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Bilder aus dem oberösterreichischen Mühlviertel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Eduard Zetsche
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Titel: Bilder aus dem oberösterreichischen Mühlviertel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 497, 500–502
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[497]

1. und 2. Mühle und Hammerwerke am Sarmingbach. 3. Die „Braune Mühle“ bei Waldhausen.
4. Befestigtes Bürgerhaus und alter Wartturm bei Sarmingstein.

Bilder aus dem oberösterreichischen Mühlviertel.
Nach Originalzeichnungen von W. Gause.

[500]

Bilder aus dem oberösterreichischen Mühlviertel.

Von Eduard Zetsche.0 Mit Illustrationen von W. Gause.


Gleich zwei anderen Teilen des Landes Oberösterreich, dem Inn- und dem Traunkreis, führt auch das Mühlviertel seine Bezeichnung auf einen Flußnamen zurück, auf die große Mühl, die als „Muhel“ schon 1180 im Landbuche als Grenzfluß gegen Bayern genannt wird. Man fühlt sich aber beinahe versucht, den Namen des Ländchens nicht von dem Flusse „Mühl“, sondern von den schier zahllosen Säge- und Mahlmühlen abzuleiten, die sich in dichter Folge an den Wasserläufen der Gegend angesiedelt haben. Ueberall dringt uns ihr Rädergebraus entgegen und blinken die fallenden Wasser durch die Erlen und Buchen hervor – stets neue Illustrationen zu Schuberts „Müllerliedern“ bietend.

Hingelagert zwischen Donau und Böhmerwald, ist das Mühlviertel in seinem landschaftlichen Charakter wesentlich verwandt jenem der beiden Nachbargebiete, des Bayrischen Waldes und des niederösterreichischen Waldviertels. Es bildet Hügel und weite Hochflächen auf granitner Unterlage, belebt durch zahlreiche Flüsse und Bäche, die, goldbraun und forellenreich, bald als stille Waldspiegel das Auge erfreuen, bald in kraftvollen Stürzen dem großen Strome zustreben. Von den Höhen des Landes, die sich im Blöckenstein bis zu 1378 Metern erheben, von den Wehrtürmen der hochgelegenen Burgen sieht man – überrascht und entzückt – hinüber auf die sanftblau dämmernde, vielgezackte Kette der Hochalpen. Oetscher und Traunstein, der Hohe Priel, der Watzmann, kurz, alle die trotzigen Bergkönige vom Wiener Schneeberge bis zum Berchtesgadener Hochthron, ragen in der Ferne empor. Der Wald bildet noch heute einen mächtigen und prächtigen Teil dieser Landschaft; einst war er in ihr vorherrschend, und die endlosen Forste des „großen Nordwaldes“ überschatteten auch unser gutes Mühlviertel. Noch heute, also nach tausend Jahren, nennt das Volk dieses ganze, weite, bayrisch-österreichische Gebiet einfach „Im Wald“; man „is im Wald z’ Haus“, man kommt „aus’m Wald“. Jahrhunderte hindurch bildete der „Nordwald“ zugleich einen natürlichen Wall, einen fast undurchdringlichen Verhau gegen den bösen slavischen Nachbarn; die Schlachten gegen den zweiten Feind, die Reitervölker der Avaren und Ungarn, wurden unten an der Donau und Enns, zuletzt (955) am Lech geschlagen, und es galt ein hartes Stück Arbeit, bis die karolingische Ostmark dauernd dem Reiche angegliedert war. Die Bajuvaren, bayrische Edle, die Hochstifte und Klöster von Passau und Bamberg mit ihren Leuten erwiesen sich dabei immer wieder als standhafte Verteidiger der Kultur des Landes.

Werfenstein.

In friedlichen Jahrzehnten rasch aufblühend, stattete die junge Mark bald in der schönsten Weise dem Mutterlande ihren Dank ab. Denn als im 12. Jahrhundert jener reizvolle Frühling des ritterlichen Minnegesanges aufging, da trieb er gerade hier unvergänglich schöne Blüten, in Liedern voll Innigkeit und naivem Wohllaut und von so künstlerischer Vollendung, daß sie auch von den späteren der höfischen Glanzzeit nicht mehr übertroffen wurden. Da saß unweit von Linz der ritterliche Sänger von Kürenberg und in unserem Mühlviertel selbst Herr Dietmar von Aist, dessen Burg wohl in jenem schwermütig schönen Thale der Aist stand, deren Wasser so dunkel sind, daß sie die „schwarze Waldaist“ genannt wird. Seine Lieder begrüßen die Frühlingszeit und klagen, wenn Sommerwonne und Lindenlaub wieder schwinden: „geschwigen sint die nahtegal, sie hat gelassen ir süßes singen“. Die liebende Frau aber blickt sehnend dem fliegenden Falken nach; er hat es gut:

„So wo1 dir, valke, daz du bist,
Du vliugest, swar dir lieb ist.“

Von diesen Dichtern der Frühzeit hinweg haben wir allerdings einen gehörigen Schritt zu machen, bis wir dem Mühlviertel in der poetischen Litteratur wieder begegnen. Erst um die Mitte unsres Jahrhunderts hat Julius v. d. Traun (J. A. Schindler) sein schönes Skizzenbuch „Oberösterreich“ geschrieben, das Werk eines echten lebensfreudigen Poeten, und fast gleichzeitig schuf Adalbert Stifter seinen „Hochwald“, eine Dichtung, die noch lange warmfühlende Herzen erfreuen und rühren wird und deren Schauplatz unsere Gegend geliefert hat. Sie spielt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und ihr Held ist ein schöner Schwedenjüngling. In jene Epoche fiel das größte geschichtliche Erlebnis des Landes: die Schweden mit ihren heranziehenden Regimentern bildeten die letzte Hoffnung der evangelischen oberösterreichischen Bauern, [501] die in jenen Jahrzehnten bis 1632 in wiederholten glorreichen Aufständen so verzweifelt für ihre religiöse Ueberzeugung kämpften. Immer wieder heulten die Sturmglocken durch die Pfarreien unseres Mühlviertels, flog das nächtliche Aufgebot (die „Ansag’“) von Hof zu Hof und eilten Tausende von Männern hinab nach den Lagern und Schlachtfeldern der Ebene, wo sie oftmals siegreich kämpften, endlich aber unterlagen.

In der Sägemühle.

Wenn wir heute die Donau, welche die Südgrenze des Mühlviertels bildet, hinabfahren, dann sehen wir vom Deck unseres schönen Dampfers aus auf so manche der Burgen und Orte, welche diese Kämpfe und noch viele frühere erlebt haben. Wohl am weitesten zurück reichen die Mauerreste jener Burgen, die sich einst auf den Felshöhen über den so lange gefürchteten Stromschnellen „Wirbel“ und „Strudel“ unterhalb Grein erhoben, den Strom bewachend – zuzeiten wohl auch ausbeutend. So der auf S. 500 abgebildete Werfenstein (Werben-, Werbel-, Wirbelstein), der urkundlich zuerst 1293 erscheint, als er schon nicht mehr Raubschloß, sondern bereits landesfürstliche Burg war. Wirbel und Strudel bedeuteten die langen Jahrhunderte hindurch Schrecken und Verderben für die armen Donauschiffer. Schon der Römer hatte durch hineingeworfene Münzen den erzürnten Flußgott zu versöhnen gesucht, und bis in unser gegenwärtiges Jahrhundert hatte das Stift Waldhausen das Recht, Almosen von den aus den Stromschnellen herauskommenden Schiffen einzusammeln, und dafür die Pflicht, die in denselben Verunglückten („di toten, di in der Tünaw verderbent“) zu begraben. Heute freilich bergen beide Stellen keine Gefahr mehr; die Raubburgen liegen in Trümmern, die Giftzähne der Klippen sind ausgebrochen, und wer etwa jetzt mit der Hoffnung herangereist käme, hier das Gruseln erlernen zu können, der würde sich schwer enttäuscht finden. Landschaftlich aber ist die Strecke zwischen Grein und Sarmingstein eine der schönsten zugleich des Donauthales und des unteren Mühlviertels. Der prächtige Strom, die dunklen Waldberge, alte Burgen und malerische Ortschaften, neben deren stattlichen und wehrhaften Patricierhäusern aus der guten alten Zeit, mit ihren Schießscharten und runden Ecktürmchen (s. Abbildung 4 S. 497), immer häufiger schmucke, moderne Villen emporwachsen, vereinigen sich zu Bildern von stets neuem malerischen Reiz. So fehlt es denn auch im Mühlviertel nicht an zahlreichen Sommerfrischen, aber sie haben noch einen wesentlich anderen Charakter wie jene drüben im vielbesuchten und weltberühmten Traunviertel, im Salzkammergut, wo die elegante Welt der „oberen Zehntausend“ den Ton des Lebens angiebt. Hier dagegen kann man sich noch überall ungestört der Freude am Volkstümlichen und dem Naturgenusse hingeben. Mit den Eingeborenen ist es nicht schwer, aufrichtig gut auszukommen. Es sind echt bajuvarische Leute, die hier wohnen, die sich noch viel von alten Eigentümlichkeiten bewahrt haben. Auch an ihrer alten Tracht halten sie fest. Die Abbildung 4 auf S. 497 zeigt uns Frauen mit den großen nach hinten zurückgeschlagenen Kopftüchern und den schlichten Jacken. Zu Johanni lodern unten am Stromufer wie auf den Berggipfeln immer noch die einst so beziehungsreichen „Sonnwendfeuer“ auf und werden „Hollerkrapfen“ aus den weißen Blütendolden des Holunders gebacken. Auch hier gedeiht die schneidige Poesie der Vierzeiligen, der „Schnadahüpfl’n“, und beim nationalen Tanze, dem „Ländler“, ist ja dessen Namensverwandtschaft mit dem „Land’l“, wie der Oberösterreicher gern seine Heimat nennt, ohnedies nicht zu verkennen. Auf den Höhen stehen zahlreich in altdeutscher Weise die großen bäuerlichen Einzelhöfe.

Mühle in der Clamschlucht 

Schloß Clam. 

[502] Aus dem schwülen Grunde des Donauthales empor ins freie Hochland und seine Thäler zu wandern, bleibt aber immer das Schönste, was der städtische Sommergast hier unternehmen kann. Der Reiz jener waldigen Felsschluchten mit ihren tosenden Wassern ist unerschöpflich. Bald zieht der Weg durch eine so vollkommene und weltferne Waldeinsamkeit wie jene, die hoch über der wilden Ranna hinauf zum Falkenstein führt, oder er bietet in einer Kette von Wasserfällen und Stegen, von Hämmern und Mühlen Bilder des frischesten Lebens. Als ein wahres Prachtstück muß hier vor allem der untere Teil des Sarmingbaches genannt werden, dessen Wasser in überraschender Wucht und Fülle über gigantische, dunkelfarbige Felstrümmer herabstürzen. An seinen Ufern steht eine Reihe von alten Hammer- und Mühlenwerken, die sich mit ihren offenen Rädern, den triefenden, grünüberwucherten Gerinnen, den rauchenden Schloten und geflickten Dächern ebenso kühn wie malerisch in diese Wasser- und Felsenwelt hineingebaut haben (s. Abbildung 1 und 2 auf S. 497).

Versandetes Hammerwerk.

Manche liegen in tiefster Abgeschiedenheit wie das Idyll der „Braunen Mühle“ unweit von Waldhausen, das unser Zeichner stimmungsvoll auf Seite 497 (Abbildung 3) wiedergegeben hat, und auch an etlichen elegischen, verfallenen oder versandeten Hammerwerken, wie wir eines auf obenstehender Abbildung dargestellt sehen, fehlt es nicht. Betritt man das Innere einer der vielen lebhaften kleinen Sägemühlen (s. die obere Abbildung S. 501), so findet man es zwar von einem recht bescheidenen Leben erfüllt, doch auch diesem fehlt es nicht an poetischer Eigenart.

Von den Höhen grüßen zu den rauschenden Wassern Burgen herab; meist zerfallen wie der Wartturm bei Sarmingstein (s. Abbildung 4 S. 497), oder auch wohlerhalten wie der kühne Renaissancebau des Schlosses Clam (s. Abbildung S. 501), das seit drei Jahrhunderten im Besitze der gräflichen Familie Clam-Martinitz ist und dessen gewaltiger Bergfried weithin über das Land sieht. Nun glänzt auch die Donau wieder herauf, und über den dunklen Forsten des Hochlandes taucht die Reihe der fernen Hochalpen empor mit ihrem „Sehnsuchtsblau“ – um einen schönen Ausdruck Adalbert Stifters zu gebrauchen. Und auch für mancherlei leibliche Erquickung ist wohl gesorgt. Unterwegs locken die goldbraunen Tümpel und weißen Stürze des Baches unwiderstehlich in ihre Flut. Im Schutze moosiger Felswände, überhangen von Farnkräutern, blauen Glockenblumen und goldgrünem Gezweig, giebt es hier Badeplätze, wie sie sich Nixen, Dichter und Maler nicht anheimelnder wünschen können. Dichte Büsche von Heidelbeeren bieten ihre reiche Ernte dar, und im Hochlande oben empfängt uns eine Luft von köstlicher Frische und Würzigkeit; dem Durstigen winkt manches gute Wirtshaus mit Hammerwerk. Rosengarten, Weinlaube und kühlen Bieren. Hier umherzustreifen, womöglich in bunter Schar: mit fröhlichen Gesellen und einigen von den frischen und anmutigen Töchtern des Landes – das ist gar schön, am schönsten natürlich in den Tagen der eigentlichen Jugend. Aber auch später, wenn man schon einige Wanderjahre hinter sich hat, wird man inmitten der anregenden Fülle dieser Natur beinahe wieder der hoffnungsvolle junge Mensch, der wünschereich und zukunftssicher in die zu erobernde schöne Welt hinauszieht. Und daß das Mühlviertel Oberösterreichs kein übles Stück dieser schönen Gotteswelt ist – darauf möchten wir mit unserem Berichte gern überzeugend hingewiesen haben.