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Bildungsschulen schwäbischer Bauernmädchen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: L. O.
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Titel: Bildungsschulen schwäbischer Bauernmädchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 528
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[528] Bildungsschulen schwäbischer Bauernmädchen. Wie segensreich in Württemberg die von der Regierung gegründete „Centralstelle für das Wohl der arbeitenden Classen“ wirkt, ist wohl allgemein bekannt, aber noch unbekannt ist das neue Verdienst, das sie sich um die Errichtung von Fortbildungs- oder Haushaltungsschulen für Bauerntöchter seit länger als einem Jahre erworben hat.

Wer auf dem Lande gelebt, weiß, wie wenig hier durch eine von Knaben und Mädchen gleich sehr überfüllte Schule im Unterricht geleistet werden kann, besonders schlecht steht es aber da, wo der Handarbeitsunterricht noch nicht eingeführt ist, um die Mädchen. Sie bleiben in jeder Beziehung zurück, und wenn sie endlich in der Wirthschaft, im Feld und Stall den Eltern helfen sollen, kommen sie im glücklichsten Fall bis auf den Standpunkt, den ihre Mütter eingenommen, aber weiter nie. Vermögendere Bauern geben wohl oft ihr Töchterchen ein oder zwei Jahr in eine Stadtpension – aber das Wenige, was sie bei der mangelhaften Vorbildung dort profitiren, ist gewöhnlich mehr geeignet, sie bei der Rückkehr in ihr Dorf mit den alten Verhältnissen unzufrieden, als für dieselben tauglicher zu machen. Aehnliches geschieht mit den ärmeren Bauernmädchen, welche in der Stadt einen Dienst finden. Kehren sie auf’s Land zurück, so bringen sie nur eine schädliche Halbbildung und Gewohnheiten mit, welche meist dem allgemeinen Dorfleben keineswegs förderlich sind. Tüchtige Mägde wie tüchtige Hausfrauen sind gleicher Weise an ihnen verdorben.

Allen diesen Uebelständen wird durch die erwähnten, speciell für Bauernmädchen und ihre künftige Berufserfüllung auf dem Lande bestimmten Schulen begegnet und dadurch dem Fortschritt eine Gasse auch unter der Dorfbevölkerung gebrochen.

Solcher Schulen bestehen in Württemberg bereits vier. Wir geben ein gemeinsames Bild von allen, wenn wir hier die in Stubersheim bei Ulm zu schildern versuchen; sie steht unter der Oberleitung des Oberamtmanns von Geislinger und wurde als erste derselben auf Anregung des Regierungsraths Schillerholm gegründet. Ein älteres Staatsgebäude, das der Regierung zur Verfügung stand, wurde zur Aufnahme der Bauernmädchen eingerichtet. Ueber diese führt die Aufsicht eine Hausmutter, welche, in dem Gebäude wohnend, die Wirthschaft leitet, und eine Arbeitslehrerin. Jede Schülerin zahlt auf sechs Monate ein Lehrgeld von sechsundzwanzig Mark und ein tägliches Kostgeld von achtzig Pfennig. Der Cursus beschränkt sich auf die Wintermonate, wo die Mädchen, die ganz in der Anstalt wohnen, ja am leichtesten zu Hause entbehrt werden können. Die im Dorfe ansässigen Zöglinge behalten die Wohnung im Elternhause. Unter Aufsicht der Hausmutter werden nun alle Mädchen der Schule gleichmäßig zu allen Hausarbeiten, wie Kehren, Waschen, Putzen, Kochen, Backen etc. angeleitet, von der Handarbeitslehrerin in allen nötigen Handarbeiten: Stricken, Nähen, Flicken etc., durch den Schullehrer des Ortes im Singen, in Religion, im deutschen Aufsatze und im Briefschreiben, Rechnen und Buchführung, wie sie für die Hauswirthschaft nöthig, unterrichtet. Der nächstwohnende Arzt ertheilt Gesundheitslehre und Naturlehre, soweit beide der Fassungskraft der Mädchen angemessen erscheinen. So erhalten sie einen Einblick in Nutzen und Nothwendigkeit vom Gebrauche des Wassers und der frischen Luft; sie lernen den wahren Werth der Nahrungsmittel kennen und werden über die wichtigsten Naturerscheinungen aufgeklärt. Es giebt offenbar keinen bessern Weg, um dem auf dem Lande noch immer herrschenden Aberglauben und solchen Vorurtheilen zu begegnen, deren hauptsächlichste Trägerinnen ja die in Unwissenheit erhaltenen Frauen sind.

Der Aufwand für diese Anstalt beträgt jährlich etwa 1500 Mark. Reicht das Pensionsgeld dazu nicht aus, so schießen die benachbarten landwirthschaftlichen Bezirksvereine zu und schließlich die königliche Centralstelle, der ein jährlicher Rechenschaftsbericht vorgelegt werden muß. An Kostspieligkeit können also diese trefflichen Schulen nicht zu Grunde gehen.

Möchte dieses segensreiche Vorbild aus dem still und bescheiden, aber um so lehrreicher in der Volksbildung vorwärts strebenden Schwaben überall im deutschen Vaterlande Nachahmung finden!

L. O.