Zum Inhalt springen

Beschreibung des Oberamts Nürtingen/Kapitel B 11

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
« Kapitel B 10 Beschreibung des Oberamts Nürtingen Kapitel B 12 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
11. Grötzingen,
Stadt, Gemeinde II. Cl. mit 1080 Einwohnern, darunter 3 Katholiken, 13/4 Stunde westlich von Nürtingen, im Aichthal gelegen. Vermöge dieser Lage ist die Luft etwas rauher als im Neckarthal, doch rein und gesund, der vorherrschend lehmige Boden der ansehnlichen Markung, welche sich besonders gegen die Filderhöhe hin erstreckt, im Ganzen fruchtbar und wohl angebaut, wiewohl die abhängige Lage vieler Felder manche Schwierigkeit verursacht. Der Dinkel gedeiht hier ganz besonders. Der Thalgrund hat guten und ergiebigen Wieswachs, leidet aber bisweilen sehr durch Überschwemmung. Die Ackerpreise stehen zu 25–200–400 fl., die Wiesen zu 80–200–400 fl. Weinberge haben mehrere Bürger auf Neckar-Thailfinger Markung, indem die diesseitigen schon seit etwa 100 Jahren ausgereutet sind. Obstbau kommt im Thal nicht vor, wird jedoch an den Abhängen mit zunehmender Sorgfalt betrieben. Die Rindviehzucht gehört zu den namhaftesten des Bezirks und hat sich durch die Bemühungen der Ortsbehörden für verbesserte Nachzucht mittelst Haltung von Simmenthaler Zuchtstieren merklich gehoben, wiewohl die im Jahr 1842 durch Verkauf entstandenen Ausfälle im Viehstand von mehreren Viehbesitzern mit schlechterer Waare, namentlich mit Judenvieh, ersetzt wurde. Ochsen werden ziemlich viele gemästet und auswärts verkauft. Bedeutend sind die drei jährlichen Viehmärkte. Auch die Schafzucht ist nicht ohne Belang; auf der hiesigen Weide gehen 800 Thiere, größtentheils feine Bastarde, welche Ortsbürgern angehören und der Gemeinde eine jährliche Nutzung von circa 1200 fl. abwerfen. | Die Einwohner, im Ganzen körperlich kräftige, fleißige und nüchterne Leute, an welchen man übrigens, da der Ort wenig auswärtigen Verkehr hat, etwas Unzugängliches und Herbes bemerken will, leben vergleichungsweise in günstigen Vermögensverhältnissen. Unerheblich und bloß auf örtliche Bedürfnisse beschränkt ist der Gewerbebetrieb, mit welchem sich nur die minder begüterten Bürger befassen. Schildwirthschaften befinden sich hier 5, Mahlmühlen 2, die eine am obern Ende des Städtchens, die andere unterhalb desselben, in welche einige benachbarte Orte gebannt sind, eine Ölmühle, eine Ziegelei, eine Bleiche, eine Kleemeisterei und ein Gemeinde-Back- und Wasch-Haus. Ein Nebenerwerbszweig ist der besonders durch die Neuhauser vermittelte Victualienhandel. Die Gemeinde-Corporation ist in ziemlich guten Umständen, weniger die Stiftungspflege; der Armenkasse ist durch die Abfindung mit dem Hospital Nürtingen ein Capital von 3000 fl. zugeflossen. Die Schönbuchs-Gerechtigkeiten der Gemeinde sind vor 20 Jahren mit einem Laubwald-Distrikt von 233 Morgen und 1 Morgen Sandsteinbruch im Umfang der Markungen Neuenhaus und Schlaitdorf von Seiten des Staates abgelöst worden. Die Nutzung besteht in jährlichen 60–70 Klaftern, welche an die Bürger ausgetheilt werden. Wenn gleich einem sehr fühlbar gewesenen Mangel dadurch einigermaßen abgeholfen ist, so gehen doch noch immer gegen 1800 fl. für Bau- und Brenn-Holz jährlich aus dem Orte.

Der Frucht- und Heu-Zehnte ist zwischen dem Staat (Universität Tübingen[1]) und dem Hospital Kirchheim so ziemlich zu gleichen Theilen getheilt. (Im Jahr 1445 übergibt Graf Ulrich von Württemberg „des Spitals Armen, elenden Dürftigen an ihren Tisch“ den halben Zehnten zu Grötzingen.) Von 155 Morgen hat die Pfarrei Neuhausen den Großzehnten; ein kleiner Zehntantheil steht auch der örtlichen Gemeinde- und Stiftungs-Pflege zu. Der kleine Zehnt gehört dem Hospital Kirchheim ausschließlich. Sämmtliche Gärten sind zehentfrei. Das Fischwasser in der Aich gehört dem Staat, liefert aber keinen Ertrag.

Das Städtchen bildet ein Viereck und ist auf der West- und Süd-Seite von der Aich, auf der Ost-Seite vom Weiherbach umflossen, der sich hier mit der Aich vereinigt. Eine besondere Merkwürdigkeit gab ihm früher seine starke Ringmauer von 24′ Höhe und 6–8′ Dicke, mit Wall, Gräben und 12 Thürmen, von | welchen einige, besonders der Boden- (Gefängniß-) Thurm an der nordöstlichen Ecke, der Pulver-, hohe Wacht- und obere Thor-Thurm von schönen Quadern erbaut waren.[2] Thore mit Fallgittern waren drei vorhanden. Seit etwa dreißig Jahren aber sind die Graben ausgefüllt, die Mauren bis auf wenige Reste an der Abendseite abgetragen, die Thürme aber ganz verschwunden. Der Ort unterscheidet sich vom Dorf nur durch engere Bauart und etwas regelmäßigere Anlagen, ist auch in seinen drei Hauptgassen von älterer Zeit her gepflastert, aber nicht sehr reinlich, und hat viele geringe Häuser. In neueren Zeiten hat sich das Städtchen auf der Nordseite über die alte Einfriedigung hinaus erweitert. Die Pfarrkirche hat einen schönen gothischen Chor aus der zweiten Hälfte des 15ten Jahrhunderts mit Sterngewölbe und einen ansehnlichen Thurm (1460) mit hohem Pyramidendach und einem guten Geläute. Das Langhaus aber, über welchem sich ein Fruchtkasten befindet, ist durch ein zu niedriges Bretterdach entstellt. Unter dem Taufstein liest man die Grabschrift des Dieboldus miles de Bernhausen † 1286 (Chron. Sindelf. S. 20 ed. Haug). Die Baulast der Kirche liegt zunächst der Stiftungspflege ob. Der Begräbnißplatz befindet sich an der Nordseite des Ortes und besteht aus zwei getrennten, abwechselnd benutzten Friedhöfen. Das hohe, ungewöhnlich geräumige Pfarrhaus ist Eigenthum des Hospitals Kirchheim, welchem früher als Schenkung Graf Ulrichs der Pfarrsatz zustand (s. vorhin, Cleß C. 666, vergleiche indeß Steinhofer 2, 876), und noch jetzt die Besoldung der Pfarrstelle obliegt.[3] Wegen seiner Zehnten und Gülten hat dieser Hospital hier einen Fruchtkasten. Das Schulhaus hat die Gemeinde 1820 erbaut; an der Schule arbeiten zwei Lehrer; eine Kleinkinderschule ist bald nach ihrer Errichtung wieder eingegangen; geringen | Fortgang hat auch die 1834 errichtete Industrieschule. Das Rathhaus, ein sehr alterthümliches Gebäude, trägt die Jahrzahl 1594.[4] Gutes Quellwasser ist zur Genüge vorhanden; eine Teichelleitung führt in einer Länge von einer kleinen halben Stunde zwei reichliche Quellen aus den Altgrötzinger Wiesen den städtischen Brunnen zu.[5] Über die Aich gelangt man auf der Südseite des Orts mittelst einer aus Quadern erbauten Brücke mit drei Bogen. Noch ist im sogenannten Nonnengäßchen ein altes, jetzt baufälliges Bauernhaus zu bemerken, in welchem sich eine Beguinen-Clause befand, die ums Jahr 1582 zum Kirchenkasten eingezogen wurde (Besold Virgg. SS. Mon. p. 540).

Außerhalb des Städtchens, an dessen südwestlicher Ecke, liegt ein niedriger, von der Aich umflossener Hügel, welcher die nun gänzlich verschwundene Burg der alten Besitzer von Grötzingen trug. Die Wiesen daselbst führen noch den Namen „hinter der Burg.“ Den Namen eines ebenfalls vom Boden wie aus der Geschichte verschwundenen Ortes Alt-Grötzingen bewahrt das obere und untere Alt-Grötzinger Thal, das sich nordöstlich gegen Wolfschlugen hinaufzieht. Die oben nachgewiesene Römerstraße führt auf dem Rücken des Galgenberges zwischen der diesseitigen und der Neckarthailfinger Markung hindurch und ist noch in einer Breite von 18–20′ vermarkt.

Eigenthümlich sind in dem Aichthal unterhalb Grötzingen im sogenannten Föllbach (Klingenbach) und am ganzen linken Hang hin unter der Höhe von Hardt, wo das Aichthal einen einsamen, stillen Charakter trägt, die durch einander geworfenen Felsblöcke. Aus solchen besteht auch die sogenannte Ulrichshöhle (s. Hardt). Es ist der harte Silbersand- oder Fleins-Stein. Die Einwohner schreiben die Entstehung dieser Verwüstung einem sehr großen Gewässer zu, von welchem noch die Volkssage lebt. Die Mulde auf der Höhe gegen Wolfschlugen, von welcher der Föllbach herabkommt, war ehemals mit einem See angefüllt, woher die dortigen Äcker noch den Namen Seeäcker tragen.

Die früheste, in gleichzeitiger Aufzeichnung erhaltene Nennung des Orts erscheint in einer Urkunde Kaiser Heinrichs IV. für Kloster Hirschau vom 9ten Oktober 1057, wo Güter bei Gretzingun als uralter Bestandtheil des Hirschauer Klosterwidems aufgeführt werden. Der Adel dieses Orts kommt vor um 1110, | nämlich Vdalricus filius Ruperti de Gretzingen juxta Dageluingen; dieser Ulrich beschenkte Kloster Hirschau mit Gütern in der Pfalz. (Cod. Hirsaug. 52. ed. Stuttg.) Walther von Grötzingen ist im Jahr 1181, Mai 18, in Eßlingen Zeuge in Kaiser Friedrichs I. Urkunde für Kloster Denkendorf und erscheint auch im Jahr 1191 in einer Kloster-Bebenhauser Urkunde. Heinricus nobilis de Grezingen kommt vor im Jahr 1270, Febr. 2, in einer Urkunde Heinrichs von Neuffen für Kloster Lorch.

Von den Herrn von Grötzingen kam der Ort an die von Bernhausen, vermuthlich durch Heirath; die nähern Umstände bleiben unbekannt; Guta von Grötzingen heißt die Wittwe Diepolds von Bernhausen in einer Eßlinger Spital-Urkunde von 1342 Mai 17 (worin sie dem Spital einen Weinberg in Mettingen vergabt); indeß hatte schon ein älterer Diepold von Bernhausen, wahrscheinlich des Vorigen Vater, eine Beziehung zu Grötzingen, indem er in der hiesigen Kirche im Jahr 1286 beerdigt wurde (s. oben). Der jüngere Diepold verkaufte 1337, Dec. 3, mit seinen Söhnen Werner, Diepold, Walther, Wolf, Diepold, Eberhard, Marquard und Konrad Burg und Stadt Grötzingen mit allem Zugehör und dem mehreren Theil des Kirchensatzes an Graf Ulrich von Württemberg für 5000 Pfund (Arch. Urk.); ein früherer Verkauf von 1335, wonach die Hälfte der Burg und Stadt sammt Zugehör für 2250 Pfund an den Grafen Rudolph von Hohenberg übergeben sollte (Orig. in Stuttgart), wurde rückgängig (Sattler, Topogr. 165). Rechte an dem Kirchensatz kaufte Württemberg noch im Jahr 1342, Febr. der Familie Bernhausen ab.

Der Kirchensatz ging zwar im Jahr 1445 durch Kauf an den Kirchheimer Spital über (Cleß C. 666), doch behielt Württemberg die Leihung der Kirche (Steinhofer 2, 876).

Güter und Gefällrechte hatten hier die Klöster Hirschau (1075 unter den an Kloster Hirschau zurückgegebenen Besitzungen erwähnt, 1341, 1387, 1401, 1453) und Denkendorf (Schmidlin, Beitr. 2, 70, Cleß C. 130), besonders auch der Spital in Eßlingen (laut dessen Lagerbuch von 1304); letzterer besaß allda ein ansehnliches Hofgut und wurde im Jahr 1397, Febr. 15, von Herzog Leopold von Österreich mit 11/2 Laienzehnten in Alt-Grötzingen belehnt (den andern Halbtheil empfingen von Kaiser Maximilian I. zu Lehen 1514, Nov. 13, Bernhard Majer und seine Brüder. Eßlinger Arch. Urk.).[6]

| Das Wappen von Grötzingen ist wie das der Herrn von Bernhausen [7], drei grüne Querbalken in goldenem Felde, nur mit dem Unterschied, daß auf dem Stadtwappen das goldene Schildeshaupt mit dem württembergischen Hirschhorn und zwar einem vierendigen belegt ist.

Fußnoten:

  1. Diese hatte ihre hiesigen Rechte als Erbin des Stiftes Sindelfingen, an welches sie unter Probst Heinrich Degen († 1457) gekommen waren. Sattler Topogr. 328.
  2. Wirklich sollen sich die Grötzinger in ältern Zeiten auf das wehrhafte Aussehen ihres Städtchens nicht wenig zu Gut gethan haben. Noch ergötzt man sich an der Sage, daß als i. J. 1546 ein kaiserliches Streifcorps sich dem Orte näherte, die Bürger in Ermanglung von etwas Besserem auf den Einfall kamen, hölzerne Brunnenteichel auf ihre Stadtmauer zu schaffen und deren Mündungen drohend zu den Schießscharten herausschauen zu lassen, worauf die Kaiserlichen eilig das Weite gesucht haben. So erzählen Crusius, Zeiler, Rebstock; anders aber Fischlin Mem. theolog. 1, 70: non his tubulis, sed Bindero pastori conservationem suam debuerunt 1546 Grezingenses, qui capitaneis Hispanorum obviam processit... cujus sermonibus permoti discesserunt.
  3. Noch vor der Reformation bestanden drei Caplaneipfründen, die Frühmeß-, heilig Creuz- und Sanct Catharina-Pfründe, welche Württemberg zu vergeben hatte.
  4. Das Schulhaus und das Rathhaus brannten am 31. August 1845 ab. Mit dem Wiederaufbau wurde im Frühling 1846 begonnen.
  5. In alten Zeiten hatte Grötzingen eine Badstube, welche einen Zins an das Kloster Denkendorf entrichtete.
  6. Eine etwa 400 Jahre alte Kundschaft von dem damaligen Pfarrer Bader zu Grötzingen, sagt: daß G. ursprünglich ein Weiler gewesen, der in die Kirche zu Thailfingen gehört habe, und habe Altgrötzingen geheißen. Die Alten sagen, die Einwohner seyen wohlhabend gewesen und auf Zeltern an Sonntagen und heiligen Tagen in die Pfarrkirche gen Thailfingen geritten. „Als das Städtlein ward angefangen, ritt ein Edelmann auf und ab, dick und viel, bis er das Fundament gesetzt, und war der Zweifel groß, ob er das Städtlein wollt setzen gen Ech (Aich), und beschah das nicht, denn die Landstraß gieng dazumal neben Grötzingen hin, nicht fern, als viele Leute noch wissen.“ Nun sey eine Capelle im Städtchen erbaut worden von denen von Bernhausen; das Städtchen sey aber noch nach Thailfingen eingepfarrt gewesen und erst später eine Pfarrei da errichtet worden. Gabelkofer’sche Notizen behaupten das Gegentheil, daß nämlich Grötzingen die Mutter von Thailfingen sey. Vielleicht haben, wenn zwischen Alt- und Neu-Grötzingen unterschieden wurde, beide Theile Recht. Wirklich findet sich auch 1301 eine Caplanei S. Michaelis in Grötzingen. Im Jahr 1344 nennt sich ein Eberhard von Bernhausen den Kirchherrn von Thailfingen und von Grötzingen. - Grötzingen bildete 1442, 1465 und noch 1483 ein eigenes Amt (Sattler II. Forts. 149, III. 47, 198), das schon 1498 ein selbstständiges Landstandsrecht ausübte. – Im Jahr 1388 wurde das Städtchen von den Eßlingern belagert und hart mitgenommen und 1393 von den Gmündern beschädigt. Im Jahr 1609 grassirte die Pest. Am 31. August 1845 brannten 12 Gebäude ab.
  7. Vergl. hierüber die Beschreibung des Amts-Oberamts Stuttgart.
« Kapitel B 10 Beschreibung des Oberamts Nürtingen Kapitel B 12 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).