Zum Inhalt springen

Boetticher:Runge, Philipp Otto

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Runge, Julius Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts – Zweiter Band (1898) von Friedrich von Boetticher
Runge, Philipp Otto
Runk, Ferdinand
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

[492] Runge, Philipp Otto, Historien- u. Portraitmaler, geb. zu Wolgast in Pommern am 23. Juli 1777, gest. zu Hamburg am 2. Dec. 1810, hatte in der Stadtschule den sinnigen Kosegarten zum Lehrer, erhielt den frühesten Zeichnen- u. Malunterricht aber von H. J. Herterich, dann von Gerdt Hardorff dem ältern in Hamburg, wo er bei einem Bruder Aufnahme gefunden, und setzte seine Kunststudien von 1799–1801 auf der Akad. zu Kopenhagen, von 1801–1804 in Dresden fort. Hier befreundete er sich mit Ludwig Tieck, suchte aber Goethe bei dessen Durchreise nicht auf, sondern wurde dem Dichter erst später persönlich und durch einen Briefwechsel über Farbenzusammenstellungen bekannt. Runge kehrte über Wolgast nach Hamburg zurück, wo er nach wenigen Jahren einem Brustleiden erlag. Der so früh dahingeschiedene Künstler hinterliess nur wenige Oelgemälde, aber mehrere Zeichnungen, welche die reiche Begabung desselben beweisen.

1. Lehrstunde einer Nachtigal, farbiges Oelgemälde, zu dem eine Ode Klopstocks die Anregung gegeben. Unter der Nachtigal verstand er die Psyche, welche mit Schmetterlingsflügeln unter einer Eiche sitzt, vor ihr auf einem leichten Zweige das Amorkind mit der Doppelflöte. Vom zweimal ausgeführten Bilde befindet sich das frühere, einst der Familie Besser zu Hamburg gehörige Exemplar jetzt in der Kunsthalle daselbst, das andere, ein Jahr später (1804) vollendete im Besitz Paul Runge’s in Berlin. Das Bild „Die Nachtigall nach einem Gedichte von Klopstock“ befand sich, als Eigentum der Frau P. S. Runge in Hamburg, auf der deutschen allg. u. histor. KA. zu München 1858.

[493]

2. Amor’s Triumph. Reliefartiges Oelgem. Berliner Privatbesitz. – Berl. Jub.-A. 86, histor. Abteil.
3. Vier grosse Compositionen der Tageszeiten oder des menschlichen Lebensalters. Allegorische Darstellung aus je einem Mittelfelde mit Umrahmung von Kindern u. Pflanzen in Arabeskenform. Im Umriss gestochen von Darnstedt, Seiffert u. E. G. Krüger, mit Text von Görres. Leipzig 1808. 4 Bll. roy. fol. Die Bestimmung der „Tageszeiten“, als colossale Wandgemälde ausgeführt zu werden, wurde nicht erreicht. Das farbige Bild „Der Morgen“, als Eigentum der Frau P. S. Runge auf der gr. Münch. KA. 1858, besitzt jetzt Paul Runge in Berlin. Die farbige Zeichnung der „Nacht“ (Abendlandschaft mit Genien u. Schwänen) h. 0,62, br. 1,20, Besitz des Hamburgischen Künstlervereins, befand sich auf der Hamb. A. a. Privatbesitz 1879. Die Tageszeiten erschienen in 4 Bll. Orig.-Rad., roy. fol., der „Morgen“ in Lithographie von Erwin u. Otto Speckter. gr. fol.
4. Spielende Kinder. Ein Knabe u. ein Mädchen ziehen ein kleineres Kind im Wäglein durch den Garten. Oelgem. h. 1,305, br. 1,405. E: Kunsthalle zu Hamburg, Geschenk von R. Hülsenbeck.
5. Familienbild des Künstlers. Tuschzeichnung. Das im J. 1800 in Kopenhagen geplante grosse Gesammtbild seiner Familie, welches er in 7′ Höhe u. 12′ Breite für einen Saal seines Bruders Jacob in Hamburg ausführen wollte, unterblieb. Die Tuschzeichnung, den „Eintritt des ältesten Sohnes u. eines aus der Fremde heimkehrenden Künstlers, des Bruders, in den Garten des Vaters“ darstellend, besitzt der in Hamburg lebende nachgeborene Sohn des Malers.
6. Grösseres Familienbild, Oelgem. aus dem J. 1805. Das für die Eltern in Wolgast bestimmte Bild, welches den Künstler selbst mit seiner Frau u. seinem Bruder in einem Park darstellt, befindet sich, wie die Tuschzeichnung, beim Sohn in Hamburg.
7. Portrait eines kleinen Mädchens (Perthes’ zweiter Tochter, der spätern Frau Agricola in Gotha) am geöffneten Fenster mit der Aussicht über den Jungfernstieg u. die Alster nach der Windmühle u. dem Wall. 1805. Im Besitz der Familie.
8. Portrait der drei Kinder seines Freundes Hülsenbeck im Garten. Im Hintergr. die Türme Hamburgs. 1805 begonnen. Ein Umriss der Federzeichnung zum Portrait der Kinder befindet sich in A. Lichtwark „Heim. Kauffmann u. die Kunst in Hamburg“, München 1893. Die Federz. besitzt Runge in Hamburg.
9. Ein Bildniss der Eltern Runge’s aus dem J. 1806, das dem Dir. Lichtwark nur durch die Federzeichnung Ph. Otto Runge’s und eine Farbenskizze bei Paul Runge in Berlin bekannt ist. „Die Eltern des Künstlers (die Mutter am Arm des Vaters) treten von links in den Garten, zwei Enkel springen ihnen voraus. Rechts geht die Aussicht auf den Peenefluss mit einigen Schiffen.“ 1806 in Wolgast gemalt. G. K. Nagler nennt David Runge in Mecklenburg als Besitzer des Gemäldes.
10. Bildniss des Matthias Claudius (des Wandsbecker Boten).
11. Selbstbildniss des Künstlers, deren Runge einige gemalt haben soll. Eines derselben, Kniestück aus dem Jahre 1805, hat Speckter lithographirt. fol.
12. Otto Sigismund Runge, der spätere Bildhauer, im Kinderstühlchen 1806. E: Paul Runge, Berlin.
13. Die Frau des Künstlers mit dem ältesten Sohn auf dem Arm. Untermalung. 1807.
14. Der älteste Knabe Runge’s sein Schwesterchen umarmend. 1809 in Hamburg gemalt.
15. Portrait Joh. Philipp Petersen’s zu Herrnstadt in Schweden, das Nagler als das vollkommenste der von Runge gemalten Bildnisse bezeichnet.
16. Die Flucht nach Aegypten. (1805–1806). Fast nur Untermalung.
17. Petrus auf dem Meere. (1806–1807). Grosse Untermalung in Oel, nach einer gr. Zeichnung in Sepia u. Tusche.
16 u. 17 im Vorrat der Hamb. Kunsthalle.
18. Die Freuden der Jagd, grosses Aquarell, das 1808 oder 1809 in Hamburg entstanden.
19. Compositionen zum Ossian in mehreren grossen u. kleineren Bildern, zum Teil Federzeichnungen.
20. Vier Bll. kleine Zeichnungen mit Kindern zwischen Blumen. Gest. von Fr. Köbike.

Ausser den genannten Werken hinterliess der Künstler eine grosse Zahl Zeichnungen, Entwürfe, Vignetten u. Skizzen meist ornamentalen Charakters mit Bevorzugung der Pflanzenformen, Arbeiten in Aquarell, Bleistift, Feder, Tusche u. Sepia.

Als literarisches Werk erschien 1810 bei Perthes in Hamburg eine Farbenlehre unter dem Titel „Farbenkugel oder Construction des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu einander etc. von Ph. O. Runge. Nebst einer Abhandlung über die Bedeutung der Farben in der Natur von Prof. H. Steffens.“ Mit Kupfern, gr. 4.

Hinterlassene Schriften von Philipp Otto Runge, herausg. von dessen ältestem Bruder. 2 Teile mit sieben Bildwerken u. Portraits. Hamburg 1840. 8.