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Bei der Madonna von Dietrichswalde

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Textdaten
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Autor: R. K.
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Titel: Bei der Madonna von Dietrichswalde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 29–30
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bei der Madonna von Dietrichswalde.

Es war an einem großen Erscheinungstage der „Frau der Welt und der Königin des Himmels“, deren persönlichem Eingreifen die römische Kirche in diesem Jahre eine so reiche Ausbeute triftigster Wunder und wichtigster Offenbarungen verdankt, als ich des Morgens zum Zweck der Reise nach dem neuesten Wunder- und Heilsorte, Dietrichswalde, auf dem Bahnhofe in Deutsch-Eylau eintraf. Perron und Wartesaal waren ganz ausnahmsweise von einem Publicum belebt, welches, abgesehen von vielleicht einigen Handelsreisenden, zumeist den gläubigen Menschenschichten angehörte.

Da war zunächst eine Gesellschaft von eleganten, in vierspännigen Carossen angelangten Polinnen, welche an großen kirchlichen Tagen herkömmlich niemals zu verabsäumen pflegen, die heilige Jungfrau mit frommem Schaugepränge um eine vertrauliche Auskunft darüber anzuflehen, welche glänzenden Culturziele dem Polenvolke wohl noch bei seiner besonders glücklichen Beanlagung zum Wallfahren in Aussicht stehen. Da war auch in übersichtlicher Gruppirung um einen frommen Caplan „der liebliche Reigen der Jungfrauen“ aus der mittleren Gesellschaftsclasse im Alter zwischen siebenzehn und zwanzig Jahren, mit sehr entwickelten, auf’s Knappste in moderne Roben gezwängten Formen und dem von der römischen Geistlichkeit so überaus geschätzten frommen Taubenblick. Alle aber harrten in andachtsvoller Hoffnung des nächsten Bahnzuges, welcher sie der großen Heilsverkündigung zuführen sollte.

Als dieser nun, mit zwei Maschinen voraus, zischend und brausend herankam, da war er mit heilsbedürftigen Pilgern, zumeist des engelgleicheren Geschlechts, bis zum letzten Platz gefüllt. Es mußte erst noch eine Anzahl Wagen angehängt werden, bevor ich mit dem vorerwähnten geistlichen Herrn und acht von den seiner frommen Leitung überlassenen „schönen Kindern“ ein angenehmes Unterkommen fand. Es gewährte ein hübsches, freilich etwas modernes Wallfahrtsbild, als wir zu fünf und fünf, der Geweihete mir schräg gegenüber und einem Jeden von uns vier im Engelsschmucke der Unschuld prangende Jungfrauen zur Rechten, dem heiligen Erscheinungsbaume zusausten. Der geistliche Führer, sei es, daß meine Anwesenheit seine vorhin so muntere Conversationslaune zügelte, oder daß, was wohl wahrscheinlicher, die erhabene Bedeutung des heutigen Tages plötzlich seinen Geist ganz erfüllte, setzte sich mit würdevollem Ernst in seiner Ecke zurecht, zog ein Proprium de Sanctis aus der Tasche und versank bald tief in die gewiß andächtigsten und apostolischsten Betrachtungen. So langten wir auf dem Bahnhofe in Osterode an.

Obgleich hier Stadt und Umgegend durchweg evangelisch ist, herrschte doch, wohl aus allgemein christlicher Theilnahme, eine sehr gehobene katholische Feiertagsstimmung, die freilich mehr einem derben Humor der Entrüstung über das Unerhörte dieses Vorganges ähnlich sah. Namentlich zeigte die männliche Seite der Bevölkerung einen für die hochgelobte Jungfrau äußerst schmeichelhaften Wallfahrtsdrang, der in seinem unzügelbaren Eifer durchaus entschlossen schien, heute ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. So wurden denn nach einem weihevollen, festfreudigen „Hurrah“ auf die großen Bierfässer, welche zur Verladung nach der Wallfahrtsstätte auf dem Perron anlangten, die Waggons um einen – wenn auch nur – Stehplatz förmlich erstürmt, wobei es natürlich hin und wieder zu vielfachen mündlichen wie handlichen Achtungsversicherungen kam. Unser andächtiges Coupé rettete vor dieser Ueberfallsnoth nur meine schnell in die Thür verpflanzte Körperbreite, wofür man mich zwar mit dem freundlichen Titel „Wallfahrtsvater“ bereitwillig ehrte, dagegen die unschuldvollen Kinder hinter mir mit der kränkenden Bezeichnung „Grünfutter für Pfaffen“ und „Schwindelrekruten“ an ihrer Ehre empfindlich und ohne alle Motivirung verletzte. Doch plötzlich intonirte in einem vorderen Wagen ein schon etwas herabgekommener Männerchor den bekannten Schlußrefrain: „Wir fahren auf der Eisenbahn, so lang’ es uns gefällt,“ und unter den Klängen dieses auf Wallfahrtszügen bisher noch wenig gebräuchlichen Liedes glitt der Zug zum Bahnhofe hinaus und bis Station Bisellen, von wo Dietrichswalde zu Fuß in fünfviertel Stunden bequem erreicht werden kann.

Der kleine, mehr für ein stilles und beschauliches Leben geschaffene Bahnhof in Bisellen gewährte ein Bild der äußersten Aufgeregtheit. Hunderte von Menschen lagerten rings umher auf Perron, Plätzen, Straßen und rasteten von weitem Marsche oder verlangten nach einer Stärkung, welche ihnen die Bahnhofsrestauration gewähren sollte. Allein in diese überhaupt nur hineinzudringen und dann noch den Menschenschwall bis zum begehrten Genußmittel zu durchfurchen, gehörte so sehr in den Bereich der Unmöglichkeit, daß es selbst meinem frommen Coupégefährten nicht gelang, über die hinterste Queuereihe hineinzukommen. Und obschon derselbe im Vertrauen auf die hier nun schon wieder wehende katholische Luft und das in dieser gemeinhin so vollwiegende priesterliche Ansehen mit ehrwürdigstem Gebahren auftrat, so standen heute doch weder die priesterliche Erhabenheit, noch das fromme, schwarze Kleid in ihrem sonstigen hohen Werthe. Er mußte nach allseitig vergeblichen Anstrengungen mit unbefriedigten Wünschen wieder in den Kreis seiner frommäugigen Schützlinge zurückkehren, und bald sah man ihn mit diesen den Weg zum Baume der Offenbarung andächtig hinwandeln. Auch ich hatte weiter keine dringende Veranlassung, mich dem Wellenschlage des hochgehenden Glaubensenthusiasmus vorzuenthalten, that gänzlich von mir den Dünkel der Weltweisheit und brach auf, die Wunder des Tages zu schauen.

Aus der Landstraße über das nahe Dorf Podleiken und von da über die Passargebrücke nach Dietrichswalde pilgernd, war ich bald ein Tropfen in dem unendlichen Pilgerstrome, der zu Fuß und zu Wagen rauschend dahinfloß. Nach wenigen Minuten schon wurde Podleiken erreicht, wo von Westen her in den unseren ein anderer Strom unter mehr oder minder ernsten Verstopfungsfällen einfiel. In diesem schienen einige gar gottselige Gruppen zu schwimmen, deren machtvoller Lobgesang die Herzen der gläubigen Waller um mich sichtlich erschütterte. Als ich aber jenseits der Passargebrücke, schon nicht mehr allzufern vom heiligen Orte, einen rechts am Wege belegenen Hügel bestieg, da hatte ich vor mir das lebensvolle Bild einer wahren Völkerwanderung. Alle Wege zum Wunderorte waren ununterbrochene Menschenströme und unzählig die Menge, welche Dorf und Umgebung schon weithin bedeckte. So zogen wohl einstens die Juden jährlich aus gen Jerusalem, ihr großes Fest der Flucht aus Aegypten, das Passah, zu feiern. Freilich war das alte Passah nur ein pures historisches Erinnerungs- und allenfalls Dankfest der Juden und schon kaum mit einem christlichen Feste überhaupt, geschweige mit der heutigen so verheißungsvollen Erscheinungsfeier zu vergleichen. Denn heute kommt ja die hohe Himmelskönigin selber daher, steigt in hingebender Selbstverleugnung auf den unbequemen Ahorn und dictirt von diesem unscheinbaren Thronsitze herab durch zweier unschuldiger Kinder Mund dem Herrn Pfarrer Weichsel die allerneuesten und wichtigsten göttlichen Regierungsabsichten direct in die Stahlfeder. Wahrlich, ein christliches Fest von erhabenster Bedeutung, voll unbemessener Inbrunst und staunenswerthester Wunder!

Im Wiederanschluß an meinen lebendigen Strom gelangte ich langsam in die Nähe des Dorfes, noch langsamer hinein und endlich sogar bis an eine freundlich einladende Schankbude, wo ich, die frommen Pilgerreihen verlassend, bei einem Glase „Osteroder Bairisch“ die heiß begehrte Erquickung fand.

Die hier bereits angesiedelte Gesellschaft, anscheinend beamtete Städter und ländliche Besitzer, war sichtlich bemüht, die göttliche Erscheinung des Tages nicht von ihrer hohen, übernatürlichen Bedeutung, sondern mehr von dem lockern Standpunkte einer weltlich-fröhlichen Herbstbelustigung aus zu würdigen. Vornehmlich war es ein wohlbeleibter, katholischer Herr, welcher mit einer der erhabenen Tagesfeier offenbar feindlichen Kritik seine spottfreudigen Biergenossen unerschöpflich belustigte. So betitelte dieser wohl freimaurerische und schlimme Mann das heutige Offenbarungsfest „einen lustigen Civilisationsscherz“, die hehren und göttlichen Baumerscheinungen „lucrative Gauklervorstellungen“, jene frommen, die göttlichen Offenbarungen so getreulich aufzeichnenden Priester sogar „Mogelcollegen“, und die aufgestellten großen Opferbüchsen „große Gründertaschen“. Auch das heute doch so glückselige Volk verspottete er als „stumpfsinnig“, nannte es „betrogen, mißleitet, ein Spielzeug der Habsucht und Gleißnerei“, [30] Doch es war ein Uhr und das Festprogramm versprach auf diese Stunde die zweite Tageserscheinung. So erhob ich mich denn und watete langsam im fußhohen Schlamm den himmlischen Ueberraschungen entgegen.

Der seit Kurzem für die ganze päpstliche Welt so interessante heilige Ahorn von Dietrichswalde befindet sich nebst der Kirche und dem Pfarrhause innerhalb einer Umzäunung auf dem Scheitel einer mäßigen Anhöhe, die im Westen und Süden von der breiten Dorfstraße begrenzt wird. Kirchhof, Bergböschung und Straße fand ich schwarz bedeckt mit erwartungsseligen Menschen, deren überaus anspruchsloses religiöses Gefühl meist eine bloße kirchliche Ceremonie schon befriedigt, deren fromme Einbildungskraft die bunte Welt der guten und bösen Geister, der glücklichen Seligen und der vielvermögenden Heiligen so schön bevölkert und deren im Glauben gebeizter, vornehmster Gedankenniederschlag ein nächster Ablaß ist mit seiner bewährten Garantie der himmlischen Wonnen und seinen so züchtigen irdischen Freuden. –

Eine gewaltige Aufregung pochte sichtlich an die Herzen all dieser Tausende von Menschen. Man trug soeben einen bleichen, kranken Mann zur Wunderstätte, und es gelang mir, hinter diesem Leidenszuge bis an die Umzäunung vorzudringen. Hier hatte ich nun in geringer Entfernung vor mir den so hoch begnadeten Baum, den Gegenstand des Wohlgefallens der heiligsten Jungfrau und Mutter, dieser jetzt einzigsten Verkehrsvermittlerin zwischen Himmel und Erde. Von ganz unscheinbarem, sogar etwas dürftigem Aeußeren gabelt er sich bei etwa zweieinhalb bis drei Meter Höhe in zwei lange, spierige Aeste, welche eine nur spärliche Krone tragen. Die Stelle, wo die Gebenedeite im einfachen, himmelblauen Kleide ihren erhabenen Verkündigungssitz einnimmt, ist mit Kränzen verziert und ein kleines, quadratisches Staket, mit vielen Lappen, Flaschen und Bildern, wohl zum Zwecke der Heiligung dieser Gegenstände, fromm behängt, sichert ihn gegen etwaige reliquiensüchtige Beschädigung. Die gläubige Menge bestand dreiviertel aus dem zarteren Menschengefüge, aus frommen Frauen. Die schon ausgebildeten wahrhaft Heiligen waren vorn am Wunderbaume, die von erst geringerer kirchlicher Zucht mehr zurück und die Männer bescheiden am Zaune gruppirt. Alles aber knieete oder lag gar in Kreuzesform starr auf der schlammigen Erde.

Da trat feierlich aus der weit geöffneten Pfarrhausthür eine hochwürdige Schaar päpstlicher Priester, zwei festlich geschmückte, der Muttergottes ansichtig gewordene Mägdlein geleitend, und knieete gottselig nieder mit den Kindern im Angesichte des heiligen Wunderbaumes. Alle die Tausende aber richteten in Scheu und Furcht ihr Antlitz zum göttlichen Sitze empor, während die feierlichste Stille diesen weihevollen Augenblick beherrschte. – Nach nur kurzer Zeit erhoben sich voller Geheimnisse wieder die Kinder, wurden von den geistlichen Herren bei den Händen erfaßt und unter heiligen Gebräuchen in das Pfarrhaus zurückgeleitet. Das im Innersten durchbebte Volk aber schluchzte und weinte in der Freude seines empfundenen Heilglückes und erhob einen jubelnden Lobgesang, welcher nur von dem Klingen und Klappern der vielumdrängten Opferbüchsen noch übertönt wurde. Das war die zweite Wundererscheinung dieses heiligen Offenbarungstages.

Welche göttlichen Kundgebungen aber die frommen Priester von den auserkorenen Mägdlein erforschten, das verkündeten dann nach einigen Tagen die frommen Caplanzeitungen mit weihevollen Worten. So hatte es sich diesmal um zwei für das Christenthum überaus wichtige Fragen gehandelt: ob nämlich das in der Dietrichswalder Kirche vorhandene Bild einer schwarzen Muttergottes wohl wunderthätige Kraft besitze, und ob auch dieselbe göttliche Eigenschaft einem Quellwasser beiwohne, welches dem dortigen Pfarrlande entspringt. Beides wurde in gnädigster und leutseligster Weise bejaht. Ebenso zufriedenstellend soll die Beantwortung der gleichfalls durch die Kinder vermittelten Fragen einzelner Frommen hinsichtlich der Krankheiten ihrer Schweine, Ziegen, Hühner etc. ausgefallen sein, sodaß an diesem gesegneten Tage ein glänzendes Offenbarungsresultat erzielt und die Beschwerden und Kosten der weiten Reisen wohl reichlich aufgewogen wurden.

Auch geschah ein großes Zeichen und Wunder zwar nicht an einem der vielen Kranken und Krüppel, wohl aber an einem der wichtigsten und nothwendigsten Bekleidungsstücke eines geweihten Priesters. Denn als der fromme Pfarrer Bieber[1] aus Pronikau nach heißem, inbrünstigem Gebete vor dem heiligen Baume sich vom Knieen aus dem tiefen Schmutze erhob, da hatte die Hochgelobte in höchst schmeichelhafter Sorge um seine so keusche und unschuldsvolle Priesterhose diese vor Befleckung gänzlich bewahrt. Wahrlich, ein Zweig des göttlichen Wunderschaffens von der verhängnißvollsten Bedeutung!

Während nun die frommen Priester die so wichtigen Offenbarungen und das schöne Wunder niederschrieben und begeistert von all dieser Gnade den Antrag um einen päpstlichen Ablaßbrief für den gottgefälligen Ahornbaum entwarfen, gewann das Treiben an der Kirchbergsböschung und auf der Dorfstraße wieder ein mehr weltliches Gepräge. Zwar blieb der Kirchhof auch außer den auf sieben Uhr Morgens, ein Uhr Mittags und sieben Uhr Abends feststehenden Erscheinungen mit wechselnden Andächtigen gefüllt und die heiligen Gebräuche nahmen ununterbrochen den ganzen Tag ihren Fortgang, doch außerhalb der Umwährung kam wieder mehr das rein menschliche Bedürfniß vor dem seelischen zur Geltung. Im Weggehen von der heiligen Stätte vernahm ich noch das plattdeutsche Zwiegespräch zweier halbwüchsigen ermeländischen Bauernjungen über den Erscheinungsvorgang:

     „Hest Du sei seihn, Josepp, de heilig Jungfru?“

     „Nee, ’t was all vorbi, as ick ankamm.“

     „Wur mag sei eintlich up dem Bohm sitten?“

     „Je, dor wur de Kräns’ hängen dauhn!“

     „Na, wenn sei dorhen ruppeklawwern (hinaufklettern) deiht, ward sei sick ok scharp (sehr) fasthollen möten.“

Die Verkaufsbuden machten gewiß ein glänzendes Geschäft, schienen aber auch auf’s Reichhaltigste und Beste ausgerüstet zu sein. Da war die Muttergottes in Bildern mit und ohne Glas, auf Leder, Zeugen und Papier, sie war vorhanden in Metall, Gyps und Holz, aus Guttapercha, Pfefferkuchen und Seife. Der letzte Artikel – „aus Seife“ – ging am schlechtesten, wohl weil die frommen Pilger heute größtentheils Polen waren. Neben den Heiligenbildern waren Perlenschnüre mit Kreuzen oder Amuletten aus den verschiedensten Grundstoffen, Crucifixe, Lämmer Gottes und Gebetbücher die gangbarsten Handelsartikel. Die deutsche Sprache, worin letztere geschrieben waren, galt bei den Polen als weiter kein erhebliches Ankaufshinderniß, insofern sie des Lesens überhaupt unkundig sind. Eine ältliche Frau hatte ihren Hals schon mittelst vier Ketten mit Kreuzen und Marienmedaillen geschmückt, sodaß sie klapperte wie ein Frachtpferd. Hier traf ich auch aus meinem Heimathsorte unsern sogenannten „Herrgottshändler“. Wenn schon dem Manne, als orthodoxem Juden, sein ganzer Kram gewiß ein Gräuel war, so schien dieser Affect doch seine Stimmung nicht zu trüben, worauf wohl „ein gutes Geschäft“, wie er mir mit vergnügtem Augenblinken zuraunte, nicht ohne Einfluß sein mochte.

In den Häusern, Scheunen, Buden und auf den Straßen war überall Schmutz und ein brausendes Leben. Hier kamen, dort gingen fortwährend fromme Wallfahrtszüge, zumeist unter Gesängen und kirchlichem Gepränge. Daneben hatte man freilich auch in den bekannten lebhaften Wallfahrtsfarben die wechselvollen Bilder der erlösungsbedürftigen Menschennatur und des den Himmel ererbenden Stumpfsinns. Der menschlichen Vernunft aber macht es gewiß alle Ehre, trotz der feindlichen Maßregeln des Zweifels, des Unglaubens und der Teufelsmacht doch auch in den Offenbarungen zu Dietrichswalde die ewigen, wahrhaft beseligenden Heilswahrheiten richtig zu erkennen und daran zu glauben.

Eine Stunde etwa verweilte ich noch an der heiligen Stätte dieser schönen Gottseligkeit; dann sehnte ich mich aus diesem Sumpfe hinweg, gewann ein Fuhrwerk und kehrte zum Bahnhofe zurück.

R. K.
  1. Hat es auch selbst in der „Germania“ erzählt.