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Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 12

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Hagelloch
mit Rosenau, Hof,

Gemeinde III. Klasse mit 579 Einwohnern. – Evangelische Pfarrei. 1 Stunde nordwestlich von Tübingen gelegen.

Der freundliche, nicht große Ort liegt am südlichen Saume des Schönbuchs in einem sanft in die Hochfläche sich einsenkenden, gegen Osten geneigten Seitenthälchen des Weilerbachthales. Zwischen den einfachen Bauernhäusern, die sich zerstreut und unregelmäßig an den zum Theil gepflasterten und gekandelten Straßen lagern, treten die das ganze Dorf umschließenden schönen Obstbaumwiesen herein. Das Dörflein| liegt gar still, ganz von der Welt abgeschieden und gewährt nur gegen Norden einen Blick in das nahe schluchtenreiche Waldgebirge des Schönbuchs; geht man aber vom Dorf einige hundert Schritte südlich an den Rand des Wiesenthales, so erblickt man die schon nahe gerückte herrliche Kette der Alb. Die kleine weißgetünchte Kirche steht etwas erhöht mitten im Dorf und ist an der Südseite ganz mit Reben überwachsen; sie hat eine rechteckige Grundform, einige spärlich gefüllte Spitzbogenfenster aus spätester gothischer Zeit und auf dem Westgiebel einen hölzernen, mit hohem vierseitigem Zeltdache bekrönten Dachreiter. Das Innere zeigt eine flache mit Blumen bemalte Decke; an der Ostwand hängt ein altes Krucifix und darüber ist in den Stein gehauen i e s v s; verschiedene Epitaphien sind an Wänden und Emporen angebracht. Die Orgel steht im Westen, der schöne große Taufstein ist achteckig, hohl und in gothischem Geschmack gehalten. Von den zwei Glocken ist die größere 1838 von Kurtz und Sohn in Reutlingen gegossen, die andere hat die Umschrift: i. h. s. MCCCCC und XI jahr gos mich hans eger von ritlingen.

Die Baulast der Kirche hat zu 3/4 die Gemeinde, zu 1/4 die Stiftungspflege.

Der 1833 angelegte Begräbnißplatz liegt außerhalb östlich des Ortes.

Das Pfarrhaus, das 1720 erbaut sein soll, ist in gutem Zustande.

Das 1827 erbaute Schulhaus enthält zwei Schulzimmer; der Schulmeister hat eine besondere Wohnung.

Das ehemalige Schloß, ein schlichtes Steinhaus, befindet sich jetzt in Privathänden.

Ein Armenhaus ist vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend zwei laufende und zwei Pumpbrunnen, wovon einer der letzteren 100′ tief ist.

Die Markung ist reich an Quellen und zwei nie versiegende Bäche, der Weilerbach und der Rosenbach, durchfließen sie. Überdieß besteht eine Wette im Ort. Im sog. Rosenfeld sind zwei periodisch fließende Brunnen.

Eine Vicinalstraße führt nach Tübingen; fünf steinerne Brücken und ein hölzerner Steg, welche die Gemeinde zu unterhalten haben, bestehen.

Die Einwohner sind im allgemeinen gesund und erreichen nicht selten ein hohes Alter; gegenwärtig befinden sich 4 über 80 Jahre alte Personen im Ort. Spuren von Kretinismus, die früher vorkamen,| zeigen sich nicht mehr. Die Einwohner sind fleißig, betriebsam, sparsam und lassen es sich in ihrem Berufe, der sie spärlich ernährt, sehr sauer werden; bei den meisten zeigt sich Ordnungsliebe und kirchlicher Sinn. Volkbelustigungen sind bis auf das Eierlesen abgegangen; bei einem Theil der Leute besteht noch die ländliche Volkstracht nach Art der angrenzenden Gäubauern. Die Hauptnahrungsquellen sind Feldbau, Viehzucht und Gewerbe. Von den Gewerbetreibenden arbeiten Zimmerleute, Maurer und Gipser nach außen, Holzhauer den Winter über in den Staatswaldungen; auch werden viele Besen hier gebunden und nach Tübingen abgesetzt. Eine Schildwirthschaft und zwei Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittelmäßigen; der begütertste Bürger besitzt 36 Morgen, der Mittelmann 14 Morgen, der ärmere 11/2 Morgen Grundeigenthum. Manche den Ortsbürgern gehörige Güter liegen auf Tübinger, Unterjesinger und Entringer Markung. Die nicht große Ortsmarkung bildet mit Ausnahme der nächsten Umgebung des Dorfes ein ziemlich unebenes, von engen tiefen Thälern durchzogenes obst-, getreide- und waldreiches Land, dessen mittelfruchtbarer Boden theils aus einem nicht tiefgründigen Lehm, theils aus den Zersetzungen des grobkörnigen Keupersandsteins besteht. Zur Besserung des Bodens kommen außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Gips, Kompost und Asche in Anwendung. Zwei Lehm- und eine Sandgrube sind vorhanden. Wegen der nahen Waldungen und der hohen Lage ist das Klima etwas rauh und die Nächte auch den Sommer über meist kühl, daher Frühlingsfröste ziemlich häufig. Hagelschlag kommt sehr selten vor.

Die Landwirthschaft wird im allgemeinen gut betrieben und in neuester Zeit macht sich der Brabanterpflug geltend und wird bald den deutschen Wendepflug vollends ganz verdrängen; auch ist eine Gemeindewalze vorhanden.

Man baut Dinkel, Haber, Gerste, Kartoffeln, Futterkräuter (dreiblättriger Klee, Luzerne, Esper, Wicken), Kohlraben, Rüben, Erbsen, Linsen, Ackerbohnen, und von Handelsgewächsen Hanf und etwas Flachs, jedoch nur für den eigenen Bedarf. In neuester Zeit hat die Gemeinde einige Güterstücke mit Hopfen anpflanzen lassen. Von dem Getreideerzeugniß kann nur wenig auswärts verkauft werden.

Der nicht ausgedehnte Wiesenbau, dem keine Wässerung zukommt, liefert ein gutes nahrhaftes Futter. Der Weinbau, welcher sich mit Sylvanern, Elblingen, Affenthalern und Klevnern beschäftigt, ist unbedeutend, liefert aber einen ziemlich guten Wein und zwar in günstigen| Jahrgängen 5–6 Eimer vom Morgen. Die Preise eines Eimers bewegten sich in den letzten 10 Jahren von 22–55 fl.

Von verhältnißmäßig großer Ausdehnung ist die Obstzucht, die in günstigen Jahren einen Verkauf von 800–1000 Säcken erlaubt. Die vorherrschenden Obstsorten sind Fleiner, Luiken, Bratbirnen, Knausbirnen, Wadelbirnen und von Steinobst Kirschen, Pflaumen, Zwetschgen; auch pflegt man etwas Tafelobst. Eine Baumschule und ein besonders aufgestellter Baumwart ist vorhanden.

Von dem Ertrag der 380 Morgen großen Gemeindewaldungen erhält alljährlich jeder Bürger 1/4 Klafter und 25 Stück Wellen; ein Theil des Holzes wird verkauft, was der Gemeindekasse eine jährliche Rente von etwa 1000 fl. einbringt.

Eigentliche Weiden sind ungefähr 60 Morgen vorhanden, die nebst der Brach- und Stoppelweide an einen Ortsschäfer um jährlich 220 fl. verpachtet sind; die Pferchnützung trägt überdieß 160 fl. der Gemeindekasse ein.

Die Rindviehzucht, welche sich mit einer gewöhnlichen Landrace, theilweise mit Simmenthaler gekreuzt, beschäftigt, ist im allgemeinen gut; Handel mit Vieh, wie auch der Milchverkauf nach Tübingen sind unbedeutend. Zur Nachzucht sind 2–3 Farren aufgestellt.

Auf der Markung laufen im Vorsommer 200 St. und im Nachsommer 250 St. Bastardschafe; der Verkauf der Wolle, wie der Abstoß der Schafe geschieht nach Tübingen.

Die Schweinezucht ist unbedeutend, indem die meisten Ferkel (Land- und halbenglische Race) von außen bezogen, und theils fürs Haus, theils zum Verkauf aufgemästet werden.

Von dem gezogenen Geflügel wird ein kleiner Theil verkauft.

Die Bienenzucht ist unbedeutend.

Das Stiftungsvermögen beträgt 2695 fl. 20 kr., worunter 2000 fl. wohlthätige Stiftungen, deren Zinse für Ortsarme verwendet werden.

Nach der Volkssage soll etwa 10 Minuten vom Ort im Weilerbachthälchen ein Städtchen „Weil am Bach“ gestanden sein, das durch Hagel und Feuer zerstört worden sei.

Hagelloch gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen. Am 28. Aug. 1296 verkaufte Graf Gottfried von Tübingen seinen Weiler H. (oppidum H.) mit allen Rechten, Zugehörden etc., dem Höhenberg, Stainiberc, Niuban, der Birkinnegeren für 140 Pf. Heller an das Kloster Bebenhausen (Mone Zeitschr. 14, 438, Schmid Pfalzgrafen| Urk. 101), welches 1339 noch von den Grafen Gottfried und Heinrich genannt Wilhelm von Tübingen Gebrüdern ihre hiesigen Hintersaßen erkaufte. (Schmid Urk. 138).

Die hohe und malefizische Obrigkeit mit Gebot und Verbot, Geleit und Wildbann blieb übrigens den Pfalzgrafen von Tübingen und kam von ihnen 1342 an Württemberg. Das Kloster dagegen besaß die nieder-gerichtliche Obrigkeit und die Grundgerechtigkeit, setzte Schultheißen und Gericht; die Einwohner mußten alljährlich den Mühlgraben im Kloster säubern, welche Frohnpflicht 1799 in eine Geldabgabe verwandelt wurde (Reyscher Statutarr. 207).

Im Jahr 1326 kommt Hug von Hagelloch vor, welcher für 10 Pf. Heller Leibeigene an die Pfalzgrafen Rudolf und Konrad die Scherer von Tübingen veräußerte. (Schmid Urk. 156).

Zu der Gemeinde gehört Rosenau, ein vereinzelt stehender Hof, der 1/4 Stunde östlich vom Mutterort jenseits des Weilerbachthälchens auf einem wohlgerundeten Bergvorsprung liegt. Als Örtlichkeit erscheint der Name 1284. 1289 (Roesenowe pratum dictum Rosenowe. Mone Zeitschr. 3, 437, Schmid Urk. 61).


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