Zum Inhalt springen

Beschreibung des Oberamts Neuenbürg/Kapitel B 32

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
« Kapitel B 31 Beschreibung des Oberamts Neuenbürg Kapitel B 33 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Unter-Lengenhardt,
Gemeinde III. Kl. mit 167 Einw.; Filialdorf von Liebenzell, O.A. Calw.


Der 1/4 Stunde lange, sehr weitläufig an einer Straße hingebaute Ort, dessen meist kleine, aus Holz erbaute Wohnungen noch mit Schindeln gedeckt sind, hat 31/4 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt und 1/4 Stunde nordwestlich von dem Mutterort eine hohe sehr freundliche Lage oben an dem südlichen Abhange gegen das Lengenthal.

Das vor etwa 50 Jahren erbaute Schulhaus enthält ein Schulzimmer und die Wohnung des Schulmeisters.

Der Ort hat kein Quellwasser, sondern nur einige Cisternen, welche häufig kein Wasser geben, dagegen sind in dem nahe gelegenen Walde Schöpfbrunnen vorhanden, die längere Zeit Wasser führen, übrigens in trockenen Jahreszeiten ebenfalls versiegen, so daß das Wasser an dem Glasbrunnen geholt werden muß. Dieser sog. Glasbrunnen entspringt 1/4 Stunde vom Ort im Lengenbachthal, treibt 5 Minuten unterhalb seines Ursprungs eine Sägmühle und bildet den Hauptzufluß des Lengenbachs.

Vermöge der hohen Lage genießt man von dem Ort eine schöne Aussicht, die sich bis in die Gegend von Leonberg erstreckt, dagegen ist das Klima ziemlich rauh und die Ernte tritt etwa 14 Tage später ein als in dem sog. Gäu. Hagelschlag kam seit Menschengedenken nur im Jahr 1845 vor. Von der nicht großen, über die Hälfte mit Wald bestockten Markung liegt die für den Feldbau benützte Fläche meist eben und hat einen leichten, rothsandigen mit ziemlich Lehm gemengten Boden, in welchem hauptsächlich Roggen, Hafer, Kartoffeln, Erbsen, Flachs und Hanf gut gedeihen.

Die im Allgemeinen körperlich gesunden, fleißigen Einwohner befinden sich in minder günstigen Vermögensverhältnissen und suchen sich durch Feldbau, Viehzucht und Arbeiten in den Waldungen ihr spärliches Auskommen zu sichern.

| Der Landwirthschaft steht der Mangel an Streumaterial, wie an Wiesen, hemmend entgegen; die Felder werden willkürlich gebaut und größtentheils als Wechselfelder behandelt. Außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln kommen noch Asche, Gyps und Compost in Anwendung, auch werden die Felder häufig gebrannt. Im ordentlichen Ackerfeld baut man etwas Dinkel, Weizen, Gerste und vorzugsweise Roggen, Hafer und Kartoffeln; überdieß kommt dreiblättriger Klee, Erbsen, Linsen, Rüben, Flachs und Hanf zum Anbau. Bei einer Aussaat von 7–8 Sri. Dinkel, 5 Sri. Weizen, 4–41/2 Sri. Roggen, 7–8 Sri. Hafer und 18 Sri. Kartoffeln pr. Morgen beträgt die durchschnittliche Ernte 5–6 Scheffel Dinkel, 3 Scheffel Weizen, 31/2 Scheffel Roggen, 4 Scheffel Hafer und 80 bis 120 Sri. Kartoffeln. Der Ertrag im Allgemeinen reicht nicht für das örtliche Bedürfniß und nur Einzelne sind in der Lage, von ihren Felderzeugnissen zu verkaufen. Die Preise eines Morgens Acker bewegen sich von 30–160 fl. pr. Morgen. Außer einigen zunächst am Ort gelegenen Baumwiesen sind auf der Markung keine Wiesen vorhanden, weßhalb die Einwohner genöthigt waren, sich Wiesen im Nagoldthale, 1–11/2 Stunde vom Ort, anzukaufen. Ein Morgen kostet 400 fl. Die Obstzucht ist gerade nicht ausgedehnt, obgleich das Obst wegen der warmen Lage ziemlich gerne gedeiht; man pflegt hauptsächlich Luiken, Bachäpfel, Grafenäpfel, Zwetschgen und Kirschen.

Die Rindviehzucht, welche sich vorzugsweise mit einer tüchtigen Landrace, auch Allgäuer Race beschäftigt, wird, soweit es die Verhältnisse erlauben, gut betrieben; der Handel mit Vieh, namentlich auch mit gemästetem, ist nicht unbeträchtlich und geht hauptsächlich in das Badische. Ein tüchtiger Farre, den ein Bürger Namens der Gemeinde hält, ist zur Nachzucht aufgestellt.

Schweine werden nicht gezogen, sondern die Ferkel von Außen gekauft und für den eigenen Bedarf gemästet.

Ziegen werden nur wenige, dagegen Hühner ziemlich viel gehalten. Die Bienenzucht ist von keiner Bedeutung.

Von den Gewerben ist eine Schildwirthschaft zu nennen; als Nebengewerbe wird die Hand- und Wollespinnerei in unbedeutender Ausdehnung betrieben.

Der Ort ist durch die nahe an demselben vorbeiziehende Straße von Neuenbürg nach Liebenzell, wie durch Vicinalstraßen nach Bieselsberg und Schwarzenberg mit der Umgegend in Verbindung gesetzt.

Die Gemeinde besitzt 196 Morgen Waldungen.

| Die öffentliche Stiftung (Armenpflege) hat einen Fonds von nur 150 fl. (Vermögen der Gemeinde- und Stiftungspflege siehe Tabelle III.)

Unter-Lengenhardt kommt als Niderlengenhart im 12. Jahrh. unter den Orten vor, womit die Herzogin Uta († um 1196), geb. Gräfin von Calw, Gemahlin Welfs VI., das Kloster Hirschau begabte (Cod. Hirs. 64 a.)

An Württemberg gelangte Unter-Lengenhardt im Jahr 1603 zugleich mit Liebenzell durch Tausch mit Baden.

« Kapitel B 31 Beschreibung des Oberamts Neuenbürg Kapitel B 33 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).