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Bilder vom Schlachtfelde an der Alma

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Bilder vom Schlachtfelde an der Alma
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 538–541
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[538]
Bilder vom Schlachtfelde an der Alma.[1]
(Nach Privatbriefen einen englischen Offiziers und Augenzeugen.)

Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende lang waren die Wasser der Alma ruhig durch die schweigenden Berge und Hügelwellen ihrer Ufer gegangen. Heute trug sie noch immer auf ihrem blutigen Rücken zahllose Trümmer von Menschen und Kleidern und Waffen und schien oft erstarrend stillstehen zu wollen über die Scenen, die sich meilenweit um sie streckten. Zuerst kamen wir [539] auf ein Feld niedergemähter Russen, unter denen noch Unzählige die schrecklichsten Lebenszeichen von sich gaben – zwei Tage nach der Schlacht. Die Todten schienen hier trotz ihrer verzerrten Gesichter, ihrer zerschossenen Leiber und abgerissenen Glieder die einzigen Glücklichen. Einer derselben hatte zwischen den Zähnen, die auf einer Seite durch die abgeschossene Backe grinsten, ein grobes Stück schwarzes Brot und in einem leinenen Beutel harte, zerriebene Brocken. Um drei kleine, jetzt kalte und nasse Feldöfen lagen die Todten und Verwundeten am Dichtesten. Englische Soldaten eilten rasch durch und über die Leichen hin, um die noch Lebenden auf Bahren zu laden und zu entfernen: ein edeler Zug, wenn man bedenkt, daß sie unter ihren eigenen niedergemähten Brüdern noch lange nicht mit der Sonderung der Lebendigen von den Todten zu Ende waren. Den Bahren für die Lebendigen folgten die Sammler der Todten, welche, wie sie waren und lagen, ergriffen und in ein einziges Grab gestürzt wurden, das in ihrer Mitte so tief und weit gegraben worden war, daß es nicht weniger als 1230 Leichen aufnahm. Wie viel nahmen die andern Russengräber auf? Wie viel die der Franzosen? Die der Türken? Die der Engländer? Viel, sehr viel, Tausende, aber lange nicht so viel, als die Cholera, im Gefolge der zögernden Diplomatie, niedergewürgt hatte.

Die englischen Gefallenen wurden ebenfalls in große Riesengräber gepackt, nur daß sie etwas regelmäßiger geschichtet wurden. Unser Augenzeuge beschreibt die Scene, wie die Lebenden massenweise mit Bahren umhereilen und unter den durcheinander verrenkten Todten und Verwundeten umhersuchen, wer für die Lazarethschiffe, und wer für das Grab passe, wie sie bald entstellten Leichnamen, bald wimmernden Sterbenden Decken und Tücher von dem Körper ziehen, und durch Fühlen und Rütteln probiren, ob er reif sei für die Riesengruft. Im letztern Falle wird er rasch ergriffen und nach dem unersättlichen Schlunde getragen. Hier wird er wie ein Stück Balken hinuntergelassen, von den Ordnern unten ergriffen und so grade und eng als möglich auf und an die Andern geschichtet, damit er so wenig Platz als möglich einnehme. Hier und da hört man einen Schmerzensruf. Ein Lebender erkennt in dem Todten einen Freund, und schickt ihm einen kurzen Abschiedsgruß in das Massengrab hinab, wo er bald unter den Schichten neuer Leichen, die von allen Seiten herbeiströmen, verschwindet. „Glücklich seid ihr!“ hört man öfter ausrufen, wenn das Jammergeschrei der Verwundeten, die um den Tod oder um Wasser flehen, bis an den Rand des Grabes heranschrillt. Niemand giebt euch den Tod! Ihr müßt liegen bleiben und ihn abwarten. Niemand giebt euch Wasser, die Qual des Durstes, die noch viel entsetzlicher brennt, als eure Wunden, zu mildern. Es fehlt an Wasser. Es fehlt an Lumpen und Charpie und Aerzten und Medizin, die sich anderswo, nur nicht hier, hundertcentnerweise in irgend einem Vorrathskeller befindet; so macht, daß der Tod eure Leiden beendigt, denn die Hülfe, die euch erwartet, ist viel schrecklicher. Im besten Falle werdet ihr auf entsetzliche, stauchende Karren gepackt, drei englische Meilen weit über Stock und Stein nach dem Meere auf’s Schiff gebracht, wo ihr zusammengeschichtet, wie Todte, mit Maden in euren Wunden, endlich in der großen türkischen Kaserne von Scutari ankommt und die herrlichste Labung finden werdet, vorausgesetzt, daß ihr warten könnt, bis die drei Wochen nach der Schlacht in England begonnene Bettelei um Lumpen und Geld abgeschlossen und der Ertrag 1000 Meilen weit „mit Gelegenheit“ angekommen sein wird.

Unser Augenzeuge sagt, daß die Franzosen auf bequemen, bedeckten, in Federn hängenden Wagen, für je zwölf Mann bettenartig eingerichtet, sofort an die wohleingerichteten Orte weiterer Verpflegung entfernt worden seien und bei ihnen überhaupt Alles musterhaft genannt werden müsse im Vergleich zu der englischen Confusion und Verwirrung, zu dem Mangel an allen Vorkehrungen für Verwundete und Kranke. Die große Krim-Expedition und die Schlacht war den englischen Regierern plötzlich octroyirt worden. Nach ihrer Weisheit durften Russen und Engländer nie in feindliche Berührung kommen. Ihre schwere, auferlegte Kriegssteuer sollte friedlichen Zwecken dienen, so daß die besteuerten, patriotischen Engländer erst drei Wochen nach der Schlacht 1000 Meilen weit anfingen, sich unter Leitung der Times-Leitartikel patriotisch und leidenschaftlich mitleidig der Verwundeten privatim anzunehmen. „Hätte man“, fährt unser Augenzeuge fort, „ein paar Tausend Mann von der Marine, die vor Langerweile und Cholera umkamen, gelandet, wie es mehrmals vorgeschlagen worden war, sie hätten freudig Alles gethan, was uns oblag gegen die Tausende von verwundeten und todten Freunden und Feinden. Wir wären dann auch im Stande gewesen, unsern Sieg zu verfolgen und so den Frieden zu beschleunigen. Jetzt blieb unser Sieg zunächst ohne Erfolg, da wir uns in Angst und Arbeit um Todte und Lebende erschöpfen mußten, ohne letzteren in Menschlichkeit und Mitleid gerecht werden zu können.

„Nach langer Weigerung und mit dem größten Widerstreben gab endlich bei Balaklava Admiral Dundas, der erste Commandeur unserer Flotte und der Erste, wie es scheint, in Verachtung von Lorbeeren, so daß er ein intimer Freund der Aberdeen’s bleiben wird, 1000 Marine-Mannschaften zum Landdienste her. Man sah es ihrer begeisterten Riesenkraft, womit sie die schwersten Kanonen auf den Berg hinauf zogen, an, daß sie nach langem, schmachvollem Müßiggange das Glück, jetzt etwas thun zu dürfen, zu würdigen und zu genießen verstanden.“

„Sehr früh verließen wir am 23. September die blutigtriefenden Höhen der Alma. Schon in der Dämmerung fingen die Franzosen an, auf eine effektvolle Weise von den Höhen, die sie genommen hatten, Abschied zu nehmen. Alle Musiker und Tambours waren versammelt und bliesen und schmetterten und wirbelten und schossen Salven dazu so wild und schrill, so jauchzend und leidenschaftlich, daß wir unter unsern Zelten rasch aufsprangen, als gäb’ es eine neue Schlacht zu gewinnen. Auch die Soldaten außen, die um die matten Wachtfeuer herum in der Nacht erstarrt waren, wurden sofort wieder gelenkig und bald marschfertig. Ich werde unter allen den massenhaften Erinnerungen von unbeschreiblichen Gräuelscenen nicht die einfache Thatsache vergessen, wie ein paar unserer Leute einen sterbenden Russen, der zum Feuer heranzukriechen suchte, sanft aufhoben und dicht herantrugen und er seine brechenden Augen aufschlug und einen tiefen, schmerzlichen Dank lächelte. Zu weiterer Fürsorge hatten wir weder Zeit noch Mittel. Die Nebel der Nacht krochen langsam über die Hügel und enthüllten uns neue Scenen des Schreckens und

[540] der Verwüstung, die wir früher noch nicht gesehen, die dunkeln, blitzenden Colonnen der Franzosen vor uns, die sich bildenden Reihen unserer eigenen Regimenter, unter denen so viele jetzt erst ihre Nachbarn vermißten, und in weiterer Ferne unsere Flotte mit ihren geschwollenen Segeln und unendlich langen Dampfwolken. Aber was ist das für eine schwarz gefleckte Stelle in der Ebene vor uns? Eine todte Masse, aus der sich zuweilen Arme und jammernde Rufe erheben, aber immer wieder ohnmächtig versinken und erlöschen. Das ist die Ebene, wo die Russen am Längsten standen und sie am Dichtesten fielen. Mein Gott, sechszig qualvolle Stunden hatten sie gelegen und waren noch zu Hunderten am Leben, ohne daß wir etwas thun konnten, ihnen endlich die Qualen oder wenigstens den Tod zu erleichtern. Siebenhundertundfunfzig Mann blieben hier hilflos auf der Ebene liegen. Zwar hatten die Unsrigen ihre Wunden möglichst verbunden, aber was konnten wir weiter thun, da unsere eigenen Brüder in Massen aus Mangel an Pflege und Unterkommen elendiglich hinstarben? Doch ich darf hier Dr. Thomson vom 44sten Regiment nicht vergessen. Er blieb allein für die 750 verwundeten Feinde unter vielen Todten, die seit der großen Beerdigung von gestern gestorben waren, zurück. General Estcourt sandte außerdem auf Befehl Lord Raglan’s in ein benachbartes Tartarendorf, wo die Einwohner eben zurückgekehrt waren, und ließ ihnen die Aufgabe des Dr. Thomson und ihre Pflicht gegen die Verwundeten erklären und zugleich bitten, daß sie bei etwaigen Ueberfällen von Kosaken den in Schutz nehmen möchten, welcher zur Rettung der Unglücklichen allein in Feindeshand zurückbleibe. [2]

Von acht Uhr an marschirten wir gegen die Katscha, welchen Fluß die Russen ohne Opposition frei gegeben. Bald erfuhren wir, daß sie sich sogar auch hinter den Belbeckfluß zurückgezogen hatten, so daß wir ohne Hinderniß vordrangen, bis wir den weißen Leuchtthurm von Sebastopol hinter den Hügeln hervor und über Steppen und grüne Thäler hinwegschimmern sahen. Um drei Uhr bekamen wir die herrlichen grünen und üppig bewaldeten Ufer der Katscha zu Gesicht. Lord Raglan ritt mit seinem Gefolge weit voraus zum größten Erstaunen eines preußischen Offiziers unter uns, der laut erklärte, daß dies ganz gegen alle Kriegsregeln sei. Allerdings hätten ihn ein paar hundert Mann Kavallerie von uns abschneiden und gefangen nehmen können, aber es schien ihm darauf anzukommen, Verachtung vor den gefürchteten Kosaken zu zeigen. Später zog er sich beim Anblick eines Feindes noch zu rechter Zeit zurück.

Die Katscha ist ein schmales, reißendes Flüßchen mit steilen Ufern wie die Alma. Ihr ganzer silberner Lauf zwischen dem üppigsten Grün war durch niedliche, weiße Häuser und Hütten besternt mit den herrlichsten Obstgärten und Weinbergen, aber nirgends waren Bewohner sichtbar. Das erste Gebäude auf unserm Marsche selbst war ein kaiserliches Posthaus mit einer Säule und dem doppelten Adler. Ein blau- und weißgeringelter Meilenzeiger sagte uns, daß wir noch 10 Meilen (englische, etwas über zwei deutsche) von Sebastopol entfernt waren. Im Posthause war alles ausgeräumt und die Immobilien beschädigt und zerhackt. – Zwischen niedrigen Wänden, über die sich Obstbäume mit reifen Früchten überladen schwer herabneigten – die willkommenste Erquickung für uns in der Hitze, welche der kalten feuchten Nacht gefolgt war, ging unser Marsch weiter, bis wir eine Villa erreichten und Halt machten, um unsere herrlichen Aepfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche und ungeheuere, würzige Weintrauben in einiger Ruhe zu verzehren. Die Villa, einem Landarzte gehörig, war von den Kosaken auf das Entsetzlichste total ruinirt und verwüstet worden. Eine Veranda, herrlich überwölbt von Rosen, Jasmin und mir unbekannten Blumen, lag voller zerschlagener feiner Meubels. Jede Scheibe war zerbrochen. Die Weinfässer lagen zerschlagen in ihrem Weine. Massen verschiedenen Getreides bedeckten den Boden, die feinsten Glas- und Porcellanwaaren die ganze Küche. Vor der Thür saß nur ein lebendes Wesen, eine zutraulich an heißer Sonne blinkende und schnurrende Katze. Der Anblick des Innern läßt sich nicht leicht schildern. Große Trumeaux zerschmettert und zerschlagen, Betten aufgerissen und die Federn umhergestreut über Ruinen von Sopha’s, Stühlen, Tischen, Fauteuils, Bücherschränken, Bildern und Rahmen, Heiligenbildern, Medizinflaschen, weibliche Handarbeiten, Büchern, Schuhen und Stiefeln! Alles zerrissen, zerschmettert, zerschlagen und chaotisch durcheinander gerissen. Selbst Thüren, Thore und Wände waren zerhackt und zerhauen. Hier sah ich, was Barbarei, was Vandalismus ist. Es ist zwar „kriegswissenschaftlich,“ dem Feinde möglichst alle Nahrungsquellen vor der Nase zu zerstören, aber schwerlich hätten wir Sopha’s, Thüren und Wände eingesteckt. Jetzt glaubte ich es, daß die Einwohner von Odessa für den Fall, daß wir Miene machten, es zu nehmen, Befehl erhalten hatten, die ganze herrliche Stadt der Erde gleich zu machen. Opferte man doch einst Moskau, obgleich dies ein ganz anderer Fall war, nämlich der Fall Napoleon’s, während wir ohne Odessa auf die verschiedenste Weise uns gut überwintern könnten.

Unsere Leute und Pferde schwelgten in Weintrauben und Getreide, während wir bis Eskel vorgingen und uns in dem Hause eines hohen russischen Offiziers niederließen, so weit dies die Trümmer ehemaliger Herrlichkeit zuließen. Alle Häuser des Dorfes waren auf ähnliche Weise zerstört, wie das beschriebene und immer desto wüthender und gründlicher, je vornehmer sie gewesen waren. Ein merkwürdiger, schon oft bewährter Beleg des tückischen Hasses der Rohen und Verwahrlosten gegen die Bildung – eine Thatsache, ein Zug, der von größerer geschichtlichen Bedeutung ist, als man bisher geglaubt. Wo die Rohheit und Verwahrlosung in einem Volke überwiegt, da herrscht sie und liefert der Despotie Werkzeuge, den Trieb nach menschlicheren Zuständen unter der cultivirten Minorität niederzuhalten. Hier ist der Schlüssel zu manchen scheinbaren Räthseln der Geschichte von Marius bis auf die neueste Zeit. Das hochgebildete Rom, das schöne Griechenland – beide gingen durch die Majorität gewordenen Sklaven unter und zerfielen in Barbarei. Amerika, das der Sklaverei durch Congreßbeschluß neues Terrain verschaffte, hat hier, wenn irgendwo, seine Achillesferse. – Man kann sich und seinen Kindern keinen größeren Dienst erweisen, als die Kultur der Massen zu fördern. Der amerikanische Grundsatz: Man muß das Volk unterrichten und bilden, damit es uns nicht gefährlich werde, ist der einzige gesunde in der Politik, nur daß die Amerikaner (auch die im Norden) durch ihre Brandmarkung jedes Menschen, der noch ein Tröpfchen „Farbe“ an sich hat, diesem Grundsatze und sich selbst ein Grab graben.

Doch wie komme ich auf meinem Marsche gen Sebastopol zu dieser Weisheit? I nun, wir brauchten es nicht zu fürchten und nicht zu erobern, wenn dieser Grundsatz auch in Rußland gälte. Sah ich doch, daß die Barbaren nicht immer das Bild des Kaisers, welches man neben silber- und goldumstickten Heiligen fast in jedem Hause fand, geschont hatten. Die Häuser bestehen fast alle nur aus einem Stockwerk. Was ihnen an Höhe abgeht, sucht man durch Tiefe und Breite zu ersetzen. Jedes steht einzeln malerisch hinter niedrigen Wänden und Obst- und Blumengärten und Bäumen. Fast jedes hat eine schwer mit Wein bedeckte Vorhalle. Die Zimmer waren da, wo die Zerstörung nicht eingedrungen war, überall sehr rein und sorgfältig geweißt. Große Räume daneben mit Weinpressen und Ackerwerkzeugen, Ställen und Schuppen vollenden des Krim-Bauern Haus und Hof.

Nach Uebernachtung an den Ufern der Katscha marschirten die alliirten Truppen am heißen 24. September, einem Sonntage, mit Zurücklassung einer neuen, großen Masse Verwundeter, Kranker und Todter (jedoch ohne einen Feind gesehen zu haben, als weitere Folgen der Schlacht und die Cholera) durch rauhe hügelige Gegenden nach dem Flusse Belbeck und einem Dorfe gleichen Namens bis 3/4 deutsche Meilen nordöstlich von Sebastopol und am 25. vor Sebastopol vorbei bis Balaklava am Meere, ohne jemals vom Feinde behindert zu werden. Spuren der russischen Flucht, Todte, Sterbende, Kleidungsstücke, zerbrochene Waffen, Wagen u. s. w. fand man sehr oft auf dem Marsche. Das Vordringen nach Balaklava, im Angesichte der gefürchteten Festung mit einer dichtgedrängten Armee von Kanonen und Soldaten, wird strategisch als eine der kühnsten Bewegungen, die jemals in einem Kriege vorkamen, bezeichnet. Der Weg nach Balaklava ist ohnehin enge und von allen Seiten von Berg und Wald eingeschlossen, so daß der Feind unendlichen Schaden thun, wo nicht den ganzen Marsch hätte verhindern können, wenn er ihn vermuthet und für möglich gehalten hätte. Durch dichten Wald und zwischen Bergen hindurch schimmerten oft die weißen Häuser von Sebastopol, in dessen Kanonenbereiche oft ganze Abtheilungen hinmarschirten, ohne jemals Bekanntschaft mit deren Tragweite zu machen. Nur ein Mal bekamen die Alliirten ein russisches Corps zu Gesicht, das aber durch einige Rifle-Salven [541] und Cavallerieangriffe bald in die hastigste Flucht geschlagen ward, so daß sie zwei Meilen lang den Weg mit einer großen Menge Bagage, Munition, Kleidungsstücken, Koffern, Juwelen und Thalern baarem Gelde bestreuten. Darunter auch die Equipage Menschikoffs. Die Beute ward unter Leitung von Offizieren möglichst gleich vertheilt und eine große Batterie von Champagner, die man in Bagagewagen entdeckte, durch Rundtrinken entwaffnet. Viele Soldaten handelten und tauschten hernach mit ihren Beuteantheilen.

Am 26. schlief man schon auf den Höhen von Balaklava, mit dem schon im Alterthume berühmten, kleinen, aber tiefen, nur mit Ausnahme eines engen Einganges ringsum von steilen Felsen geschützten Hafen. Von einem Fort oben gaben etwa sechzig Mann „Bürgerwehr von Balaklava,“ einige Schüsse, doch einige Grüße von Schiffen und Rifles hinaufgesandt, bewog sie bald, die Flagge der Ergebung aufzuziehen. Gefragt, weshalb sie in ihrer Position den vergeblichen Versuch gemacht hätten, antworteten sie, daß sie es für ihre Pflicht gehalten, zu feuern, bis sie aufgefordert wurden, sich zu ergeben.

In der Mittagsstunde erschien Lord Raglan mit Stab in der Hauptstraße von Balaklava. Die Einwohner kamen ihm von allen Seiten mit Körben voller Brot und Blumen entgegen und mit Schüsseln voller Salz, Zeichen ihrer Unterwürfigkeit und daß sie gastfreundschaftlich handeln wollten. Er versicherte sie seines Schutzes und ritt hinunter nach dem Hafen, wo bald das erste Dampfschiff und gegen Abend auch das ungeheuere Kriegsschiff Agamemnon „zum größten Aerger des Admiral Dundas“ und zu unserer höchsten Freude erschien, da nun Flotte und Armee vereinigt und die Basis der Operationen Raglan’s gewonnen war.

Gegen Abend ward ein gefangener Russe, von Geburt ein Engländer, Mr. Upton, der Hauptheld an der Construktion der Festungswerke, Wasserleitungen u. s. w. von Sebastopol, vor Lord Raglan gebracht und nach den Geheimnissen der Festung gefragt, aber er verweigerte in dem allerentschiedensten Tone irgend eine Auskunft zu geben, da es ihm als einem Engländer ganz ehrlos erscheine, die Regierung zu verrathen, in deren Dienste er sei. Er wurde zwar nicht wieder frei gelassen, gleichwohl sah Raglan wohl ein, daß er den Gefangenen weder als einen Russen, noch als einen Engländer weiter zwingen kann, ihm die Dienste eines Verräthers zu leisten.

Balaklava sieht auf seinen Höhen gar malerisch aus. Inwendig ist die Stadt aber weiter nichts, als ein armes Fischerdorf griechischer Colonisten. Man sieht nur zwei oder drei erträgliche Häuser, aber desto mehr gutgefüllte Höfe mit Heu und sonstigen willkommenen Artikeln, für welche stets gut bezahlt wird. „Auf unserm Marsche konnten wir nur aus dem einfachen Grunde nicht bezahlen, weil mit Ausnahme einer einzigen Katze nirgends ein lebendiges Wesen in Häusern und Dörfern zu entdecken war.“

Balaklava hat Aussicht, nach Sebastopol einer der bekanntesten Namen zu werden. Es ist jetzt der Brennpunkt der englisch-französisch-türkischen Operationen gegen Sebastopol zu Lande und Wasser und der Schlüssel zum Paradiese. Von Balaklava zieht sich in Sebastopol entgegengesetzter Richtung das berühmte Thal von Baidar hin, welches als das herrlichste Arkadien der Welt schon oft besungen ward. Die schönsten Villa’s verbergen sich reizend zwischen einem Gemisch der üppigsten alten Bäume und der duftigsten Garten- und Blumen-Cultur. Alles grünt und blüht hier im ewigen Sonnenschein und der weichsten, heitersten Luft saftiger, duftiger, farbenglühender, als in irgend einem Theile des endlosen Rußland. Es ist die äußerste, höchste Blüthenkrone des russischen Reichs, das hier von seinen in ewiges Eis gebannten tausendmeiligen Gestaden am Nordpolarmeer gleichsam den Aequator und alle Herrlichkeiten der Tropen erreicht. Die Natur hört hier nie auf, in verschwenderischster Weise stets gleichzeitig zu keimen, zu blühen und reife Früchte zu bieten, die riesigsten Weintrauben, die glühendsten Südfrüchte aller Art in idealer Größe und Vollendung. Bis Alupka, Yalta und selbst Aluchta fährt sie fort, an den Bergen hinauf dem offenen Meere die gesegnetsten, reizendsten Landschaftsbilder zu zeigen. Der Blick und das Herz bedürfen nach den Kriegsbildern solcher Aussichten, die wir freilich auch nicht ohne Besorgniß genießen, daß etwa strategische Rücksichten der „Wissenschaft“ gelegentlich – von Freundes- oder Feindeshand – vandalische Zerstörung dieses Paradieses gebieten mögen.


  1. Als Freunde der Humanität haben wir das Recht und die Pflicht, die Kinder der Zeit christlicher und menschlicher zu taufen, als die Herren, welche durch politische und kriegswissenschaftliche Bildung in der Wahl ihrer Ausdrücke und Gedanken censirt und beschränkt sind. So nennen wir die glorreiche Schlacht an der Alma vom 20. September dieses Jahres, worin die alliirten Westmächte mit 8–9000 Verwundeten und vielleicht doppelt oder dreifach so viel Todten siegten, nicht blos eine Niederlage für Rußland, sondern für die ganze, stolze Civilisation unsers Jahrhunderts. Die wirkliche Bildung ist Ehrlichkeit und ehrenhafte That mit Verstand, Muth, Ueberlegung, Berechnung und Menschlichkeit. Der jetzige Krieg mit seiner Menschenvertilgung im Großen, dabei am Wenigsten durch feiges Geschoß, sondern durch Fieber des Müssigganges, Cholera und beispiellos barbarische Vernachlässigung der Kranken und Verwundeten, ist eine Folge der Heuchelei, der Lüge und Feigheit, des Zögernn, unsinnigen Vertrauens und unsinnigen Mißtrauens, die faule, aufgeplatzte Frucht eines über Europa hin künstlich verzweigten Giftbaumes, der in den Jahren nach den „Freiheitskriegen,“ besonders 1815, gepflanzt ward. Alle Contrahenten und Mitschuldige dieses Krieges halfen graben und pflanzen und pflegten den Baum und oculirten ihm mit diplomatischer Weisheit noch besondere Keime ein und freuten sich, wenn sie trieben und gediehen. Der Hauptkunstgärtner an dieser Pflanze war die englische Politik (die Niemand mit dem englischen Volke und den tapfern, unglücklichen Opfern dieser jetzigen Metzgerarbeit verwechseln wird), war diese Aberdeen’sche Richtung, die jetzt altersschwach, pfiffig und verlegen über „das freieste, gebildetste, größte, reichste Volk der Erde“ regiert und sich gewissenszitternd und verwirrt gerade in den Krieg tiefer hineingetrieben sieht, welchen man durch den Baum „des europäischen Gleichgewichts“ und dessen diplomatische Pflege durch vierzig Friedensjahre hindurch abzuhalten und unmöglich zu machen wähnte. Unwillig und unwillkürlich, vertrauend auf schwebende Friedensunterhandlungen und ihnen mißtrauend, war die Diplomatie mit ihren Soldaten endlich bis Varna fortgestoßen worden. Der „heilige“ Krieg des „Rechts“ gegen „Unrecht,“ der „westlichen Civilisation“ gegen „asiatische Barbarei,“ die „Begeisterung“ für den Frieden und die heiligsten Interessen der Bildung lag hier gefesselt im Schmutze und Müßiggange. Und der allmächtige Adler, der mit unsichtbaren Schwingen fortwährend über die Menschheit hinkreist und sich auf jede Stelle gierig niederstürzt, wo sich Aas versammelt – die Cholera – raffte hier die Soldaten tausendweise hinweg, ohne daß sie sich wehren durften. Aber die Cholera wiegelte die auf, welche sie nicht niederwürgen konnte. Die Soldaten wurden rebellisch, die Disciplin begann sich zu lösen. Man schrie lauter und lauter: Lasset uns als Vertheidiger der Civilisation, als brave Soldaten, lieber im Kampfe sterben. Wir wollen nicht als müßige, gebundene Opfer der Diplomatie und Cholera hier wehrlos tausendweise verenden. So übernahm die Cholera das Ober-Commando über die Vertheidiger westlicher Civilisation und führte sie auf die Halbinsel Krim hinüber. „Sebastopol“ war das Zauberwort, welches den Geist der Rebellen bannte und vertrieb. Die Expedition, die Landung, das Vordringen bis zur Alma, die entsetzliche, wüthende Schlacht hier sind für die Herren der Kriegswissenschaften großartige Erscheinungen. Wir unsererseits kommen zwei Tage nach der Schlacht, am 22. September Morgens, zur Stelle und sehen uns hier vermittelst eines Augenzeugen die große Niederlage unserer ganzen europäischen Civilisation als Menschen an.
    Die Redaktion. 
  2. Dr. Thomson ist in Folge seiner Anstrengungen gestorben.