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Das Buchstabirfieber

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: D.
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Titel: Das Buchstabirfieber
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 463–464
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[463] Das Buchstabirfieber. Gewiß eine der seltsamsten Vergnügungen, von echt amerikanischer Erfindung ist das Buchstabirfieber, wenn es, wie gegenwärtig, auf eine so übertriebene Weise in Anwendung gebracht wird.

Drama, Concert, Oper und alle sonstigen unter den Amerikanern fashionablen Vergnügungen sehen sich vernachlässigt, eben durch – das Buchstabirvergnügen. Aber worin besteht dasselbe? In nichts Anderem, [464] als im Wetteifer, verschiedene schwer auszusprechende und richtig orthographisch zu schreibende Wörter schnell und recht zu buchstabiren, während das Publicum sich über die Fehler und Böcke der Buchstabirenden köstlich amüsirt. An dieser Posse nehmen höhere und Subalternbeamte, Geistliche, Lehrer und Lehrerinnen, Journalisten, Schriftsetzer und Andere theil, bei deren Beruf die Orthographie etwas zu bedeuten hat.

Bei einem solchen Wettkampfe am Regierungssitze zu Washington, der unter dem pompösen Namen „National Spelling Match“ (Nationaler Buchstabir-Wettstreit) vor sich ging, präsidirte der Staatssecretär, und verschiedene höhere Beamte und Staatsmänner (?) fungirten als Beisitzer.

Da ward einer gewissen Miß das Wort „Alchymy“ aufgegeben zu buchstabiren. Sie buchstabirte „Alchemy“, und einer der Schiedsrichter entschied, daß dies nicht richtig sei. Die Buchstabirerin wurde aber von ihren Kolleginnen eifrigst aufgefordert, zu „apelliren“. Die beiden Autoritäten „Webster’s“ und Worcester’s“ (Wörterbücher) wurden nachgeschlagen, und beide entschieden für die Miß. Dann ging ein langer Streit zwischen einigen Herren über das Wörtchen c-y-s-t (Sackgeschwulst) vor sich, wobei es sich fragte, ob es so oder s-y-s-t buchstabirt werden müsse. Der Streit über diesen wichtigen Punkt war hitzig, doch endlich einigten sich die Kämpfer dahin, die Autoritäten entscheiden zu lassen. Als aus denselben aber sich ergab, daß sowohl Worcester, wie Webster die Leseart c-y-s-t hatte, da entstand im Publicum zu Gunsten des Siegers ein endloser Applaus.

Dann bekam eine Dame das Wort „Britannia“ zu buchstabieren. Sie that es mit zwei n und der Schiedsrichter meinte, ein n wäre zu viel. Die Buchstabirerin entschuldigte sich damit, daß Sie mit dem Worte das Metall, nicht das Land gemeint habe. Aber der ebenfalls bei dem Streite betheiligte Bibliothekar des Congresses meinte, daß beide Wörter gleich geschrieben würden. Unterdessen hatte Einer in den Webster geguckt, und zwei n gefunden, was unter dem Publicum eine große Sensation erregte, die bis auf’s Aeußerste stieg, als sich herausstellte, daß auch Worcester damit übereinstimmte. Einer der Herren gab dann einer schönen Dame das Wort „Papillote“ auf. Die Dame aber wußte gar nicht, was mit diesem Worte gemeint wäre, jedenfalls aber habe sie die Sache, die ihr erklärt wurde, nie unter dieser Benennung kennen gelernt. Der Aufgeber vertheidigte seine Aufgabe und meinte „er halte es für ein gutes Wort.“ Allein die Autoritäten wußten nichts von dessen Existenz. Die Dame lächelte ob ihres Sieges; ihr Gegner aber ließ sie nicht so leicht los und gab ihr auf „pannier“ (Brodkorb) zu buchstabiren, Wenn Sie könne. „Ja wohl, mein Herr,“ antwortete sie, buchstabirte p-a- doppel n-i-e-r. „Correct,“ entgegnete ihr Widerpart, und unter großem Applause kehrte die Siegerin zu ihrem Sitze zurück.

Später wetteiferten ein Schriftsetzer und ein Schulmädchen mit einander. „Immer heißer und heißer wurden sie; die Funken flogen von ihrem Stahle; beide waren würdige Kämpfer,“ schrieben die Berichterstatter. Ob ihm der Athem ausging, oder die glänzenden Augen seiner schönen Gegnerin ihn verwirrten, der Schriftsetzer scheiterte an dem verhängnißvollen Worte „meretricious“ (verführerisch), seiner Gegnerin mit dem Seufzer das Feld lassen: „Ich gehe unter, aber glückselig!“ Denn auf sein Ansuchen durfte er der Siegerin den Preis, eine goldene Medaille, überreichen.

Diese kleinen Proben mögen zur Charakterisirung des amerikanischen Vergnügens genügen. Vielleicht wirft der Umstand einiges Licht auf diese sonderbare Liebhaberei, daß das Buchstabiren besonders in den amerikanischen Schulen über alles Maß betrieben wird. Ja, ist die Schulzeit vorüber, so wird diese Beschäftigung auch noch privatim fortgesetzt. Der Amerikaner buchstabirt durch’s ganze Leben, und die Buchstabirfieber sind eben nur Massenentladungen dieser landläufigen Gewohnheit.
D.