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Beethovens Mondscheinsonate

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Textdaten
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Titel: Beethovens Mondscheinsonate
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 409, 428
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[409]

Die Entstehung von Beethovens „Mondschein-Sonate“.
Nach dem Gemälde von L. Vogel.

[428] Beethovens Mondscheinsonate. (Zu dem Bilde S. 409.) Weite Spaziergänge gehörten zu Beethovens Lebensgewohnheiten. Meistens einsam, seltener in Begleitung eines Freundes durchstreifte er Wald und Flur, nachdem er mit heftigen raschen Schritten der Stadt und ihrem Straßenlärm entflohen. Einst erging er sich mit seinem Jugendfreunde und Kapellgenossen Romberg in der Umgebung seiner Vaterstadt Bonn. Es war später Abend geworden, als die beiden auf dem Heimwege an dem Hause eines Schiffsbildhauers vorüberkamen. Musik klang aus den offen stehenden Fenstern. Beethoven blieb stehen und lauschte: die Weisen waren ihm wohlbekannt … es waren seine eigenen … Ein Blick ins Innere des Zimmers zeigte den jungen Musikern ein rührendes Bild: ein schönes Mädchen saß am Klavier und meisterte mit zarten Fingern die Saiten; ihre ganze Gestalt lebte in den Tönen, nur ihre Augen blieben starr und schienen ins Leere zu schauen … das Mädchen, die Tochter des Schiffsbildhauers, war blind. Den Reiz der Außenwelt zu genießen, vermochte sie nicht, um so inniger hatte sie sich dem Zauber der Tonkunst ergeben … Nachdem die Freunde eine Weile gehorcht, machte Beethoven ein Zeichen, einzutreten, und ging voran ins Haus. Als sie die einfache von keinem andern als dem Lichte des aufgehenden Mondes erhellte Stube betraten, sahen sie, daß die schöne Spielerin ein kleines Publikum hatte, ihre alten Eltern, die mit Andacht den Offenbarungen einer wundersam beseelten Kunst lauschten. Das Mädchen unterbrach sich, als es den Tritt der Männer hörte … und ging gar vom Flügel weg, als der eine derselben, der träumerisch blickende Beethoven, sich erbot, etwas vorzutragen. Der junge Meister begann zu spielen, immer kühner und kühner wurde seine Phantasie, immer weiter verlor er sich in jene fernen Regionen, wohin erst eine späte Nachwelt einem Genie zu folgen vermag. Als er sich nach längerer Zeit erhob und ohne Abschied von seinen begeisterten Zuhörern das Zimmer verließ, um seinen heißen Kopf in der erquickenden Nachtluft zu kühlen, hatte er die Themen seiner „Mondschein-Sonate“ gefunden … So die Legende.

Unser Bild stellt die Scene in ergreifender Weise dar: im Mittelpunkte der durch seine eigenen Gedanken weltentrückte Meister – sein Kopf ist äußerst porträtähnlich nach der Kleinschen Maske aus dem Jahre 1812 gezeichnet – am untern Ende des Klaviers Romberg, der sein Haupt auf die Hand stützt; neben diesem der alte Schiffsbildhauer, tief in Zuhören versunken. Dicht am Flügel steht, wie eine Erscheinung, die Gestalt des schönen Mädchens; hinter dem Stuhle, auf dem Beethoven sitzt, die alte Mutter, die mit scheuer Bewunderung das Unerhörte miterlebt … jeder der Zuhörer in anderer Weise ergriffen, aber jeder unterthan der überwältigenden Macht der Musik! –b.–