente alles Lebens. Daher wird es, aus den Behälter abfließend, durch tüchtige Luftbäder immer wieder mit Sauerstoff gesättigt und zugleich durch Filtration von mechanisch beigemengten Unreinigkeiten befreit. So gewinnt man das nämliche Seewasser stets wieder als frisches, blos mit dem Unterschiede, daß es, unmittelbar aus dem großen Meere geschöpft, eine Menge Nahrungsstoffe für die Bewohner der Behälter enthalten würde. Diese müssen also durch künstliche Fütterung, Fleisch von Crustaceen, Würmer, todte oder lebendige Fische etc., eine durchaus nicht kostspielige und ungemein interessante Arbeit, ersetzt werden. Der fortwährende Gebrauch des nämlichen Seewassers auf diese Weise hat sich in Hamburg so gut bewährt, daß sich in demselben täglich neue Organismen entwickeln und die vorhandenen vortrefflich gedeihen. Hiermit scheint für alle künftigen Anlagen von Zoophyten-Häusern die größte Schwierigkeit glücklich gelöst worden zu sein. Mit ein paar Tonnen Seewasser kann man in jeder Entfernung vom Meere Marine Aquarien gründen und unterhalten.

Ein danebenliegendes Bedenken ist wohl auch mit etwas Chemie und Gewissenhaftigkeit zu beseitigen. Die Zoophyten und Thurmbewohner, besonders die gepanzerten Krebsritter, verbrauchen nämlich jedenfalls auch Material zur Befestigung und Vergrößerung ihrer kleinen Burgen, zur Anschaffung von neuen Wohnungen und Waffen. Dies beziehen sie aus dem Seewasser selbst, das aus mehr als sechsundneunzig Theilen gewöhnlichen Wassers, dritthalb Procent Chlornatrium (Kochsalz) und halben und weniger Procenten Bromnatrium, schwefelsaurem Kali, schwefelsaurem Kalk oder Gyps (blos 0,1622 Proc.), schwefelsaurer Magnesia und Chlormagnesium besteht. Dieses Baumaterial ist also nicht sehr reichlich vorhanden und wird fortwährend in Anspruch genommen, wahrscheinlich besonders Kalk. Deshalb wird es wohl nöthig sein, das Wasser öfter chemisch zu untersuchen und darin gefundene Deficits zu decken. Darin kann aber wenig Schwierigkeit liegen, da man mit Erfolg künstliches Seewasser macht und Marine-Organismen darin erhält.

Die Oxygenation oder Sauerstoffung des Wassers durch Luftbäder und immerwährenden energischen Kreislauf wird vermittelst besonderer Vorrichtungen und künstlicher „Stürme im Glase Wasser“ unterstützt, wodurch die auf engen Raum angewiesenen Meeresbewohner zugleich zu dem Genusse und belebenden Vergnügen wirklichen Meeressturmes kommen. Man bläst nämlich durch das erneuerte Seewasser zuweilen mit großer Gewalt Luft in die Behälter, so daß eine tüchtige, wellenförmige Bewegung darin entsteht, die im Kleinen den kleinen Wundern Alles leistet, was sie nur von dem größten Sturme erwarten können.

Aber alle die reichlich von außen eingeführte Lebensluft reicht nicht hin zum fröhlichen Gedeihen der maritimen Bevölkerung, so daß auch für frisch perlende Sauerstoffquellen im Wasser selbst gesorgt worden ist. Man hat deshalb lebendige Gärten und Grotten auf dem malerisch nachgeahmten Meeresboden und dessen Felsen und Gebirgen angelegt und gärtnert immer frisch weg in diesen Feen-Parks, deren Pflanzen und Moose und seltsame Bäumchen und Wäldchen nun doppelt für das Wohl der darin lebenden Wesen sorgen, indem sie die fortwährend aus dem thierischen Lebensproceß sich entwickelnde Kohlensäure wegfischen und zu ihrer eigenen Nahrung verbrauchen und dafür unter dem Einflusse des Lichts Lebensluftperlenreihen von sich geben. Das kann man an hellen Tagen oft sehr schön sehen. Wie aus einem Glase eingegossenen Champagners dichte Reihen von Luftperlen emporeilen, so sprudeln von den lichtgetroffenen Pflanzen unten lustige Bläschen sich befreienden Sauerstoffs wie feinste Diamantenketten herauf. Die wunderbaren Creaturen darin freuen sich dieses sprudelnden Luft-Champagners und wehen und winken und kokettiren angesäuselt mit ihren farbenreichen Federbüschen und gesticuliren mit ihren zahlreichen Fangfingern oder fliegen und flitzen zwischen den Grotten und Höhlen umher, wie lustige Buben, die aus der Schule hervorlärmen.

Erst durch dieses pflanzliche Leben in den Aquarien ist dessen Kreislauf abgerundet und das Gedeihen der thierischen und pflanzlichen Gebilde durcheinander gesichert. Zudem trägt die lebendige Vegetation auf dem künstlerisch nachgeahmten Meeresboden ungemein viel zur Schönheit dieser Zoophyten-Parke in ihren klar durchsichtigen Krystallpalästen bei. Wir haben die Wunder der Tiefe wirklich und im besten Lichte dicht vor uns. Die Pflanzen werden nicht vom Meere oder in Süßwasser-Aquarien aus Flüssen übergesiedelt, sondern sie entwickeln sich freiwillig aus Keimen oder hineingeworfenem Samen, so daß sie sich gleich von der Geburt an mit ihrer beschränkten Heimath befreunden. Natürlich muß Ueberwucherung sowohl als Mangel durch besondere Gärtnerkunst im Gleichgewicht gehalten werden.

Im Allgemeinen werden die Süßwasser-Aquarien mit etwa einhundert und dreißig Kubikfuß Wasser eben so sorgfältig behandelt, nur daß man mit diesem nicht so ökonomisch umgeht, sondern das abfließende durch anderes ersetzt. Die künstlerische Landschaftlichkeit in den Behältern ist durchweg malerisch und von reizender Wirkung. Die kleinen Gebirge darin sind von gut gewählten verschiedenen Arten von Steinen und Felsenstückchen zusammengesetzt. Die Kanten und Ecken und Farben der verschiedenen mineralischen Körper sind so verbunden, daß sie durch Contrast oder Analogie einen bestimmten Charakter gewinnen. Der Boden unten ist zwei bis drei Zoll hoch mit Sand oder Kies bedeckt. Darüber verstreuen sich kleine Felsenformationen, Bänke, Abdachungen und Grotten, so daß sich die Bewohner wie zu Hause auf dem wirklichen Meeresboden fühlen und benehmen. Die schöne Wirkung dieser submarinen Landschaften wird noch erhöht durch die blos von oben (durch Dachfenster oder „Himmelslichter“, wie der Engländer besser sagt) fallende, helle Beleuchtung, die um so wirksamer erscheint, als die Besucher von einem dunkleren Raume hineinblicken. Nur in dem östlichen und dem westlichen Zimmer mit sehr flachen und seichten Behältern, wie sie sich für die darin befindlichen Gebilde am Besten eignen, ist die übliche Beleuchtung von allen Seiten vorgezogen worden.

Alle Behälter können brillant erleuchtet werden, was insofern von Wichtigkeit ist, als manche der Bewohner wie Raubthiere nur des Nachts aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen und sich von dem künstlichen Lichte nicht abhalten lassen, zu zeigen, wie sie auf die Lauer und Jagd gehen und ihre Beute fangen und verzehren. Alle unansehnliche Prosa und Werkeltagsarbeit, die zur Erhaltung und Pflege dieser ganzen submarinen Lebensscenen gehören, wie Wasser- und Gasröhren, Heiz- und Ventilations-Apparate etc. sind in untere und Nebenränme verwiesen worden, wie Maschinen und Coulissenschieber hinter die Bühne.

Da diese niedrigsten Gebilde von Thier- und Thierpflanzen-Organismen wenig Geist haben und ihr ganzes Thun, Treiben und Trachten auf Nahrung gerichtet ist (sie sind also wie viele gute Unterthanen in intelligenten Menschenstaaten), so entwickelt sich ihre ganze Eigenthümlichkeit und Energie am Charakteristischsten und in höchster Blüthe beim Fangen und Fressen, so daß die in Anwesenheit des Publicums vorgenommene Fütterung besonders interessant ist. Ein zoophylisches Geschöpf, das blos aus einem Magen besteht, muß man fressen sehen, nur um es zu glauben, daß die Natur die satirische Laune gehabt hat, auch eine solche Creatur zu schaffen.

Ohne weiter in Einzelnheiten der Verwaltung und Bewirthschaftung der Aquarien einzugehen, begnügen wir uns, noch besonders auf die angedeuteten, meisterhaft verwirklichten Bedingungen alles Lebens und Gedeihens aufmerksam zu machen: reichliche Fülle und stets lebendige Frische der Luft und des Lichtes, und zwar verticalen, directen, nicht gebrochenen und reflectirten Lichtes. Mängel und Fehler in Versorgung mit diesen wesentlichsten Lebensbedingungen ist der Hauptgrund gewesen, weshalb die Tausende von Marine-Aquarien in den Privatgemächern der Wohlhabenden und Gebildeten ausgestorben sind und der ganze, einst blühende Enthusiasmus für diese Art von herrlichster Zimmerdecoration als ziemlich erloschen beklagt werden muß.

Freilich giebt es unter den Bewohnern solcher Aquarien weder allgemeines Land- noch Seerecht. Sie leben und fressen sich gegenseitig auf ganz feudal. Deshalb ist es schön, daß man in den Hamburger Aquarien besondere Behälter für die Raubritter abgegrenzt und die friedlichen und verträglichen Creaturen neben einander in idyllische Wohnungen vertheilt hat. Eine solche Rücksicht auf Verträglichkeit der Nachbarn und Bewohner eines Behälters ist ungemein wichtig und wird durch Beobachtung und Erfahrung gewiß noch zu ganz sichern Ergebnissen führen.

[391] Diese Erfahrungen, die täglich gebucht werden, übergiebt der Curator der Aquarien, W. A. Lloyd, dessen englischem Manuscripte wir alle factischen Angaben verdanken, gewiß für weitere Benutzung der Oeffentlichkeit. Ihm und seinen in England gemachten Studien und Erfahrungen verdankt das ganze Hamburger System seine Anordnung und Verwaltung. Das Wassermaschinensystem ward von A. Lienau ausgeführt, die Architektur von M. Haller, dem die Gartenlaube zugleich für die anschauliche Originalzeichnung zur beigegebenen Abbildung verpflichtet ist; die Modelle zur Felsenlandschaftlichkeit in den Behältern lieferte A. Mellbye. Alle diese Künstler haben zu einem in jeder Beziehung vortrefflichen Ergebniß zusammengewirkt.

Einzeln lassen sich die Tausende von Bewohnern dieser zoologischen Unterwasser-Gärten hier nicht schildern. Nur mit dem Haupthelden der ganzen Gesellschaft, dem japanesischen Riesen-Salamander (Sieboldia maxima), der ein ganz besonderes Zimmer und eine eigene, sehr schön ausgestattete Wohnung hat, machen wir eine kleine Ausnahme. Er ist Herr einer ganzen malerischen Felsen- und Grotteninsel mit Farrenwäldchen und anderer Flora, zwischen denen sich zwergenhafte Wassereidechsen, Schildkröten, Fröschlein und Fischlein amüsiren, während der Herr der Insel, vier Fuß lang und achtzehn Pfund schwer, sich gern in seine Felsen-Privatgemächer zurückzieht, die aber von Künstlerhand so gebaut sind, daß man ihn doch immer in jedem Versteck sehen kann. Zuweilen scheint er sich auf die Füße machen zu wollen, just eines Spaziergangs wegen. Er thut’s aber blos, um sich einen Fisch zu fangen. Hat er den Bissen weg, so liegt er der Verdauung ob, harrend neuen Appetits, der von der Menge kleiner Unterthanen in seinem Reiche immer leicht befriedigt werden kann.

Die Zahl der übrigen Bewohner ist Legion, vielleicht Million und mehr, obgleich man die meisten mit bloßem Auge gar nicht sehen kann. Aber unter einer guten Lupe verwandelt sich oft ein Stück gemeiner Sandstein aus dem Meere in ein ganzes Land voll seltsamster Gebilde und Bewohner.

Die „Balanus“-Arten (Eichen- und Entenmuscheln) stürzen mit Ungestüm aus ihren eckigen Kalksteinburgen hervor, strecken jede sechs Klappen aus, jede mit feinsten Fädchen und Fäserchen befranst, und fahren und fangen damit unaufhörlich nach Beute umher. Aber bei der leisesten gefährlichen Berührung klappen sie alle ihre Herrlichkeit blitzschnell ineinander, schießen in ihren Thurm, sperren ihn mit dem „Stopfer“ und sind für die Außenwelt abgeschlossen, bis die Gefahr vorüber ist. Dann strahlen sie aber auch wieder eben so blitzartig schnell nach allen Seiten. Eine andere, braune Sorte drischt mit ihren Armen so regelmäßig, wie Drescher mit Flegeln, und frißt Alles, was sie zufällig trifft. Da sind auch meine silberweißen Lieblinge, rosenfingerig, geisterhaft, graziös elastisch und unermüdlich lustig, wie Kinder auf dem Spielplatze. In halbcylindrischen Festungen, wie sie sich oft auf alten Seemuschelschalen ähnlich alten Städten mit krummen Straßen häufen, wohnen die Serpulae (Röhrenwürmer), die aus ihren posthornartigen Thurmöffnungen erst eine lange Trompete herausstrecken, um welche sich dann eine Menge feine Fäserchen regenschirmartig und in den brillantesten Farben ausspannen, um Alles in den trompetenartigen Mund zu stecken, was sie Genießbares erwischen können.

Die zahlreichen Anneliden (bis zur Länge eines Zolles) haben an der Stelle des Kopfes gleich ihre Magenöffnung und einen Hut darüber (ganz die Art mancher Menschen). Ihre federartigen Fangruthen zerfasern sich unter guter Vergrößerung jede in zwanzig bis dreißig Fäserchen. Jedes derselben ist ein durchsichtiger Schaft mit einem Knopfe, aus denen je vier feine Speere hervorschießen, wenn es gilt, ein Infusionsthierchen zu spießen und ungebraten zu verspeisen. In den Parks von Ulva latissima (Meersalat) treiben sich obdachlose Landstreicher umher, seegarneelenartige Krabben, wie sie in England täglich schiffsladungsweise zum Thee gegessen werden, flinke, flitzende Lindwürmer mit umschlängeten Medusenhäuptern und gräßlich hervorstierenden schwarzen Augen, Nereiden, dünn wie Coconfäden, aber immer gradaus dahinschießend, wie Eisenbahnzüge in der Ferne; ganze Wälder von Thierpflanzen- Colonieen mit geisterhaft weißen Farrenblättern, die aussehen wie Bäume während reisiger Wintermorgen; glänzende wie Jungfrauen weißgekleidete Zoophyten; Thurmbewohner, die als zwanzigstrahlige Sterne sich ausbreiten und mit rosigen Blumenfasern umherangeln; weiße, glasartige Körperchen, die sich weit aus ihrem Thurme heraushängen und unaufhörlich umherfischen und nie genug kriegen können – kurz eine unendliche Welt voll seltsamster Formen und Metamorphosen, aber Alle Tag und Nacht von einem Geiste belebt und bewegt, von einem rasenden, rast- und schlaflosen Appetite nach solider Kost (in der flüssigen leben sie ja schon). Dies läßt sich erklären, da die meisten, pflanzenartig angewachsen, immer warten müssen, bis sich ein Bissen in’s Bereich ihrer Fangfächer verirrt, und die Concurrenz auch hier sehr groß ist.

Bei den großen, blaustahlgepanzerten Crustaceen-Rittern (Hummern etc.), auch den kleineren Krabben wollen wir uns diesmal gar nicht aufhalten. Aber der „Eremit“ oder der Einsiedler-Krebs ist zu auffallend dazu. Diese stets umherschnüffelnde Creatur mit krebsartigen Vorderklauen, sonst aber mit dem ganzen Körper in einer gestohlnen weißen Muschel steckend, rast und rasselt zu ungebehrdig auf Steinen und Sand umher, als daß wir sie unbeachtet lassen dürften. Die vorgestreckten Klauen und der borstige Bart wirbeln immer im Wasser in unermüdlicher Kampf- und Freßlust; doch kriecht sie sofort in ihre geraubte Festung, wenn sich ihr ein respectabler Feind gegenüberstellt. Das renommistische Räuberleben des Einsiedler-Krebses kommt übrigens vielen Pflanzenthierchen zu Gute, die sich mit ihren Gehäusethürmchen auf der Festung desselben anbauen und so auf ihrem Rücken wacker nach Beute umherreiten, besonders den Eichelmuscheln, die von der südwestlichen Küste Englands oft meilenlange Strecken mit ihren blendendweißen Häuschen überkrusten.

Außerdem gesticuliren und wirken, angewachsen an Felsenstückchen, eine Menge seltsam belebter Baum- und Pflanzengebilde umher, weidenartige Stumpfe mit lebendiger Krone von bewegten, weißen Zweigen, wunderbar verzackte, zoophytische Gestalten, die mit ihren Aesten und Zweigen in tropischen Meeren Riesengröße erreichen und Menschen damit fangen, zerdrücken und aussaugen können. Ich habe von einem Matrosen gelesen, der über Bord in die Klauen eines solchen Ungeheuers fiel und mit Beilen und Aexten herausgehauen werden mußte.

Da sind noch eine Menge Zoophyta helianthoida, sonnenstrahlen- oder sternenförmige, daher auch Actinidae genannt (vom Griechischen aktis = Strahl), im weiteren Sinne: „See-Anemonen“, die sich in der Regel mit einer besondern Warze fest an Felsstücke saugen, aber auch gehen und schwimmen und kriechen können. Der eigentliche Körper gleicht oft einem abgeschnittenen Kegel oder kurzen Cylinder auf flacher Ebene. Die Glieder strahlen meist in fünf regelmäßigen Formen aus, oft in den lebhaftesten, sich wandelnden Farben und Blüthenbüscheln. In der Mitte ist der Mund mit einem häutigen Beutel von Magen, den sie bei großem Hunger auch aus sich heraustreiben wie einen ausgebreiteten Sack. So wie sich diesem ausgespannten Netze etwas Genießbares naht, ziehen sie den Sack blitzschnell darüber zusammen, in sich hinein und verdauen. In der Gefangenschaft werden sie mit Austern, Muscheln und Regenwürmern gefüttert, wie alle anderen Raub-Zoophyten.

Die Zahl der Arten und Gestalten und Namen der Actinien und Seesterne ist ungemein groß. Wir wollen blos die zierliche Actinoloba dianthus, weiß wie Schnee, glänzend wie Porcellan und zierlich bemalt mit purpurnen und bernsteinfarbigen Figuren, als ein Proteus-Wunder erwähnen. Jetzt schwimmt sie wie ein Teller, dann wie eine Untertasse mit blumigen Fransen ringsum, dann wie eine weiße Distel etc. Auch fällt es ihr zuweilen ein, sich wie eine Sanduhr, mit enger Taille in der Mitte, zu zeigen, sich nur in ihre eigene Hälfte zu verwandeln, um dann wieder dreimal so groß zu erscheinen. Bei guter Laune wechselt sie ihre Gestalt fortwährend und kann sich im Nu ganz wenden, das Innere nach außen kehren.

Und die faulenzenden, häßlichen, klumpigen Mollusken, sammet- und gallertartig mit langen Ohren, wie der einst für giftig, jetzt für eßbar gehaltene Seehase, die schwammigen und kaum haltbar erscheinenden und doch gegen die Wuth des Meeres so tapferen Gebilde, die ganze Inseln und Welttheile aus dem Meere aufbauenden Korallen-Thierchen, diese ewig wunderbare „Gestaltung und Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“? Ja, wer wird aus dieser erst neuerdings aufgeschlossenen, noch nirgends in wissenschaftliche Grenzen gebannten Wunderwelt der Tiefe klug? Emporgehoben, meisterhaft entfaltet und beleuchtet ist sie nun wenigstens in Hamburg als Mahnung und Reiz für die übrigen Stätten der Cultur und Wissenschaft, die sich und der Menge kaum etwas Anziehenderes und Gehaltvolleres

bieten kann, als gut bevölkerte Aquarien.
H.Beta.



  1. Neuerdings hat eine ebenfalls in Leipzig erscheinende illustrirte Zeitschrift einen Artikel über das Hamburger Aquarium veröffentlicht; nach dem competentesten Urtheile aber, dem des Custos jener Abtheilung des zoologischen Gartens selbst, ist nicht nur der Holzschnitt, der in dem erwähnten Blatte eine Anschauung des Aquariums gewähren sollte, im höchsten Grade incorrect in allen dargestellten Einzelheiten, ganz abgesehen davon, daß die Zeichnung auch in künstlerischer Beziehung hie und da zu wünschen übrig läßt, sondern auch der beigegebene Text in nachlässigster Weise aus einem Führer durch den Hamburger zoologischen Garten compilirt, so daß des Verfassers eigene Unkenntniß von der Sache an mehr als einer Stelle zu Tage tritt. – Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch Eins bemerken. Obgleich nämlich gerade für das Aquarium die Hamburger zoologische Gesellschaft bedeutende Summen verausgabt und alle Anstrengungen aufgeboten hat, es so vollkommen wie möglich zu machen, so ist doch die Thatsache wahrhaft niederschlagend und demüthigend, daß es aller angewandten Mühe nicht hat gelingen wollen, Geschöpfe, die im Meere in so übergroßen Mengen vorhanden sind und leben, ohne daß ihnen irgendwelche Sorge und Pflege zu Theil wird, wie der Häring und die Makrele, nur einen einzigen Tag im Aquarium lebend zu erhalten. Wie wenig ist also der Mensch im Stande nachzuahmen, was die Natur mit Leichtigkeit vollbringt!
    D. Red.
  2. Verf. Gartenlaube Jahrgang 1855, Nr. 4, 28 und 38.