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Das Manöver der Schweizermiliz am St. Gotthard

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Titel: Das Manöver der Schweizermiliz am St. Gotthard vom 14. bis 25. August 1861
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 660–664
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Manöver der Schweizermiliz am St. Gotthard

vom 14. bis 25. August 1861.

Daß die Führer des Schweizerheers kein eitles Spiel des Waffenglanzes treiben, sondern bei allen größeren Feldübungen den Ernst der Lage der Eidgenossenschaft vor Augen haben, das zeigten sie in der Wahl des Terrains für ihre Manöver. Stets wählten sie solche Punkte, welche durch die Kriegsgeschichte oder für die Landesvertheidigung besondere Wichtigkeit haben.

Ein solcher Punkt ist auch der Alpenknoten des St. Gotthard. Ueber ihn führte schon in den ältesten Zeiten ein Saumweg,

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Die Rast der Walliser Truppen auf der Furca. (7790 Fuß.)
Nach der Natur gezeichnet von H. Jenny.
a. Furcahörner. b. Muttli und Muttli-Gletscher. (8950 Fuß.) c. Furcasignal. dd. Berner Alpen. e. Finsteraarhorn. f. Meienwand. g. Rhonegletscher. (5130 Fuß.) h. Furca-Paß.

[662] welcher Deutschland mit Italien verband. Die ersten Heeresmassen, welche ihn im Lichte der Geschichte betreten, sind unsere unstäten Vorfahren, die Cimbern und Teutonen gewesen. Später mehrmals die deutschen Kaiser auf ihren Römerzügen. Aus der neueren Zeit ist am denkwürdigsten Suwarow’s Kriegszug am St. Gotthard in den Jahren 1798 und 1799. Der Schauplatz dieses Kampfs erstreckte sich über einen großen Theil des St. Gotthard-Gebiets: die Teufelsbrücke, das Reußthal, die Surenen, die Furca, der Grimsel und der Vierwaldstättersee wurden Zeugen blutiger Gefechte. Damals konnte man noch nicht auf breiter Straße über die Bergrücken fahren, es galt damals noch Haller’s Ausspruch: „Ueber die Alpen geht kein Rad.“ Auf schmalen Saumpfaden mußten die Heere, Mann hinter Mann, vorwärts dringen, die Abgründe unter, die Lawinen über sich. So war Suwarow mit seinen 30,000 Russen in das Thal der Reuß gelangt, aber hier von der französischen Uebermacht eingeschlossen worden. Nur ein Rettungsweg stand ihm offen, ein steiler Hirtenpfad, der aus dem Schächenthal über den Kinzig-Kulm nach Schwyz hinüberführt, und auf diesem entkam er, aber wie! Die Kanonen mußten in ihre einzelnen Theile zerlegt und getragen, die Pferde nicht selten an den Schwänzen festgehalten werden, und doch stürzten über fünfhundert Menschen, viele Pferde und manches Packstück in die Schlünde; Niemand kümmerte sich um sie, man eilte vorwärts, und der kühnste aller Alpenübergänge ward glücklich für die Hauptmasse der Armee vollbracht. Auch in dem Sonderbundskrieg von 1847 spielte der St. Gotthard eine sehr bedeutende Rolle.

Die Alpengruppe des St. Gotthard vereinigt demnach beide oben genannten Interessen; zu ihrer kriegsgerichtlichen Wichtigkeit kommt noch die ihrer Lage, denn als ein Grenzgebirg ist sie einer der wichtigsten Punkte der Schweiz für die Landesvertheidigung. Daß gerate letztere Bedeutung die diesjährige Wahl des Manövrirterrains leitete, ergiebt sich aus der Disposition zum Manöver selbst, das sich dadurch ganz klar als eine Demonstration gegen die italienischen und französischen Annexationsgelüste offenbart. Der betreffende Divisionsbefehl (vom 12. August) stellt den Truppen des Manövers folgende Aufgabe: „Die ganze Südgrenze unseres Vaterlandes ist bedroht, feindliche Colonnen haben dieselbe angegriffen, bevor wir gerüstet ihnen entgegentreten konnten. In Graubünden kämpft der Gegner an dem südlichen Ausgange der Engadinerpässe und des Splügens, im Centrum ist es ihm gelungen, sich des St. Gotthards zu bemächtigen; die Spitzen seiner Colonnen sind bis an den Vierwaldstättersee vorgedrungen, in Wallis halten wir St. Moritz noch und das südliche Debouché des Simplon; die schweizerische Armee sammelt sich in aller Eile an dem nördlichen Abhänge der Alpen; eine Avantgarde, welche in Luzern und im Berner Oberlande steht, erhält den Befehl, sich mit aller Anstrengung des Reußthals zu bemächtigen und den St. Gotthard zu erstürmen. Dies die Aufgabe der zum Truppenzusammenzug beorderten Truppen.“

Die theilnehmenden Truppen bestanden aus einer Sappeurcompagnie (von Aargau), zwei Gebirgsbatterien (von Wallis), einer Guidencompagnie (von Genf), vier Schützencompagnien (von Nidwalden, St. Gallen, Wallis und Tessin), vier Bataillonen Infanterie (von Waadt, Graubünden, Wallis und Bern), vier Ambulancesectionen und den Parkabtheilungen. Commandirender war Oberst Aubert, und als Generalstabschef functionirte Oberst Wieland.

Am Morgen des 14. Augusts begann um 6 Uhr die Einschiffung der Truppen in Luzern, und gleich nach 8 Uhr gab ein Kanonenschuß das Zeichen zur Abfahrt. Die kleine Flotille bestand aus drei Dampfern und mehrern Schleppschiffen. Bei Brunnen stieß eine Abtheilung eines Bündner Bataillons in vier Schleppschiffen zu der Flotille, die im Angesichte von Flüelen und Seedorf ankerte. Sie wurde jedoch vom Feinde (einer St. Galler Schützencompagnie unter Major Krauß) sogleich mit einem donnernden Willkommen begrüßt, welchen man sofort erwiderte. Die Landung ging glücklich vor sich. Der Feind, auf der linken Flanke auch von den eidgenössischen Hülfstruppen angegriffen, die glücklich die Schonegg (6380 Fuß) überstiegen hatten und vom Isenthal her am rechten Ufer des Urnersees vordrangen, zog sich auf Altdorf zurück. Unterdessen rückten bei Attinghausen auch die Truppen in’s Treffen, die den Surenenpaß (7170 Fuß) überstiegen hatten, während ein fünftes Detachement, das über den Klausenpaß (6130 Fuß) gezogen war, bei Bürglen aus dem Schächenthal hervorbrach. Im Sturme ging es nun vorwärts gegen den Feind, und dieser von allen Seiten bedrängt und angegriffen, zog sich auf der einzig noch möglichen Rückzugslinie, der Straße nach Amsteg, bis an die Klus zurück. Gegen 2 Uhr endigte das Gefecht, und die verschiedenen Truppen bezogen ihre Bivouaks. Das ganze combinirte Manöver konnte insofern als gelungen betrachtet werden, als die verschiedenen Truppenabtheilungen genau zur festgesetzten Zeit eingetroffen waren und so die einzelnen Operationen richtig in einander eingreifen konnten. Wer aber die wilden Bergübergänge über den Klausen, die Surenen und Schonegg kennt, wo die Truppen stundenweit Schneefelder, Steingerölle, unwegsame Saumwege, schmale Felsgräthe, die an gähnenden Abgründen vorbeiführen, passiren mußten, der wird der Pünktlichkeit und Ordnung, mit der diese Märsche ausgeführt wurden, alle Anerkennung zollen.

Am 15. August gegen 6 Uhr des Morgens brachen die in und um Altdorf gelagerten Truppen auf, um den am gestrigen Tage bis nach Amsteg zurückgeworfenen Feind weiter zu verfolgen.

Bei Erstfeld ging eine Abtheilung über die Reuß und zog sich ebenfalls thalaufwärts. Mitten aus dem grünen Thalkessel von Amsteg erhebt sich trotzig der Felshügel Flühli mit den Trümmern einer alten Burg, nach der Sage das von Geßler erbaute Zwing-Uri. Diese Anhöhe hielt Major Krauß mit seinen Schützen besetzt, und vertheidigte sich gegen Artillerie und Infanterie, bis die eidgenössischen Schützen die steilen Abhänge des scheinbar unzugänglichen Frauschenberges erkletterten und von der Höhe herunter auf den rechten Flügel des Feindes ein wohlgezieltes Feuer eröffneten, während in der Fronte die Infanterie im Sturme vorrückte und die Truppen, die am linken Reußufer vorgedrungen, auch die linke Flanke der feindlichen Position bedrohten. So von drei Seiten angegriffen, zog sich der Feind hinter die Kerstelenbrücke bei Amsteg zurück. Hier beginnt die Gotthardsstraße und öffnet sich das liebliche Maderanerthal. Major Krauß hatte bei der Kerstelenbrücke Barrikaden aufgeworfen, und hinter dem Bergbache und der nahen Reußbrücke stellte er seine Truppen in vorzüglicher Stellung auf; allein von Amsteg aus wurden sie von einem furchtbaren Feuer überschüttet, und ihre Stellung wurde durch die Tessiner Schützen, die durch die enge Schlucht des Kerstelenbaches vorgedrungen waren, umgangen. Major Krauß ließ daher zum Rückzüge blasen und zog sich über die Reußbrücke nach dem eine halbe Stunde entfernten Intschi zurück. Damit schloß gegen 1 Uhr das Manöver dieses Tags, das ebenfalls als ganz gelungen bezeichnet werden konnte.

Auch der 16. August begünstigte das Feldspiel mit vortrefflicher Witterung. Die Truppen drangen auf beiden Seiten der Reuß thalaufwärts; der Feind zog sich unter lebhaftem Feuer nur Schritt für Schritt zurück bis zur Meidschligenbrücke, die sich in kühnen Bogen über die Reuß schwingt. Hier war die eidgenössische Vorhut etwas zu unvorsichtig vorgerückt; rasch brach Major Krauß mit seinen Schützen aus einem Hinterhalte hervor, warf im Sturmschritt die überraschten Gegner über die Brücke zurück, verbarrikadirte dieselbe und nahm sogar in einem Hohlweg die eidgenössische Artillerie. Aber die erlittene Schlappe wurde rasch wieder ausgewetzt. Mit der größten Leichtigkeit und Gewandtheit kletterten die eidgenössischen Jäger links und rechts an den steilen Bergabhängen, die die Brücke dominiren, empor, um den Feind von oben herab, hinter Gebüsch und Felsen verborgen, sicher aufs Korn zu nehmen, während die Infanterie in geschlossenen Reihen gegen die Barrikade vordrang. Die Brücke wurde unter Hurrahrufen erstürmt und der Feind bis zum Pfaffensprung[1] zurückgeworfen, der dritten großen Brücke an der St. Gotthardsstraße. Nachdem der Feind seine Hauptmacht auf das linke Reußufer zurückgezogen, sprengte er die Brücke und zog sich rasch gegen Wasen zurück, da zahlreiche gegnerische Corps auf fast unwegsamen Fußsteigen seine Stellung umgangen hatten und ihm nun den Rückzug abzuschneiden drohten.

Doch horch! auch trüben aus den Schlünden des Maienthales ertönt der dumpfe Donner der Geschütze. Das Walliser eidgenössische Hülfscorps unter Major Gingins zog von den Höhen des Sustenpasses (6980 Fuß) herunter und erstürmte am Ausgange des Maienthales die vom Feinde nur schwach vertheidigte Maienschanze. Unterdessen war das Gros der eidgenössischen Armee in Folge der supponirten Zerstörung der Reußbrücke am weitern Vordringen aufgehalten worden; rasch ward aber über den [663] Fluß eine Nothbrücke geschlagen und der Uebergang glücklich vollzogen. Die Rückzugsarmee hatte in Wasen bei der malerisch auf einer Anhöhe gelegenen Kirche und auf dem Gottesacker eine günstige Stellung gefaßt. Aubert, mit dem sich auch die Walliser vereinigt, gab den Befahl zum allgemeinen Angriff. Auf der Gotthardsstraße rückten die Sturmcolonnen vorwärts, an den Bergabhängen zogen sich im Zickzack die eidgenössischen Jägerketten hin, und von den Höhen herunter ließen die Gebirgshaubitzen ihre mächtigen Stimmen erschallen. Wasen schien in ein Rauch- und Flammenmeer gehüllt zu sein. Der Anblick dieser Scene war imposant. Dazu stürzte während dieses Kampfes eine Lawine in die Reuß herab und verbreitete einen augenblicklichen Schrecken. Um 1 Uhr war Wasen genommen, und der Feind floh unaufhaltsam bis nach Andermatt. Damit endete der dritte Tag.

Am folgenden Morgen, 17. August, geschah ein Hauptangriff, die Erstürmung der Schöllenen und der Angriff auf die Teufelsbrücke. Hier in der wilden Felsschlucht, wo die schroffen, nackten Bergwände sich zu schwindelnder Höhe erheben, wo die nah an einander gerückten dunkeln Granitmassen kaum der brausend und schäumend dahin eilenden Reuß einen engen Durchpaß gestatten, und wo die Straße im Zickzack und zwischen Gallerien hindurch an den hohen Felsen hin sich windet, da war allerdings für größere taktische Evolutionen kein Raum. Es wurde daher statt eines Gefechtes eine Schießprobe im Großen abgehalten, wobei die feindliche Front auf den terrassenförmig ansteigenden Höhen durch 20 Scheiben, die in verschiedener Entfernung aufgestellt waren, bezeichnet war – letzteres, um auf die verschiedenen Feuerwaffen, Gebirgsartillerie, Jägerwehr und Stutzen, Rücksicht nehmen zu können.

Unterdessen hatte sich auch der Himmel zum Sturme gerüstet und schwere Gewitterwolken in’s Vordertreffen geführt; es wurde daher zum Aufbruch ccmmandirt. Bon einem scharfen, schneidenden Westwinde umheult und in Wolken eines lästigen Staubes gehüllt, stiegen die Kolonnen die Gotthardsstraße hinauf, über die berühmte 95 Fuß hohe Teufelsbrücke und durch das unheimliche Urnerloch in das freundliche Urserenthal, wo auf den lieblichen Alpentriften das Lager aufgeschlagen und dieser vierte Tag beendet wurde.

Am 18. August, nach einer etwas feuchten und kalten Nacht, wurde Feldgottesdienst, Rasttag und Inspektion gehalten. Dazu war Tags vorher ein neues eidgenössisches Hülfscorps eingerückt, Detachement Nr. 1 unter Oberstlieutenant Meyer (1 Walliser Bataillon, eine halbe Schützencompagnie, 1 Gebirgsbatterie), welcher vom Oberwallis her die Furca (7790 Fuß) überschritten (der Gegenstand unsres Bildes) und sich im Urserenthale mit dem Gros der eidgenössischen Vorhut glücklich vereinigt hatte.

Am 19. August wurde der Gotthard überschritten von der eidgenössischen Brigade Wälti, – ein herrlicher, die Mannschaft belebender Marsch, ohne Gefecht. Fesselnd war das Bild des Haltplatzes beim Hospiz: das Bataillon Berner hatte in eine Linie im Vordertreffen seine Waffen zusammengestellt, die Walliser in geschlossener Colonne dahinter. Auf den Felsenplatten und Blöcken ringsum lagen, saßen, standen, aßen, tranken, sprachen, schliefen die Leute oder staunten in die neue „welsche Welt“. –

Jenseits des Hospizes fällt der Paß sehr steil nach Tessin hinunter. Der kühne Bau der Straße mit seiner großartigen Felseneinrahmung war jetzt durch eine überaus interessante Staffage belebt: die Brigade schlängelte sich die zahllosen Windungen hinab, und in schnellem Marsche ging es gegen Airolo, wo die Brigade um Mittag anlangte und Rast hielt.

Am 20. August wirbelten die Trommeln früh noch durch die dunkle Nacht. Dazu streiften trübe Regenwolken an den Bergen hin, und hinten im Bedretothale stürmte und donnerte es gewaltig, als es um 2 Uhr hinaus in die rabenschwarze Nacht ging, das Thal aufwärts gegen die Nuffenen (7260 Fuß). Auf schmalem Fußwege am Tessin entlang zogen die Truppen festen Schrittes, aber still dahin. Da tauchte der Mond plötzlich aus der dunkeln Wolkenhülle hervor und warf seinen magischen Schein auf die stummen Gestalten. Der Morgen brach an, der Himmel sendete gewaltige Regenschauer, die fast 2 Stunden lang andauerten. Um 9 Uhr holte man die Vorhut bei den obersten Sennhütten des Thales ein.

Es wurde Halt gemacht und das Morgenbrod verzehrt. Hier wird die Gegend sehr wild, die freundlichen grünen Alpentriften mit den schimmernden Alpenrosen gehen nach und nach über in nackten Fels oder weite Schutt- und Trümmerfelder, bedeckt mit ungeheuren Felsblöcken. Auch der Fußweg verschwindet – und Alles ist schauerliche Einöde. Nach kurzem Halte zog man in vielen Schlangenwindungen die steilen Anhöhen hinauf gegen den Paßsattel, eine harte Aufgabe für die Gebirgsartillerie, die Saumthiere und die Gepäckcolonnen; allein die Paßhöhe wurde endlich ohne bedeutende Unfälle glücklich erreicht, und über mehrere Schneefelder marschirten die Truppen dann 1 Stunde lang steil abwärts am Griesgletscher vorbei in das Eginenthal, wo sie nach 13–14 stündigem Marsche bei St. Ulrichen ihre Bivouaks bezogen.

An demselben Morgen war auch die 1. Brigade, welche Tags vorher vom Hospital nach Realp vorrückte, unter Oberstlieutenant E. Meier über die Furca gegangen und marschierte nach einem Force-Marsch, der nicht weniger Schwierigkeiten, als der über die Nuffenen geboten hatte, gleichzeitig mit den Truppen der zweiten Brigade in St. Ulrichen ein und bezogen unter strömendem Regen in dem nahen Münster ihr Lager.

Am 21. August führte die ganze Division einen neuen Force-Marsch nach dem 8–9 Stunden entfernten Brieg aus, wo sie am folgenden Tage Rasttag hielten. Die Inspektion der ganzen Division an diesem Nachmittag ergab das erfreuliche Resultat, daß die Truppen gesund und frisch, voll heitern Humors waren und daß die ärztlichen Berichte über Erwarten günstig lauteten.

Am 23. August vor Tagesanbruch begann der Abmarsch der Truppen auf der Straße nach Sitten – ein trauriger Weg, denn in Folge der Schneeschmelze und der letzten Regengüsse war die Rhone über ihre Ufer getreten, hatte die schützenden Wuhren zerstört und die weite Niederung überschwemmt. Von den wilden Fluthen war die Straße an vielen Stellen weggerissen, und die Umgebung von Raron glich einem ungeheueren Sumpf. Noch vor Mittag trafen die Truppen in der Gegend von Leuk ein und bezogen bei Susten ihre Lager.

Am 24. August fand endlich das Schlußmanöver statt. Die Aufgabe des Tages war für die eidgenössische Armee die, den Feind, der vom rechten Ufer der Rhone her angegriffen und die Brücke am Eingänge zum Pfyner Wald erstürmt hat, wieder über die Brücke zurückzuwerfen, dann von Position zu Position zu verfolgen und zuletzt mit der Erstürmung des Dorfes Siders die Entscheidung herbeizuführen. Auch dieser Theil des Manövers, dessen Beschreibung ins Einzelne wir unterlassen müssen, gelang vortrefflich. Schon um 11 1/2 Uhr war Siders in den Händen der siegreichen eidgenössischen Armee. Nach beendigtem Gefechte zogen die Truppen durch das mit zahlreichen cantonalen und eidgenössischen Fahnen geschmückte Siders nach einer freundlich decorirten Matte außerhalb des Dorfes, wo die ganze Division von den gastfreundlichen Wallisern auf generöse Weise bewirthet wurden, und wo beim frohen Schalle vaterländischer Weisen der feurige Gletscherwein von Siders in Strömen floß. Am Nachmittage zogen die Truppen in glühender Hitze hinunter gegen Sitten und rückten unter dem Hurrahrufen der Menge mit fliegenden Fahnen und schmetternder Musik in die festlich decorirte Hauptstadt des Wallis ein.

Am 25. August war die letzte Inspection der Division durch den Chef des eidgenössischen Militär Departements, Oberst Aubert, der hier seine Truppen mit einem „Abschiede“ entließ, in welchem er die militärische Tüchtigkeit derselben freudig pries und mit den Worten schloß: „Wenn wir einst die Waffen ergreifen müssen, um die Unabhängigkeit unseres Vaterlandes und seine Grenzen zu vertheidigen, so kann die Schweiz in ihre Armee ihr volles Vertrauen setzen. Ihr habt es in diesen wenigen Tagen bewiesen!“ – Dies ist eine Anerkennung, welche jeden Mann, der ein warmes Herz für eines kleinen freien Volkes Recht und Ehre in der Brust trägt, für dieses „Volk in Waffen“ mit Hochachtung erfüllen muß.

Unser Bild stellt uns auf den Sattel, den durch ein sogenanntes Furcasignal (Stange) angezeigten höchsten Uebergangspunkt der Furca, auf welchem sich uns ein Blick auf die Alpenwelt im Südosten öffnet. Zwischen den beiden Furcahörnern, welche den Hintergrund zu beiden Seiten abschließen und, weil sie wie die zwei Zinken einer Gabel (furca) emporragen, dem Berge den Namen geben, sehen wir zur Linken den Muttli mit seinem Gletscher, ganz zur Rechten deuten die heraufsteigenden Truppen eine Tiefe an, den Furcapaß, jenseits des Felsenspalts über ihm blicken wir in das Ober-Rhonethal und sehen den durch seine Pracht berühmten Rhonegletscher, der sich vom Galenstock [664] allmählich zum Rhonethal hinabsenkt; neben ihm ragt die Meienwand auf und über dies Alles erheben sich die wildgerissenen Eisstacheln und krystallenen Dornenkronen der Berner Alpen bis zu ihrem äußersten Flügelmann, dem Finsteraarhorn, das uns sein 13,250 Fuß hohes, oben abgeflachtes Zackenhaupt gleich neben dem rechten Horn der Furca zeigt.




  1. Man erzählt, ein Mönch habe ein Mädchen seinen Eltern geraubt und sich mit seiner Geliebten durch einen kühnen Sprung über die grausige Tiefe vor seinen Verfolgern hier gerettet.