Zum Inhalt springen

Beschreibung des Oberamts Eßlingen/Kapitel B 8

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
« Kapitel B 7 Beschreibung des Oberamts Eßlingen Kapitel B 9 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
8. Nellingen,
mit der Wörnitzhäuser Mühle, Pfarrdorf mit 1100 evang. Einwohnern, eine kleine Stunde südlich von Eßlingen. Die Straße von dieser Stadt nach Nürtingen und Kirchheim zieht am östlichen Ende des Ortes vorüber; durch dasselbe führt die Vicinalstraße von Stuttgart über Ruith und mündet in die erstere. Das Dorf liegt theils eben und frei, theils in einer sanften Einteichung der Filderhöhe über dem Thal der Kersch, welcher ein oberhalb dem Dorf entspringendes Bächlein zueilt. Die Luft ist rein, aber etwas| scharf; gutes Quellwasser ist in großer Menge vorhanden. Bauart und Aussehen des Ortes haben nichts Besonderes; freundlich und zum Theil neu gebaut ist der obere Theil gegen die Eßlinger Straße.

Die Pfarrkirche, ein 1777 erbautes gefälliges Gebäude, hat eine schöne, sehr gute Orgel. Der alte Thurm, welchem die Kirche angebaut ist, gehört zu den sehenswertheren Überresten vorgothischer Baukunst im Land. Die Baulast ruht auf der Stiftungspflege. In einem geschlossenen Hof neben der Kirche befinden sich die Gebäude der ehemaligen Probstei (s. hiernach); in einem derselben war der Sitz des 1836 aufgelösten Kameralamtes und ist jetzt die Pfarrwohnung. Statt des früher neben der Kirche befindlich gewesenen Begräbnißplatzes ist jetzt ein neuer außerhalb des Ortes angelegt. Die Schule hat zwei Lehrer; ein neues gutes Schulhaus hat die Gemeinde 1826 mit einem Aufwand von 6000 fl. gebaut. Anstatt des bisherigen alten und sehr unansehnlichen Rathhauses hat jetzt die Gemeinde ein zu den ehemaligen Probsteigebäuden gehöriges Haus angekauft.

Der Wohlstand der Corporation steht auf einer niedrigen Stufe; dagegen findet sich theilweise bei Privaten eine in Vergleichung mit mehreren Nachbarorten höhere Wohlhabenheit, die sich auch in den moralischen Eigenschaften der Einwohner, in ihrem Ehrgefühl und Sinn für Ordnung und Schicklichkeit nicht verläugnet. In physischer Beziehung gelten sie für besonders kräftig und tüchtig. Hauptnahrungsquelle ist der Feldbau, nächst ihm die Viehzucht. Die meisten Felder der ansehnlichen Markung liegen eben, und haben einen leichten, tiefgründigen, im Allgemeinen fruchtbaren Boden. Die Fruchtgattungen sind die in der Gegend gewöhnlichen. Wichtig sind die Erzeugnisse der Brache, die vollständig eingebaut wird, Kartoffeln, Kraut und noch mehr Flachs, der besonders gut gedeiht, und dessen Bereitung immer mehr cultivirt wird. Die Ackerpreise stehen zu 150–250–500 fl. Bei der Ausdehnung und Vervollkommnung des Feldbaues wäre ein größerer Wiesenertrag zu wünschen, der hinsichtlich der Menge nur mittelmäßig ist. Die Rindviehzucht ist übrigens in gutem Zustande; die Gemeinde, welche die Farrenhaltung verpachtet hat, sieht auf gute Nachzucht. Die Schafzucht ist im Abnehmen; der Waidepacht erträgt 350 fl. Durch die Nähe der Residenz wird die Geflügelzucht begünstigt,

Von Gewerben sind die Weberei (45 Meister, darunter zwei stark beschäftigte Baumwollenweber), und drei Schildwirthschaften zu nennen.

Die Zehenten erhebt der Staat, und zwar gegenwärtig an Novalzehenten 11 fl. 31 kr., an Großzehenten von 1839/56 jährlich 278 Schffl. 4 Sri. Dinkel, 129 Schffl. Haber, 62 Schffl. Gerste, 1 Fuder 15 Bd. Stroh, und 184 fl. 24 kr. Surrogatgelder; von| Kleinzehenten von 1839/56 jährlich 254 fl. Der Heu- und Öhmdzehent wurde der Gemeinde gegen Übernahme der Faselviehlast überlassen. Surrogat für den Weinzehenten auf unbestimmte Zeit 33 fl. 38 kr. (die Weinberge sind ausgereutet). Die Last der Drei- und Viertheiligkeit vieler Güter ist abgelöst. Weitere Reallasten bestehen in jährlichen Hellerzinsabgaben an die Gemeinde- und Stiftungspflege des Orts.

Von Nellingen nannte sich ein eigenes Adelsgeschlecht, das hier ansehnlich begütert war, und auch zu Baltmannsweiler, Fellbach, Öffingen, Rothenberg und Wangen, als Rechbergsche Lehen, Besitzungen hatte. Sein Wappen enthielt zwei rothe und zwei weiße Felder. Der erste der genannt wird, ist Anselm von Nellingen, von welchem gleich nachher die Rede seyn wird. Ein Zweig dieses Geschlechts erwarb das Bürgerrecht zu Eßlingen, und kommt als dortige Patricierfamilie unter dem Namen Nallinger vor, zuerst Arnold mit dem Beinamen von Fellbach 1278. Dieser Zweig starb lange nach dem von Nellingen im 16. Jahrhundert aus. S. Pfaff Gesch. v. Eßl. S. 47. – Die Geschichte des Orts knüpft sich größernteils an die der

Probstei Nellingen.
Anselm v. Nellingen begab sich nach Vollendung einer Pilgerfahrt, da er alt und kinderlos war, in das Benedictinerkloster St. Blasien auf dem Schwarzwald und schenkte diesem die auf eigenem Grund und Boden erbaute Kirche, sammt Kirchensatz und dem halben Zehenten in Nellingen 1120 (Gab. Steinhofer II. 74), welche Schenkung Papst Calixtus II. dem Kloster neben seinen andern Besitzungen den 19. März 1129 bestätigte[1] Gerbert historia nigrae silvae III. 49). Da hiezu in Nellingen selbst und in der Umgegend bald noch andere Schenkungen kamen, so gründete das Kloster hier eine Probstei, deren Schirmvogtei die Grafen von Württemberg erhielten. Der Bischof von Constanz bestätigte dem Kloster den Besitz des halben Zehnten zu Nellingen 29. Mai 1199 Gerbert l. c. 119) und Papst Clemens V. inkorporirte ihm die Kirche in Nellingen mit 70 Mark jährlicher Einkünfte Gerbert l. c. 248). Nach einer Verordnung von 1355 durfte der Probst an der Verlassenschaft eines verstorbenen Pfarrers soviel nehmen, als er in einem Monat wegtragen konnte und von der Pfarrei Plochingen gehörte ihm im Erledigungsfalle 1/3 des Jahresertrags des Widdumgutes. Papst| Gregor X. befahl 1374 dem Abt von Himmelspforten und dieser dem Probst zu Denkendorf Geistliche und Laien bei Androhung des Bannes anzuhalten, daß sie der Probstei entrichteten, was sie ihr schuldig seyen. (Gerbert III. 311 ff.)

Äußer den schon angeführten Schenkungen erhielt die Probstei Nellingen hier noch von Hans v. Nellingen und seiner Frau zu einem Jahrestag alle ihre Güter in Nellingen 1376, von Anna v. Nellingen ebenso 1378 (Mscpt.) und kaufte Güter 1330 von Luz von Ruith 1337 (Gab.). Die Rechte des Probstes über seine Leibeigenen in Nellingen wurden durch das Laudum von 1355 festgesetzt (S. Cleß II. p. 419, 428, 433, 438). Im Kriege mit dem Grafen Ulrich v. Württemberg 1450 plünderten die Eßlinger den Klosterhof in Nellingen und führten Wein, Bücher und Urkunden daraus fort. Die Probstei zahlte 1520 für Befreiung von Hundslege und Jägeratz auf zwei Jahre 100 fl. jährlich (Steinhofer IV. 750). Auch hier wollte Herzog Ulrich 1535 die Reformation einführen und setzte einen evangelischen Pfarrer ein, zur großen Beschwerde des Probsts, die Probstei selbst jedoch wagte er nicht einzuziehen, erst am 20. Sept. 1649 tauschte Herzog Eberhard III. dieselbe vom Abt zu St. Blasien ein, dem er dafür alle Forderungen an das Kloster nachließ, etlich Höfe, Güter, Gefälle und den Kirchsatz zu Aixheim abtrat (Sattler IX. 64. Binder, Kirchen- und Lehrämter S. 827). Den sogenannten Nellinger Probstwald erkaufte die Stadt Eßlingen 1650 vom Abt, trat ihn aber 1697 für 2500 fl. an Württemberg ab (A. U.). Zu der Probstei gehörte auch der St. Blasiushof in Eßlingen, er entstand dadurch, daß Heinrich von Ybach Pfleger des Klosters in Nellingen diesem 1265 ein Haus in der Bliensau schenkte, zu dem es 1269 noch eine Hofstatt kaufte; 1277 befreite die Stadt diesen Hof von den Steuern und 1650 kaufte sie ihn dem Kloster ab. – Der Probst zu Nellingen war bis zur Reformation Dechant des Stuttgarter Ruralcapitels.

Außerhalb Nellingen hatte die Probstei noch Besitzungen in Bissingen unter Teck, Derendingen, Fellbach, Heumaden, Ober-Türkheim, Plochingen, Scharnhausen, Schlierbach, Stockhausen und Wernitzhausen.

Von Rechten und Besitzungen Auswärtiger findet man folgendes: das Kl. Hirschau bekam jährlich 1 Pfd. Wachs aus Gütern in Nellingen, welche 1240 Truhlieb in Eßlingen kaufte, und verkaufte diese Gült 1255 ans Kloster Weil (A. U.). Der Eßlinger Spital kaufte hier Güter 1322 und 1355; und verlieh einen halben Hof 1398. Das Kloster Salmansweiler kaufte Güter 1341, und das Predigerkloster in Eßlingen besaß welche 1409.

Nellingen war eine Vogtei, zu welcher auch Plochingen,| Scharnhausen, Ruith und Heumaden gehörten. Sie war lange ein Gegenstand des Streites zwischen Württemberg und Eßlingen. Zwar wurde auf einer Fürstenversammlung zu Nürnberg 1387 gesprochen, Eßlingen habe durchaus keinen Anspruch auf diese Vogtei und sollte bei Vermeidung der Ungnade des Reichs davon abstehen, allein erst in dem Vertrag vom 22. Juli 1389 gab die Stadt ihre Ansprüche auf. (S. Pfaff 3. 332, 335.) 1810 kam der Ort vom Amts-Oberamt Stuttgart zum Oberamt Eßlingen. Das Cameralamt, welches 1806 an die Stelle der ehemaligen Stabskellerei getreten war, wurde 1836 aufgelöst. Die Pfarrei gehörte bis 1815 zur Diöcese Stuttgart,

Eine Viertelstunde unterhalb Nellingen liegt im Kerschthal die Wörnitzhäuser (richtiger Wernitzhäuser) Mühle (6 evang. Einwohner), eine Getreidemühle mit drei Gängen. Sie wird 1476 als ein Lehen Graf Ulrichs von Württemberg erwähnt. Ein Ort Wernitzhausen, der hier stand, ist längst abgegangen. Die Zehenten daselbst verkaufte Friedrich von Bernhausen 1281 an die Probstei Nellingen und das Kloster Salmansweiler (Annal. Bebenhus. Msc.). Letzteres kaufte hier auch mehrere Güter 1290, 1305 und 1342 (A. U.). Von Wernitzhausen nannte sich ein adeliges Geschlecht, das einerlei Wappen mit den Herren v. Neuhausen (s. d.) führte, und also wohl ein Zweig der letzteren war. Erstmals kommen vor Conrad 1282 (Gab.) und Burkard 1286 (A. U.). Crusius Paral. c. 5. nennt einen Albrecht v. W. als Ministerialen des Pfalzgrafen Gottfried v. Tübingen 1305, und 1411 einen Conrad v. W. als Schultheißen des Grafen Eberhard von Württemberg zu Wangen, Paral. c. 23. Sie waren begütert in Wernitzhausen, Nellingen, Beutelsbach, Göppingen, Hochdorf, Jebenhausen und Kleineißlingen und machten sich später in Göppingen ansäßig, wo ihre Nachkommen unter dem Namen Wernitzhäuser im Bürgerstand fortlebten. Einen Werner Wernitzhäuser, Bürger in Göppingen s. bei Steinhofer II. S. 963. Von einer Burg ist keine Spur mehr zu sehen.

Zu Nellingen gehörte auch der ehemalige Hof Blienshalde (Bläsihalde?) mit dem württembergischen Zollhaus auf dem davon genannten Zollberg, über welchen die Straße nach Eßlingen steil hinabführt. Die Gebäude sind 1818 abgebrochen worden. – Nach der Sage soll zwischen Nellingen und Ruith ein Weiler gestanden haben, wovon aber nichts Näheres bekannt ist.

Als der Gegend von Nellingen eigenthümlich bemerkt man die große Menge der auf den Feldern wachsenden Camillen. – In die diesseitige Markung erstreckt sich der königl. Park Weil rechts der Straße nach Ruith und Stuttgart, und der Park Scharnhausen links dieser Straße, zusammen mit 500 Morgen.



  1. Weitere Bestätigungen von den Päpsten Innocenz II. 1137, Hadrian IV. 1157, Calixtus III. 1173, Alexander III. 1178, Martin V. 1424, Dümgé Regesta p. 37, 48, 53, 55, Gerbert III. 82, 102, 336.


« [[Beschreibung des Oberamts Eßlingen/|]] Beschreibung des Oberamts Eßlingen Kapitel B 9 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).