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Das Kreisstehen in der Christnacht

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Textdaten
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Autor: Peter Rosegger
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Titel: Das Kreisstehen in der Christnacht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 829–830
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Kreisstehen in der Christnacht.

Eins aus dem steirischen Volksleben von Peter Rosegger.

An einem Dezemberabend kam der Bettelmann zu uns ins Waldbauernhaus. Er war noch nicht betagt, war nicht mühselig, aber er bettelte. Er stehe sich beim Betteln besser, meinte er, als beim Arbeiten. Erstens sei im Winter bei den Bauern schwer eine Arbeit zu bekommen, zweitens sei das Holzhacken im Schnee weniger angenehm als das Sitzen in der warmen Stube als „Statthalter Gottes“. Damit spielte der Schalk auf den Pfarrer an, der gerne predigte über den Text, daß der Herr Jesus heute noch auf Erden wandle, und zwar in Gestalt der Armen, und daß, was man den Armen thue, ihm selbst gethan sei.

Diese schöne Lehre der Barmherzigkeit verstand der Bremer-Sepp – wie er hieß – nicht übel auszunutzen und so saß er in den Bauernstuben herum, einmal am Herde, einmal am Tische, dann wieder neben dem Strohschaub, den er als Bett erhielt unter dem Ofen. Freimütig gesagt, waren aber die Bauern in unserem Alpel immer noch nicht evangelisch genug gesinnt, um eine solche Statthalterschaft recht zu schätzen, sie duldeten den Faulenzer aus einem andern Grund. Etliche Wochen früher war der Bremer als Verabschiedeter vom Militär zurückgekommen. Seine Verwandten waren während seiner Abwesenheit gestorben, er fand kein Heim mehr, nachdem er zwölf Jahre lang bei den Soldaten gewesen. Aber er wußte sonderlei Merkwürdigkeiten zu erzählen von der weiten Welt und aus seinem Leben als Tambour, er kannte auch viel wundersame Geschichten, Märchen und hatte allerhand Schnurren und Schwänke in sich, mit denen er die Leute an den langen Abenden gar köstlich unterhielt. Dem Hausvater war stets daran gelegen, daß die Knechte und Mägde beim Späneklieben, Rübenabkräuteln, Krautschaben und Flachsspinnen nicht allzufrüh schläferig wurden und dann etwa von der alten Gewohnheit, um neun Uhr ins Bett zu gehen, Gebrauch machten. Der Bremer packte seine „Faxen“ aus, sie bewunderten, sie lachten, sie schauderten und blieben oft bis gegen Mitternacht bei der Arbeit.

Am Kreuzweg in der Christnacht.
Nach einer Originalzeichnung von F. Schlegel.

So hat sich der „Statthalter“ erklecklich ausgezahlt und wir, die jüngeren, hatten an dem vielerfahrenen Manne einen lustigen Lehrmeister, dem besonders ich etwelches zu verdanken habe; manche meiner Geschichten, die erst in späten Jahren reif geworden, hat damals der Bremer gesät. Wenn der Bettelmann Gefahr witterte, daß er am nächsten Tage mit seinem Tragkorbe höflich weitergeschickt werden könnte zum Nachbar, so hub er am Abende zuvor eine gar wunderbare Begebenheit an zu erzählen und verschob die Fortsetzung auf den nächsten Abend. In alten Zeiten hat diesen Spaß schon die berühmte Scheherezade erprobt, heute wiederholen ihn die Zeitungen, er bewährt sich immer und den Bremer haben sie nirgends fortgeschickt, bevor er eine merkwürdige Geschichte zu Ende erzählt.

So war der Bremer Sepp also auch bei uns eingetreten mit der artigen Bitte, er möchte seine verfrorenen Beine gerne ein wenig wärmen an dem Herdfeuer. Meine Mutter riet ihm das Schneeschaufeln, das mache auch warm.

„O, meine liebe Waldbäuerin!“ rief der Bremer, „warm macht’s freilich, aber helfen thut’s nichts; schaden thut’s. Die sündteuren Schaufeln wetzt man dabei ab und morgen schneit es doch wieder alles zu. Und wenn’s nicht zuschneit, so ist’s noch schlimmer bei der unsicheren Zeit, wo die Schelme und Räuber frei truppenweise umherziehen bei der Nacht. Sich gut in Schnee einmauern lassen und das Haus mit Mannerleuten besetzen, auch mit solchen, die von Wehr und Waffen ’was verstehen, ist das allerbeste, was gescheite Waldbauersleute thun können.“

Wir im kargen Waldhause hatten zwar nie besonderen Anlaß, [830] uns vor Räubern zu fürchten, doch aber mochte meine Mutter gedacht haben: weil er gar so schlau schwatzen kann, mag er halt sitzen bleiben in der Stube. Gut schwatzen muß man auch lohnen. – Saß also der Bremer noch am selbigen Abende beim Ofen und saß eine Woche später auch noch beim Ofen.

Wir hatten ihn recht gern, er war auch außerhalb seiner Schnurren ein ergötzlicher, ganz artiger Mensch. Und gar nicht übel anzusehen! Die blaue Soldatenhose hatte er an und die graue Holzmütze auf, unter welcher an beiden Ohren die schneidigen Lockensechser, hübsch glatt gewichst, hervorstanden. Er hielt was auf sich und that sich täglich an den Backen und dem Kinn rasieren, auch hinten am Nacken; weil er dorthin selbst nicht gelangen konnte, so mußte ihm unser Altknecht die goldigglitzernden Härchen wegkratzen. Das Schnurrbärtlein ließ er stehen und spitzte es mit Schusterpech scharf auf, daß es nach beiden Seiten ganz bajonettartig in die Luft stach, gleichsam wie eine Waffenbereitschaft, für den Fall ihn eines unserer Dirnlein plötzlich küssen wollte. Ob eine solche Gefahr bestand, das weiß ich nicht, wenigstens hat er sie nicht selbst heraufbeschworen. Für einen dreiunddreißigjährigen Soldatenabschieder that er spottwenig um mit den Dirnlein. Höchstens guckte er manchmal der einen so ein bißchen schiefwinkelig nach, der Stallmagd Christina. Und siehe, diese Christina hatte einen großen Abscheu vor dem hübschen Bettelmann. Sie war sonst ein rundes, gutmütiges „Leutel“, aber wenn ihr der Bremer in die Nähe kam, da wurde sie ganz eckig, spitzte die Ellbogen und war aufgeregt wie eine Henne, wenn der Geier nicht weit ist. Sie ließ ihm auch ihre Verachtung merken. Der Bremer aber schmunzelte ihr nach und drehte an seinen Bartspitzen.

Und als der Mann so eine Woche bei uns im Waldhause gewesen war, da kam das heilige Weihnachtsfest. In der Christnacht verließ alles, was gehen konnte, das Waldhaus und ging über die weiten Höhen hin zur Kirche von Fischbach, wo ununterbrochen die Glocken läuteten, bis, wie man sagte, der letzte herauskam vom hintersten Graben. Aus fernem Thal her kam hin und wieder ein leiser, halbverlorener Glockenklang auch zu uns herauf. Es war eine helle Mondnacht, nur bisweilen flogen Wolkenfetzen vorüber und verdeckten das stillheitere Rundgesicht am Himmel. Unser waren ein ganzes Rudel, die Burschen, die Dirnen; Vater und Mutter nur waren daheim geblieben, um das alte Haus zu hüten. Der „Statthalter“ war auch bei uns und brachte wieder Schnurren vor. So wußte er vom Teufel zu erzählen, der in der Christnacht mit dem Fünfguldenbeutel umgeht, den er solchem, der ihm die Seele verschreibt, zum Angebinde verehrt; von den Tieren, die in dieser Nacht in menschlicher Sprache sich ihre Leiden klagen, die sie das Jahr hindurch von den argen Menschen auszustehen gehabt, und auch von den Wolken, die jedem, der so was zu lesen versteht, alle Bevorstehungen des kommenden Jahres an den Himmel schreiben.

Die Stallmagd Christina entrüstete sich stumm über derlei Frevel, die Weidmagd hingegen war auf ihre „Bevorstehungen“ besonders neugierig, sie fragte daher, wie das wäre.

„Ja, mein Schatzerl, das ist so!“ belehrte der Bremer und drückte sich eng unter die Leute. „Da müssen wir aufpassen, wenn ein Kreuzweg kommt. Am Kreuzweg müssen wir uns alle aufstellen im Kreis und gegen Himmel schauen, was die Wolken für Figuren machen, und auf die Baumäste horchen, ob sie kraxen. Da werden wir schon etwas erfahren. Seid Ihr dabei?“

Wir waren alle dabei. Auf der flachen Höhe des Waldes angelangt, sahen wir im Mondenlicht den Pfeiler, welcher mit drei Armen hinauswies gen Stanz, gen Sankt Kathrein und gen Fischbach. Der Bremer kommandierte uns in Reih’ und Glied eines Kreises. Ein alter Kohlenbrenner aber war mit, der lief seitab, hielt sich Augen und Ohren zu: er wolle nichts wissen. Das Unglück, wenn eins bevorstehe, erfahre der Mensch immer noch früh genug.

Wir andern standen im Kreise, immer ein Bub’ und ein Mädel aneinander, und hielten uns an den Händen, und schauten in den Mond, an welchem die Wolken zogen. Für jeden und jede besonders wurde wahrgesagt und der Bremer wählte die Leute und deutete die Dinge. Mit dem Altknecht hub es an, da stand der lachende Mond rein und die Wolken wichen ihm aus. „Der Altknecht hat siebzig Gulden Jahrlohn, da wird freilich der Himmel nicht trüb werden,“ sagte der Bremer. Als es die alte zahnlückige Liesel galt, die gern keifte, da verhüllte sich der Mond rasch hinter einer dichten Wolke. „Ist ohne weitere Auslegung verständlich,“ sagte der Bremer. Beim Feldbuben Hans bildete die Wolke über dem Mond eine Art Sack, der aber sachte zusammenschrumpfte „Wird auch aufs Jahr Karten spielen, der Hansel,“ sprach der Bremer. Beim Ochsenknecht kam ein großes Ungeheuer heran, that den Rachen auf und fraß den Mond. Dieses Zeichen wußte der Bremer nicht zu erklären. „Wenn man sich heutzutage noch dem Teufel verschreiben könnte, so möchte ich an so etwas denken,“ sagte er. Wir mußten es der Zeit überlassen, was sie über den Ochsenknecht verhängen würde. Bei der Stallmagd Christina, die sich widerwillig in den Kreis gestellt hatte, hub ein helles Hallo an! Gerade unter dem Monde spielten die Wolkenzipfel so, als ob ein Männlein und ein Weiblein nebeneinander ständen und sich die Hände reichten. „Heiraten wird sie,“ sagte der Bremer in dumpfem Tone. Da schrie die Christina auf: „Ich mag nit heiraten!“ riß aus und lief wegshin. Aber sie wendete sich um; denn noch hörten wir ihre helle Stimme: „Keinen Faulenzer mag ich nit! Keinen Menschen, der kerngesund ist und seine geraden Glieder hat und nit arbeiten will, den mag ich nit! Die starken Händ’ zum Betteln aufhalten, pfui Teufel! Und wenn’s das einzige Mannsbild wär auf der Welt, und wenn er in Guld und Edelgestein gefaßt wär, und wenn er so schön wär wie der Adam alßer neuer, wie ihn Gott derschaffen gehabt hat; wenn er nit arbeiten thät, wenn er nur schmarotzen wollt’, so möcht’ ich ihn nimmer und nimmer zu meinem Mann. Gute Nacht allmiteinand!“ Und dann war sie in den Waldweg verschwunden.

Etliche von uns lachten, andere schauten auf den Bremer. Der Mond macht zwar alle roten Gesichter blaß, aber dem Bremer-Sepp seines war jetzt ausnehmend fahl; wie der hölzerne Wegweiser daneben, so starr stand er da und endlich sagte er leise und langsam: „Das ist ein verflucktes Weibmensch, diese Christina, aber – recht hat sie!“

Und dann ist er ihr nachgegangen. Denn dumm war er nicht, wußte auch, was er wollte. – Wer hat ihr denn gesagt, daß sie just den „Faulenzer“ nehmen sollte? Das hatte der Mond nicht gesagt, und sonst auch niemand. Ei, doch! Einer hatte es gesagt, aber ganz heimlich, in stiller Nacht, nur zu sich allein gesagt, und das war er selber, der Sepp. – Und die Christina hatte sich jetzt gottlos verraten. Die muß schön viel an ihn denken, wenn ihr kein anderer einfällt, den sie – nicht heiraten will!

Kurze Zeit darauf stand die Wegzeigersäule wieder allein auf der Waldhöhe und das Wolkenspiel fuhr fort, die künftigen Geschicke den Menschen an den Himmel zu zeichnen.

Ob es aber auch zutrifft?

Ein Jahr darauf, als wieder Weihnachten kam, hatte der Ochsenknecht sein arm Dirnlein verlassen und in einen großen Bauernhof geheiratet. Aber in diesem Hofe, neben dem Geldsack, saß ein Drache, die alte Bäuerin, der er sich hatte verschreiben müssen mit Leib und Seele. Er war nicht mehr Ochsenknecht, er war ein reicher Großbauer, manchmal aber schaute er trübselig in die Wolken auf und am Himmel sah er Ungeheuer.

Und der Bremer-Sepp? Der hatte ein Kleinhäusel gepachtet, im Frühjahre den Acker gepflügt, Korn gesät und Kartoffeln angebaut. Und dann war er eines Tages zu uns gekommen – wieder als Bettelmann. Nicht mehr bettelte er um einen Sitz am warmen Ofen, nicht mehr um eine warme Suppe, er bettelte um die Stallmagd Christina, die freilich auch nicht kalt war. Zuerst schmetterte sie ihm unter glühendem Augenleuchten sein bisheriges Vagabundenleben ins Gesicht, dann nahm sie ihn. Denn sein Korn stand schon im Grünen und die Kartoffeln huben an zu blühen, so brauchte er weiter nicht ein Wort zu sagen, daß er auch arbeiten könne. – Die Gefahr zeigte sich erst wieder in späteren Jahren. Als die Kindlein erschienen waren, wollte er nicht mehr draußen ackern oder Holz schneiden, wollte lieber in der Stube bei den Kleinen sitzen und ihnen allerlei Geschichten erzählen und Schnaken vormachen, weil sie gar so fröhlich dabei lachten. – Da sah er einmal bei einem Kreisstehen in der Weihnacht, das er nach altem Brauche gerne noch trieb, am Himmel ein seltsam Spiel. Die Ruine eines Hauses und eine Gruppe von gar verkümmerten Bettelleuten, die unter einer Riesenpeitsche sich in Fetzen lösten. – Da ging er hin, arbeitete mit neuem Eifer und die heiteren Schwänke hob er sich für den Sonntag auf.

Seither sind mehr als dreißig Jahre verflossen. Der alternde Bremer-Sepp kann wieder Kreisstehen, jeden Tag wenn er will. Der Kreis seiner Kinder und Enkel ist nicht klein und weist auf eine hoffnungsvolle Zukunft.