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Das Fest der Madonna auf den Lagunen

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Das Fest der Madonna auf den Lagunen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 557, 560
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[557]

Vor dem Feste der Madonna. Nach dem Oelgemälde von Heinrich Rasch.

[560] Das Fest der Madonna auf den Lagunen. (Illustration S. 557.) Es naht der Tag, an welchem der Marien-Cultus sein höchstes Fest begeht, ein kirchliches Freudesfest für Millionen: der 8. September, der Geburtstag der Madonna. Wie verschiedenartig die Pracht ist, welche bei dieser Feier entfaltet wird, ist bekannt; in welch einfacher, kindlicher Weise das Volk selbst sich dabei betheiligt, dafür mochten wir unseren Lesern ein ebenso anmuthiges, als für unser Auge seltsames Beispiel zeigen. Wir lassen sie durch einen jungen Künstler, den Schleswiger Maler Heinrich Rasch in München, am Morgen des großen Madonnenfestes zu der Schiffer- und Fischerbevölkerung führen, welche auf den Inseln und an den Gestaden der venetianischen Lagunen lebt.

Die weite Wasserfläche, auf welcher, von der Höhe des Marcus-Thurmes aus betrachtet, Venedig zu schwimmen scheint, so lange die (ungefähr einen Meter hohe) Fluth herrscht, zeigt, sobald die Ebbe eintritt, ein anderes Bild des Strandsees, den die lange Inselkette des Lido vom Adriatischen Meere scheidet. Von der Landseite her treten dann weite Flächen des Sumpfbodens an das Licht, die zum Theil kahl, zum Theil mit üppiger Meeresvegetation bedeckt und wiederum von Wasserflächen und Fahrstraßen für die Schiffer und Fischer durchzogen sind. Der bilderreiche Volksmund bezeichnet diesen Theil der Lagunen als „den todten“ (Laguna morta), zum Unterschied von der Laguna viva, dem frischen Strandsee, der durch die fünf Wasserstraßen (Porti), welche ihn mit dem Meer verbinden, immer frischen Zufluß erhält. Das Wasser selbst ist natürlich eine Mischung von dem Süßwasser der Landzuflüsse und dem Seewasser, und daraus ist auf die Mannigfaltigkeit der Vegetation des Lagunenbodens und des Fischreichthums zu schließen.

Da besonders während der Fluth- oder zur Nachtzeit die Fahrt in den todten Lagunen gefahrbringend sein könnte durch die Sand- und die Schlammbänke, welche selbst die frische Lagune auf gewissen Strecken unsicher machen, so hat man die fahrbaren Wasserstraßen (Fondi, zum Theil wirkliche Canäle) durch Reihen von eingerammten Pfählen bezeichnet, die durch Form und Farbe sogar andeuten, ob sie vor unbewachsenen oder bewachsenen Untiefen warnen. Besonders ausgezeichnet sind auch die an der Kreuzung zweier Canäle stehenden, sowie die mit Laternen versehenen, welche Fari heißen.

Läßt diese sorgfältige Straßenordnung uns auf die Lebhaftigkeit des Verkehrs schließen, besonders wo durch sie die Verbindung volksreicher Orte vermittelt wird, so fällt es uns auch nicht mehr auf, daß sich hier auf dem Wasser wiederholt, was uns dort auf dem Lande so vielgestaltig vor Augen tritt: daß an den betretensten Straßen und Pfaden Capellen oder Bildstöcke angebracht sind, die den Wanderern oder den Arbeitern auf dem Felde die Gelegenheit bieten, ihre Andacht zu verrichten oder ihren besonderen Heiligen ihre besondere Verehrung zu erweisen. Auch an diesen Wasserstraßen erheben sich solche Bildstöcke. Auf eingerammten Pfählen steht das durch ein Dach geschützte Häuschen mit dem zu verehrenden Heiligen. Wer wird aber auf den Lagunen, die der Acker und der Garten der Schiffer und der Fischer sind, etwas Anderes suchen und verehren, als die höchste Heilige des Volkes, die Madonna, von welcher allein sie im ganzen Jahr glücklichen Fang und glückliche Fahrt erflehen? Und ihr Fest sollte nicht das herrlichste des ganzen Jahres sein?

Eine solche Feier beginnt vor unseren Augen. Schiffer und Fischer einer Ortschaft schmücken ihre Madonna für den großen Tag. Denn es giebt für jenes kindliche Volk keine allgemeine Madonna, sondern jeder Ort hat seine Madonna, die ihm hoch über allen anderen Madonnen steht. Ich wohnte einmal einem Madonnenfeste in Dolo, einem Städtchen an der Brenta und der alten Heerstraße von Mestre nach Padua, bei und erlebte es selbst, daß in einer Osterie die Bewohner verschiedener Ortschaften über den Werth ihrer Madonnen in Streit und hart an einander geriethen. Sie warfen gegenseitig ihren Madonnen sogar nicht gewöhnliche Uebelthaten vor, um die Ehre der eigenen Schutzheiligen um so höher zu erheben, und es würde zum Aeußersten gekommen sein, wenn nicht die (damals noch österreichischen) Gensdarmen Fäuste und Messer zurückgehalten hätten. Für die Ehre ihrer Madonna stehen Männer und Weiber in Flammen. Darum opfert das arme Volk auch das Möglichste an seinem Madonnenfeste.

Ja, arm sind sie, die Fischer und Schiffer der Lagunen, aber auch genügsam und ehrlich. Namentlich gilt dies von den Gondlern Venedigs, so offenkundig auch deren Beharrlichkeit in der Nachbitte um „noch eine Kleinigkeit“ bei jedem verabfolgten Trinkgelde ist. Ein solcher Mann könnte die größten Kostbarkeiten und Geldsummen in seiner Gondel finden, er würde sie nicht anrühren, sondern Anzeige von dem Funde machen, denn die Ehrlichkeit ist seines Standes höchste Ehre, wie groß auch die Armuth sein mag. Freilich sind auch ihre Ansprüche an die Genüsse des Lebens sehr gering. Sie bedürfen für sich und die Ihrigen fast nur einer Schlafstätte. Nicht selten sollen, namentlich in Chioggia, bis zu einem halben Dutzend Familien in einer Baracke oder in den unteren Räumen eines verfallenen Palastes beisammen wohnen, denn die eigentliche Heimath dieser Leute ist ihr Fahrzeug, ob Gondel, Arbeitsboot oder Schiff zum Fischfange. Einige Schnitte von gebackenem Kürbis mit ein paar Fischchen oder ein Teller voll Polenta sind Leckerbissen für sie und genügen für den ganzen Tag. Gilt es aber die Feier eines Festes ihrer Madonna, so wird das Beste von Kleidung und Schmuck angelegt, blüthenweiß ziert das Kopftuch die Frauen, Alles freut sich an den buntesten Farben. Und so geht’s zum Feste.

Vor Allem muß das Bild der Madonna geschmückt werden, und daran nimmt auch das nahe Kapuzinerkloster Theil. Wir sehen das Klosterboot mit dem weiß und roth gestreiften Baldachin, vor welchem der stattliche Mönch die Decorationsarbeit leitet. Kränze und Sträuße aus Sonnenblumen, Weinlaub, Schilf und Granatblüthen werden so reichlich als möglich angebracht, und wie vermag dieses arme Volk sich darüber zu freuen! Wie zeigt sich eine angeborene Anmuth in allen Bewegungen! Es ist wirklich ein Hochgenuß, einem solchen Volksfeste beizuwohnen, der Anblick bleibt erquickend, scheint es doch, als bemühe sich jede einzelne Person ganz besonders, das Bild des Ganzen so schön wie möglich zu gestalten.

Die Madonna prangt in ihrem Schmuck. Männer und Frauen, die am Bildstock beschäftigt waren, steigen in ihre Kähne und Boote, und schon hallt von allen Inseln und Ufern über die weite, stille Lagune der Glockenklang der Kirchen und Klöster. Und erschallen erst die Böllerschüsse, dann beginnt die Procession, das Schiff der Geistlichen mit dem Allerheiligsten voran und dahinter in bunter Reihe die Fahrzeuge des Volkes, alle ausgerüstet mit Fahnen und Standarten und mit reicher Blumenzier den Tag ehrend. Man kann anderer Glaubensrichtung sein, als die hier feiernde Schaar, aber unwillkürlich wird man zu dem Wunsche kommen: Möge die Madonna der Lagunen dem armen Volke allezeit Fang und Fahrt segnen!

Fr. Hfm.