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Charakterköpfe aus der deutschen Liedertafel

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Autor: unbekannt
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Titel: Charakterköpfe aus der deutschen Liedertafel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, 44, S. 667–670, 700–702
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[667]
Charakterköpfe aus der deutschen Liedertafel.
I.

Ich möchte behaupten, daß mit dem Singen genau dieselben Umwandlungen vor sich gegangen sind, wie mit dem Spinnen. Man sang früher allein oder zu zwei, was die Stimmung eingab. In jedem Hause drehte sich lustig das Singrädchen, wie in jedem Hause ein Spinnrad schnurrte, und beide arbeiteten heimlich miteinander an dem Aufbau eines kleinen, reizvollen Himmels im eigenen Herzen, in dessen Kreise jeder Hörer mit stiller Macht gezogen wurde. Und wenn die sorglichen Gedanken, von Lust verwirrt oder von Schmerz übertäubt, das Schließen der Pforte vergaßen, dann leuchtete der helle Sonnenstrahl aus befreundetem Auge mit hinein und ließ tausend goldene Herrlichkeiten aufflimmern und stöberte die kalte Winterluft und den Winterstaub aus den trüben Winkeln, die Jeder im Herzen hat und vor denen die Seele sonst immer scheu und rasch vorübergeht.

Die Rädchen rückten enger zusammen, und es begann ein emsiges Drehen. Bei dem heimlichen Surren sprach sich manches Wort leichter aus, das sonst seinen Weg nicht über die Lippen gefunden hätte. Jetzt verlor es sich mit im allgemeinen Geräusch. Und bei dem oftmaligen Niederbücken, um den Faden zu befeuchten, konnte sich manches nasse Auge verbergen und seinen Tropfen fallen lassen, ohne daß es die Andern merkten. Dann ging man nach Hause über den hartgefrorenen Boden, viel leichter und beruhigter, als man gekommen war. Aus dem verfitzten Werg waren die Spelzen heraus, und mit jeder war ein Zweifel von der Brust herabgefallen. Auf der Spule aber lag das Garn klar und knotenlos, wie ein silberner Faden, – so hatte sich auch das Wirrsal der Gedanken und Gefühle geglättet. Aber nun sind große mechanische Spinnereien entstanden, in denen der Dampf in seinem Kampfe gegen die Hemdennoth allen Flachs der Erde verarbeitet, und das Spinnrad, der alte Freund des Herzens, ist in die Rumpelkammer gewandert. Man hört sein vereinzeltes Summen nicht mehr. Fast so ist es auch mit dem Singen.

Der Associationstrieb, das Princip der Arbeitstheilung, hat sich auch hier geltend gemacht. Ueber die Sänger kam die Einsicht des neunzehnten Jahrhunderts, sie vereinigten sich zu gemeinschaftlichen Gesangsspinnereien, in denen Jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten seine Spindel dreht. Die hohen Stimmen wurden von den tiefen, die Tenöre von den Bässen gesondert, und wie in der Uhrenfabrikation der Eine blos Rädchen, der Andere blos Zeiger und wieder ein Anderer blos Zifferblätter macht, so sang von nun an die eine Partei die Melodie, die andere den Grundbaß, und der Rest theilte sich in die harmonische Ausfüllung.

Das wäre nun ganz gut gewesen. Aber wie das Spinnrad noch eine andere Bedeutung hatte, als nur für den Garnmarkt zu arbeiten, so war ursprünglich der Gesang auch mehr für das eigne innere Haus und nicht eine Waare, die in möglichst großer Menge für Andere geliefert werden mußte. Mit der Erfindung der Gesangsfabriken ist das anders geworden; allein es sei ferne von uns, dagegen reden zu wollen, denn der Vortheil liegt ja offenbar auf Seiten des hörenden Publicums, und dieses scheint, wie eine oberflächliche Berechnung ergeben hat, zur Zeit noch in der Majorität zu sein. Eine eigentliche Gesangsnoth – in dem Sinne, wie eine Brodnoth, – kann gar nicht mehr vorkommen. Der gesangshungrigste Mensch muß seine Befriedigung finden, denn wenn er irgend im Stande ist, sich im Sommer mit einem Hendschel’schen Telegraphen und dem nöthigen Fahrgelde auszurüsten, so kann er, im Fall er immer die passenden Züge benutzt und dann und wann eine Nachtfahrt nicht scheut, im Laufe von sechs Wochen mindestens 60,000 ausgewachsene, singende, sonst aber ganz gesunde Männer sehen und hören. Denn es kommt den Orpheusen, Harmonien, Polyhymnias, Arions und was für heidnische Namen jene Associationen noch führen mögen, bisweilen vor, als ob die Versicherung, daß

„die stille Wasserrose vor Liebe und Liebesweh“

zittert, nicht glaubhaft genug erschiene, wenn sie nur von achtzig handfesten Männern in allen erdenklichen Stimmlagen gegeben wird, oder als ob der Wunsch

„Das Liebchen, ach! nur ein einzigsmal zu sehen“

sich gar nicht anders aussprechen ließe, als durch die gleichzeitige Betheuerung einer ganzen Eidgenossenschaft.

Von dem Drange geleitet, diesen ihren Gefühlen einmal einen wirklich entsprechenden Ausdruck zu verleihen, rufen sie dann einander zu gegenseitiger Hülfsleistung zusammen. Es werden förmliche Ausstellungen veranstaltet, gegen welche die Londoner von 1851 ein erbärmliches Kinderspiel ist. Je nach der Betheiligung an diesen Massendemonstrationen kann man die Männergesangvereine in mobile und stabile theilen. Indessen ist der letztere Zustand nur ein vorübergehender, eine Entwickelungsphase, gleichsam die Säuglingszeit. Denn es läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß jeder Verein in derselben Zeit auch laufen lernt, wo er anfängt, selbstständig zu lallen, das heißt, ohne am Gängelbande eines ausgespielten Claviers geführt zu werden. Die erste Probe davon erfüllt alle weiblichen Angehörigen mit dem höchsten Entzücken. Im Handumdrehen ist eine Fahne gestickt. Der Posamentier und der Buchdrucker des Vereins entschlagen sich soweit ihrer natürlichen Verpflichtungen gegen Weib und Kind, daß sie begeistert erklären, die Sängerzeichen für den Selbstkostenpreis herstellen zu wollen. Die Polyhymnia geht damit aus dem stabilen Zustande in den mobilen über, denn das Erste ist der einstimmig gefaßte Beschluß, dem nächsten großen Gesangfeste in pleno beizuwohnen. Diesen großen Act hat hauptsächlich der erste Baß bewirkt, der seine gemeinnützige Gesinnung so weit bethätigt, daß er zur Anschaffung eines Trinkhornes sofort die nöthigen Gelder zusammensteuert.

Der erste Baß ist überhaupt in allen innern Angelegenheiten von dem wesentlichsten Einfluß. In ihm befinden sich die eigentlichen Vereinsmenschen. Durch Quantität und Qualität üben sie eine keimende Kraft, welche zwar keine in Drift und Farbenpracht sonderlich auffallenden Blüthen treibt, die aber das Ganze in seinem eigenthümlichen Charakter erhält. Die ersten Bassisten sind der Nährstand, die eigentlichen Bourgeois des Vereines. Denn sie zählen in der Regel ebensoviel Köpfe, wie alle übrigen Stimmen zusammen, und tragen demnach allein die Hälfte aller Lasten mit, während die Einkünfte an öffentlichem Beifall und heimlichen Schwärmereien ihnen nur zum allergeringsten Theile zufließen. Das ist insofern vom nationalökonomischen Standpunkte zu bedauern, als der erste Bassist kraft seiner Körperbeschaffenheit selbst den enthusiastischsten Verehrungen nicht erliegen würde und demnach das „Gefeiertwerden“ für ihn zu einer wirklich naturwüchsigen Industrie werden könnte. „Das vertrage ich nicht,“ steht in keinem seiner Wörterbücher. Die Brauer gehen ihm beschämt aus dem Wege, denn ihre stärksten Producte belächelt er, wie der Matrose die Mandelmilch. Er würde sich an Arsenik gewöhnen, wenn er einen Grund dazu sähe, denn er thut nichts ohne Grund. Und es bedürfte [668] für ihn nur einer geringen Uebung, um selbst von Lindnern sich anreden lassen zu können. Aber man redet ihn eben nicht an. Ueber dem Werke vergißt man den Meister, und nur dieselbe große Charaktereigenthümlichkeit, welche das deutsche Volk zum Träger des patrimonial-monarchischen Princips macht, kann den ersten Bassisten erheben und ihn im Gefühl seines innern Werthes den nie zu erlangenden äußern Erfolg verschmerzen lassen.

Die Ansprüche an seine Leistungen sind die bedeutendsten und können es sein, denn er kennt keine Schwierigkeiten. Er singt und raucht, was ihm vor’s Rohr kommt, und mit unfehlbarer Sicherheit mischt er mit dem zweiten Tenor die Farben zu den Effecten, welche erster Tenor und zweiter Baß ausnutzen. Trotzdem wird ihm auch im Verein kein Dank, er bleibt auch hier der dienende Bruder. Als armer Ritter des Ordens trägt er alle Mühseligkeit des Dienstes, ohne mit dem glänzenden Bande der Capitelherren geschmückt zu werden. Jene bevorzugteren Stimmen behandeln ihn nur als Genus, und es ist nicht zu verwundern, wenn es bisweilen den Anschein gewinnt, als ob er durch diese ewige Unterdrückung endlich wie Aschenbrödel den Muth verloren habe für etwas gelten zu wollen. Dem ist aber in der That nicht so. Seine heißen Gefühle schlummern nur unter der Decke tiefer Philosophie, aber dann und wann, wenn sie auf Verständniß stoßen, zucken sie lodernd hervor. Ich habe einst den unendlich dankbaren Blick beobachtet, der sich von der befreiten Seele eines ersten Bassisten losrang, als bei einem Ständchen die gefeierte schöne Dame des Hauses, nachdem sie sich mit allen übrigen Sängern bereits unterhalten hatte, schließlich zu einem einsam von ferne Stehenden mit der Frage wandte, welche Stimme er denn sänge. Er war offenbar überrascht, daß von Leuten seines Tones Notiz genommen wurde.

„Nun, ich singe eigentlich – ich bin erster Baß,“ klang es förmlich kleinlaut.

„Ah, also Bariton.“

Ich will nicht darauf schwören, aber ich glaube es nicht, daß den also Bezeichneten ein beseligenderer Stolz erfaßt hätte, wenn plötzlich der englische Premierminister zur Thür hereingekommen wäre, vor ihm die Kniee gebeugt und ihn angeredet hätte: „Sir, die graziöseste Königin der Welt hat von Ihren schönen Eigenschaften vernommen, und seit Ihre Majestät Sie, hochedler Lord, voriges Jahr gesehen, vermag sie Ihr Bild nicht aus ihrem Herzen zu bannen. Sie bietet Ihnen Herz und Hand. Sind Sie gleicher Meinung, so bin ich beauftragt, Sie, den Herzog von Cumberland, durch dies Band unter die Zahl der Ritter vom Hosenband-Orden aufzunehmen.“ Er, der haufenweise erste Baß, war von einer schönen Dame „Bariton“ genannt worden, das war ihm in seinem ganzen Leben zum ersten Male passirt; in diesem Wort lagen für ihn alle Standeserhöhungen der Welt. Seit dieser Zeit ging er auch ganz still herum; dann und wann griff er in die Luft nach Händen, die er zu drücken ein unbesiegbares Bedürfniß hatte; kurz über sein Wesen breitete sich ein seliger Friede, wie ihn nur ein Mädchenherz empfinden kann, welches von dem Heißgeliebten zum ersten Male „mein süßes Leben“ oder dergleichen genannt worden ist. Im großen Ganzen unterliegt der erste Baß im spätern Alter erst dem Gott mit verbundenen Augen, und seine ausgedehnten Beziehungen zu dem weiblichen Theile der „kohlensauren Trinkhallen“ haben zur Zeit noch vorwiegend diätetische Beweggründe.

Das ist total anders bei seinem, was Stellung anbelangt, gleich unglücklichen Genossen, dem zweiten Tenor. Bei diesem bleibt das ein ewiger Conflict, was sich bei dem ersten Baß so schön ausgeglichen hat. Der zweite Tenor ist eine in sich zernichtete Lilie, und sein Pflichteifer, sein Gesangsfanatismus müssen Jeden in die tiefste Mitleidenschaft versetzen, der je einen Blick in das Innere eines dieser Armen gethan hat. Bis zur Stellung eines überall gefeierten ersten Hochsängers fehlen demselben, wie er sich fortwährend selber sagt, nur einige wenige Töne, aber diese sind eben unerreichbar. Wenn Jemand in der Lotterie ein Loos gespielt hat, dessen Nummer von der mit dem Hunderttausendthalergewinn gezogenen etwa gerade nur um zehn verschieden war, so kann man sicher sein, in der nächsten Zeit einer Stimmung bei ihm zu begegnen, die mit einem Absud von Seidelbast die größte Verwandtschaft hat. Aber sie legt sich doch allmählich. Nicht so beim zweiten Tenor, der sein ganzes Leben an der Pforte der schönsten Triumphe steht, aber trotz Hängen und Würgen nicht hindurchkommt. Warum nur nicht? Bin ich denn ein zu großer Verbrecher? murrt er täglich gegen sein Schicksal. Trotzdem erreicht er ein hohes Alter, sein ägrirtes Gemüth conservirt ihn wie Holzessig.

Die große Menge hat für ihn keine Aufmunterung, und das ist weiter nichts als der schwärzeste Undank. Auf die genaue Erkenntniß dieser unnatürlichen Verhältnisse stützt sich auch die beim letzten Juristentage von einem unserer berühmtesten Criminalisten verfochtene Ansicht, daß bei der Beurtheilung staatsgefährlicher Verbrechen der beigebrachte Beweis „ist zweiter Tenor“ als ein wesentlicher Milderungsgrund angesehen werden müsse. Es ist ein großes Glück für alle bestehenden Verhältnisse, daß der erste Baß durch seine unmittelbare Nähe den besänftigendsten Einfluß auf seinen Schicksalsgenossen ausüben kann. Seine Wirkung wird aber ganz besonders noch verstärkt durch jene Shakespeareschen „guten Leute“, die hauptsächlich zu Winters Anfang stromweis in die Liedertafel treten, weil sie durch eine gewissenhafte Berechnung zu der Ueberzeugung gekommen sind, daß sie bei einem einigermaßen harten Winter als Sangesgenossen die allerbilligste Calefaction genießen. Sie werden ohne Probe vom Herrn Director in die Mittelstimmen verwiesen, hier können sie nie schaden, denn der Tenorschlüssel verblüfft sie von vornherein wie ein Drudenfuß. Sie erkennen ihre Stellung sehr wohl und betrachten sich als Stipendiaten, welche überall zum Guten zu reden haben. Sie sind das „lindernde Oel“, um welches Hero die Götter bat, so lange nicht Extrasteuern ihren anfänglichen Ueberschlag über den Haufen werfen. In diesem Falle können sie aber plötzlich ihren Austritt anmelden, und dem natürlichen Lauf der Dinge gemäß erfolgte dies früher, wo die großen Gesangfeste noch nicht ihre zauberische Anziehungskraft bewähren konnten, am häufigsten zur Zeit der Frühjahrsäquinoctien.

Sobald die Polyhymnia mit Fahne und Trinkhorn mobil gemacht ist, nennen sich ihre Mitglieder „Sangesbrüder“ – und sie begiebt sich, nachdem mit unsäglichen Mühen von den Eisenbahnverwaltungen ermäßigte Fahrpreise ausgewirkt worden sind, von Thränen und Gebeten der Zurückbleibenden begleitet, auf den Kriegspfad. Die administrative Leitung dieser ersten Unternehmung ist dem sogenannten „Onkel“ übergeben worden, einem alten Garçon, der sich in der kleinen Stadt zur Ruhe gesetzt hat und seine halbofficielle Stellung dem Renommée verdankt, in seinen jungen Jahren bei der Begründung einer Liedertafel betheiligt gewesen zu sein. Er hat sich zwar aus seiner musikalischen Vergangenheit nichts weiter gerettet, als den höchst gefühlvollen Vortrag des Liedes: „Ich lobe mir das Kegelschieben“; allein das genügte vollständig, ihm in Hinblick auf seine im Uebrigen geordneten Vermögensverhältnisse das Amt eines Cassirers zu übertragen. Leider sterben die „Stifter“, jene liebenswürdigen alten Knaben, die auf den Gesangfesten zur Zeit noch eine besondere muntere Classe bilden, nach und nach ganz aus. Für den jungen Verein ist übrigens der erste Zug zu einem allgemeinen Gesangfest ein bängliches Unternehmen. Späterhin erlangen die Einzelnen aber durch häufige Uebung eine virtuose Sicherheit, die jedem Dritten bewundernde Achtung abnöthigt.

Ich besuchte vor mehreren Jahren einen Universitätsfreund. Derselbe war ein beliebter Arzt in einer Stadt, in der gerade ein Gesangfest gefeiert werden sollte. Natürlich war er im Festcomité. Eines Mittags kommt der Mann ganz seelenvergnügt nach Hause: „Frauchen, wir bekommen sechs Sänger – einen aus Wolfenbüttel, zwei aus Ritzebüttel, einen vom Wiener Männergesangverein, den Cantor aus Unterschindmaß, einen aus Heiligenblut und einen aus Heiligenkrenz – Donnerwetter! das sind ja sieben!“

Ich denke doch, die arme Frau rührt bei dieser Freudenbotschaft der Schlag.

„Aber lieber Mann, wie soll ich denn die beherbergen?“

Nun kurz und gut, sie wurden untergebracht, wie bei dergleichen Gelegenheiten Alles untergebracht wird, und einer wurde mir zugetheilt. Wir hatten aber schon auf sein Eintreffen resignirt; denn die übrigen sechs waren längst in ihren Clausen heimisch geworden, als mein Nächster immer noch fehlte. Da klopft es.

„Ganz ergebenster Diener. Wohnt hier der Herr Doctor R.?“ frug es zur Thüre herein und gleichzeitig erschien die persönliche Ursache, die sich ohne alle Ungewißheit sofort an die Wirthin wandte, „mein Name ist so und so, ich bin Sänger und habe diesen Quartierzettel für Sie erhalten. Hoffentlich komme ich Ihnen nicht ungelegen. Ich danke, gefrühstückt habe ich bereits. Ich bitte überhaupt, daß Sie sich so wenig wie möglich meinetwegen geniren. [669] Den Hausschlüssel habe ich mir schon vom Mädchen geben lassen, der Saalschlüssel wird, wie ich höre, auf das Treppenfenster gelegt; damit wäre zunächst das Geschäftliche beendet.“

Zu etwas Außergeschäftlichem schien er entschieden keine Zeit zu haben, denn bis jetzt war es noch nicht möglich gewesen, seinem Redefluß etwas anderes entgegenzusetzen, als einige andeutende Pantomimen: „er möge sich doch setzen und an dem Frühstück betheiligen.“ In aller Geschwindigkeit erklärte er noch, daß er den Frühkaffee schwarz zu trinken pflege, und nachdem er sich unerbittlich den Hausschlüssel eincassirt hatte, griff er ohne jede gemüthliche Erregung wieder nach der Thür.

Der erste Baß.

„Aber wollen Sie nicht erst auf Ihr Zimmer gehen? Sie wünschen sich vielleicht etwas auszuruhen oder umzukleiden.“ Ich wollte ihn führen, er aber schüttelte seltsam das Haupt.

Der zweite Tenor.

„Lieber Herr, ein Gesangfest ist nicht zum Ausruhen, und umgekleidet habe ich mich im Coupé; meinen Koffer habe ich dem Hausmann gegeben, der mag ihn auf das Zimmer schaffen.“ Damit ging er, wie ein Meteor erschienen und wie ein solches wieder verschwunden. Wir sahen ihn den ganzen Tag nicht wieder. In der Nacht aber erwachte ich durch das Gepolter eines fallenden Leuchters. Ich höre Schritte sich meiner Thür nähern; dieselbe wird geöffnet und einzelne etwas undeutliche Solfeggien verrathen mir, daß der biedere Gastfreund doch den Entschluß gefaßt haben mußte, sein Haupt zur Ruhe zu legen. War mir nun schon unerklärlich, wie er, dem Maulthier gleich, im Finstern seinen Weg bis an meine Thür gefunden, so überlief es mich förmlich kalt, als ich ihn, der vorher nie in diesem Zimmer gewesen war, schnurgerade wie Kolter auf sein Bett zusteuern hörte. Er zog sich hier mit einer rapiden Schnelligkeit aus und lag und schlief, ehe ich mich soweit gefaßt hatte, um ihn anreden zu können. Nun frage ich: da es längst ausgemacht ist, daß selbst die Katzen im Finstern nicht sehen können, was in aller Welt lenkte den Schritt dieses Edlen, wenn nicht ein göttlicher Instinct?

Auch eine Mittelstimme.

„Gewohnheit,“ sagte er am andern Morgen und mag Recht haben, wenn er damit jene Schärfung der Sinne bezeichnen will, die den nordamerikanischen Indianer auf dem glatten Felsen die Fußspuren der Feinde erkennen läßt und in Folge deren wohl auch sich der Geruchssinn so auszubilden vermag, daß der Duft eines frisch überzogenen Bettes für ihn eine leitende Kraft bekommt, wie der Faden der Ariadne. Das ist nicht zu leugnen, daß eine solche „Gewohnheit“ den wahren reisenden Sangesbrüdern sehr zu statten kommt. Namentlich aber ist sie für den Herrn Director wünschenswerth, unter dessen „ausgezeichneter Leitung“ das Ganze steht.


Der Herr Direktor.

Wie habe ich immer den Mann mit dem Jupitergesicht bewundert, der auf einem erhöhten Postament abgesondert von den Tausenden steht, die sich auf dem großen, großen Holzbau zusammendrängen. An den Bewegungen seiner Arme hängen alle Glieder des vielköpfigen Mechanismus, wie alle Rädchen an den Regulatorkugeln [670] einer Dampfmaschine hängen. „Meine Herren, ich muß bitten!“ dabei klopft er mit einem Stäbchen auf das kleine Pult und seine Augen schweifen über die Menge. Sind alle vorbereitenden Verrichtungen beendet, dann beginnt er gewisse einsegnende Verbeugungen, die er mit feierlichen Beschwörungsformeln nach den verschiedenen Richtungen der Windrose begleitet.

„Meine Herren, sehen Sie recht genau auf mich. Im ersten Tenor nur das gis recht scharf – um Gotteswillen bei dem Mondesstrahl nicht runterziehen.“ Nun noch ein unendlich ausdrucksvoller Blick, ein Zukneipen der Augen, als ob er von einem der höchsten Thürme in ein tiefes unbekanntes Wasser springen müsse – Unglück, geh Deinen Gang! und er stürzt sich mit seinen Heerschaaren in den Kampf. In diesem letzten Blicke spiegelt sich eine Welt. Man fühlt heraus, daß der Arme alle Brücken hinter sich abgebrochen weiß und daß ihn in diesem Moment die bittersten Vorwürfe zerfleischen, selber die Hand zu einem Werke geboten zu haben, welches allerdings möglicher Weise ihm einige zwanzigtausend jubelnde Menschenherzen vor die Füße legen, möglicherweise aber auch doppelt soviel enttäuscht vorwurfsvoll blickende Augen ihm zurichten kann. Denn man nehme nur den Fall, die fünftausend entschlossenen Männer, welche dreißig, vierzig, sechzig Meilen weit hergereist sind, um unter seiner Aegide dem Publicum die Mittheilung zu machen, daß „sie jetz an’s Brünnele gehe, aber net trinke wolle“, würden an der Ausführung dieses Unternehmens durch irgend einen Umstand gehindert – nein, etwas so Gräßliches läßt sich nicht denken! –

[700]
II.

Im gewöhnlichen Leben vermag der Herr Director sein Jupitergesicht nicht immer beizubehalten, dafür trägt er aber eine je nach der Stärke seines Vereines mehr oder minder werthvolle goldene Uhr, eine ditto Uhrkette und einen Siegelring der schwersten Sorte, sämmtlich von verschiedenen Jahrgängen. Einige der hervorragendsten Mitglieder würdigt er seiner besonderen Vertraulichkeit, die ihn in unbewachten Stunden schon bis zum Eingehen von Brüderschaften geführt hat. Die andern nähern sich ihm mit einem aus Begeisterung und Ergebenheit zusammengemischten Gefühl.

„Herr, gieb ihm eine unbegrenzte Fähigkeit, in den allerverschiedensten Bier- und Weinsorten jedwedem Zutrinkenden Bescheid zu thun!“ das ist bei der Einsegnung eines Directors das Gebet, welches erfahrene Sangesgenossen für ihn zum Himmel richten. Zu seiner vollständigen Ausrüstung gehört außerdem eine seltene Macht der ungebundenen Rede und die Fähigkeit, Nachts beim Oeffnen der Thür mit einem unmerklichen Ruck die Vorsaalklingel anhalten und mit derselben Geschwindigkeit das Schlaggewicht der Nachtuhr abhängen zu können.

Man sagt, daß es Directoren gäbe, welche sich in der ersten Zeit hinter dem Rücken ihrer Ehehälfte auf diese Künste an heimlichen Orten und mit ledernen Klingeln eingeübt hätten, – das kann ich indessen nicht glauben. Man sagt ja so viel!

Im Gegentheil habe ich unter der Classe dieser würdigen Männer gerade die zärtlichsten Gatten gefunden. Immer besorgt, ihrem nächtlich harrenden Gespons die Freude des Wiedersehens auf jede Weise zu erhöhen, versehen sie sich an den Tagen der Vereinszusammenkünfte schon in den Vormittagsstunden mit einem kleinen Geschenk, um die liebe Frau zu überraschen, falls dieselbe bei ihrer Heimkehr noch munter sein sollte. Schläft sie freilich, dann hat sie sich’s selbst zuzuschreiben, wenn ihr die zugedachte Freude entgeht, und der beobachtende Director kommt deshalb auch bald dahinter, für dergleichen Morgengaben kleine, dem Verderben nicht ausgesetzte Fabrikate zu wählen, die er wie ein Amulet längere Zeit bei sich tragen kann und womit er eintretendenfalls sogleich jede eheliche Aufwallung besänftigt. Kein Billigdenkender wird dem Manne diese Vorsicht zu einem Verbrechen machen wollen.

„Wenn wer ein braf weip hat, der sorge und thue, daß ihme kein Rauch und Zank daraus wirt,“ lehrt Fischart, und es ist nichts als fernere Befolgung dieses weisen Rathes, wenn der Herr Director seinem „brafen weip“ das Herannahen benachbarter Gesangfeste absichtlich verschweigt und vorsorglich drei bis vier Wochen vorher sich den Schlüssel zu dem Wäschschrank zu verschaffen sucht, um daraus für sich eine kleine Hemdenanleihe zu machen. Denn die Erfahrung hat ihm gelehrt, daß die besorgte Mutter seiner Kinder dem Wunsche, „er möge sobald als möglich wieder heimkommen“, dadurch einen concreten Ausdruck zu geben vermeint, daß sie ihm die Reisetasche nur in der spärlichsten Art mit Weißzeug ausstattet. Früher hat ihn das oft in Verlegenheit gesetzt. Jetzt knöpft er zu Haus das heimlich an sich gebrachte Linnen unter den Ueberrock, und wenn er es im Coupé der legal bewilligten Aussteuer einverleibt hat, fühlt er sich vollständig sicher. Uebrigens darf man nicht in Jedem, der bei Beginn einer Sängerfahrt versteckte Wäsche zu Tage fördert, den Director vermuthen. Alle verheiratheten Sangesbrüder verstehen sich mehr oder weniger auf dergleichen Exercitien, nur haben sich die Häuptlinge darin die größte Gewandtheit angeeignet, weil sie am häufigsten in die Lage kommen, sie auszuüben.

Der Geburtstag wird dem Herrn Director alljährlich zum herbsten Prüfungstage; denn am frühesten Morgen schon überrascht ihn sein Verein mit einem hinter seinem Rücken einstudirten Morgengesange, wobei dann gewöhnlich auch irgend eine kompositorische Jugendsünde des Gefeierten wieder einmal an das helle Licht des Tages gezogen wird.

Als fungirenden Herrn Director erblickt man ihn stets von vier Solisten garnirt, und das ist ein Anblick, welcher jedem Anthropologen das größte Interesse abnöthigen muß. Was nur für Gegensätze in Schädelbildungen, Haarfärbung, Knochenbau, Temperament etc. geben kann, sie kommen hier zur Erscheinung. Diese Abweichungen sowohl von Andern, als unter sich, geben Jedem der in Frage Stehenden sein besonderes Fascikel menschlicher und unmenschlicher Gefühle, Zufälle und Leidenschaften, zu deren alleinigem Ausdruck ihn seine Stellung berechtigt.

Es liegt in der Natur der Sache, daß der lyrische Tenor der Liebling sämmtlicher unverheiratheter Damen ist, während die verheirateten Frauen mehr für den Bariton incliniren. Heldentenor und tiefer Solo-Baß theilen sich in den Beifall der Männerwelt und fühlen sich wohl dabei; denn obgleich im Allgemeinen die angegebenen Grenzen gegenseitig respectirt werden, so kommen doch bei ihren Ruhmesgenossen bisweilen Überschreitungen vor, welche zu den gefährlichsten Feindschaften führen können.

Das Ideal zarter Mädchenherzen, der provençalische Minnesänger, ist zwar ein durchweg blonder Charakter, allein was hat nicht Liebe und Eifersucht schon zu Wege gebracht! Um das sensibelste aller Instrumente nicht zu verstimmen, sind daher alle Mitglieder und namentlich der Herr Director auf das Sorglichste beflissen, von dem „Rühre mich nicht an, ich sinke“ des Vereins alle schädlichen Einflüsse fern zu halten. Man weiß, was man an ihm hat und daß er es ist, der den Leistungen erst den feinsten Lack giebt. Deswegen wird er auch nur sparsam „herausgelassen“; erst wo nichts Anderes mehr verfängt, schiebt man ihn vor und ist des Erfolges sicher.

Jedes öffentliche Auftreten ist daher ein Ereigniß, das durch einen unmäßigen Verbrauch von geschlagenen Eiern und Kandis eingeleitet wird. Während noch der Beifall rauscht, tritt aber schon sein Herr Director auf ihn zu: „Lieber Graseporst, Du hast wieder ganz herrlich gesungen, aber thu’ mir den Gefallen und knöpfe Dir den Frack zu, es zieht.“ Und nun wird Graseporst in viele Quadratruthen Shawls und gewärmte Decken gewickelt und wieder in den Kasten gelegt, wie die Boa constrictor, mit welcher der Menageriewärter immer zuletzt noch das Publicum zu einer besondern „kleinen Recommandation“ nöthigt.

Was ein richtiger Tenor ist, den wird man aus dem größten Menschengewühl herauserkennen, und wenn er ein Papagenoschloß vor dem Munde hätte. Er liebt es sich in helle Farben zu kleiden. [701] Wenn er dürfte, ginge er ganz rosenroth. Dem ist aber sein Schneider total entgegen, und zwischen Beiden besteht deswegen ein ewiger Krieg, in welchem unser Freund freilich immer den Kürzern zieht. Kaum daß es ihm gelingt, dann und wann ein rosa Aermelfutter durchzusetzen.

Der lyrische Tenor.

Dagegen rächt er sich durch eine beispiellose Verschwendung von Himmelblau und besteckt sich heimlich mit Rosenknospen, wie eine Festtorte. Man sieht, daß seine Laufbahn nicht eine so ganz und gar dornenlose ist, wie es auf den ersten Anblick scheinen könnte. Außerdem ruht der Fluch auf seiner Stellung, mit den Augen fortwährend nach noch nicht entdeckten Sternen suchen zu müssen. Nun hat zwar die vorsorgliche Mutter Natur jedem wahren lyrischen Hochsänger ein paar Quadratzoll Weißes im Auge mehr gegeben, als andern Menschen, aber bei dem verschwenderischen Gebrauch, den er davon macht, kostet es ihn oft die schmerzlichste Anstrengung, den trotzdem eintretenden Mangel zu decken.

Der sentimentale Bariton.

Eins hängt mit dem Andern zusammen. Seine unaussprechliche Kopfhaltung nöthigt ihn dann wieder alle wirkungsvollen Lieder auswendig zu lernen, und das kommt ihm bisweilen sehr schwer an. Er macht deswegen häufige und einsame Spaziergänge, die er aber immer so zu beenden weiß, daß er zu Ausgang der Unterrichtsstunden zufällig an den besuchtesten Mädchenpensionaten vorübergeht. Die lose Schaar, der er hier begegnet, kennt ihn auch ganz gut und weiß ihn durch die Bezeichnung „das Blümchen’ oder „der Goldschnitt“ von allen seinen Concurrenten treffend zu unterscheiden.

Der Heldentenor.

Zu diesen gehört in erster Reihe der sentimentale Bariton, in der Regel „ein schöner Mann“. Es ist dieser seiner augenscheinlichen Begabung wegen der interessanteste Gegenstand für große Schnittwaarenhändler, denen er noch ganz besonders durch die immensen Carreaux seiner Hosenmuster zu imponiren weiß. Die Vertreter der größten Modewaarenhandlungen gehen ihm Tage lang nach und machen ihm die glänzendsten Offerten, in der Regel ohne ihren Zweck zu erreichen, denn wenn er sich selbstständig machen will, ist sein erster Gedanke die Anlegung einer Luxuspapierfabrik.

Der tiefste Baß.

In seiner Jugend hat er keine Ahnung davon, daß der Gott des Gesanges in ihm schlummert. Er wird davon ganz plötzlich erst durch den namenlosen Beifall überzeugt, welchen ihm der Vertrag der „letzten Rose“ bei einer Landpartie einbringt. Eine junge Wittwe, die es dabei mit der Ohnmacht kriegt, ist ihm ein Fingerzeig von oben, in sich zu gehen und einen Wirkungskreis zu suchen, wo er es mit widerhaltigeren Probeobjecten zu thun hat.

In seinem Vereine nimmt er eine ganz exceptionelle Stellung [702] ein, die durch eine Atmosphäre feiner Parfüms markirt ist. Sologesang ist seine einzige Leistung, gewöhnlich läßt er sich dieselbe von einem Seminaristen auf seinem Zimmer – fünf Neugroschen die Stunde – einüben. Der wahre Bariton singt nie, wie er eigentlich könnte. Er bedauert stets „heute doch nicht ganz bei Stimme zu sein“, und das ist sehr schade; denn wenn dieser Fall wirklich einmal einträte, so, denke ich, müßte das einen großen Genuß geben. Von der Betheiligung am Chorgesang hat er sich gänzlich losgesagt, seit der erste Tenor sich seine chronische Sextenbegleitung nicht mehr gefallen lassen wollte. Er betrachtet daher den Verein auch nur als Folie; um sich dies aber nicht merken zu lassen, legt er bei Stiftungsfesten in der Besorgung von Cotillonorden und bei Landpartien im Losbrennen von Feuerwerk einen großen Eifer an den Tag.

Wenn er sich photographiren läßt, und das geschieht in der Regel bei jedem Mondwechsel, so bittet er stets, mit seinem Bilde nicht zu indiscret umzugehen. Die nächsten Tage sieht man ihn aber vor allen Aushängekästen stehen, und er kann sich ganz heftig erbosen, wenn er sein Conterfei nicht neben dem einer Schönheit vom Theater erblickt. Er arbeitet aus allen Kräften, um sich in den Ruf eines „gefährlichen Menschen“ zu bringen; deswegen trägt er auch nur gestickte Cigarrenetuis, Portemonnaies, Notizbücher und wechselt damit, sobald er glauben kann, daß seine Bekannten durch ein anderes wieder überrascht werden. Das kostet ihn viel Geld.

Man kann dem Bariton-Solisten keine größere Schmeichelei sagen, als wenn man seine Stimme mit dem Klange eines Violoncello’s vergleicht. Der lyrische Tenor dagegen betrachtet sich als die menschgewordene Schalmei, obwohl er nie in seinem Leben eine solche gehört hat. Mag nun diesen beiden Vergleichen etwas Wahres zu Grunde liegen oder nicht, so viel ist sicher, daß der Heldentenor in der allernächsten Verwandtschaft zu der Trompete steht. Er hat etwas entschieden Kriegerisches in seinem ganzen Wesen. Ihm sind alle Räume für die Entfaltung seiner Stimme zu klein, und wenn er an seine Jugend erinnert wird, wo ihn, wie er behauptet, ein Theaterdirector für die Oper gewinnen wollte, so kann er in die fürchterlichsten Verwünschungen gegen sein Schicksal verfallen, welches ihn eine fideicommissarische Leihbibliothek erben ließ.

Privatim ist er stets mit der Einübung einer großen Rolle beschäftigt, denn er lebt der festen Ueberzeugung, daß ihm eines Tages das Glück lächelt und er plötzlich gebeten wird, für den heiser gewordenen Lohengrin einzutreten. Er könnte es sich nicht vergeben, wenn ihn die Mahnung unvorbereitet träfe. So betrachtet er sich zum Theater gehörig und er giebt seinem Kunstberuf einen äußern Ausdruck, indem er in seinen Lesezirkel die „Signale für die musikalische Welt“ und einige der bekanntesten Theaterzeitungen aufnimmt, außerdem aber sich mit durchreisenden Inhabern von Stereoskopencabineten und anderen Zauberern Arm in Arm an öffentlichen Vergnügungsorten zeigt.

Seine Kinder heißen, wenn er deren hat und bei ihrer Namengebung zu Rathe gezogen worden ist, Masaniello, Elsa, Recha, Hundebert – anders thut er’s nicht. Dabei ist er ihnen aber sonst ein guter Vater und seinen Sangesgenossen ein ausgezeichneter Camerad. Trotzdem wird er von den Letzteren immer wieder auf das Empfindlichste dadurch gekränkt, daß sie ihm beim nächtlichen Ständchensingen mit ängstlicher Sorgfalt aus dem Wege gehen.

Es war nicht immer so. Einst durfte auch er seine Stimme zu den halbgeöffneten Fenstern der Schönen mit emporklingen lassen, allein seitdem man bemerkt hat, daß der Nachtwächter, durch die immer lauter schmetternden Töne angezogen, regelmäßig schon bei dem zweiten Verse höchst fragweise erschien, „was denn das wieder für ein Scandal sei,“ – seitdem verschweigt man unserm Helden alle derartigen minniglichen Unternehmungen. Er ahnt so etwas und hat mit einem gräßlichen Fluche geschworen, jegliches Piano vom Erdenrunde zu verbannen.

Fern diesem ganzen leidenschaftlichen Treiben steht der tiefe Baß, der eherne Grundpfeiler jeder Harmonie. Dies schönste Bewußtsein füllt seine Brust, aber macht sie nicht stolz. Er lächelt über die Thorheiten seiner Umgebung; groß übersieht er sie und kommt deswegen nie in Gefahr, an denselben Theil zu nehmen. Entgegengesetzt den drei von den Wirbeln der widerstrebendsten Leidenschaften hin und her Geschleuderten, durchschifft er ruhig wie Kühleborn die Wogen. Drängt sich die kleine Außenwelt zu lärmend an ihn heran, dann, weiß er, braucht er nur niederzutauchen in die grundlosen Tiefen seiner gewaltigen Resonanz, um ganz allein zu sein mit seiner Majestät, denn Niemand vermag ihm in diese Regionen zu folgen.

Selbstverständlich gilt dies nur von dem tiefsten Baß, von jener phänomenalen Erscheinung, die sich in jedem Vereine nur in einem einzigen Exemplare vorfindet. Die große Menge der übrigen zweiten Bässe steht vor ihrem Meister, wie Faust vor dem Erdgeiste. Aber mild lächelt er ihnen zu, wenn das tiefe C sich aus den Kellerräumen seiner Kehle entwickelt: „Fürchtet Euch nicht, ich thue Euch nichts.“ Es scheint in der That unglaublich, daß ein Mensch mit einem so furchterregenden Schnarrwerke in der Brust nicht manchmal in Versuchung kommen sollte, davon einen unchristlichen Gebrauch zu machen. Und doch wird man nie davon gehört haben, daß sich dieses tiefste aller Organe je feindlich gegen einen Nebenmenschen gekehrt habe. Man denke an Sarastro.

Der tiefe Baß steht deswegen allein schon hoch über dem Löwen, wenn ihn auch nicht die angeborne Möglichkeit sein Leben mit Pflanzenkost zu fristen von dem König der Thiere noch zu seinem Vortheile unterschiede.

Nur in einem Punkte ist er verwundbar, und leider drückt sich bisweilen schon bei der Geburt der Dorn in diese weiche Ferse. Je tiefer nämlich die Stimme herabgeht, umsomehr steigt, nach einem übrigens ganz natürlichen Gesetze, die Vorliebe für das Rasselnde, welches im Buchstaben r liegt, und unser Freund kann von einer chronischen Schwermuth ergriffen werden, wenn er eines Tages inne wird, daß er ja doch eigentlich „Hempel“ heißt, oder gar „Leimlein“, wie es häufig der Fall ist.