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Christliche Symbolik/Faust

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Faust.

Dr. Faust ist die Personification des modernen, vom Christenthum sich emancipirenden, durch Naturkunde, classische altheidnische Studien und philosophische Speculation gestählten, in wilder Begier durch die alten Schranken des christlichen Gesetzes hindurchbrechenden Menschengeistes. Die Sage von ihm ist im Zeitalter der Reformation auf unbekannte Weise im deutschen Volk entstanden, drückt aber auf’s Treffendste die neue Richtung der Geister aus.

In dem Werke: Dr. Johannes Faust, in drei Bänden von J. Scheible, Stuttgart 1846 und 1847, findet sich (am Schlusse des ersten Theils) das älteste Faustbuch, nach einem in Ulm befindlichen Exemplar zum erstenmale wieder abgedruckt, nachdem es gänzlich verschollen und Fausts Sage nur aus spätern, namentlich der Widmann’schen[WS 1] Redaktion, bekannt war. Sein Inhalt ist kurz folgender:

Dr. Faustus ist eines Bauern Sohn gewesen zu Rod bei Weimar. Er studirte Theologie zu Wittenberg, sein stolzer Geist aber wollte sich nicht beugen in die Demuth vor Gott, er wollte vielmehr wie Gott selber Alles wissen und Alles thun können, vertiefte sich daher in’s Studium der Natur und der Magie, „nahm an sich Adlers Flügel und wollte alle Gründ an Himmel und Erden erforschen.“ Bald aber sah er ein, sein eigner Geist reiche dazu doch nicht aus, und er müsse sich des Teufels bedienen, als der nächst Gott Alles wisse und könne. Er begann also „das zu lieben, was nicht zu lieben war“, begab sich bei Wittenberg in einen dicken Wald, wo er den Teufel beschwor, liess sich durch dessen Gauklerei nicht schrecken und zwang ihn, sein Diener zu [272] werden. Allein er konnte sich nicht darein finden, sich als einen der Hölle Verfallenen zu betrachten, da er ja die Dämonen beherrschte. Als ihm der Teufel gleichwohl sagte, nach seinem Tode werde er die gebührende Strafe leiden müssen, fuhr Faust im Zorn auf und jagte ihn von sich. „Um deinetwillen will ich nicht verdammt seyn.“ – Als er aber den Teufel nicht mehr um sich hatte und also auch von seinen Diensten keinen Gebrauch machen konnte, fühlte Faust eine unerträgliche Leere und liess den Teufel wieder kommen, der sich nun als Mephistophiles zu erkennen gab und mit dem er einen Pakt abschloss, des Inhalts: „Vierundzwanzig Jahre lang dienst du mir, nachher kannst du mit mir machen, was du willst.“ Den Pakt unterschrieb Faust mit seinem Blut, das er sich mit dem Federmesser aus der linken Hand schnitt. Die kleine Wunde bildete die Schrift: O homo, fuge!

Mephostophiles zauberte seinem neuen Herrn zunächst allerlei lustiges Gaukelspiel vor, wie vorher im Walde, nur mehr lustiger Art, Musik, eine Jagd etc., setzte ihm die köstlichsten Speisen und Weine vor, die er aus fürstlichen Küchen und Kellern stahl, und kleidete ihn mit den theuersten und feinsten Stoffen. Der volle Bauch machte Faust üppig; da wollte er heirathen. „Was?“ fuhr ihn der Teufel an, „heirathen willst du? Die Ehe ist ein Sakrament, ein göttliches Werk, thut dem Teufel Abbruch, also darfst du nicht heirathen.“ Als aber Faust darauf bestand und ihn erinnerte, er müsse gehorchen, da erschien ihm der Teufel zum erstenmal in seiner wahren Gestalt so furchtbar, dass Faust erbebte und davonfloh. Von einer Ehe war nun nicht mehr die Rede, aber Mephistophiles verschaffte seinem Herrn jede Nacht die schönste Frau, so schön, wie er sich sie selber nur denken wollte, indem ein gefälliger Teufel jedesmal die gewünschte Gestalt annahm.

In der Zwischenzeit zwischen diesen Vergnügungen hielt Faust mit seinem Diener Gespräche über die ewigen Dinge. Darin erfuhr er zu seinem immer erneuerten Aerger, dass [273] es mit dem Stolze des menschlichen Geistes nichts sey. Mephostophiles sagt: „Ich bin ein Teufel und thue nach meiner Weise; wenn ich aber ein Mensch wäre, wie du, so würde ich mich vor Gott demüthigen und viel lieber Gott dienen, als dem Teufel.“ Das Wohlleben und diese unbehaglichen Disputationen mit dem Teufel genügten Faust nicht mehr. Er wollte vor der Welt glänzen und hielt Vorlesungen, worin er die Natur erklärte und von der Zukunft weissagte, und wodurch er Alles in Erstaunen setzte. Aber auch das genügte ihm nicht. Nachdem er vom Teufel Alles gehört, was dieser über das Jenseits wusste, verlangte Faust, mit dem Jenseits in unmittelbare Berührung zu kommen. Zuerst liess er sich eine Auswahl der vornehmsten Teufel vorstellen. Als sie ihn aber wieder verliessen, blieb das ganze Haus voll Ungeziefer, vor dem Faust fliehen musste. Das schreckte jedoch Faust nicht ab, dem Herrn in der Hölle den Gegenbesuch abzustatten. Beelzebub kam mit einem beinernen Stuhl auf dem Rücken, darein setzte sich Faust und fuhr mit ihm durch die ganze Hölle, deren Flammen, Heulen und Zähneklappern er mit voller Musse betrachten konnte. Glücklich zurückgekehrt, wollte er nun auch den Himmel oben sehen und fuhr auf einem Drachenwagen hinauf, zuerst schief über alle Länder der Erde, nach Osten zu, so dass er tief nach Asien hinein die ganze Erde überblickte; dann empor zu den Sternen, die er in dichter Nähe wie grosse Welten sah, während die Erde unter ihm klein wurde wie ein Dotter im Ei.

Nachdem Faust seine Neugier oben befriedigt, gelüstet es ihn, Das zu geniessen, was ihm am nächsten lag, die Erde. Mephostophiles muss sich also in ein Flügelpferd verwandeln, auf dem reitend er alle Länder und Völker der Erde zu besuchen unternimmt. Unter andern kommt er auch nach Rom und bedauert sehr, dass er nicht Papst geworden ist, als er sieht, wie der Papst herrlich und in Freuden lebt. Unsichtbar seiner Tafel beiwohnend, nimmt er ihm die feinsten Speisen und Weine vom Munde weg. Der Papst glaubt, es [274] sey ein Gespenst und sucht die arme Seele zu erlösen, wird aber ausgelacht. Die Reise wird weiter fortgesetzt. Ueberall sucht Faust die Höhen auf, um sich von da aus zu orientiren. So blickt er von den Karpathen hinunter nach Krakau und Polen. In der Türkei angelangt, begibt er sich alsbald in das Serail des Sultans und stellt sich den schönen Damen daselbst in der Gestalt des Propheten Muhamed dar, worauf sie sich unendlich glücklich schätzen, ihr Bett mit ihm zu theilen. Dies geschieht sechs Tage lang, während deren eine Wolke das ganze Serail umhüllt und verbirgt. Nachher verschwindet der vermeinte Muhamed, an den der Sultan selber in stummer Bangniss glaubt. Zuletzt besteigt Faust den Berg Kaukasus und blickt von da in’s Land India und in die seligen Fernen des Paradieses.

Aber immer wieder zieht es ihn zur alten deutschen Heimath zurück, und von nun an wagt er sich an die höchsten irdischen Herren. Er erscheint am Hofe Kaiser Karls V., der ihn als berühmten Meister in der Zauberei empfängt, ihm aber auch eine seiner würdige Aufgabe stellt, nämlich ihm den grössten Helden und König des Alterthums heraufzubeschwören und leibhaftig vor ihm erscheinen zu lassen, Alexander den Grossen, der sich dann auch wirklich dem erstaunten Kaiser zeigt. Nun folgen Schwänke, die in die Faustsage aus dem Sagenkreise minder erheblicher Zauberer übergetragen scheinen, obgleich sie auch hier nicht unnatürlich motivirt sind. Dann beschliesst Faust, die Vergangenheit in ihrem Köstlichsten und Schönsten eben so zu geniessen, wie er die Gegenwart genossen, beschwört die schöne Helena aus dem alten Griechenland herauf und wird so von ihrem Reiz bezaubert, dass er nicht mehr von ihr lassen kann, sie bei sich behält und ein Kind mit ihr zeugt, welches Alles weiss und ihm die Zukunft aller Dinge verkündet.

Aber die 24 Jahre gehen zu Ende. Faust fällt in Schwermuth, der Teufel verspottet ihn. In der Mitternacht des letzten Tages hören die Studenten einen grässlichen Lärmen [275] und finden Faust am Morgen im Zimmer, vom Teufel in Stücke zerrissen. Helena und das kluge Kind waren verschwunden. – So das alte Volksbuch, das mit Ausnahme der gerügten Schwänke ein tiefdurchdachtes Ganzes darbietet. Leider ist es bald durch das elende Machwerk Widmanns von 1599 verdrängt worden, in welchem nur die Schwänke vermehrt, das Tiefe und Geistreiche aber weggeblieben sind.

Eine grosse Menge neuer Dichter haben die Faustsage behandelt wie die Sage vom ewigen Juden, im Widerspruch mit der christlichen Grundidee. Anstatt einen groben Sünder in ihm zu zeigen, liebkosen sie ihn als einen Helden, als einen Vorkämpfer der Menschheit, welche die Banden der göttlichen Autorität zu sprengen berechtigt sey. Sie beseitigen den Teufel als einen Wahn und führen ihren Faust entweder getrost in den Himmel ein, oder veredeln ihn wenigstens zu einem kühnen Prometheus und lassen ihn dem Christengott wie einem ungerechten Jupiter trotzen. In Göthe’s Faust culminirte die weichherzige, sentimental-frivole, in Byrons Manfred die rigoristische, sturm- und drangliche Auffassung. Göthe lässt zwar im Eingang des Gedichts den Faust die Miene annehmen, als lebe in ihm ein tiefer, unersättlicher Wissensdrang, allein nachher geberdet sich Faust lediglich als sentimentaler Don Juan und kommt aus der Weiberliebe nicht mehr heraus. Somit nimmt Göthe aus der alten Sage nur das Eitle, Kleinliche und Wollüstige, nicht auch das Grossartige, Titanenhafte oder Danteske auf. Am Schluss stellt sich Göthe sogar mit der alten Sage in direkten Gegensatz, indem er den Faust, anstatt ihn vom Teufel holen zu lassen, im Triumph und unter obligater Assistenz aller himmlischen Heerschaaren in den Himmel einführt. Weiter konnte man die sentimental - frivole Auffassung nicht treiben.

Byron hat dagegen die Maler Müller-Klinger’sche Auffassung bis auf die Spitze getrieben, indem er in der Charakteristik seines Manfred zu allem Stolz und Trotz, den der [276] Menschengeist im Unglauben gegen Gott irgend geltend machen kann, auch noch insbesondere die Härte des englischen Nationalcharakters und den unbeugsamen Eigensinn des Spleen hinzufügt. Byrons Manfred ist übrigens ohne Frage edler als Göthe’s Faust, weil er nicht lüstelt und sich auch in keinen Himmel stehlen will, sondern stolz Alles von sich stösst und der Vernichtung fest in die Augen sieht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Berichtigung Band II. In der Vorlage: 'Weidmann’schen'