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Beschreibung des Oberamts Münsingen/Kapitel A 4

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« Kapitel A 3 Beschreibung des Oberamts Münsingen Kapitel A 5 »
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IV. Einwohner.


1. Bevölkerung.
a. Stand der Bevölkerung.

Am 1. Nov. 1822 zählte das Oberamt 18.158 Einwohner; am 1. Nov. 1823 18.316.

Es kommen also nach der ersten Zahl 1816 Menschen auf 1 Q.-Meile, und das Oberamt gehört somit in Vergleichung mit vielen andern Ländern immer noch unter die bevölkertern Gegenden, in Vergleichung mit andern Würtembergischen Oberämtern aber ist es das am wenigsten bevölkerte.

| Von der angegebenen Einwohnerzahl waren im Jahr 1822 abwesend, 1121, dagegen Fremde anwesend, 1095, so daß also das Oberamt nur 26 Menschen weniger, als ihm angehören, ernährte.

Das Geschlechts-Verhältniß ist, nach den Tabellen, folgendes:

männlich – : 8763, weiblich 9394. Also mehr weiblich als männlich 632.

Überwiegend ist das männliche Geschlecht in den Orten Buttenhausen, Pfronstetten, Kohlstetten, Münsdorf, hauptsächlich aber in Justingen und Ingstetten, jenes hat 378 m. und 251 w., dieses 224 m. und 198 w. Einw.

Das Religions-Verhältniß:
Christen a) Protestanten 9812.
b) Katholiken 8153.
Juden (sämmtlich in Buttenhausen) 193.
Das Standes-Verhältniß:
Adeliche – 11, Bürgerliche 18.147.
Gewerbs- und Nahrungs-Verhältniß:
Bauern, 858.
Taglöhner, 521.
Ohne Gewerbe, 98.
Bedienstete: a) in Commundiensten 434.
b) in Gutsherrschaftlichen, 19.
c) in Staatsdiensten 175.
d) in Militärdiensten 242.
Im Almosen stehend, 392.

Es findet übrigens bey diesen Verhältnissen dieselbe Bemerkung statt, die wir bey Reutlingen S. 41 gemacht haben.

Die Zahl der Ehen war – 3195, wonach auf 1 Ehe 52/3 Menschen kommen. [1]

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b. Gang der Bevölkerung.

Am 1. Nov. 1812 betrug die Bevölkerung des Oberamts 17.246 Menschen, sie hat also in 10 Jahren um 912 oder jährlich um 1/2 Proc. zugenommen. Verhältnißmäßig ist dieselbe in den 10 Jahren am stärksten gestiegen in Justingen (um 20 Proc.), in Dottingen und Steingebronn (um 15 Proc.), in Hütten, Ingstetten und Oberstetten (um 14 Proc.) in Böttingen (um 13 Proc.). Abgenommen hat sie zu Bach um 32 E., zu Bremelau um 29, und absteigend zu Gundelfingen, Hochberg, Erbstetten, Ober- und Unterwilzingen, jedoch nicht sowohl durch Sterblichkeit als durch Wegzug und vielleicht auch frühere unrichtige Zählung.

Geboren wurden in dem Jahrzehend von 1812/22 im Durchschnitt jährlich 803, und zwar männlich 421, weiblich 382. Das Verhältniß der Geburten zu der Bevölkerung ist also 1 : 22.

Die meisten Kinder werden verhältnißmäßig zu Erbstetten, Enabeuren, Dottingen, Gundelfingen, Justingen und Tapfen, die wenigsten zu Gossenzugen, Hochberg, Hütten, Apfelstetten und Buttenhausen geboren.

Unter den Gebornen befinden sich im Durchschnitt jährlich 81 uneheliche, und zwar in den 3 Jahren

1813 bis 1815 incl.  73.
1820 – 1822 98.

Es ist also nach dem 10jährigen Durchschnitt das Verhältniß wie 1 : 99/10, und zwar in dem ersten Zeitraum = 1 : 106/11, in dem letzteren Zeitraum = 1 : 83/7.

Die meisten unehlich Gebornen haben verhältnißmäßig Dürrenstetten, Indelhausen und Hochberg, wo je unter 3 – 4 Kindern, ferner Apfelstetten, Böttingen und Sunderbuch, wo je unter 5 – 6 Kindern 1 uneheliches ist. Die wenigsten haben Justingen, Laichingen, Pfronstetten, Hundersingen, wo nur unter 18 bis 24 Gebornen 1 unehliches Kind ist, ferner Oberwilzingen, wo in 10 Jahren gar keine uneheliche Geburt vorkam. Unter den Gebornen waren im Durchschnitt| jährlich 31 Todtgeborne, also unter 26 eines. Die meisten Todtgebornen haben Münsingen, Auingen, Steingebronn, Böttingen, wo unter 12 – 14 Kindern 1 Todtgebornes ist; die wenigsten haben Hayingen, wo das 159ste, Justingen, wo das 108te Kind ein Todtgebornes ist, ferner Ingstetten, Ehestetten, Aichelau, wo unter sämmtlichen Gebornen überhaupt in 10 Jahren nur einmal der Fall einer todten Geburt, endlich Gundershofen, wo bey 102, und Hütten, wo bey 98 Geburten der Fall gar nicht vorkam.

Gestorben sind im Durchschnitt jährlich 703 Menschen und zwar männlich 369. – weiblich 334. Also mehr geboren gerade 100 und zwar

männlich   52.
weiblich   48.

Das Verhältniß der Gestorbenen zu den Lebenden ist demnach = 1 : 251/8; eine Sterblichkeit, die man selbst in den meisten Städten nicht findet; am größten zeigt sich die Sterblichkeit in Bremelau, Sunderbuch, Erbstetten, Tigerfeld, Bach, Tapfen, Gauingen, wo, was außerordentlich ist, unter 17 bis 19, am geringsten in Buttenhausen, Hütten, Bernloch, Meidelstetten, Gomadingen, wo unter 54 bis 36 Menschen 1 stirbt.

Von der Zahl der Gestorbenen waren, einschließlich der Todtgeborenen, unter 1 Jahr alt 346, es starben also im ersten Lebensjahre wieder von 100 Kindern 43. In Unterwilzingen, Hochberg, Tigerfeld, Gundelfingen, Tapfen, Bremelau, Bichishausen, Bach, Erbstetten, Hayingen und Sunderbuch starben durchaus mehr als die Hälfte Kinder wieder im ersten Lebensjahre, in Unterwilzingen von 100 sogar wieder 61; dagegen sterben in Buttenhausen von 100 nur 16, in Hütten 18, in Ödenwaldstetten 26, in Auingen 28.

Von den Gestorbenen erreichten ein Alter von mehr als 60 Jahren 135, es kommen also auf 100 Gestorbene stark 19 von mehr als 60 Jahren; im ganzen Königreich kommen stark 21 auf 100.

| Ehen wurden im Durchschnitt jährlich geschlossen 130, und zwar in den 3 Jahren
1813 bis 1825 je  138.
1820 – 1822  128.

die Zahl der neugeschlossenen Ehen hat sich also in dem letzten Zeitraum vermindert.

Aufgelöst wurden jährlich  122.
und zwar:

durch den Tod  121.
durch Ehescheidung  1.


2. Eigenschaften der Einwohner.

a) Die körperlichen Eigenschaften betreffend, sind die Einwohner in der Regel von mittlerer Größe, etwas mager, von mehr blassem als blühendem Aussehen, und minder kräftig und muskulös, als die an strengeres Arbeiten gewöhnten Weinländer, übrigens aber gesund. Die Sterblichkeit ist zwar auffallend groß, und nur in zwey einzigen Oberämtern des Königreichs, Ulm und Blaubeuren, ist sie noch größer[2], aber sie ist es hauptsächlich in den ersten Lebensjahren. Ansteckende Krankheiten sind höchst selten, und es gibt deßwegen im Verhältniß zu der Einwohnerzahl doch mehr alte Leute, als in der Regel anderwärts.[3] Der vorherrschende Krankheits-Charakter ist rhevmatischer und entzündlicher Natur, im höheren Alter kommen viele Wassersuchten vor, besonders bey dem männlichen Geschlechte, und nach den Beobachtungen des Herrn Oberamts-Arzts Dr. Perennon bey Leuten, die viel Branntwein trinken, was übrigens Bedürfniß des Klima ist. Seit einigen Jahren wird häufig der Gebärmutterkrebs bemerkt.

| b) Leben und Sitten. Die Lebensweise ist durchaus höchst einfach, gemäß den ökonomischen Verhältnissen; Kartoffeln, Milch und Mehlspeisen, besonders Haberbrey sind die gewöhnliche Nahrung; Fleich, Wein, selbst Bier wird nur selten genossen, mehr noch Branntwein. Die Kleidung besteht bey den Mannsleuten in der Regel Werktags in einem weißen oder schwarzen Zwilchkittel, Sonntags in einem blauen, auch braunen grobtüchenen Rock, mit glatten metallenen Knöpfen, rothem Kamisol, schwarzem Halsflor, schwarz oder gelbledernen Hosen, schwarzen, bey den Katholiken gemeiniglich blauen, wollenen Strümpfen, Schuhen mit Schnallen und einem dreyeckigen, schwarzem Filzhut. Die Weibsleute sind in der Regel schwarz gekleidet, größtentheils von selbst erzeugtem Stoffe, Leinwand oder Wollenzeug.

Auch die Sitten der Einwohner sind sehr einfach, wenn gleich die Sittlichkeit nicht überall gleich gerühmt wird. Nach den verschiedenen Bezirken, Religionen und vormaligen Herrschaften sind übrigens auch Kleidung, Sitten und Sprache verschieden. Das Hardt bildet, wie schon bemerkt worden, eine natürliche Gränzscheide in dem Oberamt, und nach dieser Scheide trifft man auch eine unverkennbare Verschiedenheit unter den Einwohnern an. Von Laichingen bis Magolsheim herüber herrscht noch die alte Alptracht: schwarze Barchentröcke mit rothem Unterfutter, rothe, in die schwarzen kurzen Lederhosen eingeschlossene Westen, mit schwarzem Hosenträger über die Westen. Anders ist die Kleidung wieder in Farbe und Schnitt auf der Zwiefalter Alp, wo, wie überhaupt bey den Katholiken, besonders bey den Weibsleuten, mehr helle Farben gefunden werden. Die Verschiedenheit der Bewohner der Alp dieß- und jenseits des Hardts drückt sich auch in der Sprache aus, jenseits bilden sie nach Schweizerart die Worte mehr in der Kehle als im Munde; aus dieser Ursache, und da die Leute auch in der Tracht an die Schweizertracht erinnern, hat die Meinung, daß sie von eingewanderten Schweizern abstammen, um so mehr für sich, als nach dem dreyßigjährigen Kriege wirklich solche Einwanderungen statt gefunden haben.| Indeß beweisen doch die gleichen Familiennamen vor und nach jenem verheerenden Kriege, daß der Hauptstamm noch der alte ist, und man möchte eher glauben, daß das Hardt und der von da gegen das Schmichenthal hinziehende Hochrücken, zweyen ehemaligen Gauen oder Zenten zur Scheidewand gedient habe, was auch durch die oben mitgetheilten Nachrichten von den alten Gauen und Marken, so wie dadurch bestätigt wird, daß weder zu dem alten Amtsbezirk noch zu dem alten Münsinger Rural-Capitel ein Ort jenseits des Hardts gehört hat.

c) Der Charakter ist nichts weniger als roh, vielmehr sanft, gefällig und zutraulich. Die Leute sind sehr dienstfertig und mit sehr mäßiger oft geringer Belohnung für Dienstleistungen zufrieden. Ihre gewöhnlichen Arbeiten verrichten sie ausdauernd und pünktlich, aber sehr große und spekulative Betriebsamkeit darf man in der Regel noch nicht unter ihnen suchen, auch nicht das anstrengende Arbeiten des Unterländers. Eine eigene Erscheinung ist der Pietismus, welcher in dem protestantischen Theile des Oberamts vorherrschend ist. Es gibt beynahe keine Gemeinde, wo nicht eine oder zwey Privatversammlungen statt fänden; in Münsingen selbst gibt es ihrer sogar 4. Der ernste, düstre Charakter der äußern Natur, und die vielen Entbehrungen, Nöthen und Übel, welche dieser Himmelsstrich mit sich bringt, scheinen das Gemüth mehr zum Übersinnlichen, zu religiösen Tröstungen hinzuziehen. Streit- und Prozeßsucht erscheint nur Ausnahmsweise, und überall zeigt sich eine Geneigtheit des Volks zu friedlichen, gütlichen Auseinandersetzungen gestörter Rechts-Verhältnisse. Ehescheidungen sind auffallend selten; die meisten Criminal-Prozesse betreffen minder große Vergehen und Confinirte, an denen dieser Bezirk aus Gründen früherer Gebiets-Verhältnisse einen sehr lästigen Reichthum besitzt.



  1. Man vergleiche mit diesen und den folgenden Verhältnissen das Verhältniß zum Ganzen des Königreichs, in dem Aufsatz über den Gang der Bevölkerung im Königreiche Würt. Jahrb. 1824 is H. S. 115 etc.
  2. S. Würt. Jahrbücher 1824. 1. H. S. 138.
  3. Es kommen auf 1000 männliche Einwohner Männer von 60 und mehr Jahren – im Oberamte 93, in Würtemberg 80, und auf 100 Einwohner überhaupt kommen Männer von 60 Jahren und drüber: im Oberamt 45, in Würtemberg 32.
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