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Blumen- und Vogeluhr

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Textdaten
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Titel: Blumen- und Vogeluhr
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 640
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[640] Blumen- und Vogeluhr. Ohne daß man damit den hohen Werth der Erfindung der sogenannten Nürnberger Eier durch Peter Hele, oder den großartigen Geschäftsbetrieb der Uhrenfabrikation in der französischen Schweiz, oder gar die Verdienste eines Mannhardt, eines Elliot Smith um Vervollkommnung der Chronometer nur im Mindesten unterschätzen will, verdient doch jene sehr bekannte Thatsache bemerkt zu werden, daß Gärtner oder sonst aufmerksame Blumenfreunde sich sehr leicht eine sogenannte Blumenuhr verschaffen können, welche durch Oeffnen und Schließen der Blüthenkelche zu gewissen Stunden und Minuten die Zeit sehr genau bestimmt, und wer dann nur einigen Sinn für das Pflanzenleben besitzt, wird durch die Freuden reichlich belohnt, die ihm die ordnungsliebenden Kinder der Flora täglich und stündlich gewähren. Doch ein noch viel lebhafteres Interesse, als die Blumenuhr, bietet uns, besonders Jenen, die viel in der freien Natur leben, z. B. dem Jäger, der etwa keine Taschenuhr besitzt, die Vogeluhr, die im Ordnungssinn der kleinen, befiederten, allerliebsten Sänger begründet ist und nebenbei recht viel Ergötzliches enthält. Nach der unermüdlichen Nachtigall, die durch ihren schmetternden, flötenartigen Gesang die stille, feierliche Nacht verschönert, ist der lebhafte, muntere Fink der früheste der Vögel; er giebt das weithin vernehmbare Signal zur allgemeinen Reveille; sein Gesang geht dem Aufgang der goldenen Sonne voraus und ertönt schon von 11/2–2 Uhr an. Von 2–21/2 Uhr läßt die schwarzköpfige Grasmücke ihren Flötengesang erschallen, der mit dem der Nachtigall rivalisiren würde, wäre er nicht so kurz und abgebrochen. Von 21/2–3 Uhr hört man den Wachtelschlag, den kurzen, eindringlichen, welcher mit seinem entschiedenen, raschen „Weg vom Bett, weg vom Bett!“ die Langschläfer zu mahnen scheint, an ihr Tagewerk zu gehen, weil Morgenstunde Gold im Munde habe. Von 3–31/2 Uhr läßt die rothbäuchige Grasmücke ihren melodischen Triller erschallen, der den aufmerksamen Hörer, selbst wenn er mit noch so geringem musikalischem Talent ausgerüstet wäre, jedenfalls viel mehr erbaut, als die unablässigen Trillerstudien einer ob auch noch so liebenswürdigen Nachbarin, welche diese geisttödtenden Uebungen mit einer unverwüstlichen Geduld und Ausdauer nach Czerny, Hummel, Bertini, nach Louis Plaidy, Chopin oder gar nach dem frommen Abbé Liszt vornimmt, der einstens in den Armen der süßen Lola den Becher der Freude bis auf den Boden leerte und nun der Welt um so leichter „Ade!“ sagen kann, da die schönen Tage von Aranjuez bereits vorüber sind und ihm jedenfalls neben seinen priesterlichen Amtsgeschäften so viel Zeit bleibt, statt seiner symphonischen Dichtungen und ungeheuerlichen Transcriptionen für Piano Oratorien über wunderbare Legenden zu schreiben.

Von 31/2–4 Uhr erhebt die schwarze Amsel ihre Stimme, die sich bekanntlich durch ihr musikalisches Gedächtniß selbst mit dem genialen k. bairischen Hofpianisten Hans v. Bülow, der dem Münchener Publicum einen gewissen Standpunkt klar zu machen versuchte, in einen Wettstreit einlassen könnte. Von 41/2–5 Uhr läßt die Schwarzmeise ihren eigenthümlich schrillen Ruf ertönen, welcher jedoch kaum mehr für Waidmannsohren genießbar erscheint. Nun aber fängt erst recht das Lamentabel an. Von 5–51/2 Uhr beginnt ein Erzspitzbube, der grauschmutzige Sperling, zu pipen, dieser geflügelte, ungezogene Schusterjunge – nur lange nicht so musikalisch, als man diesen kleinen Pechfinken überall findet – dieser unersättliche Räuber, der da ist ein Feinschmecker, ein Faulpelz, ein Tumultuant, ein echter Proletarier, Communist und Arbeitseinsteller, aber dabei äußerst keck und ergötzlich in seinen unverschämten Späßen, gerade wie übermüthige Musikanten, diese Lockvögel des Teufels, auf einer Bauernkirchweih, wenn sie naturwüchsigen Bauern von Ober- und Niederbaiern, die nach Lasaulx den eigentlichen Krystallisationskern Baierns bilden, „Tusche“ aus allen Löchern ihrer Blasinstrumente blasen, so daß man sein Gehörsorgan ernstlich gefährdet glaubt. Doch kaum hat der nasenweise Pfälzer Krischer sein Mark und Bein durchdringendes Geschrei ertönen lassen, als auch schon von allen Seiten die Morgenglocken erklingen und die segenbringende Spenderin alles Lichts die Vogeluhr für den weitern Tageslauf entbehrlich macht.