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Das Jubelfest in Jena

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Titel: Das Jubelfest in Jena
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 513–516
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Jubelfest in Jena.

Ja, es ist viel Freude und Lust gewesen während des Jubiläums in dem alten Jena! Die schönen Tage sind vorüber, aber die Erinnerung wird Allen theuer und erquicklich bleiben bis an’s Ende ihres Lebens. Nicht ein einziger Mißton hat sich in die Erhebung und den Frohsinn gemischt, nicht eine einzige Störung das heitere Leben getrübt, und ich behaupte dreist: nie ist ein schöneres Fest gefeiert worden, nie eins gelungener ausgefallen.

Es war ein freier, frischer und froher Geist, der die vielen Tausende beseelte, welche aus allen Himmelsgegenden herbeigezogen waren. Von den Bergen winkten Fahnen ihren Gruß herab, und wie war das liebe Städtchen so prächtig geschmückt! Alle Ehre den Bürgern von Jena! Sie haben ihr Mögliches gethan. Die Häuser waren neu angestrichen, auf allen wehten Fahnen, die gleichsam einen Baldachin bildeten, bunt und farbig; hoch vom Stadtthurme flatterte die riesige Flagge der Universität; schwarz-roth-goldne Banner, die Symbole der Burschenschaft, spielten zu Hunderten in Sonne und Wind, und neben ihnen die Fahnen der verschiedenen Corps und die Farben des weimarischen Landes. Auch das weiße Kreuz der Schweizer winkte an manchen Stellen herab. Schon am Feiertage (13. August) und noch mehr am Sonnabend, zogen in jeder Viertelstunde ganze Schaaren alter Jenenser ein, zum Theil auf Leiterwagen; denn woher hätte die Post bedeckte Fuhrwerke für die Tausende nehmen sollen? Männer mit grauem Haar sangen das Fuchslied, abwechselnd mit dem: Stoßt an, Jena soll leben! und schwenkten die Hüte; sobald sie die Stadt erblickten, bemächtigte sich ihrer eine festliche, heitere Stimmung dann wurden die Straßen durchzogen, in denen frohe Menschen auf und ab wogten, und welche Erinnerungen tauchten auf! Man fand alte Freunde wieder; man erfreute sich einer Ueberraschung nach der andern, und während man eben mit dem Einen den Austausch der Gefühle und der Gedanken begonnen hatte, kam schon eine Anderer, und so ging es von früh bis spät ununterbrochen fort.

Jena kann stolz sein und kann Jene belächeln, von denen es bemäkelt wird. Wie viele äußerten an jenen schönen Augusttagen: „Es ist doch ein wahres Lebensglück, daß wir gerade hier studirt haben.“ Diese Hochschule hat eine so eigenthümliche Stellung, wie kaum eine andere. Sie ist Landesuniversität für die thüringischen Herzogthümer, deren Fürsten ihre Pflege anvertraut worden ist, aber sie trägt doch mehr als irgend eine andere Universität einen allgemein deutschen Charakter. Sie ist lange ein wahres Seminarium gewesen, aus welchem andere Lehranstalten sich ihre großen Männer holten, die in Jena gebildet waren oder dort die ersten Sporen in der Wissenschaft verdienten; sie hat auch auf die Entwickelung des Studentenlebens einen größeren Einfluß geübt, als irgend eine andere. Niemand darf ungestraft von seinen großen Traditionen abfallen, und Jena ist so glücklich, sich die seinigen zu bewahren. Es zeugt von Beschränktheit, wenn die Anhänger des starren Buchstabens dieser Hochschule das Gepräge des theologischen Dogmatismus von Anno 1550 aufdrücken möchten, wenn sie jammern und schelten, daß Jena nicht eine Beute jener Richtung geworden sei, welche die Wissenschaft an Formeln binden möchte, die vor dreihundert Jahren aufgestellt wurden und zu deren Sclaven sie den Geist im neunzehnten Jahrhundert machen möchten.

Seit man in mehreren Staaten Hochschulen in den Hauptstädten gegründet hat, sind jene in den kleineren Ortschaften theilweise allerdings in den Hintergrund getreten. Während die Ersteren mit reichlichen Mitteln ausgestattet werden und wissenschaftliche Sammlungen von europäischer Bedeutung haben, ist der Aufwand für die kleineren nicht nach Erforderniß gesteigert worden. Universitäten wie Berlin und München üben schon an sich eine große Anziehungskraft und entziehen den übrigen Tausende von Studirenden. Selbst Heidelberg und Bonn bringen es nie zu mehr als etwa achthundert Studenten, Göttingen hat kaum so viele, während die Zahl vor einem Jahrhundert die doppelte war; Leipzig und Tübingen halten sich Jahr aus Jahr ein auf derselben Höhe, weil dort die Landeskinder alljährlich ihr regelmäßiges Contingent liefern. Auch ziehen gegenwärtig die technischen Wissenschaften und die polytechnischen Schulen viele Köpfe an, welche früher Universitäten besuchten. Es ist, solchen Verhältnissen gegenüber, geradezu böswillig, die Abnahme der Frequenz auf der Universität Jena der freisinnigen Richtung ihrer theologischen Professoren schuld zu geben. Mit größerem Rechte könnte man sagen, daß Jena in unseren Tagen glänzender dastehen würde, wenn die thüringischen Staaten für dieses Kleinod mehr Geldmittel bewilligten, jährlich nur etwa 50,000 Thaler mehr, damit es möglich wäre, viele Männer der Wissenschaft ersten Ranges zu berufen und so zu besolden, wie es an den großen Universitäten geschieht. Das ist aber nicht der Fall. Ein zweiter Uebelstand liegt vielleicht darin, daß man in zu weitem Umfange den Brauch befolgt, Professorensöhne wieder als Professoren anzustellen. Gewiß sind dieselben tüchtige Männer, aber den Hochschulen thut es stets gut, wenn recht viel Elemente aus der Ferne gewonnen werden; dadurch wird die Reibung und Regsamkeit der Geister befördert.

Doch genug davon; den Anklagen gegenüber, welche gewisse Leute gegen Jena erheben, waren obige Bemerkungen nicht überschüssig.

Die Weltbedeutung Jena’s, als einer Univeritas literarum, sprang Jedem auf den ersten Blick in’s Augen der die Straßen durchwandelte. Es war ein guter Gedanke, die Häuser, in welchem einst bedeutende Männer gewohnt, mit Tafeln zu schmücken, auf welchen der Name und Jahreszahlen verzeichnet stehen. Und welche Namen treten uns entgegen? Kein London und Wien, kein Berlin oder Paris hat größere. Man fühlt deutschen Stolz, wenn man auf diese Tafeln sieht. Es ist eine wahre Milchstraße von Berühmtheiten aller Facultäten; vor Allem aber haben in Jena Männer gelebt, welche schöpferisch auf unsere Nation wirkten, und denen sie es verdankt, daß sie an der Spitze der Culturvölker steht, daß sie Herrscherin im Gebiete des Geistes ist. Kein Hauptpastor Götze und kein Formelgläubiger hätte Ruhm auf unser Deutschland gehäuft; wer wüßte von solchen Zionswächtern etwas, wenn nicht Lessing sie unsterblich gemacht hätte? Aber Männer, die ich nennen will, die auf den Tafeln in Jena verzeichnet stehen, die dort gelehrt oder gelernt haben, die sind es, auf welche das Vaterland mit Stolz blickt; sie, die vollen frischen Geist ausströmten, der die Wissenschaft belebte, und eine unberechenbare Summe von Wohlthaten in’s Leben brachte.

Da sehe ich die Namen: E. M. Arndt, den Platoniker Ast, die Romantiker Clemens Brentano und Novalis, Hölderlin, Tieck und die Schlegel; Steffens, Hegel, Fichte, Schelling, Reinhold, Tannemann und Herbart; Fries, Krause und Krug; den alten Klopstock; den Symboliker Creuzer, Joh. Matthias Gesner, der in der Erklärung der Alten so correct war, Hase aus Paris, Eichstädt, Eichhorn, Gottfried Hermann, Göttling, Reisig, Jakobs, Ilgen, Lobeck, Schütz, Johann Heinrich Voß, Ersch, Gruber und den unsterblichen Winckelmann. Ich lese die Namen des Dichters von Hagedorn, Friedrich Schiller’s und von Knebel’s; des alten Jahn’s und Salzmann’s; jenen von Luden und Troxler, von Liscow und Musäus, Posselt, Manso und Woltmann; ich lese auch jenen Grollmann’s und der beiden Humboldt.

Und unter den Theologen finde ich Namen wie de Wette, Paulus, Reimarus, Augusti, Baumgarten-Crusius, Gabler, Griesbach, Credner und jenes Großmann welcher den Gustav-Adolf-Verein gestiftet; die Juristen können sich Thibaut’s, Feuerbach’s, Savigny’s und Justus Möser’s rühmen; während die Reihe der Naturforscher und Aerzte nicht minder Namen ersten Ranges in Menge zählt. Der wunderliche Helmstädter Beireis und Blumenbach, Döbereiner und Froriep, Gall und Lichtenstein, Heinly und Oken, Hufeland und Langenbeck, Loder und Pfaff, Rees von Esenbeck und Rudolphi, der Biolog Treviranus und Siebold, – sie alle gehörten Jena an. Solche Früchte hat Jena getragen unter der Obhut seiner Erhalter, und es wird trotz geringerer Studentenzahl seine Bedeutung für das gesammte Deutschland behalten, so lange es seinem eigenen guten Geiste treu bleibt. Ich habe die Todten genannt; auch unter den Lebendigen und rüstig in der Gegenwart Arbeitenden kann es mehr als einen Lehrer und viele Männer, welche in Jena ihre Bildung erhalten haben, andern [514] größeren Hochschulen dreist zur Seite stellen. Und deshalb sage ich mit dem alten Burschenliede: Pereant osores!

Der Zug am Sonntag Morgen war stattlich und wurde durch den Regen, welcher zwei Stunden lang fiel, nicht gestört. Großes Interesse erregten die berühmten Männer, welche als Abgeordnete anderer Hochschulen gekommen waren, um den großen Tag zu verherrlichen. Wenn keine deutsche Universität einen namhaften Theologen der Formelrichtung, sogen. Orthodoxen, zum Gruß und Glückwunsch geschickt hatte, so wurde ein solcher Mangel höchst freudig verschmerzt; was solche Theologen unterlassen hatten, geschah von Paris und Petersburg, Tiflis in Georgien und Straßburg, von Schweizern und Ungarn. Sie alle waren willkommen und huldigten froh dem Geiste, wie er in Jena stets gelebt und sich hoffentlich stets erhalten wird. Die Festpredigt des Kirchenraths Schwarz war Jena’s würdig; kräftig und mild, anregend und eindringlich; sie wirkte wohltäthig auch dadurch, daß sie nicht, was höchst unpassend gewesen wäre, dogmatisirte oder theologisch eiferte, während sie doch, um mit Luther zu sprechen, den Anfeindern der Universität und ihres Geistes „auf’s Maul schlug.“ Es wird wohl getroffen haben. Die Predigt ist gedruckt, und drei starke Auflagen wurden in zwei Tagen vergriffen.

Ueber das Festmahl, die Ernennung der Ehrendoctoren, unter welchen vielleicht einige Spreu ist, und die amtlichen Vorgänge überhaupt werden wohl die Zeitungen ausführlich berichten, und ich brauche derselben nicht zu erwähnen. Mir kommt es darauf an, einige Federzeichnungen zu liefern. Ein Maler würde in Jena zu Genrebildern eine große Menge Stoff gefunden haben. So zum Beispiel war das ganze Treiben der Studenten höchst malerisch. Sie zogen auf mit Marschällen und Fahnen, die Schläger blitzten, und die Gesichter sagen so frisch und munter darein, daß man seine rechte Freude daran hatte. Alle Verbindungen hatten neue Fahnen erhalten, die an jenem Tage eingeweiht wurden; auch die Bürgerschützen und die Innungen und Schulkinder fehlten nicht in dem Zuge, welcher dann die große Kirche füllte.

Schon am Sonnabend hatten viele alte Freunde sich zusammengefunden und gingen in Gruppen, Arm in Arm. Viele hatten ihre Verbindungsbänder und farbige Mützen mitgebracht, die sie vor Jahrzehnten getragen, und das ganze Treiben in Jena hatte etwas ungemein Farbiges, Buntes, Anmuthendes. Die Feier war, mit Ausnahme einer zweistündigen Unterbrechung am Sonntag Morgen, von heiterm Himmel begünstigt, der gewiß seine Freude an dem muntern, frischen Treiben gehabt hat. Prachtvoll wirkten Feuer, welche am Sonnabend Abend auf allen Bergen emporloderten, in’s Thal hinableuchteten, und sich in der Saale widerspiegelten. In der großen Festhalle im Paradiese saßen frohe Menschen bis spät in die Nacht beisammen, während zugleich alle Gasthäuser gefüllt waren, und die verschiedenen Verbindungen ihre Commerse hielten. Dabei will ich eine Bemerkung nicht unterdrücken. Während meines viertägigen Aufenthaltes in Jena habe ich auch nicht einen einzigen lärmenden Menschen gesehen, nicht gesehen oder gehört, daß irgend eine Irrung oder ein Zank vorgekommen sei. Das Benehmen Aller, der Studenten wie der herbeigeströmten Landleute, der Bürger wie der Fremden, war in der That musterhaft und in hohem Grade preiswürdig: der Großherzog von Weimar, welcher dem Feste seine lebhafte Theilnahme schenkte, muß auch an einem so anständigen Benehmen Aller seine Freude gehabt haben; überall wurde der Nutritor nicht nur, wie sich von selbst versteht, mit Hochachtung begrüßt, sondern ihm tönte auch überall freudiger Jubel entgegen. Er ist in der That ein Schirmer von Jena.

Das Standbild seines Ahnherrn, Johann Friedrich’s des Großmüthigen, Dichters des kernigen, von allem Dogmatismus freien „Kurfürstenliedes“, prangt stattlich auf dem Marktplatze, und wurde in der Gegenwart des Großherzogs enthüllt. Die Weihrede war zu lang, was bei dergleichen Gelegenheiten, wie überall, ein Fehler ist; aber am Ende sank die Umhüllung, und da stand, in schimmerndem Erze, kräftig und markig, der alte Recke, welcher so viel schwere Tage erduldet, aber doch mannhaft geblieben, er, der Gründer der Jenaischen Universität. Die Arbeit des Berliner Bildhauers Drake ist in der That ein Meisterwerk, und macht der Sculptur Ehre; die malerische Tracht war geschichtlich gegeben, und ist zugleich kleidsam und monumental. Aber allgemein war der Eindruck, daß das Postament für ein solches Standbild viel zu winzig sei.

Ein Fackelzug fehlte natürlich nicht; und das Gaudeamus klang voll in die Lüfte. Die meisten ehemaligen Jenenser schloß sich gruppenweise den Verbindungen an, zu welchen sie einst gehört, und waren bei diesen willkommen. Von den Corps sind manche eingegangen; die alten Teutonen mit schwarz-roth-gold-grün, die Constantisten, Vandalen und Westfalen verschwanden, waren aber an den Festtagen wieder durch Einzelne vertreten. Es hatte für sie etwas Wehmüthiges, wenn sie so in einem kleinen Häuflein beisammen saßen und sich der alten Zeit erinnerten. Ich sah sechs oder sieben alte Teutonen aus den zwanziger Jahren, unter welchen, ich wußte es im Voraus, der tapfere, schon früher von mir erwähnte „Rups“ nicht fehlen würde. Der Treffliche war in poetischer Stimmung, er blickte in’s Paradies und träumte vor sich hin, bis ihm dann jener Weimaraner, der ihm vor vierunddreißig Jahren den rechten Arm gelähmt, entgegentrat. Sie umarmten sich und – tranken einmal.

Ich ließ die officiellen Festlichkeiten möglichst bei Seite; mir lag daran, Gemüthseindrücke aufzunehmen, und zu sehen und zu hören, wie die heutige akademische Jugend denkt und fühlt. Ich mischte mich in die Gesellschaft aller verschiedenen Verbindungen. Es ist ein heiterer, frischer Muth unter diesen Studenten, sowohl unter jenen der Corps, als unter den Burschenschaften. Jena zählt drei Corps: Sachsen, Thüringer und Franken, und drei Burschenschaften: Teutonen, Germanen und Leute vom Burgkeller. Alle hatten ihre „Kneipen“ prächtig herausgeputzt, wie denn überhaupt Jena so grün aussah, als sei der ganze Birnamwald in dasselbe eingerückt.

Der Burgkeller ist nicht mehr er selbst, und ich habe ihn mit Wehmuth betrachtet. Zwar die Treppenstufen sind noch so schlecht wie vor dreißig Jahren, aber wo sind die alten Säulen im untern Zimmer geblieben, wo die angeräucherten Wände, welche Anspruch darauf machten, einmal weiß gewesen zu sein? Sie sind hin; man sieht tapetenartig überpinselte Mauern, braun lackirte Tische, Bilder an den Wänden, der forsche Tisch und der Trompetertisch haben ihren Auszug gehalten; – es behagte mir nicht mehr, der Trunk, den ich nahm, schmeckte mir nicht. Dort unten hausen die Burgkelleraner. Leute mit rothen Mützen; sie bildeten unter den burschenschaftlichen Parteien den linken Flügel, sind Männer des Progresses und verwerfen das Duell völlig; sie sind grundsätzliche Gegner desselben. Damit haben sie die reine Vernunft auf ihrer Seite; da sich aber im Raume oftmals die Sachen sehr hart aneinander stoßen, und das Abstracte schwer zur Geltung gelangt, so haben diese Männer des Progresses den andern Studenten gegenüber eine schiefe Stellung, und stehen außerhalb des allgemeinen Verbandes. Die oberen Räume des Burgkeller sind im Besitze der neuen Germanen, die, so viel ich erfahren habe, das Duell nicht unbedingt verwerfen, aber den Corps keine Satisfaction geben. Sie scheinen eine Art von burschenschaftlichem Centrum zu bilden, und hatten sich während des Festes mit den Leuten, die im Erdgeschoß des Burgkellers hausen, in bedingter Weise vereinigt. Ich ging mit einigen alten Freunden Abends auf ihren Saal, und wir kamen gerade recht, um eine interessante Mittheilung zu hören. Ein alter, noch sehr stattlicher und rüstiger Lützower Jäger, Prediger Horn aus Mecklenburg, erhob sich und erzählte, wie die Burschenschaft gestiftet worden sei:

Unter den Studenten Jena’s herrschte, gegenüber der Napoleonschen Schmach, ein patriotischer Ingrimm. Ein Theil von ihnen beschloß, die Waffen zu ergreifen und für das Vaterland zu kämpfen. Sie verließen bei Nacht und Nebel die Stadt, gelangten unter mancherlei Gefahren über die Elbe und erreichten Breslau. „Dort wählte,“ so sprach Pastor Horn, „kein geringerer Mann, als König Friedrich Wilhelm der Dritte von Preußen, für uns die Farben schwarz, roth, gold, als Sinnbild der vaterländischen Sache; das ist der Ursprung dieser herrlichen Farben; ein König hat sie gewählt und wer Euch sagt, daß sie einen revolutionären Ursprung haben, der lügt; ich sage, er lügt!“

Dann schilderte er ergreifend, wie nach erfochtenem Siege und nach Befreiung des Vaterlandes von fremdem Joch die Jugend sich zur Burschenschaft vereint habe. Die alten Landsmannschaften seien ein Abbild der Zerrissenheit Deutschlands gewesen, durch, Zerrissenheit sei das letztere eine Beute der Fremden geworben; aber die Jugend habe, so viel an ihr gewesen, dazu helfen wollen, daß eine solche Schmach nicht wiederkehre. Ihrer Vier seien zusammengetreten und hätten auf der Tanne, dem bekannten Gasthaus an der Saalbrücke, die Verfassungsurkunde der Burschenschaft entworfen. Pastor Horn [515] fügte die Namen derer hinzu, von welchen die einzelnen Abschnitte verfaßt worden seien.

Seitdem sind mehr als vierzig Jahre verflossen und in Jena haben sich durch alle Wechselfälle hindurch Burschenschaften erhalten. Sie sind ein Spiegelbild der verschiedenen Bestrebungen in der deutschen Jugend. Es ist löblich, daß ihre Angehörigen sich in vaterländischem Sinne ausbilden, sobald sie alle Ausschreitungen vermeiden. Es schadet nicht, wenn manchmal der Becher überschäumt, dagegen hatte selbst König Philipp II. von Spanien nichts einzuwenden; aber in’s staatliche Leben einzugreifen, ist niemals Beruf der Jugend, der die Erfahrung mangelt. Diesen Satz sprach auf dem Commers der Teutonen einer ihrer Sprecher, ein Hannoveraner, sehr scharf aus und bezeichnet die Grenze, innerhalb welcher die deutsche Jugend sich zu halten habe. Diese Teutonen bildenden rechten Flügel unter den Jenensischen Burschenschaftern; sie pauken mit den Corps. An diesen rüstigen, frischen Leuten hatten wir Aelteren unsere wahre Freude; der Redner, welcher ihren Commers eröffnete, ein Braunschweiger, ein noch junger Mann, hielt eine prächtige Rede, in welcher Weihe und Schwung mit großer Klarheit des Gedankens vereinigt waren. In Bezug auf den letztern Punkt scheinen diese Teutonen die Dinge richtiger zu treffen, als die Studenten vor zwanzig und dreißig Jahren; man sieht, daß die Erfahrungen, welche die Zeit gebracht, doch Früchte getragen haben. Der Patriotismus zog sich durch die Reden aller dieser jungen Leute, es war aber nichts Aufgepufftes darin, sondern Alles schlichte Natur, und politisirt wurde gar nicht. Das mag denen zur Beruhigung dienen, welche besorgt hatten, die Jubelfeier möchte für politische Demonstrationen zum Vorwande genommen werden.

Selbst die alte Wartburgsfahne gab zu dergleichen keinen Anlaß. Dieses Palladium der Burschenschaft war lange Zeit verborgen und in guter Obhut, nur Wenigen kam sie zu Gesicht. Nachher brachte man sie in die Schweiz, wo Professor Reinhold Schmidt in Bern sie lange treu verwahrt hat. Jetzt ist sie wieder in Deutschland, und gewiß hätte das Jubelfest eine passende Gelegenheit dargeboten, sie wieder an’s Tageslicht zu bringen und an irgend einer Stätte, als geschichtliche Merkwürdigkeit, für immer niederzulegen. Die Tausende von anwesenden Burschenschaftern würden sie ohne Zweifel mit ungeheurem Jubel begrüßt haben, aber das wäre sicherlich die ganze „Demonstration“ gewesen. Auch eine solche ist geflissentlich vermieden worden. Reinhold Schmidt war in Jena, er setzte die Lage der Dinge auseinander, und wenn auch seine Art und Weise, in welcher er die „Nichtherausgabe der Fahne für jetzt“ motivirte, nur Wenigen gefiel und sein Ton nicht behagte, so beruhigten sich doch Alle, weil sie begriffen, daß an den hohen Freudenfesten der geliebten alma mater auch nicht der entfernteste Anlaß zu Verdächtigungen gegeben werden dürfe, denn daß Gegner und Feinde, kirchliche wie weltliche, auf der Lauer lagen, um wo möglich Steine auf Jena zu werfen, das war Allen wohlbekannt. Die alte romantische Fahne wird indessen bald zum Vorschein kommen und man sollte dieser jedenfalls geschichtlich gewordenen Merkwürdigkeit einen Platz auf der Wartburg, neben anderen Merkwürdikeiten, gönnen.

Das patriotische Gefühl machte sich bei mehr als einer Veranlassung unwillkürlich Luft. Die Teutonen saßen am Montag Morgen in der Sonne am Markte. Da trat ein alter Herr unter sie, der die Achtzig längst zurückgelegt hatte, Man bot ihm einen Trunk, kam mit ihm in’s Gespräch und sah an seinem Hute die Jahresziffer 1789 bis 1792. Damals hatte er in Jena studirt; er hatte zu Friedrich Schiller’s Füßen gesessen, als dieser seine Collegia mit dem berühmten Vortrage über das Studium der Universalgeschichte eröffnete. Er erzählte von jenem Tage, und die Teutonen brachten Schiller und dem alten Burschen ein Hoch. Dieser erzählte aber mehr. Er war bis vor wenigen Jahren ein treuer Hirt einer deutschen Gemeinde in Schleswig gewesen, dann aber hatten die Dänen ihn abgesetzt, weil er treu am Deutschthum hält. Seitdem lebt der fast neunzigjährige Greis in der Verbannung.

„So seht Ihr mich, liebe Jugend; ich bin ein alter Mann und werde bald meinem Gotte Rechenschaft zu geben haben. Aber ich habe gelebt als ein guter Deutscher und will als ein solcher sterben. Thut Ihr desgleichen.“

Es versteht sich, daß „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ angestimmt wurde. Am Nachmittage ereignete sich aber noch eine Episode, die nicht minder ergreifend war. Die Teutonen und mit ihnen Hunderte von Gästen waren nach Ziegenhain hinausgezogen. Auch der „Reichshausknecht“, der alte Herr von Zerzog (aus Regensburg, bekannt vom Frankfurter Reichstage), der 1818 in Jena studirt, manche andere alte Reichstagsmitglieder und Notabilitäten der Wissenschaft waren zugegen; auch Jakob Venedey war da. Es wurden heitere Reden gehalten und vaterländische Lieder gesungen, während die Kännchen in der Runde gingen. Da trat in Folge einer zufälligen Anregung ein alter Burschenschafter aus Schleswig-Holstein auf, dessen Sohn vor zwölf Jahren Mitglied der Jenenser Teutonia gewesen. Dieser Mann sprach ergreifende Worte. Er rief:

„Ich sehe Euch hier in den Farben, die ich vor langer Zeit getragen und die auch meinen ältesten Sohn geschmückt. Er hat Euch angehört, aber er kann heute nicht unter Euch sein. Ich habe zwei Söhne in den heiligen Krieg geschickt, den wir Schleswig Holsteiner für die deutsche Sache geführt, und er, der Euer Bruder war, ist gefallen und hat seine Treue für Deutschland mit seinem jungen Blute besiegelt. Glaubt nicht, daß ich als Vater über ihn trauere; er that nur seine Pflicht, er that nur, was das Vaterland von ihm verlangen konnte. Er ging wohlgemuth in den Kampf, ich hoffe, ich erwarte, ich fordere, daß Ihr Alle seine Verbindungsbrüder, desgleichen thun würdet, wie ich denn das von jedem jungen Manne in Deutschland verlange. Ich habe noch einen Sohn, er ist mein einziger. Aber ich sage Euch, wenn das Vaterland ruft, dann geht er zum zweiten Male in den Kampf, und er wird seine Schuldigkeit thun. Und auch ich werde sie thun, das glaubt mir.“

Man sah es dem Manne an, daß es ihm heiliger Ernst war, und seine wahrhaft spartanische Rede übte eine ungeheuere Wirkung.

„Ja, dieses Schleswig-Holstein ist die brennende Wunde; man wird ingrimmig, wenn man davon nur hört,“ rief ein Student, nachdem die Stille, welche den obigen Worten folgte, wieder verschwunden war.

Mehr als einmal zeigte sich in Jena, wie zuweilen das Lächerliche dem Erhabenen auf dem Fuße folgt. Als Pastor Horn seine obenerwähnte Schilderung über das Entstehen der Burschenschaften geendet hatte, trat ein Mann seltsamer Art an den Tisch. Ich mußte ihn schon gesehen haben, seine Züge schwebten mir vor. Richtig; vor dreißig Jahren war der Mann häufig in der Bierrepublik Ziegenhain gewesen; damals zählte er schon zehn Semester, jetzt lebt er noch Zimmer in Jena mit den Studenten und unter ihnen. Da stand er leibhaftig, dieser Demelius, weiland Ceres genannt, aber seit drei Jahrzehnten allen Jenensern als „Bierlatte“ oder „die alte Latte“ bekannt. Er hat den Musensitz nie verlassen, will in ihm sterben, wie er sagt: „als Studente.“ Er trat vor, erfüllt von süßem Gerstensaft, Die Germanen, welche ihn damit laben, hatten ihm zum Jubiläum eine neue Mütze geschenkt, in welcher er prangte, in der linken Hand hielt er eine neuangemalte Latte, in der rechten einen Krug. Er wollte reden, aber die Stimme versagte ihm den Dienst, und der Zuruf: „Latte, fall’ ab,“ verscheuchte ihn. Solcher alter Originale gibt es in Jena noch einige; doch ist die berühmte „Puppe“, welche seit 1823 inscribirt war, vor einigen Jahren gestorben. Die „Latte“ hat zur Jubiläumsfeier Gedichte drucken lassen.

Auf das erheiternde Intermezzo folgte ein widerwärtiges. Ein Mann, den ich als frischen, liebenswürdigen Studenten gekannt und den ich herzlich lieb gehabt hatte, ist Professor an einem Gymnasium geworden und noch heute ein kernbraver Mensch. Aber die moderne theologische Richtung hat ihn gepackt und er benutzte das Commerciren der Studenten, um ihnen eine Predigt zu halten. Sie müßten lernen „die Kniee beugen“, sonst sei es gar nichts mir ihren vaterländischen Bestrebungen. Dann redete er viel vom wahren und rechten Glauben (darüber sind alle in Streit, da dem Einen nicht wahr und nicht recht erscheint, was der Andere dafür hält), den er einst in Jena nicht gefunden habe. Dann klagte er die Lehrer an, jene Lehrer, die ihm doch einst so große Freundlichkeit und Güte erwiesen. Ein neben mir sitzender Germane war über solchen Undank und solche Herbigkeit empört und meinte, wenn der „rechte“ Glaube solche Früchte bringe, so möge der liebe Gott ihn davor bewahren.

Jakob Venedey, der ehrliche Mensch, war, wie gesagt, auch in Jena; er sprach bei den Teutonen, sie möchten sich mit den Germanen und den Leuten vom Burgkeller vereinigen, und meinte es gut. Ruhig besehen, schadet es gar nichts, daß die Burschenschaft [516] sich in mehrere Theile getrennt hat; in der deutschen Jugend sind einmal Gegensätze und sie werden bleiben. Mögen verschiedene Richtungen ihren Weg für sich gehen; sobald sie in einer Verbindung aufeinander prallen, werden doch wieder Trennungen stattfinden müssen; das liegt in der Natur der Sache. Laßt sie also nebeneinander gehen; aber zu wünschen wäre allerdings, daß es in freundlicher Weise geschähe. Aber dazwischen macht dann alle Mal die leidige Duellfrage einen Strich.

Da ich in den früheren Mittheilungen mancher alten Bekannten erwähnt habe, so will ich bemerken, daß sie in Jena nicht fehlten; namentlich waren die Mecklenburger stark vertreten, aber Stülpnagel, der alte wackere und heitere Mensch, hatte die schönen Locken nicht mehr; der „kleine Jahn“ trug einen runden Hut und der „lange Itze“ war zum Koloß geworden. Der altdeutsche Gelehrte aber, welchem er einst seinen Confirmationsfrack zum Promoviren geborgt und der aus der Schweiz gekommen war, sah noch immer aus wie ein Burggeist und steinerner Gast. Es that dem Herzen wohl, so viele alte Freunde so frisch und in guten Verhältnissen wieder zu sehen.

Am Graben in Jena liegt ein Haus, von welchem eine Schweizerfahne herabwehte. Es ist die bekannte Mäderei, die seit einem Jahrhundert windschief steht. Als im Jahre 1784 ein Lübecker Rathsherr seinen Sohn nach Jena schickte, gab er ihm die Warnung mit, ja nicht in die Mäderei zu ziehen, denn sie könne jeden Augenblick einstürzen. Der Sohn gab viele Jahre später seinem Sohne dieselbe Warnung, aber dieser zog in die Mäderei gleich seinem Vater und Großvater, und auch der Urenkel hat dasselbe Zimmer bezogen. Windschief ist die Mäderei freilich, aber sie ist aufgeputzt und sieht schmuck aus, kann auch reichlich noch ein Jahrhundert stehen.

Und nun will ich von Jena scheiden. Das Fest hat die Erwartungen Aller nicht nur erfüllt, sondern sie bei Weitem übertroffen. Ein froher, trefflicher, frischer Geist belebte das Ganze, und die Erinnerung an die herrlichen Tage des Jubiläums dieser Hochschule wird für die, welche zugegen waren, eine der schönsten Lebenserinnerungen bleiben.

Möge Jena sich selber treu bleiben!