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Das Fest der heiligen Rosalie in Palermo

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Textdaten
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Autor: Fl. Korell
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Titel: Das Fest der heiligen Rosalie in Palermo
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 468–472
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[468]
Das Fest der heiligen Rosalie in Palermo.
Von Fl. Korell.


Das Foro italico ist zweifellos Palermos, der an schönen Aussichtspunkten so reichen Hauptstadt Siciliens, schönste Promenade. Von dort schweift der Blick ohne Schranken über das nimmer ruhende Wasser, das zu allen Stunden fesselnde Erscheinungen bietet. Zur rechten Seite dehnt sich die mit den weißen Häusern mehrerer Ortschaften bedeckte Küste weit in’s Meer hinaus, um mit einem flachen Vorgebirge zu enden, zur Linken aber, jenseits des mit Segel- und Dampfschiffen bevölkerten Hafens, hält der Monte Pelegrino mit seinen gewaltigen Felsmassen die ernste „Wacht am Meer“. Vom Foro steigt die Stadt eine sanfte Erhebung hinan, von deren höchstem Punkte der monumentale Bau des Palazzo reale das Ganze beherrscht. Im Hintergrunde schließt, gegen das Innere der Insel, ein gewaltiger Gebirgszug ab, scharfumrissen und in seinen einzelnen Häuptern die wechselvollste

[469]

Rosalien-Festzug in Palermo zur Zeit der Bourbonen.
Originalzeichnung von Ch. Wilberg in Berlin.

[470] Mannigfaltigkeit darstellend, die „Conca d’oro“, die „goldene Muschel“, welche die Perle Palermo hegt. Selbst in den heißen Tagen des Sommers genießt das Foro wegen der unmittelbaren Nachbarschaft des Meeres eines erfrischenden Luftzuges; deshalb ist hier die Stätte aller öffentlichen Feste; hier tummelt sich zumeist die Lust des Carnevals, und hier gelangt der glänzendste Act des großen Kirchenfestes der „heiligen Rosalie“ zur Aufführung. Von den Vorbereitungen dieses Festes hört der Fremde schon wenige Wochen nach Beendigung des Carnevals reden; bald wird dasselbe zum fast ausschließlichen Gegenstande der Unterhaltung an öffentlichen Orten und in Privatkreisen erhoben; in den ersten Tagen des Mai sieht man in den Hauptstraßen bereits Gasarbeiter eine außergewöhnliche Thätigkeit entwickeln, und auf dem Foro italico beschäftigt man sich wochenlang mit dem Aufbau eines Gerüstes, welches, wie man dem Fremden auf Befragen mittheilt, für jenes großartige Feuerwerk dienen soll, das die Stadt alljährlich mit einem Aufwande von 30,000 bis 40,000 Lire zur Feier des Festes der „heiligen Rosalie“ abbrennen läßt. Die „heilige Rosalie“ ist nämlich die Schutzpatronin Palermos und in dieser Stadt nicht minder berühmt und verehrt, als in Neapel der heilige Januarius. Die Legende berichtet von ihr, daß sie als Verwandte eines Königs von Sicilien am Hofe lebte, später jedoch, der weltlichen Freuden satt, als Einsiedlerin auf den Monte Pelegrino sich zurückzog und im Rufe hoher Frömmigkeit und der Wunderthätigkeit daselbst gestorben ist.

Die Rosalien-Grotte auf dem Monte Pelegrino.
Nach einer italienischen Photographie.

Als in späteren Zeiten einst die Pest in Palermo wüthete, wurden die mittlerweile wieder aufgefundenen Gebeine der Heiligen auf Veranlassung des Erzbischofs in die Stadt gebracht; hier wirkten, der Ueberlieferung zufolge, ihre Reliquien sofort ein großes Wunder: mit dem Einzuge der heiligen Gebeine verschwand die Pest aus der Stadt; zum Dank für dieses Wunder wurde die Heilige in einem massivsilbernen Sarge in einer Capelle des Domes, welche nach der Heiligen benannt ist, beigesetzt, feierlich zur Schutzpatronin Palermos ernannt und ihr ein alljährlich zu feierndes Fest gewidmet, welches bis 1859 eine fünftägige Dauer hatte (vom 11. bis 15. Juli), nunmehr aber auf eine Zeit von drei Tagen beschränkt ist.

Auf der Stelle, wo am Monte Pelegrino die Gebeine der Heiligen gefunden worden, erhebt sich eine Capelle, welche die von dem Florentiner Tedeschi gearbeitete, mit reichem Goldgewande geschmückte Statue der im Schlummer ruhenden Rosalie einschließt. Goethe, der bei seinem Aufenthalte in Palermo die Capelle besuchte, bemerkt darüber in seiner „Italienischen Reise“: „Kopf und Hände von weißem Marmor sind, ich darf nicht sagen, in einem hohen Stil, aber doch so natürlich und gefällig gearbeitet, daß man glaubt, sie müßte Athem holen und sich bewegen.“

Die heilige Rosalie von Tedeschi.
Für die „Gartenlaube“ nach der Natur aufgenommen.

Das Fest, zu welchem aus der Umgegend viele Tausende herbeiströmen, vertheilt sich, wie gesagt, jetzt auf drei Tage; den Hauptpunkt des ersten Tages bildet das Abendconcert in der illuminirten Villa Giulia, der sogenannten Flora. Es ist dies eine Gartenanlage im besten Stil; eine Fülle der seltensten ausländischen Zierbäume und Sträucher verbindet sich mit den einheimischen zu einem harmonischen Ganzen; Wasseranlagen, wie Fontainen, Cascaden, geben Leben, während geschmackvolle Kioske und aus dem dunklen Grün des Lorbeers hervorschimmernde Marmorstatuen den Schmuck der Kunst zur Schönheit der Natur hinzufügen. Hier entfaltet nun die Kunst der Beleuchtung in mannigfacher Weise ihre blendenden Effecte: dort eine dunkle Allee durch zahllose Festons mit chinesischen Lampen erhellt; hier auf dem freien Platze, dem Grün des Rasens und unter den niederfallenden Tropfen des Springquells das blendendweiße Gaslicht in funkelnden Sonnen, diamantblitzenden Sternen und schimmernden Arabesken; dort buntfarbige Lichtpyramiden, aus rothen, grünen, gelben, blauen, weißen Lampions gebildet, und das glänzt und strahlt, das schimmert und flimmert, das blitzt und leuchtet, und dazwischen jubelt und klagt die Musik, und in den breiten Wegen und in den engen Gängen drängt sich die Menge, die gekommen ist, zu sehen und – gesehen zu werden. Welcher Glanz von Damentoilette! Fast keine Dame ist mit geringerem Stoffe als Sammet, Atlas oder Moiré antique gekleidet und jedwede geschmückt mit funkelndem Geschmeide.

Aber sagte man nicht, daß heute hier eine Vereinigung aller Stände stattfinde? Die Dame dort in veilchenblauem Atlas ist allerdings die Principessa X, und jene in braunem Sammet ist die Gräfin Y, aber diese Dame dort ist nicht minder kostbar gekleidet, und doch ist sie nur die Frau des kleinen Colonialwaarenhändlers, der kaum im Stande ist, für sich und seine Familie das Nothdürftigste zu verdienen. „Sagen Sie mir,“ so wandte ich mich fragend an meinen Begleiter, „wie macht der Mann es möglich, seiner Frau den unerhörten Luxus dieser durchaus neuen Toilette zu gewähren?“ Ich stand vor einem Räthsel, doch mein sachkundiger Freund, der, gleichwie Odysseus, „vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat“, wußte das Räthsel zu lösen. Speculirend auf die übermäßige Putzsucht der Palermitanerinnen, lassen gewitzigte Händler, nicht selten geradezu nach dem Kleidermaße einer bestimmten Frau, einen Anzug aus kostbarem Stoffe herrichten, welcher als vollkommen neu für das erste Mal um einige hundert Lire vermietet wird; bei den folgenden Vermiethungen sinkt natürlich der Preis, aber bevor dieser letztere auf der äußersten Grenze der Billigkeit angelangt ist, hat der Händler schon längst einen beträchtlichen Vortheil erzielt; die erste Trägerin jedoch hat einige hundert Lire geopfert, um während weniger Abendstunden das Glück des Besitzes einer Garderobe für tausend und mehr Lire zu genießen. In ähnlicher Weise wird mit Diamantschmuck und dergleichen verfahren. Wer’s nicht weiß, der ahnt nicht, wie viel Sorge und Noth häufig mit dieser erlogenen Pracht verknüpft ist; denn äußerlich ist Alles heiter und freut sich, daß der eigene Glanz manch fremden Glanz überstrahlt. Im Uebrigen muß rühmend bemerkt werden, daß nicht der geringste Mißton das Fest störte, welches trotz der weiten Kluft zwischen Stand, Vermögen und Bildung der einzelnen Theilnehmer durchaus harmonisch in später Nacht, oder wenn man will, am frühen Morgen ausklang.

Der zweite Festtag gipfelt in dem Schauspiele des großen Feuerwerkes. Eine zahllose Menschenmenge, Tausende und aber Tausende drängen sich auf dem Foro italico; einförmig rauscht die Meeresfluth gegen die Mauer, welche den Quai begrenzt; Dunkelheit liegt über dem Wasser; da erscheint plötzlich ein Lichtpunkt über der Fläche; der leuchtende Punkt vervielfältigt sich; jetzt sind es zehn, jetzt zwanzig, vielleicht fünfzig und mehr Lichtkörper, die wie durch eigene Kraft über dem Wasser zu schweben scheinen und langsam dem Schauplatze sich nähern; jetzt tönt sanfte Musik über dem Wasser; jetzt erkennt man die Umrisse einer chinesischen Dschonke, deren Masten, Raaen und Taue mit buntfarbigen Papierlampen geschmückt sind; andersgeformte Fahrzeuge folgen; es entwickelt sich das phantastische Bild eines glänzenden Wassercorsos, der unter den Klängen der Musik am Ufer vorübergleitet und in der Ferne hinter einem vorspringenden Hügel verschwindet, um nach kurzer Zeit zurückzukehren. Nun geben Kanonenschläge und riesige Raketenbouquets das Zeichen zum Beginne des Feuerwerkes. Die Pyrotechnik ist vielleicht die volksthümlichste Kunst in Italien; dieses durch die Augen lebende und redende Volk ist im höchsten Grade empfänglich für Alles, was das Auge reizt; das Lichte, Farbige, Bunte, das Glänzende ist ihm Bedürfniß zugleich und Entzücken. Die Kirche hat ihrerseits nicht unterlassen, diese Leidenschaft des Südländers für glänzende Effecte in ihren Dienst zu nehmen. Wie sie durch die Pracht und den Pomp ihres Cultus, durch Bild- und Marmorschmuck ihrer Kirchen dem Auge schmeichelt, wie sie durch ihre Kirchenmusik das Ohr entzückt, so verschmäht sie auch nicht die Dienste der niederen Pyrotechnik, um dem sinnlichen Bedürfnisse der schaulustigen Menge Genüge zu leisten. So ist es gekommen, daß, namentlich im südlichen Italien, ein Kirchenfest ohne Feuerwerk gar nicht gedacht werden kann, und in Neapel findet ist dieser Beziehung zwischen den verschiedenen Kirchen ein Wettstreit statt, der mit Aufbietung aller Kräfte und nicht ohne schwere Geldopfer geführt wird; entscheidet doch der Sieg nicht allein über das größere Ansehen, sondern auch über den stärkeren Einfluß und die reichere Einnahme der siegenden Kirche im Laufe des kommenden Jahres. Die vielen Tausende, welche zu Ehren der „heiligen Rosalie“ in Gestalt von Raketen, Schwärmern, bengalischen und römischen Lichtern verpufft werden, hätten ohne Zweifel eine würdigere Verwendung finden können; wer aber das schauende Volk hätte befragen mögen, ob es nicht nahrhaftes Brod dem unfruchtbaren Schaugepränge vorziehe, der würde erfahren haben, daß der Südländer Vieles, fast Alles entbehren kann, wenn nur seine Schaulust gesättigt wird.

Die italienische Feuerwerkskunst ist der unserigen weit überlegen; [471] namentlich jene Leuchtkugeln, welche zuerst in weißestem Lichtglanze, gleich einem Meteor in umgekehrter Richtung, gen Himmel schießen, hoch oben am dunklen Gewölbe sich theilen und Hunderte von kleineren Leuchtkugeln in den verschiedensten Farben ausstreuen, die nun langsam niederschweben, um den gleichen Theilungsproceß, nach Zurücklegung etwa der halben Niederfahrt, nochmals, natürlich in weit, weit größerer Mannigfaltigkeit, zu wiederholen – diese Leuchtkugeln, über dem Meeresspiegel aufsteigend, zum Meeresspiegel niederschwebend, in ihn versinkend, sind von wahrhaft magischer Wirkung. Die höchste Leistung der Pyrotechnik scheint mir aber in der Darstellung wirklicher Bilder zu liegen, welche auf das Brettergerüst aufgemalt worden waren, dessen ich oben erwähnte. Man hatte Gegenstände aus der Blüthezeit der griechischen Colonisation Siciliens gewählt: die Darbringung eines Opfers z. B., einen Kriegsrath, eine Schlacht u. dergl. m. Landschaft, Architektur, Personen erscheinen hier deutlich erkennbar durch verschiedenfarbige Feuerlinien umrissen; die bewegliche Natur, das Flammen der feuerigen Linien theilt den Körpern eine gewisse Bewegung mit, durch welche der täuschende Effect des Lebens den Figuren eingehaucht wird; dadurch, daß die Farben, zwei- bis dreimal wechselnd, zu immer reicherem Glanze aufsteigen, wird nicht nur Abwechselung, sondern auch eine gewisse Spannung im Zuschauer bewirkt, der unwillkürlich den Eindruck empfängt, als wohne er einer vorschreitenden Handlung bei.

Die Haltung des Publicums war wieder musterhaft; völlig naiv in ihrer Freude, glich die Menge einer ungeheueren Kinderversammlung, für welche der Weihnachtsbaum geschmückt ist; lebhafte Ausrufe der Freude, der Befriedigung, des Entzückens ließen sich vernehmen; Vergleiche mit den vorjährigen Festen wurden angestellt, und nachdem wiederum Kanonenschläge und einige Raketenbouquets jetzt das Signal des Schlusses des Festes gegeben, zerstreute sich die Menge in Ruhe und Ordnung; nach einer Stunde herrschte tiefste Stille dort, wo kurz vorher das Licht geflammt, die Raketen gezischt, die Kanonenschläge gedonnert und eine zahllose Menge gelacht und gejubelt hatte; feierlich ernst entstieg das sanfte Mondlicht der dunklen Fluth, seine silbernen Strahlen zitterten auf der schwankenden Fläche; hoch vom Himmel herab strahlten bald in röthlichem Feuer, bald in grünlichem, diamantartig blitzendem Lichte die ewigen Sterne; auch sie schmückt der Süden mit schönerem Glanze, als der Norden es gewährt.

Der dritte Tag bringt den eigentlich kirchlichen Theil des Festes. Alle Hauptstraßen der Stadt sind glänzend erleuchtet; die gewöhnlichen Gaslaternen haben prächtigen Gaspyramiden Platz gemacht; von Balconen und Fenstern hängen buntfarbige Teppiche – durch die taghell erleuchteten Straßen bewegt sich der Zug. Voran Hunderte von Knaben und Jünglingen, Wachsfackeln tragend, die Gemeindebeamten, Musikbanden, geistliche Orden, Kapuziner und Andere, der Clerus, die Domgeistlichkeit, der Erzbischof in goldstrotzender Carosse, und dann – der angeblich 500 Pfund schwere silberne Sarg mit den Gebeinen der Heiligen. Alle zehn Minuten müssen die Träger, welche dem Kreise der jungen Bürger entnommen werden, wechseln, und wegen des schweren Gewichtes sind sie genöthigt eine Art Tanzschritt, eine gewissermaßen hüpfende Bewegung einzuhalten, sodaß der mit Lichtern und silbernen Aufsätzen geschmückte Sarg fortwährend von einer Seite zur andern geschaukelt und in dem Zuschauer die Befürchtung eines bevorstehenden Sturzes erregt wird. Chorknaben und bürgerliche Theilnehmer schließen den langen Zug, welcher bis zu seiner Rückkehr zum Dom eine Zeit von etwa vier Stunden gebraucht.

Von besonderer Andacht habe ich nichts wahrgenommen; auch dieser Zug, obgleich seinen Mittelpunkt ein Sarg bildet, ist den Palermitanern nichts anderes als ein Schauspiel ohne Entréekarten; so nehmen sie es an, so betheiligen sie sich an demselben; aber der Versuch des Clerus, aus der großen Zahl der Theilnehmer einen Rückschluß auf die Zahl der clerikal Gesinnten zu machen, muß als vollkommen verfehlt bezeichnet werden; die Zahl der clerikal Gesinnten kann sehr groß sein, die Erörterung dieser Frage liegt außerhalb des Bereiches meiner Aufgabe – das nur muß hervorgehoben werden, daß die Theilnahme an einem Kirchenfeste keinen Rückschluß auf die kirchliche Gesinnung der Theilnehmenden gestattet.

Früher, zur Zeit der Herrschaft der Bourbonen, hatte das Fest nicht nur, wie im Eingange bereits erwähnt, eine längere Dauer, sondern es wurde bei demselben auch, ohne Rücksicht auf die Kosten eine weit größere Pracht entfaltet. Während der damaligen fünf Feiertage waren die Geschäftslocale nur bis Mittag geöffnet, dann aber ward Alles geschlossen, da gegen zwei Uhr die Feierlichkeiten begannen, deren noch heute interessantes Programm mir folgendermaßen geschildert worden ist:

Am ersten Tage hielt um zwei Uhr der kolossale Karren, welchen unsere Abbildung zeigt, mit Blumen, buntfarbigen Draperien, Gold- und Silberflittern, Fahnen u. dergl. m. prächtig geschmückt, das imposante Standbild der Heiligen tragend, vom Fora italico aus durch die Porta felice seinen Einzug in die Stadt. Dem Karren schritten die kirchlichen und bürgerlichen Autoritäten voran, denen ein Vorläufer mit einer gewaltigen Glocke folgte. Der Karren wurde von vierzehn Paar jener stattlichen Stiere gezogen, wie man sie nur in Sicilien findet, deren gabelförmig weit von einander abstehende, kolossale Hörner das Erstaunen aller Fremden errege. Diese mächtigen Thiere mit Blumenmassen und buntfarbigen Bändern geschmückt, ihre nebenherlaufenden Führer in prächtig-bunter Festtagskleidung, riesige Stäbe mit mächtigen Stacheln zum Antreiben der Thiere in den Händen schwingend – so bewegte sich der Karren de Corso Vittorio Emanuele (damals Toledo oder Cassaro genannt) hinan. Allemal nach Zurücklegung von 300 bis 500) Schritten gab der Vorläufer mit seiner Glocke ein Zeichen zum Halten, worauf sofort eine der beiden auf dem Karren sitzenden Musikbanden zu spielen begann. Das Gewicht des Karrens war so gewaltig, daß die vier Riesenräder dampften und unfehlbar in Brand gerathen wären, wenn man sie nicht während des Fahrens fortwährend mit Wasser begossen hätte, welches auf einem besonderen Wagen dem Karren unmittelbar nachgefahren wurde. Die Straße, durch welche der Zug sich bewegte, war prächtig geschmückt; von allen Fenstern hingen buntfarbige Teppiche, Blumenguirlanden zierten die Balcons und zogen sich über die Straße von dem einen zum gegenüberliegenden Hause, vor den Häusern aber hatte man alle 15 bis 20 Schritte Holzsäulen angebracht, welche Wappen, Blumen, Fahnen und bunte Oellämpchen trugen, mit einander aber wieder durch Blumenguirlanden verbunden waren. Langsam bewegte sich der Karren den Toledo hinan bis zur Piazza Vittoria, woselbst man ihn vorläufig stehen ließ. Am Abende des Tages nun fand prächtige Illumination des Toledo statt, welcher durch das bunte Licht an den Säulen vor den Häusern das Ansehen einer prächtig erleuchteten riesigen Säulenhalle empfing; dazu Lampions auf allen Balcons, zwischen Blumen flammendes Licht in allen Fenstern und die taghell erleuchtete Straße gedrängt voll von einer bunten, heitern Menge von Spaziergängern in festlicher Kleidung. Später fand am Foro Feuerwerk statt, welches dem jetzigen an Pracht weit überlegen gewesen sein soll.

Am zweiten Festtage begannen um zwei Uhr Nachmittags die von den vielfachen Beschreibungen des römischen Carnevals allbekannten Wettläufe reiterloser Pferde. Die Rennbahn war wiederum der Toledo von der Porta Felice bis zur Porta Nuova, woselbst man am Ende der Bahn ein mit Mennige (rother Farbe) beschmiertes Seil gezogen hatte, das von dem zuerst anlangenden Pferde zerrissen werden und dabei demselben gleichzeitig als Zeichen des Sieges eine rothen Strich auf die Brust drücken mußte. Interessant bleibt es bei diesen Rennen immer, zu sehen, wie diese Pferde von wirklichem Ehrgeize beseelt zu sein scheinen und selbst zur List und zur Intrigue ihre Zuflucht nehmen, um durch Abdrängen, Schlagen, Beißen u. dergl. Mittel dem Nebenbuhler den Sieg zu entwinden. Am Abend dieses zweiten Tages wurde der Karren durch den wiederum glänzend erleuchteten Toledo nach dem Foro italico zurückgefahren.

Der dritte Tag brachte eine Wiederholung der Pferderennen und des Feuerwerkes. Den Schluß dieses Tages bildete die Erleuchtung der Villa Giulia.

Am vierten Tage wurden ist allen Straßen prächtige Vespern abgehalten, und an der abendlichen Illumination betheiligte sich auch die Kathedrale durch glänzende Erleuchtung ihrer Façade.

Der fünfte Tag war der großen Procession gewidmet, bei welcher die Einrichtung herrschte, daß das eine Jahr die eine, und das folgende Jahr die andere Hälfte der Stadt durchzogen wurde. Dabei wurde nicht nur das Standbild der „heilige Rosalie“ umhergetragen, [472] sondern jede der zahlreichen dortigen Kirchen betheiligte sich mit ihrem besonderen Heiligen. Die Kapuziner pflegten hierbei die erste Rolle zu spielen, indem sie ihren Heiligen auf einem prächtig geschmückten thurmartigen Gerüste umherführten, welches die Höhe der sehr hohen Häuser Palermos überragte.

Hierdurch wird es allerdings begreiflich, daß die Palermitaner vor dem Beginne des Festes dasselbe auch in seinen heutigen, beschränkteren Verhältnissen für eines der Weltwunder erklären, die man nothwendiger Weise gesehen haben müsse, nach Beendigung des Festes aber regelmäßig versichern, man habe eigentlich Nichts gesehen, da man das Fest, wie es früher gewesen, nicht geschaut habe.