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Beschreibung des Oberamts Gmünd/Kapitel B 14

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Muthlangen,
Gemeinde III. Klasse mit 657 Einw., wor. 19 Ev. – Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Täferroth eingepfarrt. 1 Stunde nördlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Der stille, freundliche, gut gehaltene Ort liegt auf der Hochfläche zwischen dem Lein- und dem Remsthale, am Anfang des gegen Westen ziehenden Waldauerbach-Thälchens. Schöne Obstbäume beschatten wieder die saubern Bauernhäuser, die Straßen sind chaussirt und gekandelt. Weite Aussichten an die Alb bieten sich auf der Hochfläche, am besten auf dem Lohwasen, beim sog. Forchenbusch, an der Straße nach Zimmerbach. Auf den sog. Sandäckern kommen Erdfälle vor.

Die dem h. Georg geweihte Kirche wurde 1847/49 nach den Plänen des Bauraths Wepfer in ansprechendem modern-romanischem Stile, mit hohem Thurm im Westen und vieleckig geschlossenem Chore, | aus Sandsteinen erbaut.[1] Das geräumige und schöne Innere wird von zwei Reihen schlanker, durch Rundbögen mit einander verbundener Pfeiler in drei gleich hohe Schiffe getheilt und ist reich geschmückt mit Altären, Statuen und Gemälden; auch enthalten die drei Chorfenster schöne gemalte Scheiben, das mittlere den h. Georg, ein treffliches Bild von Mittermaier, die beiden andern den englischen Gruß und Christus am Ölberg, gemalt von Hecht in Ravensburg. Über dem Mittelfenster findet sich das alte Holzbild des h. Georg zu Pferd, an der Nordwand der Kirche Maria mit dem Leichnam des Herrn (aus der vor 30 Jahren abgebrochenen Nikolauskapelle hierher gebracht), und eine sehr schöne h. Katharina spätgothischen Stils. Auf dem zweistockigen, mit einem Zeltdach bekrönten Thurme hängen zwei Glocken: die größere hat die vier Evangelistennamen und anno domini 1470 iar als Umschrift, auf der kleineren, sehr schön verzierten Glocke steht auch in gothischen Minuskeln: zu gottes lob und ehr braucht man mich. valentinus algeier in ulm goss mich 1602; dann liegen auf dem Thurm noch die zwei Glöckchen aus der abgegangenen Nikolauskapelle, sie stammen aus dem vierzehnten Jahrhundert und haben beide als Umschrift den englischen Gruß in gothischen Majuskeln. Die Unterhaltung der Kirche stand bis jetzt dem Staate zu.

Der Gottesacker liegt um die Kirche und wurde beim Neubau derselben vergrößert und neu ummauert.

Die schon genannte Nikolauskapelle lag nördlich am Dorfe, war groß, sehr alt, und ganz aus Quadern erbaut.

Das freundliche zweistockige Pfarrhaus ward 1783/85 in französischem Geschmack vom Kloster Gotteszell erbaut und ist vom Staat zu unterhalten.

Im Jahre 1808 wurde das sog. Hirtenhaus zur Schule eingerichtet, 1829 vergrößert und das frühere Schulzimmer von da an zum Rathszimmer verwendet. Die Wohnung des Schulmeisters befindet sich in einem von der Gemeinde angekauften Privathause.

Gutes Trinkwasser spenden stets hinreichend 3 laufende, 4 Schöpf- und 33 Pumpbrunnen; die Markung ist reich an Quellen, worunter die des Erlenwiesenbaches und des Burghaldenbaches die namhaftesten sind; dann fließen darüber der Waldauerbach, der Pfaffenbach und die Lein, welche zuweilen austritt und die Wiesen verschwemmt.

Die Staatsstraße von Gmünd nach Gaildorf geht durch den Ort, Vicinalstraßen führen nach Lindach und nach Wetzgau.

Unter den im allgemeinen gesunden und kräftigen Einwohnern sind derzeit mit 80 Jahren keine im Ort; Lungenentzündungen kommen | nicht selten vor, jedoch stirbt die Mehrzahl der Erwachsenen an Altersschwäche.

Die Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht und Gewerbe; Maurer, Zimmerleute und Schuster sind am stärksten vertreten und arbeiten auch nach außen. Drei Schildwirthschaften, darunter eine Bierbrauerei, eine Ziegelei, die mit ziemlich gutem Erfolg betrieben wird, sowie drei Kramläden sind im Orte.

Die Vermögensverhältnisse sind nicht ungünstig, und auch gute Auskommensmittel durch die Nähe der Stadt geboten. Der vermöglichste Bürger besitzt 85 Mrg. Feld und 15 M. Wald, der Mittelmann 12 M. Feld und 1 M. Wald, die ärmere Klasse 21/2 M. Feld.

Mit Ausnahme der Gehänge gegen die Thäler hat die nicht große Markung eine hohe ebene Lage und im Allgemeinen einen mittelfruchtbaren Boden, der hauptsächlich aus Lehm besteht, an mehreren Stellen auch sandig (Zersetzung des Liassandsteins) erscheint. Der Boden wird in einer Tiefe von 1–2′ von Liaskalkstein und Liassandstein unterlagert.

Mehrere Brüche sind im Liaskalkstein, im Liassandstein und im grobkörnigen weißen Keupersandstein angelegt, die Straßenmaterial und Bausteine liefern. Eine Sand- und eine Lehmgrube ist vorhanden.

Vermöge der hohen freien Lage ist das Klima etwas rauh und die Luft stets bewegt, öfters stürmisch. Kalte Nebel und Frühlingsfröste schaden zuweilen dem Obst und den Gartengewächsen; auch Hagelschlag kommt mitunter vor.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung des Suppinger Pflugs, der eisernen Egge, der Walze und der Repssämaschine gut betrieben. Zur Besserung des Bodens kommt außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln Gips, Kalk, Kompost, Asche und hauptsächlich die in den gut angelegten Düngerstätten fleißig gesammelte Jauche in Anwendung. Vorherrschend baut man Dinkel, Haber, Roggen, Gerste, ferner Erbsen, Linsen, Hirse und von Brach- und Handelsgewächsen dreiblättrigen Klee, Kartoffeln, Angersen, weiße Rüben, Reps, Hopfen, Flachs und Hanf; letztere kommen theilweise, Reps und Hopfen aber meist zum Verkauf. In günstigen Jahren können 60 Scheffel Dinkel und 100 Scheffel Haber nach außen verkauft werden.

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert ein gutes, nur theilweise saures Futter; etwa 80 Morgen können bewässert werden.

Die mit späten Mostsorten und Zwetschgen sich beschäftigende Obstzucht befriedigt den eigenen Bedarf.

Gemeindewaldungen sind 75 Morgen vorhanden, und überdies hat die Gemeinde in neuerer Zeit 24 Morgen Wald anlegen lassen; sie tragen gegenwärtig jährlich etwa 200 fl. der Gemeindekasse ein.

Die Brach- und Stoppelweide wird an fremde Schäfer, die im Sommer 300, im Winter 200 Stück Schafe laufen lassen, um | 400 fl. verpachtet, und überdies sichert die Pferchnutzung der Gemeindekasse eine jährliche Rente von 100 fl.

Ganz unbedeutend ist die Zucht und Haltung der Pferde, dagegen die Rindviehzucht in sehr gutem Zustande und bildet einen besonderen Erwerbszweig; man züchtet die Leinthaler- und Limpurgerrace und hat 2 Leinthaler Farren aufgestellt. Der Viehhandel ist von keinem Belang, dagegen trägt der Milchverkauf nach Gmünd dem Ort jährlich gegen 2000 fl. ein.

Eine Schulstiftung von 400 fl. zur Anschaffung der Lehrmittel für arme Kinder ist vorhanden.

Über den nördlichen Theil der Markung zieht die römische Grenzstraße, und in der Nähe derselben kommt der Flurname „Wasserstall“ vor, was auf eine hier bestandene Befestigung hindeutet.

Etwa 1/8 Stunde westlich vom Dorf wird ein Bergvorsprung gegen das Waldauer Thälchen die Burghalde genannt; vermuthlich stand dort eine Burg, von der übrigens keine Spuren mehr vorhanden sind.

Bei diesem Orte ist’s sehr deutlich, daß er zum einstigen Rechberger Herrschaftsbezirk in den Hohenstaufischen Stammbesitzungen gehört hat; denn wir finden die Rechberg noch lange theils im unmittelbaren Besitz, theils als Lehensherren.

So hat Johann von Rechberg zu Bargau einen ihm lehenbaren Hof Conrads von Wallenzin gekauft, geeignet und dem Kloster Gotteszell geschenkt 1348. Unter den Bestandtheilen der Herrschaft Hohenrechberg wird Muthlangen z. B. c. 1450 und 1494 aufgezählt, es scheint aber ein Hof an die weissensteiner Linie gekommen und dadurch bei der Familie geblieben zu sein, während Ulrich von Hohenrechberg-Heuchlingen beim Verkauf von Weiler in den Bergen an Gmünd seinen Weiler M. für 7000 fl. zum Pfand setzte, wenn etwas an den angezeigten Gütern fehlen sollte 1581. Dieser Fall scheint eingetreten zu sein, weil Muthlangen nachher im Besitz der Stadt Gmünd erscheint. Auch daß Limburg 1557 drei in die Waibelhub gehörige Güter in Muetlangen mit aller Obrigkeit, Gericht und Schatzung an Gmünd vertauschen konnte, ist auf die Erkaufung der Waibelhub von den Rechbergen zurück zu führen.

Von einem ritterlichen Geschlecht in Muthlangen ist nichts bekannt, obwohl (s. oben) beim Dorf eine Burghalde und Burghaldenwiese besteht. Im unmittelbaren Besitz finden wir verschiedene Gmünder Geschlechter. Walther Eberwein verkaufte 1315 eine Gült aus seinem Gut an Gotteszell; anderes besaßen die im Steinhaus 1323 z. B., 1326 (huba Chunradi dicti in Steinhuse) u. 1410; drei Güter hatten die Herren von Horkheim als rechbergisches Lehen z. B. 1410, 26 ff.; A. und Ph. von Winkenthal bezogen eine Hühnergült von der Leinhalden-Waide (bis 1515) und Paul Goldsteiner verkaufte Güter 1561. Auch der (sog. heidelbergische) Hof, | welcher späterhin von der Pfalz zu Lehen ging, soll von einem Gmünder hergekommen sein und wurde um 1550 den Herren von Degenfeld verliehen. Auch der Thurm zu Lindach hatte 1410 Zugehörungen in Mutlangen. Wie das Kloster Gotteszell c. 1348 eine Erwerbung machte, ist gesagt, andere kamen dazu, um aber nach der Zerstörung im Städtekrieg die Mittel zum Wiederaufbau zu bekommen, wurde u. A. 1/2 Hof und ein Gut in Muthlangen um 110 fl. an das Dominikanerkloster verkauft 1450. Auch Lorch hatte Erwerbungen gemacht, verwechselte aber Einiges an Gotteszell 1422, Anderes an den Spital in Gmünd 1444, behielt jedoch Einen Unterthanen bis zuletzt. Der Spital kaufte allerlei Güterstücke zusammen, z. B. 1569, 76, 1600; auch den Seelschwestern kaufte er 1483 ihr 1452 erworbenes Gut ab.

Im Besitz von Gmünd theilte Muthlangen weiterhin die Schicksale der Landschaft und wurde dem Amt Spraitbach zugetheilt. Verhandlungen und Verträge, z. B. über Wässerung 1489, Waid und Trieb 1579, 1682, Weganlage 1516, Äckerich 1749 u. dgl. ordneten allmählich die Verhältnisse; eine gesamte Dorfordnung wurde 1654 gemacht. – Die Vertheilung der Almand 1806 unter Bauern und Söldner verursachte bei ersteren heftigen Widerspruch, welchen das Oberamt durch militärische Execution niederschlug.

Kirchlich war Muthlangen ein Filial von Iggingen. Weil aber die Versehung allmählich nicht mehr wohl von dort aus besorgt werden konnte, so übernahm es der Patron, das Kloster Gotteszell, einen Filialcooperator und Seelsorger aufzustellen, welcher anfänglich alle 14 Tage am Sonntag und an 12 Festtagen Gottesdienst halten sollte. Der Pfarrer zu Iggingen mußte 6 fl. jährlich dazu beitragen 1663. Dieser Cooperator war gewöhnlich ein Gmünder Caplan; die Kinder brachte man zur Taufe nach Gmünd, bis 1779 ein Taufstein aufgestellt wurde. Endlich 1783 ff. errichteten Gotteszell und Gmünd gemeinschaftlich ein Pfarrei, bauten den Pfarrhof und verbesserten die Dotation. Das Kollaturrecht sollte wechseln.

Der Zehnte in Muthlangen war, wie zu Herlekofen, weinsbergisches Lehen geworden, und Conrad von Weinsberg gestattete 1423 dem Spital Gmünd 1/3 zu erkaufen. 1/3 stiftete Hans Straßer 1436 zu einer St. Barbara-Pfründe und den Rest hat Wolf v. Rechberg-Weissenstein 1544 mit Bargau verkauft um 2000 fl. Durch Tausch theilten sich zuletzt Gotteszell (1/3) und die Katharinenpflege (2/3) darein.


  1. die frühere Kirche trug die Jahreszahl 1499.


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