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Das Bild ohne Gnade

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Textdaten
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Autor: Amélie Linz
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Titel: Das Bild ohne Gnade
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46–52, S. 739–744, 755–760, 771–774, 798–801, 815–818, 830–833, 849–851
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Bild ohne Gnade.

Erzählung von A. Godin.


1. In Zoppot.

Mein Arzt hatte gesprochen: „Müßiggang und ein mildes Ostseebad!“ Der Rath klang nicht unwillkommen, denn er kam, abgesehen vom Revolutionszustand der Nerven, um jene Zeit der Sommerhöhe, wo ungestillte Reiselust in allen Adern prickelt, und Staub und Schornsteinrauch der Städte den Drang, frischeren Athem zu schöpfen, bis zur fixen Idee steigern. Mancher durch früheren Besuch liebvertraute Badeort der pommerschen Küste winkte und grüßte, aber der Tropfen Zigeunerblut, der unserer ganzen Sippe eigen, forderte Neues. In meinem Gedächtniß stieg ein Name auf, den mir ein Freund genannt: Zoppot! und ich schlug in meinem Bädeker nach. Der treue Reisemarschall, welcher auf jede Frage eine Antwort hat, gab ein verführerisches Programm: Curhaus dicht am Meeresstrande, Aussichtspunkte in der Nähe, die sich ähnlich weder an Nord- noch Ostsee wiederfinden, schließlich das interessante Danzig vor der Thür. Dies gab den Ausschlag; ich hatte nicht allein längst gewünscht, die malerische alte Hansestadt kennen zu lernen, mir lebten dort auch Freunde, deren Nähe dem zweifelhaften Badeleben Reiz zu geben versprach. So wurden denn die Koffer gepackt, Wohnung im Curhause bestellt und die Fahrt nach der Ostsee frischen Muthes unternommen.

Ein heißer Augusttag führte mich dem letzten Ziele entgegen. Schon seit einer Woche herrschte versengende Hitze und hatte sich in den Waggons gleichsam zu einer compacten Masse zusammengeballt. Hügelige Getreidefluren, einförmige Waldstrecken, welche der Zug durchschnitt, boten wenig landschaftlichen Reiz. Ich gab darum leisem Kopfschmerz nach, hielt die Augen geschlossen und warf nur zuweilen aus meiner Ecke einen flüchtigen Blick auf mein Gegenüber, dem, nach häufigem Personenwechsel, zuletzt übrig gebliebenen Reisegefährten. Ein interessanter Kopf. Feine, durchgeistigte Züge, von blauen Augen befeuchtet, deren Blick selbst in der gleichgültigen Ruhe, womit sie über die Landschaft schweiften, tiefgründig blieb. So oft diese Augen mich streiften, sah ich unwillkürlich auf, doch verharrten wir Beide in Schweigen.

Als der Zug in Neustadt anhielt, eilte ein stattlicher Mann, die Reisetasche in der Hand, auf den Perron, blickte nach einem Platze suchend in die meist stark gefüllten Waggons, und stieg, nachdem schon zum dritten Male geläutet worden, eiligst in den unsrigen, wo er sich kaum zurecht gesetzt, als er mein Gegenüber mit lebhafter Ueberraschung begrüßte. „Tausend noch einmal, Wernick! Brav, daß Sie sich wieder einmal im Lande blicken lassen! Wohl nach Danzig unterwegs, wie?“

Der Angeredete nickte, indem er die dargereichte Hand schüttelte. „Nach langen Jahren!“ sagte er heiter. „Moritz Berg hat mich beredet, die Ferien mit ihm am Ostseestrande zu verleben. Wir treffen uns in Zoppot, und wollen es einmal mit dem dolce far niente versuchen. Wie wär’s, wenn Sie sich entschlössen, im Bunde der Dritte zu sein?“

„Schweigen Sie, Versucher! Ja, athmete ich, wie ihr glücklichen Beiden, Jahr aus, Jahr ein die belebende Luft der alma mater und dürfte mich dann monatelang in goldener Freiheit sonnen! Aber einem Kreisrichter im Kassubenlande wird es nicht so gut, um so weniger, wenn er zugleich ehrbarer Familienvater ist. Meine Ferien sind bereits eingeheimst; Frau und Kind sitzen noch beim Onkel in Langsuhr, wo ich jetzt einsprechen will, um mit nächstem Morgengrauen nach Elbing weiter zu fahren, wohin Frau Justitia mich ruft.“

So wenig das meist Persönliches berührende Gespräch der Freunde mich an sich berühren konnte, folgte ich demselben doch mit stillem Antheil, während ich discret die Augen geschlossen hielt. Es machte mir Freude zu erfahren, daß die Erscheinung, welche mich vom ersten Moment an sympathisch berührt, mir öfter begegnen sollte. Kaum jemals hatte mich ein Unbekannter so sehr angezogen. Sein angenehmes Organ, die freie Haltung, eine Beherrschung der Ausdrucksweise, die selbst unbedeutenden Aeußerungen Reiz verlieh, vereinten sich dem harmonischen Eindruck, welchen Gestalt und Züge hervorgerufen.

„Thalatta – – das wogende Meer!“

Das Wort ließ mich plötzlich die Augen öffnen. Zur Linken schimmerte die Ostsee; ihr Blau ging in das des verdämmernden Himmels über. Mein Herz begann rascher zu schlagen. Erinnerungen stiegen auf.

Der Zug hielt an, und der Conducteur rief in die Waggons:

„Zoppot!“

„Auf Wiedersehen also! ich rechne auf Ihre Zusage für den Rückweg,“ sagte der Kreisrichter, indem er Wernick die Hand bot. Dieser schüttelte lächelnd den Kopf: „Wir bleiben noch beisammen. Ich fahre vorerst nach Danzig, meinen Bruder zu besuchen und Holm zu sehen.“

„Welchen Holm?“

„Und das fragen Sie? Wer von uns könnte der Berliner Zeiten denken und unseres Künstlers vergessen!“

„Oho! Richard Holm! natürlich. – Der also lebt jetzt in Danzig? Von ihm gehört habe ich öfters, wer kann aber wissen, wo solcher Zugvogel nistet! Seine Bilder sind mir begegnet, er selbst nicht mehr.“

[740] „Wir trafen uns wiederholt. Am Rhein, in Paris und Italien. Jetzt hat er seit einem Jahre etwa sein Zelt in Danzig aufgeschlagen, und ich freue mich darauf, ihn und seine liebenswürdige Frau wiederzusehen.“ –

Ich lächelte still vor mich hin. Ja, diese Begegnung war mir vom Geschick ganz entschieden zugedacht. Der Fäden, welche an die bis jetzt noch stumme Bekanntschaft knüpften, wurden immer mehr. Nun liefen sie schon am gleichen Ziele zusammen und verhießen, bald einen leichten Knoten zu schürzen. Um Holms zu sehen, war auch ich an Zoppot vorübergefahren; diese liebenswürdigen Menschen lockten mich vornehmlich nach Ostpreußen. Wir hatten uns ein paar Jahre vorher am Bodensee kennen gelernt, wochenlang die gleiche Pension bewohnt und seitdem eine rege Correspondenz unterhalten. Jene stille Heiterkeit ergriff mich, welche ein freundlicher Zufall immer, besonders aber auf der Reise, weckt, wo der Sinn für jede Gabe erschlossen ist. Als der Kreisrichter ausstieg, nickte ich ihm schon im Geiste zu, als gehörte er zu mir, gab der leisen Versuchung, mit meinem interessanten Studienkopfe ein Gespräch anzuknüpfen, nicht einmal nach, als er selbst dazu Gelegenheit bot, und harrte still vergnügt den kommenden Dingen entgegen.

Holms warteten am Bahnhofe und nahmen mich in Empfang, als käme ihnen das große Loos in’s Haus. Das liebe Gesicht der jungen Frau leuchtete von Innigkeit; des Freundes warmer Händedruck sprach Willkommen. Willkommen sein: welche Erquickung gießt das aus, wenn es wie ein Strom aus lieben Augen bricht! Ich vergaß in diesem Momente ganz und gar, daß außer meinen Freunden noch Andere auf der Welt waren, und erst ein überraschter Ausruf Holm’s erinnerte mich wieder an meinen Reisegefährten, der ein paar Schritte zurückstand, uns beobachtete und, nun er seinen Namen rufen hörte, näher trat, um seinerseits freudigste Begrüßung in Empfang zu nehmen. Rasche Worte wurden getauscht, Abrede auf den nächsten Abend getroffen; dann galt es, für das Gepäck zu sorgen. Nach wenigen Minuten fand ich mich in eine Droschke gepackt und fuhr mit Holms ihrem gastlichen Hause entgegen.

Es lebte sich gut im Künstlerdaheim. Wie der Flaum auf einer Frucht lag ein leiser Hauch von Schönheit über Allem, was uns umgab. War es nun eigener Kunstsinn, oder hatte Liebe sie belehrt – Frida Holm verstand sich darauf, dem feinen Auge ihres Gatten nur Anmuthiges zu bieten, wohin er es auch in seiner Häuslichkeit richten mochte. Sie selbst eine jener Erscheinungen, die durch siegende Anmuth jede Stelle, die sie einnehmen, gleichsam erhellen, und durch den heimlichen Cultus, welchen sie unablässig dem Manne ihrer Liebe widmete, über allem Irdischen schwebend, während doch die leichte Hand recht wohl verstand, ihren weiblich schaffenden Aufgaben gerecht zu werden. Freilich konnte es nicht schwer fallen, diesen Mann als Idol zu hegen. Hier war nichts von jenen Grillen und Launen, die so oft die Kehrseite bedeutender Gaben bilden; eine reiche, schöpferische Heiterkeit belebte den Künstler wie den Menschen, und derselbe Sonnenstrahl, der jedes seiner Werke zu einer Wonne für das Auge machte, verklärte auch das Zusammenleben mit ihm selbst.

Schon begannen die Abende sich zu kürzen. Auf die heiße Sonnengluth, die mich hierher geleitet, folgte eine Gewitternacht und ein rauher, stürmischer Tag. Der Regen schlug gegen die Scheiben. Die Lampe war früh entzündet worden, und wir Viere saßen in lebhaftem Gespräch um den kleinen runden Tisch, der zwischen einem epheubezogenen Fenster und der tiefen Zimmerecke den behaglichsten Platz füllte. Professor Wernick hatte sich zeitig eingefunden, und die Stunden flogen im Austausch vielfältiger Erlebnisse dahin. Es war schon spät, als ein Rückblick auf gemeinschaftliche Reisezeit Holm veranlaßte, ein paar Skizzenbücher herbeizuholen und zwischen den Blättern eines hervorzusuchen, worüber er eben mit dem Professor gesprochen. Ich durchblätterte inzwischen die Hefte, als ein flüchtig skizzirter Kopf mich plötzlich durch seine frappante Aehnlichkeit zu dem Ausrufe hinriß: „Das Bild ohne Gnaden!“

Beide Männer blickten mir gleichzeitig über die Schultern. Holm legte seine Hand auf das Blatt und sagte lebhaft: „Sie kennen das Original?“

„Ja. Das heißt, eigentlich nur durch Ruf und von Ansehen,“ erwiderte ich, etwas erstaunt über den dringenden Ton der Frage.

„Sie haben es eben seltsam bezeichnet,“ fuhr Holm mit demselben gespannten Blick fort, „ein Bild ohne Gnade? Was heißt das? Warum nennen Sie das schöne Mädchen so?“

„Nicht meine Erfindung! Es war der Name, der Fräulein Rostau von der jungen Herrenwelt in Wien gegeben wurde, wo ich sie im vorigen Winter öfters in Gesellschaft traf, und welcher, der Originalität wegen, zum geflügelten Worte ward, das schließlich Jeder adoptirte. Sie kennen wohl kaum den Ursprung dieser in Süddeutschland landläufigen Bezeichnung? Er führt auf die Marienbilder zurück, die an Wallfahrtsorten dem Betenden zulächeln, wenn ihnen Erhörung beschieden ist, im entgegengesetzten Falle aber ein stummes ‚Bild ohne Gnade‘ bleiben.“

„Und das war hier charakteristisch?“

„Fräulein Rostau galt als unnahbar. Zum Ersatz erzählte man sich von ihr allerlei Romantisches.“

„Nun?“

„Was ich berichten kann, ist nur wenig, und für dieses Wenige übernehme ich keine Verantwortung. Das junge Mädchen nahm eine eigenthümliche Stellung ein; dies ruft stets vage Gerüchte in’s Leben. Sie trat in Wien als vollberechtigtes Mitglied der Familie des Grafen Mattern auf, während man erfuhr, daß sie derselben keineswegs verwandt sei. Es hieß, sie sei ein Findelkind. Genaueres wußte Niemand. Vor einigen Jahren soll sie mit einem Verwandten des Hauses verlobt gewesen, das Bündnis aber durch den Tod des Bräutigams gelöst worden sein. Einzelne, die ihr früher begegnet, datiren die starre Kälte, welche sie zeigt, und die an einem so jungen, schönen Geschöpf geradezu unnatürlich erscheint, von diesem Verluste her.“

„Dies interessirt mich sehr,“ sagte Holm lebhaft. „Seit langer Zeit hat mir Nichts so viel zu schaffen gemacht, wie dieses Mädchen. Graf Mattern ist seit ein paar Monaten mit seiner Familie in Zoppot. Wir treffen uns öfters; er besucht mich zuweilen und wünschte seine Kinder und Thea Rostau von mir gemalt. Die beiden Kleinen gaben ein hübsches Bild; dem Mädchen aber gehe ich nun schon wochenlang nach, kann nicht anfangen sie zu malen, und kann auch nichts Anderes thun – so sehr verfolgt mich das Gesicht.“

„Und weshalb beginnen Sie nicht?“

„Weil ich sie erst gesehen haben muß. Weil mich erst einmal aus diesen Augen der Blitz anleuchten muß, der darin jetzt wie festgefroren ist. Diese Statue mag ich nicht malen, und beseelt sie sich nicht vor mir, sei es auch nur für einen Moment, dann rühre ich nicht daran. Eine Medusa geben, wo ich gewiß weiß, ein in aller Schönheit des Weibes glühendes Wesen vor mir zu haben – nein! Ich schleiche ihr nach, als hätte ich mein Herz an sie verloren, und warte. Was Sie mir eben erzählt, ist Etwas – solche Vergangenheit! Ein Findling aber ist sie nicht, sondern ein Danziger Kind aus gutem Hause, so viel ich gehört. Das müßten Sie ja wissen, Wernick. Sie sind ja auch hier daheim!“

Ich wandte den Kopf und sah mit Holm zugleich fragend nach dem Professor hin. Er schwieg einen Moment. Die tiefe Blässe, welche sein Gesicht bedeckte, fiel mir auf. Doch hob er sogleich das Auge von dem Bilde empor, auf dem es geruht, und sagte, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte, im gelassensten Ton:

„Allerdings kann ich Ihnen über Fräulein Rostan’s Familie Auskunft geben. Ihr Vater war Regierungsrath in Danzig, lebt aber nicht mehr. Eine kinderreiche Familie. Dora, für die Sie sich interessiren, das älteste Kind –“

„Das trifft nicht zu,“ warf Holm ein. Mein Original heißt Thea, und ich hatte von vornherein meine Freude an dem Namen, denn einer Theerose gleicht dieses Gesicht mit der durchsichtig klaren, kaum angehauchten Färbung, rein und kühl, vornehm vor Allem und von so leisem Duft, daß man jedenfalls sehr nahe stehen muß, um ihn zu gewinnen.“

„Ihr Name ist Theodora,“ sagte Wernick ruhig; „daraus ist wohl jetzt Thea geworden; als Kind wurde sie Dora gerufen. Eine Jugendfreundin ihrer Mutter faßte bei Anlaß ihrer Durchreise den Gedanken, das kleine Mädchen zu adoptiren, und die Eltern willigten ein. So kam sie in das gräfliche Haus, dem sie noch angehört.“

[741] Und wissen Sie Näheres über jene Verlobungsgeschichte?“

„Nein,“ sagte der Professor, indem er einen Blick auf seine Uhr warf und sich erhob. Während er sich von unserer Wirthin verabschiedete, prüfte ich verstohlen sein Gesicht. Es war nicht mehr so tief blaß, wie vor einem Augenblick, und das dunkelblaue Auge blickte mit der klaren Ruhe, die dem ganzen Antlitz solch edlen Ausdruck gab; die Lippen aber preßten sich leise zusammen, sobald sie schwiegen.

Und ich las von diesem stummen Munde die stumme Geschichte einer nicht überwundenen Vergangenheit. Doch hatte offenbar nur ich allein diesen Eindruck empfangen, denn als Wernick gegangen war, fuhr Holm fort, mich nach Allem auszufragen, was ich von Fräulein Rostau gesehen oder gehört, ohne nur mit dem leisesten Ton den Zusammenhang mit seinem Freunde zu berühren.



Acht Tage meines Badelebens waren bereits in heiterster Weise verstrichen. Sogar das winzige Stübchen, in welchem ich Abends mein Haupt zur Ruhe niederlegte, war mir lieb geworden, denn es mündete auf einen großen Balcon, von dem aus das Meer zu schauen war. Wie herzerfrischend war es, alltäglich durch den Sonnenstrahl geweckt zu werden, der sich zwischen den dunklen Gardinen hin auf das Kissen stahl, noch halb im Traum das leise Rauschen der See zu hören, und dann Herz und Auge in der glorreichen Schönheit des Morgens zu baden! Der tiefen Stille erster Frühe folgte bald reges Leben. Zuerst die noch halb verschlafenen Kellner, um diese Zeit weniger erhaben blickend als gewöhnlich, während sie Ordnung auf Tischen, Bänken und Wegen schafften. Dann tauchten zwischen den Bäumen einzelne Gäste des Curhauses aus, ihr Badebündel unter dem Arme der See zuwandernd oder sehnsuchtsvoll nach Kaffee rufend. Die Tische der Veranda füllten sich nach und nach. Oben auf luftigem Balcon tranken einsame Damen vor der Glasthür ihrer Kabine den von der flinken Bertha credenzten Mocca und stellten stillschweigende Beobachtungen an, die später gelegentlich laut wurden. Gegen neun Uhr erschienen die Externen. Vermummte Gestalten wanderten dem Hause für warme Bäder zu. Besuche aus der Nord-, Süd- und Seestraße fanden sich ein, um zu plaudern, den Musiksaal für ein paar Stunden zu benutzen oder gemeinsam eine Lectüre zu naschen. Wer klug war, wählte hierzu die frühen Stunden; sonst gesellte sich den Klängen Beethoven’scher Sonaten oder den idealen Gestalten des modernen Dichters eine allzu lebhafte Begleitung. Punkt elf Uhr fand sich unter den Fenstern des Musikzimmers ein Plauder-Collegium zusammen, unter dessen kräftigen Organen und homerischem Gelächter jeder fremde Ton begraben wurde, wie ein Veilchen, über das ein Katarakt stürzt.

Es fehlte nicht an belebenden Elementen aller Art; Städter und Gutsbesitzer, Officiere, Gelehrte und Rentner hatten sich in bunter Anzahl eingefunden. An jungen Mädchen war kein Mangel; einzelne schöne Frauen entzückten das Auge. Nur die jüngere Herrenwelt war spärlich vertreten, wenn nicht zuweilen Concert oder Ball die jeunesse dorée Danzigs hinüberlockte. Die Bewohner des Curhauses fanden sich an der Tafel zusammen; die der Privathäuser und Villas wählten gern den Curgarten zum Rendezvous. Dort wurde ich während der ersten Tage meiner Anwesenheit durch Holm, der wöchentlich ein paar Mal nach Zoppot kam, mit der Mattern’schen Familie bekannt gemacht. Obgleich der Graf ein interessanter Mann und seine weit jüngere Frau eine hübsche Erscheinung war, richtete sich, so oft wir zusammen waren, meine Aufmerksamkeit im Stillen einzig auf die Pflegetochter des Hauses. Thea’s Schönheit hatte, seit ich ihr zuerst begegnet, noch gewonnen. Nie wieder traf ich bei dunkelm Haar solche durchsichtige Frische und Zartheit des Teints.

So sehr mich das reizende Mädchen anzog, so wenig gelang es mir, ihr auch nur das leiseste Zeichen von persönlichem Antheil abzugewinnen, obgleich wir manche Stunde im anregendsten Gespräch zubrachten und ich Alles einsetzte, was mir je ein Menschenherz gewonnen. Thea war nicht lebhaft, aber sie konnte es werden, in hohem Grade sogar, sobald irgend ein geistiges oder künstlerisches Gebiet durchschweift wurde. Bei jedem Hinlenken auf Persönliches, bei jeder noch so leisen Berührung der Regionen, die unseren innersten Menschen ausmachen, fiel es über sie hin, wie ein kalter Schleier. Sie war dann ganz und gar das Bild ohne Gnade.

Ein großes Zauberfest sollte im Curhause stattfinden, Doppelconcert, bengalische Beleuchtung und Tanz im großen Saale. Ich hatte beschlossen, mir all die Herrlichkeit aus der Vogelperspective meines Balcons anzuschauen; das unverhoffte Eintreffen des Holm’schen Ehepaares lockte mich aber doch in den fahnengeschmückten Garten hinunter. Ich lebte das ganze Programm mit durch. Ich frug nach Wernick, der mir in Zoppot noch nicht zu Gesicht gekommen war, und erfuhr, daß er des verzögerten Eintreffens seines Kollegen halber noch in Danzig verweilte. Er war im Holm’schen Hause ein täglicher und gern gesehener Gast; der Künstler rühmte mit Enthusiasmus sein harmonisches Wesen, die bedeutende geistige Reife, welche er erreicht, und weckte in mir den Wunsch von Neuem, diesen hochstehenden Charakter selbst näher prüfen zu dürfen.

Concert und Raketen hatten sich ausgetönt; schon klangen aus dem Tanzsaale die Weisen moderner Walzer herüber. Die Nacht war köstlich warm, und ich hatte wenig Lust, Holm in den Saal zu folgen, wozu er seine Frau und mich lebhaft beredete. Daß ihn selbst nichts dahin zog als das Verlangen, Thea zu beobachten, die er den ganzen Nachmittag nicht aus den Augen gelassen, räumte er gern ein. Trotz seiner Offenheit schien es mir fast, als unterläge seine Frau einem momentanen Gefühle leiser Eifersucht, denn ich sah über das liebe Gesicht etwas wie einen Schatten gehen, als ich den Freund drängte, doch nur seinem Modelle zu folgen und uns die weiche Sommernacht zu gönnen. Dies bestimmte mich zur Aenderung der eben geäußerten Ansicht; ich erklärte mich scherzend bereit, mit unserm Künstler nach einem Gnadenschimmer zu spähen, und so schoben wir uns denn alle Drei in den menschengefüllten, trotz der geöffneten Fenster dumpfen Saal. Von einem Sitzplätzchen keine Rede; wir drückten uns in einen Winkel, dem Eingange gegenüber, und schauten dem Wirbel zu.

Thea war wunderschön; sie trug Weiß wie gewöhnlich, nichts im Haare, nur eine dunkelrothe Rose mit einigen Knospen an der Brust. Dieser eine feurig glühende Punkt an der ganzen wie in eine Duftwolle gehüllten schneeweißen, schneekühlen Gestalt erschien mir, während sie so dahintanzte, wie jener magische Karfunkel, von dem ein altes Märchen erzählt, daß er dem Besitzer Macht über alle Geister verleiht.

Eben war eine Pause. Ich blickte gleichgültig in das Gewühl, als ich zu meiner Ueberraschung Wernick eintreten und neben der Thür stehen bleiben sah. In demselben Moment preßte sich Holm’s Hand auf meinen Arm; mit leisem Tone rief er frohlockend: „Gefunden!“

Ich folgte der Richtung seines Blicks, der fest auf Thea geheftet war. Sie stand etwas isolirt; ihre herrliche Gestalt war von unserm Standpunkte aus voll zu überschauen. Etwas vorwärts geneigt, in der Haltung einer schreitenden Statue, war sie auch statuengleich unbeweglich. Zu ihrem der Thür zugewendeten Auge leuchtete eine Flamme, die unwiderstehlich siegend hervorbrach; über dem ganzen Antlitze lag Rosenschimmer, der es verklärte, wie der Abendschein den Schneegipfel der Alpen verklärt. Aber auch wie der rosige Hauch von der Alpe plötzlich entweicht, so wich in Thea’s Gesicht im nächsten Moment die verklärende Gluth tiefster Blässe.

Unwillkürlich flog mein Auge auf Wernick zurück. Er stand noch an der vorigen Stelle, den Blick fest auf das schöne Gesicht gerichtet, das sich unter diesem Blicke wie in Stein verwandelte. Holm’s Wort fiel mir auf's Herz: „Ich will keine Medusa malen –“, doch blieb mir keine Zeit, Betrachtungen nachzuhängen. Wernick wandte sich in der nächsten Secunde ab, ließ sein Auge durch den Saal schweifen und war bald an unserer Seite, um sich mir als Haus- und Tischgenosse für die nächsten Wochen vorzustellen. Er erwartete seinen Kollegen am folgenden Tage, war seines Quartieres wegen vorausgegangen und gab sich während der nächsten Stunden so unbefangen, daß ich beinahe irre an meinen Voraussetzungen geworden wäre. Denn selbst die Probe einer Begegnung der beiden Menschen, die mich mit einem fast leidenschaftlichen Interesse erfüllten, trat noch heute als Zeuge gegen die ergriffene Auffassung heran. Graf Mattern begrüßte uns, Thea am Arme, als Holms eben im Begriffe waren, sich für den letzten Zug nach dem Bahnhofe zu begeben. [742] Holm stellte Wernick vor, der, nachdem der Graf einige Worte mit ihm gewechselt, Thea als Landsmännin ansprach und sich im unbefangensten Tone nach dem Ergehen ihrer Familie erkundigte.

Wochen vergingen, ohne der Vision, an welcher ich trotzdem ebenso stillschweigend als hartnäckig festhielt, irgend eine Bestätigung zu bringen. Das gesellige Leben der Kreise, die sich zusammengefunden, ging seinen Gang. Matterns, mit denen ich viel verkehrte, unternahmen häufig Ausflüge, wozu der Graf sowohl Wernick, als dessen bald nach ihm eingetroffenen Gefährten, den Professor Berg, aufzufordern pflegte. Wenn auch nicht immer, wurde solche Aufforderung doch meist angenommen. Um so mehr fiel es mir auf, daß sich nicht allein Wernick die beiden Male, wo wir die lohnendste aller von Zoppot aus erreichbaren Partien nach dem Vorgebirge Adlershorst unternahmen, hiervon losmachte sondern auch Thea im letzten Moment jedesmal Vorwände fand, zurückzubleiben.

An einem köstlich frischen, sonnenheiteren Tage fand ein Massenausflug nach Oliva statt, für welchen das Vergnügungscomité ein vollständiges Programm aufgestellt hatte; Alt und Jung nahm Antheil, und so wenig Derartiges nach meinem persönlichen Geschmack, mochte ich mich nicht ausschließen. Der Kaffee war bei Thierfeldt eingenommen, der Karlsberg erstiegen; selbst die weitberühmte Orgel der alten Klosterkirche mußte wißbegierigen Ohren ihren Tribut zahlen, dann ergoß sich der Strom der Gäste gegen Sonnenuntergang über den Park, wo all die bunten Gestalten mit ihrem Geplauder und fröhlichem Lachen mehr zwischen die hohen geschorenen Hecken paßten, die, noch in der Manier Lenôtre’s angelegt und erhalten, aus ihrem Dunkel auf das lichte Meer blicken lassen, als unter die herrlichen, schweigenden Baumgruppen und die geheimnißvoll rauschenden Cascaden.

Der jüngere Theil der Gesellschaft eilte dem Karpfenteiche zu, und bewegte das Glöckchen, um die alten, bemoosten Häupter zu füttern. Während dieser Act vor sich ging, machte einer der Herren den Vorschlag, die ganze Gesellschaft, Herren und Damen, durch Loose in Paare zu theilen, welche der nahen Flüstergrotte anvertrauen sollten, was sie sich etwa zu sagen hätten. Der muthwillige Gedanke ward mit Applaus angenommen und Alt und Jung zusammengeläutet. Aus den Blättern eines Notizbuches wurden rasch numerirte Loose geschaffen und feierlich durcheinandergeschüttelt. Die Damen mußten auf Verlangen des Ordners auf der einen Seite des Weges, die Herren auf der anderen Spalier bilden, bis sich durch Aufruf der übereinstimmenden Nummern die Paare zusammengefunden. Unter all dem Geschwirr, Gelächter und Durcheinander, welches dieser Einfall hervorgerufen, achtete ich, in ein Gespräch mit Berg vertieft, kaum auf das Resultat der Ziehung, wurde aber plötzlich für das Unternehmen interessirt, als ich, während sich die Reihe ordnete, Wernick an Thea’s Seite erblickte.

Die Procession zog der Flüstergrotte zu, einer jener Spielereien der Zopfzeit, worauf damals so hoher Werth gelegt wurde. Zwei rechts und links vom Wege angelegte Grotten haben so eigenthümliche Akustik, daß der Gegenüberstehende das leiseste Wort seines Partners in der zweiten Höhle versteht, während man auf der Mitte des Weges zwischen Beiden nicht einen Hauch vernimmt.

Mit einer Erregung, die ich selbst belächelte, stand ich an einen Baumstamm gelehnt, und sah Paar um Paar lachend aus- und einwandern. Als die Reihe an Thea kam, zögerte sie eine Secunde auf dem Wege, während Wernick, nachdem er mit stummer Verbeugung ihren Arm auf dem seinigen hatte gleiten lassen, bereits in die Höhle zur Linken getreten war. Als Thea sich der Grotte rechts zuwandte, in deren Nähe ich meinen Standpunkt genommen, sah ich im Moment ihres Verschwindens, daß dunkle Gluth ihr Wangen und Nacken übergoß. Ein paar Minuten vergingen. Sie erschienen mir von ungemeiner Dauer auch die eifrig plaudernden Pärchen, welche den Weg füllten, scherzten über das lange Beichtgeheimnis. Als Wernick hervortrat, stand sein Nachfolger schon ungeduldig bereit und warf ihm ein neckendes Wort zu, das in gleichem Tone erwidert wurde Nur einem scharf beobachtenden Auge konnte es deutlich werden daß der Professor stark erregt war; ich kannte dieses Gesicht schon gut genug, um Mund und Auge zu verstehen. Während ich noch zu ihm hinübersah, schritt Thea an mir vorüber – ein Bild ohne Gnade.

Ich würde viel darum gegeben haben, der Flüstergrotte, in welche ich bald nachher selbst eintrat, ihr Geheimniß abfragen zu können. Während das unerschöpfliche Frage- und Antwortspiel noch immer im besten Gange war, suchte ich mir eine einsame Bank; das Geschwirr und Gelächter um mich her begann mich ebenso zu ermüden, wie die lauten Exclamationen einzelner Enthusiasten, die ihrer Bewunderung der schönen Natur in wahrhaft lähmender Weise Luft machten. Schon war die Sonne gesunken, als ich mich auf den Weg machte, die zerstreute Gesellschaft wieder aufzusuchen. Zu meiner höchsten Ueberraschung kam mir in einem der verlassenen Laubgänge Professor Wernick entgegen, der Thea am Arme führte. Sobald wir zusammentrafen, gab er ihren Arm frei, küßte ihre Hand und zog sich mit stummer Verbeugung gegen mich zurück. Auch das schöne Mädchen verharrte, nach einer kurzen, zerstreuten Bemerkung gegen mich in Schweigen, während wir den allgemeinen Sammelplatz aufsuchten.

Wernick kam diesen Abend nicht mehr zum Vorschein.



Der Tag meines Scheidens nahte, und der Gedanke daran fiel mir schwerer, als der Vielgewanderten selbst erklärlich erschien. Stunden und Wochen waren verstrichen, wie auf den glückseligen Inseln, jede Sorge, jede Schwere des Lebens draußen geblieben. Ein traumhaftes Jugendgefühl überkam mich, wie das Echo längst verklungener Zeiten. Alles schien mit rosigem Schimmer überhaucht und verklärt zu sein. Und nun hieß es, den Bündel schnüren und zurück in die Alltagswelt. Viel Freundliches ward der Scheidenden noch dargeboten, als Wegzehrung gleichsam für die Erinnerung; geselliges Zusammensein, Partien aller Art füllten die letzte Woche. An dem Nachmittage, der meiner Abreise voranging, entschlüpfte ich aber jedem Auge, um noch einmal nach dem Parke von Oliva zu pilgern, wo mir die erhoffte Stille auch ward. Eine Festlichkeit auf der Westernplatte zu Neufahrwasser hatte alle Welt dorthin gelockt, und der sonst vielbesuchte Fürstengarten war einsam wie ein Kloster. Mit stillem Genießen durchwanderte ich die sonnendurchleuchteten Gänge und wandte mich endlich, um zu rasten, einem Platze zu, den ich bisher zu meinem Verdruß stets mit Menschen besetzt gefunden, jetzt aber endlich in Einsamkeit zu genießen hoffte.

Zu meiner unerfreulichen Ueberraschung sah ich aber schon von fern, daß die Bank am Teiche auch heute nicht leer war. Eine dicht in einen faltenreichen Shawl gehüllte Gestalt saß dort in so regungsloser Haltung, daß ich auf den Gedanken kam, sie möchte dem träumerischen Wasser gegenüber eingeschlummert sein.

Als ich mich näherte, erkannte ich Thea. Sie regte sich nicht, sondern richtete nur langsam die Augen auf mich und grüßte mit den Wimpern, während ich mich neben sie setzte. Erst jetzt sah ich, daß Thränen, die sie nicht zu fühlen schien, über ihre Wangen rollten. In vorgebeugter Haltung saß sie da, die Lippen leise geöffnet, als spräche sie mit Unsichtbarem. Nach dem ersten Blicke auf sie wandte ich mein Auge von ihr ab. Wir schwiegen Beide, und Schweigen ringsum hielt fast den Herzschlag in Bann. Klar wie ein Kinderauge, in dem Welt und Himmel sich spiegelt, lag vor uns der Teich, von Schilfpflanzen besäumt, die gleichsam seine Grenze gegen die ganze Schöpfung bildeten. Zur Rechten neigte eine uralte Linde ihr breitästiges Gezweige so tief hinab, daß die Blätter mit ihren letzten Spitzen im Wasser verschwanden. Links zitterte die Silberpappel und schimmerte wie Mondlicht beim leisesten Lufthauche. Nichts war zu hören als schwaches, fernes Rauschen der dem Auge verborgenen Wasserfälle, nichts zu schauen als das im Sommerwinde schwankende Laub. Auf der kleinen, links hereinragenden Bucht neigte sich das Schilf; das Wasser schuf sich Kreise, die, eng oder weit, immer gleiche Ringe schlossen; die Sonne legte eine schmale goldene Brücke darüber, und Eintagsfliegen taumelten darüber hin.

Friede ergriff mich. Jede Sehnsucht schien sich mir durch sich selbst zu beantworten. Ich wandte mich Thea zu, diesen Gedanken auf den Lippen. Aber das Wort stockte mir, als ich ihr in’s Gesicht sah. Die schönen, sonst so plastisch ruhigen Züge trugen den Ausdruck unsäglicher Qual. Lebhaft bewegt, schloß ich ihre Hand in die meine; sie war kalt wie Eis. Ein Bangen erfaßte mich, als hätte ich mein eigenes [744] Kind neben mir und sollte es vor meinen Augen sterben sehen. Dem tiefsten Impulse folgend, legte ich meinen Arm um sie und sagte stehend:

„Kann Vertrauen Ihnen helfen, Thea?“

Sie sah mich an. Nie wieder bin ich solchem Blicke begegnet. Mystisch und düster wie der Sonnenstrahl, der durch Gewitterwolken bricht, sprach das Auge noch vor der Lippe sein hoffnungsloses Wort:

„Mir kann nichts – Niemand helfen.“

„Wohl,“ sagte ich, indem ich ihre widerstrebende Hand losließ; „unsere dunkelsten Stunden müssen wir Alle in Einsamkeit bestehen, aber glauben Sie mir, wer selbst durch die Nacht gegangen, weiß auch, welcher Weg wieder zum Lichte führt.“

Sie senkte das Haupt tief hinab.

„Zum Lichte?“ sagte sie. „Ja, Der vielleicht, dem sein Liebstes gestorben. Der gewiß, der mit dem eigenen starken Herzen alle Bitterkeiten gekostet, die Untreue und Wankelmuth ihm gereicht. Zum Lichte gehen sie Alle, Alle, sobald sie ihr Stück Nacht überwältigt. Aber vor Sehnsucht sterben und doch mit den weitgeöffneten Armen nichts weiter umschließen dürfen als sich selbst – in Reue vergehen, und als Buße nichts Anderes opfern können als zugleich mit dem eigenen das fremde, theuerste Glück – das ist ewiges Dunkel.“

„Durch jedes Dunkel giebt es einen Weg,“ erwiderte ich ernst; „wer Muth hat, findet ihn. Reue und Buße! Wo sie vernichten, erkenne ich sie nicht an. Ein einziger Entschluß füllt den tiefsten Riß aus, als wäre er nie gewesen. Das gilt für uns selbst! Gilt es fremden Glück, dann wird solches Anklammern an Vergangenes zur neuen Schuld, zur größeren – denn nur Egoismus hat sie dictirt.“

Thea sah mich starr an. Tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht. Ich brach ab, denn ich empfand, daß es nichts mehr zu sagen gab. Nach einigen Minuten erhob ich mich, um zu gehen. Sie hielt mich nicht zurück und machte weder Miene, ihren Platz zu verlassen, noch schien sie meinen Abschiedsgruß zu beachten. Kaum hatte ich mich aber wenige Schritte entfernt, als ich plötzlich eine heiße Wange dicht an der meinigen fühlte. Thea’s Lippen berührten flüchtig meine Augen; sie zog meine Hände gegen ihre Brust und sagte tiefathmend:

„Dank! – Das war eine Offenbarung! Vielleicht – – vielleicht!“

Ihr Auge leuchtete in so wunderbarem Glanze, daß ihre Schönheit mich in diesem Augenblicke ganz überwältigte. Während ich sie noch sprachlos anblickte, nickte sie mir zu, löste sich mit leiser, unwiderstehlicher Bewegung und verschwand zwischen den Bäumen.

Ich sah sie diesen Abend nicht mehr, auch fehlte sie am nächsten Morgen unter dem Geleite der Freunde, die mich zum Bahnhof brachten. Doch trug ich einen stummen Gruß von ihr mit in die Ferne – eine prachtvolle Theerose, die sie mir in aller Frühe gesandt.

[755]
2. Dora.

In die Heimath zurückgekehrt, fand sich viel Arbeit des Lebens vor, die mich nach verschiedener Richtung hin in Anspruch nahm; doch kehrte der Gedanke oft genug und mit mancher stillen Frage zur jüngsten Vergangenheit zurück. Holms schrieben von Zeit zu Zeit. Ihre Briefe lösten aber das Räthsel, welches mir dort entgegengetreten, in keiner Weise. Wenige Tage nach meiner Abreise hatten auch Matterns Zoppot verlassen, und Wernick hatte ungefähr um die gleiche Zeit mit Berg die Weiterreise nach Stralsund und Rügen unternommen, von wo aus Beide an ihre Berufsorte zurückkehren wollten.

Ein Jahr verging und darüber. Die Gestalten, deren Geschicke mich so lebhaft beschäftigt, lebten in meinen Gedanken fort, ohne jedoch durch irgend einen Ton in Gegenwart oder Zukunft hineinzuklingen, als mir eines Tages ein von fremder Hand adressirtes Paket zuging. Der erste Blick auf das Briefblatt, welches obenauf lag, ergriff mich tief. Thea’s Geschick hatte sich erfüllt.

Die einzelnen Töne, welche mir aus den zahlreichen Briefen und Tagebuchblättern, welche das Päckchen umschloß, entgegenklangen, gestalteten sich zum vollen Accord eines Lebensschicksals, dessen seltsamen, jetzt abgeschlossenen Gang die folgenden Blätter entrollen.



Auf der Rampe eines schönen Giebelhauses in Danzig saßen gegen Abend zwei Frauen im Gespräch. Die Aeltere, eine feingebaute Erscheinung mit zarten, etwas leidenden Zügen, folgte mit Interesse der Mittheilung ihrer Gefährtin, deren heitere Augen dem ernsten Ausdruck ihres Gesichts zu widersprechen schienen.

„Viel Sorgen, ja, und doch, wie glücklich bist Du!“ sagte die Zuhörende. „Dürften wir tauschen, gern nähme ich all Deine Nöthe auf mich, um nur eines der Kinder zu besitzen, deren Dir so viele erblüht sind.“

Ihr schwermüthiger Blick streifte nach der Brustwehr, welche den Vorbau des Hauses von der Straße schied, und haftete auf einer durch sich selbst sowohl, wie durch ihre Umgebung malerischen Gruppe. Auf den Platten der Rampe kauerte ein blühender Krauskopf von etwa sechs Jahren und reichte der wenig älteren Schwester Kornblumen zu, welche sie zum Kranze band. Die kleine saß auf der obersten Stufe der Freitreppe, deren mit Sculpturen geschmückter Aufgang dem holden Bilde gleichsam einen künstlerischen Rahmen gab; ihr mit Halmen und Blumen gefülltes Strohhütchen hing mit flatterndem Bande am Kopfe eines vor Zeiten in Venetien gemeißelten Löwen. Des Kindes dunkles Gelock regte sich leicht im Winde und hüllte auf Momente ihre freie Stirn, die strahlenden Augen ein.

Durch den Blick der Freundin aufmerksam gemacht, ward die Mutter selbst von dieser Anmuth betroffen und rief unwillkürlich mit zärtlicherem Laut als sonst: „Dora!“

Die Kleine sprang auf wie eine Feder. Kranz und Blumen rollten ihr vom Schooße die Stufen hinab, und mit einem Jubelton, mit ausgebreiteten Armen lief sie zur Bank und fiel ihrer Mutter um den Hals.

„Aber Dora, wie bist Du wieder so wild! Du erwürgst mich ja – und Dein Kranz! Sieh, da liegt er im Straßenstaub. Immer Alles halb.“

„Immer Alles ganz!“ murmelte die Fremde, während Dora, vom Tadel der Mutter beschämt, still zur Treppe zurückschlich und die zerstreuten Blumen aufsammelte. Den feinen Kopf leicht gesenkt, schwieg die Frau; dann legte sie plötzlich ihre Hand auf den Ann der Freundin und sagte mit leiser Innigkeit, die dringender klang, als das lebhafteste Wort: „Gieb mir Deine Dora!“

„Wie?“ fragte die Mutter mit weitgeöffneten Augen.

„Gieb mir Dora!“ wiederholte die Fremde. „Es wäre ein Liebeswerk. Ich habe Dir vertraut, wie einsam ich bin, Sophie. Dir bleibt viel, so unendlich viel, wenn Du meiner Bitte nachgiebst. Ein Gatte, welcher Dir sympathisch, vier liebe Kinder noch. Ich spreche Dir nicht von den Sorgen, die Du mir noch eben bekanntest – das hat mit unserer Frage Nichts zu schaffen, aber giebst Du zu, daß Dora mein wird, so wäre dies von Einfluß, nicht für ihre Zukunft allein. Ich will sie nicht ganz an mich reißen, würde sie alljährlich zu Euch führen, damit ihr Eltern und Geschwister nicht fremd werden. Du wirst sie entbehren, Sophie, Du und Dein guter Mann – aber bedenkt Ihr, welche namenlose Wohlthat Ihr einer Frau erweist, die Euch ewig dafür danken würde, dann erscheint Euch solches Opfer doch vielleicht möglich.“

„Noch kann ich den Gedanken nicht fassen,“ stammelte Sophie, „und was wird Rostan sagen?“

„Daß Du dies fragst, giebt mir den Trost, daß Du den Gedanken dennoch gefaßt. Ich verlange, erbitte ja nicht augenblickliche Entscheidung. Keinen Raub möchte ich an Euch begehen zur Vergeltung Eurer Gastlichkeit, nur ein Band zwischen uns weben, das die alte Jugendfreundschaft zur unlöslichen Verbindung knüpft. Ich reise morgen, wie Du weißt. Sprich mit Deinem Manne erst, nachdem [756] ich gegangen! Folget dann ganz der Eingebung Eures Herzens! Widerspricht er meinem Wunsche entschieden, dann schreibe mir dies aufrichtig, in diesem Falle komme ich nicht wieder. Aber ich hoffe, hoffe auf Liebe zu Dora, der ich, was Aeußerliches betrifft, eine gesicherte Zukunft bieten kann, hoffe auf Sympathie für mich, die nicht nur Du, die mir auch Rostan in warmer Weise bewiesen, seit ich so glückliche Wochen in Eurem Hause verleben durfte.“

„Der Graf aber, Dein Mann, liebste Minna, wird er einverstanden sein?“

Die Gräfin lächelte schwach. „Mattern ist mit Allem einverstanden, was ich beschließe, sobald es seine persönliche Freiheit nicht beschränkt; er wird zufrieden sein, mich beschäftigt zu wissen. Du weißt nun, wie ich denke, was ich erbitte. Willigt Ihr ein, so komme ich auf der Rückreise in Mattern’s Begleitung hier durch und hole mir mein Kleinod. Bis dahin laß zwischen uns ruhen, was mir zwar nicht der Augenblick eingegeben, was aber der Augenblick zur Aeußerung gebracht.“

Sie erhob sich, indem sie Sophiens Hand drückte, und trat an die Brustwehr. Dora stand vor dem Geländer, den vollendeten Kornblumenkranz in der Hand, und bot ihn der Gräfin mit lieblichster Geberde dar, wandte sich aber, als diese ihr ihn lächelnd auf den eigenen dunklen Lockenkopf drückte, gekränkt ab und sagte mit blitzenden Augen: „Du willst ihn nicht.“

Minna neigte sich und schloß ihre Arme fest um das Kind. „Ich will Euch Beide,“ flüsterte sie inbrünstig. Dora drückte ihr Gesichtchen liebkosend in die Falten des Kleides der hohen Frau, rief, indem sie mit leuchtender Freude aufsah: „Du bist lieb, ich hab’ Dich auch lieb“ und rannte verschämt in’s Haus.

Nachdem Gräfin Mattern in der Morgenfrühe des nächsten Tages von dem Rostan’schen Ehepaare zum Bahnhof begleitet worden war, veranlaßte Sophie ihren Mann zu einem Umweg und theilte ihm auf diesem Spaziergange den Vorschlag ihrer Jugendfreundin mit. Der erste Eindruck auf Rostan war der einer unerhörten Zumuthung, die er ohne Weiteres verwarf. Er hing mit besonderer Vorliebe an Dora, dem erstgeborenen, begabtesten seiner Kinder, und die Vorstellung, sie hinzugeben, erschien ihm unfaßbar. Vielleicht war es aber gerade dieser Vaterstolz, der ihm neue Anschauungen eingab, als stille Stunden und Tage dem ersten Gefühl entschiedenen Verneinens folgten. Er stellte die Gräfin, welche er durch ihre Briefe an seine Frau längst schätzen gelernt, doppelt hoch, seitdem sie einige Zeit unter seinem Dache gelebt. Sophie war mit Minna v. Mattern zusammen aufgewachsen. Die Tochter des Rittergutsbesitzers hatte dem jüngeren Pfarrtöchterchen eine Gefühlstreue bewahrt, die an sich schon bezeichnend für ihren Charakter erschien, denn nicht allein waren Temperament und Wesen beider Frauen ganz verschieden geartet, sondern äußere Verhältnisse gaben diesem Unterschiede noch eine gewisse Prägnanz. Während Sophiens rasches, praktisch-frisches Naturell sich in der kinderreichen, hinsichtlich materieller Hülfsmittel sehr beengten Häuslichkeit bei steter Uebung erhielt, fand sich Minna auf jenes geistige Pflanzenleben angewiesen, das Frauen leicht eine gewisse Gefühlskränkelei anerzieht. Und dennoch war sie von solchen Auswüchsen frei, war einfach, treu und liebreich geblieben, nie falscher Sentimentalität verfallen und vom reinsten Willen gestärkt. Ihre Ehe mit dem Grafen, von ihr nach Wunsch ihrer Eltern, ohne Widerstreben, aber auch ohne Herzenszug eingegangen, ließ sie einsam. Kein Kindersegen schlug eine Brücke über die gänzlich verschiedenen Lebensanschauungen beider Gatten, und so kam es, daß die junge Frau, trotz unablässigen Bemühens, ihrem Gefährten etwas zu sein, nicht mit ihm, sondern auf ödem Pfade durchs Leben ging.

Daß diese Frau ein Kind, welches sie lieben konnte, als höchsten Schatz betrachten, ihm Alles geben würde, was an Geist und Herz in ihr so unbenutzt keimte wie Früchte an verlassenen Stätten, empfand Rostan tiefer noch, als Sophie es in ihrer lebhaften Weise gegen ihn aussprach. Hier ward Dora’s reichen Anlagen ein Boden gewährt, der höchste Entfaltung verhieß – durfte selbstsüchtiges Festhalten ihr Solches entziehen? Liebe besiegte die Liebe. Der folgenschwere Entschluß wurde gefaßt, und Rostan selbst theilte der Gräfin, welche sich mit ihrem Manne in Königsberg zu Besuch aufhielt, schriftlich die Zustimmung in ihren Wunsch mit.

Es war Herbst, als Matterns in Danzig eintrafen. Rostan fand sich mit dem Grafen, den er jetzt erst kennen lernte, bald auf dem Fuße klaren Verständnisses, obgleich der rastlose Geist dieses Mannes dem ruhigen, durch Beruf wie Charakter streng geschulten Beamten keineswegs sympathisch war. Mattern war aber im besten Sinne Cavalier, und diese Seite trat günstig hervor, als der schwebende Punkt zur Besprechung kam. Er zeigte sich mit den Absichten seiner Frau durchaus einverstanden, schien von Dora’s Erscheinung ganz entzückt und sagte den ritterlichsten Schutz für ihre Zukunft mit einer gewissen Wärme zu, die ihm gut stand. Die Frage eines Fixirens der äußeren Verhältnisse, von ihm selbst in discreter Form zur Sprache gebracht, sollte durch ein von der Gräfin notariell zu vollziehendes Testament präcisirt werden, in welchem sie der Pflegetochter eine namhafte Summe zuschreiben wollte. Rostan, der sich hier einfach zustimmend verhielt, bestand seinerseits darauf, daß sein Kind den väterlichen Namen nicht vertauschen dürfe und im Zusammenhange mit ihrer Familie bleiben solle, soweit dies möglich war.

Während die Männer dies miteinander feststellten, saßen beide Frauen zusammen und gaben sich gegenseitige Zusagen und Tröstung. Noch wußte das junge Leben, über dessen Zukunft verfügt wurde, von nichts, und es war beschlossen, der Kleinen nur von einer Reise zu sagen, die sie mit Tante Mattern unternehmen dürfte. Dora empfing diese Mittheilung strahlenden Auges, und ihr Jubel wuchs, als sie allerlei Neues für sich einkaufen und die hübschen Sachen in Koffer verpacken sah. Als aber die Stunde des Scheidens kam, als der Wagen, welcher Matterns mit der Kleinen zur Bahn bringen sollte, vor dem Hause stand und Vater und Mutter sie unter heißen Thränen in die Arme preßten, schien es plötzlich wie eine Ahnung in der kleinen Brust aufzusteigen. Dora riß sich aus der Mutter Armen. Glühende Tropfen schossen gewaltsam in ihre Augen, und während die Gräfin sie in den Wagen hob, rief sie mit unbeschreiblichem Tone zurück: „Ihr gebt mich weg.“




3.

Gräfin Mattern pflegte den größten Theil des Jahres auf ihrem Stammgute zu verleben, während sich ihr Gatte meist in der Residenz oder auf Reisen bewegte und nur ab und zu für einige Zeit bei den Seinigen einsprach. Stille Jahre flossen Minna in reicher Befriedigung hin, während sie sich ganz ihrer Pflegetochter widmete. Indem sich ihre eigene hohe Bildung mit dem Unterrichte des Pfarrers verband, um dem heranwachsenden Kinde zu geben, was dessen lebhaft fordernder Geist bedurfte, war sie darauf bedacht, die gährenden Stoffe, welche diesem reichen Naturell nicht fehlten, mit feiner Hand in richtige Bahnen zu leiten. Dora’s allzu bewegliches Temperament drohte mitunter die Herrschaft über den sich kräftig entwickelnden Charakter zu gewinnen. Geneigt, Alles tollkühn zu wagen und jeder Schranke gegenüber als ersten Impuls die Regung hegend, daß es nur darauf ankomme, sie zu überspringen, bedurfte das reifende Mädchen gerade solch sanften, stetigen Einflusses, welcher durch seinen warmen Herzschlag den brausenden Kopf stets zu bezähmen wußte. Was Minna von Mattern am besten verstand, lehrte sie aber, während sie selbst es erst ganz lernte – zu lieben! Die ganze Seele der vereinsamten Frau hing an dem Kinde ihrer Wahl, so warm und innig, daß sie zuweilen fast davor erschrak und sich mahnte, dies eine Gefühl nicht auf Kosten ihrer Lebenspflichten allzu mächtig aufwuchern zu lassen.

Ihr Versprechen, Dora alljährlich zu den Eltern zu führen, ward treu gehalten. Gegen den Herbst zu, sobald die Erntezeit vorüber, brachte sie ihr Pflegekind regelmäßig nach Danzig, und dies war glückliche Zeit für alle Betheiligten. Das Rostan’sche Haus nahm während dieser Wochen einen festlichen Charakter an. Alles Schöne und Angenehme, Alles, was sonst als seltener Aufwand galt, drängte sich für die Kinder in die Besuchszeit Dora’s zusammen. Sie sahen sich beschenkt, berücksichtigt, genossen wundervolle Ferientage bei Ausflügen nach Oliva oder Zoppot, wo sich die Gräfin einzumiethen pflegte, während sie Dora ganz den Eltern überließ, und blickten um so neidloser auf die Schwester, weil sie ihnen nicht nur längst als Ausnahme galt, sondern weil sie wirklich das liebenswertheste Geschöpf war. Den Eltern, welche ihr Kind wie eine Sonne aufgehen und [757] wieder scheiden sahen, war dabei seltsam zu Muthe. Während der Zeit des Besitzes regte sich das Bewußtsein der Entbehrung mit doppelter Stärke, und doch konnte ihnen keine Reue erwachsen, denn Dora’s harmonische Entwickelung bewies, daß sie jene Lebensluft athmete, für die sie geschaffen erschien.

Einfach und doch stets überraschend, alles Geistige mit Leichtigkeit, alles Seelische mit Inbrunst erfassend, war Dora schon im vierzehnten Jahre ein ungewöhnliches Kind und versprach ein ausgezeichnetes Mädchen zu werden. Die Art und Weise, womit sie sich im Elternhause bewegte, hatte etwas Reizendes. Ihre freudenvolle Hingabe an jede kleinste Erinnerung aus frühen Kindertagen, ihr Anschmiegen an die Gewohnheiten des Hauses hoben den leisen, im Grunde wesenlosen und doch nicht zu übersehenden Unterschied gleichsam auf, der ihre ganze Erscheinung von der ihrer heimathlichen Umgebung abhob. Vor Allem verband zärtlichste Liebe sie ihrem Vater und ihrem nur zwei Jahre jüngeren Bruder Robert. Der Knabe, als Aeltester des Hauses betrachtet und durch seinen klugen, klaren Kopf schon früh den Eltern nahe stehend, sah zu der schönen Schwester auf wie zu einem höheren Wesen und liebte sie mit der tiefen Innigkeit einer sonst etwas verschlossenen Natur. Ihr alljährliches Erscheinen war für ihn der lichte Punkt des Lebens, worauf sein Sinnen und Denken sich fast schwärmerisch concentrirte.

Wieder wurden die lieben Gäste erwartet, als statt ihrer ein Brief bei Rostans anlangte, der nicht allein die nahe Hoffnung aufhob, sondern Neues brachte, das von keiner Seite vorgesehen war. Die Gräfin theilte Sophien ein Geheimniß mit, das nicht mehr lange ein solches bleiben sollte. Was früher so heiß erfleht, als Versagtes so herb empfunden worden, kam jetzt als späte, kaum noch ersehnte Gabe: Matterns sahen eigenem Ehesegen entgegen. Indem Minna dies ihrer Freundin schrieb, mehr verzagt als freudig fast, berührte sie auch den unvermeidlichen Einfluß, welcher hierdurch auf ihre zu Dora’s Gunsten getroffenen Bestimmungen geübt wurde. Sie hatte von ihrem Privatvermögen der Pflegetochter die Hauptsumme, ihrem Gatten dagegen jenes Pflichttheil bestimmt, welches das Gesetz dem nächsten Erben zuerkennt. Nun, wo ihr ein eigenes Kind leben sollte, durfte sie diese Bestimmung nicht unbedingt aufrecht erhalten. Ihr väterliches Gut, jetzt das Eigenthum ihres Gatten, war Majorat. Wurde ihnen ein Sohn geschenkt, dann konnte die getroffene Verfügung fortbestehen; sollte aber eine Tochter geboren werden, so ging nach Mattern’s Tode das Gut an einen andern Agnaten über und des Hauses Tochter blieb auf das Privatvermögen angewiesen. Die Gräfin eröffnete Dora’s Eltern, daß ihr die Pflicht gebiete, unter diesen Umständen das bisherige Testament abzuändern, und daß sie bereits ihren Sachwalter berufen habe, um mit ihm zu berathen, in welcher Form ihrer Herzenspflicht wie ihren Mutterpflichten zugleich Genüge werden könnte.

Dieser Botschaft, welche Rostan nicht ohne stille Bedenken aufnahm, folgte bald eine Hiobspost. Der Gräfin Entbindung trat vorzeitig ein, sie gab unter schweren Kämpfen einer Tochter das Leben und – erkaufte dieses verfrühte, kaum einen Hauch besitzende Dasein des Kindes mit ihrem eigenen.

Sophie folgte auf der Stelle der Eingebung ihres rechten, praktischen Wesens; ein paar Stunden nach Empfang der Trauerbotschaft war ihr Koffer gepackt, für Mann und Kinder vorgesorgt, so gut es sich thun ließ, und sie selbst mit dem Nachtzug unterwegs, um Beistand zu bieten und nach Befund der Verhältnisse einzugreifen. Als sie am folgenden Nachmittage im Schlosse eintraf, fand sie doppelte Trauer: das schwache Leben der kleinen Neugeborenen war vierundzwanzig Stunden nach dem der Mutter erloschen.

Frau Rostan’s Anwesenheit wurde für das zerstörte Haus zum wahren Segen. Ruhig, als sei dies selbstverständlich, ergriff sie sofort die Leitung des aus dem Geleise gebrachten häuslichen Triebwerkes, ordnete und sorgte, bis Alles wieder seinen gewohnten Gang hatte, und that damit namentlich dem Wittwer wohl, der sich ganz außer seinem Elemente, und doch, abgesehen von der Erschütterung, eine Hoffnung verloren und ein Gewohnheitsband gelöst zu sehen, schon durch den Anstand vorerst an die Stätte gefesselt fand.

Vor Allem empfand jedoch Sophie ihrem Kinde gegenüber, wie richtig ihr rascher Entschluß gewesen. Dora’s leidenschaftlicher, ja übermäßiger Schmerz um die Pflegemutter bedurfte des Gegengewichtes, welches die Anwesenheit der eigenen Mutter ihr bot. War auch Sophie weit davon entfernt, ihrer Tochter eine Empfindlichkeit zu zeigen, die sie nicht einmal empfand, so lag doch schon in ihrer bloßen Gegenwart ein Zügel für unbeschränkte Aeußerung der wilden Verzweiflung, welche Dora’s heißes Herz erfüllte. Tiefes Zartgefühl, ein Erbe der Geschiedenen, warnte Dora, sich vor Der, welche das nächste Recht auf sie besaß, dem Jammer um die Entrissene allzu stürmisch hinzugeben, und so ging sie blaß und stumm, aber doch im gewöhnlichen Gebahren, an der Mutter Seite durch Tage und Nächte.

Seit der Gräfin Bestattung war etwa eine Woche vergangen. Sophie saß zur Dämmerzeit im Gespräch mit Mattern vor dem Kamin, in welchem, des kühlen Octobertages wegen, helle Flammen prasselten, deren Widerschein über das halb schon in Abendschatten gehüllte Zimmer zuckte.

„Ich darf nicht widersprechen,“ sagte Graf Hugo. „Die Ihrigen haben nähere Rechte an Sie, und ich kann nur dankbar sein, daß Sie um unsertwillen Haus und Hof so lange allein gelassen. Daß ich es also nicht versuchen will, Sie zu halten, sei gelobt, so sehr wir Sie vermissen, ja entbehren werden. Nur, liebe Freundin, bestehen Sie nicht auch darauf, mir Dora zu nehmen. Hören Sie mich ruhig an, bitte! Ich habe absichtlich verschoben, mit Ihnen über die eigenthümliche Lage zu sprechen, in welche wir Alle so unerwartet gerathen sind, doch ich wünschte, Sie möchten vorher Zeit behalten, mich wenigstens einigermaßen kennen zu lernen. In Tagen, wie wir solche eben gemeinsam durchlebten, blickt man rascher und schärfer in das Leben des Andern, als während das Alltagstreibens. Ich hoffe deshalb, Ihnen nicht mehr fremd zu sein, rechne sogar darauf, denn was ich Ihnen zu sagen habe, setzt, wenn es zu Resultaten führen soll, persönliches Vertrauen voraus. Zur Sache denn!

Sie wissen, daß es Minna’s Absicht gewesen, neue Bestimmungen zu treffen, wonach zwei Drittel ihres Privatvermögens unserer Tochter zufallen, ein Drittel dagegen Dora gesichert bleiben sollte. Dies war das angenommene Resultat vieler Ueberlegungen, fast dürfte ich sagen, Kämpfe; denn die Liebe meiner Frau zu Dora war so stark, daß ihr Rechtsgefühl mit ihren eigenen Wünschen dadurch leider allzulang im Streit lag. Wenigstens finde ich bei dem sonst ziemlich entschiedenen Wesen Minna’s keine andere Erklärung für das beständige Hinausschieben der Ausführung ihres Entschlusses. Als sie ihn endlich festgestellt und die Ausfertigung eines neuen Dokumentes eingeleitet hatte, war es zu spät. Wie schnell die Katastrophe kam, ist Ihnen bekannt. Beim Anblick unseres Kindes, der ihr ja kaum eine Stunde gegönnt war, schien sie große Unruhe zu ergreifen. Sie gedachte wohl der Zukunft und wie ihr Zögern dieselbe in Frage gestellt. Auf ihr Verlangen brachte ich das noch unberührt in ihrem Schreibtisch liegende erste Testament an ihr Bett und verbrannte es vor ihren Augen. Eine andere Willensmeinung zu dictiren reichte schon ihre Kraft nicht mehr aus. Das Einzige, was sie noch zu sprechen vermochte, galt aber diesem Gedanken. Ihre letzten Worte an mich waren: ‚Ich vertraue Dora’s Zukunft Deiner Ehre.‘“

Mattern schwieg und blickte Sophie an, als erwarte er eine Entgegnung. Als sie aber nur ein stummes Zeichen gab, daß sie höre, fuhr er fort:

„Da keine gesetzliche Bestimmung vorliegt, fiel das ganze Vermögen meiner Frau an unser Kind und, nachdem die Kleine ihre Mutter überlebt hat, schließlich an mich. Hierdurch, liebe Freundin, trete ich in die moralische, lassen Sie mich sagen in die Herzensverpflichtung ein, welche Minna dereinst gegen Ihre Tochter übernommen, und hoffe, Sie werden gleich meiner Frau meiner Ehre vertrauen. Lösen Sie deshalb nicht das Band, welches Dora diesem Hause verknüpft, entziehen Sie Minna’s Pflegling nicht der Obhut, die ich ihr zu bieten wünsche! Sie ist ein eigenthümliches Kind, ein Charakter. Bis jetzt war sie mir nur äußerlich verbunden; erst während der letzten Monate, die ich ungestört mit den Meinen verlebte, habe ich sie genauer kennen gelernt und mit großem Interesse beobachtet. Bei ihrer Selbstständigkeit und scharfen Auffassung der Dinge wäre sie im Stande, später hartnäckig zurückzuweisen, was ihr aus einer [758] Hand zukommt, von der sie es nicht als Liebesgabe annehmen könnte. Lassen Sie uns deshalb Zeit und Gelegenheit, einander nahe zu rücken. Ueberdies, verzeihen Sie der Offenheit, ist Dora schon jetzt den Verhältnissen entwachsen, in welche Sie sie zurückzuführen gedenken. Sie paßt nicht mehr dorthin. Ich habe vor, zunächst ein paar Jahre zu reisen; nicht von Ort zu Ort zu wandern, sondern nur, mich im Auslande, in großen Städten, welche Centralpunkte geistigen Lebens sind, für längere Zeit zu fixiren, um, wonach ich mich lange gesehnt, einmal frei von allen Aeußerlichkeiten dem Studium meiner Liebhabereien zu leben. Diese Zurückgezogenheiten wünschte ich von Dora getheilt zu sehen. Ich sage Ihnen zu, daß mein Hauptaugenmerk sein soll, ihre Erziehung so zu leiten, wie ihre bedeutenden Anlagen dies bedingen. Wenn sie vollends erwachsen ist, mag sie über sich selbst bestimmen! Sie wird dann dazu reif sein. Und nun, beste Freundin, sprechen Sie Ihre Ansicht aus!“

Sophie war den Auseinandersetzungen des Grafen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Ihr klarer Geist überblickte rasch, was ihr hier vorgelegt wurde, und ihre Entgegnung war deutlich:

„Was Sie mir über Ihre Pläne mittheilen, Herr Graf, erscheint mir wünschenswerth, auch für Dora. Sie mögen Recht haben, daß sie unseren bescheidenen Lebensverhältnissen schon einigermaßen entwachsen ist, jedenfalls muß ich aber darauf bestehen, daß sie mich jetzt nach Hause begleitet. Stimmt Rostan zu, dann holen Sie später Dora bei uns ab, wenn Sie in gedachter Weise Ihren Wohnort wechseln. Wir haben unser Kind nun über ein Jahr lang entbehrt und müssen ihr einen Eindruck dessen mitgeben, was das Vaterhaus dem Menschen bedeutet, ehe sie uns, in wieder veränderte Lage gebracht, für längere Dauer verlassen soll.“

„Dagegen läßt sich Nichts einwenden,“ sagte der Graf mit einer Herzlichkeit, wie sie ihm selten in die Augen trat. „Sie sind meinen Wünschen nicht entgegen. Nehmen Sie Dank dafür!“ Er küßte Sophiens Hand und zog sich zurück.




4.


Hugo Mattern war einer jener universellen Köpfe, die überall zu Hause sein wollen und es deshalb nirgend sind – schnell mit Allem fertig, immer dem kommenden Tage voraus. Die Aussichten dieses Sprosses einer verarmten Linie seines angesehenen Namens waren ursprünglich sehr gering. Aus dem Cadettenhause in ein Garderegiment übergegangen, wo sein vielverheißendes Wesen ihm bald den erstrebten Adjutantenposten erwarb, betrachtete er späteren Eintritt in den Generalstab als sein Lebensziel. Eine Zulage des Majoratsherrn, seines Onkels, machte ihm möglich, das, was Name und Stellung äußerlich von ihm forderten, aufrecht zu erhalten. Durch den frühen Tod des einzigen Sohnes dieses Oheims wurden seine Zukunftsaussichten wesentlich erhöht, seine gegenwärtige Lage aber wurde kaum verändert. Graf Mattern, der ältere, besaß eine rüstige Gesundheit und war seinem Neffen nur etwa zwölf Jahre im Alter voraus. Ging auch die Anwartschaft des Erbgutes jetzt auf diesen über, so lag der Antritt desselben voraussichtlich in weiter Ferne.

Anders gestalteten sich die Dinge, als der Majoratsherr den Hauptmann zu längerem Besuche bei sich einlud und ihm eröffnete, daß er an eine Verbindung zwischen seiner einzigen Tochter und dem Stammhalter gedacht. Da Letzterem die junge Cousine sehr wohl gefiel, stimmte er dem Vorschlage bereitwillig zu. Minna, zu dieser Zeit kaum siebenzehnjährig, zurückhaltend, sehr anmuthig, erschien ihm vielversprechend; mit der Exaltation, welche Graf Hugo allem Neuen entgegentrug, bildete er sich für seine Braut sogar eine jener Kopfleidenschaften an, die in ihrem Gegenstande zu erblicken glaubt, was sie selbst hineinphantasirt.

Da er nach vollzogener Verbindung, wie früher, beim Regimente verblieb und seine junge Frau stets den Sommer bei ihren Eltern auf dem Lande verlebte, empfand er seine Ehe nie als drückende Fessel. Er ließ es nicht an Aufmerksamkeiten für seine Frau fehlen; sein Ehrgeiz, überall als Cavalier par excellence zu erscheinen, bezeichnete auch den Ton, welchen er gegen die ihm wenig sympathische Gattin festhielt. Denn unsympathisch war ihm bald Alles an ihr geworden: ihre Einfachheit, ihr Vertiefen in die Dinge, ihr leiser, aber fester Widerstand, so oft er sie in die ihm eigenthümlichen Ueberstürzungen hineinzuziehen versuchte.

In der großen Welt wurde Graf Hugo sehr geschätzt: Alles, was er als Näscherei betrieb und wovon er im Gespräch den glücklichsten Gebrauch zu machen verstand, wurde ihm als ungewöhnliches Streben, als werthvoller Erwerb hoch angerechnet, und vielleicht war es dieses Bewußtsein, welches ihn ungern aus den Kreisen zurücktreten ließ, welche ihn auf solches Piedestal gehoben. Denn nachdem die Zeit herangekommen, wo er als Gutsherr Pflichten und Leistungen zu übernehmen hatte, eine Zeit, der er oft mit dem Gedanken entgegengesehen, dann zu beweisen, was er als Mensch und Denker in’s Leben zu rufen vermöchte, erwies sich auch dies wieder als eine jener bereits durch manche Phase erlebten Selbsttäuschungen. Mit Hast ergriff er die neue Aufgabe, quittirte den Dienst und warf sich in Feuereifer auf die Führung des Haus- und Hofregiments, um überraschend bald daran zu ermüden. Gewöhnt, alle seine Fähigkeiten bei dem geringsten Anlaß voll auszugeben, fehlte ihm Kern und Probe aller Kraft, die Ausdauer, und war dieses Capital erschöpft, ehe es noch Zinsen getragen. Als der zweite Winter auf dem Lande hereindrohte, begab sich der Graf, einer kleinen Hofcharge Rechnung tragend, nach der Residenz und nahm von dieser Zeit an alle früheren Lebensgewohnheiten wieder auf. Er störte seine Frau nicht in ihrem Wunsche, daheim auf dem Gute zu bleiben, überließ es ihr, dort die Zügel zu führen, und fühlte sich, wenn er von Zeit zu Zeit einsprach, ungleich behaglicher als vordem. Unter diesen Zuständen hatte sich während der letzten Jahre sogar ein Verhältniß zwischen den Gatten hergestellt, das für den Alles nach seinem persönlichen Bedürfnisse färbenden Sinn Mattern’s einen gewissen Reiz erhielt. So aufzutauchen, wieder zu verschwinden, Liebenswürdigkeit auszugießen wie aus einem Füllhorne und mit der stillen Ueberzeugung von dannen zu gehen, daß ein Mann wie er unendliches Vermissen hinter sich lassen müsse, entsprach ganz und gar seinem Wesen. Als ihm nun so unverhofft noch Aussicht zu einem Erben aufging, steigerte sich das Gefühl für seine Frau bis zur Wärme; er blieb seit Jahren zum ersten Male monatelang daheim und fand im Studium der verschiedensten Bücher, bei Jagden und nachbarlichem Verkehre, daß sich auch auf dem Lande angenehm leben lasse.

Der Schlag, welcher ihm Besitz und Hoffnung zugleich raubte, traf ihn tiefer, als er selbst für möglich gehalten, und sein Wunsch, Dora, das einzige lebende Gedächtniß, welches seine Frau zurückgelassen, bei sich zu behalten, erwuchs einem wirklichen Eindrucke der Entbehrung und Vereinsamung.

In dieser Gemüthsstimmung, welche sein zerfahrenes Wesen in hohem Grade milderte und befestigte, machte Mattern, als er einige Wochen später nach Danzig kam, um Dora abzuholen, auf den Regierungsrath Rostan einen sehr günstigen Eindruck. Graf Hugo gab leicht den Ton eines Jeden an, mit dem er verkehrte, nicht aus Verstellung, sondern durch die Schmiegsamkeit seines beweglichen Naturells. Die Wärme, womit er sich über Dora äußerte, die aufrichtige Trauer um seinen eigenen Verlust und so manche gediegene Ansicht, die er laut werden ließ, befestigten in Rostan die Ueberzeugung, daß sein Kind unter des Grafen Führung gut aufgehoben sein würde, und er entließ sie beruhigt aus seinem Hause.

Mattern verlebte drei Jahre im Auslande. Zuerst ging er mit Dora nach Rom, später nach Paris, und sein Gelöbniß, sich dem heranreifenden Kinde ganz wesentlich zu widmen, ward treulich gehalten, zu getreulich. Mit der Hast, die er in alle Dinge brachte, im Gefühle momentaner Leere, riß er das Denken und Werden des jungen Mädchens an sich, so weit er diesem selbstständigen Naturell gegenüber dazu im Stande war. Als charakteristisch für die Weise, womit er Alles anzugreifen pflegte, durfte gelten, daß er sogar ihren Namen umschuf und sie durch Anruf des romantischen Zuges, der jeder Jugend eigen, dazu bestimmte, statt Dora das feierlichere Thea zu adoptiren.

Die Treibhausluft, in welche Mattern seine Pflegetochter gebracht, blieb nicht ohne Einfluß auf sie. Zu jung, um bereits zu unterscheiden, wie oberflächlich die Bildung des Grafen war, imponirte seine blendende Art, Alles auszudrücken, dem feurigen Kinde in hohem Grade, und schrak sie auch anfangs vor seiner Skeptik zurück, so regte gerade das total von ihren bisherigen [759] Anschauungen Abweichende den spürenden Geist lebhaft an. War Thea’s Natur auch zu hoch angelegt, um nur einen Schatten von Affectation zuzulassen, so wich doch ihre köstliche Einfachheit allmählich einem tropischen Emporwuchern starker, aber regelloser Kräfte. Der Kreis, welchen Mattern hier und dort bei sich empfing und der nur der Männerwelt angehörte, bestand vorzugsweise aus Gelehrten und Literaten. Seinem Wunsche gemäß blieb Thea gewöhnlich anwesend, wenn er Besuch hatte, und jedes Thema, das nur denkbar zwischen Himmel und Erde, wurde in Gegenwart der schweigsamen Zuhörerin abgehandelt. Allmählich verhüllte sich ihr jede Gottheit ihrer freundlichen Kinderjahre; der süße Jugendglaube, der alles Irdische umfassen und lieben möchte, wich in bleiche Fernen zurück, noch ehe sich die Knospe zur Blüthe erschlossen hatte. Schon war ihr aufgegangen, daß es trübe Quellen, daß es hohle Verhältnisse giebt, schon hatte sie gelernt, an Allem zu zweifeln, was bisher, halb unbewußt [760] bewußt, die Basis ihres jungen Lebens gewesen, was sie dereinst so freudig auf Treu’ und Glauben hingenommen. Täglich suchte scharfe Logik vor ihr zu beweisen, daß heute Irrthum sei, was gestern Wahrheit gewesen.

Thea war eben siebzehn Jahre alt geworden, als ihr der Graf eröffnete, daß er nach Deutschland zurückzukehren gedenke und ihren Eltern die Zusage gegeben hätte, sie ihnen für längeren Aufenthalt zuzuführen. Diese Mittheilung traf das junge Mädchen nicht erfreulich; obgleich sie mit den Ihren in stetem Briefwechsel geblieben, fühlte sie doch ihnen gegenüber ein Fremdsein, das sie sich selbst kaum eingestehen mochte, eine Scheu, sich der Enge des väterlichen Hauses und Kreises zu fügen, die mehr instinctartig, als bewußt, aber doch ein lauter Zeuge für den Wandel war, der mit ihr vorgegangen. Doch war sie klug genug, keine Einwendung zu machen, selbst keine Frage zu stellen, als sich Graf Hugo in ziemlich verworrenen Redensarten darüber erging, daß sich vielleicht bis zu ihrem beiderseitigen Wiedersehen Manches geändert haben, ihr gegenseitiges Verhältniß aber unter allen Umständen bestehen bleiben würde.

Es war Frühlingszeit, als der Plan zur Ausführung kam und Graf Mattern das ihm anvertraute Gut in die Hände ihrer Eltern zurückbrachte. Nur für einige Zeit, wie er sich äußerte.

[771]
5.

Daheim! – Als Thea zum ersten Male wieder im Vaterhause die Augen aufschlug, umfing sie ein wundersamer Zauber. Noch halb von Träumen befangen, die ihr den Pont royal gezeigt, ließ sie den Blick über das kleine Giebelzimmer schweifen, das sie kannte, soweit ihre Gedanken zurückreichten, wo ihr stets gebettet worden, so oft sie zum Besuch in die Heimath kam. Wie vertraut war ihr Alles! Die Wände mit den alterthümlichen Tapeten, deren gemalte Laubgänge das Zimmer zu erweitern schienen, die geschweifte Kommode mit Bronzebeschlägen, welche die Mutter einst zwischen altem Gerümpel auf dem Boden gefunden und restauriren lassen, der Spiegel darüber mit seiner Einrahmung von Spiegelglas, in welche Maiblumensträuße eingeschliffen waren – Alles heimelte sie an, und ein Gefühl kam plötzlich über sie, süß und weich wie Frühlingswehen. Erinnerung berührte sie mit heiliger Hand; das alte Kinderherz wachte auf. Den schönen Kopf auf den Arm gestützt, blickte sie mit leuchtenden Augen umher. Alles, was ihr einst lieb gewesen, war von der Liebe zusammen getragen worden, um das Kind des Hauses zu erfreuen. Dort hing, ihrem Bett gegenüber, der alte Kupferstich – Romeo und Julia auf dem Balle – den sie stets so gerne angeschaut, darüber ihr eigener Namenszug, aus den ersten Frühlingsblüthen und jungem Laub gewunden. Neben dem Seitentischchen die Hänge-Etagère mit all den Sächelchen, den Schätzen aus der Kinderzeit, die von der Mutter sorgsam bewahrt worden, nachdem die kleine Besitzerin in die Ferne gezogen.

Die Augen des jungen Mädchens wurden feucht. Alles, was während der letzten Jahre so bunt an ihr vorübergezogen, versank; sie besann sich auf nichts mehr, was nicht Heimath hieß. Da tönte eine Choralmelodie an ihr Ohr – das Glockenspiel der Katharinenkirche. Wie ein Kind sprang Thea von ihrem Lager hinab, warf ein Morgenkleid über, schlüpfte mit den bloßen Füßchen in die weichen Schuhe und eilte ans Fenster. Als sie den Laden zurückschlug, drang die Sonne mit vollem heiterem Strahl herein und tauchte draußen Alles in ihr goldenes Licht. Es hüpfte in blendenden Funken über die Radaune hin und lag in breitem Streif auf der noch menschenleeren Brücke. Zur Rechten ruhte, von den alten, wohlbekannten Bäumen umschattet, die große Mühle still auf der malerischen kleinen Insel, dahinter hob sich der vierkantige Thurm mit dem zierlichen Aufsatze, von dem der letzte Ton des Glockenspieles eben verhallte.

Daheim! – Eine Sehnsucht, die lange geschlummert, auf welche sie sich im letzten Jahre kaum mehr besonnen hatte, kam über sie – Sehnsucht nach der Stimme, den Augen der Ihren! Sie ordnete rasch ihr Haar, ihren Anzug und eilte hinab. Alles grüßte, die Treppe mit dem gedunkelten Eichengeländer, die schwere, in leisen Angeln gehende Thür, welche beide Stockwerke schied, drunten im geräumigen Flur die bis zur Decke reichenden braunen Leinenschränke und über den drei Zimmereingängen wohlvertraute, vergilbte Kupferstiche in schwarzer Holzumrahmung. Durch die mittelste Thür klang fröhliches Pfeifen, und als Thea öffnete, prallte Robert zurück, um sie sofort mit einem lauten „Bravo!“ in den Arm zu nehmen. Schon saßen die drei kleinen Schwestern um den gedeckten Frühstückstisch, auf dem heute ein Maiblumenstrauß und ein großer Napfkuchen prangte.

„Dir zu Ehren, Dora! Die Mutter hat ihn gestern selbst gebacken,“ vertraute ihr die jüngste der Schwestern, während die ihr entgegenrannte und gleich nach dieser Eröffnung das frische Gesichtchen schämig versteckte.

Thea sah sich um; mehr und mehr war ihr, als erwache sie aus Träumen zum lichten Tage. Ja dort in der Ecke stand noch der alte Sorgenstuhl, in welchem sie als Kind so gerne zur Dämmerzeit gekauert, wenn Robert, der daneben auf dem Schemel hockte, selbsterfundene Märchen erzählte. Leichten Fußes eilte sie hin und rollte ihn zum Tische an den Platz des Vaters, der sich heiter gefallen ließ, darin eingeheimst zu werden. Frau Sophie erschien mit dem Kaffee. Ihr immer noch hübsches Gesicht lächelte aus dem frischen Morgenhäubchen auf die volle Zahl der Ihren, die sie endlich wieder am eigenen Herde vereint sah. Mutterstolz lächelte ihr aus den Augen, so oft sie ihre schöne Tochter anblickte, so oft ein Wort Thea’s mit der Gedankenschnelle und glücklichen Ausdrucksform, die dem jungen Mädchen eigen war, ihr überraschend erklang. Ein unerhörter Bruch aller Gewohnheiten geschah – die unermüdlich schaffende Hausfrau saß heute eine volle Stunde am Frühstückstisch, bis die nahe Schulstunde den Familienkreis zersprengte. Nun gehörte das heimgekehrte Kind des Hauses ganz ihrem Vater, und wie in traulichem Zwiegespräche Frage und Wort sich aneinander reihten, stiegen auch wieder die Gestalten und Bilder der jüngsten Vergangenheit vor Thea auf – doch schien ihr Alles, was sie erfahren und gelernt, heute in weiter Ferne zurückzuliegen.

Dora – so hörte sie sich wieder rufen, und so gewöhnte sich ihr Ohr und Herz zu hören – fand sich zu ihrer eigenen Ueberraschung im Elternhause dauernd wohl, obwohl den geistigen Elementen, welche ihr zum Bedürfniß geworden, wenig Nahrung [772] geboten war. Unbewußt empfand sie, daß ein ganz natürliches Leben Allem die Wage hält. Der warme Odem glücklicher Familienverhältnisse umfing das junge Mädchen unendlich wohlthuend, und dieses Gefühl verließ sie nur dann, wenn Beziehungen von außen, aus einem ziemlich ausgedehnten Umgangskreise, an sie herantraten. Hier stellte sich Thea’s an feinste Lebensformen gewöhnter Geschmack meist zur Wehre, und sie isolirte sich bis zur Rücksichtslosigkeit, was nicht ohne Verstimmungen ablief. Während dies im Laufe der Zeit manchen Gegensatz mit den Eltern hervorrief – denn auch Rostan forderte von seiner Tochter, daß sie sich den Formen jener Welt fügen sollte, mit welcher sein Haus im Zusammenhange war – wurde Dora umsomehr von ihren Geschwistern vergöttert, die sie stets bereit fanden, sich ihnen zu widmen. Zwischen Robert und ihr entstand das innigste Verhältniß. Der ernste junge Mensch fand in der Schwester sein Ideal; sie allein theilte das Vertrauen über all sein innerstes Denken und Leben, das er bisher nur Einem auf Erden gegönnt. Von diesem Einen sprach er Dora gern, mit aller Inbrunst jugendlicher Begeisterung. Der älteste Sohn einer mit Rostans befreundeten Familie, die vor Kurzem durch Versetzung von Danzig entfernt worden, hatte sich des früher im Lernen zurückgebliebenen Knaben angenommen und ihm durch seine Nachhülfe das Aufsteigen in die höheren Classen früher erreichbar gemacht. Er besaß an dem jüngeren Freunde nun einen tief ergebenen Anhänger.

Nur Dora allein durfte die Briefe lesen, welche Robert von Zeit zu Zeit aus Berlin erhielt, wo Ernst Wernick seine Universitätsstudien beendete. Ihr aber brachte er die ihm heiligen Blätter um so lieber, als das lebhafte Interesse, womit Dora sie aufnahm, selbst seinem Enthusiasmus wohlthat. Was sie jahrelang umgeben, was sie jetzt oft entbehrte, der Ausdruck geistig concentrirten Lebens und Denkens, trat dem jungen Mädchen aus diesen Briefen entgegen, vertraut und doch völlig neu. Was ihr früher in glänzender Dialektik, im Streit aufeinander prallender Meinungen scharf und doch für ihren jungen Geist nicht völlig erfaßbar aufgegangen, trat ihr hier in schlichter Klarheit entgegen. So oft sie eines dieser Blätter aus der Hand legte, blieb ein befruchtender Gedanke bei ihr zurück, der gleichsam ein Licht über die Dinge ausströmte. Deshalb theilte Dora auch ihres Bruders Freude, als sein Freund im Laufe des Sommers schrieb, daß er einige Zeit in Danzig verleben würde, wohin ihn Geschäfte riefen. Ein kleines, seinem Vater zugehöriges Grundstück sollte verkauft werden, und da Jener nicht abkömmlich, wurde dem Sohne, welcher eben jetzt seine Studienjahre ganz vollendet, diese Angelegenheit zur Erledigung übertragen. Die Einladung Rostan’s, während seiner Anwesenheit ihr Gast zu sein, war gern angenommen worden, und Groß und Klein freute sich auf den seit Jahren schon dem Hause vertrauten Freund.

Um die gleiche Zeit etwa trafen, nachdem in der anfangs eifrig unterhaltenen Correspondenz des Grafen Hugo mit seiner Pflegetochter[WS 1] seinerseits eine ziemliche Pause eingetreten war, Briefe ein, worin er Dora und ihren Eltern seine Verlobung mit einer vornehmen Wienerin mittheilte. Er lud Dora nicht zu seiner Hochzeit ein, welche nahe bevorstand, schrieb ihr jedoch, daß er nach Rückkehr von der beabsichtigten Hochzeitsreise sie mit seiner Frau entweder abzuholen gedenke, oder, falls sich dies nicht sollte einrichten lassen, jedenfalls darauf rechne, sie wieder bei sich zu sehen, sobald sich entschieden, wo das Ehepaar sich zunächst fixiren würde. Der Ton dieses Briefes war nicht so unbefangen als jener, der an Rostans gerichtet war und mehr Aeußerliches verhandelte. Seine Braut sei reich, schrieb er, und nachdem er ihr Mittheilung gemacht, wären Beide übereingekommen, daß er in gleichem Sinne, wie früher seine Frau, über das Thea ursprünglich zugedachte Vermögen verfügen würde, da nun von nöthiger Vorsorge für etwaige weibliche Nachkommen abzusehen möglich wäre. Diese Verfügung zu Thea’s Gunsten schon zu seinen Lebzeiten in Kraft treten zu lassen, behalte er sich vor, wenn sie selbst sich einen Lebensgefährten gewählt.

War Thea über den sichtlich gezwungenen Ton betroffen, der sie aus den an sie gerichteten Worten kühl anwehte, so wurden dies ihre Eltern noch mehr durch die ihnen gemachte Mittheilung. Daß der Graf noch jetzt darauf bedacht war, sein Pflegekind in Abhängigkeit von sich zu erhalten, erschien bei der neuesten Gestaltung seiner Verhältnisse ganz unmotivirt und stimmte nicht zu dem cavalieren Bilde, welches Rostans von ihm festhielten.

Wurden diesen Eindrücken auch zwischen Eltern und Kind keine Worte geliehen, so wuchs aus denselben ein doppelt warmes Aneinanderschließen empor. Der Entschluß, seine Dora nicht zum zweiten Male aus dem Hause, von dem Herzen des Vaters fortzugeben, schlug in Rostan immer festere Wurzeln. Er sah keinen Grund mehr, sein Theuerstes einem Fremden überlassen zu müssen. Bald sollte dieser Gedanke des Festwachsens in der Heimath im Herzen seines Kindes ein stärkeres Echo finden, als er mit all seiner Liebe darin zu wecken vermocht hätte.




6.

Es giebt ein altes schottisches Lied von einfach süßer Melodie, dessen Refrain Jedem, der ihn vernimmt, Vergangenheit aufweckt, gehörte sie auch längst zu den Todten. „Nimmer vergißt das Herz den Traum der ersten Liebe.“ Bei seinem Klang steigt die Jugend wieder auf, reizender Schwermuth, köstlicher Wonnen voll; vor dem zarten Glanz der Erinnerung erblaßt jedes Bild der Leidenschaft, deren glühender Pinselstrich die lichten Farbentöne übermalt und verdrängt hat – unverwelklich blüht der Frühlingskranz, ein Duft, ein Accord, der Traum der ersten Liebe.

Das Paar, welches an einem sonnigen Augusttage zu der Felswand von Adlershorst aufstieg, träumte ihn auch. Den Anderen, deren Gesellschaft sie zugehörten, weit voran, unwillkürlich in gleichem Tempo schreitend, schien dort, wo sie wandelten, das Laub der Büsche grüner zu werden, das Sonnenlicht feuriger durch die Stämme des Waldpfades zu blitzen. Sie waren Beide so jung, so schön. Auf ihren leuchtenden, einander zugewandten Gesichtern lag göttliches Genügen.

„Hier,“ rief Dora lebhaft, indem sie mit ihrem Begleiter aus den Bäumen hervor auf die freie Höhe trat und einer dicht am steilabfallenden Grat der Klippe stehenden Bank zueilte, „hier ist mein Lieblingsplatz.“

„Und der meine,“ sagte der junge Mann leise, indem er sich neben ihr niederließ.

Dann verstummten Beide. Das Meer lag in überwältigender Großartigkeit vor ihnen ausgebreitet – so weit, als könnte der Sinn es nicht erfassen, so nahe, als sei es ein Theil ihrer selbst. Das dichte Laub der Büsche, welche die Klippe niederwärts bestanden, verbarg Landschaft und Ufer; nur die grünen Blätter zitterten als letzter, leiser Gruß der Erde zwischen den beiden jungen Gestalten und den unendlichen Wassern, die an den Himmel grenzten, gleich ihren Gedanken. Verhallt jeder Laut, überwältigt selbst das eigene Leben und Lieben. Nachdem sie einander mit einem einzigen langen Blick angeschaut, hing ihr Auge wie gebannt an der ruhigen Majestät des Meeres. Die langsam sinkende Sonne warf goldigen Hauch darüber hin und wob lichte Glorie um ein Segelschiff, das sich schwanenruhig am Horizonte wiegte.

Ernst Wernick’s Auge hing so gespannt an dem schimmernden Segel, das unbeweglich zu ruhen schien, als vernähme er ein Orakel. Sobald es nun weiterzugleiten begann, wandte er den Kopf und sah Dora an. Auch ihr Blick folgte dem ziehenden Fahrzeug, als wüßte sie des Freundes Gedanken.

Seine Hand erfaßte die ihre: „Noch badet sich’s im Lichte,“ sagte er halblaut, „dann schwindet es hin. So muß auch ich bald aus Licht und Glanz von dannen – wird Ihr Gedanke mir folgen, wie dem scheidenden Segel? Dora, sagen Sie – können Sie mich lieben?“

Dora sprach kein Wort. Sie nickte nur still, zog die Hand, welche ihre Rechte umschloß, empor und legte ihre Wange darauf. In der Bewegung lag so volle Hingebung, daß Ernst’s zögerndes Hoffen urplötzlich zum siegreichen Glück aufglühte. Sein Arm umfing die reizende Gestalt; sein Mund flammte auf ihrem Munde. „Meine Dora – meine Braut!“

Nur Himmel und Meer waren Zeugen des Bundes. Den jungen Lippen, welche sich Treue gelobten, war bis zu dieser Stunde noch nie ein Liebeswort entglitten; die Augen, welche ineinander tauchten, gaben und empfingen ihren Strahl aus ungekannten Sphären. Alle Himmel thaten sich auf.

Nahe Stimmen aus dem Walde weckten die Liebenden aus dem [773] ersten Glückstraum. Dora sprang auf; noch einmal tranken ihre Augen jeden Zug des geliebten Gesichtes in sich, dann enteilte sie, indem sie den Finger auf die Lippe drückte, und stand, als die Gesellschaft aus der Lichtung trat, bereits auf einer etwas tiefer gelegenen Stelle unter einem Rund von Bäumen, während Ernst den Anlangenden entgegenging.

Nicht seines Mädchens Auge allein haftete bewundernd auf dem jungen Mann, während er, von seinem Glück wie auf Flügeln getragen, einherschritt. Ein eigenthümlicher Hauch des Idealen umgab diese Jünglingsgestalt, blickte aus den dunkelblauen Augen, ruhte um den feinen, ernsten Mund. Wo er immer erschien, fesselte er das Interesse, ohne selbst etwas dazu zu thun, als daß er sich gab, wie er war. Es giebt einen indischen Stamm, dessen Unsterblichkeitsglaube dem Bösen jede Fortdauer abspricht, dem Guten aber in der Sterbestunde eine Lichtgestalt erscheinen läßt, die ihm sagt: „Ich bin, was Du gewollt hast, aber nicht erstreben konntest. Komm’ mit, es jetzt zu erreichen!“

Aehnlich wirkte Ernst’s reine, tief wahre Natur auf Alle fast, denen er begegnete. Die Lichtgestalt der eigenen frühen Jugend trat vor sie hin und sprach: „Was Du gewollt und nicht erstrebt – Dieser erreicht es.“

Und dennoch war, als Dora am Abende desselben Tages den Eltern in ihr Schlafzimmer folgte und ihnen vertraute, daß sie dem Gaste des Hauses Wort und Treue gegeben, der Eindruck dieses Geständnisses mehr Bestürzung als Freude. Namentlich erschrak Frau Sophie, so lieb ihr auch der junge Mann war, den sie seit seiner Kindheit kannte, wie ihren eigenen Sohn. Der Gedanke, Dora je mit ihm verbunden zu sehen, lag ihrem Geiste so fern, daß der trauliche Verkehr des Paares ihr nicht die geringste Besorgniß eingeflößt hatte. Jetzt hielt sie mit ihren Bedenken nicht zurück: Auf der einen Seite ein junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren, geistreich und strebsam zwar, aber erst auf der Schwelle künftigen Lebensberufes, ohne Vermögen, selbst ohne Protection, vor einer noch ganz unsicheren Zukunft stehend – auf der anderen Seite Graf Mattern, der unverblümt geäußert, daß er Dora nur im Falle seiner Zustimmung zu einer von ihr getroffenen Wahl ausstatten würde, um dessen guten Willen solche Partie, die sicher seinen Ansichten nicht entsprach, Dora bringen könnte – dieses Bedenken gab das Thema zu lebhaften Einwendungen, die bei ihrem Manne nicht ohne Echo blieben. Sah Rostan, der den ganzen Werth Ernst’s kannte und anerkannte, auch mit freierem Blick auf das Verhältniß, welches sich geknüpft, so erfüllte es doch auch ihn mit ernsten Besorgnissen. Er beurtheilte Dora zu richtig, um vor ihr auszusprechen, daß seine Sorge sich vor Allem auf ihr eigenes reizbares Naturell richte. Ob ein Gefühl probehaltig sein würde, das, in täglichem Zusammenleben aufgekeimt, doch nur wenige Wochen zur Basis seines Entstehens hatte; ob seiner Tochter bewegliches, viel forderndes Wesen zu dem ernsten, beinahe strengen Charakter ihres Erwählten überhaupt passe; ob die junge Liebe all den Opfern gewachsen sei, welche hinsichtlich der Lebensgewohnheiten Dora’s und der ihr Jahre hindurch eingeimpften Ansprüche von ihr gebracht werden müßten – das waren schwere Bedenken, die ihn allem Bitten und Stürmen seines Kindes gegenüber fest machten. Er versagte, jetzt in eine Verlobung zu willigen, und forderte Aufschub jedes bindenden Gelübdes, bis Ernst in der Lage sei, an Gründung eines Hausstandes zu denken. Hatten die Jahre, welche bis dahin verfließen mußten, die Treue erprobt, dann blieb es frühe genug, ein unwiderrufliches Band zu knüpfen.

Dora widerstand dieser Forderung mit aller Leidenschaftlichkeit ihres Fühlens und Denkens. Was galt ihr der Graf, was galten ihr die Gewohnheiten eines Lebens voller Luxus, welche sie meinte abstreifen zu wollen, wie ein überflüssiges Gewand! Ihre Liebe verleugnen und vertagen, um äußere Vortheile nicht in Frage zu stellen, erschien ihr empörend, und doch mußte sie sich fügen, denn nach einer Unterredung, welche ihr Vater am folgenden Morgen mit Wernick tauschte, fand sie den Geliebten überzeugt, daß die an ihn gestellte Forderung erfüllt werden müßte.

Dora begriff ihn nicht, wollte ihn nicht begreifen. Die erste Wolke stieg am Himmel der Liebenden empor. Sie zürnte; er litt, ließ sich aber nicht bestimmen, Dora’s Verlangen nachzugeben, die ihn drängte, den Grafen aufzusuchen, sich ihm vorzustellen und dort um sie zu werben, um so zu ertrotzen, was ihr der eigenen Eltern Wille noch entzog. Erst im Moment des Scheidens empfing er wieder einen Blick der Liebe.




7.

Alles, was Dora das Elternhaus lieb und theuer gemacht, erblich vor dem Widerstande, den sie gefunden. Umsonst versuchte des Vaters liebreiche Hand, das Kind wieder so nahe an sein Herz zu ziehen wie zuvor; sie wandte sich kühl von ihm, trotziger noch von der Mutter ab, deren Weltklugheit sie die Schuld von Dem beimaß, was sie jetzt litt. Um so fester schloß sie sich an Robert, den einzigen Vertrauten ihrer Liebe. Hatte Ernst dem Vater auch sein Wort gegeben, mit Dora keine Briefe zu wechseln, bis derselbe es gestatten würde, so bestand seinem jungen Freunde gegenüber gleiche Vorschrift nicht, und Alles, was sich die Liebenden nicht sagen durften, stand zwischen den Zeilen der häufig hin- und wiedergehenden Briefe.

Schon brach der Winter herein, als ein paar kurze Zeilen des Grafen Mattern sein nahes Eintreffen in Danzig ankündigten und er denselben fast auf dem Fuße folgte. Er kam allein mit der Absicht, Thea zu seiner Frau zu bringen, mit welcher er sich vor Kurzem in der Residenz eingerichtet hatte.

Dem früheren Entschlusse entgegen, stimmten das junge Mädchen und ihre Eltern ohne Einwendung zu, Dora mit geheimen Absichten, Rostan mit dem Gedanken, daß ein vorübergehendes Zurücktreten in die langgewohnten Verhältnisse jetzt als Probe des Neuerlebten sehr am Platze sei, Sophie mit der stillen Hoffnung, eine Zukunft, die ihren Erwartungen nicht entsprach, den glänzenden Aussichten wieder weichen zu sehen, von denen sie für all die Ihrigen so viel erträumt hatte.

Graf Hugo verbarg die Befriedigung nicht, womit er seine Pflegetochter wiedersah. In der That hatte sich Thea’s Schönheit während dieses letzten Jahres glänzend entwickelt.

Schon während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit und der gemeinschaftlichen Reise bot Thea allen Reichthum ihres Wesens auf, um dem Grafen innerlich nahe zu rücken; all ihr Hoffen und Denken bewegte sich nur Einem Ziele entgegen. Den Ansichten ihrer Eltern zum Trotze, dem eigenen Urtheile über Mattern entgegen, das aus ihren Erinnerungen aufstieg, wollte sie seinem Gemüthe abgewinnen, was seine Weltanschauung allerdings nicht zu gewähren versprach. Es bedurfte der Zeit, bis ihre Jugend begreifen lernte, daß Phantasie über leere Klüfte wohl Brücken schlagen, den Abgrund aber nicht ausfüllen kann. Als sie das Haus ihres Pflegevaters betrat, sah sie in ihm noch die Züge des selbstgeschaffenen Bildes und bedurfte solcher Illusion um so mehr, als Gräfin Wanda ihr vom ersten Moment an tief unsympathisch war und blieb.

Die Gattin, welche Mattern sich erwählt, gehörte einer der vornehmsten magyarischen Familien an. Eine aristokratische Erscheinung, aber keine aristokratische Natur. Ganz und gar fehlte ihr der vornehme Zug, die Dinge im Einzelnen gehen zu lassen. Ein rastloses Sichbekümmern um Alles und Jedes, was in ihren Bereich kam, wurde durch beste Formen zwar im Ausdrucke, aber nicht in der Wesenheit beschränkt. Das junge Mädchen, dessen Stellung zu ihrem Gatten sie in ihrer Weise aufgefaßt und angenommen hatte, mißfiel ihr von Anfang an durch die Selbstständigkeit, womit sie sich bewegte, womit sie den Ton des Protegirens, der ihr entgegenklang, ganz und gar zu ignoriren verstand. Noch mehr! Thea, vom Grafen in jeder Weise gehalten und gehoben, erregte Aufsehen und wurde zur bewundertsten Persönlichkeit, so oft sie erschien. Zwar begleitete sie Mattern selten oder nie in Gesellschaft außer dem Hause, der vielbesuchte Salon der Gräfin bot jedoch ein Terrain, auf welchem Raum genug war, eine außergewöhnliche Erscheinung zur vollen Geltung zu bringen. Während Graf Hugo eine persönliche Eitelkeit darein setzte, die Erfolge seines Pflegekindes so bemerklich zu machen wie möglich, wurde seiner Frau die Rolle, welche das bürgerliche Mädchen in ihrem Kreise spielte, geradezu unerträglich. Zu hochmüthig, dies auch nur anzudeuten, befriedigte sie ihren Mißmuth durch hundert kleine Nadelstiche, welche Thea’s stolzen Charakter jedoch nur zu stummer Opposition reizten, die sich in völliger Nichtbeachtung der versteckten Angriffe äußerte.

Von Tag zu Tag gewann das junge Mädchen mehr an Sicherheit und freier Beherrschung der gesellschaftlichen Formen; [774] von Tag zu Tag verlor sie dabei an jener Lauterkeit des innersten Wesens, die in der Heimath so duftend emporgestiegen war. Thea selbst empfand dies nur zu oft. Dann überfiel sie ein Heimweh, eine Verlassenheit, die sie in trostlose Stimmungen stürzte; dann flüchtete sie zu den Briefen, die, ihrem Bruder geschrieben, ihr zugedacht, regelmäßig den Weg zu ihr fanden, und badete darin ihre Seele wieder rein. Ernst lebte in ihrem Gemüth als Urbild alles Edeln und Hohen. Er stand ihr an der Stelle der Gottheit, zu der sie längst verlernt hatte den Weg zu finden. Diesem schwärmerisch geliebten Bilde gegenüber erschrak sie dann vor sich selbst. Eine Ahnung überkam sie, als wäre sie seiner nicht werth; sein unbeugsam reiner Sinn, der Alles verschmähte, was ihm zu klein und niedrig für sein wahres Sein erschien, zeigte ihr das eigene Spielen mit der bunten Welt, in der sie lebte, oft in vernichtender Beleuchtung. Noch hatte sie nicht mit dem Grafen gesprochen – anfangs warnte sie davor nur ein banges Befürchten des Mißerfolges; später zögerte sie freiwillig hin, was ihr im Wirbel der vielbewegten Tage nicht am Platze schien, und sagte sich, im Sommer, auf dem Lande würde sie bei ihrem Pflegevater bessere Stimmung für solche Mittheilung finden. Ein äußerer Anlaß sollte gelegentlich zur Sprache bringen, was Thea vor Monaten so stürmisch zu erzwingen gedacht.

Einer der jungen Männer, welche im gräflichen Hause verkehrten, ein wohlhabender Officier von angesehener bürgerlicher Familie, hielt um ihre Hand an, und Graf Hugo machte seinen Freiwerber. Wie sehr sie ihrer Sache geschadet, indem sie nicht dem ersten Herzensinstinct gefolgt und ihrem Pflegevater gleich nach dem Wiedersehen den geschlossenen Bund anvertraut, hatte Thea nun zu empfinden. All’ ihren Worten zum Trotz behandelte Graf Hugo das Geständniß, welches sie ihm ablegte, ganz obenhin als bloße Kinderei, die von ihren eigenen Eltern richtig taxirt worden sei, und als Thea ihm mit leidenschaftlichem Nachdrucke erklärte, sie betrachte sich als Braut und würde nie einem andern Manne die Hand reichen, erwiderte er ihr scharf und trocken, daß er seinerseits zu einer so unpassenden Partie weder seine Zustimmung geben, noch je dazu beitragen würde, solche Heirath möglich zu machen.

Diese Unterredung, dieses Beanspruchen von Rechten, welche Thea dem Grafen keineswegs zugestand, regte ihr Selbstgefühl zugleich mit ihrer Liebe leidenschaftlich auf. Alles, was sie äußerlich umsponnen hatte, wich vor den Forderungen ihrer innersten, groß angelegten Natur zurück. Sich unabhängig zu stellen, um ihre Liebe mutig zu kämpfen, sei es auch in der Gestalt, die ihrem Naturell am schwersten zu erfassen war – des Wartens und Schweigens, erschien ihr allein möglich. Sie schrieb ihrem Vater und öffnete ihm ihr ganzes Herz mit all’ seinen Schwächen, in all’ seiner Kraft. Schonungslos klagte sie sich selbst des Einflusses an, den der Cultus der Eitelkeit auf ihr Sein und Wesen geübt, und bat, sie heimzurufen, damit sie wieder gesunde.

Die Antwort auf diesen Brief blieb lange aus. Als sie endlich kam, war sie ein Donnerschlag. Der Vater, an dessen liebevolles Herz sie sich geflüchtet, hatte die Worte seines Kindes nicht mehr vernommen. Auf einer Dienstreise schwer erkrankt, hatte der Rath sein Haus nur erreicht, um dort die Augen für immer zu schließen.

Thea stand wie erstarrt vor dem ungeahnten Geschicke. Daß sie begehrte, sofort zu den Ihrigen zu reisen, fand keine Widerrede; die Gräfin selbst zeigte sich theilnehmend und bestand darauf, ihre eigene Kammerfrau als Begleiterin bis zur letzten Tagesstation mitzugeben. Thea widersprach in nichts. Sie verlangte nur nach Hause, mit dem dumpfen Gefühl, daß ihr starres Empfinden dort allein sich in Thränen lösen könnte.

Ja, Thränen flossen ohne Ende in dem Hause der Trostlosigkeit. Sophiens stets so frische Kraft schien gebrochen. Es war, als sei mit dem Hausvater der bindende Reif gefallen, der alles Leben der Seinen gehalten, als stürze nun Alles und Jedes zusammen. Nicht der männliche liebevolle Geist allein, auch die nährende Hand war dahin, und rathlos erschien die Zukunft. An der völligen Vernichtung, welche die Mutter gleichsam lähmte, stärkte sich Kraft und Wille der beiden ältesten Geschwister. Dora fand hier den Schwerpunkt wieder, der ihr während des letzten Jahres abhanden gekommen war. Sie übersah klar, was geschehen mußte, und daß es an ihr sei, Das, was vor Kurzem noch Gefahr und Versuchung gewesen, nun zum Opfer zu heiligen.

Sie schrieb zum erstenmale an Ernst – keinen Liebesbrief, wie das bräutliche Herz ihn in Gedanken tausendmal geschrieben. Mit voller Offenheit bekannte sie dem Geliebten Alles, was in ihr, was um sie her vorgegangen, legte ihm die gegenwärtigen Verhältnisse und was sie selbst zu tun gesonnen, dar und forderte seine Entscheidung.

Er brachte die Antwort selbst und brachte damit Trost in’s Haus, in all die leidvollen Herzen. Erst jetzt empfand Dora ganz, was er ihr war. Selbst wenn er nicht in ihrer Nähe, wenn sie aus dem anstoßenden Raume seine Stimme vernahm, einen Schimmer seiner Gestalt sah, erschauerte in ihr ein süßes Gefühl, das Trauer und Thränen in unbewußtes Lächeln verwandelte – wie Nebelbilder glitten dann vielfache Gestalten, die ihr begegnet, die sich ihr zu nähern versucht, an dem träumenden Sinn vorüber – wesenlos! Er war der Eine, der Einzige. Alles, was echt, was gut in ihr war, hob sich wie auf Schwingen, gehörte ihm allein. Ihr ganzes Innere blühte, duftete, strömte dem Geliebten entgegen – ihr war, als habe sie nicht nur ihn, als habe sie sich selbst wiedergefunden nach langer Entbehrung, langer Verbannung. An seiner Seite sitzen oder schreiten, in das tiefe, stille Auge blicken, ihren Namen mit dem Klang nennen hören, der nur der Liebe eigen, war Seligkeit.

Ernst betrachtete sich von dem einst dem Hingeschiedenen gegebenen Worte frei; wie die Verhältnisse heute lagen, durfte er den Verlassenen eine moralische Stütze für die Gegenwart, ein Halt für die Zukunft sein. Er besprach mit Dora und Robert, was zu thun möglich, und sie legten der armen, noch immer stumpf hinbrütenden Mutter bestimmt gefaßte Vorschläge zur Erwägung und Entscheidung vor, denen sie nicht nur ihre Zustimmung gab, sondern woran sogar ein Funke ihrer alten Energie wieder aufzuleben schien. Der Gedanke, daß sie mit den Kindern in ihre Vaterstadt übersiedeln und dort mit Beistand ihrer Verwandten eine Arbeitsschule für Mädchen gründen möchte, erschien ihr ausführbar. Die Summe, welche vom Grafen Mattern alljährlich als Zins des niedergelegten Capitals zu Dora’s Gunsten an Rostans gesandt wurde, sollte verwandt werden, um Robert’s bevorstehende Universitätsjahre zu ermöglichen, für welche Ernst ein Zusammenleben mit ihm anbot. Dessen eigenes Doctorexamen war bereits abgelegt; in drei, längstens vier Jahren hoffte er sein nächstes Ziel zu erreichen, als Privatdocent habilitirt zu sein und eine auskömmliche Existenz erreicht zu haben. Bis dahin mußte Dora im Hause des Grafen ausharren. Ernst gelobte der Mutter, daß er die Stellung seiner Braut zu ihrem Pflegevater durch keine Unvorsichtigkeit gefährden und das Geheimniß wahren würde, bis er in der Lage sei, als selbstständiger Mann ihre Hand zu begehren.

Die Liebenden tauschten Ring und Gelübde.

[798]
8. Thea.

Ein Jahr war vergangen. So ungern Graf Hugo darauf verzichtete, mit Thea Parade zu machen, hatte er doch ihrer Trauerzeit Rechnung getragen. Das Stillleben, welches sie sich nach ihrer Rückkehr von der Heimath zu schaffen gewußt, und worin er sie gewähren ließ, brachte sie der Gräfin etwas näher.

Ein Sohn und Erbe wurde inzwischen geboren; man verlebte mehr Zeit auf dem Lande, als während des ersten Ehejahres, und die Liebe, welche Thea dem kleinen Stammhalter zeigte, gewann ihr die Nachsicht der Mutter in um so höherem Grade, als zu den früheren Aergernissen jetzt kein Anlaß vorlag. Daß der Graf mit seiner Pflegetochter philosophische Werke las und von den Literaturen aller Länder naschte, störte seine Frau höchstens dann, wenn die ihr langweiligen Studien in ihrer Gegenwart zum Gesprächsthema wurden. Im Stillen tauchte ihr der Gedanke auf, in dem klugen Mädchen, deren Zwitterstellung sie schwerlich zu einer passenden Heirath mochte gelangen lassen, später eine ganz geeignete Gouvernante für ihre Kinder zu besitzen; dies gab Thea’s Zugehörigkeit zur Familie in ihren Augen gleichsam einen Boden.

Graf Hugo, dessen jüngste Laune sich auf Naturwissenschaften und dahin einschlagende Philosophie geworfen, gab die Weisheiten, welche ihm aufgingen, frisch und mit seiner individuellen Auffassung verbrämt, an die junge Schülerin weiter. Alles, was er ihr bot, war von prächtiger Façade und lud zum Eintritt ein. Das geistvolle Mädchen, deren Scharfsinn es nicht entging, daß ihr Wegweiser von den Dingen, die er ihr zeigte, nur die glänzende Oberfläche sah, fand sich vom brennendsten Durst ergriffen, in die geheimnißvollen Tiefen zu tauchen, aus welchen früher Gehörtes, Unverstandenes ihr doch schon als Bekanntes entgegenleuchtete. Mit Ungestüm drang sie in den dunkeln Schacht, um zu den Goldadern zu gelangen, die sie dort ahnte. Gewöhnt, all ihr Denken an das Bild des geliebten Freundes zu knüpfen, wurden ihre Briefe an ihn, welche unter Robert’s Adresse häufig gingen und kamen, nach und nach zu Tagebüchern eines Strebens und Forschens, das Ernst keineswegs erfreute. Ihm war der Geist des Weibes ein köstlicher, erquickender Quell, an gesegneter Stätte entsprungen und eingehegt, ein Brunnen, der ihr allein gehört, aus dem Keiner schöpfen darf, dem sie es nicht gestattet. Tiefstes Bedauern ergriff ihn, so oft er sah, daß solch eine Begnadete hinausging an den großen See, wo ihrer Hunderte stehen, um aus- und einzugießen, was sie holen und bringen, und daß sie meinte, was sich dort schöpfen ließ, sei mehr werth, als ihre eigene Quelle. Der reine Sinn, der Scharfblick des eigenen prophetischen Herzens lehrte nach seiner Ueberzeugung das Weib die ganze Welt verstehen; dieses Orakel mußte ihr stets Alles verkünden, woran am meisten gelegen. Und gab er Ausnahmen zu, war ein Vertiefen in abstracte Fragen für einzelne Frauen wirklich ein Lebensbedürfniß, seine Dora war solche Ausnahme nicht! Diese phantasievolle, leidenschaftliche Natur bedurfte übersinnlicher Ideale; wenn sie die steilen Höhen, von welchen aus weiteste Umschau geboten, wirklich erklimmte, so würde sie dort eine Luft finden, in der zu athmen für sie unmöglich war.

Er sprach diese Ueberzeugung rückhaltlos gegen Thea aus und erweckte damit in ihr tiefste Mißstimmung. Sie fühlte sich unverstanden und gedemüthigt. Der geistige Hochmuth, welcher sich in halbfertigen Naturen am schärfsten regt, bäumte sich auf. Und wie denn Alles leicht mißverstanden wird, was sich, aus seiner Verbindung gerissen, einzeln der Betrachtung darstellt, erschien ihr des Verlobten liebevolles Ablenken nur engherzige Nichtachtung ihrer Fähigkeiten. In den Briefwechsel, der seit einem Jahre Beider höchstes Glück gewesen, schlich sich jene leise Verstimmung ein, die aus Scheu, falsch verstanden zu werden, sich nicht zur lösenden Offenheit losringt, und Todesgefahr im Gefolge führt, wenn das kranke Selbstgefühl sich in stolzes Schweigen verhüllt. Was ein Blick, ein Händedruck oder ein warmes Wort rasch ausgleicht, glimmt träge und doch zerstörend fort, wo das zwischen Zürnen und Sehnen geschriebene Blatt Tage und Nächte bedarf, bis es die Hand, das Herz erreicht, für das es bestimmt ist.

Ernst empfand die Kühle, welche ihn aus den Briefen der Geliebten anwehte, mit tiefem Schmerz; im Bewußtsein voller Liebe und Treue versuchte er jedoch nicht, stürmisch wieder zu gewinnen, was, wie er empfand, unveräußerlich sein war. Er kannte die gährenden Elemente des Feuergeistes, dem er sich verbunden, und vertraute auf die Kraft der wahren, tiefinnersten Natur Thea’s.




9.

Ende Mai, als Matterns sich eben rüsteten, von der Residenz nach dem Gute überzusiedeln, empfing Thea einen kurzen Brief aus der neuen Heimath der Ihren, welcher ihr mittheilte, die Mutter sei erkrankt und verlangte nach ihr. Erschreckt durch diese Nachricht, reiste das junge Mädchen sogleich ab und traf Frau Rostan zwar außer Gefahr, aber noch schwer leidend. Wochenlanges Krankenlager ließ, trotz der sorgfältigsten Pflege, bei Frau Sophie eine Schwäche und Niedergeschlagenheit zurück, die für Thea äußerst bedrückend war. Die ganze Frische ihrer Mutter, welche so deutlich in der Erinnerung ihrer Kinder lebte, war dahin. Sie hatte sich geistig von dem Schlage nicht mehr erholt, welchen sie durch den Verlust des Gatten erlitten. Ueberanstrengung mochte mitgewirkt haben, ihre körperlichen [800] Kräfte zu lähmen, und jetzt nach überstandener Krankheit schien das einst so sanguinische Temperament ganz in das Gegentheil umgeschlagen. So oft sie mit ihrer Tochter allein war, gab sie den Sorgen und Klagen Ausdruck, welche ihre Gedanken einnahmen.

„Was soll aus den Kleinen werden, wenn ich, wie es eben noch so nahe gedroht, frühzeitig sterben muß?“ – immer und immer wieder drängte sich diese Frage auf ihre Lippen. Seufzend gedachte sie des von Thea geschlossenen Bundes:

„Wenn nun Alles übel endet? Wenn sich der Graf, entrüstet über die Nichtachtung seines Willens, beleidigt von Dir abwendet, sobald Du das Ziel, Wernick Deine Hand zu reichen, erlangt hast? Wer soll dann für die Waisen sorgen? Robert bedarf noch auf Jahre hinaus selbst der Beihülfe; Wernick kann im glücklichsten Falle für den eigenen Hausstand Rath schaffen. Wie anders hätte Alles sich gestalten können, wenn –“ Der nicht ausgesprochene Schlußgedanke dolmetschte sich in einem Blick des Vorwurfs.

Thea widerstand dem Drängen des Grafen, zu ihm zurückzukehren, nicht länger, als ihr die Pflicht gebot. Ihre Mutter war wieder rüstig genug, um keines Beistandes mehr zu bedürfen; es gab für Thea Nichts mehr zu leisten, und sie fühlte sich wie erlöst, als sie Anfang Juli ihr baldiges Eintreffen nach Schloß Mattern melden durfte. Wie bedrückend erschien ihr diesmal die Enge des eigenen Familienlebens! Dahin jeder Reiz der Erinnerung, welche diese kleine Welt einst so reich erscheinen ließ – fremde Umgebungen, niedrige Räume – dahin der warme Blick des Vaterauges, Alles so kleinlich, so kümmerlich um sie her, daß ihr war, als müßte sie vor Mangel an Lebensluft ersticken. Sie ließ als Gabe Alles zurück, was sie irgend besaß. Mehr beschämt als freudig, verschenkte sie alles an die Ihrigen. Der Graf hatte ihr, als die Zeit ihrer Rückkehr fest stand, einen Carton mit hübschen frischen Sommertoiletten zugesandt. Er knüpfte daran die Bitte, nun, nachdem länger als ein Jahr über ihren Verlust hingegangen, auch die Trauer abzulegen, er bat zugleich um das Versprechen, daß sie sich fortan nicht mehr vom geselligen Verkehr abschließen würde.

Thea gestand sich nicht, wie sehr dieser Wunsch ihrem eigenen momentanen Bedürfnisse entgegenkam. Durch neue Eindrücke, durch äußerlich bewegtes Leben und Treiben all den peinlichen Gedanken zu entrinnen, welche sie während der letzten Monate bedrängt hatten, erschien willkommen. Als sie eintraf, fand sie das Schloß mit zahlreichen Gästen besetzt. Besuche aus der Kreishauptstadt, einzelne Passanten, die ein paar Tage blieben, um neuen Erscheinungen Platz zu machen, endlich Verwandte der Gräfin, die zu längerem Verweilen aus Ungarn gekommen, füllten das Haus.

Thea’s Persönlichkeit, Manchen bekannt, Anderen neu, wirkte sofort belebend. Das schöne Mädchen ward unmerklich zum stillschweigend anerkannten Mittelpunkte für den anwesenden Kreis, und das Verlangen, die geheime Mißstimmung zu übertäuben, die in ihr wühlte, ließ sie mit all ihren Gaben und deren Wirkung spielen wie mit Bällen, welche der Jongleur in die Luft wirft, um sie selbst wieder aufzufangen. Nichts von Coquetterie lag in der Weise, womit ihr glänzendes Naturell sich äußerte; aber eine fieberische, ihr sonst nicht eigene Lebendigkeit brach Stunde um Stunde hervor, um raketengleich aufzuflammen und ebenso plötzlich wieder zu verlöschen. Sie nahm jede Huldigung, die ihr gebracht wurde, in ihrer sorglosen und doch stolzen Weise hin, ebenso unbekümmert um der Gräfin Stichelreden wie um die prahlerische Eitelkeit, mit der Graf Hugo seine Pflegetochter zur Schau zu stellen stets bedacht blieb. Die Freiheit, mit der ein so junges Mädchen sich zwischen Allem bewegte, erregte indeß bald das Staunen oder den stillen Aerger Derer, welche ihre Stellung zum Hause kannten. Dafür aber, daß über letzteren Punkt Niemand in Zweifel bleiben konnte, sorgte die Gräfin, namentlich ihren Verwandten gegenüber.

Fast schien es, als hätte diese Mittheilung das Interesse, welches sie dämpfen sollte, bei einem derselben noch erhöht. Stephan Sandor, ein Vetter der Hausfrau, hielt sich von der ersten Stunde an, in der ihm Thea begegnete, wie gebannt in ihrer Nähe und warf die ganze Macht seiner Persönlichkeit in jeden Moment, den er mit ihr verlebte. Nicht umsonst. Ohne die gebotenen Lebensformen zu verletzen, löste er allmählich das schöne Mädchen gleichsam los von ihrer Umgebung. Der Platz an ihrer Seite, ein Fluß des Gesprächs, wie er nur Zweien unter Vielen möglich wird, das Recht, ihr jene stillen Aufmerksamkeiten zu erweisen, die namenlos sind und doch Geber und Empfänger so eigenthümlich aneinander fesseln, dies alles war nach kurzer Zeit sein Monopol geworden. Befand er sich nicht neben ihr, so folgte ihr sein Auge wie ihr Schatten; er wußte stets, wo sie war, was sie eben that; mitten im Gespräche mit Anderen wandte er oft plötzlich den Kopf, um mit einem kurzen Worte, das wie ein Vogel zu ihr hinüberflatterte, den Beweis zu geben, daß kein Laut von Dem, was sie zu einem Dritten gesprochen, ihm entging. Bald erblickte man diese Beiden immer zusammen. Die Freiheit des Landlebens unterstützte den geheimen Zug des Suchens und Findens. Es war, als unterliege Thea einer souverainen Macht, der Widerstand entgegenzusetzen nicht möglich sei.

Stephan Sandor gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die sich dem Gedächtnisse unverwischbar einprägen, selbst wenn man ihnen nur einmal begegnet und nicht wieder, gleich ungewöhnlich durch die fesselndste äußere Erscheinung wie durch sein geistiges Gepräge. Die kühn geschnittenen lebensvollen Züge interessirten. Ein Blick großer Sanftheit weckte sofort das Vertrauen; bei jeder Regung glühte sein ganzes Wesen auf wie ein Funken eines verborgenen Feuers. Ein wunderbar verwandter Zug blitzte Thea im Verkehre mit dem jungen Ungar entgegen. So oft er sprach, war ihr, als träten ihre eigenen Gedanken wie lebendig gewordene Geister vor sie hin – doch nicht ihre Gedanken allein. Wenn sie seinen Ideen auch zu folgen, seine Phantasien zu überflügeln und seinen überlegenen Geist zu fassen vermochte – Eines war an und in ihm, das sie rührte und fesselte, wie nichts auf Erden je zuvor: eine Kindlichkeit des Gemüthes, die sein ganzes Wesen durchströmte, wie ein frischer Quell. An Das, was er gab, nicht unbedingt zu glauben, war unmöglich, und hier lag der Schlüssel zu der Macht, welche Stephan auf Alle übte, denen er sich je gewidmet, zu derselben Macht, welche auch Thea mehr und mehr umspann. Sie wußte selbst nicht, wie ganz sie in dieser Erscheinung aufging, die gleich einem Meteor in ihr Leben gefallen war; aber sie folgte ihm willenlos in alle Stunden und Tage hinein, wie dem Winke eines Magnetismus, vor dessen leiser Beschwörung jedes Besinnen schwindet und nur der Traum übrig bleibt.

Nach einem jener heißen Augusttage, die sich in so köstlichen Nächten ausleben, begab sich die Tischgesellschaft, als die Abendtafel aufgehoben war, aus dem Gartensalon nach dem tiefer im Park gelegenen Teiche, über welchem um diese Stunde der Mond zu erwarten stand. Bereits zitterte silbernes Licht im weichen Reflex über das Wasser hin, in dessen stiller Ruhe jeder einzelne Stern sich spiegelte. Die Nacht trug ihren Königsmantel; auf dunkelblauem Grunde flimmerte Funke an Funke. Kein Blättchen regte sich; nur der Duft des Jasmins drang mit betäubender Süße aus den Büschen. Ein Lauschen rings, als verhauchte selbst der leise Athem der Natur, harrend und hoffend. Da brach Gesang die Stille. Weiches Tönen melodischer Frauenstimmen, die jenseits des Wassers ein zweistimmiges Lied sangen: „Du bist wie eine stille Sternennacht“.

Stephan trat zu Thea, die im Schatten stand und schweigend in die Höhe blickte. „In meiner Heimath,“ sagte er mit gedämpfter Stimme, „in Winternächten ist es, als zuckte der ganze Himmel. Jeder Stern scheint dann zu beben. Das gleicht Ihnen – auch Sie sind keine stille Sternennacht.“

Sie schüttelte schweigend das schöne Haupt und ließ die Wimpern sinken, ohne damit den Tropfen verbergen zu können, der sich langsam löste und über ihre durchsichtig blasse Wange fiel.

Stephan ergriff ihre Hand. „Thea,“ sagte er mit leidenschaftlicher Innigkeit, „wollen Sie mir folgen in meine schöne Heimath? Thea, können Sie mich lieben?“

„Können Sie mich lieben?“ Dieser Klang, dieses Wort, dereinst von einer anderen Stimme gehört, nicht unter den Sternen, nein, im klaren Lichte des Tages, Antwort heischend, wie heute, und Antwort empfangend als williges Gelöbniß der Treue! Ein Abgrund gähnte plötzlich vor Thea auf. Ihr war, als sei eine Saite gesprungen, deren Riß für ewig alle Harmonie ihres Innern unmöglich gemacht, als sei etwas zerbrochen, das sich nimmer aneinanderfügen ließ. Mit gewaltsamer Hast zog sie ihre Hand zurück, warf einen heftigen Blick zu dem Gesicht [801] empor, das sich über sie beugte, und verschwand ohne eine Silbe, einen Laut.

Wie sie ihr Zimmer erreicht, wußte sie nicht. Wie lange sie auf den Knieen gelegen, das Angesicht in die Polster des Stuhles gedrückt, vor welchem sie sich niedergeworfen, wußte sie nicht. Als sie aus dem Wirbel tobender Empfindungen zum Besinnen auffuhr, war es tiefe Nacht um sie her. Sie strich sich die Haare aus den Schläfen, wie eine Traumwandlerin, stand einen Moment regungslos, fachte dann Licht an und trat ungestüm an ihr Schreibpult, das sie erschloß, um aus einem der Fächer ein Bild hervorzunehmen. Ihre Augen hingen an den Zügen des Mannes, dem sie Treue gelobt, so durstig, als wollten sie jede Linie in sich trinken, bis sie plötzlich die Hand mit dem Bilde wie leblos sinken ließ.

Sie empfand in sich eine Möglichkeit, an welche sie nie gedacht – die Möglichkeit neuer Liebe. Die Farben dieses Bildes standen erblaßt in ihrem Herzen, ein anderes war da, war näher, nahm ihr Sein und Denken so gefangen, daß für den Fernen nichts übrig blieb, als ein dumpfes Wehgefühl. Sie schauderte vor sich selbst. Mit fliegender Hand riß sie ein Paket Briefe an sich, löste das Band und streute die engbeschriebenen Blätter vor sich hin; ihr Auge irrte von einer Seite auf die andere. Bilder der Vergangenheit stiegen aus den Zeilen auf, waren um sie ausgestreut, gleich den weißen Bogen – Alles kalt und farblos. Sie blickte auf das Gewesene, wie ein Gestorbener auf sein Leben zurückblicken mag – es war todt, es war kein Leben mehr. Nur die Widersprüche zwischen ihrem stürmenden Temperamente und diesem fest in sich geschlossenen Charakter, nur diese traten lebendig vor sie hin. Und wo ihr Auge auf Liebesworte traf, da tönte eine andere Stimme auf und fragte drängend: „Kannst Du mich lieben?“ Die Sterne zuckten vor ihren geschlossenen Augen, und der Duft des Jasmins drang auf sie ein, ein Hauch der Leidenschaft. So ging die Nacht hin.

Am Morgen ließ Thea ihr Nichterscheinen durch Unwohlsein entschuldigen, empfing aber Graf Hugo, der wiederholt nach ihr gefragt, ein paar Stunden später in ihrem Zimmer. Sein Besuch war ihr lieb. Das Alleinsein wurde unerträglich, und doch mochte sie nicht daran denken, unter Menschen zu gehen. Der Graf ward von ihrem Anblicke frappirt. Er hatte eine Laune vermuthet und sah nun in dem gleichsam zerwühlten, gealterten Gesichte die Spuren wirklichen Leidens.

„Doch nicht ernstlich unwohl, Thea?“ fragte er besorgt, indem er sich neben ihr niederließ. „Ich kam, über Wichtiges mit Dir zu sprechen – vielleicht ist es Dir jedoch lieber, wenn das aufgeschoben bleibt?“

Jähe Glut flammte in ihrem Gesichte auf. Sie schüttelte stumm den Kopf und sah ihn erwartend an.

Mattern nahm Position. „Was wir heute zu besprechen haben, liebes Kind,“ sagte er mit einiger Emphase, „das zähle ich zu den größten Freuden meines Lebens. Sandor hat mir diesen Morgen mitgetheilt, daß er Dir seine Hand angeboten, Du aber seiner Werbung noch keine Zusage gegeben. Ich konnte ihn hierüber beruhigen – er schien sich nämlich Dein heutiges Zurückziehen zum Nachtheil auszulegen –, solche Scrupel macht sich nur die Leidenschaft. Für mich, wie für Jeden, der Dich in Stephan’s Gesellschaft gesehen, bleibt über Deine Entscheidung kein Zweifel möglich. Laß mich also der Erste sein, liebste Thea, Dir zu einer Zukunft Glück zu wünschen, welche meine kühnsten Hoffnungen für Dich überflügelt.“

Thea’s Wange wurde fahl. Sie schüttelte heftig den Kopf und versuchte zu antworten, doch erstarb der Laut an dem wilden Schlage ihres Herzens. Endlich sprach sie mühsam:

„Sie wissen, daß ich nicht frei bin.“

Der Graf machte mit eigenthümlichem Lächeln eine leichte Handbewegung. „Was soll uns diese Kinderei!“ sagte er nachlässig. „Nachdem Du selbst die Sache hattest fallen lassen, glaubte ich sie abgethan.“

„Abgetan? Ich sagte Ihnen damals, daß Ernst Wernick mein Wort hat, und Sie kennen mich nicht erst von heute.“

Mattern kannte Thea in der That und lenkte ein. „Gut,“ sagte er kühl, „dieser junge Mann hatte Dein Wort, Du aber hattest auch das meinige, und Eines hob das Andere auf. Kraft des Rechtes, das mir von meiner seligen Frau überkommen und das ich selbst mir auf Dich erworben habe, versagte ich meine Zustimmung zu dieser für Dich ganz ungeeigneten Verbindung schon vor zwei Jahren und werde sie stets versagen. Allerdings habe ich keine anderen Rechte auf Dich, als moralische, und verharrst Du eigensinnig bei dieser Thorheit, so kann ich Dich nicht verhindern, Deinem Unheil zu folgen. Nie aber werde ich die Hand dazu bieten, es Dir erreichbar zu machen. Ich kenne Dich besser, Thea, als Du Dich selbst kennst. Der Mann, dem Du zu jener Zeit, als Du noch unfähig warst, zu wählen und zu urtheilen, Dein Kinderwort gegeben, paßt in keiner Weise für Dich. Anlage, Erziehung, Lebensgewohnheiten – Alles trennt Euch.“

„Mir graut,“ fuhr er nach einer Pause fort, „wenn ich mir Deine Zukunft ausmale, wie Du sie Dir aufzubauen dachtest – enge, bürgerliche Verhältnisse im beschränktesten Sinne, und, um solches Ziel überhaupt zu erreichen, noch Jahre des Wartens, an denen Deine Jugend verblüht und die von Deiner augenblicklichen Romantik nichts, gar nichts übrig lassen werden. Willst Du behaupten, daß Du Stephan gegenüber kalt geblieben? Behauptest Du’s, Thea, so wäre ich stark versucht, der Kokette den Rücken zu wenden. Der edle Mann aber, den Du in volle Leidenschaft hineingetäuscht, empfinge das Recht, Dich zu verachten. Aber dem ist nicht also. Nieder mit kleinlichen Bedenken – ich gebe Dir Alles zu, allein über Einen von Beiden mußt Du hinwegschreiten, wie die Dinge heute stehen. Denke der Zukunft, welche Dich an Stephan’s Seite erwartet! Als Gattin dieses Mannes kannst Du sein, was ich in Dir erzogen. Seine großen Güter bieten überdies Deinem energischen Thätigkeitsbedürfniß weiten Spielraum. Er selbst ist einer der ausgezeichnetsten Männer; der Platz an seiner Seite wird Dir von den Besten Deines Geschlechts beneidet werden. Wirf muthig hinter Dich, was doch nur noch ein abgestorbener Zweig ist! Das Gegentheil wäre klägliche Feigheit, denn glücklich machst Du den Andern – jetzt wahrlich nicht mehr.“

[815] Thea saß wie versteinert. Kein Zeichen verrieth, ob sie von allen Worten, die an sie gerichtet worden, auch nur eine Silbe gehört. Mattern erhob sich und schritt schweigend auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte mit einiger Kälte:

„Ich lasse Dich allein. Hast Du keinen Auftrag für mich?“

Sie blickte nicht auf. „Sagen Sie Herrn von Sandor, mir sei nicht wohl, und ich bitte um Entschuldigung – für ein paar Tage.“

Der Graf legte die Hand auf ihre Schulter und sah sie gespannt an. „Bedenkzeit?“

„Zeit, meine elende Treulosigkeit wenigstens Dem zu erklären, der ein Recht darauf hat, sie zuerst zu erfahren,“ brach Thea aus, „Zeit, mir das Wort wenigstens zurückgeben zu lassen, das ich brechen will.“

„Es wäre besser, diese Erklärungen mir zu überlassen. Ich würde dafür die geeignete Form zu finden wissen. Doch will ich Dir hierin nicht entgegen sein; nur lasse es bald geschehen! Stephan soll erfahren, daß Dir in der That unwohl ist, und wird sich gedulden. Ich gebe Dir zu, daß Du einiger Zeit bedarfst, Deine überspannte Auffassung der Dinge zu mäßigen. Bleibe in Einsamkeit, so lange es Dir nöthig scheint.“

[816] Er ging und ließ Thea in einem Zustande zurück, der die Gefühle gleichsam zu thurmhohen Wogen aufwirbelte, gähnende Klüfte öffnete, wie ein Orcan. Eine Art von Ekel ergriff sie der ganzen Auffassung gegenüber, die ihr Pflegevater eben vor ihr entwickelt, und doch war etwas da, was ihm Recht gab. Es trieb sie vorwärts, gleich einem Wirbelwinde – nur hinaus aus der zerstörten Vergangenheit, nur fort aus Allem, was bisher ihr Leben ausgemacht. Nirgends mehr eine Stelle, wo sich rasten ließ. Wo war noch Heil? Eine Treue festhalten, die bereits gebrochen war? Wirklich in die Enge hinein, die ihr eben gezeichnet worden, in Armuth und Entbehrung hinein, und dabei das himmelsreine Gewölbe ewiger Liebe nicht mehr über sich, welches die Hütte zum Tempel umschafft? Oder, um sich selbst getreu zu bleiben, auf den Einen verzichten wie auf den Andern? Und was dann? Sollte sie so weiterleben im Hause des Grafen, kaum geduldet von seinem Weibe, für ihn selbst, nach solchem Erlebniß, sicher kein befriedigendes Spielzeug mehr, der Welt, in welcher sie lebte, eine bunte wurzellose Pflanze, die man beschaut um dann kalt weiter zu gehen? Oder sollte sie sich heim begeben zu den Ihrigen, die Sorgen der Mutter zu vermehren, nachdem sie ihre Hoffnungen getäuscht – oder hinaus unter Fremde, ihr Brod erwerben, heimathlos und rechtlos von Haus zu Hause wandern, sich beugen und fügen? – Nimmermehr! – Gleich einem Leuchtthurme über stürmischer Brandung erhob sich vor ihr die Gestalt des Mannes, der ihr allein noch geben konnte, was sie bedurfte, um weiterzuleben – neue Zukunft.

Sie schloß sich ein und begann, an Ernst zu schreiben. In fliegender Hast reihte sich Wort an Wort, das ihm absagte für alle Zeit. Während sie schrieb, stieg sein Bild vor ihr auf, wie sie es einst geschaut – während sie schrieb, lebte sie den ewig unvergeßlichen Moment auf der Adlerklippe noch einmal durch, wo sie sich ihm zu eigen gegeben. Mit furchtbarer Heftigkeit drang auf einmal die alte Liebe wieder in ihr Herz, und doch brachte sie den Brief zu Ende. Indem sie den ganzen Werth Dessen empfand, den sie aufgab, folterte sie das Bewußtsein eigenen Unwerthes bis zur Vernichtung – nichts mehr durfte er mit ihr gemein haben. Ihr Brief war keine Beichte; Stephan’s Name wurde nicht genannt. Sie erbat nur ihr Wort zurück, weil sie erkannt, daß sie nicht die Kraft besitze, demselben bis an’s Ende getreu zu bleiben. Das war Alles. Dann zog sie langsam den schlichten Reif mit dem kleinen Sapphir vom Finger, legte ihn zwischen das Blatt und siegelte den Brief. Ihr Klingeln berief den Jäger, dem sie befahl, die Posttasche zu bringen, wozu jedes Familienglied einen eigenen Schlüssel besaß. Thea versenke das Couvert in die Tasche und schloß sie wieder zu. Der leise Ton, mit dem die Feder einsprang, sollte sie verfolgen durch Tage und Nächte, lange, endlos lange Jahre hindurch.

Tage und Nächte schlichen dahin; dann kam Antwort. Ein Paket. Als Thea auf der Aufschrift die Hand erblickte, deren Züge sie Jahre hindurch mit seliger Freude begrüßt, ward ihr zu Muthe, als gälte es den Tod. Sie hatte während dieser Zeit ihr Zimmer nicht verlassen, Niemand empfangen, auch Mattern nicht, nur wenige Silben mit ihrer Dienerin gewechselt, und in stumpfem Brüten nur so hingewartet. Jetzt lag das Erwartete in ihren Händen. Ihr Herzschlag stockte, als sie das Siegel gelöst. Aus der geöffneten Hülle fielen zwei Päckchen. Das eine enthielt alle Briefe, jedes Zettelchen, welches sie je an Ernst geschrieben; ein paar kleine Stickereien lagen dazwischen. Das zweite umschloß einen Brief. Zitternd entfaltete sie den Bogen – es war ihr eigener Scheidebrief, aus welchem ihr eine Locke ihres Haares und ein goldener Ring entgegenfiel, in dessen innerer Fläche ihr Name gravirt war.

Keine Zeile seiner Hand lag bei.




10.

Gegen Abend desselben Tages verließ Thea ihr Zimmer, um verstohlen die Hintertreppe hinabzuschlüpfen, welche in den Hof und von dort durch ein Seitenpförtchen in den Park führte. Ein dunkler Drang trieb sie nach dem Teiche, von dem sie vor wenigen Tagen so fassungslos entflohen war. Sie wußte die Schloßgesellschaft noch bei Tafel und fand die Gänge sowohl wie den Platz, welchen sie aufsuchte, ganz so einsam, wie sie erwartet. Entschlossen, Stephan heute noch wiederzusehen, wollte sie zuvor sein Bild lebendig in ihre Erinnerung heraufbeschwören. Eine wilde Sehnsucht faßte sie, glücklich zu sein – sie verlangte nach Stephan’s sanftfeurigem Blicke, sie verlangte nach der Stimme, die ihr stets wie ein Echo des eigenen Denkens geklungen, um einen andern Blick, eine andere Stimme zu übertäuben, welche sie unablässig verfolgten. Ihr Auge irrte über das Wasser hin. Sie suchte den Stamm, an welchen sie sich an jenem verhängnißvollen Abende gelehnt und nach den Sternen geschaut, und schlang den Arm um die schwanke Birke, als müßte sie etwas fassen und halten.

Als hätten ihre Gedanken Macht besessen, Stephan zu rufen, stand er unerwartet neben ihr. Sein wachsamer Blick hatte einen Schimmer ihrer Gestalt erspäht, als sie im Bereiche der Fenster des Speisesaales vorübergegangen. Er sprach zu ihr, und sie trank jeden Laut ein wie berauschende Musik. Sein Arm umfing sie; sein Mund berührte ihre Augen, ihre Lippen; sie duldete Alles und schmiegte sich an seine Brust wie ein Vogel in’s bergende Nest, doch kam kein Ton über ihre Lippen. Bis dem Glücklichen die stumme Hingabe nicht mehr genügte, war mancher Augenblick vergangen – zuletzt kam doch das flehende Wort: „Sprich es aus, daß Du mein bist!“

Thea löste sich aus seinen Armen. Ihre Hand wurde kalt in der seinigen. „Erst muß ich Anderes aussprechen,“ sagte sie mit fliegendem Athem. „Ob ich die Ihrige sein kann, Stephan, haben Sie noch zu entscheiden. Ein Bekenntniß bleibt übrig, das Sie vielleicht auf jeden Wunsch verzichten läßt –“

„Thea!“

„Sie wissen nichts von mir. Sie kennen mich nicht, und wollen mich hinnehmen auf Treu und Glauben? Treu und Glaube ist aber gerade Das, was ich am wenigsten verdiene; denn einmal schon habe ich Treue gelobt und – gebrochen.“

Stephan erblaßte, doch trat in seine milden Augen kein veränderter Blick. Er ließ Thea mit leiser Bewegung auf die Moosbank niedergleiten, blieb vor ihr stehen und sah zu ihr nieder, wie zu einem büßenden Kinde. „Sie wollen mir Wahrheit geben, Das allein hebt jeden Vorwurf auf.“

„Wahrheit Ihnen geben, Wahrheit dann von Ihnen fordern, ob mir gleich ahnt, daß sie uns für immer trennt. So hören Sie denn, Stephan: ich war verlobt – seit Jahren – mit einem Manne, dessen Werth ich heute höher anerkenne als je zuvor, der mir nie den leisesten Zweifel an seiner Liebe gegeben. Und doch habe ich ihm Wort und Treue gebrochen.“

„Um meinetwillen, Thea?“

„Ja.“

„Um meinetwillen! Und sind Sie an ihn gebunden, noch jetzt gebunden?“

„Er gab mich frei, wie ich es von ihm gefordert. Frei von Wort und Gelöbniß, nicht frei von der inneren Schuld, deren Gewicht mich Ihnen gegenüber schwerer drückt, als selbst vor ihm. Können Sie mich noch lieben, mir noch vertrauen, nachdem Sie erfahren, wessen das Herz fähig ist, das Sie zu eigen verlangt? Ich weiß es nicht – ich glaube es nicht –“

Ihre Augen hoben sich düster zu ihm empor. Sie begegneten einem Ausdruck so tiefer Liebe, daß alle dunkeln Geister davor wichen. Er zog sie heftig an seine Brust, und sagte mit strömender Innigkeit: „Ich sollte von Dir lassen, weil Du menschlich geirrt und gelitten? Welches Leben wäre ganz frei von Schuld gegen ein anderes Leben – auch das meine nicht, Thea! Was Dir geschehen, ehe wir uns begegnet, geht mein Herz nichts an. Ich liebe, was Du bist, nicht was Du warst. Sei mein und blicke nicht zurück, denn ich will Dich vorwärts führen – in die Zukunft, zum Glücke.“

„Dann nimm mich hin mit Allem, was ich bin und habe!“ rief Thea glühend. „Nichts will ich mehr wissen und kennen als Dich auf der weiten Welt. Nimm heute noch meine volle Beichte hin! Dann soll die Vergangenheit, wie Du es forderst, versunken und vergessen sein.“

„Laß sie jetzt schon versunken bleiben, Geliebte!“ sagte er sanft, „ich erbitte von Dir nur Schweigen. Nicht den Namen Dessen, der vor mir Dein Wort besessen hat, kein Wann und Warum will ich kennen. Was Du mir gesagt, genügt. Konnte mir Dein Herz schlagen, so hat es ihm ja doch nie gehört. Ein verwehter Jugendtraum war keine Liebe.“

[817] Wo war jetzt die stürmische Glückseligkeit, welche Thea einen Moment vorher überfluthet? Noch ruhte sie an der Brust des Mannes, dessen Nähe all ihre Pulse schlagen ließ, und schon war der stille Blick wieder neben ihr und fragte. Nur ein verwehter Jugendtraum? –




11.

Die Verlobung Stephan Sandor’s mit Thea Rostan erregte in der Welt, welcher Beide angehörten, ungewöhnliches Aufsehen. Daß der vornehme, als reicher Grundbesitzer bekannte Ungar die Pflegetochter des ihm verwandten Hauses wirklich zur Gattin wählen würde, war selbst Denen, welche beobachtet hatten, wie sehr er sich ihr gewidmet, eine so große Ueberraschung, daß des Redens hierüber kein Ende gefunden ward. Was aber auch Neid und stille Bosheit bei diesem Anlaß aushecken mochten, prallte an dem Brautpaar ab, ohne auch nur bemerkt zu werden, und selbst die Gräfin, deren Widerspruch mit einer Heftigkeit laut geworden war, die Stephan’s formelle Haltung kaum in schickliche Grenzen zurückzuführen vermochte, fand sich in das Unvermeidliche und begann, Thea als künftige Verwandte mit Rücksichten ihres Standes zu behandeln. Graf Hugo ließ es sich nicht nehmen, die ihm höchst erwünschte Verlobung nach außen hin mit jedem Nimbus zu umgeben, und veranstaltete eine Reihe von Festlichkeiten, welche den Glücklichen nur selten stille Tage als ersehnte Oase vergönnten. Nach Sandor’s Wunsch hatten Matterns Frau Rostan zum Besuch eingeladen, und Sophie, deren geheimste Wünsche so unverhofft in Erfüllung gegangen, sonnte sich in dem Glanze, welcher Thea schon jetzt umgab. Was Stephan nur ersinnen konnte, seine Braut zu erfreuen, ward ihr in zartsinnigster und zugleich verschwenderischer Form zu Füßen gelegt. Seine Liebenswürdigkeit entzückte Frau Sophie ganz und gar, und die Thränen der glücklichen Mutter flossen nur, wenn sie des Gatten gedachte, der solche Sonnenhöhe für seinen Liebling nicht mehr hatte erleben dürfen. Alle Zukunftssorgen schienen gehoben. Der Graf, welcher nun darauf bestand, seiner Pflegetochter die ihr so lange zugedachte Summe sofort zu überantworten, konnte nichts einwenden, als Stephan selbst seine Braut veranlaßte, das ihr Zugehörige zu Gunsten ihrer Familie anzulegen.

Etwa sechs Wochen, nachdem Sandor Thea’s Wort empfangen, reiste er ab, um in der Heimath Zurüstungen für den Empfang der jungen Frau zu machen, und beabsichtigte, in kurzer Frist wiederzukehren, um sie heimzuführen. Der Graf betrachtete es als selbstverständlich, daß die Hochzeit in seinem Hause stattfinden sollte; mit Frau Rostan war verabredet, daß sie zu dieser Zeit nebst allen Geschwistern Thea’s wiederkehrte, um dem Ehrentage ihres Kindes anzuwohnen. Hieran dachte die Braut nur mit schwer bekommenem Herzen. Robert wiederzusehen, war ihr furchtbar, nur die Hoffnung, daß er ausbleiben würde, hielt sie dieser Vorstellung gegenüber aufrecht. Er hatte, nachdem die Mutter ihm ihre Verlobung brieflich mitgetheilt, keine Silbe geantwortet, und Thea verstand dieses Schweigen allzugut.

Die Zeit, zu welcher Sandor zurückerwartet wurde, rückte immer näher. Seine Briefe folgten einander fast Tag für Tag. Thea lebte wie in einem Rausch dahin; jedes Wort des Geliebten strömte glühenden Lebensodem über sie aus. Ihr eigenes Herz glich einer heißen Sprudelquelle, die unablässig wühlend und aufsiedend keine Rast noch Ruhe findet. Fieberische Exaltation verdrängte Alles, was sie je beschäftigt und interessirt; sie bewegte sich wie eine Traumwandlerin, müßig, theilnahmlos gegen ihre Umgebung, die fürstliche Ausstattung, welche für sie gerüstet wurde, kaum eines Blickes würdigend. Alle ihre Gedanken klammerten sich mit krankhafter Heftigkeit an Zukunftsbilder; sie flüchtete vor jedem leisesten Ton der Vergangenheit in dem Bewußtsein, daß sie erstarren müßte wie Lot’s Weib, stände sie auch nur einen Augenblick still, um sich umzuschauen. Und doch blieb ihr solcher Rückblick nicht erspart.

Eines Tages lag ein Brief von ihres Bruders Hand in der ihren. Sie fühlte sich versucht, ihn ungelesen den Flammen zu übergeben. Ein Rest der alten, trotzigen Energie warf ihr aber allzu bitter Feigheit vor; sie brach das Siegel und las:

„Daß ich Dir bis heute nicht geschrieben, Dora, wird Dich nicht überrascht haben. Oder hättest Du auch von mir einen Glückwunsch erwartet? Nein, dafür traue ich Dir doch zu viel Schamgefühl zu. Du hofftest vielleicht, ich würde ganz und gar schweigen, und das war auch zuerst mein Vorsatz; daß ich ihn breche, ist sicher nicht wohlgethan, denn Vergessen und Verachten wäre die rechte Vergeltung für ein Thun, wie das Deine. Seit mich aber die Mutter auf ihrer Heimreise besucht und mir eine so glänzende Beschreibung Deiner gegenwärtigen Verhältnisse gegeben, ist doch etwas in mir aufgestiegen, das mir befiehlt, Deinem Gewissen einen Spiegel vorzuhalten, ehe Du in die Fremde gehst und kühn unternimmst, glücklich sein zu wollen. Daß ein Mädchen ihr Wort bricht, mag schon öfters vorgekommen sein, und kannst Du mit dem Gefühl solcher Ehrlosigkeit fertig werden, um so besser für Dich. Wem Du aber dieses Wort gebrochen, was Du damit zu Grunde gerichtet hast, das will ich Dir jetzt in’s Gedächtniß zurückrufen. Ich weiß von Ernst, daß er Dich, indem er Dich frei ließ, keines Wortes gewürdigt hat: Auch gegen mich äußerte er sonst Nichts, als daß ich nicht um ihn in Sorge sein möchte. Er geht seinen gewohnten stillen Gang, aber für Einen, der ihn liebt und kennt wie ich, liegt es offen, daß er durch Das, was Du ihn hast erleben lassen, innerlich zerstört ist. Ob sich dies je wieder ausheilt, oder ob der herrlichste Mensch, der je auf Erden gelebt, um Anderen zum Vorbild zu dienen, daran zu Grunde geht, wer könnte das heute sagen! Ich fürchte das Äußerste.

Du bist geliebt worden, wie kein Weib vorher. Er sah in Dir sein Alles. Seit Jahren setzte er jede Kraft ein, um das Haus aufzubauen, das Eure Heimath werden sollte, und nun er das Ziel nahe vor sich sieht, wendest Du ihm plötzlichst den Rücken. Denke ich der Jahre, die an das Heute grenzen, so frage ich mich, ob Du ein Abgrund von Lüge und Falschheit bist, oder ein leichtfertiger Charakter, der um Prunk und äußeren Glanz sein Herzblut verkauft. Ich war von Beginn an Zeuge Eures Verhältnisses; ich allein kann und muß Dein Ankläger sein. Jahrelang hast Du betheuert, Ernst sei Dein Ideal von Manneskraft und Würde, jahrelang hast Du Alles angenommen, was der treueste Mensch Dir aus seiner Fülle gab, um ihn auf einmal, ohne den Schatten eines Vorwandes, zu verrathen und Dich einem Fremden in die Arme zu werfen. Pfui über Dich! und auf Dein falsches Herz alle Verantwortung für jede Folge Deines Thuns! Du und ich, wir sind gleichfalls geschieden. Ich habe Dich geliebt, wie Niemand außer ihm. Seit ich denken kann, habe ich zu[WS 2] Dir aufgeschaut, wie zu einem bevorzugten Geschöpfe Gottes, aber damals kannte ich Dich nicht. Was ich durch Dich empfangen, dankte ich Dir gern im Herzen, weil ich Dich liebte, und wußte nicht, war der Dank stärker oder die Liebe. Fortan wird mich keine Macht der Erde dazu bringen, Wohlthaten aus einer Hand anzunehmen, die ich nie berühren werde. Robert.“

Wie erstarrt saß Thea, als sie zu Ende gelesen; sie hatte das Feuer geschaut, das vom Himmel niederregnete. Was ihr der dumpfe Laut des eigenen Gewissens beständig zugeraunt, was, sich ewig neu aufbäumend, ewig neu erstickt worden: die Wahrheit, vom strengen, reinen Jünglingsherzen ihr unerbittlich zugeschleudert, umklammerte sie mit dämonischer Macht und drohte sie zu vernichten. In ihrem Hirn und Herzen wallte und wogte etwas, das herausbrechen oder sie ersticken mußte. Sie fühlte sich wie in einem brennenden Hause, Flammen rings, keine Rettung, nur ein Sprung der Verzweiflung noch einzig möglich.

Noch einmal las sie das Blatt von Anfang bis zu Ende durch – jedes Wort bohrte sich in ihre Seele. Dann schrieb sie an den Rand wenige Zeilen, faltete den Brief, schob ihn in ein Couvert und sandte ihn unter Sandor’s Adresse in’s Weite.




12.

Tag um Tag verging; schon trafen die ersten Hochzeitsgäste ein. Die Trauung war auf den 20. September anberaumt; heute schrieb man den fünfzehnten. Sandor wurde stündlich erwartet. Graf Hugo, ganz in seinem Elemente, war überall, um die mannigfachsten Anordnungen zu leiten, seine Gäste zu befriedigen, und Thea, welche leidend war und ihr Zimmer hütete, immer von Neuem zu ermahnen, ja Nichts an eigener Pflege zu versäumen, um bei Stephan’s Ankunft frisch zu sein. Mit jedem vorfahrenden Wagen erwartete man den Bräutigam, den, nach seiner letzten Mittheilung, der Gräfin jüngerer Bruder, mit welchem er sehr befreundet, als Trauzeuge begleiten würde.

[818] Gegen Abend des genannten Tages fuhr bei leichtem Regenschauer ein bedeckter Hôtelwagen durch das Schloßthor, und der Graf erblickte vom Fenster aus an dem ihm zugewandten Schlage das Gesicht seines Schwagers. Erfreut eilte er hinab, die Ersehnten zu empfangen, doch brach sein heiterer Willkommengruß plötzlich ab, als er den jungen Mann allein und mit unheilvoller Miene aussteigen sah. Böse Ahnung überfiel ihn, wie Sonnenfinsterniß den hellen Tag. Er faßte seinen Schwager beim Arme und führte ihn, ohne eine Silbe zu äußern, eiligst in sein Zimmer, um dort nach den ersten Worten, die er vernahm, sprachlos in einen Sessel zu sinken.

Stephan Sandor gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Eine Pistole, deren Schloß er untersucht haben mochte und die er sicher nicht geladen wähnte, war in seiner Hand losgegangen, und der Schuß hatte die unseligste Richtung genommen. Das Verhängniß war am Abend vor dem zur Abreise bestimmten Morgen hereingebrochen, nachdem der Freund auf Stephan’s Wunsch schon seit einigen Tagen sein Gast gewesen. Beide hatten noch an demselben Tage einen Abstecher nach Pest gemacht, wo Sandor den bestellten Brautschmuck persönlich abgeholt und des Vetters Zeugenunterschrift bei seinem Notar in Anspruch genommen hatte, um die gerichtlich beglaubigte Schenkung eines seiner Güter an Thea vollziehen zu lassen, welches er der Braut als Morgengabe zugedacht. Er hatte sich nach der Rückkehr auf das Gut zeitig zurückgezogen, nachdem beide junge Männer die ersten Abendstunden heiter verplaudert, und dabei geäußert, daß er Thea noch zur letzten Meldung seiner nahen Ankunft schreiben und sein Reisegeräth ordnen wollte. Nachdem der unheilvolle Schuß gefallen, fand sich in der That ein bereits gesiegelter Brief an Fräulein Rostan auf dem offenen Schreibpulte, während die Schenkungsurkunde und das Etui mit den Brillanten daneben lagen. Auf einem Seitentische stand das geöffnete Pistolenkästchen, welches Sandor bei seinen Reisen stets mit sich zu führen pflegte. Ein Notizbuch, das sich in der Tasche seines Rockes fand, umschloß einige Briefe und die Photographie seiner Braut, nebst trockenen Blumen und einer zerknickten Schleife: sprechende Zeugen eines hoffnungsreichen Glücks, das durch die furchtbarste Katastrophe plötzlich zertrümmert worden. Der junge Mann breitete diese Reliquien seines Freundes mit strömenden Augen vor Mattern aus und übergab ihm Brief, Schmuck und Urkunde als Eigenthum der verwittweten Braut.

Thea!

Beide Männer bebten vor der Aufgabe zurück, der Unseligen mitzutheilen, was ihr nicht verborgen bleiben konnte, und entschlossen sich nach langem Ueberlegen, die schwere Stunde sogleich und gemeinsam zu bestehen. Mattern frug durch ein paar Zeilen an, ob seine Pflegetochter sich wohl genug befinde, um ihn und einen Boten Stephan’s, der Kunde über dessen Ausbleiben brächte, noch heute zu empfangen, und erhielt die mündliche Bestellung zurück, daß Thea die Herren in ihrem Zimmer erwarte.

Der erste Blick, welchen der Unglücksbote auf die Braut seines Freundes warf, frappirte ihn auf das Aeußerste. Gab es wirklich Ahnungen? Thea’s Wange hätte nicht farbloser, ihr Blick nicht erloschener sein können, wenn sie bereits Alles gewußt, und doch lag ein Ausdruck unsagbarer Spannung um den zuckenden Mund. Unendliches Erbarmen ergriff ihn, dem schönen jungen Wesen gegenüber, der die Götter das Höchste ihrer Gaben nur geschenkt, um es ihr wieder zu entreißen. Er versuchte zu sprechen, die furchtbare Kunde wollte aber nicht über seine Lippen.

Als der Fremde sie nur ansah und fortdauernd stumm blieb, als sie des Grafen zerstörte Miene schaute, kam ein Wandel über Thea; es war, als würde sie steinern. Das lebensvolle Antlitz erstarrte zum „Bilde ohne Gnade“. Sie war es, welche das Schweigen brach: „Keine Schonung – sagen Sie das Aeußerste – ich werde Stephan nicht wiedersehen –“

Des jungen Mannes Thränen brachen unaufhaltsam hervor. Er verstand die Worte, welche schwer und kalt niederfielen, wie etwas Todtes, nur in seinem Sinn. Das ahnende Herz der Braut hatte ihr das Ungeheure voraus verkündet, und mit dem heißen Schmerz des eigenen Verlustes strömte nun die jammervolle Geschichte, die er miterlebt, aus ihm hervor.

Thea regte sich nicht. Ihre Lippen wurden weiß, aber die Besinnung verließ sie keinen Augenblick. Als das letzte Wort gefallen, sagte sie tonlos: „Der Brief – wo ist der Brief?“

[830] Das Couvert lag in ihrer Hand. Sie blickte das Siegel an, dann drehte sie den Brief langsam herum. Schauer durchrieselte sie vom Kopfe bis zu den Füßen. Plötzlich barg sie das Couvert in den Falten ihres Kleides, wie einen Raub, stand hastig auf und winkte den Männern mit so sprechender Geberde, sie allein zu lassen, daß selbst Mattern, nach einem kurzen Versuche, ihr zuzusprechen, seinem Schwager fast auf dem Fuße folgte.

Thea eilte zur Thür und stieß den Riegel vor. Sie rang die Hände und riß den Brief hervor. Mitten im Zimmer stehend, brach sie das Siegel. Im Couvert lag Robert’s Brief von einem Blatte umschlossen, das Sandor’s Schriftzüge trug:

„Du sagst mir, Geliebte, ich sollte und müßte Dein Bild so schauen, wie es sich in den Augen Derer spiegelt, die Dich früher geliebt. Vielleicht hast Du Recht, vielleicht forderte es die Wahrheit, welche wir einander zugelobt, daß ich Dich wirklich so schauen mußte. Ich sende Dir, ehe wir uns wieder begegnen, das Blatt zurück, welches zu vernichten nur Dein Recht ist. Was Andere darüber denken, daß Du Dich mir zu eigen gegeben, berührt mich nicht, und erpreßt Dir solches Urtheil der Deinigen Thränen, so kann ich sie Dir nur von den Wangen küssen. Dennoch haben die Worte dieses Briefes einen schweren Gedanken in mir zurückgelassen – keinen Vorwurf für Dich, meine Thea, nur eine Sorge um Dich. Wirst Du an meinem Herzen auf die Dauer vergessen, was Dich vorher so tief gefesselt hatte? – Mir ist, als könnte der Geist des Mannes, den auch Du mir hoch gerühmt, dereinst unsichtbar neben Dir an unserem Herde sitzen und sein Recht einfordern – ich habe Dein Auge mitunter seltsam lauschend in sich hineinblicken sehen.

Darum, Geliebte, gebe ich Dich heute vor Dir selbst noch einmal so frei, wie Du mir gegenüber warst, als wir uns begegneten. Diese Zeilen werden Dich früher erreichen als ich. Dein Glück ist mein höchstes Wünschen und Bedürfen, das bedenke! Und wie es auch enden möge, nimm Dank für Das, was Du mir warst und ewig bleibst! Ich habe durch Dich das Höchste kennen gelernt, was die Erde giebt – ich habe grenzenlos geliebt.

In Zeit und Ewigkeit
Dein Stephan.“ 

Thea faltete das Blatt zusammen und nickte ein paarmal vor sich hin. Dann ging sie gelassenen Schrittes, als sei nichts vorgefallen, zu ihrem Schreibtische, erschloß eines der Fächer und legte beide Briefe sorgfältig hinein. Im Begriffe, das Fach zu schließen, fiel ihr ausdrucksloser Blick auf ihre Rechte. Sie zuckte zusammen, betrachtete ihre Hand ein paar Minuten regungslos und streifte dann mechanisch Stephan’s Verlobungsring von dem Finger, den er umschloß, wie ein anderer Ring ihn umschlossen hatte, den sie gleichfalls abgestreift. Sie hob ihn dicht vor ihr Auge, ließ ihn dann leise auf die Briefblätter gleiten und schloß ab.

Im nächsten Augenblicke lag sie bewußtlos am Boden.


[831]
13.

Dieselben Wochen, welche Thea vom Treubruche zur Katastrophe geführt, hatten das Herz ihres Erstgeliebten Schlag um Schlag zu Stahl gehärtet. Das Erwachen aus dem ersten Liebestraume, dem Brennpunkte seines Lebens, war allzu jäh gekommen; stumpfem Unglauben folgte plötzliches, tödtendes Begreifen. Die schneidend klaren Worte, womit ihm die Geliebte abgesagt, ließen keine Deutung zu: ihr fehlte die Kraft, dem Gelübde treu zu bleiben, das sie ihm verband. So hatte sie gesprochen, und er hatte es empfangen wie einen Todesstreich. [832] Schwer und kalt sank die Liebe in ihm nieder und regte sich nicht mehr. Nachdem er den Reif, der ihm Glück und Zukunft bedeutet, vom Finger gezogen und Dora zurückgesandt hatte, kam ein seltsames Stillsein über ihn; ihm war, als habe er mit den Pfändern der verrathenen Liebe auch die Erinnerung daran von sich abgethan. Das Idol seines Herzens zeigte sich als ein Phantom – Die, welche ihn fallen ließ, welche der Treue nicht fähig war, Diese kannte er nicht. Das heilige Feuer, welches sie muthwillig verlöscht hatte, war nur noch todte Asche – kein Funke übrig, woran sich auch nur der Schmerz hätte entzünden können.

Und doch trug er sein schweres Geschick stumm und klaglos; denn selbst diese wühlenden Schmerzen vermochten nicht, sein innerstes Leben zu wandeln, das auf Säulen von Granit stand. Mit festem Sinne sah er dem Unabänderlichen in’s Antlitz, und entrangen sich in einfachen Nächten seinem Auge auch oft genug feurige Thränen, so glichen sie den Tropfen, die sich in unterirdischen Gründen langsam zur Säule gestalten – sie formten und härteten sich zum neuen Pfeiler des inneren Tempels.

Ernst begriff, daß es unmöglich ist, Momente aus dem Leben zu streichen, die unvergeßlich sind, und daß es für ihn keine Heilung gab als durch die Zeit. Was ihm nächst seiner Liebe stets das Steuer des Lebens gewesen, Hingabe an geistige Arbeit, ward nun zugleich sein Anker. Er wurde sich einer Kraft bewußt, die ihn nicht am Erlebten scheitern ließ. Wohl hatte er Schiffbruch erlitten an Glück und Glauben, an Allem, was er als Wurzel seines Daseins betrachtet; doch fühlte er sich entschlossen, nicht auf diesem Wrack zu Grunde zu gehen, sondern mit männlicher Kraft den rettenden Hafen zu erreichen. Nicht umsonst! Zu den Dingen, welche sich der Mensch mit vollem Aufgebot seines Willens geben kann, gehört Ruhe – in ihrem stillen Schatten kühlt sich die brennendste Wunde. Auch Wernick’s Beruf war geschaffen, ihn vor Vernichtung zu wahren. Ein Lehrer der Jugend! Selbst jugendlich begeistert für seine Aufgabe, täglich neu erfrischt im Tausche lebendiger Gedanken, fühlte er sich tief eingewurzelt in Gegenwart und Zukunft und schöpfte aus dem großen Athemzuge der Weltgeschichte eigenen Odem.

Wohl kamen Stunden, und sie kamen nicht selten, wo Schmerz und Sehnsucht plötzlich auf ihn niederschossen wie ein Geier, der an seinem innersten Leben fraß. Es giebt unter allem Erdenweh kaum Jammervolleres, als wenn ein vollempfundenes, reines Glück von derselben Hand zerstört wird, die es gereicht. Da ist ja Alles hin, nicht die Zukunft nur, auch die Vergangenheit, jede Erinnerung gleichsam erwürgt, jede Gabe, die voll Wonne an’s Herz gedrückt worden, plötzlich verschwunden wie Hexengold. Stieg Dora’s Bild vor ihm auf, umgeben von hundert trauten Scenen – was war es ihm jetzt? Wo er sein Alles eingesetzt, war ihm nichts geworden, nichts geblieben; sie hatte sich aus ihrem Gefühl ein Gedicht gemacht; die Strophe, welche sie ihm gesungen, klang so süß, die nächste Strophe, die ein Anderer vernahm, vielleicht süßer noch! Vorüber – vorüber! –

Als Ernst erfuhr, was Thea betroffen, fühlte er sich bereits so ganz von ihr abgelöst, daß keine selbstische Bitterkeit die Schwermuth entstellte, womit er ihr Geschick betrachtete. Dieses Leben war ja verloren, so wie so!

Zum ersten Mal wieder sprach er mit Robert, der ihm die Kunde gebracht, über Dora und erfuhr betroffen, mit welcher unversöhnlichen Härte sein junger Freund die Schwester beurtheilte. Ihr tragisches Geschick vermochte des Jünglings abgewandtes Herz nicht milder zu stimmen; er nannte es ein Gottesurtheil, und äußerte sich um so schärfer, je maßvoller Wernick ihm erschien. Wie durch schweigendes Uebereinkommen erwähnten Beide nach dieser Stunde Dora’s nie wieder. Robert hing fester als je an seinem Freunde und Meister, dem er einen förmlichen Cultus widmete. Es war, als wollte er ihm stündlich Alles abbitten und vergelten, was dem Geliebten von den Seinen angethan worden, als müßte er durch ihn auch sich ersetzen, was er selbst verloren. Denn seitdem sich Robert von der Schwester losgesagt, hatte er eine Empfindung von Kälte auch seiner Mutter gegenüber nicht überwinden können. Ihre Zustimmung zu Dora’s Treubruch, ihre Ueberzeugung, damit kein Unrecht gefördert, sondern im Gegentheil beiden Verlobten eine unbefriedigende Zukunft erspart zu haben, eine Ueberzeugung, die so fest stand, daß sie es nicht gescheut, sie gegen Wernick selbst zu vertreten, empörten ihn und störten ihn so sehr in der bisherigen kindlichen Verehrung, daß es einer Aufstachelung seines vollen Pflichtgefühls bedurfte, um diese Stimmung nicht laut werden zu lassen. Kein Bitten und Zureden vermochte den jungen Mann dazu, über die geringe Summe hinaus, welche ihm aus der Hinterlassenschaft des Vaters zustand, fernere Unterstützung für seine Universitätsjahre anzunehmen. Was die Seinen jetzt besaßen, kam von Dora, der er Nichts mehr zu danken haben wollte. Er lebte wie ein Stoiker, hielt sein kleines Erbtheil auf’s Aeußerste zu Rathe und gab Stunden, um sich eine selbstständige Existenz zu ermöglichen, während er von Ernst ohne Bedenken die Erleichterung annahm, welche das fortdauernde Zusammenleben Beider ihm gewährte.

Etwa zwei Jahre nach den in ihrem raschen Gange geschilderten Erlebnissen erhielt Wernick, der sich als Privatdocent durch mündliche und schriftliche Vorträge bereits einen geschätzten Namen erworben, den ehrenvollen Ruf als Professor der Geschichte nach einer süddeutschen Universität. Dies gebot den Freunden Trennung nach jahrelangem traulichem Zusammenhausen. Robert’s Studienzeit war nahezu beendet, und seine Aussichten auf künftige Lebensstellung fesselten ihn an die Heimath.

Ernst erreichte viel, da er zu den seltenen Geistern gehörte, deren Grenzen sich erweitern, indem sie vorwärts schreiten. Erfüllt von seiner Wissenschaft, geschätzt und aufgesucht von Allen, die je mit ihm in Berührung traten, empfand er das Leben inhaltsreich. Und doch gab es in seinem tiefsten Innern eine Lücke, die Nichts zu füllen vermochte, jene Leere, die Jeder in sich birgt, der es nicht wagen mag, an die Vergangenheit zu denken. Vergangenheit! Ein Traum, ein Nichts – und doch das einzige Erdengut, das immer reicher wird, je mehr man davon zehrt, das über Gegenwart und Zukunft verklärende Lichter ausgießt und in den dunklen Tag herüberleuchtet als schattenloses Eden. Ein großer Dichter nannte Erinnerung das Paradies, aus dem Keiner vertrieben werden könnte, hier aber irrte der Prophet. Tausende wandeln auf Erden, denen Vergangenheit jenes verschleierte Bild ist, das zu schauen den Tod giebt.

Jahre waren verklungen, mit ihnen die Jugend, und noch immer zuckte die alte Wunde bei der leisesten Berührung. Mehr als einmal hatte Wernick den Gedanken erfaßt, sich ein Familienleben zu gründen, dennoch war er mit dreißig Jahren noch derselbe einsame Mann. Gerade dann, wenn irgend ein holdes, liebes Bild ihn mit verheißungsvollen Augen ansah, stieg die Gestalt der Verlorenen, Gemiedenen zauberisch vor ihm auf, und Alles, was er sich noch eben erträumt, zerfloß vor ihr in Nebel. Dann wandte er sich zurück zu all der Jugend, welche ihn als ihrem Meister umgab, und fühlte es wieder in sich tagen: „Hier ist deine Zukunft, deine Familie“.



14.

Nicht selten hatte Ernst die Möglichkeit eines Wiederbegegnens mit Dora in’s Auge gefaßt. Er wußte durch Robert, daß sie noch dem Mattern’schen Hause angehörte, und leicht konnte es geschehen, daß ein Zufall sie während einer seiner alljährlichen Ferienreisen auf seinen Weg führte. Doch stand er diesem Gedanken ohne Unruhe; solches Wiedersehen konnte immer nur das flüchtigste Begegnen sein. Was aber der Geschichtsforscher längst als die großartige Poesie alles Völkerlebens anerkannt: daß ein Namenloses existirt, welches sich in alles Berechnete mischt und es wunderbar umgestaltet, zerrissene Fäden wieder aneinander knüpft, überwundene Katastrophen neugeboren aus Trümmern emportauchen läßt – das sollte ihm zur persönlichen Erfahrung werden. Er war völlig darauf gefaßt, das Ideal seiner Jugend unverhofft vor sich zu sehen, Angesicht gegen Angesicht. Statt dessen blickten ihn eines Tages die stummen Augen ihres Bildes an und erschütterten ihn bis zum Grunde der Seele. Als er im befreundeten Künstlerhause plötzlich die Züge wiederschaute, so vertraut und doch so verwandelt, als eine fremde Stimme von ihr erzählte und sie ein Bild ohne Gnade nannte, das wie eine Statue durch das Leben wandle, sonder Freud’ noch Leid – da ergriff ihn alte Liebe und tiefstes Erbarmen so gewaltsam, daß all seine Manneskraft dazu gehörte, fremden Augen den Sturm zu verbergen, welcher in ihm brauste.

[833] Und was nun? Sie war ihm nahe, er sollte wochenlang in derselben Luft leben, die sie athmete. Nein, dem fühlte er sich nicht gewachsen, und wozu auch für Beide so fruchtlose Qual heraufbeschwören! Den Wanderstab zur Hand genommen, und fort in’s Weite – dies war sein erster Gedanke. Und doch, als er dabei stille stand, tauchten laute Widersprüche auf. Er war nach Danzig gekommen, seinen Bruder nach langen Jahren zu besuchen, in Verabredung mit einem Collegen, den er selbst bestimmt hatte, einige Wochen mit ihm in Zoppot zu verleben, und den er in den nächsten Tagen erwartete. Dieser Plan war bereits ausgesprochen und zwar sowohl gegen seinen Bruder, wie gegen den befreundeten Künstler – er war ausgesprochen vor der Fremden, die er am gestrigen Abende in des Letzteren Hause getroffen. Beide waren mit Matterns bekannt – seiner mußte dort erwähnt werden, nachdem er seine Bekanntschaft mit Dora’s Familie zugegeben. Sollte er die Flucht nehmen vor dem Mädchen, das ihn verrathen, vor dem Grafen, der sein alter Gegner gewesen? Sein ganzer Mannesstolz bäumte sich gegen die Vorstellung auf, wie falsch solches Zurückweichen ausgelegt werden konnte. Was hatte er zu scheuen? nicht an ihm war es, die Augen niederzuschlagen, nicht an ihm, sich zu verbergen.

Das erschütterte Herz fühlte sich wieder gestählt. Er blieb eine Woche in Danzig; dann fuhr er nach Zoppot, und schon am ersten Abende seines Eintreffens dort sah er Dora wieder. Seltsam, ihr Anblick ließ ihn kalt. Keine Saite des Herzens, der Erinnerung klang, als er, an die Thür des Ballsaales gelehnt, die herrliche Gestalt vorüberschweben sah. Diese Gestalt erschien ihm so fremd, zu imposanter Schönheit entwickelt, aber dem knospenhaften Reiz, welchen er in Erinnerung trug, enthoben. Noch waren es, ja noch immer waren es die zartgeschnittenen Züge von einst, die unter der schwarzen Haarkrone ruhten – wo aber war der süße, mädchenhafte Ausdruck hin, der ihn einst beseligt? wohin der reizvolle Wandel zwischen Lächeln und lauschendem Ernst? Dieser stolzen Schönheit in’s kluge Auge zu sehen, fürchtete er nicht mehr.

Sie hatte ihn erkannt. Er sah den Wandel, der über sie kam – kein Erschrecken, ein Aufleuchten war es, das ihn einen Moment lang traf, wie ein Blitz; doch änderte sein festverschlossenes Gesicht den Ausdruck nicht; ruhig haftete sein Auge auf ihr – er wollte, daß ihr über ihn kein Zweifel blieb, ehe sie sich begegneten. Und als er ihr kurz darauf gegenüber trat, fühlte er, daß sie ihn verstanden.

So war es; so blieb es. Wernick suchte weder ein Zusammentreffen, noch wich er solchem aus. Daß dagegen der Graf mit sichtlicher Beflissenheit nicht nur seinen Umgang suchte, sondern offenbar jede Gelegenheit ergriff, ihn zu seinem engeren Cirkel zu ziehen, mußte ihm auffallen. Mitunter, wenn Ernst bei einer der gemeinschaftlich unternommenen Partien oder bei dem häufigen Zusammentreffen der Gesellschaft mit Thea eines jener gemeingültigen Gespräche führte, wie sie uns Allen in der Schule der guten Lebensart gelingen, mitunter sah er dann unwillkürlich das Auge des Grafen mit einem gespannten Ausdruck auf sich ruhen, der ihm zu denken gab. Vermied Mattern auch jede leiseste Hindeutung auf Vergangenes so sehr, daß er Wernick’s Namen nur aus dessen literarischer Bedeutung zu kennen schien, so versuchte er doch wiederholt mit großem Geschick, das Gespräch auf seine Pflegetochter zu führen, wenn er sich mit dem Professor allein fand, und so rasch Ernst solche Mittheilungen in ein anderes Thema hinüberzuspielen bedacht war, erfuhr er doch nach und nach genug, um ein klares Abbild des Lebens zu gewinnen, welches sich Thea während der letzten Jahre gestaltet.

Graf Hugo klagte über die Sonderbarkeiten, die Eigenthümlichkeit seiner Hausgenossin: daß sie sich so ganz anders entwickelt, als ihre frühesten Jugendjahre verheißen – daß sie auf Nichts mehr eingehe, was sie sonst interessirt. Der Tod ihres Bräutigams sei ein schweres Unglück gewesen – nun ja! aber jetzt wären seitdem Jahre verflossen, und die Hartnäckigkeit, womit Thea jedes neue Band zurückweise, doch nach so kurzer Verbindung nicht gerechtfertigt. Ueberhaupt ihre sonderbaren Ansichten! Nachdem sie das Vermächtniß, welches sein Vetter für sie bestimmt, ohne Widerspruch angenommen, wie ja auch selbstverständlich, wäre sie nicht zu bewegen, die ihr zustehenden Revenuen nun auch zu genießen, sondern bestände darauf, dieselben für Armen- und Krankenhäuser auf dem ihr zugeschriebenen Gute zu verwenden. In seinem Hause, seiner Familie habe sie sich mit Eigensinn die Rolle der Gouvernante seiner Kinder angeeignet, und da seine Frau sie hierin unterstütze und die Kleinen wie Kletten an ihr hingen, sei ihm nichts übrig geblieben, als darauf zu bestehen, daß sie wenigstens der Außenwelt gegenüber die Stellung einer Tochter des Hauses ausfülle. Ein Stoßseufzer: „Schade um sie! – die Jugend vergeht – Thea ist doch zu etwas Besserem geschaffen, als zum Stundengeben“ – blieb stets der Endrefrain solcher Mittheilungen, die Wernick zuletzt den bestimmten Eindruck zurückließen, daß Mattern des ganzen Verhältnisses zu seiner Pflegetochter überdrüssig sei.

Alles, was Wernick vernahm, versenkte sich einzeln und zerstreut, aber doch wie Samenkörner in seine Seele, und mit einem Male erkannte er, daß der Same aufgegangen war. Es war doch seine Dora noch, das hochgesinnte Mädchen noch, der er das Beste zugetraut! Was sie ihm einst gethan, Gott weiß, aus welchen Untiefen es kam – jetzt büßte sie, freiwillig und in trostloser Einsamkeit. Was war denn diesem reichen Geschöpf geblieben von allen Gütern der Erde? Zwei fremde Kinderseelen, an die sie hingab, was in ihr vergeblich um eine Heimath bettelte! Sein ganzes Leben zog ihn zu ihr hin, forderte von ihm, die Glückverwaiste, Verlassene in seine schützenden Arme zu nehmen, wohin sie gehörte. Aber diese Sehnsucht, welche gleich Vögeln, die man verscheucht, immer wieder dorthin zurückkehrt, wo sie einmal genistet, verstummte und erstarrte, so oft er mit Thea selbst zusammentraf. Es lag zwischen Beiden wie eine Mauer – kein Weg, der hindurch führte.

Zuweilen traf ihn aus der Ferne ein Blick, ein Klang oder eine Stimme, die ihn durch raschen Impuls an ihre Seite führten. Stand er dann aber vor ihr, so wurde sein Herz wieder kalt, und sie war das Bild ohne Gnade.

[849]
15.

Im Parke von Oliva! Dort brach das Eis, das Ernst’s widerstrebendes Herz nicht wollte thauen lassen. Die grünen Wege, welche er vor Jahren an Dora’s Seite durchzogen, die Wassersprudel, die er mit ihr hatte rauschen hören, die fernen Hämmer, welche sie damals Herzschläge des Thales genannt, schmolzen all’ sein Sträuben in widerstandslose Weichheit um. Sein Auge ließ nicht von ihr, während er, in einiger Entfernung hinter ihr schreitend, die lichte Gestalt durch die Laubgänge schweben sah. Er gab sich ganz und voll dem alten Zauber hin, ihm war, als läge nun mit einem Male nichts mehr zwischen ihnen, als ein Wort, das nur noch auszusprechen sei. Und wie ein Schicksalsspruch traf es ihn, als Das, was wir Zufall nennen, sie ihm als Gefährtin zu bedeutungsvollem Spiele gab.

Ein Loos, in heiter geselligem Kreise gezogen, hatte sie für ein kurzes Zwiegespräch in den Flüstergrotten zu seiner Partnerin bestimmt, als der Zufall – oder war es mehr? – sie gelegentlich eines bedeutungsvollen Spieles zu seiner Gefährtin machte. Das Wort, welches dort von ihren Lippen kam, sollte über seine Zukunft entscheiden. Als er Dora den Arm bot, um sie nach der Stätte zu führen, die ihm jetzt sein Verhängniß bedeutete, fühlte er ihre Hand auf seinem Arme zittern. In demselben Momente, als er zum ersten Male wieder die Berührung dieser geliebten Hand empfand, versank Alles, was sie von ihm geschieden. Und doch schritt er schweigend neben ihr her, schlug das Auge nicht zu ihr auf. Den ernsten Mann hatte ein traumhaftes Fürchten und Hoffen erfaßt. Ihm war, als würde der Hort, nach dem er die Hand ausstrecken wollte, vor ihm versinken, wenn das Zauberwort, das ihn heben sollte, zu früh ausgesprochen ward.

Jener Abend, wo er einst mit ihr den gleichen Weg gewandelt, stieg farbenfrisch vor ihm auf. Sie war damals noch nicht sein gewesen, aber schon sehnten sich die jungen Herzen zu einander. Wie hatten sie gescherzt! was erzählte sie ihm Alles von der geheimnißvollen Grotte, und wie verstummte all’ die Munterkeit, als Beide in den Höhlen einander gegenüberstanden, scheu und verzagt! Wie lauschten sie und konnten sich nicht zum ersten Worte entschließen, bis er endlich, nach herzklopfendem Schweigen, zuletzt doch nichts Anderes zu flüstern gewagt, als das Wort: „Welch unvergeßlicher Tag!“

Als er sie jetzt von seinem Arme ließ, um in die Höhle zu treten, begegneten sich Beider Augen. Ernst’s Herz schlug zum Ersticken. Er beugte sein Ohr gegen das dunkle Gestein – Alles stumm. Der bei Beginn des Spieles laut verkündeten Vorschrift entgegen, daß die Dame zuerst sprechen sollte, schien Dora sein Wort zu erwarten. Und doch konnte er sich zu diesem ersten Worte nicht entschließen – das ihrige sollte ihm Orakel sein. Tödlich lange Augenblicke vergingen. Er wandte den Kopf – ja, noch stand die lichte Gestalt in der Grotte drüben; ihr weißes Gewand fluthete auf den dunkeln Boden nieder. Ernst preßte die Lippen zusammen und lauschte von Neuem, als hinge sein Leben an dem Hauche von drüben.

Da drang ein Flüstern an sein Ohr, vernehmlich, als sei es Wange an Wange geathmet: „Vergieb – o vergieb!“

Seltsames Räthsel des Menschenherzens! Ernst’s Athem stockte. Flammen schlugen bis zu seinen Schläfen empor – was in ihm vorging, war unaussprechlich. Das eine Wort mähte urplötzlich Alles nieder, was eben noch so lebensvoll aufgekeimt: all die Qualen langer Jahre, all das Elend, welches ihr Treubruch ihm bereitet, stand vor ihm wie mit Flammenschrift, und zieh sie des Verraths am Heiligsten. Mit finsterer Stirn richtete er sich auf, stand einen Moment unbeweglich und trat dann, sich gewaltsam zusammenfassend, rasch in’s Freie.

Eine Secunde später schritt Dora an ihm vorüber und sah ihn mit erloschenem Blicke an. Unter all den Menschen auszuhalten, ward ihm unerträglich. Er benutzte den ersten Moment, wo er sich unbeachtet sah, um sich zurückzuziehen, und wanderte planlos die Laubgänge entlang, nur um keine Stimme mehr zu hören, kein fremdes Auge mehr zu sehen, und doch fühlte er sich zugleich so todteinsam, daß er mechanisch dem Rauschen des Wassers nachging, als etwas Lebendigem. Der Bach führte ihn zu einem von Bäumen umgebenen Rondell, wo das Wasser, zum kleinen Katarakt gesammelt, von dem höher gelegenen Wege aus über Felsgestein niederstürzt. Hier war es still und menschenleer. Ernst ließ sich wie gebrochen auf eine der Steinbänke nieder, die das Rund umgeben, und barg seine hämmernden Schläfen in beide Hände. So weh wie heute war ihm in stürmischen Jugendtagen nie zu Muth gewesen.

Lange mochte er so regungslos gesessen haben, als ein leises Geräusch, wie von berührtem Laub, ihn aufschauen ließ. Seine Hand umfaßte krampfhaft die steinerne Lehne. Er sah ein weißes Gewand schimmern. Dora schritt gesenkten Hauptes über den Steg, der leichten Bogenbrücke zu, welche das Rondell abgrenzt, und blieb dort der Cascade gegenüber stehen. Beide Arme auf das Brückengeländer gestützt, blickte sie unverwandt nach dem schäumenden Wasserfall. In tausend Silberperlen aufsprudelnd, stürzte die brausende Fluth über dunkle Felsblöcke nieder, leidenschaftlich wie ein Herz, das in wildem Strudel vergehen möchte. Sonnendurchleuchtetes Laub schimmerte wie Smaragd darüber hin, und von Secunde zu Secunde küßte der sinkende Sonnenstrahl die lichten Blätter, das feuchte Gestein an neuer Stelle, Alles vergoldend. Gleich Wächtern des schweigenden Rundes ragten ringsum hohe Bäume, deren Wipfel sich zueinander neigten und die bereits dämmernde Schatten über die Stelle warfen, welche Ernst einnahm. Er blickte unverwandt nach der regungslosen, vom Abendlicht überglänzten Gestalt.

Dora stand mit fest ineinander gefalteten Händen, den schönen Kopf tief gesenkt; er sah nur ihr Profil, doch sah er, wie Tropfen auf Tropfen über die blasse Wange niederstürzte. Ohne seine Stellung zu verändern, rief er leise. „Dora!“

Nur wie ein Hauch klang der Name durch die Stille, doch traf er das Ohr, dem er galt. Heftig zusammenschreckend wandte sich Dora um, den Blick in die Lüfte gewendet, als hätten ihre eigenen Träume sie mit einem längst verklungenen Namen gerufen. [850] Ihr Auge senke sich und traf die dunkle Gestalt, die ihr unbeweglich zur Linken saß.

Wernick erhob sich nicht. Kein zweiter Laut kam von seinen Lippen, nur seine Hand machte eine leichte winkende Bewegung, indem sein Blick auf sie gerichtet blieb. Dora flog zu ihm hinüber, wie von magischer Kraft fortbewegt. Seine Hände schlossen sich um die ihren; die Augen tauchten ineinander. Während sie so vor ihm stand, wußten Beide Nichts von Vergangenheit, Nichts voll Zukunft. Sie waren Eins.

Ernst’s Arm umfaßte die Geliebte, um sie näher an sich zu ziehen, doch entwand sie sich zuckend seiner Berührung, neigte sich und preßte ihre Lippen auf seine Hand. „Was thust Du?“ rief er mit zu spät abwehrender Bewegung.

„Ich danke Dir, daß Du vergeben kannst,“ sagte sie mit blassem Munde. „Ich segne Dich dafür; nun läßt sich das Leben wieder tragen, auch fern von Dir.“

„Sprich nicht von Vergeben!“ sagte Ernst, indem er sich erhob und sie fest in seine Arme nahm. „Wir lieben uns noch; das hast Du empfunden gleich mir, das füllt jede Kluft – Du bist mein, Dora, und Du bleibst es.“

„Nie!“ rief sie schauernd, indem sie zurückwich. Die alte Starrheit legte sich gnadenlos über das schöne Gesicht.

„Dora!“ rief Wernick mit Leidenschaft, „spiele nicht zum zweiten Mal mit unserem Leben!“

Sie blickte trostlos in’s Weite. „Ich habe dereinst mit einem anderen Leben gespielt, und – es ging verloren. Du weißt nicht, was ich zu verbüßen habe, Ernst. Niemand auf Erden weiß es. Kein Zufall ließ Sandor sterben – er fiel durch eigene Hand, nein, durch die meine, denn ich bin es, die ihn in den Tod getrieben.“

„Dora!“

„Nicht wahr, das glaubtest Du nicht? Aber Du mußt es erfahren, damit Du weißt, wer ich bin, und daß es für mich kein Wünschen mehr giebt – und kein Hoffen mehr. Ich habe Dich geliebt aus Grund meiner Seele, Ernst, und Deiner nie vergessen, auch dann nicht, als ich mich in wahnsinniger Bethörung von Dir losriß, auch dann nicht, als ich mir vorsagte, durch einen Anderen glücklich zu sein. Und so brennende Schmerzen schuf mir der heiße Widerstreit, daß ich Deines eigenen Leides, meiner Schuld gegen Dich kaum gedachte, Nichts sonst empfand, als daß ich Dich für immer verloren. Da hielt mir ein Brief Robert’s mein Bild vor, und ich schaute mit Grauen die verzerrten Züge. Wohl hatte ich Sandor gestanden, daß ich zuvor einen Anderen geliebt, daß ich um seinetwillen ein früheres Wort gebrochen, aber er vergab dem Wankelmuth, weil er an die Liebe nicht glaubte. Ich hatte es feige angenommen, als er mich von völliger Beichte lossprach; jetzt erschien es mir wie sündhafter Betrug, daß ich ihm nicht mehr gesagt. Ich sandte ihm Robert’s Brief, damit er mein Urtheil daraus lesen möchte. Er las sich Anderes heraus, nicht die Verachtung, welche ich mir bei den Meinen verdient, wohl aber die Liebe, die mich Dir verband. Wahrheit ging ihm auf aus Robert’s anklagender Schilderung unseres Bundes, und sein Herz trug diese Erkenntniß nicht. Edel wie immer, ging er aus der Welt, ohne meine Seele mit der Bürde belasten zu wollen, die ihn in den Tod trieb. Er vergaß, daß mein Gewissen mich lehren würde, ihn zu verstehen, daß mein schuldbewußtes Herz erkennen mußte, woran das seine brach. Was er empfunden, ist ja Wahrheit gewesen. Selbst in den Todesmartern dieses Bewußtseins war es nicht sein, war es Dein Verlust, der seitdem wie ein Wurm an mir genagt hat, Tag um Tag, Jahr um Jahr.“

Sie sank kraftlos auf den Sitz nieder und verhüllte ihre Augen.

„Und Du willst mir dennoch nicht gehören!“ sagte Wernick nach schwerer Pause.

„Dir gehören! über dieses Grab hinweg – wäre es nicht Lästerung? Wem ein stummer Schatten zur Seite geht, der kann keinem Lebenden Glück bringen.“

„Mein Recht ist älter, ist heiliger, als das Recht dieses Todten, Dora. Sprichst Du wahr, hast Du nie aufgehört mich zu lieben, dann schuldest Du mir auch das Leben, das Du mir einst zugelobt –“

„Es gehört nicht mehr mir; es gehört einzig der Buße,“ sagte sie ernst. „Der letzte Wunsch ist erfüllt: ich sah Dich noch einmal; Du hast mir vergeben – damit ward mir mehr, als ich verdiene. Erbarme Dich auch ferner, und dringe nicht in mich, daß ich Dein werden soll, wie die Liebe es versteht! Ich habe schon einmal an mir erlebt, wie elend schwach ich bin. Folgte ich Deinem Rufe, gäbe ich auch das Letzte auf, was mir von Selbstachtung geblieben, dann müßte Wahnsinn das Ende sein. Für mich giebt es nur noch einen Platz, und das ist der, auf welchem ich stehe. Die Meinen bedürfen mich nicht. Sie sind geborgen, und ich selbst war der Kaufpreis – dorthin will ich, kann ich nicht zurück. Hier füllt mein unseliges Dasein wenigstens eine Stelle, die Anderen zu Gute kommt – ich lehre diesen Kindern anders sein, als ich bin, und sie lieben mich sogar.“

Sie stand auf und hüllte sich fröstelnd in ihr leichtes Tuch. Schon begannen tiefe Schatten zu sinken; der letzte Sonnenstrahl war verschwunden. Wernick saß, den Kopf auf die Hand gestützt, in tiefes Sinnen verloren. Nun erhob auch er sich:

„Alles, was ich Dir sagen könnte, hieße nur meine eigene Sache führen – ich stehe rathlos, denn wie Du nur Nacht erblickst, sehe ich Licht, und weiß doch nicht, wo ich Deine Augen dem Strahl der heiligsten Wahrheit erschließen soll. In Dich dringen will ich, darf ich nicht. Giebt es noch Heil für uns, so kann es nur aus Deiner eigenen Seele kommen. So sei es denn! Ich scheide von Dir und kehre nicht wieder, wenn Du mich nicht rufst.“

Sie antwortete nur mit starrem Kopfschütteln und sah mit einem Blicke innerer Vernichtung vor sich hin, als dächte sie in’s Bodenlose hinein.

Ernst bot ihr schweigend den Arm und führte sie durch die dämmerigen Gänge dem Sammelplatze zu. Als er in einer der Alleen eine bekannte Dame erblickte, welche sich gleichfalls von der Gesellschaft getrennt und dieselbe nun aufzusuchen schien, übergab er seine Gefährtin deren Fürsorge und nahm stummen Abschied.

Die Hand, auf welche seine Lippen ein Lebewohl hauchten, war kalt, wie die einer Todten.




16.
Zoppot, im September. 

 Dora an Ernst Wernick.
Nimm mich hin, Ernst, wie Du es begehrst! Aus fremdem Mund erklang mir das erlösende Wort, das Du selbst nicht sprechen wolltest, weil es ein Wort der Anklage war: daß nur Selbstsucht das Glück des Liebsten dem eigenen Empfinden opfern kann. Es wurde mir zur Offenbarung. Ja, nur Selbstsucht war es, die mich alle meine Sünden begehen ließ, die mich auch jetzt wieder nur das eigene Wohl und Wehe hat erkennen lassen. Nicht der heilige Todte stand zwischen uns; er würde die Sühne, die ich ihm zu bringen dachte, als seiner unwerth zurückweisen. Mein eigenes feiges Herz war es, dem starres Verzichten leichter schien, als muthiges Bezwingen seiner Kämpfe und Schmerzen. Nimm es hin, da Du es noch lieben kannst – laß mich’s wagen, Dein Glück zu sein! All mein eigenwilliges Selbst lege ich Dir gebunden zu Füßen, und mir ist, als dürfte ich Dir’s heute bieten. Wenn es ganz dunkel um uns ist, bangt sich die Seele umsonst nach einem Halt in all der Wirrniß; fällt aber ein Strahl in die Nacht, dann findet unaussprechliches Sehnen den lang verhüllten Weg. Alle höchsten Güter, die mir auf ewig verloren schienen, weil ich sie freiwillig aufgegeben, Gott, Heimath und Liebe, sehe ich zwar noch fern, aber nicht unerreichbar mehr.

Du bist heute von hier gegangen. Ich ließ Dich ziehen, ohne Dich zu halten. Das erschütterte Herz wagte nicht, sich Dir Aug’ in Auge zu öffnen. Doch zu Dir sprechen mußte es, ehe auch ich von dem theuren Orte scheide. Dieses Blatt wird vor Dir in Deiner Heimath sein. Es bringt Dir Alles, was ich bin. Schalte damit nach Deinem Gefallen!

Dora. 


17.

Am Jahrestage des Parkfestes von Oliva saß ein einsames Paar auf der Bank am Teiche. Des Mannes Arm umschlang die weiche Gestalt der schönen Frau; sein Blick ruhte auf ihr voll Freude und Liebe.

„Hier,“ sagte Dora Wernick, indem sie das gesenkte Auge erhob, „an dieser Stelle war es, wo eine Fremde mir kundgab, [851] was ich Dir schuldig sei. Sie wußte nichts von uns; darum klang mir das mahnende Wort, womit sie meinen Schmerzensruf beantwortet, als Gottesurtheil. Dieser Ort ist mir heilig wie ein Altar. Hier ward mein Herz gewendet, daß es sich selbst erkannte; hier habe ich den Entschluß gefaßt, Dein zu sein, und ein heiliges Gelübde abgelegt, das Deinem Glücke und Deiner Ruhe galt. Keinen Tag öffne ich die Augen, keine Nacht schließe ich sie zur Ruhe, ohne die Fremde zu segnen, die mir gesagt, daß ein einziger Entschluß des Bessermachens den tiefsten Abgrund füllt. Und ich habe mir gelobt, daß sie erfahren soll, was ihr Wort meinem Schicksale gewesen. Nur wollte ich erst die Probe abgelegt haben, ob Alles, was verschuldet, wirklich in ihrem Sinne gesühnt. Ein Jahr ist vergangen – Ernst, sage mir, bist Du glücklich?“

„Du fragst?“ sagte er mit tiefer Innigkeit. „Jeder meiner Atemzüge hat Dir schon im Voraus Antwort gegeben. Du warst meiner Jugend das Ideal des Glückes; jetzt, Dora, bist Du mir mehr, bist das Glück selbst, mein besseres Ich!“

„Dank!“ hauchte sie still, indem sie ihre Lippen auf seinen Mund drückte. „An Deiner Seite müßte selbst eine Verlorene wieder Heil finden, und die unsterbliche Liebe zu Dir ließ mich nie ganz verloren gehen. Ohne sie hätte ich vielleicht mein Leben freiwillig hingeworfen, als es mir untragbar schien. Jetzt ist der Funke, der mein Sein gefristet, zum heiligen Feuer Deines Herdes geworden. Du führst mich durch Erde und Himmel; Du pflegst mit mir die Begräbnißstätte, welche ich im Herzen hege; Du gabst mir sogar die Meinigen wieder. Alles, Alles danke ich Dir. Aber auch ich habe zu geben, Geliebter! – An dieser Weihestätte sollst Du erfahren, daß Dir Deine Dora bald schenken wird, was sie Dir nicht als Brautgabe bringen konnte: ein reines, schuldloses Dasein. Grüßt es uns aus unseres Kindes Augen, dann erst fühle ich mich ganz – begnadet.“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pflegetocher
  2. Vorlage: zur