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Beschreibung des Oberamts Hall/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


1. Bevölkerung.
A. Stand der Bevölkerung.

a. Anzahl. Bei der jüngsten Aufnahme, auf den 15. Dec. 1845, fanden sich in dem Bezirk 25.690 Ortsangehörige, und zwar 12.712 männliche und 12.978 weibliche.

Nach frühern Zählungen betrug die Zahl der Angehörigen:

1812 (1. Nov.) 21.519
1822 0„     „ 22.318
1832 0„     „ 23.308
1842 (15. Dec.) 25.205
1843 00„     „ 25.256

Von der ortsangehörigen Bevölkerung des Jahres 1822 waren abwesend 1242; dagegen Fremde anwesend 2371; die ortsanwesende Bevölkerung war also in dem gedachten Jahr 23.447. Am 15. December 1837 belief sich dieselbe auf 25.024 und 1843 auf 25.947.

Auf eine geogr. Quadratmeile kommen nach dem Stand v. J. 1845 4143 Angehörige; die Dichtigkeit der Bevölkerung ist demnach um 691 oder 14 Procent geringer, als die mittlere des Landes (4834 auf eine Quadratmeile).

b. Geschlechtsverhältniß. Der Mehrbetrag der weiblichen gegen die männliche Bevölkerung war am 15. Dec. 1845 266 oder auf 1000 männliche kommen 1021 weibliche. Das Übergewicht der weiblichen über die männliche Bevölkerung hatte 1812 373; 1822 440; 1832 552; 1842 383; 1843 406 betragen.

c. Altersstufen. Von der Bevölkerung des Oberamts im Jahr 1832 standen in einem Alter|
                auf 10.000 Einw.
 
  männl. weibl. männl. weibl.
bis zum vollendeten 6. Jahr 1416 1459 1245 1223
vom 6. bis zum 14. Jahre 1782 1864 1566 1562
14. 020. 1146 1283 1007 1075
20. 025. 991 1022 871 857
25. 040. 2560 2577 2250 2160
40. 060. 2464 2636 2166 2210
60. 070. 700 769 615 645
70. 080. 271 266 238 223
80. 090. 48 50 42 42
90. 100. 4 4
  11.378 11.930 10.000 10.000
 
  23.308.

Bei der Zählung des Jahrs 1822 kamen

auf 10.000 Männer:       auf 10.000 Weiber:
unter 14 Jahren 2733 unter 14 Jahren 2830
von 14—18     „ 810 über 14      „ 7170
0018—25     „ 1146 10.000
0025—40     „ 2207
0040—60     „ 2181
0 0über 60     „ 923
10.000

Hieraus ergibt sich, daß die Altersklassen:

1822 1832
unter 14 Jahren   27,8 Proc. 28,0 Proc.
über 014     „ 72,2     „ 72,0     „

der Bevölkerung betrugen.

d. Familienstand der Angehörigen am 1. Nov. 1832:

Verehelichte   8132 oder 4066 Ehen
Wittwer 448
}Wittwen 979
Geschiedene 29
Unverehelichte 13.720
23.308

Es kommen daher auf eine Ehe 5,7, auf eine Familie 4,2 Personen. Beide Verhältnisse stehen also unter dem Landesdurchschnitt (6,8 und 4,7). Nach den Aufnahmen für den Zollverein betrug die Familienzahl am 15. Dec. 1837 5005; 1840 5297; 1843 5494.

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e. Kirchliches Verhältniß  im Jahr
1832
Christen:
α. evangelisch-lutherische 20.673 21.634
α. evanelisch-reformirte
ß. römisch-katholische 1543 1563
γ. andere christl. Religions-Parteien
Juden 102 111
22.318 23.308


f. Standesverhältniß im Jahr 1822. (Spätere Aufnahmen berücksichtigen diese Classifikation nicht mehr.)

Adeliche   11
Bürgerliche 22.307
22.318

g. Gewerbs- und Nahrungs-Verhältnisse im Jahr 1822 (wie oben bei f.):

Bauern und Weingärtner   1596
Taglöhner 753
Gewerbsleute 1627
in öffentlichen Diensten 856 [1]
Renteniere (Pensionäre) 567
in Almosen stehende 957
B. Gang der Bevölkerung.
(Nach 10jährigen Durchschnitten von 1812/22 und von 1832/42)
a. Geburten. Es wurden jährlich geboren
1812/22 1832/42
 männliche 354,8 459,1
 weibliche 338,9 435,4
zusammen 693,7 894,5
darunter uneheliche 81,3 124,7
| Todt kamen zur Welt von 1812/22
im Durchschnitt jährlich, männl. 205
weibl. 128
333

b. Sterbfälle. Es starben jährlich:

1812/22 1832/42
 männliche 353,0 405,9
  weibliche 328,9 389,6
zusammen 681,9 795,5

c. Wanderungen.

Eingewandert sind jährlich:
1812/22 1832/42
männl. weibl. männl. weibl.
aus fremden Staaten 2,5 1,5 4,2 5,1
aus andern Orten des Inlandes 146,6 166,3 256,2 285,6
149,1 167,8 260,4 290,7
Ausgewandert sind jährlich:
in fremde Staaten 1,9 1,9 4,9 4,4
in andere Orte des Inlandes 124,8 153,1 209,0 247,8
126,7 155,0 213,9 252,2
also mehr eingewandert 22,4 12,8 46,6 38,5

d. Veränderungen im Stande der Ehen.

Neue Ehen wurden im Durchschnitt der Jahre von 1812/22 jährl. geschlossen 161,2
und aufgelöst, durch Tod 168,0
und aufgelöst, durch Scheidung 1,8

e. Wachsthum und Verhältnisse der Bevölkerung. Die Bevölkerung hat in dem Zeitraum von 1812/22 um 799, nämlich: 366 männliche, 433 weibliche Personen (0,37 Proc. jährl.); von 1832/42 um 1841, nämlich: 998 männliche, 843 weibliche Personen (0,79 Proc. jährl.) zugenommen. Der natürliche Zuwachs durch Geburten über Abzug der Sterbfälle belief sich im ersten Zeitraum auf 118, im zweiten auf 990.

Das Verhältnis der Geborenen zur Bevölkerung ist für die Periode von 1812/22 wie 1:31,2; oder auf 10.000 Einwohner kommen 320,7 Geburten; von 1832/42 wie 1:27,0 oder auf 10.000 Einw. kommen 369,4 Geburten. In beiden Jahrzehnden war demnach die Fruchtbarkeit hier weit geringer, als sie sich für das ganze Land (1:26,4 und 1:23,1) ergibt.

Unter 100 Geburten waren von 1812/22 11,7 von 1832/42 13,9 | uneheliche (oder die ehelichen verhalten sich zu den unehelichen wie 1:7,5 und wie 1:6,2). In beiden Zeiträumen zeigen sich diese Verhältnisse hier ungünstiger, als die vom ganzen Lande (1:8,1 und 1:7,7).

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Geborene von 1812/22 1047 und von 1832/42 1054 männliche Geborene.

Sterbfälle kommen auf 10.000 Einwohner von 1812/22 314,8 (1 auf 32 Lebende), von 1832/42 328,9 (1 auf 30,4 Lebende). Diese Verhältnisse stellen sich besser, als die gleichzeitigen vom ganzen Lande (1:31,46 und 1:28,8).

Mit Rücksicht auf die Altersstufen starben nach dem Durchschnitt von 1812/22:

von 10.000 Geb. männl. Geschl. von 10.000 Geb. weibl. Geschl.
vor der Geburt 581 0389
bis zum 1. Jahre 3096 2761
vom01.– 7.     „ 1028 1101
0007.–14.     „ 394 0304
0014.–25.     „ 397 0337
0025.–45.     „ 955 0997
0045.–60.     „ 1161 1198
0060. u. darüber 2388 2913
10.000 10.000

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Gestorbene von 1812/22 1073, von 1832/42 1042 männliche Gestorbene.

Auf 1000 Sterbfälle kommen von 1812/22 1017, von 1832/42 1124,4 Geburten; und nach den Geschlechtern: auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts von 1812/22 1005, von 1832/42 1131 Geborene desselben Geschlechtes, und auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts von 1812/22 1030, von 1832/42 1118 Geborene gleichen Geschlechts.

Unter 1000 Personen des natürlichen Zuwachses sind 1812/22 männliche 152,6, weibliche 847,4; von 1832/42 männl. 537, weibl. 463; unter 1000 Personen des Zuwachses durch Wanderung von 1812/22 männl. 636, weibl. 364; von 1832/42 männl. 548, weibl. 452; unter 1000 Personen des gesammten Zuwachses befinden sich von 1812/22 männl. 515, weibl. 485; von 1832/42 männl. 542, weibl. 458.

Unter den einzelnen Gemeinden des Oberamts zeichnen sich durch bemerkenswerthe Verhältnisse aus, und zwar durch geringere Sterblichkeit nach dem Durchschnitt der 10 Jahre von 1832/42: Orlach, auf 1000 Angehörige 21,5 Sterbfälle; Eltershofen | 26,0; Sulzdorf 26,7; Attenhofen 27,3; Groß-Altdorf 27,5. Durch größere Sterblichkeit: Sanzenbach auf 1000 Einwohner 39,5 Sterbfälle; Vellberg 38,5; Hall 37,5 (s. auch unten bei Hall); Gelbingen 36,9; Unter-Asbach 36,6. Die meisten alten Leute (über 70 Jahre zählende) lebten in dem Jahre 1832 in den Gemeinden: Bibersfeld, auf 1000 Einwohner 40; Wolpertshausen 38; Uttenhofen 36; Hall 36; Vellberg 34. Die wenigsten waren vorhanden: zu Hessenthal, auf 1000 Einwohner 10; Michelfeld 11; Westheim 14; Eltershofen 16; Weckrieden 18.

Die meisten Geburten kamen von 1832/42 vor, in den Gemeinden: Westheim, auf 1000 Seelen 49,1; zu Gelbingen 45,8; zu Sanzenbach 43,5; zu Michelfeld 43,3; Unter-Asbach 42,5; Bubenorbis 41,9; die wenigsten Geburten zählten: Steinbach, auf 1000 Seelen 23,5; Orlach 23,9; Groß-Altdorf 29,7; Geislingen 31,8; Sulzdorf und Thalheim 33,5.

Die meisten unehelichen Geburten hatten die Gemeinden: Thalheim, unter 100 Geburten 28,4; Vellberg 25,1; Rieden 20,0; Unter-Münkheim 19,2; Bibersfeld 18,9; die wenigsten kamen vor: zu Gelbingen, unter 100 Geburten 7,7; Uttenhofen 8,0; Enslingen 8,4; Orlach 9,0; Übrigshausen 9,8.


2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.

Die Bewohner des Oberamts gehören durchschnittlich dem fränkischen Stamm an und zeichnen sich durch größere Beweglichkeit und Redseligkeit vor den Schwaben aus. Jene sind milder, lenksamer und höflicher als diese; die Bäuerinnen machen Fronte und knixen; sie sind aber auch weniger genügsam und abgehärtet, und das sinnliche Princip ist vorherrschend. Gleichwohl ist ihre Thätigkeit und ihr Fleiß rühmenswerth. Sie sind regsamen, lebhaften Geistes, besitzen einen hellen Verstand, gesunde Urtheilskraft und im Handel und Wandel eine außerordentliche, beinahe „Verschmitzheit“ zu nennende Klugheit, beweisen rühmliche Wißbegierde und suchen nach innerer und äußerer Bildung mit dem bessern Zeitgeist fortzuschreiten.

In Bezug auf körperliche Beschaffenheit sind sie, nach Herrn Dr. Dürr, im Durchschnitt von mittlerer Größe, von untersetzter Statur und gesundem, ziemlich kräftigem und festem Körperbau;[2] sie haben eine blühende Gesichtsfarbe, markirte Gesichtszüge; | die Gesichtsformen des männlichen wie des weiblichen Geschlechts sind gefällig und mehr länglich als rund; jedoch mangelt der gegenwärtigen Generation die ältere dauerhafte Constitution der Groß- und Urgroß-Eltern, und die Conscriptionslisten der letzten 25 Jahre ergeben immer mehr Defektuosität unter den jugendlichen Bewohnern durch Verkrüpplung, Schwächlichkeit und Kropf, als in andern Oberämtern.[3]

Der Gesundheitszustand ist, so verschieden auch die Lage der einzelnen Orte, gut. In der Thalgegend ist der rheumatisch-katarrhalische Krankheitscharakter der vorherrschende, bedingt durch den raschen Temperaturwechsel in den Thalklüften und Schluchten im Frühlinge und Herbst, und durch Zugwinde; in den höher gelegenen Gegenden des Oberamts prädominirt der entzündlich-rheumatische Charakter. Diese Momente bedingen einerseits das Vorkommen der rheumatischen und katarrhalischen Brustaffekte, andererseits das Auftreten der Brust- und Lungen-Entzündungen, des hitzigen Gliederwehs, des Friesels, des Schleimfiebers.

Epidemische Krankheiten gehören im Oberamte zu den größten Seltenheiten, und sie kamen größtentheils nur durch äußere Veranlassungen vor.

Von der Anlage zu Endemien zeugen die Stadt und ihre Vorstädte, sodann besonders die Amtsorte: Gelbingen und Steinbach, Westheim und Bibersfeld, Sulzdorf und Eschenau, Unter-Sontheim und Gailenkirchen. An gedachten Orten sind die Scropheln und die englische Krankheit, sowie der Kropf einheimisch; sie dürfen als endemische, auf endemisch-schädlichen äußeren Einflüssen beruhende, Übel betrachtet werden. Die Scropheln scheinen sich durch Anerbung fortzupflanzen und fast Volksendemie genannt werden zu können. Kinder zwischen dem 2–15. Jahre ohne Scropheln oder ihre Ab- und Aus-Artungen sind hier eine Seltenheit; es gibt Familien von 6–8 Kindern, wo kein einziges von diesem Erbtheil frei ist; die Krankheit zieht sich noch bis in das späte alternde Leben hinauf.

| Damit zusammenhängend ist das so oft vorkommende hitzige Fieber der Kinder aus Convulsionen und Krampf, das deßwegen so häufig tödtlich wird, weil es irrigerweise für eine Folge des unschuldigen Zahnens oder als Wurmfieber angesehen und meist zu spät die ärztliche Hülfe dagegen angesprochen wird. Die erwähnten Orte sind es auch, wo die Cretinen[4] und die cretinen-artigen Geschöpfe zum Vorschein kommen. Auch der im Oberamte so häufig vorkommende Kropf hat seine organische Ursache nur in der Scrophelkrankheit, deren Anlage rein organisches Erbtheil ist. Diese scrophulöse Anlage bedingt auch die, bei uns ziemlich häufig vorkommende Schleim-, Hals- und Knoten-Lungensucht, sowie die Wassersucht in ihren verschiedenartigen Krankheitsformen, unter denen im späteren Leben die Scrophelkrankheit erscheint, und woraus jene sich als aus ihrer organischen Wurzel zu entwickeln scheinen.

1

Zu einigen selteneren chronischen Übeln für die einzelne Orte im Oberamtsbezirk, namentlich Orlach, Elzhausen, Wolpertshausen, Thüngenthal, Michelfeld und Bubenorbis Anlage haben, gehören mehrere Fälle von natürlichem Somnambulismus sowohl beim | weiblichen als männlichen Geschlecht nach eingetretener Pubertätszeit, und Fälle von dämonischer Krankheit, der Besessenen, Behexten der alten Zeit, im Alter zwischen 30 und 50 Jahren bei beiden Geschlechtern. (Namentlich „das Mädchen von Orlach“.) Sie bekunden sich entweder unter der Form von Krämpfen und Zuckungen theils in den Gliedern, theils im Unterleib und endlichem Erbrechen von Stecknadeln, Nägelstumpen, Haaren, Borsten, Hülsen von Haber, Stückchen von Stroh und Heu etc. oder durch das Gefühl einer schweren Last im Genick. Ein sicheres Beschwichtigungsmittel des heftigen Nervenaufruhrs finden die Kranken der letzteren Form insbesondere im Gebet des Vaterunsers. Bemerkung verdient, daß einige dieser Orte, namentlich Bubenorbis, Michelfeld, Thüngenthal in früheren Zeiten zu Wechselfiebern geneigt waren, die jetzt nicht mehr vorkommen.

Der sittliche Zustand ist besser geworden als früher. Fast allgemeiner Charakterzug ist Gutmüthigkeit, Gefälligkeit und Biederkeit. Kund gibt sich großer Hang zum Kirchengehen, aber auch nicht minder ein lebensfroher Sinn und eine große Neigung für Geselligkeit, für Lust und Vergnügen; jedoch sind die Besuche des Wirthshauses am Vormittage, wie auch an Feier-, Fest- und Sonn-Tagen im Abnehmen. Bei täglichen Klagen über Mangel an Erwerb und Geld, wie über große Concurrenz, nimmt der Luxus in Kleidung zu.

Die Lebensweise der Landbewohner ist durchschnittlich einfach, aber gut; Mehlspeisen aller Art, nebst etwas Fleisch, das meist von guter Beschaffenheit und wenigstens am Sonntag zu haben ist, aber auch in der Woche bisweilen aus der Stadt mitgebracht wird, bilden sammt gutem Brod die Hauptnahrung; bei den Ärmeren vertreten die Kartoffeln immer mehr die Stelle derselben. Gemüse werden nicht überall in gehöriger Menge angebaut, ebensowenig ist Obst genug vorhanden, um eine wichtige Rolle in der Reihe der Nahrungsmittel zu spielen. Als Getränke wird hauptsächlich Bier, bei den Wohlhabenderen Wein, der im Herbst eingethan wird, von der ärmeren Klasse ziemlich Getreide- und Kartoffel-Branntwein genossen. Obstmost wird nur ausnahmsweise bereitet. Die Wirthschaftsabgaben betragen in unserem Bezirke noch so viel, als in manchen andern Bezirken. Beträchtlich ist auch der Verbrauch von Kaffee, gewöhnlich mit Zusatz von Cichorien und gelben Rüben; zum Versüßen desselben wird häufig, um der Wohlfeilheit willen, holländischer Syrup genommen. Gegen Weihnachten wird bei den Bauern gewöhnlich ein Rind oder eine gemästete Göltkuh, hier „der Küchenknecht“ genannt, geschlachtet, worauf nach Lichtmeß ein fettes Schwein | folgt. Auch bei Käufen und Verkäufen, sey es zu Hause oder auf dem Markt, thut sich der Landmann gerne etwas zu Gute, wobei Suppe, Rindfleisch, Braten und Salat sammt einigen Schoppen guten Weins nicht fehlen dürfen.

Über die Mundart und Tracht hernach. Ein Majoratsrecht im strengen Sinne des Wortes besteht nicht; der Vater gibt das Gut ebensowohl einer Tochter, als einem Sohne ab, wenn auch am häufigsten dem ältesten Sohne. Die Eltern treten in das Ausding.

Wir lassen hier im Auszug eine lebendige Schilderung der Sitten und Gebräuche unseres Bezirkes aus der Feder des Herrn Pfarrers M. Cleß in Thüngenthal folgen, welcher wir, wenn sie auch auf allgemeine Beistimmung nicht zählen könnte, ihre charakteristische Würze doch nicht nehmen mochten.

„Im Oberamt Hall fließt der schwäbische und fränkische Volksstamm zusammen. Als Ausnahme hiervon dürfte der kleine, südwestlich gegen Mainhardt gelegene, und an die Oberämter Weinsberg und Backnang grenzende Theil des Oberamts angenommen werden, in welchem das schwäbische Blut, vielleicht auch nur schwäbische Nachbarschaft und Verkehr, oder die Gebirgsnatur merklich vorschlagen. Der schwäbisch-fränkische Doppelstamm scheint sich ziemlich unvermischt erhalten zu haben, wenigstens besteht eine gegenseitige Abneigung und Scheu des hallischen Bewohners einerseits gegen die südwestlich und südlich angrenzenden Altwürttemberger, andererseits gegen die nördlich und nordöstlich anstoßenden Hohenloher, vermöge dessen man sich, wunderbar genug, gegenseitig Falschheit und Betrüglichkeit im Handel Schuld gibt. Auch werden Wechselheirathen möglichst gemieden, und es wird nicht gerne gesehen, wenn sich Altwürttemberger im Häll’schen ankaufen. Beim Nationalhaller scheint diese Gesinnung auch durch einen gewissen historischen Stolz auf das Ansehen und den Wohlstand seiner ehemals gebietenden Reichsstadt getragen und genährt zu werden. An Hall kettet sich für den hall’schen Landmann alles Einladende, Freundliche und Genußreiche, und der Mund wässert ihm bei der Nennung dieses Namens. „Was ein rechter Bauer ist, muß jeden Samstag in Hall seyn,“ ist beinahe zum Sprüchwort geworden, und buchstäblich zu nehmen. Freilich ist auch Hall der Mittelpunkt seines Verkehrs, sein fast ausschließlicher Markt, der Absatz- und Stapel-Ort seiner Produkte, wogegen er seine Bedürfnisse an Leder, Salz, Eisen, Kaufmanns- und Conditorei-Waaren (zu Weihnachten und Ostern in großen Massen) aus Hall bezieht. Beides, den Absatz und den Bezug aus der Stadt, wissen die Haller wohl zu schätzen, daher der Bauersmann von ihnen überaus geehrt und | cajolirt wird. Freilich knüpft den hall’schen Bauern auch noch ein anderes, minder erfreuliches Band an die Stadt; die leidigen Gülten und Laudemialgefälle, die er theils an Privaten, theils an Corporationen (Stadtpflege, Hospital) in derselben zu entrichten hat; und doch, wer sollte es glauben? trotz dem, daß er den Rahm, das Fett, den Schweiß seines Angesichts hineintragen und führen muß, thut das seiner unbesieglichen Vorliebe für Hall keinen Eintrag. Es hat sich dadurch ein patriarchalisch-commerzielles Verhältniß von äußerster Traulichkeit zwischen den Bewohnern der Stadt und des Landes gebildet, welches um so mehr hervorgehoben zu werden verdient, als bekanntlich der Altwürttemberger das Kreuz macht, wenn er einmal Geschäfte halber zur Stadt muß, und sein Geld vierzigmal im Beutel umkehrt, bis er etwas Nothdürftiges verzehrt, und dann maulend über schlechte Geschäfte und schweren Verbrauch heimfährt, wogegen der hall’sche Bauer mit Frau und Töchterlein ein bis zwei Flaschen nicht zu verachtenden Weins, nebst Kraut und Fleisch mit einigen Würsten zu sich nimmt, ein Ansehnliches an Bier oben drauf setzt, und dann mit sinkender Sonne, oft noch etwas später, auch zum schlechtesten Markt ein höchst vergnügtes Gesicht machend, mit Beobachtung der gehörigen Stationen nach Hause kutschirt. Deßwegen bleibt ihm auch das übrige Württemberg so ziemlich terra incognita und er glaubt es kaum, daß in den übrigen Theilen des Landes auch noch Schönes, Nützliches, Lernens- und Sehens-Werthes zu finden sey; daher man zur Stunde noch die Unterscheidungsbenennung „Haller“ und „Württemberger“ gebraucht.

1

Soll überhaupt eine Charakterschilderung des hall’schen Völkleins gegeben werden, so ist hier zuerst zwischen dem Stadt- und Land-Bewohner zu unterscheiden. Jenen historischen Stolz und den Hang zum Wohlleben theilen sie redlich miteinander. Der Stadtbewohner aber kann es immer noch nicht vergessen, daß vor nicht allzulanger Zeit, d. h. so lange noch das Salzwerk Eigenthum der Stadt, oder vielmehr einer Anzahl Familien war, fremde Händler und hall’sche Bauern den Honig des Behagens in ihre Mitte trugen. Wenn ehemals eine Familie den Siedenstag hatte, d. h. wenn an sie, nachdem ihr zuvor je nach ihren Rechten ein oder mehrere Tage zur Alleinfabrikation des Salzes angewiesen gewesen waren, die Reihe des Alleinverkauf kam, welch ein Tag, welch ein Leben! Die Monopolisten und die Händler schwelgten in gebratenen Hühnern, Gänse- und Enten-Vierteln und sorgten aufs Umsichtigste dafür, daß diese schwimmfüßigen Thiere auch schwimmen durften. Und vollends das Siedersfest, das Kuchenholen! Was Wunder, daß diese goldene Zeit in wehmüthig frohem | Andenken steht, daß die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Egyptens noch in der jetzt lebenden Generation herrscht und wirkt, und sich von Mund zu Mund, von Herz zu Herz fortpflanzt? Was Wunder, daß leichte Arbeit, leichter Verdienst und gute Tage auch jetzt noch die Losung sind; daß guter Tauber-, Kocher- und Weinsberger-Wein, neben grandiosen Biermassen, die Sorge für den kommenden Tag, wie billig, ersticken; daß obige Thiergattungen in mundwässernder Verklärung vor den Augen eines Hallers stehen; daß auf St. Martinstag 5–600 Gänse, wohl auch mehr, zu Markte kommen, die alle an einem Tag in Hall verzehrt werden; daß 27 bis 30 Bierbrauereien, die ihr Produkt theils selbst ausschenken, theils an zahlreiche Schenkwirthe in der Stadt verkaufen, theils aufs Land versenden, ihr gutes Auskommen finden; daß früh Morgens Kundschafter ausgehen, die den Begegnenden auf den Gassen verkündigen, in welchen Bierhäusern heute der beste Stoff zu treffen sey!? Wußte das alte Hall seine Kinder mit solchem Reiz an sich zu fesseln, wer hätte auch den Zauber brechen und in die Fremde ziehen mögen? Eine besondere Liebhaberei hat der Haller für Gesang und Musik. Wenn nun gleich nicht gesagt werden kann, daß die Stadt die Höhen der Kunst erklommen hätte, so muß man wenigstens so viel zugeben, daß sie es an dießfallsigen Anstrengungen nicht fehlen läßt. Musik- und Sing-Vereine unter verschiedenen Namen und aus zahlreichen Mitgliedern bestehend, Musik- und Sing-Feste, Aufführung von Concerten, Oratorien, erhalten diesen schönen Geist stets rege, und tragen in Ausbildung und Veredlung des Geschmacks, wie auch in Läuterung und Verfeinerung der Sitten kostbare Früchte. Außerdem ist der Haller ein stets gutgelauntes, aufgewecktes, frohes, dabei höfliches, gefälliges, dienstfertiges, mehr oder weniger leichtsinniges Wesen, mit einem nicht unbedeutenden Zusatz von List und Verschlagenheit, und einem unwiderstehlichen Reiz zum Hohnnecken, oder, was man so sagt, die Leute blau anlaufen zu lassen. Zur Ausdauer in der Arbeit und in Ertragung von Widerwärtigkeiten ist er nicht gemacht, und die Zähigkeit und die Hartschlägigkeit des Altwürttembergers geht ihm völlig ab. Deßwegen nimmt ers auf die leichte Achsel und läßt im Übrigen den lieben Herrgott sorgen. Daß, das Vermögen einiger reichen Privaten ausgenommen, der Wohlstand in der Stadt nicht groß seyn kann, ergibt sich hieraus von selbst. Die Meisten begnügen sich mit einem Auskommen, das eben hinreicht, von einem Tag zum andern anständig und gerade so zu leben, daß der Druck der Sorgen abgewehrt wird.

1

Was dagegen den Landbewohner, den eigentlichen Bauern, im Gegensatz zu dem Halbbauern und Söldner, betrifft, so hat derselbe | Mittel, eine Lebensweise zu führen, die grell genug gegen die knappe, kümmerliche und sorgenvolle Existenz so mancher Einwohner unseres Landes absticht. Es ist aber dem hall’schen Bauern bei seiner bequemen Lebensweise nicht allein um sein Wohlbehagen, sondern hauptsächlich auch darum zu thun, sich sehen zu lassen. Dazu bietet sich ihm nun, außer dem famosen Samstagswochenmarkt in Hall, das Jahr über reichliche Gelegenheit dar. Zu Weihnachten die „rinderne“, nach Lichtmeß die „schweinene Metzelsuppe“, wobei das Gesinde bewirthet, Verwandte und auch wohl Nachbarn eingeladen werden. Auf die Fasten Küchlein, auf Ostern weiß Brod und Kuchen, was wieder dem Gesinde zu gut kommt. Nach eingeheimster Winterfrucht das „Niederfallen.“ Es wird hiebei ein Feldzug gegen Fleischmassen eröffnet, die den Zuschauer wahrhaft in Erstaunen setzen. Ein Biersee unterschwemmt das Ganze, und der Branntwein wird als Öl in seine Fluth gegossen. Nun kommt der Kirchweihsonntag, der in ähnlicher Weise, nur ernster zugebracht wird, weil der darauf folgende Montag dazu bestimmt ist, alle Geister der rohesten ungebundensten Lust zu entfesseln! Es wird in jedem Sinne geschwelgt, bis in den hellen lichten Tag hinein, und obwohl dieses mehr vom Gesinde und der ledigen Jugend gilt, so nehmen doch die Familienhäupter als Zuschauer und Mitverzehrer den innigsten Antheil an dieser Lustbarkeit. Ähnliches bieten die Jahrmärkte in Hall, vornehmlich der altberühmte Jakobimarkt dar. Hier wird der Tanzlust bis zur Übersättigung gefröhnt, die Liebenden bewirthen sich gegenseitig oft mit sehr bedeutendem Aufwand, und Schaaren ländlicher Schönen wogen die Stadt auf und ab, Fliegenwedel, das Geschenk ihrer Liebhaber und bedeutsame Symbol innigster Vertraulichkeit in den Händen schwenkend. Der Jakobimarkt ist einer der Lieblingstage der hall’schen Landleute, und genießt noch jetzt, wenn gleich seine Frequenz abgenommen zu haben scheint, eines bedeutenden Rufs und eines Zulaufes von Nah und Fern. Alt und Jung freut sich das ganze Jahr darauf, und es wird nicht nur der Ankauf vieler Bedürfnisse auf denselben verschoben, sondern auch eine große Kleiderpracht, besonders vom weiblichen Geschlechte, zur Schau getragen. Hier prangen die niedern Häubchen mit langen und breiten, über Schultern und Rücken hinabwallenden, schwarzseidenen Bändern, die über den Schläfen dicht am Ohr rückwärts gescheitelten, von zweideutigen Schmeidigungsmitteln glänzenden Haare, die man erst seit wenigen Jahren in Zöpfe zu flechten anfängt, während man sie früher nach der Männer Weise kurz geschnitten trug und diese Unzier mit der Haube bedeckte. Hier kommen in aller Glorie die Spenser mit bauschigen Ärmeln auf | den Schultern, die Arme entlang, und an den Handgelenken mit Perlmutterknöpfen besetzt, hier die goldenen Kreuze und Colliers, die vielen goldenen und silbernen Ringe mit falschen Steinen zum Vorschein, und Hunderte dieser artigen Gesichter und schmucken – nicht selten die Nachhülfe des Corsetts verrathenden – Gestalten strömen die Gassen auf und ab, zu und von den Tanzplätzen. Aus allen Wein- und Bier-Häusern schnarrts und fidelts, daß Einem die Ohren sausen, und der eigenthümliche hall’sche Gesang johlt ohrzerreißend in allen Ecken. Der hall’sche Landmann singt bis zur Leidenschaft gerne und es muß bei jeder frohen Veranlassung gesungen seyn, aber es wird in so furchtbarer Höhe und mit solcher Stärke gesungen, daß man jeden Augenblick glaubt, die Halsadern der Sänger müßten bersten oder ihr Schädel zerspringen. Da hiebei weder auf den Umfang noch auf die Stimmgattung der Mitsingenden Rücksicht genommen wird, so entsteht ein eigenthümlich krähender Chorus, der das Gehör auf eine wahre Marterprobe setzt. Da der hall’sche Bauer in diese Bravour seiner Kehle einen Stolz setzt, so ist es bis jetzt noch nicht gelungen, einen sanfteren und harmonischen Gesang einzuführen. Sonderbarer Weise singt man dagegen in den Kirchen gut, was man theils den Bemühungen der Lehrer und ihrem Einfluß auf die Jugend, theils dem Umstand zuzuschreiben hat, daß der hall’sche Bauer sein ganzes Wesen mäßigt, so wie er in den Hausstand eingetreten ist, wonach also in der Kirche durch die wohleingeübte Schuljugend und die sanftern Eltern der Gesang der Ledigen überwältigt und in den Strom des Wohllauts hineingezogen wird. – Die Hochzeiten ferner bieten eine ziemlich eigenthümliche Physiognomie dar. Brautführer und Bräutigamsführer sind nicht wie im Altwürttembergischen ledige Leute, Brüder und Schwestern, Kameraden und Kamerädinnen, sondern die beiderseitigen Eltern, Oheime, Muhmen oder Taufpaten, Vormünder, Pfleger u. dgl. Die Hochzeitknechte und Mägde bilden eine eigene Sippschaft, eine Art von Adjutantur des allgemeinen Vergnügens, welchem Beruf sie denn auch nach besten Kräften nachkommen. Den Tag vor der Hochzeit wird ein nach Lärm und Genuß von Getränken dem Hochzeitstag fast gleich kommender Einzug gehalten, wobei das Hausgeräthe des anziehenden Theils immer so sinnreich geordnet ist, daß die Wiege oben auf zu liegen kommt, und welches auf einem mit vier schönen, wohlgeschirrten Rossen bespannten Wagen, die bekränzte Brautkuh an einem rothen Bande hintendrein und zuletzt unter Pistolenschüssen das Brautpaar in einiger Distanz, um rasch fahren zu können, eingeführt wird. Am Hochzeitstage wird vor dem Gottesdienst die Frühsuppe, bestehend aus Nudeln oder Reis, mit Rindfleisch | und einigem Wein eingenommen, sodann mit voranschreitendem Musikcorps und unter Pistolenschüssen zur Kirche gegangen, hierauf unter nochmaligem Geknall auf den Tanzboden gezogen. Hier hält der Schulmeister eine Beglückwünschungsrede, in der Anspielungen auf das Ansehen der Familie, deren Wohlstand u. dgl. vorkommen müssen. Kaum hat er Amen gesagt, so fällt mit Gekreisch die Tanzmusik ein, und nun müssen zuerst Braut und Bräutigam miteinander, hernach jedes von ihnen mit den Hochzeitsknechten und Mägden der Reihe nach tanzen. Hiebei wird genau darauf gesehen, daß dieser sogenannte Brauttanz mit Anstand und Gewandtheit, und ohne Fehler ausgeführt wird, denn das Vorkommen eines solchen, Straucheln, Fallen, Verlieren des Huts, oder Zerknittern und Zerstreuen des Straußes gilt für eine böse Vorbedeutung. Gegen 5 Uhr des Abends folgt dann das eigentliche Hochzeitsmahl, wobei abermals Reis oder Nudeln und Rindfleisch, dann das saure Voressen, Kraut und Schweinefleisch, hierauf Schweinebraten und Würste die Hauptgerichte bilden. Während des Essens trägt das Hochzeitsgesinde eine mit Kinderkleidern angethane Puppe, den zu erwerbenden Kindersegen andeutend, unter meist nicht sehr züchtigen Gesängen mit Musikbegleitung herein, und ein Hochzeitsknecht hängt sie tätschelnd und streichelnd unter brüllendem Gelächter der Anwesenden, die das hundertmal Gesehene immer wieder belachen, an einem Haken in der Zimmerdecke auf. Nachts gegen 12 Uhr, ohne namhafte Abwechslung der Gerichte, abermals Essen, das bei angesehenen Familien herkömmlich mit gebackenen Kalbsfüßen schließen muß. Gegen Morgen wird unter Posaunenschall der Kosten des trockenen Tisches ausgerufen, was nicht nur das nicht sehr beachtete Signal zum Aufbruch, sondern auch zum Abgeben der Hochzeitsgeschenke bedeuten soll. Die Heimziehenden werden hinausgegeigt und hinausgetrompetet. Nach solcher Gestalt im Wirthshause beschlossenen ersten Tagen folgen noch 4 bis 5 andere außer dem Wirthshause, wobei oft in mehreren Ortschaften in den Häusern der Verwandten unter den Tönen zum Tode ermüdeter Musikanten herumgezogen, und jene mit Essen und Trinken gebrandschatzt werden. – Mit mehr Ernst und Würde und ohne Geräusch, wofern nicht der Wein die Theilnehmer zum Gesang befeuert, werden die Taufschmäuse, hier „Taufzechen“ genannt, begangen. Da sie Ehrensache sind und Gelegenheit zu einer Vereinigung der Verwandten oder Freunde geben, auch durch die Pathengeschenke und andere Unterstützungen nicht ohne einige Vergütung der Kosten bleiben, so steht kaum der ärmste Mann davon ab. Sie haben nichts Eigenthümliches, als daß nach der Suppe und dem Rindfleisch Schweinefleisch mit Kraut, dann einiges | Schweinefleisch in Bratenform mit Würsten, und zum Beschluß noch etwas Schweinefleisch, sämmtlich in Portionen, welche man über Abzug des davon Verzehrten in Säckchen mit nach Hause nimmt, gegeben wird. Die Vorliebe für Schweinefleisch tritt namentlich bei dieser Gelegenheit siegreich hervor. Im Schweinefleisch concentrirt sich für den hall’schen Bauer aller Wohlgeschmack, und weit entfernt, daß zwei Zoll hoher Speck ihn abschreckte, reizt ihn dieß vielmehr. – Dieß ist am Auffallendsten bei den Leichenschmäusen, hier „Leichtränke“ oder „Leichzechen“ genannt. Dieselben sind zwar eigentlich gesetzwidrig, allein der Bauer behauptet nicht mit Unrecht, er könne, wenn es nicht vom Wittwen- oder Waisen-Gut gehe, und wenn keine Unordnungen dabei vorkommen, deren Bestrafung er der Polizei nicht bestreiten wolle, um sein Geld seine Angehörigen um so eher bewirthen, als diese oft aus weiter Entfernung herkommen und der Nahrung, die sie sich auf eigene Kosten nicht wohl überall verschaffen können, bedürftig seyen. Das Schweinefleisch spielt dabei eine ausgezeichnete Rolle, denn nicht nur ist die Länge und der Durchmesser des Stücks der Maßstab des Ansehens der Familie, des Vermögens des Verstorbenen, ja seines moralischen Werths, sondern man bestimmt selbst die Trauer nach demselben. „Dich vertrauert man mit einem Stück Flaasch, das über’s Teller n’aus hängt“ sagt man zu Einem, wenn man damit bezeichnen will, entweder wie gering die Trauer bei seinem Begräbniß seyn werde, indem man dabei lieber esse und trinke, oder umgekehrt, man werde die Größe der Trauer an der Größe des Stücks erkennen. – Dieß sind die Feste und Freudentage des hall’schen Bauers. Von Spielen liebt er das Kartenspiel, welches vorzugsweise die langen Winternächte verkürzen helfen muß, und bei dem etwas Überlistung als erlaubter Vortheil gilt, leidenschaftlich aber das Kegelspiel. Nicht leicht gibt es ein Wirthshaus in der Stadt und auf dem Lande, mit dem nicht ein Garten sammt Kegelbahn verbunden wäre. Die Lichtkärze (Vorsitze) bei denen die ledige Jugend ohne Aufsicht und ganz sich selbst überlassen bleibt, sind eben keine Stützen der öffentlichen Sittlichkeit, da sie neben der geschlechtlichen Verführung, auch noch Klatscherei, Verleumdung und Näscherei, indem man sich häufig dabei bewirthet, und Manche in Herbeischaffung der Mittel dazu nicht sehr gewissenhaft sind, begünstigen. Der Umgang der Geschlechter ist überaus frei, und die Folgen davon werden mit großer Unbefangenheit als natürlich und unvermeidlich aufgenommen; die Schmach ist leicht und vorübergehend, und wird meistens durch nachfolgende Ehe getilgt. Treue ist, wo nicht schon ein lebendiges Band die Liebenden fester verbindet, kein wesentliches | Erforderniß in Liebesverhältnissen, und der Wechsel der Gegenstände erzeugt keine große Eifersucht, deren Pein man durch augenblicklichen Ersatz zu stillen weiß. Die Ehen sind meistens sehr friedlich, wohl auch größtentheils dadurch, daß man sich die Verirrungen der Jugend gegenseitig zu gute hält, und weil die Haderkatze Armuth von vielen derselben ferne bleibt. Die Kinderzucht ist schlaff, und der Gehorsam der Kinder wird nicht sowohl durch Erziehung und Lehren, als vielmehr durch Gewöhnung zum Geschäft, wodurch er mehr den Charakter der dienstmäßigen Subordination, als den der freien Unterwerfung aus Liebe annimmt, unterhalten. Der Gang der Haushaltungen ist sehr geregelt, wofern nicht das Gesinde, das durch häusliche oder auswärtige Liebesbündnisse häufig verdorben, durch hohe Löhne, gute Kost und vertrauliche Behandlung träge, übermüthig und trotzig gemacht ist, Störungen verursacht. Beweis hievon ist, daß selten ein Knecht oder eine Magd über ein Jahr in demselben Dienste bleibt, denn auch der beste Dienstbote behält sichs voraus, ein oder mehrere Male des Jahrs mit rücksichtslosester Hintansetzung seiner Pflichten und Geschäfte zwei bis drei Tage auf einer Kirchweihe oder einem Jahrmarkt herumzuschweifen, wobei er mindestens seinen Vierteljahrslohn aufgehen läßt. An Lichtmeß ist alsdann große Gesindewanderung, wobei mancher Knecht bis zum nächsten Ort drei bis vier Tage unterwegs bleibt und den letzten Heller durch zwei geliebte Gurgeln jagt. Ein allzustrenges Regiment über das Gesinde vermag der Bauer nicht zu führen, einmal, weil jene Race sehr zahlreich ist und auf die Leichtigkeit anderweitiger Unterkunft pocht, und weil er die Wage möglichst eben halten will, wie er denn zu scharfen Maßregeln und zu Extremen der Mann nicht ist, sondern eine gewisse Artigkeit in allen Verhältnissen behauptet. Artig, manierlich ist der hall’sche Bauer, er hat einen gewissen, freilich nur äußerlichen Schliff und keine Spur von der plumpen Derbheit des altwürttembergischen Bauers, dagegen aber auch keine Spur von Biederkeit, d. h. von naiver Treuherzigkeit und ungezwungener Offenheit in Benehmen und Ausdruck. Vielmehr ist er etwas versteckten, verschmitzten Wesens, und heimlich Spiel treiben ist ihm angemessener und lieber als offenes. Er ist umgänglich, jovial, gesellig, dienstfertig, dabei etwas geschwätzig und neugierig, wobei er meist eine Absicht zu erreichen hofft, liebt auch Spectakel und Curiosa. Er ist gelehrig und faßt leicht, aber er scheut die Anstrengung des Lernens, und die Eindrücke desselben haften nur flüchtig bei ihm, sein Culturgrad ist ein mittelmäßiger. Dabei ist er sehr abergläubisch und dem Gespenster- und Hexen-Glauben zugethan; er schafft ohne Unterlaß | neue Schauermährchen und bevölkert jede Klinge, jede Schlucht, jedes alte Haus mit unheimlichen, haarsträubenden Erscheinungen. Auch Beispiele von Geisterseherei, Teufelsbannerei und Schatzgräberei kommen vor. Amulette, Kräuter an Freitagen um Mitternacht, bei zunehmendem Mond und an Kreuzwegen gesammelt, sowie geheimnißvolle Zeichen werden gegen Krankheiten bei Menschen und Vieh angewendet und die Quacksalber haben gute Nahrung. An gewissen Tagen, z. B. an dem unschuldigen Montag, geben manche Familien weder Geschenktes noch Verkauftes aus dem Haus, und in manchen Ortschaften ist das Dungführen am Samstag, als hagelgefährlich, durch gemeinschaftliche Übereinkunft verboten. – Die Religion steht zwar in großen Ehren, aber sie wird nicht als Eigenthum oder Gut ins Innere hineingezogen, sondern sie wird mehr von ihrer künstlerisch-poetischen Seite, als Schönes aufgefaßt, sie ist ein Idol, das außen stehen bleibt, Religion, aber nicht Religiosität. Dagegen weiß man auch nichts von Intoleranz, Pietismus, Sektirerei und Separatismus.

Die Mundart ist judaisirend, fränkisch-rheinländisch, mit breitschwäbischer Unterlage. Ersteres ist sein flüchtiges, letzteres sein schleppendes Element. In Worten wie „zwaerla“ statt zweierlei, „Handla“ statt Handlohn, tritt beides, in „Flaasch“ statt Fleisch blos das letztere, in „Hosen“ statt Hasen, „Hausen“ statt Hosen, „mer san,“ statt wir sind, das rheinische Juda hervor. „Au“ für o, leicht ausgehaucht, ist sehr allgemein, „wauhl“ statt wohl, „sau“ statt so. Im Ganzen hört sich die Sprache nicht unangenehm, und sticht gegen Beutelsbach, Möhringen a. d. Fildern und Pliezhausen, auch gegen Ulm’s „Fluigen auf der Neeß“ (Fliegen auf der Nase) vortheilhaft ab.

Die Tracht der Männer ist sehr unkleidsam. Für die tägliche Arbeit grau-blauwollene, im Sommer leinene Wämser und Beinkleider, auf dem Kopf Lederkappen mit Schilden, gehen noch an; zur Kirche aber und für den Staat lange, schlotternde, schwarzgraue Überröcke, von grober selbstgezogener und gewobener Wolle, für den Sommer zu einer Art von Camelotte verarbeitet; lange Beinkleider von demselben Zeug verhüllen die Gestalten. Auf dem Haupt der Dreimaster, mit dem Bug nach vorn, die wolkenbohrende Partie nach hinten gekehrt. Die Kleider sind ungemein schwer und dick und mit einer Farbe heißenden Brühe gesättigt, die gehen läßt, so daß manche Männer das ganze Jahr über, den Händen nach, als Färbergesellen reisen könnten. Aus der Lästigkeit dieser Kleidungsstücke scheinen sie sich nichts zu machen, denn ein rechter Bauersmann steht in den Hundstagen mit dem obenbeschriebenen Überrock, Wamms, Ober- und Unter-Weste, Alles | wohl zugeknöpft, zu Gevatter. Gefälliger ist die weibliche Tracht; neben den oben beschriebenen Bandhauben, welche hübschen Gesichtern recht gut lassen, kunstreich ausgenähte Krägen oder Chemissetten, wofür viel Geld ausgegeben wird, Spenser (Mutzen genannt) von farbigem oder schwarzem Zeug oder Tuch, etwas feinerer Sorte, Röcke von geschlagenem Tuch (mit eingepreßten Farben) oder roth gefärbt, bei den Wohlhabenderen gleichfalls schwarz, und weit ausgeschnittene, niedere Schuhe. Sehr malerisch nehmen sich die nach Art von Schäferhütchen geformten, mit Spitzen und Blumenbouquets, sowie mit langen und breiten weißen seidenen Bändern gezierten weißen Reifhauben, welche die Mädchen bei Taufen und Hochzeiten tragen; tragisch, aber wohlkleidend, die ganz ähnlich geformten, jedoch schwarzen, Hauben, welche Frauen und Mädchen zum Abendmahl oder zur Trauer tragen, aus. Die ledigen Burschen tragen kurze blaue Wämmser und lange blaue Beinkleider, an der Seite von der Hüfte bis zum Stiefel mit schwarzen Sammtbändern besetzt, auf dem Kopf schwarze Lederkappen oder, auch im heißesten Sommer, die weithin leuchtende grüne Sammtmütze, mit Marder- oder Otter-Fell besetzt.

Übrigens lebt es sich gut unter dem hall’schen Völkchen, und Solche, die von anderswo unter dasselbe verpflanzt worden sind, trennen sich nur ungerne wieder von ihm.“

Von früheren Sitten und Gebräuchen[5] haben wir noch des schon oben erwähnten, bis in unsere Zeiten herein bestandenen Siederfestes kurz zu gedenken, dessen Ursprung wohl im Anfang des Mittelalters zu suchen ist. Nach einer erstmals 1762 und letztmals 1789 vorgenommenen Revision der Festordnung bestand die Festlichkeit des „Hofes“ wie folgt: Sie hatte alljährlich an dem Feiertage Petri und Pauli Statt. An diesem Tage verehrte der Rath der Stadt Hall den Siedersburschen einen 80 Pfd. schweren Kuchen, welchen dieselben, nachdem sie sich im sogenannten | Kuchenhaus versammelt hatten, in der Dorfmühle abzuholen, in der Stadt unter Voranschreitung von Trommlern und Pfeifern herumzutragen, und ihn in der Gerichtsstube des sogenannten neuen Hauses dem versammelten Rathe zu präsentiren hatten. Dort erst hatte der sogenannte Älteste, d. h. der durchs Loos gewählte Siedersbursche, dem die Ehre des Tages zugefallen war, in einer wohlgesetzten Rede bei dem Rath um den Kuchen anzuhalten. Nachdem ihm dieser in einer vom Haalhauptmann gehaltenen Gegenrede geschenkt, und dafür vom Zweitältesten gedankt, sofort unter Pfeifen und Trommeln Gesundheiten getrunken worden waren, ging der Zug in das mit Maien verzierte Kuchenhaus, welches entweder ein, einem aus der Siederschaft gehöriges Privathaus, dessen Eigenthümer dieser Vorzug erst auf seine Bewerbung zuerkannt wurde, oder ein durchs Loos erkorener Gasthof seyn konnte. Dort wurde so lange gewartet, bis der Zug der „Hofjungfern“ in Stirnbinden, schwarzen Mutzen, rothen Röcken und weißen Schürzen am Kuchenhaus vorüber war, worauf ihnen die Kuchenholer in hellbraunen, bis an’s Knie reichenden Röcken mit silbernen Knöpfen, schwarzen Beinkleidern, grünen Strümpfen, schwarzen, mit Spitzen verbrämten Lederkappen, ein Flortuch um den Hals, und den Degen an grünem Bandelier, unter Trommeln, Pfeifen und Fahnenschwenken auf den Unterwörth nachzogen. Dort wurde nach der Trommel und einer, wenige Töne immer wiederholenden, Pfeife getanzt bis zur Thorglocke, hierauf in’s Kuchenhaus zurückgegangen, woselbst das Bankett, wobei der Kuchen vertheilt, und die jedem Siedersburschen zugefallene Portion von ihm seiner Hofjungfer verehrt wurde, seinen Anfang nahm und bis spät in die Nacht dauerte. Des andern Tags fand der sogenannte Brunnenzug statt, wobei die Kuchenholer in der oben beschriebenen Kleidung mit Ober- und Unter-Gewehr im Kuchenhaus erschienen und nach eingenommener Frühsuppe vor demselben in Reih und Glied aufgestellt wurden. Nachdem, Gewehr im Arm, ein Gebet verrichtet war, ging der Zug zum Marktbrunnen, woselbst gegen das Rathhaus eine Salve gegeben und die gewöhnlichen Gesundheiten getrunken wurden, sofort in die Gelbinger Gasse, wo bei dem am Gasthof zum Hirsch befindlichen Brunnen der Stadtschultheiß etc. postirt war, der abermals mit Salven und Toasten begrüßt, weiter an alle Hauptbrunnen unter denselben Ceremonien bis zum Salzbrunnen, endlich auf den Unterwörth zum Tanz, den keines der versammelten Frauenzimmer einem Sieder abschlagen durfte, und zuletzt wieder in’s Kuchenhaus zum Bankett. Letzteres wurde am dritten Tage in alltäglicher Kleidung wiederholt. Alle bei diesem Feste üblichen Ceremonien waren bis in’s | kleinlichste Detail vorgeschrieben, und Nichtachtung oder Überschreitung mit Strafen von 2–12 Maas Wein belegt. Die junge Siedersmannschaft mußte sich vom Pfingstmontag an jeden Sonn- und Feier-Tag in der vorgeschriebenen Kleidung in der Kirche, und nach dieser auf dem Unterwörth einfinden; es wurden Spaziergänge auf die benachbarten Dörfer im Zuge mit Trommeln und Pfeifen veranstaltet; um die Ehre des Kuchentragens, die nur Sechsen zu Theil werden konnte, wurde gebuhlt und intriguirt, vermeintliche Eindringlinge wurden in die Brunnen geschwippt, so daß der Rath mit Verordnungen gegen diese Gewaltthätigkeiten einschreiten mußte. Die Ritter des Festes hatten Kannenträger, eine Art Knappen; die Kosten des Festes fielen gemeiner Stadt zu, und zu Ausrichtung der Bankette war ein Obmann bestellt. – Die, der Festlichkeit zu Grund liegende Idee ist keine andere, als die Feier des Segens, den die Salzquellen über Hall verbreiten und der Riesenkuchen ist das Symbol des Wohlstands, der von jenen ausgeht. Die damit verbundene Waffenübung und der Waffenprunk sind ein Zeichen der Wehrhaftigkeit der löblichen Siederzunft und ihres Entschlusses sowohl als ihrer Verpflichtung, pro aris et foris Blut und Leben zu lassen. Und diesen haben sie auch oft bethätigt, indem sie als eine eigene Compagnie in ältern Zeiten der Stadt manche gute Dienste geleistet. Auch bildeten sie bei allen öffentlichen Hochzeiten eine Art von Ehrenwache und trugen selbst gewisse Classen der Stadtbewohner zu Grabe. Sie waren gegen die größte Hitze und Kälte abgehärtet, schwammen vortrefflich und trugen die größten Lasten. Daher leisteten sie auch nahe und ferne in Feuer- und Wassers-Noth die trefflichsten Dienste. Obgleich sie nicht in einem besonderen Theile der Stadt beisammen wohnten, so pflanzten sie außer ihrer Tracht und mehreren eigenthümlichen Sitten durch unzählige Generationen sogar eine eigene Sprache fort, deren Ton und Aussprache von der gewöhnlichen sehr abstach. Auf die neueren Geschicke der Siederschaft werden wir in der Ortsbeschreibung zu sprechen kommen.



  1. Die Liste von 1822 gibt unter der Rubrik „Bedienstete“ folgende Unterabtheilungen:
    in königl. Militärdiensten  267
    0köngl. Civildiensten 247
    0„ gutsherrschaftl. Diensten 7
    0„ Commundiensten 335
    856
  2. Doch ist der Körperbau der Höhenbewohner körniger, kräftiger und schöner, als jener der Thalbewohner, was sowohl von der Lage der Wohnorte, als von den ökonomischen Verhältnissen herrührt.  M.
  3. Die Resultate der Rekrutirungslisten von 5 Jahren sind:
    Die mittlere Größe der Conscriptionspflichtigen ist   5′ 8′ 12″
    Unter 1000 besitzen eine Größe von 6′ und darüber 5′ 8′ 210
    Unter 1000 besitzen eine geringere Größe als 5′ 5″ 5′ 8′ 209
    Unter 1000 sind Gebrechliche 5′ 8′ 428
    unter 1000 sind schwach und kränklich 5′ 8′ 084
    unter 1000 sind mit Kropf behaftet 5′ 8′ 154
    unter 10.000 Einwohnern finden sich Taubstumme 5′ 8′ 15,3
    die höchste Zahl, welche in Württemberg überhaupt vorkommt.
  4. Völlig entwickelter Cretinismus kommt im Oberamt nicht vor, wohl aber fanden sich 1839
    in der Stadtgemeinde Hall bei einer Bevölkerung von 6568 Seelen:
     Halbcretinen und mehr oder weniger Blödsinnige
    057
    0 Vellberg mit Thalheim, Eschenau und Schneckenweiler unter 1041 Seelen 039
    0 Anhausen mit 454 Seelen 015
    0 Westheim mit 529 Seelen 010
    0 Steinbach mit 1103 Seelen 009
    0 Gelbingen mit 337 Seelen 008
    0 Gailenkirchen mit 860 Seelen 006
    0 Unter-Asbach mit 503 Seelen 004
    0 Bibersfeld mit 944 Seelen 004
    0 Hessenthal mit 554 Seelen 003
    0 Thüngenthal mit 554 Seelen 001
    156

    Die Meisten dieser Unglücklichen sind entweder Halbcretinen, oder sie leiden an angeborener Übelhörigkeit und stammelnder Sprache mit oder ohne Blödsinnigkeit. Im Allgemeinen scheint jedoch das Übel im Abnehmen begriffen zu seyn, während Kropf, Skropheln und Rhachitis eher zu- als abnehmen. Die meisten der angeführten Ortschaften haben eine mehr oder weniger feuchte Thalluft, und die auf dem Plateau und den Bergen gelegenen, einer freien, gesunden Luft genießenden Gemeinden sind in der Regel frei von diesem Übel, oder es erscheint dasselbe doch in geringerem Grade.

  5. Hierüber hat Gräter viel gesammelt und erläutert. Über den „Thalerochsen“ s. seine Iduna 1812 bei Nro. 10.; über das „Bretzelnfest“ ebenda bei Nro. 14.; über die „Seelenwecken“ ebendaselbst bei Nro. 31. – Aus Rathsprotokollen bemerken wir noch, daß 1525 das „um den Hahnen Tanzen“ und „das Schleichenlaufen,“ 1642 „das Opfergeldholen, die Dothenhemder, die Grünen-Georgentagshaltung, das Bretzenholen, Draglen und Anklopfen“, 1682, das „Todten- und Butzen-Umtragen am Sonntag Lätare“ und 1685 die „Knöpflisnächte“ verboten wurden. – Den alten Spruch beim Einrammen der Pfähle in dem Wehr des Kochers, von einem alten Salzsieder gesprochen, s. Gräters Bragur III. 215; über den alten Tanz der Salzsieder ebenda 236, und über ihre Sprache Iduna 1814, S. 90.
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