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Babeli

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Textdaten
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Autor: L. R.
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Titel: Babeli
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 177-180
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[177]
Babeli.
Ein Bild aus Pestalozzi’s Knabenzeit von L. R.


Durch alle Länder deutscher Sprache geht in dankbarer Erinnerung der Name „Pestalozzi“. Millionen sind es, welche Pestalozzi’s Größe erkennen, und wenn sie auch nicht alle in die Tiefen seines Geistes und seines Werkes blickten, so wissen sie doch, daß er der Schöpfer einer neuen, naturgemäßen Bildungsbahn wurde.

Der ideale Mittelpunkt aller gedeihlichen Jugenbildung war für Pestalozzi die Wohnstube.

Wüßten wir auch sonst nichts von dem Manne, lieb würde er uns schon durch die Aussprüche werden, welche er in dieser Beziehung that. Nur einige davon wollen wir hören. Das ist um so nöthiger, da wir heute in seine eigene Wohnstube einen Einblick halten, ihn als Knaben im Hause seiner Eltern sehen werden.

„Wie die Krippe,“ so sagt Pestalozzi in seinen späteren Schriften, „wie die Krippe, in welcher der arme Heiland lag, erschien mir die Wohnstube des Volkes als die Krippe, von der aus das Göttliche und Heilige sich entfalten, keimen und reifen soll.“

„Im Heiligthume der Wohnstube wird das Gleichgewicht der menschlichen Kräfte in ihrer Entfaltung gleichsam von der Natur selbst eingelenkt, gehandhabt und gesichert.“

„In der Wohnstube des Menschen vereinigt sich Alles, was ich für das Volk und den Armen als das Höchste und Heiligste achte. Das Heil der Wohnstube ist es, was dem Volke allein zu helfen vermag, und das Erste, dessen Besorgung für dasselbe noththut. Von ihr allein geht die Wahrheit, die Kraft und der Segen der Volkscultur aus. Auf sie muß die Menschenfreundlichkeit unseres Geschlechtes einwirken, wenn sie nicht den Schein seines Wohles, sondern sein wirkliches Wesen bezweckt, wenn sie der Armuth in ihren Quellen vorbeugen und die Masse der Armen zur sittlichen, geistigen und häuslichen Selbstkraft erheben will, ohne die eine allgemeine Rettung von Volksarmuth, Volkselend und Volksverderben eben so wenig denkbar ist, als eine wahre National- und Volkscultur selbst.“

„Der einzig sichere Boden, auf dem wir der Volksbildung und Armenhülfe halber zu stehen suchen müssen, ist das Vater- und Mutterherz, das durch die Unschuld, Kraft und Wahrheit seiner Liebe Glauben und Liebe in den Kindern entzündet und so alle Leibes- und Seelenkräfte derselben zum Gehorsam in der Liebe und zur Thätigkeit im Gehorsam vereinigt.“

„Dem Herzen der Mutter muß es durch die helfende Kunst möglich gemacht werden, das, was sie beim Unmündigen durch Naturtrieb genöthigt thut, beim Anwachsenden mit weiser Freiheit fortzusetzen.“

„Wie wohl wird es mir in meinem Grabe sein, wenn ich es dahin gebracht, Natur und Kunst im Volksunterrichte so innig zu vereinigen, als sie jetzt in demselben gewaltsam getrennt, ja entzweit sind!“

Dies Wenige nur von dem Vielen, was er in dieser Beziehung sagt und wo er fast immer an die Wohnstube anknüpft. Wer sein Volk liebt, muß ja auch die Wohnstube kennen.

Und Pestalozzi liebte sein Volk. Gerade in der Wohnstube, gerade durch die ersten Jugendeindrücke war diese Liebe in ihm genährt worden, so gesund und frisch genährt, daß dieselbe späterhin ein unwiderruflicher Trieb, eine gewaltige Willen straft in ihm wurde. Sein armes, verachtetes Volk wollte er retten, retten durch die Erziehung, durch Bildung zu einer freien, wahrhaften Menschlichkeit.

Wo anders sollte er da auch lernen, als in der Wohnstube? Wo hinein anders blicken, als in das häusliche Leben? Nicht leugnen konnte er ja, daß das Volk sittlich, geistig und körperlich tief gesunken war. Nur in der Wohnstubenweisheit und in der Wohnstubenkraft erkannte er die Mittel zur Rettung, und klar war es ihm, wie nur von ihnen aus das Glück des Volkes sich erheben könne. Immer blickte er dabei zurück auf die Jahre seiner eigenen Kindheit, auf seine Eltern, auf die Wohnstube. Wie grüne Bäume ragten hier die Elemente naturgemäßer Erziehung ihm empor in der Sandwüste seiner Gegenwart. Die Liebe, die einst dort in sein Herz zog, das stille, göttliche Leben, das dort sich in ihm eingewurzelt hatte, begleitete ihn durch sein ganzes Streben und Thun. „Nicht das Buch, nicht Reihenfolgen von Elementarübungen, nein, das Leben, das von ihm ausströmte, bildete das Leben seiner Kinder; der Geist, der ihm aus Blick und Worten quoll, weckte ihren schlummernden Geist, die Hingebung und Treue, mit der er sie besorgte, öffnete ihr verschlossenes Herz und machte es für Opfer der Selbstüberwindung fähig. Er selbst mit seinem Vatersinn und seiner Muttertreue war die Methode.“

War aber sein Thun und Streben ununterbrochen darauf gerichtet, die einst empfangenen Segnungen der Wohnstube zu Segnungen seiner Schulstube zu machen und den Geist der Häuslichkeit in das öffentliche Erziehungshaus zu pflanzen, so werden wir es kaum bereuen, an die Schwelle des Elternhauses zu treten, wo der kleine Pestalozzi diesen Geist einst einsog.



„Gehe nur immer hin, Babeli, ich werde schon kommen, werde Deiner Mutter schon helfen!“ rief der Arzt Pestalozzi, seine Pfeife rauchend, zum Fenster heraus.

[178] „Wenn Ihr wolltet das Wägli nehmen, würde es rascher gehen, Herr Doctor,“ antwortete treuherzig ein blühendes Schweizermädchen von unten hinauf, „mein gut Mütterli hat den Augenschmerz doch so sturm und klagt so arg!“

„Gewiß, Babeli, ich komme sofort,“ versicherte der Arzt.

„Wollt also nicht lange mehr tubaken?“ fragte sie lächelnd und doch besorgt, „und wollt auch das Wägli nehmen?“

„Fahren werde ich nicht, aber reiten will ich, und das bald, Babeli,“ versprach Jener und blies die Tabakswolken in die Luft, während er mit Wohlgefallen das treue Mädchen betrachtete.

„Soll ich Euer Rößli satteln, Herr Doctor?“ fuhr Babeli drängend fort, „wenn nicht Mannenvolk im Haus ist, will ich’s thun; ich weiß, wie es Brauch ist bei den Rossen.“

„Siehst Du nun, daß ich sogleich kommen werde?“ entgegnete der Arzt, indem er den Pfeifenkopf ausklopfte und sich dann vom Fenster zurückzog.

Babeli nickte und lächelte ihm dankbar zu, eilte noch in die Apotheke und dann zur Stadt hinaus. Bald hatte sie Zürich hinter sich.

Reich sah es im Elternhause Pestalozzi’s nicht aus. Der Vater war Arzt, vorzüglich Augenarzt, und verdiente doch kaum, was er für die Familie brauchte. Aber in der Wohnstube sah es reinlich und blank aus. Der kleine Heinrich spielte mit seiner jüngeren Schwester zu den Füßen der hübschen, freundlichen Mutter. Zart sah er aus und schwächlich. Sein Bruder, der kräftiger war, hatte jetzt Medicin zu einem Kranken getragen. Dieser zählte einige Jahre mehr, als der kleine Heinrich, und der Letztere war jetzt fünf Jahre alt.

„Laß mich reiten, Väterli,“ sagte der Knabe mit fast kränklichem Tone, als der Arzt Pestalozzi ein Paar ziemlich unstattliche, eiserne Sporen anschnallte.

„Wenn ich wiederkomme, mein Bürschli,“ antwortete sanft der Vater, „jetzt muß ich schnell zu einer armen Frau, mein Heinrich.“

„Der thun die Aeugli weh?“ fragten die Kinder.

„Weh, sehr weh,“ entgegnete mitleidig die Mutter und strich den beiden Kindern mit liebender Hand über das Haar, indem sie die Arbeit bei Seite schob und nach der Thüre eilte.

„Mütterli, ich gehe mit in den Stall,“ sprach der kleine Heinrich und faßte die Hand der Mutter.

„Und ich trete an’s Fenster, wenn Väterli fortreitet,“ erklärte seine Schwester.

„Kannst Du mit den Kindern nicht in’s Freie?“ fragte der Mann seine Frau. „Doch ich sehe ja,“ setzte er sanft und bedauernd sogleich hinzu, „daß Du zu viel zu thun hast, und wie es daher auch heute nicht geht. Könnten wir nur ein Dienstmädchen halten!“

„Ach ja, das wäre wohl gut,“ versetzte lächelnd die Mutter, indem sie mit ihrem Manne und dem kleinen Heinrich die Treppe hinabging; „nicht für die Kinder möchte ich das Mädchen, denn die versorge ich am liebsten selbst, – aber zur Unterstützung und zum Rüsten in dem Hausgewese, da wäre uns ein Mädchen schier gut.“

„Es gibt auch solche, denen man getrost die Kinder anvertrauen kann,“ belehrte der Vater; „hätten wir z. B. die Babeli.“

„Ja, die Babeli, die Babeli!“ rief mit Wärme die Mutter. „Eine Babeli gibt’s doch nicht zum zweiten Male und die eine Babeli können wir ja doch nicht in Dienst bekommen.“

Unter diesem Gespräche waren sie in den Stall gelangt. Die Mutter half satteln und aufzäumen, und als der Rappe fertig stand und auch der Huf geschwärzt war, setzte der Vater den kleinen Heinrich auf das große schwarze Thier und führte es durch die Hausthür hinaus auf die Gasse. Dort hob er den Kleinen herab und schwang sich selbst in den Sattel. Im langsamen Schritte ritt er hinweg. Mutter und Kinder grüßten und winkten dem Reiter nach, als ginge er auf viele Wochen lang fort, und auch der Reiter schaute oft und grüßend rückwärts, Vor dem Thore endlich, als der Reiter ein kurzes Pfeiflein aus der Tasche gezogen und in Brand gesteckt hatte, nahm der Rappe einen schnelleren Schritt an.


Zwei Monate sind seitdem vergangen. Der Augenarzt Pestalozzi hat den Weg sehr oft in eins der einzeln stehenden Häuser gemacht, welche hinter dem Dorfe Höngg liegen, etwa eine gute Stunde von Zürich. Das Dorf breitet sich an den lieblichen, mit Weinbergen bepflanzten Abhängen hin, welche die reizenden Ufer des See’s begrenzen. Hier in dem friedlichen Dorfe Höngg lebt ein Großvater des kleinen Heinrich von mütterlicher Seite, und derselbe ist Ortspfarrer, ist geliebt als tüchtiger Hirt und Mensch. Wir können uns jetzt nicht bei ihm verweilen, sondern kehren zu seinem Schwiegersohne, dem Arzte, zurück.

Nicht bei dem gemüthlichen Pfarrer befindet sich dieser, sondern vor einem jener einzeln gelegenen Häuser. Und neben ihm steht die blühende Babeli und löst die Zügel des Pferdes, womit dasselbe an den Griff der Hausthüre angebunden war.

„Nun brauche ich nicht wiederzukommen, Alles gut nun, Babeli,“ sagte der Arzt Pestalozzi.

„Aber ich werde kommen, ich!“ antwortete freudig gerührt und mit leuchtendem Angesichte das Mädchen, „ich werde Euch, Herr Doctor, Euer Frauli und Euere Kinder besuchen jeden Sonntag und werde fragen, ob’s etwas zu schaffen gibt in Euerm Hausgewese. – Was Ihr auch sinnt und was Ihr auch denken möget,“ fuhr Babeli fort, als der Arzt schweigend und wie nachsinnend vor sich hinblickte, „glaubet nur nicht etwa, daß ich damit das Geld ersparen will. O, ich werd’ Euch Batzen, Kreuzer und Kronen bringen, die ich gesammelt hab’ und die oben liegen in der Truhe auf meinem Stübli! Saget nur, lieber Herr Doctor, was mein Mütterli schuldig ist. Aber kann man solche Gnad’ mit Kreuzern und Kronen bezahlen? Bei dem Herrgott muß man’s dadurch in’s Gleiche bringen, daß man nicht wüst lebt, sondern rechtschaffen, und den Menschen muß man Liebesdienst’ erweisen. Und das will ich, Herr Doctor, will Euch nicht nur bezahlen mit Geld, sondern auch mit Liebesdienst, will des Sonntags kommen zu jedem Geläuf’ und Werk für Euer Frauli und Euere Kinder. Habt Ihr doch meinem Mütterli das Augenlicht gerettet, Herr Doctor! Würde Mütterli doch blind sein, wenn Ihr nicht gekommen wäret einen Tag um den andern zwei Monate lang! Durch Euch hat der Herrgott geholfen! Wie sollt’ ich Euerm Hausgewese nicht Liebesdienst erweisen? – Ich will’s, ich will’s!“ setzte sie freudig und laut hinzu, „und ich weiß, daß Euerm Frauli gedient ist damit!“

Noch immer schwieg der Arzt Pestalozzi. Babeli ahnte nicht, wie wohlthuend ihn ihr Anerbieten bewegte.

„Und Kronen und Kreuzer bezahle ich Euch heute noch oder morgen.“ sprach Babeli weiter, „saget mir nur, was wir schuldig sind, Herr Doctor!“

Der Arzt spielte noch eine Weile sinnend mit dem Zügel seines Pferdes, und dann antwortete er halblaut:

„Deine Mutter ist mir nichts schuldig, Babeli, ich habe sie umsonst curirt. Aber Dich würden wir bezahlen, Dich, Babeli, – freilich nur mäßig –“

„Mich bezahlen?“ fiel Babeli ein, „Wäre es dann noch Liebesdienst, wenn ich Sonntags zu Euch käme? Und bin ich etwa in Höngg oder Zürich als geizig verbrüllt, daß Ihr so wüst Euch ausdrückt mit dem Bezahlen?“ fragte sie lächelnd. „Lieber Herr Doctor, ich bin froh, daß ich das Geld, welches ich verdient, niemals verleichtsinnigt hab’, aber geizig bin ich nicht. Also machet nur Rechnung, damit wir wissen, was wir schuldig.“

„Nichts schuldig, nichts,“ erklärte Pestalozzi wie schüchtern, „aber wenn wir so einen Dienstboten hätten, Babeli, - einen, wie Du bist, Babeli! wenn es ginge, daß Du zu uns zögest, – das würde gar gut sein für meine Frau und Kinder!“

Babeli griff nachdenkend in die Mähne des Pferdes. So stand sie eine Weile und schwieg, Pestalozzi fühlte sich verlegen, fast bereute er seine gesprochenen Worte.

Da aber erhob Babeli ihr schönes, schwarzhaariges Haupt. Wie Sonnenglanz strich ein dankvolles Lächeln über ihr blühendes, frisches Angesicht, und entschieden rief sie aus:

„Wer könnte darüber aufbegehren?! Mütterli wird nicht Gegenred’ haben und, Gotthard wird nicht sturm sein darüber! Wartet, Herr Doctor, ich will hinauf erst in’s Stübli!“

Mit diesen Worten eilte sie hinauf zur Mutter. Diese kam mit herab und erklärte, dankbar die Hand des Arztes fassend, ihre Einwilligung. Nach wenigen Minuten war Alles besprochen und abgemacht. Froh und heiter, wie er es seit lange nicht gewesen, wollte sich der Arzt auf den Rappen setzen.

„Noch nicht,“ bat Babeli, „denn es geht die Sach’ nicht allein über mich und Mütterli aus, auch, auch –“ setzte sie schüchtern hinzu, „auch Gotthard muß wissen davon.“

„Geh zu ihm,“ sprach die Mutter, „auch er wird nicht aufbegehrisch sein.“

[179] Babeli nickte. Dann schlug sie die Augen nieder und fragte leise: „Wollt Ihr mit zu ihm gehen, Herr Doctor?“

Da nickte still auch der Doctor. Er führte sein Pferd am Zügel und ging mit Babeli in das Dorf.

„Er ist brav,“ sprach leise Babeli, indem sie an der Seite ihres künftigen Herrn schritt, „er besitzt auch etliche Jucharten Land und ein Häusli, aber daß er ein gut Herz in sich hat, gilt noch höher; dort, dort!“ rief sie plötzlich laut, „dort am Zaune!“

Am Zaune seines Häusels stand Gotthard in Hemdärmeln. Babeli grüßte, gab ihm die Hand und erzählte. Nach wenigen Minuten wußte Gotthard Alles.

„Wenn es so steht,“ meinte er, „dann hast Du meine Zustimme, Babeli. Zum Glück ist’s nicht allzu weit nach Zürich, und ich komm’ jede Woch’ ein Mal, wenn’s der Herr Doctor permittiren will,“ wendete er sich an diesen.

„Ihr kommet ja in Ehren,“ antwortete Pestalozzi lächelnd.

„Du bist kein Hudel,“ sprach leise Babeli, „das weiß ich wohl, Gottard. Aber das ist nicht genug. Du mußt nun auch bedenken, wo ich bin. Wenn die Kinder da sind, darfst Du mir keinen Kuß geben, mußt Deine Kapp’ vom Kopfe nehmen, mußt nicht zärtlich thun, nicht ein Gered’ machen von Liebe, auch sonst nicht schwätzen, was unschön ist oder anstößig. Weißt Du, wie ich’s meine, Gotthard?“ –

„Weiß es,“ erklärte dieser.

„Und willst es thun?“ fragte so leise wie vorher Babeli.

„Will es, liebe Babeli,“ versprach Gotthard.

„So ist’s abgemacht, Herr Doctor, und nach acht Tagen ziehe ich in Euer Haus, und will Eure treue Magd sein,“ erklärte Babeli.

Der Arzt drückte Beiden die Hand. Bald trug der alle Rappe den glücklichen Vater nach Zürich.


Babeli ist eingezogen in das Haus des Arztes Pestalozzi. Die Truhe mit Wäsche und Kleidern hat Gotthard ihr hereingefahren auf dem Schubkarren. Wöchentlich einmal verläßt er Höngg, um seine Babeli zu sehen. Und wenn er sie sieht und spricht und die Kinder in ihrer Nähe sind, da nimmt er die Kappe vom Kopfe, gibt keinen Kuß, thut nicht zärtlich, schwatzt nicht, macht kein Gered’ von Liebe, sagt nicht etwas, das unschön wäre oder anstößig. Steht er aber ja einmal in Gefahr, sich zu vergessen, so weiß Babeli durch einen Blick, durch ein Wort ihn wirksam zu erinnern. Nur wenn er Abschied nimmt, und von der langen Woche spricht, die nun vergehen muß, ehe die Stunde des Wiedersehens schlägt, sucht sie ihm verstohlen die Hand zu drücken. Ist’s möglich, so schleicht sie ihm nach, und sieht es Niemand, so fällt sie ihm um den Hals, herzt und küßt ihn und spricht:

„Behüti Gott und werd’ kein Hudel!“

Dann eilt sie zurück in die Wirtschaft oder zu den Kindern. Zu den letzteren fast immer, und immer auch am liebsten. Mit ihnen spricht sie, mit ihnen singt und betet sie, mit ihnen springt sie im Grase herum, oder baut im Sande, oder geht weit hinaus mit ihnen in den Wald, auf die Wiesen, an den See. Des kleinen, schwächlichen Heinrich nimmt sie ganz besonders sich an. Klagt er unterwegs über Hunger und Durst, so erzählt sie ihm von einem Knaben, der im Walde sich verirrte, und einen ganzen Tag lang muthig Hunger und Durst ertrug. Wird Heinrich müde, dann nimmt sie ihn auf ihren Rücken, trägt ihn aber nicht länger, als dies nöthig erscheint und sie sich sagen darf, daß er wieder laufen könne. Haben die kleinen Wanderer ein weiteres Ziel erreicht, dann theilt Babeli Obst aus oder sie schafft Milch herbei. Sie erzählt von den Kühen im Stalle, von den Thieren im Walde, von den Vögeln in der Luft, von guten und garstigen Kindern in der Wohnstube und in der Schule. Vor allen gefällt das besonders dem kleinen Heinrich. Er sitzt an Babeli’s Seite oder auf ihrem Schooße, und blickt still in ihre Augen. Babeli bemerkt, wie trotz seines stillen Verhaltens der Dank in ihm doch weit wärmer sich regt, als in seinen beiden Geschwistern, und wie trotz seines linkischen, unpraktischen Wesens ein reicher, verheißungsvoller Kern in ihm liegen möge, welcher einst wohl treiben und sich entwickeln werde. – Das spricht Babeli auch daheim öfters gegen die Eltern aus. Diese geben ihr darin Recht, und freuen sich des Mädchens und seiner Art und Weise gar sehr.

So hatte sich für Eltern und Kinder durch Babeli ein kleiner Himmel erbaut. Mit stillen Sternen spannte er sich aus über die Wohnstube, über die Schlafkammer, über Küche, Pferdestall und Spielplätze. Ueberall waltete das sinnige Mädchen mit Herz und Hand für die Herrschaft und für die Kinder in unermüdeter Treue. Von ihrer äußeren Schöne schien Babeli so wenig zu wissen, wie von ihrem innern Werthe. Unbewußt bauete sie den Himmel, unbewußt leuchtete sie an ihm, – da plötzlich aber trübte sich derselbe.


Einige Monate erst befindet sich Babeli in Diensten. Da kommt in sturmvoller Nacht ihr Herr einmal heimgeritten von seiner ärztlichen Praxis. Heute steigt er krank vom Pferde. Babeli hat gewartet. Sie kocht nun Thee, sie wärmt das Bett aus, sie tritt leise auf, damit die Herrin nicht gestört wird im Schlafe. Dabei tröstet sie den krank Heimgekehrten und meint, es werde durch einen guten Schlaf die Natur sich helfen und morgen Alles gut sein.

Aber der Kranke schlief nicht, die ganze lange Nacht hindurch nicht. Babeli kam und sah nach von Viertelstunde zu Viertelstunde. Und nicht nur zu dem Kranken, auch an das Bette der Herrin und an die Betten der Kinder schlich sie jedesmal auf den Zehen. Nichts sollte die Schlafenden stören. Sie allein wollte es erzwingen, daß am Morgen Alles wieder im Gleise sei ohne Beihülfe, ohne Sorge und Bekümmerniß der guten Herrin, ohne Störung der Kinder.

Der Morgen kam – die Krankheit war gewachsen. Sie wuchs fort von Stunde zu Stunde; noch immer, – von Tag zu Tag. Der kranke Arzt erkannte vollkommen seinen Zustand, wenigstens die Gefahr. Auch ein herbeigerufener College erkannte dies Alles.

Noch war der Kranke still. Nach einigen Tagen aber ließ er sein liebes Weib an das Bette treten. Er sprach nun, – dann tröstete er die Weinende.

„Schicke mir die Babeli herein,“ sprach er noch freundlich, nachdem er getröstet hatte.

Und Babeli trat hinein. Sie zog die Schuhe von ihren Füßen, leise ging sie an das Bette. Ob auch ihre Augen feucht glänzten, sie weinte doch nicht. Ein stilles, ergebenes Lächeln leuchtete aus ihrem Angesichte, eine höhere Ruhe umfloß ihre ganze blühende Gestalt. Sie neigte das schöne Haupt, sie legte sanft ihre Hände auf des Kranken Hände.

„Babeli,“ hob der Kranke an, „Babeli, verlasse meine Frau nicht. Wenn ich todt bin, so ist sie verloren, und meine Kinder kommen in harte fremde Hände. Ohne Deinen Beistand vermag sie es nicht, meine Kinder bei einander zu halten. Babeli, o wenn ich auf Dich bauen könnte, wenn ich wüßte, daß Du meine Frau nicht verlassen wolltest!“

Und tiefer noch neigte sich Babeli. Lächelnd blickte sie in seine Augen, und mit leiser Stimme, aber feierlich sprach sie:

„Ich verlasse Euer Frauli nicht, wenn Ihr sterbet! Ich bleibe bei der Wittwe bis in den Tod, wenn sie mich nöthig hat!“

Diese wenigen Worte nur sprach sie. Schnell erhob sie sich dann, rief die Frau und die Kinder herbei, wiederholte vor Allen ihr voriges Versprechen und blickte dabei still zum Himmel empor.

Es entstand unter Frau und Kindern ein leises Weinen.

„Nicht doch, nicht doch,“ mahnte lächelnd Babeli, „er braucht Freude.“

„Du hast sie mir gegeben, Babeli,“ antwortete der Kranke, „ich sterbe ruhig, sterbe in dieser Freude.“

Und empor hob Babeli den kleinen Heinrich mit den Worten:

„Die Freude muß sich verdoppeln. Eure Kinder sind all’ gut, werden all’ Euch Ehr’ bringen. Aber ich denk’, dieser hier am meisten! Er ist nicht schön von Gesicht, aber schön von Gemüth. Ich will’s ihm mit dem Frauli schon erhalten!“

Der Vater lächelte nach Frauli und den Kindern hin. Durch einen Blick dankte er noch der Babeli – dann wendete er sich, und schlief ruhig ein, um nicht wieder zu erwachen.

Babeli hat treu gehalten, was sie versprach.


So oft späterhin der große Erzieher und Menschenfreund Heinrich Pestalozzi von seinem Vater sprach, so oft er seiner Mutter gedachte und der Entbehrungen, unter welchen letztere mit aufopfernder Liebe ihn und seine Geschwister erzog, erwähnt er auch die Treue der Babeli. Sein ganzes Leben blieb ihm das Andenken an sie unvergeßlich.

Was ist aus ihr geworden? Hat sie sich noch verbunden mit Gotthard? Wo lebte sie, wie erging es ihr, war ihr das Schicksal günstig oder ungünstig? Wir wissen es nicht. Nirgends findet man Weiteres über ihr Leben, und Niemand wohl kennt das Grab der treuen sinnigen Magd.

[180] Setzen wir ihr einen Denkstein durch Pestalozzi’s eigene Worte.

„Ihr Wort“ – sagt er – „beruhigte meinen sterbenden Vater, sein Auge erheiterte sich, und mit diesem Trost im Herzen schied er. Sie hielt ihr Versprechen, und blieb bei meiner Mutter bis an ihren Tod. Sie half ihr ihre drei armen Waisen durchschleppen durch alle Noth und durch allen Drang der schwierigsten Verhältnisse, und zwar mit einer Ausdauer und zugleich mit einer Umsicht und Klugheit, die um so bewundernswürdiger ist, als sie eben erst aus einer armen Dorfhütte in die Stadt gezogen war. Aber sie war in derselben zu solcher Würde und Treue der Gesinnung erstarkt durch hohen, einfachen Glauben. So schwer auch immer die gewissenhafte Erfüllung ihres Versprechens war, so kam ihr doch nie der Gedanke in die Seele, daß sie aufhören dürfe oder aufhören wolle, dieses Versprechen ferner zu halten. Sie förderte auf alle Weise die äußerste Sparsamkeit, die unserer Mutter Lage gebot. Wo es aber Ehrenausgaben, Neujahrsgeschenke, Trinkgelder und dergleichen galt, da wurden solche – trotz aller Einschränkung – fast über das Vermögen sehr ehrenfest bestritten. Ich und meine Geschwister hatten immer sehr feine Sonntagskleider, aber wir durften sie nur wenig tragen und mußten sie, sobald wir heimkamen, wieder ablegen, damit sie recht lange als Sonntagskleider getragen werden konnten. Erwartete die Mutter einen Besuch, so wurde die einzige Stube, die wir hatten, mit aller Kunst, die uns möglich war, in eine Besuchsstube umgewandelt.“

Wie mächtig dies Alles auf die Seele des kleinen Heinrich einwirkte, läßt sich gar nicht verkennen. Sein ganzes späteres Leben zeugt davon.

In der Wohnstubenweisheit, in der Wohnstubenkraft suchte er hauptsächlich das Heil und die Erlösung, denn die Wohnstube aus seiner eigenen Kindheit stand ihm leuchtend vor dem Auge. Hatte er in derselben auch Noth und Armuth kennen gelernt, so fehlte es in ihr doch nicht an großer, aufopfernder Liebe. Ein erhebendes Bild der Treue war ihm aufgestellt in der Babeli, dem schlichten Mädchen aus niedrigem, armen Stande. Durch solchen Anblick, durch solch ein Zusammenleben erwuchs in dem Knaben der kräftige Keim zu jener Selbstüberwindung, die der Mann Pestalozzi in seinem späteren Leben so kernig und ehrenfest zeigt. Hier in der Wohnstube ahnte er zuerst die hohe Kraft, die in jeder Menschennatur liegt und aus ihr sich heben läßt, wenn eben die Wohnstube nicht verkrüppelt, nicht verunstaltet wird. Diese Ahnung wurde bald in ihm zur Erkenntniß, und die Erkenntniß führte ihn zu der Grundansicht, welche alle seine Bestrebungen leitete, als er dann auftrat als Erzieher und Bildner der Bettelkinder, sowie der Kinder der Großen und Reichen.