Zum Inhalt springen

Beschreibung des Oberamts Oberndorf/Kapitel B 27

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
« Kapitel B 26 Beschreibung des Oberamts Oberndorf Kapitel B 28 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Waldmössingen,
Gemeinde III. Kl. mit 852 Einw., wor. 11 Ev. – Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Fluorn eingepfarrt. Die Entfernung von der nordöstlich gelegenen Oberamtsstadt beträgt 2 Stunden.


Mitten auf der zwischen dem Neckar- und dem Schiltachthale sich erhebenden Hochfläche, in der ganz flachen Einsenkung des hier beginnenden Heimbachthales, liegt freundlich und gesund der sehr große schöne Ort, getheilt in drei Gruppen, in das eigentliche Dorf, südlich davon in den „Schlierbach“, und nordwestlich davon in „über der Bruck“. Die meist stattlichen Bauernhäuser, oft eigentliche Holzhäuser, haben schon den Schwarzwaldcharakter, sind theilweise noch mit weit vorstoßenden Schindel- oder Strohdächern gedeckt und an der Wetterseite verschindelt; sie liegen weit zerstreut und ganz unregelmäßig an den gewundenen, bald engen, bald breiten, reinlichen chaussirten und gekandelten Straßen. Fast rings um den Ort dehnen sich freundliche Wiesenflächen aus und ziehen sich zwischen den Häusern bis an die Straßen hinein. Hohe, neben den Wohnungen stehende Waldbäume trifft man hier weniger, als in anderen Dörfern der Umgegend. Eine schöne Fernsicht in das badische Land und an den Kniebis hat man von den „Kirschenen“ aus; Erdfälle kommen im Bühlerwald und im Heiligenhölzle vor.

Die dem h. Valentin geweihte Kirche steht, von dem alten ummauerten, mit schönen Grabsteinen geschmückten Friedhof umschlossen, auf einem kleinen Hügel im Westen des eigentlichen Dorfes. Sie bildet ein weites rechteckiges Schiff mit schmälerem Chore, an dessen Ostseite der massive Thurm sich erhebt, und stammt zum Theile noch aus romanischer Zeit, wie das aus Buntsandsteinquadern fein| gefügte Mauerwerk und vor allem die zwei schmalen Rundbogenfensterchen in der Höhe der Nordwand des Schiffes beweisen. Über dem rundbogigen Westportale steht 1729; damals erhielt die Kirche ihr jetziges Aussehen, damals wurden auch die großen Rundbogenfenster hineingebrochen; auf dem steinernen Giebel der fensterlosen Westseite sitzt ein altes Steinkreuz. Der Thurm ist von unten herauf noch gothisch, sein drittes Geschoß hat ganz einfache rundbogige Schallfenster aus später Zeit und wird von einem Satteldache bekrönt. Das freundliche und geräumige Innere hat ebene Decken und einen spitzen Triumphbogen, in dem ein Kruzifix hängt; der Chor ist über 4 Stufen erhöht. An Wänden und Decke des Schiffes sind Gemälde im Rococogeschmack angebracht; auch die drei sehr großen, mit Gemälden geschmückten Altäre sind in diesem Stile gehalten; die Orgel steht auf der westlichen Empore. Von den 3 Glocken sind die größte und die kleinste 1839 von Benjamin Grüninger in Villingen gegossen worden, die mittlere ist mit Reliefs und prachtvollen Gewinden verziert und hat die Umschrift: bin ich von Meinrad Anto. Grieninger in Villingen gossen worden. Gelobt sei Jesus Christus. Amen. Die kreuzgewölbte Sakristei ist südlich an den Chor angebaut, an ihr steht auch 1729. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Stiftung und weiterhin auf der Gemeinde.

Seit 1841 ist ein neuer Friedhof östlich am Ort angelegt.

Das zweistockige Pfarrhaus hat eine hohe Lage südöstlich von der Kirche und besteht seit 1771.

Im Jahr 1828 wurden die Gelasse für den Gemeinderath im Schulhause eingerichtet, das daneben 2 Lehrzimmer enthält; Schulmeister und Lehrgehilfe wohnen seitdem in einem Privathause.

Im dreißigjährigen Kriege wurde 1636 der ganze Ort niedergebrannt.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 51 Pumpbrunnen und 5 Schöpfbrunnen; der Heimbach entspringt hart am Ort, an der Straße nach Schramberg; eine andere Quelle findet sich südöstlich am Ort auf den Regenwiesen und läuft im Ort in den Heimbach; eine dritte Quelle, Egelsee genannt, entspringt gegen Heiligenbronn zu und fließt in die Eschach. Nördlich vom Ort lag früher ein 20 Jauchert großer Weiher, der noch von den Grafen von Zimmern trocken gelegt und in Wiesengrund verwandelt wurde; dieses sogenannte Weihergut wurde schon 1665 von der Bürgerschaft erkauft und 1802 zu gleichen Theilen unter dieselbe vertheilt.

Der Heimbach wird zu einer Wette geschwellt.

| Die Staatsstraße von Oberndorf nach Schramberg und die Vicinalstraße von Winzeln nach Seedorf gehen hier durch.

Eine kleine steinerne Brücke führt über den Heimbach, eine hölzerne über seinen Zufluß im Ort; ihre Unterhaltung hat die Gemeinde.

Die Einwohner, ein gesunder kräftiger Menschenschlag, sind fleißig, sparsam, mäßig, an Ordnung gewöhnt und eifrige Kirchgänger; sie erreichen nicht selten ein hohes Alter; gegenwärtig zählen 4 Männer und 2 Frauen über 80 Jahre, ferner 1 Mann 85 und 1 Frau 89 Jahre; ihre ländliche Volkstracht wird leider nach und nach verdrängt; von Volksspielen erhielt sich an der Kirchweihe der sog. Hammeltanz.

Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht. Aus den südlich auf der Markung gelegenen Muschelkalksteinbrüchen werden die Steine auch auswärts abgesetzt; ferner wird aus den nördlich vom Orte befindlichen Gipsgruben die Erde in die Steingutfabrik von Faist in Schramberg geführt. Bis zum Jahr 1770 wurde westlich vom Ort zunächst der Landstraße Eisenerz für das Schmelz- und Hammerwerk in Schramberg gegraben.

Die hiesigen Gewerbetreibenden arbeiten nur für das örtliche Bedürfniß; für die Fabriken in Schramberg und in Dunningen werden Strohhüte genäht und geflochten.

Mit Getreide handeln 2 Fruchthändler in’s Badische. Zwei unbedeutende Ölmühlen, die von Hand getrieben werden, 2 Branntweinbrennereien und eine mit Schildwirthschaft verbundene Bierbrauerei, die gutes Bier für den Ort und die Umgegend liefert, bestehen, ferner 1 weitere Schildwirthschaft, 2 Kauf- und 2 Kramläden.

Die Vermögensverhältnisse der Einwohner gehören zu den besseren; der begütertste Bürger besitzt 80 Morgen Feld und 6 Morgen Wald, der Mittelmann 20–25 Morgen Feld und 1/2 Morgen Wald; die weniger bemittelte Klasse 8–10 Morgen Feld; auf angrenzenden Markungen haben verschiedene hiesige Bürger Güterstücke von 1–2 Morgen.

Die große, von Ost nach West in die Länge gedehnte, von dem unbedeutenden Heimbachthälchen durchzogene Markung hat rechts des Baches eine hügelige, links desselben eine flachwellige Lage und im allgemeinen einen ziemlich fruchtbaren Boden, der rechts des Heimbachs aus den kalkreichen Zersetzungen des Hauptmuschelkalks und der Anhydritgruppe, auf der linken Seite aber aus einem etwas schweren| Lehm besteht. In der Thalebene haben sich dem Wiesenbau zuträgliche Alluvionen abgelagert.

Das Klima ist, wie auf der ganzen Hochebene, etwas rauh, die Luft gesund, frisch, meist bewegt, öfters stürmisch. Schädliche Frühlingsfröste kommen nicht selten, Hagelschlag weniger vor; der letzte von Bedeutung war im Jahr 1843. Die Landwirthschaft wird mit großem Fleiß umsichtig getrieben und namentlich auf einen ausgedehnten Futterkräuterbau sehr Rücksicht genommen. Außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln sucht man auch mittelst Hallerde, Gips, Kompost und Asche dem Boden nachzuhelfen. Von verbesserten Ackergeräthen ist der Hohenheimer- und der Brabanter Pflug allgemein, auch die eiserne Egge und die Walze haben Eingang gefunden; eine Dreschmaschine ist vorhanden. Zum Anbau kommen außer den gewöhnlichen Cerealien Kartoffeln, Futterkräuter (dreiblätteriger Klee, gelber Klee, sog. Cedernklee, Luzerne, Esparsette), Wicken, Rüben, wenig Reps und Hanf, dagegen sehr viel Flachs, aus dem schon über den eigenen Bedarf 10–12.000 fl. jährlich erlöst wurde. Von den Getreideerzeugnissen können jährlich etwa 500 Scheffel Dinkel und 100 Scheffel Haber nach außen verkauft werden.

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert reichlich gutes Futter, von dem ein Theil verkauft wird.

Die im Zunehmen begriffene Obstzucht wird, soweit es die klimatischen Verhältnisse erlauben, ziemlich gut getrieben; man zieht hauptsächlich spätblühende Mostsorten und Zwetschgen. Der Obstertrag reicht auch in günstigen Jahren nicht für das örtliche Bedürfniß, daher noch ziemlich viel Obst aus dem Badischen zugekauft werden muß. Auf der Markung befindet sich eine Baumschule für den Oberamtsbezirk und überdieß ist im Ort eine Gemeindebaumschule angelegt; auch hat die Gemeinde einen besondern Baumwart aufgestellt.

Die Gemeinde besitzt 900 Morgen Nadelwaldungen, die jährlich 500–600 Klafter und 6000 St. Wellen ertragen; hievon erhält jeder Bürger 1–11/2 Klafter nebst Wellen und überdieß fließen noch etwa 1600 fl. für verkauftes Nutzholz jährlich in die Gemeindekasse. Eigentliche Weide besteht nicht und nur die Brach- und Stoppelweide wird um 450 fl. jährlich an einen fremden Schäfer verpachtet, der den Sommer über 300 Stück Bastardschafe auf der Markung laufen läßt. Die Pferchnutzung sichert der Gemeinde eine jährliche Rente von 500 fl.

| Die vorhandenen Allmanden sind den Ortsbürgern zur Benützung unentgeltlich überlassen.

Die Pferdezucht, welche sich mit einem tüchtigen Landschlag beschäftigt, ist unbedeutend, obgleich im Ort die Beschälplatte mit 3 Hengsten für den Oberamtsbezirk besteht.

In sehr gutem Zustande ist die Rindviehzucht, auf die man viel Fleiß verwendet, auch werden große Summen für die Zuchtstiere ausgegeben; man züchtet einen schönen Landschlag mit Simmenthaler Kreuzung, zu deren Unterhaltung 4–5 Farren von obiger gekreuzter Race aufgestellt sind. Herbstaustrieb findet statt. Der Handel mit Vieh, theilweise mit gemästetem, nach Straßburg und in das Badische ist ziemlich namhaft.

Schweinezucht wird nicht getrieben und die Ferkel (englische und halbenglische) bezieht man zur Aufmästung für den eigenen Bedarf von außen. Geflügelzucht treibt man nur für den Hausverbrauch.

Für die Bienenzucht ist das Klima nicht geeignet.

Die Fischerei in dem Forellen führenden Heimbach wird nach Belieben ausgeübt.

An Vermögen besitzt die Kirchenpflege 20.000 fl., die Armenpflege 300 fl. und die Schulfondspflege 400 fl.

Was die Spuren aus grauer Vorzeit betrifft, so gehört die 1/8 Stunde nordöstlich vom Ort gelegene Burghalde zu den interessantesten Punkten des Bezirks; hier stand auf einem Terrainvorsprung ein römisches Kastell, von dem nach allen Richtungen Römerstraßen ausgehen, oder vielmehr sich hier kreuzen, und zwar die von Rottweil über Dunningen herkommende, nach Dornhan etc. führende römische Consularstraße; von ihr geht 1/4 Stunde nordöstlich vom Ort eine Römerstraße nach Hochmössingen etc. ab; eine weitere kommt von Epfendorf her, kreuzt auf der Burghalde die Consularstraße und führt zu der römischen Niederlassung auf dem Schänzle bei Röthenberg und endlich scheint eine römische Straße von Sulgau her zu dem römischen Kastell bei Waldmössingen geführt zu haben, so daß hier 5, beziehungsweise 6 Römerstraßen zusammen laufen. Die Straßen haben durchaus eine gerade Führung, zeigen häufig noch das Pflaster und Spuren ihrer ursprünglichen dammartigen Anlage. Auf der Stelle des abgegangenen Kastells wurden schon öfters Grundmauern römischer Gebäude, römische Ziegel, Münzen, Gefässefragmente, worunter von Siegelerde etc. aufgefunden und zunächst dabei ist man an dem sog. Ziegelsteigle auf einen römischen Kalk- und Töpferofen| gestoßen. Außer diesem römischen Wohnplatz auf der Burghalde stand noch ein zweiter ganz nahe (westlich) von Waldmössingen auf der Flur „Weiler“, einem theils von natürlichen, theils künstlich angelegten Gräben umgebenen ziemlich großen Ackerland; auch hier werden römische Grundmauern, Ziegel, Bruchstücke von Gefässen etc. gefunden.

Der Eselgeist und ein Geist am Seedorfer Weg führen die Leute irre. Ein gleiches geschieht im Heiligenhölzle; auch bei der Großheck erscheint den Leuten öfters ein Geist, weiß gekleidet.

Östlich am Ort, nahe bei der Kirche, wird eine terrassenförmig angelegte Stelle die „Burg“ genannt, hier soll die Burg der Waltmann von Messingen gestanden sein; auch bestand im Dorf eine Klause (kleines Frauenkloster).

W. kommt als Mesinga (was möglicherweise auch Hochmössingen sein könnte) unter dem 4. Nov. 994 unter denselben Verhältnissen vor, wie Epfendorf (s. E.).

Ursprünglich zäringisch-teckisch kam W. wie Oberndorf, dessen Schicksale es theilte, 1381 an Österreich. (Siehe das Nähere namentlich auch über die Verpfändung an Kloster Hirschau bei Oberndorf. Über den Schabernack, welchen Hans von Rechberg den im Waldmössinger Weiher fischenden Hirschauer Mönchen anthat, s. Zimmerische Chronik 1, 374.)[WS 1].

Das Kloster Alpirsbach und das Augustinerkloster in Oberndorf waren allhier begütert.

Den Kirchensatz überließ am 18. Juni 1360 der Herzog Hermann von Teck an das Kl. Alpirsbach, welchem ihn am 21. Dez. 1397 P. Bonifaz IX. incorporirte. Mit Alpirsbach kam er an Württemberg und von diesem durch Tausch vom 1. Nov. 1581 an Wilhelm den letzten Grafen von Zimmern († 1594), von dessen Familie er über Österreich 1805 an Württemberg zurückgelangte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. In der zweiten verbesserten Auflage: Zimmerische Chronik 1, 391.
« Kapitel B 26 Beschreibung des Oberamts Oberndorf Kapitel B 28 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).